Lebkuchenliebe: Tag 13

Heute habe ich keine kleine Überraschung für euch, denn die wundervolle Julia Haase hat dieses Kapitel eingelesen, sodass ich „Waffenstillstand“ auch als Podcast veröffentliche.

Alle die mal reinhören wollen: Lebkuchenliebe – Kapitel 13 (gelesen von Julia Haase)

Mich würde brennend interessieren, wie ihr es findet? Viel Spaß mit dem heutigen Kapitel! Einen schönen dritten Advent!

Eure Izzy

Waffenstillstand

Ella

Sonntag, 13. Dezember

Ich will sterben! Am besten schnell und schmerzlos. Warmes Wasser prasselt auf mich herab, für einen kurzen Moment schließe ich die Augen. Dann greife ich nach der Shampooflasche und seife meine Haare ein. Was habe ich mir gestern Abend nur dabei gedacht, mich so abzuschießen? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so abgestürzt bin – oder ob überhaupt schon jemals. Oh Mann! Und das alles nur, weil ich Toms Anblick nicht ertragen habe. Okay, das ist nicht ganz richtig. Es war der Anblick von Tom und Nora.
Ich hasse Tom! Ich bin wütend auf ihn! Er bringt mein Leben durcheinander, er macht unser Geschäft kaputt! Ich hasse Tom! Mantramäßig wiederhole ich diese Gedanken in meinem Kopf. Doch so oft ich sie mir auch vorbete, ich weiß, dass es so einfach leider nicht ist. Sonst wäre ich gestern nicht so durch die Decke gegangen, was mit meinem fulminanten Gesangsauftritt vor der gesamten Ortschaft geendet hat. Oh Mann! Vielleicht sollte ich doch darüber nachdenken, auszuwandern.
Die Badezimmertür wird aufgerissen und kracht mit einem lauten Knall gegen das weiße Plastikregal, das direkt dahinter steht. Hellblaue, lila- und rosafarbene Badekugeln kullern durch das kleine Badezimmer, Waschlappen und Handtücher verteilen sich quer über dem Boden. Ich stoße einen spitzen Schrei aus!
Tom starrt mich einen Moment völlig perplex durch die gläserne Duschwand an. Dann ruckt sein Kopf zur Toilette, mit zwei Schritten ist er dort und hebt den Klodecken an. Oh bitte nicht!
»Raaaauuuussss!«, brülle ich, wobei das Geräusch des laufenden Duschwassers meine Worte verschluckt. Hektisch presse ich einen Arm über meine Brüste, die andere Hand über meine Scham. Er reagiert nicht. Gar nicht. Entgeistert schaue ich dabei zu, wie er seine Hose öffnet und in Seelenruhe – im Stehen! – in die Toilette pinkelt.
»Tom! Ich dusche!«, schreie ich schrill, schwankend zwischen Wut, Fassungslosigkeit und Beschämung, weil ich splitterfasernackt unter der Dusche stehe. Und gerade weiß Gott nicht meine Schokoladenseite präsentiere.
»Ich muss schiffen!«, murrt er, immerhin ohne mich anzusehen. Doch seine Mundwinkel zucken verdächtig.
»Dann warte gefälligst, bis ich fertig bin.« Warum habe ich auch nicht abgeschlossen?
Es gibt kaum etwas Widerwärtigeres, als einem Mann dabei zuzusehen, wie er pinkelt. In der Attraktivitätsskala fällt Tom ins Bodenlose. Schnell wasche ich die letzten Shampooreste aus meinen Haaren, stelle ich das Wasser ab und öffne die Duschtür. Ich will gerade nach einem Handtuch greifen, als sich Mr. Ich-Muss-Schiffen zu mir umdreht und mich mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen unverhohlen mustert. Ich erstarre in der Bewegung. Shit!
»Das konnte nicht warten. Die Alternative wäre das Spülbecken gewesen und das hätte dir vermutlich noch weniger gefallen.«
»Wage dich!« Meine Hand tastet nach dem Handtuch, das ich bereitgelegt hatte, während meine Augen immer noch an Tom hängen. Er sieht ausgeschlafen aus, auch wenn seine braunen Haare das übliche wirre Chaos sind und sich ein feiner Kissenabdruck an seiner rechten Wange abzeichnet. Mist, wo ist nur das verfluchte Handtuch? Ich riskiere einen Blick. Kein Handtuch. Da sind nur die Tücher am Boden und die befinden sich außerhalb meiner Reichweite.
»Könntest du dich bitte umdrehen?« Resigniert lasse ich meine Hände sinken, er hat sowieso schon alles gesehen.
»Wieso?« Seine Augen wandern erneut ungeniert über meinen nackten Körper, während sich sein Mund zu einem diabolischen Grinsen verzieht. »Eine Dusche hätte ich auch echt mal wieder nötig!«
Ich komme nicht dazu, zu reagieren. Blitzschnell hat sich Tom seinen Pullover über den Kopf gezogen. Ich starre ihn an wie ein paralysiertes Reh im Scheinwerferlicht, kurz bevor es das Auto erwischt. Hitze flammt über mein Gesicht, mein ganzer Körper beginnt zu prickeln. Ich schlucke hart, doch das Verlangen, das mit aller Wucht durch meine Mitte schießt, lässt meine Knie wacklig werden. Tom ist gut gebaut, muskulös, ein wenig zu schmal vielleicht. Aber nichtsdestotrotz ist er ein junger – halbnackter! – Mann, der keinen Meter entfernt von mir gerade dabei ist, sich endgültig zu entblättern. Und der Teufel soll mich holen, wenn er das ohne dreckige Hintergedanken tut! Dieses Arschloch!
Stinkwütend, weil er das alles nur tut, um mich zu provozieren, drehe ich mich um und springe zurück in die Dusche. Dann greife ich nach dem Duschkopf, stelle das Wasser an und ziele damit auf Tom. Ein eiskalter Schauer schießt durch das Badezimmer direkt auf ihn zu. Er keucht erschrocken auf, springt zur Seite, aber das Badezimmer ist mit seinen knapp zehn Quadratmetern einfach zu klein. Es gibt kein Entkommen. Tom flucht laut, schreit und wedelt mit den Händen so komisch in der Luft herum, dass ich anfangen muss zu lachen. Er sieht aus wie ein tropfnasser Tanzbär. Dass ich mit der Aktion auch das gesamte Bad unter Wasser setze, ist mir in diesem Moment scheißegal.
»Okay, ich habs verstanden«, brüllt er, doch ich halte weiter direkt auf ihn drauf. Mit dem Duschkopf bewaffnet, wage ich mich erneut aus der Dusche, strecke mein Bein aus und erhasche mit dem linken Fuß ein klatschnasses Handtuch am Boden. Schnell ziehe ich es zu mir.
»Die Abkühlung hattest du nötig!« Eingehüllt in das nasse Handtuch, drehe das Wasser ab und hänge ich den Duschkopf zurück. Tom steht vor mir wie ein begossener Pudel. Wasser tropft aus seinen dunklen Haaren, läuft über seine nackten Schultern seinen Bauch hinunter. Erst jetzt fällt mir auf, dass Tom noch weitere Tattoos am Oberkörper hat. Ein Schriftzug, der sich über seine linke Seite zieht und ein Pik-Zeichen direkt neben seinem Bauchnabel. Erneut flammt Verlangen in mir auf, das ich vehement zur Seite schiebe. Mit aller Macht zwinge ich meinen Blick nach oben direkt in dunkelblaue Augen.
Tom sieht ernst auf mich herab. Er lächelt nicht, noch nicht einmal die Andeutung eines spöttischen Grinsens, das er sonst so gerne zur Schau trägt, spielt in seinen Mundwinkeln. Langsam macht er einen Schritt auf mich zu. Mein Mund ist plötzlich staubtrocken. Ich muss hier raus.
»Ich hatte also eine Abkühlung nötig, Cinderella.« Er greift nach einer nassen Strähne meiner braunen Haare und schiebt sie mir aus dem Gesicht. Ein heißes Kribbeln bleibt auf meiner Haut zurück. Ich stehe wie erstarrt, als er sich vorbeugt und mit seinen Lippen sanft mein Ohr berührt. »Ich glaube, da bin ich nicht der Einzige.«
Ich zucke zurück, erschrocken über seine Worte, vor allem aber über mich selbst. Dann flüchte regelrecht aus dem Badezimmer.

***

Eine halbe Stunde später stehe ich immer noch aufgebracht am Fenster unserer kleinen Küche. Eine Tasse Kaffee mit Milch in der Hand, den Blick auf den Adventsmarkt vor der Kirche gerichtet, den man von unserer Wohnung aus gut beobachten kann. Er öffnet erst gegen elf Uhr, doch bereits jetzt tummeln sich einige Menschen zwischen den Ständen, um den Dreck und das Chaos des gestrigen Abends zu beseitigen.
Als hinter mir leise Schritte erklingen, atme ich noch einmal tief durch. Dann drehe ich mich herum, setze zu der Strafpredigt an, die ich in meinem Kopf bereits zehnmal durchgegangen bin – und die spontan in sich zusammenbricht, als ich Tom im Türrahmen entdecke. Er trägt eine ausgewaschene Jeans und ein weißes T-Shirt, seine Haare sind noch nass von unserer Wasserschlacht.
»Wenn diese WG funktionieren soll, kannst du nicht einfach ins Bad platzen, wenn ich dusche!«, fahre ich ihn an und könnte mich gleichzeitig ohrfeigen. Ich wollte das Gespräch ruhig angehen. Doch sobald ich Tom sehe, verabschiedet sich meine Selbstbeherrschung.
»Sorry, ich musste pinkeln.« Misstrauisch macht Tom einen Schritt in die Küche hinein. Er schnuppert, dann fällt sein Blick auf meine Tasse. Ein gieriger Glanz tritt in seinen Augen, mit einem Satz ist er bei der Kaffeemaschine und stutzt. »Was ist das denn für ein vorsintflutliches Gerät? Kann das auch Kaffee?«
»Das ist eine Filtermaschine«, gebe ich verkniffen zurück. »Der Kaffee ist gut. Aber du kannst dir gerne einen bei dir im Café ziehen.«
Tom öffnet ein paar Schranktüren. Dabei bewegt er sich wie selbstverständlich durch die Küche, als würde er hier bereits ewig wohnen. Als er nach einer Tasse im Regal greift, rutscht sein T-Shirt ein paar Zentimeter nach oben und gibt einen schmalen Streifen nackter Haut frei. Schnell sehe ich weg. All das ist einfach zuviel.
Es gluckert leise, als sich Tom schließlich eine Tasse einschenkt. »Lass mal. Der hier tut es auch. Wo ist Leon?«
»Der schläft noch. Sonntags bewegt er sich selten vor zwölf Uhr aus dem Bett.« Ich hole Luft, ermahne mich ein weiteres Mal zur Ruhe. »Danke! Für letzte Nacht.«
Tom lächelt schwach, das erste Mal heute Morgen ehrlich. Nicht provozierend, nicht fies oder dreckig. Und dieses Lächeln holt das Kribbeln in meinen Körper zurück und erinnert mich daran, warum ich ihm besser aus dem Weg gehen sollte.
»Ich habe mit meinem Bruder gesprochen«, beginne ich und drehe meine Tasse zwischen den Händen. »Du kannst auch weiterhin hierbleiben, bis du eine Wohnung gefunden hast. Allerdings sollst du wissen, dass ich dich nicht hier haben will. Ich tue das lediglich Leon zuliebe.«
Tom legt langsam den Kopf schief, als warte darauf, dass der große Knall noch kommt.
»Daher möchte ich dir eine Art Waffenstillstand vorschlagen.«
Einen Moment sagt er nichts. Mustert mich einfach nur eindringlich, bis ich unruhig werde.
»In Ordnung, Cinderella. Legen wir unseren Kleinkrieg auf Eis.«
Seine Stimme ist glatt, kalt. Ein Schauer rennt mir über die Haut. Denn ich kenne Tom gut genug, um zu wissen, dass er mir gerade offen ins Gesicht gelogen hat. Was immer er plant, ich sollte mich besser in Acht nehmen.

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2 thoughts on “Lebkuchenliebe: Tag 13

  1. Hi ihr Lieben!
    Ihr seid ein tolles Team…… denkt mal über ein Hörbuch nach.
    Hat Spaß gemacht, Julia zuzuhören.
    Die Adventsgechichte ist spannend, gut geschrieben und man kann sich die Schauplätze bildlich sehr gut vorstellen.
    Weiter so…
    Schönen 3. Advent
    Bitte bleibt gesund.
    Liebe Grüße Elvira

    1. Liebe Elvira, ganz lieben Dank dir für dein tollen Feedback ❤️😍 es freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt und auch Julias Aufnahme begeistern konnte. Mal sehen, vielleicht liest sie uns ja noch ein Kapitel 😉 dir auch einen schönen dritten Advent!

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