Lebkuchenliebe: Tag 20

Ein erster letzter Kuss

Tom

Sonntag, 20. Dezember

Ich habe Herzklopfen. Verdammt, ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal Herzklopfen hatte. Oder ob überhaupt schon einmal. Doch als ich jetzt vor der Traditionsbäckerei Stark stehe, auf deren Glasfenster ein neues, modernes Logo prangt, rast mein Herz. Meine Hände schwitzen und um meinen Brustkorb hat sich eine Schlinge gewunden, die sich mit jeder Sekunde weiter zuzieht. Dennoch setze ich jetzt entschlossen einen Fuß auf die erste Stufe, schaue ein letztes Mal nach oben in den blaugrauen Winterhimmel und klopfe dann an die Glastür zur Bäckerei.
Es ist Sonntag und die Bäckerei hat geschlossen. Doch von Leon weiß ich, dass Ella trotzdem hier ist. Sie will noch ein paar Handgriffe erledigen, bevor die Bäckerei morgen wieder eröffnet. Sie hatte seit Ellas Verschwinden am Donnerstag geschlossen. Leon hat mir erzählt, dass sie den Verkaufsraum renoviert haben. Ein neuer Anstrich, ein neues Regal und ein paar Kleinigkeiten, die sie verändert haben. Wie auch das neue Logo. Es freut mich sehr für Ella, dass sie ihre Ideen umsetzen konnte. Dass sie der Bäckerei ihre eigene Note verliehen hat. Daher verstehe ich auch, dass sie heute hier ist, um noch einmal alles zu überprüfen. Auch wenn jeder andere vermutlich den Kopf darüber schüttelt und eher erwartet, dass sie sich nach den Strapazen der letzten zwei Tage ausruht. Aber so ist Ella nicht. Sie schaut nach vorne.
Ich klopfe erneut gegen die Glastür, weil noch niemand aufgemacht hat. Der Verkaufsraum ist leer, doch jetzt kommt Ella aus der Backstube. Als sie mich sieht, bleibt sie stehen. Sie schüttelt leicht den Kopf, anscheinend ist sie sich unsicher, ob sie mit mir reden will. Doch dann gibt sie sich einen Ruck, kommt zur Tür und öffnet mir.
»Hey, Tom!« Ella sieht müde aus. So als hätte sie die letzte Nacht kein Auge zugetan. Ich habe sie seit gestern Morgen nicht mehr gesehen, seit meine Mum Carlos sein verdammtes Geld gebracht hat. Carlos und Emilia sind anschließend verschwunden, keine Ahnung wohin. Ich will es auch gar nicht wissen.
»Hey!«, antworte ich platt. Natürlich wäre es leichter gewesen, direkt zu verschwinden. Fichtenstein den Rücken zu kehren. Ella zu verlassen. Aber es wäre nicht nur leichter, es wäre feige. Und ein Feigling bin ich nicht.
»Komm rein!« Sie macht drei Schritte in den Verkaufsraum hinein. Warme Luft und der so einzigartige Duft von Lebkuchen schlägt mir entgegen, als ich ihr folge.
Ella presst ihre Lippen zusammen, sieht mit einer Mischung aus Verachtung und grenzenloser Enttäuschung zu mir hoch. Sie wartet, dass ich etwas sage. Aber in meinem Kopf ist plötzlich nur noch Leere. Jedes Wort meiner kleinen Entschuldigungsrede ist verpufft.
»Wow! Das nennst du einen Waffenstillstand?«, feixe ich und sehe mich um. Die Bäckerei ist in einem warmen Gelbton gestrichen, die alte Bank vor dem Fenster ist verschwunden, dafür steht ein schmaler Stehtisch in der Ecke. Auch die völlig übertriebene Weihnachtsdeko ist auf ein Minimum reduziert. Es sieht nett aus, moderner.
»Leon und Jenna haben das gemacht.« Sie blinzelt irritiert. »Während ich weg war.«
Ich versuche mich an einem Lächeln. »Es sieht hübsch aus. Es passt zu dir.« Wieder entsteht eine Pause. »Die Polizei war bei mir. Sie suchen jetzt nach Carlos und Emilia. Allerdings haben sie von Erpressung und Lösegeld gesprochen. Von meinen Schulden wussten sie nichts. Du … hast es ihnen verschwiegen, oder?«
»Ja, Tom«, antwortet sie ruhig. Ihr Gesicht verrät nicht, was sie denkt. Zum ersten Mal kann ich ihre Gefühle nicht lesen. »Ich habe ihnen nichts von dir erzählt, von deiner Spielerei und deinen Schulden. Weder der Polizei noch meinen Eltern oder Leon.«
Ich schlucke hart. »Das hättest du nicht tun müssen.«
»Nein, das hätte ich nicht.«
Sie hat es für mich getan. Sie gibt mir damit eine Chance. Niemand aus Fichtenstein weiß um den echten Grund für Ellas Entführung, nach außen sieht es so aus, als wäre sie entführt worden, um Geld von ihren Eltern zu erpressen. Und ausgerechnet ich habe sie gerettet. Niemand weiß von meinen Schulden oder dem Geld, das meine Mum Carlos gebracht hat. Und meine Mum wird kein Wort sagen.
Ich hole tief Luft, stoße sie hart wieder aus. Erst dann schaue ich Ella an. Ihre wirren dunklen Locken, ihre matten grünen Augen, in denen sich noch die Strapazen der letzten Tage spiegeln. »Ich bin hier, um mich zu verabschieden«, sage ich schlicht, obwohl ich doch so viel mehr sagen sollte.
Ihre Augen weiten sich und endlich zuckt eine Gefühlsregung durch ihr Gesicht. Verzweiflung.
»Ich habe Mist gebaut und nie im Leben wollte ich, dass du da mit hineingezogen wirst. Das werde ich mir nie verzeihen. Es tut mir so leid, Ella«, sprudelt es plötzlich aus mir heraus. Die Worte drängen gegen meine Lippen, ich kann sie nicht mehr aufhalten. »Ich weiß, wie ich mich dir gegenüber die letzten Wochen verhalten habe. Es war ein Spiel, wir beide hatten Spaß, zumindest am Anfang. Aber dann habe ich die Kontrolle verloren. Ich …« Ich fahre mir durch die Haare. »Ich kann mich nicht kontrollieren, wenn ich spiele. Dann denke ich nur noch ans Gewinnen, unbedingt, und verliere aus den Augen, was das für andere bedeutet. Oder auch für mich. Es tut mir leid. Ich hätte dir nicht so nahe kommen dürfen, ich hätte nicht mit dir spielen dürfen.«
Schrei mich an, Ella, bitte! Aber den Gefallen tut sie mir nicht, sie bleibt ruhig. Stattdessen macht sie noch einen Schritt auf mich zu. »Stimmt es, was du gestern Nacht gesagt hast? Magst du mich? Viel zu sehr?«
Ich zucke zusammen. Sie hat meine Worte also doch gehört. »Ja.«
Sie senkt den Blick, überlegt. Dann schaut sie wieder auf, direkt in meine Augen. »Ich will einen Kuss von dir, Tom. Damit ich diese verfluchte Sache zwischen uns abschließen kann. Damit ich vergessen kann, was die letzten Wochen passiert ist, die letzten beiden Tage. Damit du verschwindest und endlich dein Platz in meinem Herz wieder frei wird.«
»Einen Kuss?« Mit kaum etwas hätte sie mich mehr überraschen können.
»Ja!«
»Hier? Jetzt?« Wir stehen immerhin mitten in ihrer Bäckerei, neben uns eine riesige Glasfront.
Ungeduldig hebt sie ihre Augenbrauen und kommt noch näher auf mich zu. »Ja!«
Verblüfft schaue ich zu ihr herunter. Sie meint das ernst. Langsam hebe ich eine Hand, schiebe sie sanft ihre Wange entlang bis in ihren Nacken. Die andere lege ich um ihre Taille. »Du bist wirklich sicher?«, raune ich leise und immer noch ein wenig ungläubig.
Sie antwortet nicht. Stattdessen stellt sie sich auf die Zehenspitzen und küsst mich. Ihr Mund bewegt sich langsam auf meinem, ich reagiere nicht, bin überrumpelt von der ganzen Situation, bis sie mit ihrer Zunge über meine Lippen streicht. Unweigerlich muss ich über ihre Kühnheit grinsen, ziehe sie näher an mich heran und küsse sie endlich zurück.
Es ist merkwürdig Ella zu küssen. Wieder zu küssen. Und einmal mehr habe ich das Gefühl nach Hause zu kommen. Wir spielen miteinander, wie wir es die letzten Wochen getan haben, necken uns, kämpfen, tanzen. Ellas Hände wandern wie von alleine über meinen Oberkörper nach oben, krallen sich in meine Haare und halten mich fest. Das hier ist viel mehr als ein einfacher Kuss. Es ist Leidenschaft, Verlangen, Vorwurf, Schmerz. Das Leben.
Als Ella sich von mir löst und zurückzieht, ist ihr Blick verschleiert. Ihr Atem geht zu schnell, ihre Hände zittern. Dennoch erkenne ich die Entschlossenheit in ihrem Gesicht. Sie hat ihre Entscheidung getroffen.
»Maximal mittelmäßig«, sagt sie schließlich und ein leichtes Keuchen liegt in ihren Worten. »Ich wusste es.«

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