Lebkuchenliebe: Tag 7

Ein echter Scheißtag

Ella

Montag, 7. Dezember

Ich hasse Montage. Schon immer. Aber dieser hat das Potential, einer der beschissensten Montage meines Lebens zu werden.
Energisch presse ich meinen Daumen auf den verdammten Kaffeevollautomaten, als könnte die Maschine etwas dafür, dass dieser Tag einfach so kacke läuft. Denn jeder – wirklich jeder – Kunde, der heute Morgen unsere Bäckerei betritt, schenkt mir denselben mitleidig wissenden Blick, den ich bereits vor einem Jahr ertragen musste. Wenn es einen Wettbewerb gäbe, wer die bemitleidenswerteste Person in ganz Fichtenstein ist, ich hätte heute Morgen haushoch gewonnen.
Mit zuviel Schwung knalle ich Jens – 1,82 Meter groß, blond, 33 Jahre, zwei Kinder und ein Hund, Mechaniker und einen riesen Kredit, weil er das Haus seiner Großmutter renoviert – zwei Kaffee mit Milch vor die Nase.
»War’s das?« Okay, freundlich geht anders. Ich sollte an meinem Tonfall arbeiten.
»Nein. Danke, Ella!« Schnell greift er nach den Kaffee und flüchtet mit eingezogenem Kopf aus der Bäckerei. Wenn ich so weitermache, vergraule ich unsere Kundschaft noch ganz ohne Toms Hilfe.
Die Eingangstür klingelt. Frau Sander – 53 Jahre, Witwe, zwei Söhne, von denen einer ein verflucht heißer Rockstar ist und der andere leider ebenfalls jenseits meiner Reichweite. In ihrem Garten habe ich meine Unschuld verloren. An Tom.
»Guten Morgen«, flöte ich, wobei es eher nach einem Fagott als nach einer lieblichen Blockflöte klingt. Frau Sander hilft uns immer mal wieder in der Bäckerei, wenn meine Mutter oder ich nicht da sind. Sie hat auch geholfen, als ich in München bei einer Freundin war. Bevor Tom hier aufgetaucht ist.
Kann ich eigentlich auch an irgendwen anderen denken?
»Guten Morgen, Ella. Ich nehme drei Helle und ein Oma Frida Brot.«
Kommentarlos packe ich ihr die Sachen zusammen.
»Habt ihr schon die neue Ausgabe vom ›Wochenboten‹? Jannik meint, es gibt einen Bericht über das Ehemaligentreffen darin.«
»Ja. Dort auf der Bank.« Meine Miene versteinert, an meiner Wange pocht ein Muskel. Gedanklich zähle ich die Sekunden. Eins, zwei …
»Oh, was ein schönes Foto! Bist du das?« Unaufgefordert hält sie mir die Zeitung vor die Nase, dessen Titelseite ein riesiges buntes Foto schmückt. Es zeigt ein Pärchen auf einer nur wenig gefüllten Tanzfläche, bunte Lichter flimmern um es herum, während die beiden Personen eng umschlungen tanzen. Sie sehen sich an und selbst bei der miserablen Druckqualität erkennt man den verträumten Gesichtsausdruck, mit dem die Frau den Mann anschmachtet.
»Ja«, presse ich gequält heraus. Leugnen ist zwecklos, das auf dem Foto sind eindeutig Tom und ich.
Wie dieses Bild allerdings in den Wochenboten gekommen ist, erschließt sich mir nicht. Ich habe es nicht gemacht. Vermutlich hat es jemand direkt zur Redaktion geschickt. Sollte sich Nora noch ein einziges Mal in unsere Bäckerei trauen, kippe ich das Spülwasser vom Vortag in ihren Kaffee! Unweigerlich runzle ich die Stirn, denn mir fällt in diesem Moment erst auf, dass sie genau das noch nicht getan hat. Hier auftauchen. Ebenso wenig wie Frau Hendriks, Frau Lang, Janine, Doris und Elmo. Es ist bereits nach neun und unsere Stammkundschaft war noch nie so spät dran.
»Ach, interessant. In Toms Bäckerei gibt es heute gratis Kaffee. Außerdem hat er sein Angebot erweitert, er bietet jetzt auch frische Waffeln an. Mmh, vielleicht sollte ich …« Ihre Stimme erstirbt, als ich wie ein Berserker vor ihr auftauche und ihr die Zeitung aus der Hand reiße. Meine Augen fliegen über die Seiten hinweg. Gratisangebot, Sonderangebot, selbst das wöchentliche Treffen des Strickvereins findet ab sofort in Toms Café statt. Und umso mehr ich lese, desto größer wird mein Zorn. Fehlt nur noch, dass mir heiße Luft aus den Ohren schießt, ich stehe kurz vorm Explodieren.
»Ist das sein verdammter Ernst?«, fluche ich ungehalten.
»Vermutlich schon. Er scheint das mit dem Café durchziehen zu wollen.« Irritiert schaue ich zu Frau Sander, die meine rhetorische Frage tatsächlich beantwortet hat. »Vielleicht solltet ihr auch mal über ein paar Veränderungen nachdenken.«
Kurz schließe ich die Augen, atme tief durch und als ich sie wieder öffne, habe ich mich wieder im Griff. »Das werden wir, Monika. Ganz sicher sogar.« Mein Lächeln ist nicht echt, dafür bin ich viel zu wütend. Aber sie scheint es mir abzukaufen.
»Sehr schön! Ich werde deine Mutter mal anrufen, so eins zwei Ideen hätte ich auch«, zwitschert sie und geht. Endlich.
Aufgebracht stehe ich immer mitten im Raum. Meine Hände zu Fäusten geballt und so voller Wut und Enttäuschung, dass ich platzen könnte. Oder heulen. Wobei das keine Option ist, das habe ich Samstagnacht schon genug. Ich hätte Tom doch besser ungespitzt in den Boden rammen sollen. Oder ihn teeren und federn, langsam rösten und anschließend genüsslich verspeisen. Dieses Arschloch!
Dass er mich am Samstag einfach stehengelassen hat, hätte ich ihm verzeihen können. Immerhin hatten wir einen Deal, der besagte, dass er mich begleitet. Auch wenn ich im Nachhinein zugeben muss, dass ich mir mehr erhofft hatte. Aus irgendwelchen alten romantischen Gefühlen heraus, die allerdings in dem Moment verpufft sind, als er Denise geküsst hat. Wobei küssen das falsche Wort ist, abgeknutscht trifft es eher. Man muss nicht hellsehen können, um zu wissen, was die beiden in dieser Nacht noch alles getrieben haben. Wortwörtlich.
Ausgerechnet Denise. Diese verfluchte »Bitch«, die im Zweifelsfall genau wusste, dass sie mich damit verletzt. Und das hat sie. Tom hat mir mein Herz heraus gerissen, hat darauf herumgetrampelt und es in alle Einzelteile zerlegt und mich einmal mehr zum Gespött der ganzen Ortschaft gemacht. Oder vielmehr habe ich das selbst, weil ich mich in die fixe Idee verrannt hatte, ausgerechnet ihn um seine Begleitung zu bitten. Der verstörte Blick meiner Eltern heute Morgen, nachdem sie die Zeitung gesehen hatten, sprach Bände. Bodenlose Enttäuschung, bittere Erkenntnis und Mitleid. Wie sehr ich das hasse. Und das alles verdanke ich Tom. Tom. Immer nur Tom. Ich muss dringend aufhören, so viel an ihn zu denken!
Als es klingelt, überrascht sehe ich auf.
Mein Bruder spaziert mit bester Laune und einer Waffel in der Hand in die Bäckerei. Einen Augenblick starre ich ihn perplex an, denn selbst mir ist sonnenklar, woher er diese Waffel hat. Dieser Verräter! Dann allerdings zuckt eine teuflische Idee durch meinen Kopf. Tom hat meine Botschaft mit der Krähe verstanden, die Waffeln sind seine Reaktion darauf. Gut, der Kampf ist eröffnet! Ich werde ihn vernichten, bloßstellen, zermürben, bis er sich wünschen wird, niemals einen Fuß nach Fichtenstein gesetzt zu haben!
»Bitte sag mir, dass nicht ich das Opfer deines fiesen Plans bin, den du gerade ausheckst. Du siehst aus wie Frank Underwood in ›House of Cards‹, wenn er eine Idee zur Übernahme der Regierung austüftelt.« Leon stopft sich den letzten Rest der Waffel in den Mund und schiebt sich anschließend die Hände in die Hosentaschen.
»Nein.« Ich kann nicht anders, ich muss grinsen. Vorfreude durchflutet mich. Oh, das wird ein Spaß!
»Tom?«
Ich stoße nur hart die Luft aus.
»Muss ich mir Sorgen um ihn machen?«
»Nein! Nur solltest du vielleicht morgen nichts bei ihm essen.«
Leon zieht eine Grimasse, dann geht er an mir vorbei hinter die Verkaufstheke, und macht sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Kurz darauf ertönt ein gurgelndes Geräusch und der Duft nach frischem Kaffee zieht durch den Verkaufsraum. »Die Krähe war schon ein bisschen arg übertrieben, meinst du nicht?«
»Nein. Tom muss aus Fichtenstein verschwinden. Sein Café schadet unserer Bäckerei.«
Zwei dunkelblonde Augenbrauen wandern skeptisch nach oben. »Ah! Und mit Samstag hat das rein gar nichts zu tun? Ella, ich glaube, du solltest da eine Sache wissen. Er hat nicht …«
Leon bricht ab, als er meinem vernichtenden Blick bemerkt und hebt beschwichtigend die Hände. »Hey, in Ordnung, ich halte mich da raus. Du hasst ihn, ich habe es verstanden.«
Genervt rollte ich die Augen.
»Ist es okay, wenn ich weiterhin mit ihm Poker spiele? Oder verstoße ich damit gegen irgendeinen Ehrenkodex unserer Familie?«
»Also ob du dich jemals an irgendwelche Kodexe gehalten hättest«, stelle ich nüchtern fest.
Mein Bruder grinst zufrieden. Doch bevor ich ihn erneut zurechtweisen kann, betritt ein weiterer Kunde die Bäckerei. Oh bitte, kann dieser Tag eigentlich noch beschissener werden? Ungläubig schaue ich meinen Ex-Freund an, der mit einem vorsichtigen Lächeln im Gesicht auf mich zukommt.
»Hallo Ella.«
»Was willst du hier?« Sein »Hallo« kann er sich sonst wohin schieben. Mit wenigen Schritten bin ich wieder hinter der Verkaufstheke und ziehe dabei meine Shaping Skinny Jeans hoch. Da ich schon so eine Ahnung hatte, was heute emotional auf mich zukommt, wollte ich wenigstens gut aussehen. Nur das einem vorher niemand sagt, dass diese Jeans zwar schlanke Beine formen und bequem sind, dafür aber andauernd nach unten rutschen, sodass man den ganzen Tag am zurecht ziehen ist.
»Uh, das wird jetzt interessant!«, feixt Leon, der sich lässig in den Rahmen der Seitentür lehnt und von Frederik zu mir sieht.
»Könntest du verschwinden?«, fahre ich ihn an. Oder am besten gleich alle beide?
»Jetzt? Auf gar keinen Fall!« Mein Bruder nimmt in aller Seelenruhe noch einen Schluck aus seinem Pappbecher.
»Wie geht es dir?«, fragt Frederik und sieht mich dabei besorgt an. Will der mich eigentlich verarschen? Meinen Bruder ignoriert er geflissentlich.
Ich schenke ihm ein frostiges Lächeln. »Blendend.«
Er seufzt. »Hör mal Ella, ich kann mir vorstellen, dass der Samstagabend nicht ganz einfach für dich war.«
»Ach.« Ich lege den Kopf schief. Leon neben mir gluckst amüsiert. Er hat noch nie viel von Frederik gehalten, für ihn muss das gerade ein Unterhaltungserlebnis auf höchstem Niveau sein. »Und woher nimmst du diese Gewissheit? Wir haben uns ein Jahr nicht gesehen, Frederik. Mir geht es gut, ich habe mein Leben im Griff. Du spielst darin schon lange keine Rolle mehr.«
Für einen Moment sieht er tatsächlich betroffen aus. Dann rückt er seine Brille zurecht. »Das weiß ich.«
Jetzt ist es an mir überrascht meine Augenbrauen zu heben. Dann geht mir ein Licht auf. Tom hat mit Denise rumgemacht. Mit Frederiks Denise. »Seit wann ist das mit Denise und dir vorbei?«
Erneut greift er nach seiner Brille, dreht sie zwischen seinen Fingern, nur um sie dann wieder aufzusetzen. »Sie hat vor einem halben Jahr Schluss gemacht. Anscheinend kann ich ihr nicht die finanzielle Zukunft bieten, die sie sich vorgestellt hat.« Er presst die Lippen zusammen.
»Das tut mir leid.« Ich muss ein Schmunzeln unterdrücken. Und ja, okay, ein wenig Schadenfreude. Die Realität holt doch jeden früher oder später ein. Und so gerne Frederik sich eloquent und vor allem besser situiert gesehen hat, er ist es einfach nicht. Am Ende des Tages bleibt er doch der Junge aus Fichtenstein, solide, kleinkariert und ein bisschen langweilig.
»Ich bin wieder in meine alte Wohnung gezogen«, sagt er plötzlich. Und sein Blick verändert sich. Wird offener, interessiert, und ich erkenne das alte Glimmen darin, das mich früher immer so fasziniert hat. Oh, bitte nicht!
»Schön für dich!«, wiegle ich ihn ab. Leon ist überraschend ruhig. Mit einem Seitenblick vergewissere ich mich, ob er immer noch da steht. Tut er. Ein breites Grinsen im Gesicht. Oh warte, wenn ich den später alleine erwische!
»Ich habe nachgedacht, Ella«, fängt Frederik an und augenblicklich dreht sich mir der Magen um. »Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Das, was ich vor einem Jahr abgezogen habe, war nicht in Ordnung. Du weißt selbst, dass unsere Beziehung am Ende war, aber das mit Denise war … echt scheiße!«
Seine letztes Worte spricht er leise, dennoch hängt der Schmerz offen in ihnen. Ich bin für einen Moment sprachlos. Und warte eigentlich darauf, dass jeden Moment Daniel Fischer von Hit Radio FFH durch die Tür springt und mir sagt, dass dieser ganze verkackte Tag eine riesen große Verarsche ist. Denn obwohl ich heute Morgen mit Vielem gerechnet habe, damit sicher nicht.
Ein kurzes Kopfschütteln, dann habe ich meine Gedanken sortiert. »Ja, es war echt scheiße! Und es tat verdammt weh, dich und Denise direkt einen Tag später zusammen zu sehen. Kannst du dir vorstellen, wie das ist, wenn dir selbst der Bürgermeister sein Bedauern ausspricht, wie dich dein Ex-Freund behandelt hat?«
»Es tut mir wirklich leid, Ella. Ich habe mich wie ein Arschloch benommen. Aber als ich dich vorgestern mit Tom gesehen habe, da ist etwas in mir passiert. Ich will, dass du glücklich bist!«
»Ernsthaft? Das fällt dir genau jetzt wieder ein?«, presse ich hervor. Und muss mich sehr zurückhalten, nicht meine ganze angestaute Wut an ihm auszulassen. »Verschwinde, Frederik! Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen. Ich brauche niemanden, der mich glücklich macht.«
Mein Bruder gluckst, wobei es eher nach einem unterdrückten Lachen klingt.
Nein, ich brauche niemanden. Schon gar keinen Mann!

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