Lebkuchenliebe: Tag 24

Lebkuchenliebe

Tom

Donnerstag, 24. Dezember

Letztes Jahr an Weihnachten lag ich in Mexiko am Strand. Emilia neben mir, ein Tequila Sunrise in meiner Hand. Dieses Jahr … nun ja, ist es nicht Mexiko. Und es ist auch nicht Emilia und schon gar kein Cocktail. Stattdessen verharrt auf mir der strafende, ja beinahe schon vernichtende Blick meiner Mutter, der mich an den gleichen Punkt wie vor vier Wochen bringt: Steckt mein Gehirn eigentlich immer noch im Winterschlaf fest, dass ich schon wieder in diesem verfickten Fichtenstein bin?
»Tom, wir hatten eine Vereinbarung!« Fuck, ich komme mir vor wie ein Zehnjähriger. Man sollte doch meinen, dass ich in den letzten Jahren etwas dazugelernt habe. Aber diese »Ich-bin-ja-so-enttäuscht-von-dir«-Predigten können Mütter leider in jedem Alter.
Ich fahre mir aufgebracht durch die Haare. »Ja, ich weiß. Es war ein Fehler, ich habe keinen anderen Ausweg gesehen. Es kommt nicht wieder vor.«
»Ich kann dir das leider nicht glauben. Ich bin sowas von enttäuscht von dir!« Und da haben wir es. Sie schürzt ihre Lippen, auf denen ein dezenter blassrosa Lippenstift liegt. Insgesamt sieht meine Mutter fantastisch aus, erstaunlich erholt und entspannt. Vielleicht sollte ich ihr das sagen, Komplimente helfen bei Frauen doch immer, oder?
»Ich weiß, es tut mir leid! Aber wenn du mir nicht glauben kannst, dann vertraue Ella. Sie …« Ich halte kurz inne und überlege, wie ich formuliere, was in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert ist. »Sie wird ein Auge auf mich haben.«
Eine dunkle Augenbraue hebt sich, Überraschung breitet sich auf ihrem Gesicht aus. »Du bist ihretwegen hier, oder? Du bist für Ella nach Fichtenstein zurückgekommen?«
»Ja. Ich mag sie«, schiebe ich schnell und ein wenig undeutlich hinterher.
Ich dachte immer, jede Gefühlsregung meiner Mutter zu kennen, doch nun werde ich eines Besseren belehrt. Ihre Augen nehmen einen verzückten Glanz an, ihre Wangen werden rosig und ihre Lippen verziehen sich zu einem strahlenden Lächeln. »Das freut mich!«
Ich rutsche unruhig auf meinem Stuhl hin und her, dann stehe ich auf. Wir sollten das Gespräch beenden, bevor es noch peinlicher wird. »Also, sind wir uns einig?«, frage ich und komme damit auf unser eigentliches Gesprächsthema zurück.
Auch meine Mutter erhebt sich, greift nach unseren Tellern und Tassen und stapelt sie übereinander. Anschließend geht sie hinter die Verkaufstheke unseres Cafés. »Sind wir. Ich behalte das Café, du wirst Geschäftsführer. Und nach Weihnachten geben wir eine Stellenanzeige für zwei Mitarbeiter auf, weil du das nie im Leben alleine schaffst!«
Ich nicke zustimmend. »In Ordnung. Wie lange wirst du noch in Fichtenstein bleiben?«
Meine Mutter bleibt mir die Antwort schuldig, weil in diesem Moment ein Schwall kalte Luft in das Café rauscht und mit ihr Leon und Ella. Ich drehe mich grinsend herum und kann nicht verhindern, dass ich ganz automatisch Ellas Blick suche. Sie lächelt mir zu, geht jedoch zunächst zu meiner Mum und schüttelt ihr die Hand. »Fröhliche Weihnachten, Frau Westen!«
Ach ja, da war ja noch was!
»Hey Mann, du bist wieder da!« Leon kommt zu mir, haut mir auf die Schulter, dann zieht er mich in eine kurze Umarmung. »Was für eine Weihnachtsüberraschung! Ich konnte es heute Morgen kaum glauben. Ich habe euch echt nicht gehört, letzte Nacht.«
»Du lagst gefühlt im Koma, als Ella und ich gestern Abend aus Hamburg zurückgekommen sind!«, gebe ich trocken zurück. Und das ist noch untertrieben. Er lag komplett angezogen auf seinem Bett und hat so laut geschnarcht, dass es bis in Ellas Zimmer röhrte.
Leon verzieht entschuldigend das Gesicht. »Fichtensteiner Weihnachtstradition: Party im Krug am dreiundzwanzigsten.« Er zögert kurz. »Bist du nächstes Jahr dabei?«
Ich sehe zu Ella, die sich mit meiner Mum unterhält. Dennoch bin ich mir sicher, dass sie jedes unserer Worte mit anhört. »Bin ich«, sage ich knapp, auch wenn diese zwei Worte so viel mehr bedeuten.
Mein Freund stößt die Luft aus, dann liege ich plötzlich noch einmal in seinen Armen. »Gott, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin! Wir hätten dich hier echt vermisst. Wir alle! Nicht nur meine Schwester.« Er zwinkert. »Sag mal, gibt es schon Bagels oder macht ihr erst wieder nach Weihnachten auf?«
Ein helles Lachen antwortet ihm. »Da musst du dich noch etwas gedulden, Leon«, klärt ihn meine Mum auf und deutet auf die leere Verkaufstheke. »Wir öffnen erst am elften Januar wieder. Bis dahin wollen wir uns ein paar Gedanken um das Konzept machen, nicht dass sich diese beiden Streithähne hier wieder in die Haare bekommen.«
Ella prustet empört, ich rolle mit den Augen. Leon lacht schallend.
Ich nutze den Moment, um näher an Ella heranzutreten. »Hättest du kurz?«, frage ich sie und als sie nickt, ziehe ich sie mit mir fort in die Backstube. Ich weiß, dass sie und Leon gleich zu ihren Eltern wollen. Doch da ist noch etwas, was ich ihr geben möchte. Was ich ihr sagen möchte, bevor wir alle Weihnachten feiern. Und das kann nicht länger warten.
»Hier hast du ernsthaft geschlafen?«, fragt Ella und schaut sich interessiert um. Die Backstube ist leer, meine Mum hat das Café zwischenzeitlich nicht geöffnet.
»Äh, ja. Dort hinten.« Ich deute fahrig in eine Ecke, dann greife ich nach etwas, das auf der Arbeitsfläche direkt neben der Tür liegt und verstecke es hinter meinem Rücken. Kacke, ich bin echt nervös.
Ella geht weiter in die Backstube hinein, ich folge ihr. Nachdem sie die Ecke, in der natürlich keine Matratze mehr liegt, kritisch begutachtet hat, dreht sie sich zu mir herum. »Ich hätte nicht gedacht, dass du wirklich nach Fichtenstein mitkommst«, sagt sie und ich muss schlucken. »Und dass du bleiben willst.«
Eine unausgesprochene Frage schwingt in ihren Worten mit. Mit einem Schritt bin ich bei ihr. »Doch, das werde ich. Und ich habe hier etwas für dich. Ich weiß, es ist kein tolles Weihnachtsgeschenk, also eigentlich ist es gar kein Geschenk, aber ich wollte dir noch etwas sagen.« Bevor ich mich zum größten Volltrottel in ganz Fichtenstein mache, ziehe ich das Lebkuchenherz hinter meinem Rücken hervor. Ich bin heute Morgen in aller Frühe aufgestanden und habe es gebacken. Etwas besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein, um Ella zu zeigen, dass ich es ernst meine. Mit uns, mit diesem Café und damit, in Fichtenstein bleiben zu wollen.
Doch Ellas Augen werden kugelrund, als sie das braune noch warme Herz in meinen Händen sieht. Es ist mit Zuckerguss verziert und nur ein einziges Wort steht in der Mitte. Dein.
»Oh mein Gott!« Sie quietscht ein wenig und am liebsten würde ich die Backstube direkt verlassen. Mann, ich bin echt zum hormongetriebenen Softie mutiert!
Ihre Finger berühren meine, während sie mir das Herz aus der Hand nimmt. »Wehe du erzählst Leon davon!«, knurre ich, muss aber ebenfalls grinsen, als sie leise lacht.
»Auf gar keinen Fall«, kichert Ella verschmitzt. »Damit habe ich dich in der Hand, Tom. Für immer.«
Aber ich bin noch nicht fertig. Es gibt da eine Sache, die ich ihr noch nicht gesagt habe. Ich trete noch näher an Ella heran, lege meine Hände an ihre Wangen und küsse sie sanft. »Ich habe mich in dich verliebt, Cinderella. Und niemand, nicht einmal eine tote Krähe, werden mich wieder aus Fichtenstein vertreiben.«
Sie sieht mich an. In ihren Augen liegt ein verdächtiger Glanz und tief in mir drinnen rastet etwas ein. Und da weiß ich, dass ich angekommen bin. Dass ich wieder zu Hause bin. Nicht mehr reisen werde, nicht mehr den Drang verspüre, weiter zu müssen. Ich bin da, wo ich hingehöre. Zu Hause. Bei Ella. Endlich.

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Liebe Leser,

mein diesjähriger Weihnachtsblogroman „Lebkuchenliebe“ ist zu Ende und ich hoffe, er hat euch beim Lesen so viel Spaß gemacht, wie mir beim Schreiben 🙂

Wie immer gibt es den Blog ab sofort als eBook und auch als Taschenbuch auf amazon. Wenn ihr mir einen großen Gefallen tun wollt, schreibt mir eine kurze Rezension. So werden vielleicht noch mehr Leser auf die Geschichte aufmerksam, die den Adventsblog verpasst haben.

eBook: Lebkuchenliebe: Ein Weihnachtsblogroman

Jetzt bleibt mir nur noch einmal DANKE zu sagen.

…an Melanie, Mandy, Helga und Jaddy, die den Roman vorab gelesen und mir noch ein paar wertvolle Tipps für die Überarbeitung mitgegeben haben! Ihr wart großartig! Vielen Dank!
…an Sarah, für das traumhafte, super kitschige und knallbunte Cover! Es passt so wunderbar zu Geschichte, ich liebe es!
…an Maix, für die Stunden am Telefon, für das Mutmachen, dass ich die Geschichte nicht in die Tonne werfe, sondern darüber nachdenke und überarbeite! Nur dank dir hat auch Leon seinen Platz gefunden – und ohne ihn wäre »Lebkuchenliebe« deutlich weniger witzig geworden.
…an meine Korrekturfee Bianca, die mir jeden Tag die kleinen Fehler geschickt hat, die sich leider hartnäckig im Text versteckt hatten!
Und natürlich an euch alle, die Ella & Tom durch den Advent begleitet haben. Ich habe mich riesig über jede einzelne Rückmeldung gefreut!

Ich wünsche euch noch eine wundervolle Weihnachtszeit, ruhige und besinnliche Feiertage und einen guten Start ins Neue Jahr! Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Eure Izzy

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2 Kommentare zu „Lebkuchenliebe: Tag 24

  1. Liebe Izzy,
    Danke, das du mir die Vorweihnachtszeit versüßt hast! Das Lesen hat mich in den frühen Morgenstunden für den Tag motiviert und fit gehalten! Der Schluss hat mir Gänsehautfeeling verpasst. Weiter so! Deine Freundin Julius

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