Lebkuchenliebe: Tag 17

Emilia

Ella

Donnerstag, 17. Dezember

»Was hältst du von der Farbe?« Jenna hält mir eine Farbkarte in einem hellen Gelbton hin, der irgendwo zwischen sonnengelb und Vanille liegt. »Ich finde sie eigentlich ganz hübsch.«
»Ich auch. Wir könnten es mit einem eierschalenfarbenen Weiß kombinieren, dann wird es nicht zu bunt.«
»Gute Idee!«, stimmt Jenna mir begeistert zu. Wir lassen uns zwei Farbeimer mixen, dann packen wir noch Malerrollen, Abklebeband und Pinsel in den Einkaufswagen und schieben alles in Richtung Kasse.
»Das wird toll aussehen! Bist du aufgeregt?«, fragt meine Freundin, während sie mir hilft, alles auf das Rollband zu legen.
»Schon! Ich hoffe nur, dass auch alles klappt, und meine Eltern am Ende nicht doch recht hatten und lieber alles beim Alten geblieben wäre.«
»Positiv bleiben. Das wird schon!« Jenna lächelt mir aufmunternd zu. Ich wünschte, es wäre so einfach. Aber dass wir gleich wirklich unsere Bäckerei streichen und das neue Regal aufbauen werden, fühlt sich an wie der Aufbruch in eine neue Ära. Und genaugenommen ist es das ja auch. Ich kann nur hoffen, dass unsere Kunden das ebenso sehen wie ich.
Nachdem Jenna und ich bezahlt haben, packen wir alles in meinen kleinen Peugeot und fahren zurück zur Bäckerei. Davor wartet mein Bruder bereits auf uns, er hat ebenfalls versprochen zu helfen.
»Leon hilft auch?« Jenna bemüht sich, gelassen zu klingen, aber mir kann sie nichts vormachen. Am liebsten würde sie auf der Stelle verschwinden.
»Ja. Er hat über Nacht seine Solidarität entdeckt.«
Jenna beißt sich auf die Lippen. Sie ist nervös. Sie hat mir erzählt, dass sie noch einmal miteinander gesprochen haben, allerdings ist nicht wirklich etwas herausgekommen. Jenna ist in Leon verknallt. Ungefähr seit schon immer. Und was macht mein Vollpfosten von Bruder? Lässt das wohl wunderbarste Mädchen, das ich für ihn kenne, zappeln. Ich hätte ihm zu gerne die Meinung dazu gegeigt, allerdings habe ich Jenna versprochen mich rauszuhalten. Wenn das nur immer so einfach wäre.
Ich parke das Auto, dann steigen wir aus. Leon ist sofort am Auto und öffnet den Kofferraum. Gemeinsam bringen wir unsere Einkäufe in die Bäckerei, die für heute Nachmittag geschlossen wurde.
»So, wo fangen wir an?« Leon steht mitten im Verkaufsraum, die Arme links und rechts eingestützt. Er erinnert mich ein wenig aus Mr. Propper aus einer alten Werbung und ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht zu lachen.
»Klebt ihr doch schonmal die Türen und das Fenster ab. Ich fange an, das Regal abzuschrauben«, verteile ich die Aufgaben, sodass mein Bruder und Jenna zusammenarbeiten müssen. Prompt rollt dieser mit den Augen, der meinen Schachtzug natürlich durchschaut. Das übliche Meckern jedoch bleibt aus.
Ich widme mich mit einem Akkuschrauber bewaffnet dem Regal, das sich leider als deutlich wehrhafter herausstellt, als es zunächst den Anschein hatte. Nach zehn Minuten bin ich klatschnass geschwitzt und bodenlos genervt. Die Schrauben wollen so gar nicht, wie ich will. Verdammt! Warum habe ich mein Sportprogramm nur so schnell wieder eingestellt? Dann wäre ich vielleicht jetzt schon weiter. Nachdem ich einen Seitenblick auf Leon und Jenna geworfen habe, beschließe ich jedoch, dass ich da alleine durch muss. Die beiden unterhalten sich leise. Jennas Wangen überzieht eine leichte Röte und selbst mein Bruder wirkt ausgeglichen. Da will ich jetzt nicht dazwischenfunken.
Eine halbe Stunde später ist das Regal Kleinholz. Mehrere Schrauben sind rausgebrochen, aber da es sowieso auf den Müll wandert, ist das letztendlich egal.
»Hast du dir das Logo schon angesehen?«, fragt Leon, der bereits begonnen hat, die Wand hinter der Verkaufstheke hellgelb zu streichen.
Erschöpft wische ich mir den Schweiß aus der Stirn. »Ja. Es sieht toll aus!« Eines muss ich meinem Bruder lassen, designen kann er. Er hat unser altes Logo aufgenommen und nur minimal verändert. Jeder Kunde würde es sofort wiedererkennen, dennoch wirkt es lange nicht mehr so altbacken. Eher authentisch.
»Kann ich es mal sehen«, fragt Jenna, die der Seitenwand mit der weißen Farbe zu Leibe gerückt ist. Ihr Oberteil ist mit Farbtupfern übersät und auch an ihrer Stirn und in ihrem Haaren finden sich weiße Sprenkel.
»Klar, ich hab’s auf meinem Handy.«
Interessiert tritt meine Freundin näher an Leon heran. Dabei berührt sie ihn unauffällig, was meinen Bruder jedoch nicht zu stören scheint.
»Ich gehe mal schnell rüber Getränke holen«, werfe ich ein, doch die beiden reagieren nicht. Ein leiser Stich schießt mir durch den Bauch, als ich die Bäckerei verlasse und die wenigen Meter zu unser Haus gehe, um Limo und Gläser zu holen. Ich bin eifersüchtig. Natürlich bin ich das. Denn so sehr ich mir wünsche, dass Jenna und Leon sich endlich näher kommen, so sehr habe ich Angst davor, meine beste Freundin zu verlieren. Aber da ist noch mehr. Da krampft etwas in meinem Inneren und ein leeres Gefühl breitet sich aus. Ich will auch haben, was die beiden haben. Ich will auch mal wieder glücklich sein, verliebt sein, geliebt werden. Mit Frederik war das so, allerdings ist das lange her. Und was immer zwischen Tom und mir ist, es fühlt sich anders an. Tom spielt mit mir, dessen bin ich mir mehr als bewusst. Er steht nicht wirklich auf mich, geschweige denn, dass er etwas für mich empfindet. Und ich? Ja, ich finde ihn attraktiv. Und ja, vielleicht bin ich ein bisschen in ihn verknallt. Aber Tom hat mir in den letzten Wochen mehr als einmal wehgetan, mich zum Narren gehalten, lächerlich gemacht. Daher verbiete ich mir jedes Gefühl, das darüber hinaus geht. Tom ist hier, weil es nicht anders geht. Wenn er verschwunden ist, werde ich ihm keine Träne nachheulen. Nie wieder.
»Entschuldige, wohnt hier Tom Westen?«, spricht mich plötzlich eine Frau von der Seite an, als ich direkt vor unserer Haustür stehe. Ich habe sie überhaupt nicht bemerkt, so sehr war ich in Gedanken versunken.
»Ähm … nein.« Etwas an der Frau irritiert mich. Vielleicht ist es ihr Akzent, der südländisch klingt, aber zu ihrem Erscheinungsbild passt. Vielleicht auch ihre Kleidung, die deutlich zu schick ist, als dass sie zu Tom passen würde.
»Merkwürdig. Er hat mir geschrieben, dass er hier wohnt.« Sie zieht ihr Handy hervor und tippt darauf herum.
»Kann ich ihm etwas ausrichten? Ich treffe ihn später.« Den Teufel werde ich tun, ihr zu sagen, dass Tom natürlich aktuell hier wohnt. Auch wenn er gerade in seinem Café ist und nicht hier.
»Ich bin Emilia, seine Verlobte.«
»Was?« Das schlägt ja wohl dem Fass den Boden aus.
»Bist du eine Freundin?« Sie legt ihren Kopf schief und zum ersten Mal, seit sie mich angesprochen hat, mustert sie mich interessiert. Meine Gedanken überschlagen sich. Tom hat eine Verlobte? Und die steht jetzt vor unserer Tür.
»Nein, sowas ähnliches«, antworte ich vage und bin nicht mehr wirklich bei der Sache.
Plötzlich presst sich etwas auf meinen Mund. Erschrocken will ich herumfahren, danach greifen, doch da wird mir schon schwarz vor Augen.

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