Lebkuchenliebe: Tag 8

Männerrunde

Tom

Dienstag, 8. Dezember

Ich liebe Poker. Das Gefühl der Spielkarten zwischen den Fingern, die Stille am Spieltisch, das nervöse Kribbeln im Bauch, wenn man noch nicht weiß, ob man gewinnt. Vor allem liebe ich die Atmosphäre, die über allem liegt. Poker ist viel mehr als ein Kartenspiel. Es ist ein Spiel, bei dem du Menschen besser kennenlernst, als während jeder Unterhaltung. Du liest in ihren Gesichtszügen wie einem Buch, jede Geste bekommt eine Bedeutung, jeder Laut einen Sinn.
Nachdem ich jahrelang mit meiner Mutter um die Welt gereist bin, hatte ich mit einundzwanzig keine Lust mehr und bin nach Hamburg gezogen. Ich habe ein Studium angefangen und abgebrochen, eine Ausbildung zum Fotografen nach nur drei Wochen gekippt, weil er mir nichts Neues beibringen konnte, habe hier und da gejobbt und letztendlich das gefunden, worin ich überraschender Weise richtig gut bin: Glücksspiel. Poker, Blackjack, Roulette, Craps und Baccara. Wobei mir die Karten immer noch am liebsten sind. Nachdem ich das Kasino in Hamburg zu genüge erleichtert hatte, ging es einmal quer durch die USA und Mexiko, bis ich vor zwei Monaten in Las Vegas gelandet bin. Der Rest ist Geschichte.
Steffen mir gegenüber seufzt und starrt stirnrunzelnd auf seine Karten. Selbst ein Anfänger würde erkennen, dass er gleich aufgibt. Er ist mit Abstand einer der schlechtesten Spieler, mit dem ich je gespielt habe. Aber letztendlich ist es mir egal, solange er immer so viel Geld dabei hat, wie heute Abend.
»Ich bin raus«, sagt er wie erwartet und legt seine Karten offen auf den Tisch. Einen Pik Buben und eine Karo Acht. Das ist tatsächlich nichts.
Leon links neben mir unterdrück ein Schmunzeln. Die erste Gefühlsregung, seit wir diese Runde eröffnet haben. Leon spiel gut, beinahe so gut wie ich. Daher habe ich ihn auch die erste Runde gewinnen lassen, nicht dass er diesen Abend in zu schlechter Erinnerung behält.
»Ich gehe mit«, lässt er uns wissen und wirft einen Zehneuroschein auf den Haufen in der Mitte des Tisches. Direkt neben die zwei Asse und den Herzkönig, die schon offen auf dem Tisch liegen. Wir sind bereits in der dritten Runde und Leon, Jens und ich sind noch im Spiel.
Ohne einen Kommentar schiebe ich ebenfalls einen Geldschein über den Tisch. In Kombination mit den Karten auf der Hand, sieht mein Blatt gar nicht so schlecht aus.
Jens brummt etwas Unverständliches, ist aber ebenfalls noch eine Runde dabei.
»Will noch jemand was trinken?«, frage ich und stehe auf, um mir noch eine Cola zu holen, bevor Gregor, der in dieser Runde der Geber ist, die Karten zur letzten Runde aufdeckt. Nach meinem Absturz am Samstag lasse ich vorerst die Finger vom Alkohol. Nicht, dass ich ab sofort abstinent bin, aber nach dem Debakel mit der verfickten Krähe brauche ich nicht noch einen ortsbekannten Ausfall.
»Ich nehme noch ein Radler«, antwortet Leon ohne vom Tisch aufzusehen. Seine Karten liegen verdeckt vor ihm, er wirkt entspannt. Aber das täuscht, ich kenne Leon und weiß, dass er blufft. Obwohl wir uns zehn Jahre nicht gesehen haben, fühlt es sich an, als wäre ich nie weggewesen. Und ich muss zugeben, dass es verdammt guttut, wieder einen besten Freund zu haben. Jemanden, der dich versteht, der weiß, was du denkst und wie du tickst, ohne dass du ihm alles erklären musst. Ich habe Leon viel erzählt aus meinem Leben, bei weitem mehr als jedem anderen. Und doch gibt es da eins, zwei Dinge, die ich sogar ihm verschwiegen habe. Niemand muss wissen, warum ich wirklich hier bin.
»Sag mal, hast du ein neues Rezept ausprobiert?«, fragt Gregor und legt seinen Bagel beiseite, in den er gerade herzhaft gebissen hat. Er verzieht das Gesicht und schluckt einen Ticken zu mühsam, als dass es ihm tatsächlich schmecken würde.
»Nein. Aber ich habe ein anderes Mehl verwendet.« Die Mühle hat mir das falsche Mehl geliefert und es war zu wenig Zeit, noch ein anderes nachzubestellen. Daher sind die Bagel heute aus Dinkel-Vollkorn-Mehl gebacken. Klingt grauenvoll, schmeckt auch genauso. Ich habe so viele negative Rückmeldungen bekomme, dass ich nur hoffe, dass mir der Umsatz morgen nicht einbricht. Wie kann auch so ein Mist passieren?
Leon hebt überrascht den Kopf, sieht auf den Bagel, dann zu mir. Ein wissendes Glitzern blitzt in seinen grünen Augen auf, bevor er die Lippen zusammenpresst. Oh verdammt! Natürlich! Nicht die Mühle ist Schuld, sondern Ella hatte da ihre Finger im Spiel. Darauf hätte ich Vollidiot schon früher kommen können!
Nachdem ich Leon das Radler vor die Nase gestellt habe, nehme ich wieder Platz. Um Ella kümmere ich mich später, jetzt will ich erst einmal gewinnen. Gregor legt eine Karte verdeckt neben den Stapel und eine weitere offen auf den Tisch. Eine Herzkönigin. Ein heißes Rauschen fährt durch mich hindurch, ein Taumeln, ein Glücksgefühl, das beinahe besser ist als der heißeste Fick, den ich je hatte. Meine Miene jedoch bleibt gleichgültig, ich lasse mir nicht anmerken, dass ich innerlich vor Freude auf dem Tisch tanze.
»Führst du dein Geschäft alleine?«, fragt Steffen aus heiterem Himmel mitten in die Stille hinein. Meine Augen werden schmal. Wie kann er ausgerechnet jetzt so eine Frage stellen? Wir sind nicht zum Small-Talk hier.
»Ja«, gebe ich kurz angebunden zurück. Jan hat sich am Sonntagabend von mir verabschiedet. Er ist selbstständiger Webdesigner und kann von überall aus arbeiten, solange er seinen Laptop dabei hat. Daher konnte er mir die letzten Wochen unter die Arme greifen. Als Gegenleistung habe ich ihm ein paar meiner Fotos überlassen, die er mit Begeisterung für einige seiner Layouts verwendet hat.
»Das muss ganz schön viel Arbeit sein, das Backen, der Verkauf, die Vor- und Nachbereitung, das Aufräumen, ….«, plappert Steffen munter weiter und bringt meine Gleichgültigkeit gefährlich ins Wanken.
»Wir sind zum Spielen hier«, blaffe ich härter, als nötig gewesen wäre. Es wird Zeit, die Runde zu beenden. Der Sieg ist zum Greifen nahe, ich werde ungeduldig.
»Ich erhöhe auf zwanzig Euro«, unterbricht uns Leon, bevor Steffen etwas erwidern kann. Ich werfe meinem Kumpel einen dankbaren Blick zu.
Jens fährt sich durch die kurzen Haare, die bereits seit der ersten Runde in alle Richtungen abstehen. »Mir langt’s, ich bin raus.« Er legt die Karten verdeckt auf den Tisch und lehnt sich zurück.
»Bleiben wir beide.« Leon grinst mich an. Er nimmt das As, den König und die Königin, die alle die Herzfarbe haben, und legt eine Sechs und eine Acht daneben. Beides Herz. »Ein Flush.«
Jens fallen fast die Augen aus dem Kopf. Steffen reagiert gar nicht, offenbar hat er es nicht verstanden. Meine Mundwinkel zucken nur.
»Tja, Alter, tut mir echt leid.« Schnell ziehe ich die beiden Asse und die Königin zur Seite und lege meine beiden Karten daneben. Ebenfalls ein As und eine weitere Königin. »Full House.«
Leon flucht ungehalten, haut mir aber im nächsten Moment kameradschaftlich auf die Schulter. »Gut gespielt! Ehrlich! Du hättest schon viel früher hier auftauchen sollen, es macht Spaß mit dir zu spielen!«
Ich ziehe eine Grimasse. »Besser nicht.«
Nach der Runde ist Schluss, der Abend beendet. Ich verabschiede die Jungs, Leon allerdings bleibt noch. Wir setzen uns nach draußen auf die Stufen zu meinem Café. Es ist arschkalt, kleine Schneeflocken wirbeln umher. Aber die klare Luft tut gut! Genüsslich nehme ich einen tiefen Zug von meiner Zigarette, dann blase ich den weißen Rauch in die dunkle Nacht.
»Du hast heute Abend nichts gegessen«, stelle ich fest und werfe Leon einen Seitenblick zu.
Er grinst schuldbewusst. »Ich hatte so eine Ahnung, dass ich von den Bagels lieber die Finger lasse.«
Ein leises Seufzen entfährt mir. »Du wusstest, dass Ella mit der Mühle telefoniert hat, oder?«
»Nein. Aber irgendetwas in die Richtung habe ich mir gedacht.« Wir schweigen beide für einen Moment und hängen unseren Gedanken nach. »Deine Waffelaktion gestern kam echt gut an! Ella war stinksauer!«, sagt Leon irgendwann in die Stille hinein.
Ich brumme nur. Ganz so war es auch gedacht!
»Sie hatte heute neue Plätzchen im Angebot, morgen veranstaltet sie einen Backworkshop. Natürlich ein reines Frauenevent.« Als ich nicht reagiere, seufzt Leon leise. »Tom, ihr müsst euren Kleinkrieg beenden. Nicht, dass ich es nicht amüsant finde, dir und meiner Schwester dabei zuzusehen, wie ihr euch gegenseitig die Pest an den Hals wünscht, aber das führt zu nichts.«
»Hey, ich habe nicht damit angefangen. Sie hat mir diese verfluchte Krähe vor die Tür gehängt!«
Leon wirft mir einen schiefen Blick zu.
»Okay, vielleicht bin ich nicht ganz unschuldig an der Situation. Trinkt sie eigentlich immer noch so viel Kaffee?«, frage ich nicht ohne Hintergedanken. Mmh, das könnte fies werden.
»Ella war ganz schön in dich verknallt damals. Vor zehn Jahren. Wusstest du das?«
Ich stoße hart die Luft aus, dann schnipse ich die Zigarette weg. Die lockere Unterhaltung ist beendet. »Ja.«
Leon lässt es so stehen, aber sein Vorwurf ist lauter als jedes gesprochene Wort. Ich weiß, was er mir sagen will. Ich hätte mich melden sollen nach dieser Nacht vor zehn Jahren. Auch wenn ich den Umzug immer vorgeschoben habe, hätte ich zumindest mal anrufen können. Oder einen Brief schreiben oder eine E-Mail. Irgendetwas. Habe ich aber nicht. Weil ich Fichtenstein hinter mir lassen wollte, ich wollte vergessen, vernichten, was dieses Kaff mir einmal bedeutet hat. Und dazu gehörte auch Ella.
»Hast du vor zu bleiben, wenn das Café gut läuft?«, frage Leon und bringt mich mit dem plötzlichen Themenwechsel kurz aus dem Konzept. Irritiert blinzle ich in die Nacht.
»Ich weiß es nicht. Eigentlich hatte ich es nicht vor. Ich wollte genug Geld verdienen, um weiterzumachen, und das Café dann verkaufen. Ich bin niemand, der es lange an einem Ort aushält.«
»Das habe ich mir gedacht.« Wieder sagt er mehr, als er ausspricht. Doch diesmal prallt der leise Vorwurf an mir ab. Es ist mein Leben, Leon hat keine Ahnung, was mich eigentlich hergetrieben hat. Es ist gefährlich für mich, zu lange an einem Ort zu bleiben. Ich will nicht, dass sie mich finden und am Ende nicht nur ich Schaden nehme. Zutrauen tue ich ihnen alles.
»Was ist mit dir? Warum bist du immer noch in diesem Kaff? Du könntest doch überall arbeiten.« Er hat mir erzählt, dass er als Grafiker arbeitet. Ein Beruf, der mir über meine Mutter nicht ganz fremd ist.
»Ja, schon. Aber …« Das erste Mal heute Abend wirkt er unsicher. Leon streckt die Beine aus, reibt sich die Hände. Dann hebt er seinen Kopf und sieht nach oben in den dunklen Nachthimmel. »Es gibt da ein Mädchen. Aber es funktioniert irgendwie nicht. Ach, es ist kompliziert.«
Ich muss lachen. »Ist es das nicht immer?«
Ein amüsierter Seitenblick trifft mich. Und ich rechne damit, dass er etwas sagt, etwas über Ella und mich. Aber stattdessen erhebt er sich, klopft mir noch einmal auf die Schulter und verabschiedet sich schließlich.
Ich bleibe noch eine Weile sitzen, schaue den tanzenden Schneeflocken zu. Als ich nach Fichtenstein gekommen bin, wollte ich vor allem eines: Nicht gefunden werden. Und dafür habe ich mir einen Ort ausgesucht, den absolut jeder übersehen würde, der ihn nicht kennt. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, ist, dass ich mich hier so wohl fühlen würde. So sicher. Und dass mich die Vorstellung, hier bald schon wieder verschwinden zu müssen, ernsthaft abschreckt. Das Gespräch mit Ella auf unserem Weg zum Ehemaligentreffen fällt mir wieder ein. Ein Schmunzeln huscht über meine Lippen. Was ich ihr doch für einen sentimentalen Quatsch erzählt habe! Als ob ich nach Fichtenstein gekommen wäre, um ein Zuhause zu finden. Doch überraschenderweise holt mich genau dieser Quatsch gerade ein.
Ella.
Leon hat Recht, unser Kleinkrieg ist kindisch. Die Mehl-Aktion heute war echt nicht mehr lustig. Ich sollte mir ihr reden, bevor tatsächlich noch jemand zu Schaden kommt. Ich weiß, dass der Samstagabend keine meiner Sternstunden war. Mit einem anderen Mädchen rumzumachen, obwohl ich eigentlich Ella begleitet habe, war nicht wirklich nett. Ich bin weit davon entfernt mich für mein Verhalten zu entschuldigen, aber wir sollten miteinander sprechen. Und diesen Mist aus der Welt schaffen.
Bedächtig greife ich nach meinem Handy und drehe es in der Hand. Dann tippe ich schnell ein paar Worte, bevor mein Ego wieder die Oberhand gewinnt und mich davon abhält.
Können wir reden?

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