Lebkuchenliebe: Tag 10

Aus der Traum

Tom

Donnerstag, 10. Dezember

Ungläubig starre ich den Herrn im schwarzen Mantel an. Seine grauen Haare kringeln sich unter der dicken grauen Wollmütze hervor, in der Hand hält er eine schwarze Tasche aus Leder.
»Bitte, was?«
Ein Muskel an seiner Wange zuckt. Er ist eindeutig genervt. »Uns wurde ein Verstoß gegen geltende Hygienerichtlinien gemeldet. Ich komme vom Gesundheitsamt und bin hier, um ihr Café zu überprüfen.«
Kurz spiele ich gedanklich meine Optionen durch: Ihm einfach die Nase vor der Tür zuschlagen, ihn reinlassen und abhauen, ihm eins überziehen und verschwinden. Alles keine Lösung. Ich habe keine Wahl. Fuck!
»Kommen Sie doch bitte herein!« Ich trete beiseite und gebe den Weg in mein Café frei. Es ist noch so früh am Morgen, dass noch keine Gäste da sind. Wenigstens etwas, aber das örtliche Tratschkommando wird nicht lange auf sich warten lassen. »Brauchen Sie noch etwas? Oder möchten Sie einen Kaffee?« Vielleicht hilft es, wenn ich mich besonders zuvorkommend zeige.
»Ein Wasser wäre nett. Still, bitte.«
Es gibt kaum etwas, das mehr über Menschen aussagt, als ihr Getränkewunsch. Ich unterdrücke ein Augenrollen angesichts der äußerst langweiligen Wahl und gieße ihm ein Glas ein.
Nachdem der Gesundheitsfuzzi seine Jacke und Mütze über einen Stuhl gehängt hat, sieht er sich prüfend um. Kurz bleibt sein Blick an den Fotografien an der Wand hängen. »Sind die Bilder von Ihnen?«
»Nein, meine Mutter hat sie gemacht. Antonia Westen, sie ist Fotografin. Vielleicht sagt Ihnen der Name etwas.«
Er nickt bloß, dann geht er hinter die Theke, zieht Schubladen auf, schaut unter die Schränke. Ich lehne mich gegen einen der Tische im Café und beobachte ihn argwöhnisch. Erst als er in die Backstube verschwindet, zieht sich mein Magen krampfhaft zusammen. Aus der Traum.
Eine halbe Stunde später habe ich es schwarz auf weiß. Der Arsch vom Gesundheitsamt hat das Café bis auf weiteres geschlossen. Meine Bettstatt in der Backstube ist etwas, dass er aus Hygienegründen nicht dulden kann. Am liebsten hätte ich ihm mit seinen hochtrabenden Worten das Maul gestopft. Scheiße, verdammt! Ich habe keine Rücklagen, um das Café lange geschlossen zu lassen, bis ich eine Wohnung gefunden habe. Ganz davon abgesehen, dass ich mir überhaupt keine leisten kann. Dunkle Wut grollt in meinem Bauch, heißer Zorn blitzt durch meinen Körper. Das hier war meine letzte Chance, meine einzige Chance an Geld zu kommen. Und ja verdammt, in den letzten Tagen habe ich sogar begonnen, mich hier wohlzufühlen. In Fichtenstein. Auch wenn ich es selbst kaum glauben konnte, ich habe mich gefreut, jeden Morgen dieselben Menschen zu treffen, denselben Tratsch zu hören, dieselben Geschichten zu kommentieren und abends nach einem langen Tag tot ins Bett zu fallen, um am nächsten Morgen genau das gleiche wieder zu erleben. Diese Routine, die für mich bislang immer ein Alptraum war, hat etwas unheimlich Beruhigendes. Etwas Sicheres, etwas Beständiges, in der man beginnen kann, wirklich zu leben. Und nicht immer weiter gerissen wird, an einen neuen Ort, in eine neue Stadt, um dort neu anzufangen und doch nie wirklich anzukommen.
Das alles ist im Arsch!
Aufgebracht fahre ich mir durch die Haare. Der heiße Zorn wird übermächtig, lässt mich nicht mehr klar denken. Ich schnappe mir das halbleere Glas von dem Gesundheitsfuzzi und feuere es einmal quer durch den Raum. Es zerspringt in tausend Scherben und hinterlässt einen nassen Fleck auf der Wand. Die hässliche Realität meines Lebens holt mich ein, lacht über mich, verhöhnt mich. Ich habe mir etwas vorgemacht, wie schon mein ganzes Leben. Als ich vor einem Jahr auf den Deal mit dem Mexikaner eingegangen bin, habe ich mich unbesiegbar gefühlt. Ich hatte einen Lauf, habe gewonnen, egal wann oder gegen wen und habe Unmengen an Geld gescheffelt, mehr als ich jemals ausgeben kann. Der verdammte Deal klang so vielversprechend, so einfach. Verdammte Überheblichkeit! Wäre ich nach dem Desaster im Casino nur eine Stunde länger in Vegas geblieben, wäre ich jetzt tot. Fichtenstein, dieses Café, war die einzige Möglichkeit zu verschwinden und gleichzeitig Geld zu verdienen, um meine Schulden zu bezahlen, falls Carlos mich doch findet. Es war kopflos, aber zumindest ein Plan. Hätte mir nicht Ella das Gesundheitsamt auf den Hals gehetzt. Das wird sie mir büßen!
Immer noch schäumend vor Wut, schnappe ich mir meine Jacke und verlasse das Café. Nach nur drei Minuten stehe ich vor der Traditionsbäckerei. Natürlich ist Ella nicht da, nur ihre Mutter steht hinter der Verkaufstheke. Den missbilligenden Blick, mit dem sie mich bedenkt, kann sie sich sonst wohin schieben.
»Wo ist Ella?« Mein Tonfall ist schneidend, meine Hände zu Fäusten geballt. Ich hätte Ella auch anrufen können, aber was ich ihr zu sagen habe, brülle ich ihr lieber direkt ins Gesicht.
»Zuhause. Sie hat heute Vormittag frei«, erwidert sie beinahe gelangweilt.
Ich stoße hart die Luft aus. »Danke!«
»Ach Tom?« Bereits auf dem Weg zu Tür halte ich kurz inne. »Unser Workshop gestern lief übrigens fantastisch. Wir haben noch weitere geplant, die schon alle ausgebucht sind.«
Ich starre sie an, als hätte sie mir gerade erklärt, dass Weihnachten dieses Jahr auf einen Donnerstag fällt. Weiß die Tante eigentlich, wie egal mir gerade ihre scheiß Workshops sind? Wortlos lasse ich sie stehen und verlasse die Bäckerei.
Es schrillt laut, als ich Ella und Leons Klingel drücke. Die beiden teilen sich eine Wohnung, was ich merkwürdig finde. Aber anscheinend funktioniert das für beide Geschwister recht gut, Leon zumindest hat sich nicht beschwert. Nur wenige Augenblicke später ertönt das mechanische Klicken der Haustür. Schnell öffne ich sie und gehe in das helle Treppenhaus. Glassteine an der Frontseite lassen Licht herein, sodass die grauenvolle Weihnachtsdekoration, die an den Wänden und der Haustür hängt, voll zur Geltung kommt.
»Hier oben!«, ertönt es über mir. Direkt rechts führt eine Treppe in das obere Stockwerk. Hier findet sich keine weitere Weihnachtsdeko, stattdessen hängen Fotos an der Wand. Unterschiedliche Menschen grinsen mir darauf entgegen, Ellas Familie und Freunde.
»Du bist eindeutig nicht der DHL-Bote.« Ella steht vor mir wie der frisch geborene Racheengel. Sie trägt eine enge schwarze Sporthose und einen dunkelgrünen Hoodie, ihre Haare hat sie zurückgebunden und ihre Wangen sind gerötet. Die Hände sind eingestützt, die Lippen zusammengepresst. Auf der Stirn liegt ein Schweißfilm. Wüsste ich es nicht besser, würde ich fast vermuten, sie kommt vom Sport. Von Leon ist nichts zu sehen.
»Kannst du mir mal verraten, was das soll?«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Wut jagt immer noch ungefiltert durch meine Adern, ich muss mich zwingen, sie nicht direkt anzubrüllen. Obwohl, wieso eigentlich nicht? Verdient hat sie es in jedem Fall.
»Was soll was?« Sie runzelt die Stirn, das Kinn trotzig gereckt. Sie weiß genau, wovon ich spreche.
»Das scheiß Gesundheitsamt hat mein Café geschlossen!«
»Oh nein!« Der Zynismus trieft nur so aus ihren Worten.
»Sie haben einen Tipp bekommen, einen Hinweis! Mir war klar, dass du sauer auf mich bist, aber ernsthaft? Hast du es so nötig, mir dermaßen ans Bein zu pissen?«, brülle ich sie an, da meine Selbstbeherrschung am Ende ist. Meine Gedanken überschlagen sich, meine Worte auch. Es macht nicht wirklich Sinn, was da aus meinem Mund kommt, aber jedes einzelne Wort tut wahnsinnig gut.
Ein Stockwerk unter uns öffnet sich eine Tür, gedämpfte Weihnachtsmusik erklingt.
»Ella, Schatz, ist alles in Ordnung?« Eine männliche Stimme, vermutlich ihr Vater.
Ella starrt mich an. Sie überlegt. »Ja«, ruft sie schließlich laut in den Hausflur, während sie plötzlich meinen Arm packt und mich mit sich in die Wohnung zieht. Schnell schließt sie die Tür hinter uns, dann baut sie sich vor mir auf. »Weißt du was, Tom, das Gesundheitsamt schließt nicht einfach so ein Café. Dafür muss es schon Gründe geben. Und wenn man in seiner Backstube herumvögelt und schläft, dann ist das genauso einer.«
Herumvögelt? Kurz verstehe ich nicht, was sie meint. Dann allerdings werde ich so wütend, dass ich nach Luft schnappen muss. »Darum geht es dir? Dass ich am Samstag mit Denise rumgemacht habe und nicht mit dir? Du bist eifersüchtig?«
Kalte Wut blitzt in ihren Augen und kurz rechne ich damit, dass sie mir eine scheuert. Ich habe ins Schwarze getroffen. »Du bist so ein Arschloch, Tom Westen! Ich kann echt nicht mehr glauben, dass ich dir mit dem Ofen geholfen habe!«
»Und du bist eine verklemmte, traditionsbesessene, alteingesessene Eigenbrötlerin. Den Sprung ins einundzwanzigste Jahrhundert hast du verpasst, oder?« Wir stehen uns schnaubend gegenüber, keinen halben Meter entfernt.
»Du kennst mich überhaupt nicht«, zischt Ella und der kalte, brechende Tonfall in ihrer Stimme macht etwas mit mir. Bedauern überkommt mich und das verdammte Gefühl, einen Fehler zu machen. Aber dafür ist es zu spät, viel zu spät. Zehn Jahre, um genau zu sein. Ella und ich haben uns nichts mehr zu sagen.
»Verschwinde von hier! Am besten für immer.« Sie macht einen Schritt zurück, bringt Abstand zwischen uns. »Dich will hier niemand, Tom!« Verdächtige Tränen glänzen auf einmal in ihren Augen.
Die Stille zwischen uns breitet sich aus, wird zur unüberbrückbaren Mauer, bis ich es nicht mehr aushalte. »Warum, Ella?« Meine Stimme zittert immer noch vor unterdrücktem Zorn, aber zumindest brülle ich nicht mehr. »Warum hast du das Gesundheitsamt angerufen, warum willst du mich so unbedingt loswerden?«
Sie schluckt angestrengt. Dann blinzelt sie, ihre Tränen sind verschwunden. »Du bringst alles durcheinander, Tom. Wir haben deutlich weniger Kunden, als üblich. Du machst uns die Bäckerei kaputt. Verdammt, natürlich will ich dich loswerden. Außerdem …« Ihr Blick wandert an mir vorbei, bleibt an der Haustür in meinem Rücken hängen. »Außerdem hat das am Samstag echt wehgetan. Einfach so stehengelassen zu werden. Und dann verschwindest du auch noch mit Denise.« Sie sieht mir direkt in die Augen. Und in ihrem Blick liegt viel mehr als nur die Enttäuschung über den Samstagabend. Alter Schmerz flammt darin auf, ein altes Verlangen, Liebe, die nie erwidert wurde. In meinem Bauch bildet sich ein harter Klumpen. Denn eines begreife ich in diesem Moment. Es gibt etwas, womit ich Ella besiegen könnte. Etwas, dass sie unbedingt will, viel mehr noch als ihre Bäckerei, als ihre Ruhe, als ihr beschauliches Leben. Und ich bezweifle, dass sie sich dessen wirklich bewusst ist. Ella will mich.
Wenn das hier ein Pokerspiel wäre, wüsste ich, was zu tun ist. Die Karten liegen offen auf dem Tisch, ich muss nur noch abräumen. Ella und ich haben gespielt und beide verloren. Ich mein Café, sie ihr Herz. Und wäre ich jemand anderes, würde ich mich jetzt zurückziehen und aufgeben. Aus Fichtenstein verschwinden, meine Wunden lecken und nie mehr zurückkehren. Ihr Pech ist jedoch, dass ich ein Spieler bin. Und gewinnen will. Um jeden Preis. Selbst wenn ich mich selbst ins Spiel bringen muss.
Meine Haltung verändert sich, meine Anspannung lässt nach. Dafür zupft ein selbstgerechtes Grinsen an meinen Mundwinkeln. Ich mache einen Schritt auf Ella zu, sie weicht mir nicht aus. Stattdessen weiten sich ihre Pupillen, als ich mich langsam zu ihr hinunterbeuge und ihr plötzlich viel zu nah bin. »Es macht keinen Unterschied mehr, Cinderella, aber ich will, dass du eine Sache weißt«, raune ich ihr zu. Sie schluckt hart. »Ich wusste nicht, mit wem ich da am Samstagabend rummache. Und auch wenn du mir nicht glaubst, ich habe nicht mit Denise geschlafen. So ein Arschloch bin ich nicht.«

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2 Kommentare zu „Lebkuchenliebe: Tag 10

  1. Hallo Izzy,
    langsam gewinnt deine Story richtig an Fährt! Du schreibst spritzig und mit Witz super!
    Freu mich jeden Tag auf das nächste Häppchen !

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