Lebkuchenliebe: Tag 22

Das letzte Spiel

Tom

Dienstag, 22 Dezember

»Jingle bells, Jingle bells, Jingle all the way. Oh, what fun it is to ride in a one-horse open sleigh, hey.«
Hatte ich schon erwähnt, dass Weihnachten so gar nicht mein Ding ist? Warum sie selbst im Casino dieses Gedudel laufen lassen müssen, ist mir schleierhaft. Über die Karten hinweg schaue ich zu dem Herrn im dunkelblauen Hemd. Er sieht aus wie ein Geschäftsmann, gepflegte Kurzhaarfrisur, glatt rasiert, Designerbrille. Aber der erste Eindruck kann täuschen, niemand verrät auf den ersten Blick alle seine Geheimnisse. Ohne ein Wort zu sagen, schiebt er ein paar Chips in die Mitte des Spieltisches. Er geht mit. Die Karten legt er anschließend verdeckt vor sich.
Ich bin dran. Mit kalter Miene schaue ich in die Runde. Eine ältere Frau in einem dunkelroten Kleid und einem modernen Longbob kaut nervös auf ihrer Unterlippe herum. Ein weiterer Mann um die Vierzig ist bereits ausgestiegen. Ein flaues Gefühl macht sich in meinem Bauch breit, als ich ebenfalls kommentarlos ein paar Chips in die Mitte werfe, kurz warte und dann drei weitere abzähle und dazulege. »Ich erhöhe auf Fünfhundert.«
Ein flaues Gefühl. Ekel. Ich hasse es, hier zu sitzen. Und zu spielen. Ich hasse mich selbst dafür. Das Glücksspiel war lange ein Teil von mir, etwas womit ich mich identifiziert habe, das meinen Charakter, mein Leben bestimmt hat. Und das mich jetzt nur noch anwidert. Meine Mum würde mich umbringen, wenn sie wüsste, dass ich im Esplanade Casino in Hamburg bin. Ich musste ihr hoch und heilig versprechen, nie wieder zu spielen. Sie hat meine Schulden bei Carlos bezahlt, dafür habe ich ihr das Café überschrieben. Doch die halbe Millionen Euro, die ich ihm geschuldet habe, ist das Café einfach nicht wert. Ich fühle mich furchtbar, dass ich meine Mum so hintergehe, nur um ihr möglichst schnell ihr Geld zurückzugeben. Ich sollte gehen und dieses Kapitel endlich abschließen.
Zehn Minuten später stapelt sich die doppelte Menge Chips vor meiner Nase. Doch ich freue mich nicht, der übliche Freudentaumel bleibt aus. Ich gewinne Geld, mehr nicht.
»Spielen Sie noch eine Runde?«, fragt der Croupier.
Der Mann Mitte Vierzig verabschiedet sich, ebenso die ältere Dame. Nur der Geschäftsmann bleibt sitzen genauso wie ich. Nur noch dieser eine Abend, sage ich mir. Nur noch dieses eine Spiel.
Mein Handy vibriert in der Hosentasche. Schnell werfe ich einen Blick darauf, während zwei weitere Personen am Tisch Platz nehmen. Eine Nachricht von meiner Mum. Das kann warten. Doch als ich mein Smartphone in meine Hosentasche schiebe, vibriert es erneut. Noch eine Nachricht. Noch einmal meine Mum. Schnell entsperre ich das Handy und öffne WhatsApp. Nicht, dass doch etwas passiert ist. Überrascht reiße ich die Augen auf, als ich das Foto sehe, das sie mir geschickt hat. Mein Magen krampft, Scham überkommt mich. Der Bildschirm zeigt ein Bild von mir am Spieltisch. Ich trage einen schlichten schwarzen Pullover, vor mir ein Haufen Chips. Das Foto kann keine zwei Minuten alt sein. Darunter steht die eindringliche Nachfrage, was genau ich in einem Casino machen würde?
Fuck!
Mein Kopf ruckt nach oben, ich schaue mich hektisch um, doch auf den ersten Blick entdecke ich niemanden, der wie meine Mutter aussieht. Woher kommt dann das Foto? Stirnrunzelnd sehe ich es mir genauer an, da ich entdecke ich den kleinen grauen Pfeil darüber. Sie hat das Bild weitergeleitet, jemand anderes muss es geschossen haben.
Mit einem mulmigen Gefühl wende ich mich wieder dem Spieltisch zu. Und den beiden neuen Mitspielern, die eben mir gegenüber Platz genommen haben. Aus dem mulmigen Gefühl wird eine mittelgroße Magen-Darm-Grippe, als ich sehe, wer in der nächsten Runde mitspielen wird. Und mich so unauffällig ignoriert, dass es nur Absicht sein kann. Ella.
»Was zur Hölle tust du hier?« Fassungslos schaue ich sie an. Die Realität in meinem Kopf will einfach nicht mit dem übereinpassen, was ich gerade sehe.
Langsam dreht sie ihren Kopf in meine Richtung. Sie ist geschminkt, hat ihre Haare streng zurückgesteckt und trägt ein schwarzes Kleid. Wenn ich sie nicht kennen würde, hätte ich sie auf den ersten Blick für jemand völlig anderen gehalten. Für jemanden, der weiß, wie man spielt, dem man nicht trauen darf, der glatt und unberechenbar ist. Jedoch nie im Leben für Ella. Meine Ella.
»Ich war neugierig, was dich am Poker so fasziniert.« Sie lügt. Erstaunlicherweise verdammt gut.
Ich erwidere nichts, schaue sie nur skeptisch an und versuche meine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Doch alleine Ellas Anblick haut mich um. Die Sehnsucht ist mit einem Schlag wieder da, das schlechte Gewissen, die Schuld ihr gegenüber. Und der Schmerz, weil sie mir fehlt. Weil ich sie in meinem Leben haben will. Doch genau das ist etwas, was nie passieren wird. Was also macht sie hier?
Mir fällt es schwer, mich auf das Spiel zu konzentrieren, als der Croupier die Karten verteilt. Stattdessen wandert mein Blick immer wieder über den Tisch zu Ella. Wie sie keine Miene verzieht, ihre Karten nur kurz ansieht und dann vor sich auf den Tisch legt. Wie sie nickt und ihre Chips elegant in die Mitte schiebt. Und spätestens in der dritten Runde, als der erste Mitspieler bereits ausgestiegen ist, wird mir klar, dass sie das hier nicht zum ersten Mal tut.
»Herr Westen?«
Ich zucke zusammen.
»Herr Westen, Sie sind dran!«
Ich blinzle. Ein Blick auf die neu aufgedeckte Karte auf dem Tisch, dann zähle ich meine Chips ab. »Ich gehe mit und erhöhe um fünfzig Euro.«
Der Geschäftsmann schüttelt den Kopf. »Ich bin raus.«
Bleiben Ella und ich. Die letzte Runde.
Der Croupier deckt die letzte Karte auf. Einen Pik-Buben.
Ein Schmunzeln huscht über Ellas Gesicht. In meinem Bauch flimmert etwas auf. Unsere Blicke treffen sich und ich könnte schwören, dass sie wie ich an die Nacht in der Lagerhalle denkt.
»Ich gehe mit«, sagt Ella sachlich ohne den Blick von mir zu nehmen. »Und ich erhöhe den Einsatz. Ich biete dir eine Nacht mit mir an.«
Der Geschäftsmann verschluckt sich an seinem Gin Tonic und hustet überrascht auf. Ich reagiere gar nicht. Lausche nur dem Dröhnen in meinen Ohren und meinem Herzschlag, der mit einem Mal viel zu schnell geht.
»Das ist nicht zulässig«, weißt der Croupier Ella zurecht, doch diese zuckt nicht einmal mit der Wimper.
Es wäre absolut falsch darauf einzugehen, aber ich will verdammt sein, wenn ich es nicht tue. Denn natürlich empfinde ich etwas für Ella. Etwas Warmes, Neues, Aufregendes, das ich so noch nicht kannte. Etwas, dass mir Sicherheit vermittelt und gleichzeitig ein unverhohlenes Verlangen nach ihr schürt.
»Was willst du dafür haben?« Mir ist klar, dass ich diesen Einsatz nicht mit Geld aufwerten kann.
»Wenn ich gewinne, hörst du mit dem Spielen auf.«
»Ausgeschlossen.«
Ella sieht mich nur lange an. Nichts lässt darauf schließen, was sie denkt. Verdammt, seit wann kann sie ihre Gefühle so gut verstecken?
»Hast du Angst zu verlieren, Tom?« Es ist ausgeschlossen, dass ich verliere. Vor allem nicht gegen Ella. Das ist geradezu lächerlich.
»Hat dich meine Mum geschickt?« Immerhin hat Ella ihr auch das Foto von mir geschickt.
»Nein. Also?« Sie lässt ihre Zunge über ihre Unterlippe gleiten. Wie paralysiert starre ich darauf, ein brennendes Verlangen im Bauch. Sie spielt mit mir.
»In Ordnung!« Die Worte verlassen schneller meinen Mund, als ich nachdenken kann. Plötzlich bin ich mir der zweifelnden Blicke der übrigen Mitspieler mehr als bewusst. Sie halten den Atem an, wollen ebenso wie ich wissen, wer gewinnt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das zulässig ist, was wir hier tun. Aber selbst der Croupier schreitet nicht weiter ein.
»Also, Cinderella, was hast du?«, frage ich und hebe provokant eine Augenbraue.
In Seelenruhe deckt Ella ihre beiden Karten auf, anschließend legt sie drei der offenen Spielkarten dazu. Erst dann verziehen sich ihre vollen Lippen zu einem Lächeln. Einem gefährlichen Lächeln, das einen Blitz durch meinen Körper schießt. Und mein Leben mit einem Schlag auseinanderbricht.
»Einen Straight Flush.«
Fuck!

***

»Hier, der geht auf mich!«
Ein Schnapsglas wird vor mich geschoben, das ich ohne zu zögern ansetze und abkippe. Tequila. Die Ironie der ganzen Situation entgeht nicht einmal mir.
»Warum?«, frage ich, nachdem ich noch einen weiteren Schnaps hinuntergestürzt habe. Dieser Abend ist ohne Alkohol nicht zu überstehen.
»Warum ich hier bin?« Ella sitzt neben mir auf einem Barhocker, die Beine übereinandergeschlagen, den Blick so selbstsicher und entschlossen, als würden wir hier nicht in einem verdammten Casino an der Bar sitzen, sondern bei ihr zu Hause im Wohnzimmer. »Weil ich die letzte Nacht nicht geschlafen habe. Und die davor auch nicht. Und ich wissen muss, ob das tatsächlich an dir liegt oder an dem ganzen Mist der letzten zwei Wochen.«
»Ella«, beginne ich gequält, weil sie das unmöglich ernst meinen kann. »Ich bin nach Hamburg verschwunden, weil es das Richtige war. Du hast die letzten beiden Wochen alles dafür getan, dass ich Fichtenstein wieder verlasse. Ich habe dich verletzt, mit dir gespielt, verdammt, ich habe dich in Gefahr gebracht. Das werde ich mir nie verzeihen. Ich tue dir nicht gut, du solltest zurück nach Hause fahren, die Bäckerei deiner Eltern übernehmen und glücklich werden.«
»Vielleicht war es das Richtige für dich zu verschwinden, Tom. So wie du es vor zehn Jahren gemacht hast und vermutlich auch die ganzen letzten Jahre. Aber für mich, für mich war es das nicht.«
Ein Funken erwacht in mir und ich bekomme das alles nicht mehr sortiert. »Was meinst du damit?« Der Alkohol rinnt warm durch meine Adern, lässt mich entspannen, dennoch bin ich hellwach.
»Dass ich verrückt sein muss. Völlig irre und unzurechnungsfähig, dass ich dir nach Hamburg gefolgt bin und dass ich …« Sie rutscht von ihrem Stuhl, tritt näher auf mich zu und schiebt sich zwischen meine Beine, bis sie direkt vor mir steht. Nur einen Fingerbreit entfernt. »… dass ich mich in dich verknallt habe, Tom Westen.«
Ich starre sie verblüfft an. In ihre tiefgrünen Augen, die mir mittlerweile so vertraut sind. Und auch wenn ich gehört habe, was sie gesagt hat, kann ich es immer noch nicht begreifen. Ich will ihr widersprechen, will wiederholen, was ich eben gesagt habe und absolut ernst meine. Ich tue ihr nicht gut.
»Ella, ich …«
Doch sie küsst mich. Einfach so. Verschluckt meinen Protest, der an ihren Lippen dahinschmilzt. Es dauert nur einen Herzschlag, dann hat mein Körper und das Verlangen nach ihr die Oberhand gewonnen. Ich lege meine Arme um ihre Taille und ziehe sie an mich. Näher, bis sich ihr Oberkörper an meinen presst und ich ihren Mund mit einer Leidenschaft erobere, der meine Zweifel Lügen straft.
Außer Atem schiebt Ella mich von sich, aus dunklen Augen sieht sie mich an. »Tom?«
»Mmh?«
»Wir sollten von hier verschwinden.«
»Aber ich habe verloren, schon vergessen?«
Sie lächelt mich an. »Aber nicht mich.«

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