Lebkuchenliebe: Tag 11

Von Gazellen und Löwen

Ella

Freitag, 11. Dezember

Ich renne.
Gazellengleich sprinte ich über den nebelverhangenen Feldweg, Survivors »Eye of the Tiger« im Ohr. Lässig wische ich mir mit der Hand über die Stirn, werfe ein Blick auf mein Smartphone und stelle zufrieden fest, dass sich mein Herzschlag nur ein wenig erhöht hat. Ich könnte ewig so weiterlaufen.
Okay, wem will ich hier etwas vormachen? Mein Puls kollabiert gleich, meine Beine sind bleischwer und der Schweiß läuft in Strömen. Und mein Gang hat eher etwas von einem altersschwachen Löwen, der kurz davor steht zusammenzubrechen, als von einer grazilen Gazelle.
Scheiße!
Ich brauche Luft!
Röchelnd ziehe ich die eiskalte Abendluft in meine Lungen, fluche hustend, als die Kälte in meine erhitzte Haut sticht und bleibe schließlich keuchend stehen. Die Hände auf die Knie gestützt, um nicht endgültig zusammenzubrechen.
Es bereits ist der zweite Tag, an dem ich meinen Körper in diesen Ausnahmezustand zwinge. Und für alle, die glauben, am zweiten Tag läuft es besser: Das tut es nicht. Ganz im Gegenteil. Der Muskelkater macht es nur noch schlimmer.
Es sind noch etwa fünfhundert Meter bis zu unserem Wohnhaus, das rettende Ziel ist in greifbarer Nähe. Noch nie kam mir diese verdammte Nebelbergstraße so lang vor. Mit letzter Kraft krieche ich bis zu unserer Haustür, schaffe mich mit Mühe durchs Treppenhaus nach oben und öffne die Tür. Und erstarre auf Stelle zu Eis, die Türklinke immer noch in der Hand.
Zwei Stimmen dringen an mein Ohr. Eine gehört meinem Bruder, die andere … ich schnappe erschrocken nach Luft. Mein Herz stolpert, beginnt zu rasen, Adrenalin und Wut jagen durch meinen Körper. Die andere Stimme gehört eindeutig Tom. Was zur Hölle macht er hier?
Mit wenigen Schritten bin ich an der Tür zum Wohnzimmer, puterrot im Gesicht und klatschnass geschwitzt. Doch mir ist in diesem Moment schnurzegal, wie ich aussehe, denn das Bild, was sich jetzt vor mir eröffnet, schlägt dem Fass den Boden aus. Leon und Tom lümmeln auf unserer Couch, die Füße auf dem Couchtisch, eine Schüssel mit Chips in der Hand. Im Fernsehen läuft irgendein Autorennen. Am schlimmsten jedoch ist die Reisetasche, die direkt neben der Couch auf dem Teppich steht und eindeutig nicht Leon gehört. Mir klappt der Mund auf, im ersten Moment bin ich sprachlos. Dann bricht ein Sturm an Gefühlen über mich herein, wirbelt durch mein Inneres, bis ich nur noch Rot sehe.
»Könnt ihr mir mal sagen, was das hier werden soll?«, knurre ich laut.
Tom zuckt zusammen, Leon, der gerade dabei ist sich eine Monsterportion Chips in den Mund zu werfen, hält in der Bewegung inne. »Schwesterherz, du bist schon zurück?«
Schon? Entschuldige bitte, zwanzig Minuten Joggen sind eindeutig mehr als ein »schon«!
»Was macht er hier?«, blaffe ich meinen Bruder an und deute anklagend auf Tom, der mich interessiert mustert.
Leon springt von der Couch auf und kommt auf mich zu. »Ich … äh … muss mit dir sprechen!«
»Er soll verschwinden, auf der Stelle!« Unverwandt starre ich auf Tom, der nun den Kopf schief legt und auch noch die Frechheit besitzt, mich unverhohlen anzugrinsen.
Mein Bruder greift nach meinen Schultern, dreht mich herum und schiebt mich kommentarlos in die Küche. Ich bin so überrumpelt, dass ich es geschehen lasse, bis Leon die Küchentür hinter uns geschlossen hat. Dann fahre ich wie eine Furie zu ihm herum.
»Was macht er hier?« Ich weiß nicht wohin mit meiner Wut. Und gleichzeitig fühle ich mich so hilflos, so überfordert, dass ich heulen könnte. Ich will Tom nicht sehen. Schon gar nicht in meinem Wohnzimmer. Ich will, dass er verschwindet. Möglichst für immer. Doch irgendetwas sagt mir, dass genau das nicht geschehen wird.
»Er weiß nicht, wo er schlafen soll. Und bevor er auf der Straße sitzt, kann er auf meiner Couch pennen.«
Ungläubig starre ich meinen Bruder an. »Das kannst du nicht Ernst meinen.« Meine Stimme ist plötzlich nicht mehr als ein Flüstern.
»Sein Café ist dicht, solange er dort schläft. Und da Tom knapp bei Kasse ist und auf die Einnahmen angewiesen ist, helfe ich ihm aus, bis er eine andere Lösung findet.«
Wie ferngesteuert beginne ich, den Kopf zu schütteln. »Nein, Leon! Nein! Tom ist unser direkter Konkurrent, sein Café schadet unserer Bäckerei. Ich weiß, dass du dich nie dafür interessiert hast, aber für uns alle wäre es besser, wenn Tom wieder verschwindet. Mama und Papa werden mir da zustimmen. Er kann hier nicht bleiben.«
Zorn flammt in Leons Gesicht auf. Er fährt sich durch die kurzen Haare, macht einen Schritt zur Seite, dann sieht er mich wieder an. »Er ist mein Freund, Ella. Ich werde ihn nicht hängenlassen. Mir ist klar, dass die Situation nicht einfach ist, aber er bleibt.«
»War das deine Idee?«
»Er hat mich angerufen.«
Meine Augen werden schmal. Wieso überrascht mich das nicht? Tom jammert und mein loyaler, hilfsbreiter Bruder bietet ihm natürlich einen Ausweg an. Leon hat schon immer geholfen, wo er konnte. Und Tom hat das schamlos ausgenutzt.
»Eine Woche, dann ist er verschwunden. Du übernimmst in der Zeit die Einkäufe und den Abwasch.« Ich kann in dieser Sache nicht gegen meinen Bruder gewinnen. Und bei unseren Eltern zu petzen, ist nicht mein Ding.
Leon lächelt mich an, Erleichterung huscht über seine Züge. »Danke, Ella!« Er zögert kurz. »Sag mal, warst du Joggen? Finde ich gut!«
Ach! Ich stehe immer noch in kompletter Sportgarnitur vor ihm, inklusive Mütze und verdreckter Turnschuhe. Ich muss stinken wie ein Iltis und so langsam ist der verklebte Schweiß auf meiner Haut echt unangenehm. Daher gehe ich nur augenrollend an meinem Bruder vorbei ins Wohnzimmer. Tom sitzt immer noch auf der Couch und stopft Chips in sich hinein. Er wirft mir einen kurzen Blick zu, dann sieht er wieder nach vorne. Ich versuche, ihn nicht zu beachten, als ich in mein Zimmer verschwinde, um frische Klamotten zusammenzusuchen. Auf dem Weg ins Bad sehe ich bewusst in eine andere Richtung. Doch Tom ist so präsent in dieser Wohnung, dass alleine das Wissen, dass er nur wenige Meter von mir entfernt sitzt, mich in die Verzweiflung treibt. Was hat sich Leon nur dabei gedacht? Gut, Tom ist sein Freund, aber hat er auch einen einzigen Gedanken daran verschwendet, wie es mir damit geht? Der kalte Hass, den ich die letzten Tage auf Tom verspürt habe, leckt über meine Haut, mischt sich mit Zorn und Abscheu. Ich muss an unseren Streit gestern denken und erneut schießen mir die Tränen in die Augen. Tom bringt alles durcheinander. Die Bäckerei, mein Leben, mich. Und ich will diese Unruhe nicht, ich will Tom nicht.

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