Lebkuchenliebe: Tag 23

Entscheidungen

Ella

Mittwoch, 23. Dezember

Ich gähne herzhaft, strecke meine Beine und Arme aus und zucke schmerzhaft zusammen. Oh, Hölle! Ich habe den Muskelkater des Jahrtausends.
»Na, Cinderella, endlich wach?«
Erschrocken reiße ich die Augen auf. Tom steht im Türrahmen von Jans Gästezimmer in Hamburg, ein verschmitztes Grinsen im Gesicht und – dem Himmel sei Dank – zwei Pappbechern in den Händen, aus denen ein verführerischer Kaffeeduft strömt.
»Es ist noch viel zu früh!«, brumme ich, drehe mich herum und ziehe mir die Decke über den Kopf.
Toms Lachen erfüllt das Zimmer, ein fröhliches, befreites Lachen, das mir durch und durch geht und das ein aufregendes Prickeln durch meinen ganzen Körper schickt. Die Matratze senkt sich, als Tom sich neben mich setzt. Etwas tastet über die Decke, dann zieht er sie mit einem Ruck von meinem Kopf.
»Na gut, dann gebe ich den Mochaccino mit einem extra Shot Espresso und Karamellsoße eben Jan.«
Augenblicklich fahre ich hoch und greife nach einem Pappbecher. »Wage dich!«
Toms Grinsen wird breiter. Langsam gleitet sein Blick über mich hinweg, seine Augen werden dunkel. Und ich sehe ihm deutlich an, dass er nicht länger über den Kaffee nachdenkt. Ich schlucke hart, als er mir den Becher wieder aus der Hand nimmt und seine Finger anschließend über meine Wange wandern lässt. Den Hals hinab, über mein Schlüsselbein bis zu meiner nackten Brust. Er kommt näher, ich rieche den herben Duft von Kaffee und seinem Aftershave.
»Tom«, flüstere ich an seinen Lippen, die Augen geschlossen und dankbar um jedes Quäntchen Willensstärke, das ich noch aufbringen kann. »Wir müssen reden.«
»Jetzt? Bist du sicher?« Er küsst meinen Mundwinkel, fährt spielerisch mit der Zunge meinen Wangenknochen entlang bis zu der empfindlichen Stelle hinter meinem Ohr. Eine Gänsehaut rennt über meine Haut, ein leises Keuchen entfährt mir.
»Ja!«
»Was ja?«
Ich spüre an meiner Haut, wie er grinst. Oh verdammt, Tom spielt immer noch mit mir. Und als seine Hand über meinen Bauch wandert, über meinen Schoß bis zu der pochenden Stelle zwischen meinen Beinen, ja, verdammt, da lasse ich es zu.

***

»Du hast mir versprochen, nicht mehr zu spielen. Wirst du dich daran halten?«
Wir sitzen auf Jans Gästebett. Angezogen. Mittlerweile ist es hell draußen und ich muss bald nach Fichtenstein zurück. Länger als einen Tag kann ich meine Eltern mit der Bäckerei nicht alleine lassen. Außerdem ist morgen Weihnachten und das würde ich zwar gerne mit Tom, jedoch nicht in Hamburg verbringen.
Tom seufzt, streckt seine Beine aus und lehnt sich zurück gegen die Wand. »Ja. Das gestern war ein Fehler. Ich habe das letzte Mal gespielt, versprochen!«
»Wenn ich dich noch einmal im Casino erwische, erzähle ich alles. Von Carlos und Emilia, von der Entführung und den verdammten Schulden.« Das ist mein Ernst. Ich will nicht, dass er jemals wieder so einen Fehler macht.
Tom nickt. Seine dunklen Haare fallen ihm ins Gesicht, er lächelt schwach. Er weiß, was auf dem Spiel steht. »Woher wusstest du, wo ich bin?«
»Das war leicht.« Ich drehe den Pappbecher zwischen meinen Händen. Ein Rest Milchschaum ist noch darin, aber mit der Karamellsoße ist das beinahe der beste Teil an diesem Getränk. »Ich habe Leon gefragt. Er hat mir Jans Nummer gegeben und dann habe ich mein Glück in den Casinos versucht. Im zweiten habe ich dich gefunden.«
»Woher kannst du so gut spielen?« Tom hat sich zu mir gedreht und beginnt, mit meinen Haaren zu spielen. Aber diesmal lasse ich mich nicht ablenken. Da ist eine Sache, die ich noch wissen muss.
»Von Leon!« Ich grinse breit. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass er seine wöchentlichen Pokerrunden bei uns im Wohnzimmer veranstaltet, ohne dass ich dabei bin?«
Er lacht und schüttelt den Kopf. »Nein. Da hätte ich von alleine drauf kommen können.« Sein Daumen streicht zärtlich über meine Wange, ich greife nach seiner Hand und verschränke unsere Finger. »Was hast du jetzt vor? Was willst du tun?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe das Café an meine Mum verkauft und ich brauche Geld. Vielleicht kann ich fotografieren. Oder wieder irgendwo ein Café eröffnen.«
Der Witz verfehlt seine Wirkung. In meinem Bauch gefriert etwas. Es sind nicht unbedingt die Worte, auf die ich gehofft hatte. Aber zumindest ist er ehrlich.
»Und wenn ich dich bitte, mit mir zu kommen? Zurück nach Fichtenstein? Um dort zu bleiben?«
Tom schaut mich an. Sein Lächeln fällt in sich zusammen, seine nachtblauen Augen werden trüb. Er hat Angst. Und die Wahrheit fährt durch mich hindurch und lässt ein Trümmerfeld zurück. Wie konnte ich so naiv sein? Wie konnte ich mich wieder auf ihn einlassen, mich noch einmal in ihm verlieren? Wie konnte ich nur glauben, die Situation wäre heute eine andere als vor zehn Jahren?
Er wird mich wieder verlassen.
Weil er einfach so ist.
Und Menschen ändern sich nun mal nicht.

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