Lebkuchenliebe: Tag 12

Höllische Feuerzangenbowle

Tom

Samstag, 12. Dezember

Adventsmarkt in Fichtenstein. Dieses Kaff liebt seine Traditionen, zu denen auch der Weihnachtsmarkt am dritten Advent gehört. Rund zwanzig kleine Holzbuden stehen locker verteilt auf dem Platz vor der Kirche, Lichterketten sind über den schmalen Wegen dazwischen aufgehängt, die den gesamten Markt in eine heimelige Atmosphäre tauchen. Es riecht nach Glühwein, frischen Waffeln, fettigen Pommes und zuckrigen Plätzchen. Leise Weihnachtsmusik, gespielt vom örtlichen Musikzug, untermalt den perfekten Weihnachtsmarkt, der in mir jedoch nur dumpfe Beklemmung auslöst.
Der Adventsmarkt gehört in Fichtenstein zu den wichtigsten Veranstaltungen im Jahr. Vor zwei Jahren hat das Veranstaltungskomitee sogar mit einer Eislaufbahn aufgewartet. Jeder Einwohner des Ortes ist heute Abend anwesend, jeder will dabei sein, nicht dass man am Ende noch etwas verpasst.
Unschlüssig lehne ich an einer hellen Straßenlaterne und beobachte das bunte Treiben aus sicherer Entfernung. Vor zwölf Jahren war ich das letzte Mal auf dem Adventsmarkt. Mit meinen Eltern. Und meinem Bruder. Damals waren wir noch die perfekte kleine Familie, damals war mein Leben noch das typische verzweifelte Chaos eines Vierzehnjährigen. Mit der ersten Liebe, dem ersten Vollsuff und einer Zahnspange. Erinnerungen durchzucken mich und für einen Herzschlag lang erlaube ich es mir, den Gefühlen nachzugeben. Da sind Sehnsucht und Liebe, verzweifelter Schmerz und der dunkle Abgrund, der kurz danach über uns allen zusammenbrach und mit der Scheidung meiner Eltern endete. Ich sehe meinen Bruder vor mir, glücklich lachend, mit roten Pausbacken. Gesund. Eine der letzten Erinnerungen, bevor ich ihn nur noch im Krankenhaus zu sehen bekam und schließlich gar nicht mehr. Mein Hals wird eng, meine Hände verkrampfen.
Fuck! Dieser verdammte Adventsmarkt macht mich sentimental. Ich hole tief Luft und schließe kurz die Augen. Verdränge die Erinnerungen, die Bilder, die wie von alleine nach mir greifen, und verschließe alles sicher im hintersten Winkel meiner Selbst.
Ich brauche dringend etwas zu trinken. Und wenn sich in den letzten Jahren nichts geändert hat – und mein Gefühl sagt mir, das hat es nicht – ist der beste Weg zu einem totalen Knock-out die Feuerzangenbowle der Feuerwehr. Mit schnellen Schritten nähere ich mich dem wilden Treiben, ein aufgesetztes Lächeln im Gesicht, und will mich eigentlich möglichst unauffällig durch die Menge schieben, aber da habe ich meine Rechnung ohne die Fichtensteiner gemacht. Denn ich habe die erste Bude noch nicht erreicht, da ruft jemand meinen Namen. Verwundert drehe ich mich herum und entdecke Leon, der mir zuwinkt. Im Arm ein braunhaariges Mädchen, das ich nicht kenne. Ich winke zurück und will weitergehen, doch jemand legt mir die Hand auf die Schulter.
»Tom, hi!« Ein dunkelhaariger Mann, mittleren Alters. Vage erkenne ich ihn als einen meiner Kunden, der jeden Morgen einen Bagel mit Kaffee bei mir kauft. »Ich habe gehört, dein Café ist geschlossen?« Er klingt ehrlich entsetzt.
»Äh, ja. Aber ich öffne am Montag wieder.« Da ich nicht mehr in der Backstube schlafe, hat das Gesundheitsamt grünes Licht gegeben.
»Großartig! Dein Kaffee ist fantastisch, der würde mir echt fehlen!«
Er grinst mich an, klopft mir noch einmal auf die Schulter und verabschiedet sich. Was war das denn gerade?
Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, werde ich erneut angesprochen. Immer wieder, je weiter ich mich durch die Menge schiebe. Ich werde gegrüßt, nach meinem Café gefragt, einmal sogar nach meiner Mutter. Bis ich endlich bei der langersehnten Feuerzangenbowle ankomme, habe ich gefühlt mit dem halben Ort gesprochen. Doch merkwürdigerweise stört es mich nicht. Es nervt mich auch nicht, ganz im Gegenteil. Es freut mich beinahe, denn zum ersten Mal seit langem habe ich das Gefühl wirklich dazuzugehören.
»Tom! Wir sind hier!«, ruft mich Jens, bevor ich mich in die Schlange vor dem Feuerwehrstand einreihe. Er und noch ein paar Leute stehen an einem kleinem Feuer direkt neben der Bude, über dem in einem Eisengestell ein gusseiserner Topf hängt. Grinsend gehe ich zu ihnen. Es hat schon Vorteile so bekannt zu sein. Unaufgefordert reicht mir Jens einen warmen Becher, aus dem ein süßlich schwerer Duft aufsteigt.
»Danke!« Die Wärme dringt sofort in meine eiskalten Finger und lässt sie kribbeln. »Gut was los hier!«
»Jep!« Jens nickt und trinkt einen Schluck aus seinem eigenen Becher. »Das ist jedes Jahr so. Aber das beste Getränk gibt es bei uns!« Er grinst dümmlich. Er hat eindeutig schon einem im Tee, aber das ist kein Kunststück, bei der Menge an Rum und Wein, die sie in die Bowle kippen. Ich proste Jens zu und trinke einen großen Schluck. Wohlige Wärme breitet sich augenblicklich in meinem Bauch aus und ich entspanne mich langsam. Bis mich eine nervtötende Stimme von der Seite anspricht.
»Ich habe gehört, das Gesundheitsamt hat dein Café geschlossen?« Nora. Es wundert mich, dass sie jetzt erst auftaucht.
Bevor ich ihr antworte, leere ich meine Bowle. Dann wende ich mich der anstrengenden Pressetante zu. »Und ich habe gehört, du hattest mal was mit einem Rockstar?«
Ihr Lächeln erstirbt. »Das hat sich erledigt. Aber darum geht es jetzt nicht.«
»Ach?«, unterbreche ich sie und gebe Jens ein Zeichen, dass ich einen neuen Becher brauche. Das Zeug ist sowas von gut!
»Wirst du dein Café wieder eröffnen?« Sie ignoriert meine Frage. Mein rechter Mundwinkel hebt sich. Ganz so taff, wie Nora sich gibt, ist sie offenbar doch nicht.
»Ich öffne am Montag. Mehr brauchst du nicht schreiben.«
»Und wo schläfst du jetzt?«, will sie prompt wissen.
Ja, wo schlafe ich jetzt? Automatisch muss ich grinsen und gleichzeitig könnte ich mir selbst stolz auf die Schultern klopfen. Denn dass ich ausgerechnet bei Leon wohnen oder vielmehr bei Ella, ist zugegeben merkwürdig, aber gleichzeitig perfekt. Denn so bietet sich die recht einfache Möglichkeit, Ella in den Wahnsinn zu treiben.
Ich will Nora gerade antworten, da fällt mein Blick auf ein Mädchen, das hinter ihr steht. Sie trägt eine dicke blaue Jacke sowie eine rote Mütze mit silbernen Sternen drauf, unter der ihre wilden braunen Locken hervorquellen. Ihre Wangen glühen rot von der Kälte und vermutlich von ordentlich Glühwein. Wenn man vom Teufel spricht.
»Hi Cinderella!« Ich schenke Ella ein schiefes Grinsen.
Nora hebt überrascht ihre Brauen und dreht sich um. »Hi, Ella! Dein Workshop war super! Der Bericht dazu erscheint am Montag!«
»Danke!«, antwortet diese frostig, ohne Nora anzusehen. Ihre dunkelgrünen, zornigen Augen spießen mich regelrecht auf. Oh ja, sie hasst mich! Der Triumph über meinen Schachtzug pulsiert euphorisch durch mich hindurch und plötzlich kommt mir eine Idee.
»Möchten die Damen noch etwas trinken?«, frage ich in die Runde.
»Ja.«
»Nein.«
Nora und Ella antworten gleichzeitig, was ich als einvernehmliche Zustimmung deute. Von Jens besorge ich mir noch drei Tassen, die dritte ist für Jenna, die gemeinsam mit Ella aufgetaucht ist.
»Hier!« Ich verteile die Bowle, die Nora und Jenna dankbar lächelnd entgegen nehmen, Ella brummig. Sie sollte eindeutig mehr trinken, vielleicht wird sie dann lockerer.
»Nora«, wende ich mich gespielt interessiert an die Pressetante, die immer noch neben mir steht. »Hättest du nicht Lust, mal ein Interview mit mir zu führen? Ich könnte dir ein bisschen mehr über mein Café erzählen, über das Konzept und woher ich die ganzen Rezepte habe.«
Noras blaue Augen leuchten auf und würde ich es nicht längst wissen, wäre spätestens das die Bestätigung, dass sie mich attraktiv findet. Oh man, Frauen sind doch so einfach zu durchschauen!
»Klar, gerne doch!« Sie tippt sich an ihre Unterlippe, während sie kurz überlegt, was meine Augen wie von alleine auf ihren Mund lenkt. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie Ella uns anstarrt. Die Augenbrauen zusammengekniffen, die eine Hand geballt. Mit der anderen hebt die ihre Tasse an die Lippen und trinkt die Bowle in einem Zug leer. Mmh, wenn sie so weitermacht, ist sie schneller betrunken als gedacht.
»Wie würde es dir direkt am Montag passen?«
»Montag ist schlecht. Dienstag? So um Achtzehn Uhr?«, antworte ich, während ich weiterhin Ella im Auge behalten. Sie hat sich von Jens eine weitere Tasse geben lassen und unterhält sich nun mit Jenna. Sie diskutieren heftig, doch ihr Blick zuckt immer wieder zu mir. Wenn es da mal nicht um unsere aktuelle Wohnsituation geht.
»Ja, das passt!« Nora strahlt mich an, ihre Hand liegt plötzlich auf meinem Arm. Das ist dann doch ein wenig zuviel des Guten.
»Ich muss mit dir reden!«, platzt Ella plötzlich dazwischen und schiebt sich an Nora vorbei, bis sie direkt vor mir steht. Ihr Blick ist nicht mehr ganz gerade und ihre undeutliche Aussprache verrät, dass ihr der Alkohol schon etwas zu Kopf gestiegen ist.
»Klar! Was gibt es?«, frage ich betont locker. Nora verabschiedet sich winkend, was ich mit einem Kopfnicken beantworte.
»Du musst wieder ausziehen!«
»Und du bist betrunken!«, stelle ich lächelnd fest und gehe nicht weiter auf ihre Forderung ein.
»Na und? Es ist Weihnachtsmarkt! Und von dir lasse ich mir schon gar nichts vorschreiben!«, motzt sie und leert erneut eine Tasse. Meine Mundwinkel zucken. Wow, die Wievielte war das jetzt?
»Meinst du nicht, es langt?« Okay, vielleicht sollte ich sie nicht noch weiter provozieren. Sie hat eindeutig genug getrunken.
»Mmpf!« Sie schaut zu Jens, dann zurück zu mir. Plötzlich hebt sie den Kopf, wie als würde sie lauschen. »Spielen sie da gerade ›Rocking around the Christmas Tree‹? Oh, ich liebe dieses Lied!«
Bevor ich wirklich realisiere, wie mir geschieht, schnappt sie sich meinen Arm und zieht mich mit sich. »Hey!«, protestiere ich und befreie mich aus ihrer Umklammerung. Ella stört das nicht weiter, mit schnellen Schritten verschwindet sie in der Menge. Irritiert lasse ich meinen Blick über die vielen Gäste des Weihnachtmarktes wandern, doch die rote Sternenmütze entdecke ich nicht unter ihnen.
Auf einmal wird es still um mich herum, das gleichmäßige Tönen unseres Musikzuges verstummt. Nur um eine Sekunde später von einer anderen mir sehr wohl vertrauen Stimme abgelöst zu werden, die voller Inbrunst den »Jingle Bell Rock« in die Nacht schmettert. Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht laut loszulachen. Denn dort, vor unserem Musikzug, der jetzt einstimmt und den Gesang begleitet, steht Ella am Mikrophon und singt, als ginge es um ihr Leben.
»Dafür wird sie sich morgen hassen!« Leon ist neben mich getreten, ohne das braunhaarige Mädchen von vorhin, dafür mit einem Schmunzeln im Gesicht. Ebenso wie Jenna, die jetzt kopfschüttelnd zusieht, wie Ella gerade zum nächsten Lied bittet.
»Jemand sollte sie aufhalten!«, stammelt sie leise, macht aber selbst keine Anstalten. Die ersten Takte von »Last Christmas« ertönen, dann steigt Ella volles Rohr mit ein. Die Menschen um uns herum sind stehengeblieben, sie klatschen im Takt mit, die ersten beginnen zu tanzen. Ungewollt muss ich zugeben, dass ich beeindruckt bin. Nicht, dass ich Ella so einen Auftritt nicht zutrauen würde, aber sie kann wirklich singen.
Als das Lied endet, bedankt sich Ella für den Applaus und übergibt das Mikrophon wieder an den Leiter des Musikzuges. Sie sieht sich suchend um und als sie uns entdeckt, kommt sie mit einem fetten Grinsen im Gesicht auf uns zu. Bis sie über ihre eigenen Füße stolpert und direkt in mich hinein fällt.
»Hey!« Empört stößt sie sich von mir weg. Ich kann gerade noch nach ihr greifen, bevor sie erneut zu fallen droht. Scheiße, die ist ja vollkommen dicht!
Verwirrt hebt Ella den Kopf, ihre Hände klammern sich an meine Arme. »Hey Tom«, flüstert sie. Ihr Gesicht ist meinem verdammt nahe, unsere Nasenspitzen berühren sich fast. Ihr warmer Atem streift meine kalte Haut, ich rieche den süßen Duft, der sie für gewöhnlich umgibt. Und die Unmengen Feuerzangenbowle, die sie in sich hineingekippt hat.
»Hey Ella.« Ich will grinsen oder wenigstens die Augen verdrehen. Doch aus irgendeinem Grund heben sich meine Mundwinkel nicht, sondern ziehen sich mit einem leicht bitteren Zug nach unten. Ich sollte Ella loslassen, sie wieder hinstellen oder Jenna in die Arme drücken. Doch Ella klammert sich mit einer Verzweiflung an mich, die es mir unmöglich macht, jetzt wegzugehen.
»Wow, Schwesterherz! Das war ja ein fetter Auftritt!« Leon tritt näher an uns heran, ein amüsiertes Funkeln in den Augen, das eindeutig unserer Umarmung gilt. Jenna hingegen betrachtet uns argwöhnisch.
»Deine Schwester ist hinüber. Du solltest sie heimbringen«, erkläre ich ihm und schaue missbilligend auf Ella hinab, die nur vehement den Kopf schüttelt. Immer noch an mich geklammert.
»Oh nein, Mann! Das überlasse ich heute Abend dir.« Leon lacht. »Außerdem schaut das nicht so aus, als ob sie von mir heimgebracht werden will.« Bitte was? Leon zwinkert mir zu, wofür ich ihm eine reinhauen könnte.
»Auf gar keinen Fall! Sie ist deine Schwester!« Ich schiebe Ella von mir, bis sie gerade steht. Sie kann sich auf den Beinen halten, aber nach Hause schafft sie es nie im Leben ohne Hilfe.
»Ich kann sie heimbringen.« Jenna legt ihren Arm um Ella, doch diese schüttelt ihn ab.
»Nein.« Sie versucht zu flüstern, was ihr desaströs misslingt. »Du bleibst. Vielleicht kannst du ja heute mit ihm reden.« Sie wirft Leon einen bedeutungsschwangeren Blick zu, der nicht viel Interpretationsspielraum lässt. Leon rollt die Augen, Jenna wird rot. Ah ja.
»Ich schaff das … schon«, lallt Ella weiter und wankt ein paar Schritte.
Leon schüttelt den Kopf. »Tom, bitte, bringe sie heim. Immerhin wohnst du bei uns, du bist quasi mit für sie verantwortlich.« Entgeistert schaue ich meinen besten Kumpel an, der nur entschuldigend die Arme hebt. Wütend hole ich Luft! Leon ist nicht Schuld an dem Desaster vor mir, das jetzt noch einen Schritt zurück wankt und dabei fast zu Boden geht. Das habe ich mir selbst eingebrockt. Fluchend lege ich Ella meinen Arm um die Schultern und schleife sie mit mir. Nicht ohne Leon vorher mit einem tödlichen Blick zu bedenken.
So schnell es geht bugsiere ich uns durch die Menge. Immer wieder grüßen uns Personen, doch die amüsierten bis bedauernden Blicke, die uns folgen, überwiegen.
»Ich will nicht, dass du mich heimbringst!«, brummelt Ella, als wir gerade das Ende des Weihnachtsmarktes erreicht haben. Zum Glück ist es bis zu ihrem Haus nicht weit.
»Tja, Prinzessin. Da sind wir schon zu zweit.«
Wir stolpern über die Straße, an zwei Häusern vorbei, bis Ella plötzlich stehen bleibt. »Tom, mir ist schlecht!« Fuck!
»Schaffst du es bis nach Hause?«
»Ich … ich weiß nicht.«
»Komm!« Fester packe ich ihre Schultern, will sie weiter ziehen, doch Ella rührt sich keinen Meter. Stattdessen sieht sie erschrocken zu mir hoch, ihre Augen weit aufgerissen. Das warme Licht der Straßenlaterne spiegelt sich darin und für einen kurzen Moment vergesse ich, warum wir hier sind. Warum wir auf der Straße stehen, warum sie mich hasst, warum ich ihr die Pest an den Hals wünsche. Die Bäckerei, mein Café, unser ganzer Streit gerät in den Hintergrund, das einzige, was in diesem Augenblick zählt, sind Ella und ich. Ich und Ella. Genauso wie vor zehn Jahren.
»Tom, ich …« Ihre Stimme verklingt. Sie schaut immer noch zu mir auf. Ich will Luft holen, will etwas sagen, will mich daran erinnern, warum das hier eine ganz beschissene Idee ist, doch mir fällt nichts mehr ein. Langsam hebt Ella die Hand und legt mir ihre warmen Finger an die Wange. Ich sollte sie wegschlagen. Wir sollten weitergehen. Auf gar keinen Fall sollten wir hier stehen bleiben.
»Ich will dich nicht hassen«, flüstert sie traurig und jedes einzelne Wort brennt sich durch mich hindurch und trifft mein Herz. Ellas Blick wandert von meinen Augen zu meinem Mund. Das heftige Verlangen zu küssen überkommt mich, doch ich halte mich zurück. Einen Herzschlag lang spüre ihre Finger auf meiner Haut, ihren Körper an meinem. Wärme breitet sich in meinem Körper aus, ein längst vergessenes Sehnen drängt an die Oberfläche. Fuck! Diese Gefühle passen so überhaupt nicht in meinen Plan. Kurz schließe ich die Augen, dann schiebe ich sie ein wenig von mir weg.
»Tom, …«, setzt Ella an. Oh bitte, jetzt kein abgewracktes Liebesgeständnis. »Ich …« Ella holt tief Luft – und kotzt mir direkt vor die Füße. Scheiße!
Eine gefühlte Ewigkeit später helfe ich ihr in die Wohnung, wo sie direkt ins Bad verschwindet. Wütend über mich selbst, warte ich im dunklen Flur. Den Abend habe ich mir weiß Gott anders vorgestellt. Als sie nach zehn Minuten wieder aus dem Bad kommt, sieht sie aus wie der lebendige Tod. Sie ist kalkweiß im Gesicht, Schweiß steht ihr auf der Stirn. Leise meldet sich mein schlechtes Gewissen.
»Kann ich noch irgendetwas für dich tun?«, frage ich unschlüssig, während sie in ihr Zimmer wankt.
»Nein!« In ihren grünen Augen liegt der ganze Frust, ihre ganze abgeklärte Wut, ihre Enttäuschung und ihr Hass auf mich, der mich plötzlich hart schlucken lässt. Denn obwohl ich mich freuen sollte, obwohl es meine Absicht war, sie heute Abend durcheinanderzubringen, fühle ich mich auf einmal furchtbar. Ella hat dieses Spiel gewollt. Sie hat damit angefangen. Doch bin ich auch wirklich bereit, es zu beenden?

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