Lebkuchenliebe: Tag 19

Kopf oder Herz

Ella

Samstag, 19. Dezember

Es ist arschkalt. Und immer noch stockdunkel. Meine Zähne klappern, mein ganzer Körper ist verkrampft. Und ich fühle mich, als würde ich seit zwei Tagen in einer Tiefkühltruhe sitzen. Jeder einzelne Muskel tut mir weh, ich habe Kopfschmerzen. Von meinem seelischen Zustand will ich gar nicht erst anfangen. Ich versuche auszublenden, was gerade passiert. Jeden Gedanken daran, dass ich tatsächlich entführt wurde und was das für mich bedeutet, weit wegzuschieben, um nicht endgültig zusammenzubrechen. Was allerdings nur mit mittelmäßigem Erfolg klappt.
»Komm her!« Toms Tonfall schwankt zwischen genervt und besorgt. »Du zitterst so sehr, dass das ganze Regal klappert.«
»Und wenn schon!«, zische ich trotzig. »Das kann dir doch egal sein.«
Er seufzt hinter mir, da ich ihm immer noch den Rücken zugewandt habe. »Herrgott, wie oft soll ich mich noch entschuldigen?«
Ungefähr eintausend Mal. Und dann wäre es immer noch nicht gut zwischen uns. Denn was Tom getan hat, wie er die letzten Wochen mit mir gespielt hat, hat mich auseinandergerissen. Und mein Herz in Abermillionen Splitter zerschossen, die niemand wieder zusammenkleben kann. Dabei hasse ich ihn nicht einmal. Ich fühle gar nichts. Nur eine dumpfe, gleichgültige Leere.
Tom bewegt sich, dann schlingt er einen Arm um meinen Oberkörper und zieht mich näher an sich heran. Unsere Hände sind beide gefesselt, daher funktioniert das nicht richtig. Ich liege fast auf ihm, den Kopf in seinem Schoß, anstatt auf seinem Oberkörper.
»Ella, du zitterst am ganzen Körper. Ich kann es fühlen. Du wirst krank!« Sein warmer Atem streicht über mein Gesicht, sein Kopf muss direkt über mir sein.
Ich knurre frustriert. Ich will das alles nicht. Ich will ihm nicht so nahe sein, ich will nicht ausgerechnet von ihm so abhängig sein. Aber ich trage nur einen dünnen Pullover und er eine dicke Jacke. Und seine Körperwärme dringt selbst jetzt in meinen Körper ein und lässt das Zittern schwächer werden.
»Bilde dir bloß nichts darauf ein«, blaffe ich ihn an, schiebe mich aber nach oben, bis mein Kopf an seiner Brust liegt. Er hat seine Jacke geöffnet und legt sie jetzt um mich herum, anschließend schließt er die Arme um mich. Augenblicklich fallen mir die Augen zu, ich dränge mich näher an ihn heran. Es muss mitten in der Nacht sein, ich bin unendlich müde und erschöpft. Sein ruhiger Herzschlag pocht an meinem linken Ohr, lässt mich entspannen, öffnet Türen, die ich so krampfhaft geschlossen halte.
»Warst du letzte Nacht schon hier?«
Seine Frage reißt mich aus meinem Dämmerzustand. »Nein. Wir waren in einem Hotelzimmer, ich würde auf die Pension zum Ochsen tippen. Hier sind wir erst seit heute Morgen, anscheinend war ihnen das Hotel zu riskant.«
Ich spüre, wie er nickt. »Wie geht es dir?«
Ich brauche einen Moment, um zu antworten. Sein ruhiger Herzschlag, das gleichmäßige Heben und Senken seiner Brust. Überall ist Tom. Nur Tom. Und das ist mir zu viel. »Ich habe Angst!«, sage ich schließlich, weil es die Wahrheit ist. Alles andere braucht er nicht zu erfahren, das geht ihn nichts an.
»Ich werde uns hier herausholen. Sie werden dir kein Haar krümmen, das verspreche ich dir!«
Ich lache hart auf. »Und ausgerechnet das soll ich dir jetzt glauben? Du bist nicht besonders gut darin, Versprechen einzuhalten.«
Ein Brummen erfüllt seinen Brustkorb, vibriert bis in meinen Oberkörper. »Ich habe dir vor zehn Jahren nichts versprochen. Wir wussten beide, dass das eine einmalige Sache zwischen uns ist.«
»Wussten wir das?« Ich hebe meinen Kopf, aber natürlich sehe ich ihn immer noch nicht. »Oder wusstest du nur das? Und ich war einfach naiv und bescheuert, dass ich ein ganzes halbes Jahr darauf gewartet habe, dass du dich meldest.«
Tom bleibt stumm.
»Warum, Tom? Warum hast du dich nie bei mir gemeldet? Wenigstens mal angerufen oder eine E-Mail geschrieben. Irgendetwas? Aber du hast mich schon am nächsten Tag nicht mehr angesehen und drei Tage später warst du weg. War die Nacht wirklich so schlimm?« Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet jetzt damit anfange. Vermutlich, weil er mir jetzt nicht davonlaufen kann und mir die verdammten Antworten schuldet. Denn so eine Erfahrung vergisst man nicht einfach. Und ich habe lange gebraucht, um halbwegs darüber hinwegzukommen.
»Nein, Ella, das war sie nicht. Ganz und gar nicht.« Seine Arme schließen sich enger um mich und plötzlich spüre ich seine Wange an meinen Haaren. Mein Herzschlag stolpert. »Aber …« Er zögert, holt Luft, wie um sich zu wappnen. »Ich hatte keine gute Zeit damals. Mein Bruder war ein halbes Jahr vorher gestorben, dann kam die Scheidung meiner Eltern. Ich wollte einfach nur noch weg. Ich weiß, dass ich mich hätte melden sollten, aber es ging nicht. Ich konnte das nicht. Du … hattest damals einfach keinen Platz in meinem Leben.«
Seine Ehrlichkeit tut verdammt weh. Und auch wenn ich es verstehe, ihn verstehe, hat es sich furchtbar angefühlt, nach dem ersten Mal so alleine zu sein.
»Das Tattoo mit dem Stern. Das auf deinem Arm. Das trägst du als Erinnerung an deinen Bruder, oder?«
Er nickt an meinem Kopf. »Ja.«
»Was bedeuten die anderen?«, will ich wissen und bin froh über den Themenwechsel.
»Auf dem Arm steht mein Lebensmotto: Stillstand ist Rückschritt. Es soll mich daran erinnern, nach vorne zu schauen. Dass es immer weitergeht, auch wenn es einem das Leben nicht immer einfach macht. Und das Pik-Zeichen am Bauch ist meine Lieblingsfarbe.«
»Irgendwie passend. Also beides.« Ich muss grinsen. »Ist der Pik-Bube nicht das Arschloch im Tarot?«
Ein harter Ellenbogen knufft mich in die Seite. »Hey!«
»Du weißt selbst, dass du dich wie ein Arschloch benommen hast.«
Er murmelt etwas Unverständliches, dann breitet sich Stille über uns aus. Nur unser leiser Atem durchdringt die Dunkelheit und ein ziependes Geräusch, von dem ich lieber nicht genau wissen will, woher es kommt. Wieder überkommt mich die Müdigkeit, ich habe letzte Nacht nicht sonderlich viel geschlafen.
»Ella?«
»Mmh?«
»Ich werde verschwinden. Wenn wir hier raus sind, verlasse ich Fichtenstein wieder.«
Ich zucke zusammen. Tom bemerkt es, seine Arme schließen sich fester um mich. Ich hoffe, dass er es auf die Müdigkeit schiebt oder auf die Kälte und nicht darauf, dass ich mich plötzlich nicht mehr bewegen kann. Dass ich wie erstarrt bin, erschlagen, und die Tränen in meinen Augen brennen. Ich muss hart schlucken, blinzle verzweifelt, auch wenn Tom meine Tränen in der Dunkelheit sowieso nicht sehen kann. Aber ich weiß, dass sie da sind.
Tom verschwindet wieder. Das ich es, was ich die ganze Zeit wollte. Und was ich, gerade nach den letzten vierundzwanzig Stunden, umso mehr herbeisehne. Dennoch bricht dieser eine Satz etwas in mir auf. Wie der erste Sonnenschein am Morgen strahlen Schmerz und Sehnsucht durch mich hindurch, und ich kann mir immer wieder sagen, dass es völlig irrational ist, was ich gerade fühle, dass es vollkommen verrückt ist, ihm zu verzeihen, mein Herz sieht das anders. Wie schon vor zehn Jahren tut mein Herz, was es will. Und es will immer noch Tom.
Doch ich bin keine fünfzehn mehr und es ist nicht mehr mein Herz, was mein Leben bestimmt. Sondern ich. Daher schlucke ich die Tränen hinunter und kralle meine Fingernägel in meine Handflächen, bis es richtig wehtut und ich wieder klar denken kann. Erst dann traue ich mich, zu antworten.
»Okay!«

***

»Cinderella.«
Ich wühle mich tiefer in das Kissen. Es ist warm und gemütlich und ich bin weit davon entfernt, aufwachen zu wollen.
»Ella! Wach auf!« Jemand streicht mir vorsichtig über die Wange.
Ich brumme, reibe meinen Kopf an dem warmen, aber irgendwie harten Kissen. Hart? Erschrocken fahre ich hoch, knalle mit meinem Kopf gegen etwas Festes und zucke zurück. Über mir zischt es schmerzerfüllt. Scheiße! Ich liege immer noch auf Tom. Genauer auf seinem Schoss, mit dem Kopf in seinem Pullover vergraben. Hölle, ich bin nun wirklich kein Fliegengewicht, habe ich die ganze Nacht auf ihm gesessen?
Peinlich berührt rutsche ich seitlich von ihm herunter, allerdings habe ich wenig Spielraum, da seine Arme immer noch um meinen Oberkörper liegen. Als er sie anhebt, schiebe ich mich soweit von ihm weg, dass ich ihn ansehen kann. Und erst in diesem Moment wird mir wieder bewusst, wo wir uns befinden.
Ich wurde entführt. Weil Tom irgendeinem Mexikaner Geld schuldet. Und wenn er es bis heute Morgen nicht beschafft, dann … ja was dann? Bringen sie uns um? Halten sie uns weiter hier gefangen? Verschleppen uns nach Mexiko? Panik schwappt über mich hinweg, schlagartig bin ich hellwach. Dämmriges Licht erfüllt die Lagerhalle, es muss früher Morgen sein.
»Ruhig, Ella!«, sagt Tom beruhigend und greift nach meinen Händen. Er muss mir anmerken, dass ich kurz vor einer Panikattacke stehe. »Alles ist gut. Ich habe versprochen, dass ich dich hier raushole und das werde ich.«
Das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit sehe ich ihn an. Ich meine sehe ich ihn wirklich und nicht nur als Schatten in der Dunkelheit. Er ist unnatürlich blass, seine blauen Augen wirken fast schwarz. Schuld hat sich in seine Züge gemeißelt, ihm muss es wirklich dreckig gehen.
Ich will den Kopf schütteln, etwas erwidern, aber er lässt mich nicht zu Wort kommen. »Sie sind da.« Es ist nur ein Raunen. Doch er sieht an mir vorbei und da verstehe ich, was er meint.
»Guten Morgen, Tommy Boy!«, ertönt es auch schon in diesem Moment hinter mir und ich zucke schlagartig zusammen. Hass brandet durch mich hindurch, wird jedoch von meiner Angst vor Carlos überlagert. Der Mexikaner ist mir unheimlich und das liegt nicht nur daran, dass er es war, der mich entführt und gefesselt hat. Er hat diese Ausstrahlung, in der so viel Abgeklärtheit und Skrupellosigkeit steckt, dass man am liebsten sofort das Weite suchen würde. Außer man sitzt an Füßen und Händen gefesselt vor ihm und kann nichts anderes machen, als wütend zu ihm aufzusehen.
»Carlos!« Tom klingt müde, jedoch alles andere als ängstlich. Eher stumpf und abgebrüht, wie als würde er über einen neuen Vertrag verhandeln. Er lässt sich immer noch nicht in die Karten schauen.
»Es ist Morgen. Und ich habe noch kein Geld. Sollen wir den Einsatz ein wenig erhöhen?« Er zieht eine Pistole hinter seinem Rücken hervor. Mir wird schlecht. Automatisch rutsche ich ein wenig näher an Tom heran, der jedoch aufsteht und sich vor mich stellt.
»Das ist nicht nötig. Sie kommt gleich.« Wer kommt? Wie will er überhaupt das Geld beschaffen, er hat doch gar keins? Ich beiße mir auf die Lippen, dass ich nicht früher darauf gekommen bin, ihn danach zu fragen.
Der harte Stakkato-Klang von tippelnden High Heels kündigt Emilia an. Sie tritt hinter dem Regal hervor und geht direkt zu Carlos, um ihm leise etwas zu sagen. Uns beachtet sie nicht weiter. Automatisch verkrampfe ich mich wieder. Und auch wenn es völlig unangebracht ist und ich weiß Gott größere Sorgen habe, sticht glühende Eifersucht durch mich hindurch. Tom hatte etwas mit ihr. Nur wegen ihr sitze ich heute hier. Elendes Miststück!
Nachdem sich unsere Entführer besprochen haben, schaut Carlos wieder zu Tom. »Wie es scheint, bekommen wir Besuch. Ich hoffe für euch, dass es nicht die Polizei ist!« Er grinst abfällig. Fast könnte man meinen, er würde es sich wünschen. Die beiden verschwinden wieder, lassen uns alleine. Tom sagt nichts, sieht mich auch nicht an, sondern bleibt einfach mit unbewegter Miene stehen.
Nur fünf Minuten später höre ich das leise Quietschen einer Tür. Dann Schritte, dann eine Stimme, die mir vage bekannt vorkommt. Sie sagt etwas, dann lacht Carlos auf. Mir dreht sich der Magen um. Plötzlich ist Emilia wieder da.
»Los, kommt!«, befiehlt sie harsch. Mit einem Messer löst sie meine Fußfesseln. Umständlich komme ich auf die Beine, die vom langen Sitzen taub geworden sind.
»Ihr könnt gehen!« Verwundert sehe ich sie an. Ihre Miene ist unbewegt, sie deutet lediglich mit dem Kinn in Richtung Halle. Ohne auf weitere Erklärungen zu warten, stolpere ich zu Tom. Er nickt mir nur zu, ein vorsichtiges Lächeln auf den Lippen. Hoffnung durchströmt mich, Erleichterung, weil wir vielleicht wirklich unbeschadet aus dieser ganzen absurden Situation herauskommen.
Im dämmrigen Licht erkenne ich zwei Personen, die mitten in der Halle auf uns warten. Carlos, der gerade eine kleine Tasche entgegennimmt und … Toms Mutter. Sie seufzt erleichtert auf, als sie uns sieht, bleibt jedoch bei Carlos stehen. Erst als wir bei ihnen angekommen sind, kommt sie zu mir und legt mir die Hand auf den Arm.
»Geht es dir gut, Ella? Bist du verletzt?«
»Es geht mir gut!«, bringe ich hervor, wobei das ganz und gar nicht die Wahrheit ist.
Sie lächelt aufmunternd und ein bisschen gequält, weil sie das natürlich durchschaut. Dann greift sie nach meinen Händen. »Komm! Wir verschwinden!«
Ich lasse zu, dass sie mich mit sich zieht. Tom bleibt bei Carlos, er spricht leise mit ihm. Aber ich will hier einfach nur raus. Raus aus dieser Halle, raus aus den letzten zwei Tagen, raus aus diesem Alptraum, den ich immer noch nicht ganz verstehe. Als ich endlich wieder unter freiem Himmel stehe und kalte Luft in meine Lunge sauge, laufen mir Tränen über die Wangen. Ich bin frei.
Es war nur eine Nacht. Und doch habe ich das Gefühl, als hätte ich ein Leben in dieser Halle verloren.

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