Lebkuchenliebe: Tag 9

Zwischen Zimt und Zucker

Ella

Mittwoch, 9. Dezember

Ich starre auf das Display meines Smartphones. Schon wieder. Und wie schon die fünfhundert Mal davor, kann ich immer noch nicht glauben, was ich da lese.
Können wir reden?
Ist das Toms verdammter Ernst? Nach zwei Tagen der Schmach, der Erniedrigung, Unmengen Schokolade, Eis und – ja, Lebkuchen! – kommen diese drei Worte? Kein, »Es tut mir leid, Ella«, »Ich habe mich wie ein Arschloch benommen, Ella« oder wenigstens ein schmuckloses aber immer noch effektives »Sorry!«?
»Liest du schon wieder Toms Nachricht?«
»Was?« Ertappt blicke ich hoch, direkt in Jennas missbilligenden Gesichtsausdruck.
»Du hast rote Flecken auf den Wangen und siehst aus, als würdest du dein Handy am liebsten rösten.«
»Mmpf.« Ich konnte mich noch nie gut verstellen. Doch bevor auch die zwanzig Frauen, die gleich unsere Backstube stürmen werden, ebenfalls mitbekommen, dass mein Privatleben gerade in den Seilen hängt, stecke ich das Handy lieber weg.
»Das mit Samstag hängt dir immer noch nach, oder?«, fragt meine Freundin vorsichtig und tritt näher an mich heran. Sie legt einen Arm auf meine Schulter. Normalerweise mag ich es überhaupt nicht, bedauert zu werden, aber bei Jenna ist das etwas anderes.
»Nein, das ist es nicht. Mich nervt die ganze Sache einfach nur noch«, schimpfe ich leise. Ich habe von Leon gehört, dass mein Anruf in der Mühle erfolgreich war und Toms Backwaren gestern grauenvoll geschmeckt haben. Noch zwei so Aktionen und er ist ruiniert. Ich kann noch nicht einmal genau sagen, woher meine Wut auf ihn kommt, aber einer Sache bin ich mir absolut sicher: Tom muss verschwinden. Umso schneller, desto besser.
»Na ja, dann solltest du vielleicht doch mit ihm reden. Klärt das. Dann hast du endlich Ruhe.« Jenna trifft es auf den Punkt.
Ich lasse meinen Blick prüfend durch die Backstube gleiten. Die Tische sind blank poliert, Schürzen mit unserem Logo liegen bereit, Sekt und Gläser sind ebenfalls verteilt. Unser erster Backworkshop für Frauen kann losgehen. Prompt ertönt die Klingel unserer Eingangstür und lautes Geschnatter dringt aus dem Verkaufsraum zu uns.
»Wirst du mit ihm reden?«, wiederholt meine Freundin ihre Frage, weil ich immer noch nicht geantwortet habe.
Seufzend senke ich den Kopf und gebe mir noch einen Augenblick, bevor hier gleich der Bär steppt. »Ich denke schon.« Es wäre kindisch, es nicht zu tun. Außerdem will ich nicht, dass sich diese Sache zwischen Tom und mir weiter aufgebauscht und mehr Bedeutung bekommt, als sie haben sollte.
Mir bleibt keine weitere Sekunde, um darüber nachzudenken, denn mit der Gewalt von zwanzig ausgehungerten Löwinen platzen die Frauen in die Backstube. Augenblicklich ist die Luft erfüllt von aufgeregtem Geplapper, Kichern, Gelächter und neugierigen Blicken. Und weil mich das Schicksal so liebt, befindet sich auch Denise unter ihnen, die mich sofort auffordernd angrinst. Die »Bitch« besitzt ja wirklich überhaupt keinen Anstand! Wie kann sie es wagen hier aufzutauchen? Erst spannt sie mir meinen Freund aus, dann macht sie mit meinem Date rum! Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, sie hat etwas gegen mich. Aber das ist lächerlich, ich habe ihr nie etwas getan. Wut tost durch mit hindurch und ich hätte nicht übel Lust, ihr die Teigschüssel in ihr überhebliches Grinsen zu klatschen. Aber genau das will sie vermutlich, mich provozieren und meinen Workshop ruinieren. Daher atme ich nur tief durch und erwidere ihren Blick offen. Ich werde meinen Workshop nicht zur Schlamm-Catch-Grube machen!
Mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht, den Rücken gerade, die Brust herausgestreckt und den Bauch eingezogen, heiße ich unsere Gäste willkommen. Die Damen verteilen sich an die leeren Tische. Binnen eines Wimpernschlags knallen die Sektkorken und jede von ihnen hat ein Glas voll mit dem prickelnden Getränk in der Hand. Es ist doch echt erstaunlich, wie schnell Frauen Flaschen öffnen können, wenn nur der Inhalt stimmt.
Kurz erkläre ich, was wir heute vorhaben, anschließend verteile ich mit Jennas Hilfe den bereits vorbereiteten Teig. Wir backen Lebkuchenmänner. Mit allem drum und dran.
Eine Stunde später ist die Stimmung ausgelassen. Dreizehn Flaschen Sekt sind vernichtet – selbst für Fichtensteiner Verhältnisse ist das eine ordentliche Schlagzahl – und die Weihnachtsmänner liegen fertig auf den Backblechen bereit für den Ofen. Die Damen haben es sich nicht nehmen lassen, mit Rosinen, Mandeln und Nüssen die Lebkuchenmänner so detailgetreu wie möglich nachzubilden.
Schmunzelnd schaue ich über das Ergebnis und beschließe schon jetzt, dass der Abend ein voller Erfolg war. Schnell lege ich meinen eigenen Lebkuchenmann auf ein Blech, eine eher prüdere Variante, als mich eine schrille Stimme hellhörig werden lässt. Bisher konnte ich Denise gut aus dem Weg gehen, jetzt aber steht sie mit Vicky und Selina direkt auf der anderen Seite des Arbeitstisches. Und redet so laut, dass ich schon den Raum verlassen müsste, um ihr Gespräch nicht mitzuhören.
»War es wirklich so gut?«, wispert Vicky und beugt sich etwas näher an Denise heran, um ja kein Wort zu verpassen.
Denise betrachtet kurz ihre pink lackierten Fingernägel, sie lässt sich Zeit mit der Antwort. Die Anspannung steigt. Selbst bei mir. »Ich bin noch nie so oft gekommen, wie in dieser Nacht«, sagt sie schließlich. Vicky quietscht leise auf und ich will am liebsten die Flucht ergreifen. Doch ausgerechnet jetzt, tritt Frau Sander an mich heran.
»Eine ganz tolle Idee dieser Workshop, Ella!« Ihre Stimme hat diesen Unterton, der ganz klar signalisiert, dass sie schon ordentlich einen im Tee hat.
»Wir sind in seine Backstube verschwunden«, fährt Denise auf der anderen Seite des Tisches ohne Erbarmen fort. »Er hat mich auf einen Tisch gehoben und mir langsam mein Kleid hochgeschoben. Dann hat er mich geküsst, zuerst auf den Mund und dann …« Sie keucht verzückt auf, um die Situation zu verdeutlichen. »Und dann hat er mich geleckt und so hart gevögelt, bis ich alles zusammen geschrien habe.«
Oh. Mein. Gott. Ich will mir die Ohren zuhalten, ich will hier raus. Denn auf gar keinen Fall will ich mehr über Toms Zungenfertigkeit oder die Kraft seiner Stöße erfahren. Und ich will auch nicht wissen, wie hart er Denise rangenommen hat, sodass sie anschließend kaum noch laufen konnte. Nein, verdammt, das will ich auf gar keinen Fall wissen.
»Danke, Monika! Das ist nett, dass du das sagst!«, presse ich hervor und konzentriere mich mit aller Macht auf Frau Sander. Und das gelingt mir auch erstaunlich gut, bis mich plötzlich ein paar Worte von Denise stutzig werden lassen.
»Nein, danach sind wir nicht zu ihm.« Ihre Stimme klingt irgendwie merkwürdig. Wie als käme jetzt der Teil des Abends, der ihr nicht mehr so in den Kram gepasst hat und fast unangenehm ist, zu erzählen. »Wir sind in der Backstube geblieben. Er hat da ein paar Matratzen liegen, da haben wir übernachtet.«
»Er wohnt dort?«, fragt Vicky ungläubig und nimmt mir die Worte aus dem Mund.
»Ja, offenbar. Ich habe ihn nicht weiter gefragt, das war mir dann echt zu peinlich.«
Tom wohnt in seiner Backstube? Aber warum, was ist mit der Wohnung seines Vaters? Eine plötzliche Ruhe durchströmt mich, ich fühle mich so entspannt wie seit Tagen nicht mehr. Denn ganz plötzlich, ohne das ich heute Abend damit gerechnet habe, präsentiert mir ausgerechnet Denise die Lösung für mein Problem auf einem Silbertablett. Ein Lächeln breitet sich in meinem Gesicht aus, das den Rest des Abends nicht mehr verschwindet.
Auf Wiedersehen Tom, deine Zeit in Fichtenstein ist beendet!

Published by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.