Lebkuchenliebe: Tag 16

Von Mutter zu Sohn

Tom

Mittwoch, 16. Dezember

»Fichtenstein also. Ich muss gestehen, dass ich sehr überrascht bin, dich ausgerechnet hier zu finden.« Lächelnd rührt meine Mum in ihrem Mochaccino.
Kurz presse ich die Lippen zusammen. Ach verdammt, meiner Mum konnte ich noch nie etwas vormachen. Sie ist vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der mich sofort durchschaut. Seufzend lehne ich mich in meinem Stuhl zurück und fahre mir durch die Haare. Die latente Müdigkeit zerrt an meinen Nerven, ebenso der Stress und die leise Angst, die seit Jans Anruf vorgestern zurück ist. Auch wenn ich diese zumindest ganz gut im Griff habe. Sehr viele andere Bereiche meines Lebens leider weniger.
»Ich musste irgendwohin. Und da Papa mir seine Bäckerei vererbt hat, war das die einfachste Möglichkeit an Geld zu kommen.«
»Du bist pleite?« Überrascht hebt meine Mum ihre dunklen Augenbrauen. Sie sieht mir unglaublich ähnlich, kurze dunkle Haare, schmales Gesicht, nur ihre Augen sind ein wenig heller als meine.
»Kann man so sagen.« Ich verziehe das Gesicht.
»Es hätte für dich sehr viele einfacherer Möglichkeiten gegeben an Geld zu kommen. Du hättest fotografieren können. Oder spielen.« Sie sieht mich eindringlich an. Fuck! Ich wollte nie, dass sie davon erfährt. Doch eigentlich sollte es mich nicht überraschen, diese Frau weiß einfach alles. »Dennoch bist du hier. Obwohl du vor zehn Jahren so dringend hier wegwolltest.«
Ich atme ruhig. Es sind keine Gäste mehr im Café, wir haben bereits geschlossen. Niemand kann dieses Gespräch mitanhören, dennoch will ich es nicht führen.
»Ich musste für eine Weile abtauchen und ein wenig Geld verdienen. Und in Kombination mit Papas Bäckerei erschien mir das die einfachste Möglichkeit.«
Meine Mum mustert mich über den Rand ihrer Tasse hinweg. »Muss ich mir Sorgen machen?«
Ich schüttele den Kopf. »Nein, ich habe es unter Kontrolle.« Hoffe ich. Nach Jans Anruf bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Sie stellt ihre Tasse ab und sieht sich um. Ihr gefällt, was sie sieht. »Ich werde dir mit dem Café helfen. Ich habe vor eine Weile zu bleiben und du kannst eindeutig Hilfe gebrauchen.«
»Du willst hierbleiben?« Kaum etwas würde mich mehr überraschen. »Ausgerechnet du?«
Sie zuckt ihre schmalen Schultern. »Warum nicht? Fichtenstein ist doch eigentlich ganz nett und ich habe noch Freunde hier. Außerdem bist du hier.«
Ah ja. »Ellas Mutter hat dich angerufen, oder?« Erschreckenderweise haben unsere Mütter sich immer gut verstanden, auch wenn sie unterschiedlicher kaum sein können.
Das spitzbübische Grinsen verrät meine Mum. »Allerdings. Sie macht sich Sorgen, dass du ihre Tochter auf die dunkle Seite ziehst.«
Ein abfälliges Schnauben. Mehr nicht.
»Was läuft da für ein Spiel zwischen Ella und dir?«, fragt sie und sieht mir direkt in die Augen.
»Da läuft gar nichts.«
»Tom?«
»Herrgott, wir führen eine Art Kleinkrieg, mehr nicht.«
»Ich mag Ella. Sie ist direkt, sie weiß, was sie will. Was willst du von ihr?«
»Nichts.«
»Bist du in sie verliebt?«
»Was?« Entgeistert starre ich sie an. »Natürlich nicht.«
»Mmh.« Sie rührt in ihrer Tassen, danach setzt sie sie an und leer sie in einem Schluck. »Wie du meinst.«

***

Einer der vielen Gründe, warum ich meine Mutter vor drei Jahren verlassen habe, ist, dass sie mich manchmal besser kennt, als ich mich selbst. Und genau das ist wahnsinnig anstrengend. Nach nur zwei Tagen mit meiner Mutter langt es mir schon wieder. Alleine, dass ich mir ernsthaft die Frage stelle, ob ich mehr für Ella empfinde, macht mich irre. Es ist lächerlich, dass ich nur darüber nachdenke. Da ist nichts zwischen Ella und mir. Also zwischen mir und Ella. Herrgott, also von meiner Seite aus. Ich weiß, dass sie mich heiß findet, und arbeite ja auch daran, dass sie sich in mich verliebt. Ansonsten wäre ich niemals bei ihr eingezogen. Doch mein Plan sieht nicht vor, dass da mehr daraus wird. Ganz im Gegenteil.
Das Gespräch mit meiner Mutter schwelt immer noch in mir nach, als ich später am Abend unsere Wohnung betrete.
»Und er hat dir gestern echt geholfen?«
Abrupt halte ich im Wohnungsflur inne, als ich Jennas Stimme aus dem Wohnzimmer vernehme, den Griff der offenen Wohnungstür immer noch in der Hand.
»Ja, das hat er. Er hat mir sogar ein neues Rezept aufgeschrieben.«
Jenna grummelt etwas, das ich nicht verstehe.
So leise, wie es mir irgendwie möglich ist, schließe ich die Tür, schäle ich mich aus meiner dicken Jacke und lasse meinen Rucksack zu Boden gleiten. Es ist dunkel im Flur, anscheinend haben mich die Mädels noch nicht bemerkt.
»Ich traue ihm einfach nicht, Ella«, sagt Jenna plötzlich etwas lauter. Ob sie mich doch bemerkt haben? »Ihr bekriegt euch, dann zieht er hier ein und ist plötzlich nett zu dir? Das stinkt doch zum Himmel.«
»Ja, ich weiß.« Auch wenn ich es nicht sehe, weiß ich, dass Ella mit den Augen rollt. »Ich weiß, dass er mit mir spielt. So naiv bin ich nicht, als dass ich wirklich glauben würde, dass er plötzlich auf mich abfährt. Es ist nur …« Sie holt Luft. »Er hat Recht mit manchen Dingen, die er gesagt hat. Bezogen auf die Bäckerei, aber auch andere Sachen.«
»Hast du deshalb wieder deine Kamera hervorgekramt?«
»Ja. Ich war heute Abend nochmal draußen, Fotos machen. Willst du sie sehen?«
Leise öffne ich die Haustür erneut und werfe sie dann so fest zu, dass es durch die ganze Wohnung dröhnt. Anschließend warte ich noch eine Minute, dann gehe ich ins Wohnzimmer. Ein unschuldiges Lächeln im Gesicht. Ella und Jenna sitzen auf der Couch, Pizzakartons stehen auf dem Glastisch davor. Der Fernseher ist angeschaltet, allerdings ist das Bild eingefroren und der Ton ist aus. Ella hält ihre Kamera in der Hand, aber auf die Entfernung erkenne ich nichts auf dem Display.
»Hey«, grüße ich in die Runde.
Die beiden heben nur kurz den Kopf, mehr als ein schmales Lächeln bekomme ich nicht.
»Willst du noch was von der Pizza?«, fragt Ella plötzlich. »Es ist noch eine halbe übrig.«
»Nein, danke. Ich habe mit meiner Mum zu Abend gegessen.« Zögerlich erwidere ich ihr Lächeln. Fuck, warum bin ich auf einmal so unsicher? »Ich hau mich auf’s Ohr. War ein langer Tag.« Fast schon getrieben durchquere ich das Wohnzimmer und öffne die Tür zu Leons Zimmer. Mein Kumpel sitzt am Schreibtisch vor seinem Computer. Ein Grafikprogramm ist geöffnet.
»Hey«, grüßt er mich, ohne aufzusehen. »Alles klar?«
»Ja. Ich bin nur echt K.O.«
Jetzt dreht er sich doch auf seinem Stuhl herum, sieht mich nachdenklich an. »Du siehst auch echt scheiße aus. Leg dich hin. Ist es okay, wenn ich noch ein bisschen arbeite? Ich will das hier fertigkriegen.«
»Klar.« Erschöpft streiche ich mir über das Gesicht, dann ziehe ich meine Schuhe aus und werfe mich auf die Couch. »Woran arbeitest du?«
»Das wirst du morgen schon sehen«, antwortet er geheimnisvoll und wendet sich wieder seinem Bildschirm zu.
Ich lege mich zurück und schließe die Augen. Mein Plan für heute Abend war ein anderer. Selbst jetzt fallen mir auf Anhieb mindestens fünf Möglichkeiten ein, wie ich Ella näher kommen könnte. Aber ich will es nicht. Ich habe heute Abend keine Lust auf Spiele.
Als Leon irgendwann sein Zimmer verlässt, schrecke ich hoch. Leise Schritte ertönen, dann fällt die Haustür zu, ansonsten ist es ruhig. Langsam setze ich mich auf, ich habe durst. Im Wohnzimmer brennt noch Licht und Ella liegt auf der Couch. Schlafend. Von Jenna ist nichts zu sehen. Ebenso wenig von Leon. Leise gehe ich zu ihr und überlege, sie zu wecken.
Ellas Gesicht ist zur Hälfte in einem lilafarbenen Kissen vergraben, ihre braunen Locken liegen über ihrer Wange. Vorsichtig schiebe ich sie zur Seite, streife dabei hauchzart über Ellas warme Haut. Blasse Sommersprossen zieren ihren Nasenrücken, die dunklen Wimpern bilden einen klaren Kontrast zu ihrer hellen Haut. Sie ist wunderschön. So, wie sie ist. Einen Moment bleibt mein Blick an ihren vollen Lippen hängen. Ein Schauer durchfährt mich und für einen kurzen Augenblick überlege ich, sie zu küssen. Ich habe es schon einmal getan, damals vor zehn Jahren. Und auch wenn ich mich nicht mehr an jede Kleinigkeit aus dieser Nacht erinnern kann, weiß ich noch, wie gut ich mich mit Ella gefühlt habe. Wie richtig es sich angefühlt hat, wie warm und frei. Als ob nur uns diese Nacht gehört hätte.
Bevor ich noch eine Dummheit begehe, greife ich nach Ellas Fotokamera, die auf dem Couchtisch liegt. Ich habe lange nicht mehr fotografiert, aber jetzt überkommt mich der dringende Wunsch, diesen Moment festzuhalten. Ich mache drei, vier Fotos, dann stehe ich auf und lösche das Licht. Ich kann Ella jetzt nicht wecken. Ich kann ihr jetzt nicht gegenüber treten und ihr nahe sein. Viel zu nahe. Denn jetzt gerade bin ich kurz davor, einen Fehler zu machen.

Published by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.