Lebkuchenliebe: Tag 18

Gefangen

Tom

Freitag, 18. Dezember

Stolz ist ein absolut elementarer Bestandteil einer Persönlichkeit. Und ich bin sehr stolz, das weiß ich. Ich kann nicht über meinen Schatten springen und wenn ich verliere, dann tue ich das abgrundtief. Bislang mochte ich meinen Stolz, er gab mir selbst eine Konstante, etwas in meinem chaotischen Leben, auf das ich mich verlassen konnte. Doch seit gestern Nachmittag, seit Leons Anruf, hasse ich mich dafür. Denn nur meinetwegen ist Ella verschwunden und bislang nicht mehr aufgetaucht. Weil ich nicht mit offenen Karten gespielt und dadurch zugelassen habe, andere Menschen in meine Probleme mit hineinzuziehen.
»Hey Mann!« Leon sieht absolut beschissen aus. Lilablaue Schatten liegen unter seinen Augen, sein Gesicht ist blass und er trägt dieselbe Kleidung wie gestern. Er hat kein Auge zugetan, die Sorgen zerfressen ihn.
»Kann ich dir irgendwas machen? Einen Kaffee? Eine Cola?«
Mit hängenden Schultern steht er vor meiner Verkaufstheke, vermutlich weil er es zuhause nicht mehr ausgehalten hat. Seit gestern Nachmittag, als Ella vom Getränkeholen nicht zurückgekehrt ist, steht seine Welt kopf. Und nicht nur seine, ganz Fichtenstein dreht durch und sucht nach Ella. Bisher ohne Erfolg. Es gibt keinen Hinweis, wo sie sein könnte, niemand hat sie gesehen.
»Hast du vielleicht auch etwas Stärkeres?« Seine Augen glänzen matt, Schuld schwappt über mich hinweg.
Wortlos greife ich unter die Theke, hole eine Flasche Jim Beam hervor und gieße uns zwei Gläser ein. Eines davon schiebe ich meinem Freund zu, das andere leere ich selbst. Ich mache mir keine Illusionen, es ist meine Schuld, dass Ella verschwunden ist. Der Zufall wäre einfach zu groß. Und dieses Wissen zerfrisst mich, lässt mich nicht mehr still stehen. Doch noch viel schlimmer ist, dass ich nichts machen kann. Nichts, außer zu warten, denn Emilia wird sich melden. Ich habe keine Nummer von ihr, sonst hätte ich sie längst angerufen. Emilia will eigentlich gar nicht Ella, sie will mich. Ella hatte vermutlich einfach Pech, zur falschen Zeit, am falschen Ort zu sein. Ich kann nur hoffen, dass sie ihr nichts angetan hat. Verdammt! Wütend haue ich das Glas auf die Theke, drehe mich herum und schiebe mir die Hände in die Haare. Ich muss etwas tun, irgendetwas, um Ella zu helfen!
»Ich gehe dann wieder!«, sagt Leon und seine Stimme bricht. »Ich melde mich, wenn ich etwas höre.«
Ich wende mich ihm wieder zu, nicke schwach. »Kann ich noch etwas für dich tun? Soll ich mitkommen? Meine Mum kann übernehmen.«
»Nein, lass mal. Ich gehe zu meinen Eltern und die sind lieber allein.« Besser ist das. Wenn Ellas Eltern erfahren, dass ich Schuld am Verschwinden ihrer Tochter bin, werden sie mich hassen. Ich umarme meinen Kumpel noch einmal, dann verschwindet er. Lässt mich wieder alleine mit meiner verdammten Schuld und der Hilflosigkeit, weil ich immer noch nichts machen kann, außer zu warten. Zur Polizei kann ich nicht gehen, das würde alles nur noch schlimmer machen. Außerdem wüsste ich nicht, was ich denen sagen soll. Ich weiß nicht, wo sie Ella verstecken und ich habe nur eine Ahnung, wer dafür verantwortlich ist. Wenn auch eine ziemlich sichere.
In diesem Augenblick klingelt mein Handy. Unbekannt. Wut bricht über mir auseinander, reißt mich mit sich, und ich tippe so hektisch auf dem Display herum, dass ich mehrere Anläufe brauche, bis ich den Anruf angenommen habe.
»Wo ist sie?« Ich brülle regelrecht ins Telefon, bevor der Anrufer auch nur ein Wort gesagt hat.
»Komm in die alte Lagerhalle, Forststraße 3. Die vierte Tür links ist offen. Kein Wort zu niemandem. Und Tom, bring das Geld mit!«
Ich erstarre zu Eis. Das monotone Tuten dröhnt in mein Ohr. Der Anrufer hat aufgelegt. Meine Gedanken rasen, stolpern durcheinander, versinken im Chaos. Ich habe kein Geld, zumindest nicht genug. Bei weitem nicht. Doch ich habe keine Wahl, sie dürfen Ella nichts tun.

***

Die Tür zur verlassenen Lagerhasse quietscht leise, als ich sie vorsichtig öffne. Es brennt keine Lampe, gedämpftes Tageslicht quillt durch die Ritzen der zugenagelten Fenster. Die Luft ist trocken, es riecht nach Öl und Abgasen. Früher einmal wurden hier Fahrzeuge gelagert, große Maschinen eines Bauunternehmers. Doch seit er vor über zehn Jahren bankrott gegangen ist, nutzt die Halle niemand mehr. Jetzt ist sie beinahe leer, bis auf ein paar kaputte Regale, Kisten und Metallschrott, den niemand entsorgt hat.
»Tommy Boy, ich würde ja sagen, es ist eine Freude dich wiederzusehen. Doch wir wissen beide, dass das gelogen wäre.« Die Hände in den Hosentaschen, eine glimmende Zigarette im Mundwinkel kommt Carlos Sanchez auf mich zu. Er trägt dunkle Kleidung, seine Haare sind streng zurückgekämmt, ein falsches Lächeln liegt auf seinen Lippen. Alles an ihm stinkt nach Gewalt, Verrat und Korruption. Und auch wenn ich auf Anhieb keine Waffe an ihm entdecke, weiß ich doch, dass er eine bei sich hat. Wie ich mich jemals darauf einlassen konnte, mit ihm Geschäfte zu machen, ist mir ein Rätsel. Einen Fehler, den ich bitter bereut habe.
Automatisch ballen sich meine Hände zu Fäusten, mein Körper spannt sich an. »Wo ist sie?«, frage ich ruhig, obwohl mir eher danach ist, ihn anzubrüllen. Aber das würde mich nicht weiterbringen. Und mein oberstes Ziel ist es, Ella zu befreien.
»Langsam, mein Freund. Erst einmal will ich mein Geld!« Carlos hat einen starken spanischen Dialekt, doch sein Deutsch ist fast fehlerfrei.
»Es war nicht Teil des Deals, dass ich dir dein Geld wiederbeschaffe. Ich habe für dich gespielt und verloren. Pech für uns beide. Es war nie die Rede davon, dass ich dir anschließend etwas schulde.« Unauffällig lasse ich meinen Blick durch die Halle wandern. Von Ella ist nichts zu sehen. Wo ist sie?
Er schnalzt mit der Zunge. Dann lacht er gekünstelt. »Du hast es nicht, oder?«
»Ich schulde dir nichts, Carlos. Warum also sollte ich etwas mitbringen?« Es ist ein Spiel auf Zeit, mehr nicht. Denn natürlich ist mir klar, dass mich Carlos nicht davonkommen lässt. Andernfalls wäre ich ja auch nicht überstürzt aus Las Vegas nach Fichtenstein geflohen, um hier mit dem Café zumindest ein Teil der Summe zu erwirtschaften.
»Tommy, Schluss mit dem Geplänkel. Gib es mir. Dann kann deine Freundin gehen.«
»Erst will ich sie sehen!«
Carlos nimmt die Zigarette aus dem Mund und schnipst sie zu Boden. In aller Ruhe tritt er sie aus. »Dann hast du mein Geld also doch.«
Meine Zähne knirschen, so fest presse ich die Kiefer zusammen. »Ich will Ella sehen! Ich will mich vergewissern, dass es ihr gut geht.«
»Ist sie deine Freundin? Das wird Emilia aber enttäuschen.«
»Was wird das? Ein netter Plausch unter Freunden?« So langsam ist meine Geduld am Ende. Ich sollte ihm eine knallen, Ella suchen und verschwinden. Am besten nach Sibirien oder China, irgendwohin, wo uns dieser Halsabschneider nicht findet. Weglaufen, wie ich es schon mein Leben lang getan habe.
Ein gehässiges Grinsen breitet sich in Carlos‘ Gesicht aus. Ich habe zu viel gesagt, er weiß, dass Ella mir nicht egal ist.
»Dort hinten ist sie!« Er deutet hinter sich, aber außer verstaubten Regalen erkenne ich nichts. Daher gehe ich an ihm vorbei in die angedeutete Richtung, mir dessen bewusst, dass in blindlings in eine Falle tappen könnte. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung sitzt auf der Rückseite der Regale tatsächlich Ella. Sie kauert am Boden, die Hände und Füße gefesselt. Einen Knebel im Mund. Sie sieht erbärmlich aus, schmutzig und völlig fertig. Aber zumindest scheint sie unverletzt.
»Mach sie los!« Aufgebracht fahre ich zu Carlos herum. »Was soll das, warum ist sie gefesselt?«
Carlos, der neben mich getreten ist, sieht gleichgültig auf Ella hinab. Das wütende Funkeln in seinen dunklen Augen entgeht mir dennoch nicht. »Sie war etwas widerspenstig, deshalb mussten wir sie fesseln.«
Mit einem Schritt bin ich bei Ella. Sie hat den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen. Vorsichtig fahre ich ihr über die Wange, bis sie ihre Augen erschrocken aufreißt und zurückzuckt. Panik flackert über ihr Gesicht, sie schüttelt den Kopf und beginnt, gegen ihren Knebel zu schreien.
Ruckartig erhebe ich mich wieder. »Du bekommst dein Geld, allerdings dauert es etwas, bis ich die Summe zusammenhabe. Lass Ella gehen!«
Ein perlendes Lachen ertönt hinter den Regalen, schnelle harte Schritte folgen, dann tritt die schönste und zugleich grausamste Frau, die ich je getroffen habe, neben Carlos. Emilia trägt ein helles Kostüm, das ihr auf den Leib geschneidert wurde. Ihre dunklen Locken fallen glänzend über ihre Schulter, ihre dunkelbraunen Augen blitzen. Die Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem Vater ist unverkennbar. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir dich wieder gehen lassen! Und du erneut verschwinden kannst. Hast du eine Ahnung, wie schwierig es war, dich hier zu finden? Nein, du bleibst schön hier.«
Allein ihre Stimme schickt eine Gänsehaut über meinen Körper, Wut leckt über meine Haut. »Und wie soll ich euch das Geld dann bringen?«
Sie zuckt ihre schmalen Schultern. »Überlege dir was.«
»Erst wenn Ella in Sicherheit ist. Sie hat nichts mit der Sache zu tun.«
Emilias Augen werden schmal, ihr Blick huscht an mir vorbei. »Nein, Tom. Sie bleibt. Dein Leben alleine ist dir die Summe nicht wert, die du uns schuldest. Ich gebe dir bis morgen früh, ansonsten stirbt sie.«
Es klingt wie in einem schlechten Krimi. Und bei jedem anderen hätte ich über die platte Drohung gelacht. Aber ich weiß, zu was Emilia und Carlos fähig sind. Menschenleben bedeuten ihnen nichts, es geht einzig und allein um den Profit. Daher presse ich nur die Lippen zusammen und setzte mich neben Ella auf den Boden. Dann greife ich nach meinem Handy. Es gibt nur eine Person, die mir jetzt noch helfen kann.

***

»Was glaubst du, wie spät es ist?«
Es sind die ersten Worte, die Ella an mich richtet, seit Carlos und Emilia verschwunden sind. Nachdem ich telefoniert habe, haben sie mir das Handy abgenommen und Ella wenigstens von ihrem Knebel befreit. Meine Hände sind ebenfalls gefesselt, aber meine Beine sind frei. Anscheinend haben sie keine Sorgen, dass ich abhauen könnte. Weit würde ich auch nicht kommen, Carlos und Emilia haben uns sicher nicht unbewacht gelassen.
»Vermutlich zwischen acht und zehn Uhr.« Es kommt kein Licht mehr in die Halle, wir sitzen im Dunklen. Ich lehne meinen Kopf an das Regal hinter mir. Mein Hintern tut weh, weil der Boden hart und kalt ist, und meine Hände kribbeln von den Fesseln. »Es tut mir so leid, Ella!«
»Das hast du schon gesagt. Ungefähr Hundert Mal.«
»Aber bisher hast du nie reagiert.« Ich wende ihr meinen Kopf zu, aber mehr als einen dunklen Schemen erkenne ich nicht.
Ella seufzt leise. »Erklär es mir!«, fordert sie schlicht.
»Es ist kompliziert.«
»Tom! Keine Spiele mehr.« Sie klingt noch nicht einmal wütend, eher resigniert. Was habe ich ihr nur angetan?
Ich hole Luft, atme die kalte abgestandene Luft in meine Lungen. Sie hat die Wahrheit verdient. »Ich bin ein Spieler, ich habe mit Glücksspiel mein Lebensunterhalt verdient. Zumindest die letzten Jahre. Vor einem Jahr habe ich in Mexiko Emilia kennengelernt. Sie hat mich fasziniert, beeindruckt. Wir hatten ein paar Wochen etwas miteinander, bis sie mir irgendwann ihren Vater vorgestellt und dieser mir ein Angebot gemacht hat. Ich sollte für ihn spielen. Mit seinem Geld mehr verdienen als jemals zuvor. Für mich war eine ordentliche Marge drin und … nun ja, Emilia.«
Ich warte darauf, dass sie etwas sagt. Dass sie etwas fragt, irgendetwas, dass es mir leichter macht, weiterzureden. Aber Ella schweigt und der Druck auf meiner Brust wird immer größer.
»Ein paar Monate hat das gut funktioniert. Ich habe gespielt und gewonnen. Aber dann kam der eine Abend im MGM Grand Casino in Las Vegas. Es muss ein abgekartetes Spiel gewesen sein, so schlecht wie an diesem Abend waren meine Karten noch nie. Ich habe Carlos‘ komplettes Geld verspielt. Mir war klar, was das für mich bedeutet und bin abgehauen, so schnell ich konnte.« In meinem Magen rumort es, ich fühle mich miserabel. Und das liegt leider nicht an meiner körperlichen Verfassung, sondern weil es mich fast umbringt, Ella alles zu erzählen. Mein Leben zu erzählen. Es klingt selbst in meinen Ohren so erbärmlich, dass ich am liebsten schon wieder wegrennen würde. Aber niemals könnte ich sie alleine hier zurücklassen. Nur diese eine Nacht noch, dann werde ich verschwinden. Dann hat sie endlich, was sie die ganzen letzten Wochen wollte. Sie hat ihr Leben wieder, ohne mich.
»Es tut mir leid, Ella. Es tut mir alles so leid!« So gerne würde ich sie ansehen, doch in dieser verdammten Dunkelheit erkennt man fast nichts.
»Deshalb bist du in Fichtenstein. Weil du auf der Flucht bist. Und weil die Bäckerei deines Vaters alles war, was du noch hattest. Dein ganzes Gerede von wegen du suchst ein neues Zuhause und du willst ankommen, war glatt gelogen, oder?«
»Die Flucht war zumindest der ursprüngliche Grund, ja.« Sie würde mir kein Wort glauben, wenn ich ihr erzähle, dass ich mich hier überraschend wohl fühle. Und dass ich, obwohl ich es nie vorhatte, eigentlich gar nicht mehr weg will aus Fichtenstein.
»War irgendetwas, was du mir in den letzten Wochen erzählt hast, keine Lüge, Tom? War irgendetwas kein verdammtes Spiel? Der Streit zwischen uns, die Konkurrenz, deine Anmache, war irgendetwas davon echt? Oder war das alles nur Taktik, um möglichst schnell an viel Geld zu kommen?«
Ich schweige, lasse den Kopf sinken. Geschlagen von meinen eigenen Regeln.
»Das habe ich mir gedacht.«
Das Regal in meinem Rücken vibriert. Ella bewegt sich, dreht sich von mir weg. Das habe ich verdient. Die Dunkelheit drückt auf mich ein, Reue und Bedauern füllen mich aus. Und das verdammte Wissen, eine echte Chance ruiniert zu haben.
»Ich mag dich, Cinderella. Viel zu sehr«, sage ich irgendwann leise und hoffe, dass sie eingeschlafen ist und meine Worte nicht hört. »Das ist keine Lüge. Auch wenn das jetzt keinen Unterschied mehr macht.«

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