Lebkuchenliebe: Tag 14

Wer spielt mit wem?

Tom

Montag, 14. Dezember

Das Problem mit einem Waffenstillstand ist, dass er das Gemetzel eigentlich nur aufschiebt. Ein Stillstand gibt der gegnerischen Parteien Zeit, Pläne zur endgültigen Vernichtung zu schmieden. Er wird nicht unbedingt in der Absicht geschlossen, Frieden zu halten. Zumindest nicht im Falle von Ella und mir.
Daher leite ich meinen nächsten Coup auch bereits am darauffolgenden Abend ein, in Form zweier Einkaufstüten, prall gefüllt mit allen möglichen Lebensmitteln. Der Tag im Café war die Hölle. Auf Dauer werde ich das nicht alleine schaffen. Die Fichtensteiner haben mich buchstäblich überrannt, sodass ich mich ernsthaft frage, was sie getan haben, bevor ich hier aufgetaucht bin. Die Antwort gebe ich mir prompt selbst: Den miserablen Kaffee von Ella getrunken.
Als ich vor unserer WG – ja, diese Meisterleistung feiere ich immer noch ein bisschen – ankomme, kann ich kaum noch stehen und mein Kopf steht kurz vorm Explodieren. Dennoch zwinge ich mich zu einem gleichgültigen Lächeln, als ich die Haustür öffne. Noch habe ich nicht gewonnen.
»Leon? Warst du einkaufen?« Ella brüllt einmal quer durch die Wohnung. Ihre Worte heben meine Stimmung augenblicklich in den Himmel. Denn offenbar ist mein Kumpel noch nicht da, was das ganze Theater deutlich einfacher macht. Außerdem habe ich die nötigen Einkäufe mitgebracht. Unaufgefordert, aber nicht ungeplant. Denn der leere Kühlschrank gestern Abend sprach für sich.
Schnell werfe ich meine Jacke über die Garderobe, dann stapfe ich mit den Tüten in die Küche. »Nein, ich bin es.«
»Das sehe ich.« Ellas Mundwinkel ziehen sich nach unten, ihnen folgt ein irritiertes Stirnrunzeln. »Warst du einkaufen?«
Ein beißender Geruch sticht in meine Nase. Unwillkürlich lasse ich die Tüten sinken, schnüffel noch einmal und verziehe angewidert das Gesicht. »Kochst du?« Es riecht nach verbranntem Speck mit Schokolade. Nicht wirklich mein Geschmack.
»Ich probiere etwas aus.« Ella wendet sich ab und widmet sich stattdessen der rauchenden Pfanne vor sich.
Interessiert trete ich näher. Eine undefinierbare schlammgrüne Pampe brutzelt in der Pfanne vor sich hin, während im Backofen unter dem Herd kleine Kuchen backen. Quiches, wenn mich nicht alles täuscht.
»Ein neues Produkt für die Bäckerei?« Spontan verwerfe ich den Plan vom gemeinsamen Abendessen. Das hier ist so viel besser. »Vielleicht kann ich dir damit helfen?«
»Nein! Ich brauche ich keine Hilfe.«
Kritisch beäuge ich die Kuchen im Backofen. Sie sind bereits goldbraun gebrannt und sehen zumindest äußerlich recht gut aus. »Ich denke schon. Darf ich probieren?« Ich deute auf die grüne Pampe.
Ella schnaubt.
»Wir haben einen Waffenstillstand geschlossen, Cinderella«, erinnere ich sie und hole mir einen Löffel aus der Schublade. Dann tunke ich ihn in die Pampe und lecke das Zeug ab. Genüsslich und langsam. Nicht dass es noch den Effekt verliert.
Ella beißt sich auf die Unterlippe, dennoch hebt sie fragend eine Augenbraue. Natürlich will sie wissen, wie das Zeug schmeckt.
»Vielleicht etwas zu viel Schokolade!« Es ist widerlich! Doch wenn ich ihr das sage, hasst sie mich wieder und das wäre meinem Plan, sie verrückt nach mir zu machen, ganz und gar nicht zuträglich.
»Mmpf. Das habe ich mir auch schon gedacht. Warte, die Quiches im Ofen sind gleich fertig, die sind besser geworden.« Es hängt immer noch eine Spur Misstrauen in ihrer Stimme, ebenso wie Unsicherheit. Sie weiß nicht, wie sie die Situation einordnen soll. Ich unterdrücke ein Grinsen.
Während ich die Einkäufe im Kühlschrank und den Küchenschränken verstaue, holt Ella die Quiches aus dem Ofen. Sie richtet sie auf mehreren Tellern an, die sie auf den Tisch stellt. Ich hole zwei Gabeln aus dem Besteckfach und gebe ihr eine.
Gerade will ich in die erste Quiche stechen, als mein Handy klingelt. Jan. Mmh.
»Hi, Mann. Was gibt’s? Wie geht’s dir?«, begrüße ich ihn und mache Ella ein Zeichen mit der Verköstigung noch zu warten. Schnell bin ich aufgestanden und die wenigen Schritte ins Wohnzimmer gelaufen.
»Hey Tom. Alles klar soweit. Es ist nur, da war gerade eine echt schräge Tussi an meiner Haustür, die nach dir gefragt hat. Ein südländischer Typ. Keine Ahnung, ich habe nicht genau verstanden, was sie wollte, aber sie war ziemlich sauer und hat mehrmals nach dir gefragt.«
Das Blut rauscht in meinen Ohren, Jans letzte Worte verstehe ich nicht mehr. Etwas Kaltes greift nach meinem Herzen, hält es mitten im Schlag an. Scheiße!
»Hast du ihr gesagt, wo ich bin?« Meine Stimme zittert leicht, ich kann nur hoffen, dass Jan nichts bemerkt.
»Nein. Ich habe ihr gesagt, ich würde dich nicht kennen.«
Ich schließe die Augen, schicke ein Stoßgebet zum Himmel. »Danke Jan! Das war genau richtig.«
Es bleibt still am anderen Ende der Leitung. Dann: »Wer war das?«
Eine Frage, die ich unmöglich wahrheitsgemäß beantworten kann. »Nur eine Bekannte. Ich hatte mal was mit ihr, vermutlich sucht sie mich deshalb.«
Jan lacht, aber ich höre ihm an, dass er mir nicht glaubt. Dennoch belässt er es dabei. Ich verspreche, mich die Tage nochmal bei ihm zu melden, dann legen wir auf. Einen Moment stehe ich wie erstarrt im dunklen Wohnzimmer, kämpfe mit verdrängten Gefühlen, die die Oberhand gewinnen wollen. Allen voran Angst. Es ist kein gutes Zeichen, dass eine südländische Frau bei Jan nach mir gefragt hat. Das kann nur Emilia gewesen sein, Carlos Tochter. Wie zur Hölle ist sie auf Jan gekommen? Ich kann nur hoffen, dass sie von ihm aus keine Verbindung nach Fichtenstein findet. Mein verdientes Geld langt noch bei Weitem nicht, um die Schulden bei Carlos zu bezahlen. Und ich verzichte gerne auf die Erfahrung, was er mit mir anstellt, wenn er mich in die Finger bekommt. Oder einen meiner Freunde.
Als ich zurück in die Küche gehe, habe ich mich wieder im Griff. Es ist ein gefährliches Spiel, auf das ich mich eingelassen habe. Aber ich werde es nicht verlieren.
»Alles okay?« Ella hebt fragend den Kopf, die Quiches hat sie noch nicht angerührt. Braves Mädchen.
»Ja, es war nur Jan.«
Die Antwort langt ihr eindeutig nicht und sie öffnet den Mund, um weitere Fragen zu stellen, doch ich komme ihr zuvor. »Die Fotos im Treppenhaus sind die von dir?« Mit der Gabel steche ich mir ein Stück von der ersten Quiche ab und stecke es in den Mund. Es ist eine klassische Quiche Lorraine. Der Teig ist allerdings etwas trocken.
Sie runzelt die Stirn, dann nickt sie. Und nimmt ebenfalls einen Bissen.
»Die ist geschmacklich gut«, kommentiere ich. »Aber in den Teig würde ich vielleicht noch ein Ei mehr reinmachen.« Sie greift hinter sich nach einem Zettel und Stift und notiert sich etwas.
»Das ist ein Rezept von meiner Oma. Eigentlich eine sichere Sache.« Ein zaghaftes Lächeln, das mich wieder ganz zurück in die Situation zwischen Ella und mir holt und das leidige Telefonat mit Jan endgültig verdrängt.
»Darf ich dich etwas fragen?« Beherzt steche ich mir ein Stück aus der zweiten Quiche ab. »Ich weiß, dass du mir gesagt hast, dass die Bäckerei dein Leben ist und du noch nie etwas anderes machen wolltest, aber die Fotos im Treppenhaus sind wirklich gut! Warum hast du aus deinem Hobby nie mehr gemacht?«
Ella notiert konzentriert etwas auf ihrem Zettel. Sie braucht einen Tick zu lange mit ihrer Antwort, als dass ich sie ihr einfach so glaube. »So einfach ist das nicht. Leon hat sich noch nie für die Bäckerei interessiert, er hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er das Geschäft nicht übernehmen will. Daher gibt es nur noch mich. Und das ist in Ordnung, ich arbeite gerne in der Bäckerei. Die Fotos sind ein schöner Ausgleich, da kann ich kreativ werden, anders arbeiten. Allerdings …« Sie holt Luft, wappnet sich. Und schüttelt den Kopf. »Ich sollte mit dir nicht darüber sprechen.«
Ich lache leise. »Damit hast du vermutlich recht.« Denn trotz allem bin ich ihr Konkurrent.
Ella sieht auf, ihre Lippen verziehen sich erneut zu einem Lächeln. »Wie findest du diese hier?« Sie deutet auf die zweite Quiche.
»Widerlich«, antworte ich ehrlich.
Sie muss lachen. »Ich auch! Die wird gestrichen. Außer für ganz nervige Kunden.«
Meine Mundwinkel heben sich ungewollt, diesmal ohne, dass ich es beabsichtige. Außerdem merke ich, wie entspannt ich bin. Es ist leicht, sich mit Ella zu unterhalten. Ich müsste mich ihr gegenüber nicht verstellen, wenn ich es nicht wollte.
Wie schon vor ein paar Minuten beißt sie sich auf die Unterlippe und sieht mich abwägend an. »Ich würde gerne ein paar Sachen in unserer Bäckerei verändern«, bricht es plötzlich aus ihr heraus. »Aber meine Eltern sind dagegen. Ich meine, Traditionen sind wichtig und ich bin überzeugt davon, dass das Geschäft nicht mehr so gut laufen würde, wenn wir zuviel verändern. Aber ein neuer Anstrich, ein paar neue Regale, ein paar neue Kleinigkeiten im Sortiment. Nicht viel.«
Ein Schmunzeln huscht über mein Gesicht. »Das klingt doch gut! Wieso tust du es denn nicht?«
»Meine Eltern halten das für neumodischen Quatsch. Es hat bisher immer so funktioniert, warum sollen wir etwas ändern?« Vielleicht, weil sie nun Konkurrenz haben?
»Sie wollen, dass du die Bäckerei übernimmst, oder?« Ella nickt. »Dann sollten sie doch auch daran interessiert sein, dass du dich einbringst. Dass du die Bäckerei auch ein Stück weit zu deinem eigenen Geschäft machst und sie nicht nur die Bäckerei bleibt, die du von deinen Eltern übernommen hast. Sondern wirklich deine.« Ich bin mir nicht sicher, ob sie versteht, was ich ihr sagen will. Gleichzeitig frage ich mich allerdings, ob ich von allen guten Geistern verlassen bin, ausgerechnet Ella Ratschläge zu erteilen.
»Du kennst meine Eltern. Das wird nicht einfach.«
Ich zucke die Schultern. »Du hast bisher nicht den Eindruck gemacht, als ob dich irgendjemand aufhalten könnte, wenn du etwas wirklich willst.«
»Ich dürfte dir das überhaupt nicht erzählen.« Aufgebracht fährt sie sich durch die dunklen Locken, die sie heute offen trägt. Ich mag ihre Haare, wenn sie so wild sind. Dann wirkt Ella ungebändigter, authentischer. Mehr wie sie selbst.
»Ich werd es keinem verraten. Und ich verspreche, es auch nicht gegen dich zu verwenden.« Ich zwinker ihr zu, woraufhin sie sich prompt verkrampft.
»Lass das Tom!«
»Was?«
»Hör auf, mit mir zu flirten!«
Sie sieht mich nicht an. Mein Grinsen wird breiter. Ich bringe sie völlig aus dem Konzept.
»Also zur letzten Quiche«, sage ich und gehe nicht weiter auf ihren Vorwurf ein. Stattdessen nehme ich einen Bissen. »Das ist mit Abstand die beste! Außergewöhnlich mit dem Spinat und dem Ziegenkäse. Nicht ganz so langweilig wie die übliche Quiche Lorraine. Gib mal den Zettel her!«
Ich greife nach ihrem Blatt und dem Stift und notiere ein paar Stichpunkte. »Hier ist noch ein Rezept für eine Süßkartoffelquiche mit salzig karamellisierten Walnüssen und Cranberrys.«
Der Blick, den sie mir daraufhin zuwirft, spricht Bände. Sowas isst Fichtenstein nicht.
»Probier‘s aus!«, erwidere ich und stehe auf, um mir etwas zu trinken zu holen. Ella erhebt sich ebenfalls und räumt die Teller in den Kühlschrank. Die zweite Quiche landet im Biomüll. Als ich mich umwende, steht sie direkt vor mir.
»Weißt du Tom«, sagt sie und kommt noch einen Schritt auf mich zu. Überrascht bleibe ich stehen, warte ab, bis sie so nahe vor mir steht, dass sich unsere Beine berühren. Dann legt sie ohne zu zögern ihre Hände an meine Hüfte. Ella sieht zu mir auf. Eindringlich, wissend. Überrumpelt stoße ich die Luft aus. Warme Finger schieben sich unter meinen Pullover, streichen über meinen Bauch, der sich sofort anspannt. Ein heißen Kribbeln rennt über meine Haut, schießt mir zwischen die Beine und löst etwas aus, dass ich tunlichst vermeiden wollte. Fuck!
»Ich weiß genau, was du vorhast«, raunt sie, während ihre Hände weiter über meine nackte Haut wandern. »Glaube nicht, dass ich das nicht durchschaue. Oder dass ich nicht ebenfalls mit dir spielen kann, so wie du mit mir.« So viel also zu meinem grandiosen Plan!
»Du willst spielen?«, frage ich rau und muss hart schlucken, als sie ihre Hüften gegen meine presst und sich auf die Zehenspitzen stellt. Ihr Mund ist nur noch Zentimeter von meinem entfernt, ihr Atem kitzelt meine Lippen. Und scheiße, der Blitz soll mich treffen, aber ich will sie küssen. Jetzt. Meine Arme legen sich wie von selbst um ihre Taille und ich ziehe sie noch ein wenig näher zu mir heran.
Die Pupillen in ihren Augen sind geweitet, ihr Atem geht schnell. Oh ja, Cinderella, lass uns spielen! Ich neige langsam meinen Kopf, bis meine Lippen hauchzart über ihre streichen. Sie zittert, ihre Fingernägel bohren sich in meinen Rücken. Doch sie weicht keinen Millimeter zurück. Ein dunkles Knurren bricht aus mir hervor, ich bin kurz davor die Kontrolle zu verlieren.
»Kommen wir ungelegen?«
Erschrocken fahren Ella und ich auseinander, sie knallrot im Gesicht, ich verstört. Doch mir bleibt keine Zeit, mich mit dem zu befassen, was gerade geschehen ist, da platzt eine weitere Person neben Leon in die kleine Küche.
Ungläubig und ein wenig fassungslos schaue ich sie an. »Mum?«

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