Lebkuchenliebe: Tag 15

Wie ein trotziges Kind

Ella

Dienstag, 15. Dezember

»Was tust du da?« Mein Vater ist neben mich getreten und schaut neugierig in den Backofen.
»Ich probiere etwas aus.«
»Sind das Plätzchen?« Er runzelt die Stirn, auf der noch weiße Mehlspuren sichtbar sind.
»Ja, das sind Cookies.« Ich erspare es mir, meinem Vater den Unterschied zu erklären.
»Backst du sie für eine Freundin? Zum Mitbringen?«
Innerlich stöhne ich auf. Auf die Idee, dass ich sie für unsere Bäckerei backe, kommt er erst gar nicht. Es ist halb drei Uhr nachmittags, im Verkauf ist um diese Uhrzeit fast nichts los. Daher habe ich die Gelegenheit genutzt und schnell ein paar Cookies gezaubert.
»Nein. Ich wollte sie bei uns verkaufen.«
Mein Vater tritt vom Ofen zurück. Er trägt eine weiße Haube über seinen kurzen grauen Haaren und helle Arbeitskleidung. Sein rundliches Gesicht mit den grünen Augen ist meinem sehr ähnlich, ebenso sein Charakter. Mein Vater hat mit seiner Meinung noch nie hinterm Berg gehalten, er haut ungefiltert raus, was er denkt. Allerdings kann er genauso gut einstecken. Ganz anders als meine Mutter, die tagelang schmollt und selten einen Fehler zugibt.
»Du erweiterst unser Sortiment? Ohne deine Mutter oder mich zu fragen?«
»Ich erweitere nicht einfach so das Sortiment. Ich backe nur diese eine Fuhre und schaue mal, wie sie ankommen. Quasi als Test.«
Mein Vater wirft einen letzten kritischen Blick auf die Cookies, dann geht zu einem der Arbeitstische, an dem er bereits Mehl, Hefe und einiges mehr zurechtgelegt hat. »Erst der Workshop und dann die neuen Plätzchen. Ella, ich habe nichts dagegen, wenn du neue Ideen einbringst. Ganz im Gegenteil. Aber du solltest sie mit uns absprechen.« Er rügt mich, als wäre ich ein trotziges Kind. Das bin ich aber nicht, schon lange nicht mehr. Ich bin fünfundzwanzig und es wird endlich Zeit, dass auch meine Eltern das verstehen.
»Ich habe noch viel mehr Ideen«, platzt es aus mir heraus. Seit gestern Abend denke ich an kaum etwas anderes. Auch wenn ich immer noch nicht fassen kann, dass ausgerechnet Tom mich dazu gebracht hat, dieses Thema wieder anzugehen. Denn das Gespräch gestern Abend hat etwas in mir ausgelöst. Ich will die Bäckerei meiner Eltern übernehmen, ich will das wirklich. Aber ich will auch etwas verändern, ich will mich ausprobieren. Und mir stinkt es tierisch, dass ich mit meinen Eltern darüber diskutieren muss und immer wieder Steine von ihnen in den Weg gelegt bekomme, anstatt dass sie dankbar sind, dass ich sie unterstütze.
Mein Vater sieht auf. Ich warte darauf, dass er den Kopf schüttelt und mich abbügelt, aber zu meiner Überraschung lächelt er. »Dann lass mal hören!«
Kurz bin ich sprachlos. Bisher haben sich meine Eltern gegen alle neuen Ideen gesträubt. Nun ja, seit dem neuen Café ist die Situation vielleicht auch eine andere.
»Wir könnten den Verkaufsraum renovieren. Ein wenig heller machen, ein paar neue Möbel. Nichts wildes«, beginne ich vorsichtig, jederzeit damit rechnend, dass er mich unterbricht.
»Wir haben doch erst renoviert.« Mit der rechten Hand schlägt er die Eier auf und wirft die Schale in eine leere Schüssel.
»Das war vor fast acht Jahren, Pa!«
»Die Leute mögen unsere Bäckerei!«
»Die Leute kennen ja auch nichts anderes. Also kannten«, korrigiere ich mich, da ich erneut an Tom denken muss.
Das Gesicht meines Vaters verfinstert sich. »Liegt es an Tom und dem neuen Café, dass du plötzlich etwas verändern willst?«
»An wem?«, schrillt die Stimme meiner Mutter dazwischen. Sie steht in der Tür zwischen Backstube und Verkaufsraum und schaut abwechselnd von meinem Vater zur mir.
»Nein, es liegt nicht an Tom«, komme ich meinem Vater zuvor. »Ich hatte schon immer ein paar Ideen und ich würde gerne etwas Neues ausprobieren.« Tom ist lediglich der Anlass, aber den Zusatz lasse ich wohlweißlich weg.
Missbilligung überzieht das Gesicht meiner Mutter, Verachtung, Mitleid. »Schatz, darüber haben wir doch schon so oft gesprochen! Die Kundschaft liebt unsere Bäckerei, genauso wie sie ist. Sie wollen gar nichts verändern.« Die Stimme meiner Mutter wird weich, sie kommt ein paar Schritte auf mich zu. Wie immer sieht sie perfekt aus, die Frisur sitzt, die Kleidung passt wie angegossen. Nie hat sich meine Mutter einen Fehler zuschulden kommen lassen, nie hat es einen großen Streit zwischen uns gegeben. Aber vielleicht ist genau das Problem.
»Ich habe mit Leon gesprochen«, fahre ich fort, ohne auf die Worte meiner Mutter einzugehen. »Er macht uns ein neues Logo. Derselbe Schriftzug, nur etwas moderner. Ich würde nicht viel verändern, wir sind und bleiben eine Traditionsbäckerei. Lasst es mich versuchen. Bitte.«
»Schatz, …« Meine Mutter hebt ihre Hand, um mir eine Locke aus dem Gesicht zu streichen.
»Nein, Mama!« Schnell trete ich einen Schritt zurück. Ich bin nicht mehr ihre kleine Tochter, der sie sagen kann, welches Kleid sie anziehen soll. »Ihr wollt, dass ich die Bäckerei übernehme. Dann müsst ihr mir auch die Chance geben, mich einzubringen. Der Workshop war ebenfalls meine Idee und er kam großartig an. Wir haben so viele Anfragen, dass ich überlege, jeden Monat etwas Vergleichbares zu veranstalten.«
Meine Mutter schaut mich irritiert an. Überraschung spiegelt sich in ihren Augen, die meinen so überhaupt nicht ähnlich sind. Dann zieht sie die Brauen zusammen und ich rechne schon mit einer weiteren Absage. Aber stattdessen seufzt sie nur.
»Schatz, wir wollten immer nur das Beste für dich. Aber seit dieser Tom hier aufgetaucht ist, habe ich immer mehr das Gefühl, dass du nicht mehr ganz du selbst bist. Erst gehst du mit ihm zu dem Ehemaligentreffen, dann die Krähe, der Workshop und jetzt wohnt er auch noch bei euch.«
»Das war Leon«, schiebe ich dazwischen, auch wenn der feine Unterschied nicht interessiert.
»Ich mache mir einfach Sorgen!«
Ich rolle mit den Augen. Genauso enden unsere Diskussionen immer. Und dann verlaufen meine Ideen im Sand. Doch diesmal lasse ich mich nicht darauf ein. »Das alles hat nichts mit Tom zu tun«, wiederhole ich meine Worte von eben. Tom ist ein ganz anderes Problem. »Ich werde übermorgen Nachmittag den Verkaufsraum renovieren. Jenna hat angeboten, mir zu helfen. Ihr könnt entweder mitmachen oder ihr lasst es. Aber ich werde das durchziehen.«

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