Lebkuchenliebe: Tag 21

Was das Herz will

Ella

Montag, 21. Dezember

Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei.
Langsam wiederhole ich diese Worte in meinem Kopf, bis ich nichts anderes mehr denken kann. Bis der Schmerz verschwunden ist, die Leere endlich wieder ihren Platz hat und ich einfach nichts mehr fühle. Ich bin ruhig, ausgeglichen, kein nervliches Wrack mehr wie letzte Nacht. Wo mich die Verzweiflung überrollt hat, die Panik nach mir griff und ich keine Luft mehr bekommen habe, weil ich jeden Augenblick Angst hatte, dass Emilia plötzlich in der Tür steht.
Leon ist irgendwann aufgetaucht, hat mich wortlos in seine Arme geschlossen und gehalten, als ich zusammengebrochen bin. Er hat kein Wort gesagt, hat keine einzige Frage gestellt. Ich war ihm unendlich dankbar. Auch heute Morgen hat er mein verheultes Aussehen nicht kommentiert. Er hat mir allerdings mein Lieblingsmüsli zubereitet und die Spülmaschine ganz ohne zusätzliche Aufforderung ausgeräumt. Ich liebe meinen Bruder. Dafür einmal mehr.
Als ich nur eine Stunde später in der Bäckerei stehe, frage ich mich, was ich hier eigentlich tue. Ich hätte in meiner Wohnung bleiben sollen, so, wie es mir meine Eltern angeboten haben. Denn jeder einzelne Kunde, der an diesem Tag vorbeikommt, will wissen, wie es mir geht. Und jeder fragt nach Tom. Ob ich etwas gehört habe, ob ich weiß, ob er wiederkommt und sein Café erneut öffnet. Warum er so plötzlich verschwunden ist – nachdem er mich gerettet hat. Es ist anstrengend, all diese Fragen zu beantworten. Und die wenigstens Antworten, die ich gebe, sind wahr.
Bis zum Abend bin ich völlig durch. Körperlich wie nervlich. Ich schleppe mich zurück in meine Wohnung, lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen und überlege, ob ich nicht einfach direkt hier im Flur liegenbleiben kann. Doch dann dringen vertraute Stimmen an mein Ohr und der Duft nach einem asiatischen Curry liegt in der Luft. Ich muss lächeln, weil Jenna genau weiß, wie sehr ich asiatisches Essen mag. Ich zwinge mich, das Lächeln im Gesicht zu halten, bis ich zu ihr und meinem Bruder in die Küche komme. Einfach, weil sie sich sonst nur noch mehr Sorgen machen würden.
»Du musst nicht lächeln. Die Grimasse nimmt dir sowieso niemand ab«, enttarnt mich mein Bruder jedoch sofort. Meine Mundwinkel fallen herab. Auch gut.
»Ich habe was zum Abendessen gekocht. Isst du mit?« Jenna steht am Herd und rührt mit einem Löffel in einem dampfenden Topf herum.
»Eigentlich habe ich keinen Hunger«, wehre ich ab, doch sofort wirft Jenna Leon einen alarmierten Blick zu.
»Na gut!« Ich gebe mich geschlagen, bevor sie beide auf mich einreden können. Der Tisch ist bereits gedeckt, daher lasse ich mich müde auf einen Stuhl plumpsen. Leon setzt sich mir gegenüber, Jenna stellt den Topf auf den Esstisch und nimmt neben ihm Platz. Sie verteilt das Essen. Grünes Thai Curry, mein Lieblingsgericht. Tränen brennen plötzlich in meinen Augen, weil ich so dankbar bin, diese beiden Personen zu haben. Die mich kennen, denen ich nichts erklären muss. Die einfach da sind, wenn ich sie brauche.
»Danke!«, bricht es aus mir heraus und ich blinzle verzweifelt, aber eine Träne kullert trotzdem meine Wange hinunter.
Jenna greift über den Tisch nach meiner Hand. »Sag mir, wie ich dir helfen kann und ich tue es!«
»Das weiß ich. Danke!« Schnell schaufele ich einen großen Löffel Curry in meinen Mund, bevor ich noch richtig anfange zu heulen. Oder die Wahrheit aus mir herausbricht. Denn weder Jenna noch Leon wissen, was wirklich hinter der Entführung steckt. Oder was Tom alles getan hat. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass Leon eine Ahnung hat.
»Ich habe mit Tom telefoniert«, sagt Leon ruhig und handelt sich prompt einen Ellenbogenknuff von Jenna ein. »Er ist in Hamburg bei Jan. Er hat gefragt, wie es dir geht.«
Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei. Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei.
»Was hast du gesagt?«, will ich wissen und esse weiter, als wäre nichts gewesen. Als würde nicht ein Sturm an Gefühlen durch meinen Körper tosen, mein Herz auseinanderbrechen, und mich beinahe dazu bringen, Leon ins Gesicht zu brüllen. Ich will seinen Namen nicht mehr hören. Nie wieder.
Leon senkt den Kopf, rührt in seinem Curry herum, ohne etwas zu essen. »Ich weiß nicht genau, was in den letzten zwei Wochen zwischen euch vorgefallen ist, Ella. Und ich will mich auch nicht einmischen. Aber du solltest auch sehen, was du erreicht hast. Du gibst Backworkshops, du hast die Bäckerei renoviert. Du warst so voller Energie, wie ich dich schon sehr lange nicht mehr erlebt habe.« Ich wurde auch noch nie so gedemütigt, noch nie so vorgeführt, noch nie so belogen.
»Ich habe ihm gesagt, dass es dir gut geht. Aber wir alle wissen, dass es nicht stimmt. Und du solltest mal darüber nachdenken, ob das wirklich nur an der Entführung liegt.«
Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei. Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei.
»Leon!«, fährt ihn Jenna aufgebracht an. »Wie kannst du so etwas sagen! Die Entführung war für Ella die Hölle! Sie ist immer noch total verstört! Oh Mann!« Sie funkelt meinen Bruder an und sieht direkt danach wieder zu mir. In ihren Augen glänzt Sorge.
»Es ist schon in Ordnung«, höre ich mich sagen, auch wenn es das ganz und gar nicht ist. Ich lege mein Besteck beiseite, der Hunger ist mir vergangen. »Ich bin dann in meinem Zimmer.«
Ich stehe auf, stelle meinen halbvollen Teller in die Spüle und verlasse unsere Küche. Hinter mir höre ich Jenna mit Leon schimpfen, doch er widerspricht ihr. Der Hauch eines Lächelns zupft an meinen Lippen. Irgendetwas sagt mir, dass endlich mehr zwischen den beiden ist, als nur Freundschaft. Und das freut mich für sie. Wirklich.
In meinem Zimmer ist es dunkel, nur das Licht der Straßenlaterne leuchtet durch das Fenster. Vorsichtig tapse ich zum Bett, mein Blick fällt auf meine Fotokamera, die auf meinem Nachttisch liegt. Ich kann noch nicht einmal sagen warum, aber ich greife danach und lasse mich anschließend in mein Bett fallen. Das Display flimmert hell auf, als ich sie einschalte und mir die aufgenommenen Bilder anzeigen lasse. Es sind die Fotos vom Ehemaligentreffen, ich habe sie noch nicht gelöscht. Leon und seine Kumpels am Spieltisch, Jenna in der Bar, Denise und ihre Freundinnen. Hundert Schnappschüsse von fröhlich lachenden, feiernden Personen. Ich klicke mich durch die Fotos, bis ich müde werde und immer wieder über meine Augen reibe. Doch plötzlich sehe ich mich selbst. Nicht auf dem Ehemaligentreffen, sondern in meinem Wohnzimmer auf der Couch. Woher kommt dieses Foto? Wer hat es gemacht? Ich erinnere mich an den Abend, Jenna war da und wir haben Fernsehen geschaut und Pizza gegessen. Es muss Toms erste oder zweite Nacht bei uns gewesen sein. Natürlich könnte Jenna das Bild gemacht haben, aber etwas sagt mir, dass sie es nicht war. Vielleicht liegt es daran, wie das Foto aufgenommen wurde. Der Winkel ist interessant, das Lichterspiel auf meinem Gesicht. Hier war jemand an der Kamera, der wusste, was er tat. Tom.
Mein Herz zieht sich zusammen, meine Brust verkrampft.
Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei.
Aber bin ich das? Bin ich das wirklich? Ich habe mir eingebildet, ein Kuss mit Tom würde mein Verlangen nach ihm stillen. Würde diesem irrationalen Sehnen in meinem Bauch ein Ende machen. Aber das Gegenteil war der Fall. Es war unglaublich, ihn zu küssen, es hat sich angefühlt wie im freien Fall. Nur das ich, als ich wieder zu mir gekommen bin, immer noch falle. Und mich nichts und niemand halten kann.
Er hat mich belogen, ausgenutzt, lächerlich gemacht. Nur wegen seiner Spiele, wegen seiner Fehler wurde ich entführt. Ich sollte in zum Mond wünschen. Ihm keine einzelne Träne hinterherweinen. Doch als jetzt mein Foto vor meinen Augen verschwimmt, weiß ich, dass ich genau das nicht kann.
Mein Herz macht, was es will. Ganz egal ob ich nun fünfzehn oder fünfundzwanzig bin.

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