Hurra, „Schattenlicht: Goldenes Licht“ ist da!

Ihr Lieben, lang hat es gedauert, aber endlich – endlich! – hat mein neues Buchbaby das Licht der Bücherwelt erblickt. Ich habe mich diesmal an eine Fantasy-Triologie gewagt und kann euch heute voller Stolz den ersten Band präsentieren.

Ganz lieben Dank an alle, die mich dabei unterstützt haben! Ich hoffe, ihr habt so viel Spaß beim Lesen, wie ich beim Schreiben.

Worum geht es?

Schattenlicht frontEine Prinzessin. Ein Dieb. Ein König.
Liebe. Verzweiflung. Verrat.
Und eine geheimnisvolle Prophezeiung.

Siennas Welt bestand einst aus Glanz und Ruhm. Doch seit ihr Vater unheilbar krank zu sein scheint, regiert seine zweite Frau als Königin das Lichtland. Gesetze, die immer galten, werden missachtet, die Bevölkerung wird kontrolliert und geblendet, und ein unterdrücktes Volk wird zum Sündenbock gemacht. Hass und Unruhen nehmen zu und treiben das Lichtland an den Rand eines Bürgerkrieges. Mit der Ankunft des mächtigen Dunklen Königs überschlagen sich die Ereignisse.
In all dem Chaos kämpft die Lichtprinzessin darum, zu verstehen, was falsch und was richtig ist, und sie erkennt, dass es an der Zeit ist, Verantwortung zu übernehmen. Aber wem kann sie noch trauen? Ihrem Verlobten, dem Dunklen König, der bis zu seiner Rückkehr ins Lichtland ihre Träume bestimmt hat, oder dem undurchschaubaren, geheimnisvollen Thy, der kommt und geht, wie es ihm beliebt, der sie verhöhnt und provoziert und doch der Einzige ist, der sie mit der schonungslosen Wahrheit konfrontiert?

Ab sofort bei amazon als E-Book und Taschenbuch und kostenlos für alle KindleUnlimited Leser. Viel Spaß damit!

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Taschenbuch: https://amzn.to/2pzw3dT

Meine Bücher leben von eurem Feedback! Daher freue ich mich sehr, wenn ihr mich mit Rezensionen und Likes unterstützt.

Eure Izzy

Eine unvergessliche Adventszeit

24 Tage sind rum, 24 Kapitel veröffentlicht. Und ich bin immer noch vollkommen geflashed!

Ihr habt mich umgehauen, sprachlos gemacht und mir die wohl fantastischste Adventszeit beschert, die ich seit langem hatte. Ich kann mich gar nicht oft genug bei euch für euer Feedback, eure aufmunternden Worte, eure Unterstützung, eure Anregungen und all das Lob bedanken!! Es war ein mutiges, ehrliches Projekt und ihr alle habt mich wissen lassen, dass es jede Minute, die ich darauf verwendet habe, wert war. Fühlt euch alle umarmt, ganz lieben Dank dafür!!

Für alle, die den Blogroman nochmal auf in Ruhe lesen möchten, habe ich mich entschieden, ihn als eBook und als Taschenbuch herauszubringen (wie gesagt, meine Oma wäre mit dem Kindle ein wenig überfordert).

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Das Taschenbuch ist leider noch nicht online, der Veröffentlichungsprozess dauert wie immer gefühlte Jahre…

Wie geht’s weiter?

Pause! Nach einem so intensiven Schreibmonat freue ich mich auf ein wenig Ruhe, um Ideen und Inspirationen zu sammeln. Außerdem steht noch der ein oder andere Urlaub an 🙂 Aber das nächste Buchprojekt wartet bereits und ich verspreche, dass ihr spätestens im Februar von mir hören werdet.

Den Blog werde ich nutzen, um über neue Projekte zu informieren (ich verspreche, euch nicht zuzuspamen) … und wer weiß? Auch in 2018 gibt es wieder eine Adventszeit 😉

Euch allen fröhliche Weihnachten, besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!!

Eure Izzy

Zimtsternzauber: Tag 24

Zimtsternzauber oder ein Schneesturm im Sommer

Cedrik

Es ist Weihnachten. Ein Tag wie jeder andere und doch etwas besonderes. Für all die Kinder, die heute mit glänzenden Augen auf das Christkind warten, für all die Erwachsenen, die gestresst vom ganzen Jahr heute Abend endlich zur Ruhe kommen. Und zum ersten Mal seit Langem ist dieser Tag auch etwas besonderes für mich.
Schneeflocken tanzen vor dem Fenster. Durch halb geschlossene Augen verfolge ich ihr anmutiges Spiel, genieße die Stille um mich herum und lasse mich fallen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so ruhig war. So zufrieden, so glücklich. Hätte mich jemand vor vierundzwanzig Tagen gefragt, wo ich wohl an Weihnachten dieses Jahr aufwache, auf Zoes Kinderzimmer wäre ich im Traum nicht gekommen.
Ein leises Seufzen lässt mich schmunzeln. Ich drehe meinen Kopf und beobachte, wie Zoe die Nase rümpft. Ihre Lider flattern, sie wacht auf. Ihr Gesicht ist selbst im Winter von Sommersprossen bedeckt, und ich kann mich nicht bremsen und hauche ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. Sie schaut mich an und ich erkenne Unsicherheit in ihrem Blick. Es ist nicht der erste Tag, an dem wir gemeinsam in einem Bett aufwachen, aber es ist ganz sicher der erste Morgen mit rosa Pferdebettwäsche.
»Guten Morgen«, grinse ich sie vergnügt an und das warme Gefühl in meinem Bauch beginnt zu kribbeln. Und das verlangende Ziehen in meinem Unterleib, weil sie verdammte Kacke nackt neben mir liegt!
Zoe grummelt irgendetwas Unverständliches. Sie dreht sich auf die Seite, lässt mich dabei jedoch keinen Moment aus den Augen. So als könnte sie immer noch nicht glauben, dass ich tatsächlich neben ihr liege. Kann ich auch nicht, wenn ich mir die Porzellanfiguren auf dem Fenstersims betrachte, die vor Kitsch nur so strotzen. Meinen Schwanz interessiert das allerdings recht wenig, der schreit trotz des unerotischen Firlefanz nach Aufmerksamkeit.
»Was ist das zwischen uns?« In ihrer Frage schwingt ihre ganze Unsicherheit mit und am Liebsten würde ich laut aufstöhnen. Frauen! Immer müssen sie allen analysieren, kategorisieren und benennen. Kann man den Dingen nicht ab und zu einfach ihren Lauf lassen? Und vögeln?
»Ist das wichtig?«, frage ich daher und lasse meine Hand unter ihre Bettdecke gleiten. Also genau genommen ist es auch meine, denn wir haben uns heute Nacht um Wendy buchstäblich gekloppt. Doch da sie die Decke irgendwann für sich entschieden hat, liege ich jetzt splitternackt, unbedeckt und offensichtlich angeturnt neben ihr.
»Ja, ist es.«
Unbeirrt setze ich meinen Weg fort, finde ihren warmen Bauch, fahre zu ihrer Taille und ziehe sie mit einem Ruck an mich heran. Mein steinharter Schwanz drückt sich an ihren Körper und das Verlangen rast wie Feuer durch meine Adern. Oh Baby, du willst jetzt nicht ernsthaft reden, oder?
»Mmh … dann lass mal sehen, was das zwischen uns ist«, raune ich ihr leise zu, während ich spielerisch mit den Fingern ihren Körper hinaufgleiten. Zoe zischt, als ich ihre Brüste berühre und ihre Brustwarzen unter meiner Liebkosung hart werden.
Mein Mund verzieht sich zu einem boshaften Grinsen. »Im Moment ist da eine überflüssige Decke zwischen uns.« Mit einem Ruck ziehe ich sie ihr von den Schultern, so dass sie ebenso nackt wie ich vor mir liegt.
Zoe keucht empört auf und ich nutze den Moment und schmiege meinen Kopf in ihre Halsbeuge. Ihr Duft nach Zimt hüllt mich ein und vernebelt mein Gehirn. Meine Hände fahren wie von selbst über ihren nackten, warmen Körper und ich merke deutlich, wie ihr Widerstand dahinschmilzt. Lächelnd schließe ich die Augen, folge mit meinem Mund einer unsichtbaren Spur ihren Hals hinauf, spüre ihren aufgeregten Puls an meinen Lippen.
Ein leises Stöhnen durchdring die Stille, als Zoe ihren Kopf hebt und ihre Lippen verzweifelt auf meine drückt. Ich lache amüsiert in ihren Mund, weil ich sie sowas von im Griff habe und erwidere ihren Kuss mich absichtlicher Zurückhaltung. Zoe ächzt frustriert, schiebt ihre Zunge in meinen Mund und krallt ihre Hände in meinen Rücken. Heißes Verlangen explodiert in meiner Mitte. Oh scheiße, ja, Baby!
Mit einer einzigen Bewegung bin ich über ihr und drücke sie in die Kissen. Dunkelgrüne Augen funkeln mich an, sprühen förmlich vor Liebe und Leidenschaft. Gestern Nacht war es dunkel, jetzt am helllichten Morgen erkenne ich umso deutlicher, was ich seit langem bereits weiß. Zoe ist in mich verliebt.
Ich halte inne, sehe sie nur an. Mein Körper liegt nackt auf ihrem, hart und bereit, sie sofort zu nehmen. Zoes Atem geht hektisch und heißes Verlangen schlägt mir entgegen. Aber da ist etwas, was ich ihr sagen muss. Bevor ich sie vögle und alle anderen Gedanke auslösche. Da ist diese eine Sache, die all das zwischen uns endgültig macht.
Zoe bewegt ihre Hüfte, ihre feuchte Mitte trifft meinen harten Schwanz und ein gequältes Keuchen entfährt mir. Jetzt oder nie.
»Ich bin in dich verliebt, Zoe.«
Oh man, habe ich das echt gesagt?
Ihre Augen werden kugelrund, während ich mich mit einem einzigen harten Stoß in sie stoße. Und sie hoffentlich vergessen lasse, was ich eben gesagt habe. Aber Zoe hebt ihre Hand, legt sie an meine Wange. Dann öffnet sie ihre Lippen, flüstert ein paar Silben, aber ich verschließe ihren Mund mit einem Kuss. Ich brauche ihre Antwort nicht hören, denn ich weiß bereits alles, was ich will.
Ein Klopfen an der Tür lässt uns zusammenfahren.
»Zoe?«
Ich halte inne, mein Schwanz pulsiert in ihrer Mitte, aber ich bin unfähig mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
»Zoe, bist du da? Wir wollen gleich in den Gottesdienst gehen und ich wollte fragen, ob du nicht mitkommen möchtest?«
Fuck! Ernsthaft?
Zoe sieht mich panisch an. Und ich sehe ebenso panisch zurück.
»Ja, Mama. Ich … ich komme gleich.«
Mir entfährt ein Fluch. Wohl kaum! Sie liegt immer noch nackt unter mir, und ich will das jetzt verdammt noch einmal zu Ende bringen. Aber mein Schwanz realisiert sehr schnell, dass das wohl nichts mehr wird.
»Warum zur Hölle wohnst du noch bei deinen Eltern?« Meine ganze Frustration bricht sich ihre Bahn, während ich mich schwungvoll neben sie zurück auf das Bett werfe.
»Du weißt, warum. Oliver. Aber in drei Wochen ziehe ich in eine eigene Wohnung neben Tinas Apartment.« Sie zuckt bedauernd mit den Schultern, lächelt mich entschuldigend an. »Hast du Lust auf Frühstück?«

***

Wir frühstücken zum Glück nicht bei ihren Eltern. Das hätte mir auch wirklich den Rest gegeben. Stattdessen hat mich Zoe in ein kleines Café um die Ecke eingeladen, das trotz der anbrechenden Weihnachtsfeiertage geöffnet hat. Hier sitzen wir nun bei Kaffee und Croissants und Zimtsternen, die in einer hölzernen Schale mitten auf dem Tisch stehen. Ich muss über die Ironie beinahe lachen, denn dieser verdammte Zimtgeruch verfolgt mich jetzt, seit ich Zoe wieder getroffen habe.
»Warum hast du gekündigt?« Zoe nippt an ihrem Latte macchiato und schaut mich erwartungsvoll an. Ich seufze innerlich. Der schöne Teil des Morgens liegt hinter uns, jetzt muss ich wirklich reden. Und dabei hatten wir noch nicht einmal richtigen Sex.
»Ich habe mir meinem Vater gesprochen. Über unsere Erkenntnisse über die Nero Investment Group, über ihre Machenschaften, den Start-ups das Geld aus der Tasche zu ziehen.«
»Und was hat er gesagt?«
»Er …« Gibt mir die Schuld daran. Aber das kann ich nicht aussprechen, auch weil es nur zum Teil der Wahrheit entspricht. »Er meinte, der Agentur ginge es finanziell nicht besonders gut, und dass dies der einzige Weg gewesen wäre, sie zu retten.«
»Das kann nicht sein Ernst sein!« Zoe starrt mich fassungslos an. Sie kennt meinen Vater nicht, ihm war das bitterernst. Die Firma steht über allem. Über ihm, der Familie, über jedem anderen Menschen, der ihn davon abhält erfolgreich zu sein. Das war schon immer so. Und daran werde ich auch nichts ändern.
»Was tun wir jetzt?«, fragt Zoe, als ich nichts sage.
Ich nippe an meinem Espresso, bevor ich ihr antworte. Auch, weil ich einen Moment Zeit brauche, um meine Gedanken zu sortieren. »Ich habe mit Max gesprochen. Er hat Einblicke in die Finanzen und ist dabei herauszubekommen, wie viel Geld mein Vater tatsächlich mit der Nero Investment Group verdient hat. Es gehört uns nicht, daher werden wir es zurückgeben.«
»Aber die Group wird weitermachen!«, braust Zoe auf und rote Flecken bilden ich auf ihren Wangen, weil sie sich so aufregt. Sie bringen mich zum Schmunzeln und wieder breitet sich dieses wohlig warme Gefühl in meinem Bauch aus. Zoe ist impulsiv, wütend und stur. Und ich frage mich einmal mehr, wie so ein Vollidiot wie Oliver sie so lange an sich binden konnte.
»Nein, wird sie nicht. Ich habe Jordan kontaktiert, aber er hat über meine Drohungen zur Polizei zu gehen nur gelacht. Es wäre nichts Illegales an der Sache, meint er. Also fliege ich nächste Woche nochmal nach New York. Ich werde Julia treffen und Jeff. Wir überlegen uns etwas, und gemeinsam werden wir dem ein Ende machen.«
»Ich komme mit!« Davon werde ich sie auch nur schwer abhalten können.
»Das dachte ich mir«, entgegne ich lächelnd. »Außerdem schulde ich dir noch einen Besuch auf dem Empire State Building, das ging bei unserem letzten Trip leider … unter.«
»Du hast dich stattdessen betrunken«, stellt Zoe fest und funkelt mich zornig an. Aber ihre Mundwinkel zucken verräterisch. Sie trinkt noch einen Schluck aus ihrem Kaffee und kaut anschließend nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Fuck, wenn sie das weiterhin tut, können wir unser Gespräch vergessen und ich zerre sie zurück ins Bett. In mein Bett, wohlgemerkt, wo uns keine Mutter mehr stört!
»Hast du deshalb gekündigt?«, kommt Zoe auf ihre eigentliche Frage zurück. »Weil dein Vater mit drin steckt und du gegen ihn ermitteln wirst?«
Ich atme tief durch. Jetzt kommt der schwere Part. »Nein. Ich habe gekündigt, weil ich endlich etwas alleine schaffen muss. Du hattest recht mit dem, was du im Aufzug zu mir gesagt hast. Ich verstecke mich hinter meinem Vater. Und irgendwie auch hinter meinem Bruder. Ich war zornig auf die ganze Welt, daher muss ich endlich meinen eigenen Weg gehen.«
»Mmh.« Sie greift nach meiner Hand, die locker auf dem Tisch zwischen uns liegt, und fährt sanft mit ihrem Daumen darüber.
»Und was ist das zwischen uns, Cedrik?« Ihre Frage von heute Morgen.
»Ich weiß es nicht«, antworte ich ihr ehrlich. Und dann zwinge ich mich die Worte noch einmal auszusprechen, vor denen ich so große Angst habe. Weil sie es verdient hat. Weil es die Wahrheit ist. Und ja verdammt, auch weil heute Weihnachten ist, und ich wenigstens ein gutes Geschenk heute machen möchte. Für sie. Für mich. Für uns. »Ich habe mich in dich verliebt, Zoe. Weil ich dich brauche. Nicht für die Firma oder irgendeinen Job. Für mich.«
Sie sieht mich an, wie sie mich vor fünfzehn Jahren schon angesehen hat. Also wäre ich ihr persönlicher Held vom Schulhof, als gäbe es nur mich. Und heute weiß ich, dass es tatsächlich so ist.
Zoe schweigt einen Moment, dann verzieht sich ihr Mund zu einem warmen Lächeln. »Das ist ein Anfang, Cedrik Baumann. Darauf können wir aufbauen.«
Und dann beugt sie sich vor, über den Tisch mit den vermaledeiten Zimtsternen, und küsst mich.

Zimtsternzauber: Tag 23

Quit playing Games With My Heart

Zoe

Ich habe noch nie einen Liebesbrief bekommen. Und jetzt liegt einer vor mir. Auf dem karierten Papier eines Collegeblockes, mit blauem Kugelschreiber geschrieben, springen mir die Worte regelrecht entgegen.
Willst du mit mir gehen?
Ja. Nein. Vielleicht.
Das kann nicht sein Ernst sein!
»Du kommst heute Abend auf alle Fälle mit!« Tinas Drohung fegt durch den Telefonhörer und übertönt die Backstreet Boys, die im Hintergrund aus meiner alten Musikanlage dudeln. »Und könntest du endlich diesen Mist abstellen? Wir sind doch keine fünfzehn mehr.«
Doch. Sind wird. Zumindest fühle ich mich genau so.
»Ich habe keine Lust. Wirklich. Ich muss noch Geschenke einpacken, meine Mum will zusammen mit mir den Braten vorbereiten und …«
»Du verarschst mich, oder?«
Ich hoffe, dass sie nicht mit mir spricht. Denn es ist mir bitterernst mit meiner Entscheidung, heute Abend zu Hause zu bleiben. Und nicht, ich betone NICHT, mit Tina auf eine Hüttenzauber Party zu gehen.
»Nein.«
»Ich bin in einer halben Stunde bei dir! Und zieh‘ irgendwas weihnachtliches an.«
Mir klappt der Mund auf, um lautstark zu protestieren, aber Tina hat bereits aufgelegt. Das merkwürdige Gefühl beschleicht mich, dass im Moment alle außer Kontrolle sind. Tina mit ihrer fixen Idee, mich auf diese Party zu schleppen, und Cedrik, dessen Brief immer noch auf meinem Schreibtisch liegt. Was hat er sich nur dabei gedacht? Na gut, er hat zugegebener Maßen wortreich geschrieben, was er von mir will. Nämlich mit mir reden, eine Chance, sich zu erklären. Und er hat ernsthaft erwähnt, dass er auf meine Haare steht und ich tolle grüne Augen habe. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen, der Brief sei von einem Teenager. Was vermutlich pure Absicht war, deshalb auch die bescheuerte Frage am Ende. Und deshalb auch die Backstreet Boys, die mich meine ganze Jugend und Cedrik-Anschmacht-Zeit begleitet haben.
Seufzend falte ich das Blatt Papier zusammen und schiebe es unter einen Stapel Rechnung. So muss ich es zumindest nicht länger anschauen und mich damit auseinandersetzen, ob ich nicht vielleicht doch mit ihm reden sollte. Stattdessen wende ich mich meinem Kleiderschrank zu und greife nach kurzer Überlegung zu einer schwarzen Jeans und einem roten Pullover. Tina wird nicht aufgeben und in spätestens dreißig Minuten hier sein. Besser ich bin vorbereitet.

***

»Das ist doch echt cool hier, oder?«
Durch den Lärm der umstehenden Gäste, die alle rote Nikolausmützen auf ihrem Kopf tragen, verstehe ich meine Freundin kaum.
»Ja, es ist ok«, brülle ich zurück und quetsche mich zwischen zwei Kerlen hindurch, Tina hinterher.
Wer kommt auf die bescheuerte Idee, mitten in der City eine Skihütte aufzustellen? Jemand mit einem genialen Gespür für Parties beantworte ich mir meine Frage selbst, denn die Hütte platzt aus allen Nähten. Kein Zentimeter ist mehr Platz zwischen all den feiernden Menschen, von der langen Schlange vor der Hütte einmal ganz abgesehen. Weihnachtslieder dröhnen aus den Boxen in der Ecke, in der Luft liegt der unverkennbare Geruch nach Bier, Glühwein und Schweiß. Die Menschen um uns herum feiern jedoch so ausgelassen, als gäbe es kein Morgen mehr.
»Hier, nimm!« Tina hält mir ein Schnapsglas entgegen und ohne zu fragen, was darin ist, trinke ich es aus. Anders überlebe ich diesen Abend nicht.
»Gute Einstellung!« Meine Freundin zwinkert mir zu und reicht mir direkt das nächste Glas. Diesmal nippe ich jedoch nur am Feigenschnaps, da ich den morgigen Heiligen Abend doch noch erleben möchte.
Plötzlich reißt Tina ihre Hände hoch und winkt hektisch. Sie trägt ein weißes Oberteil mit Glitzersternen darauf und um ihre Hand klingeln unzählige silberne Reifen. Zusammen mit der roten Mütze hat sie tatsächlich etwas von einem Weihnachtswichtel. Unwillkürlich muss ich schmunzeln. Es war eine gute Idee, hierher zu kommen. Andernfalls hätte ich mich nur in meinem Zimmer verkrochen oder am Ende doch noch mit meinen Eltern die Extended-Version der Dornenvögel gesehen. Allein die Vorstellung beschert mir eine Gänsehaut und ich kippe den zweiten Schnaps hinunter. Heilig Abend ist ja noch eine Weile hin.
»Hi, schön, dass du da bist.« Tina schiebt sich an mir vorbei. Ich drehe mich mit ihrer Bewegung um, um zu sehen, wen sie da eben begrüßt hat und kann mich in letzter Sekunde bremsen, den Schnaps nicht vor lauter Überraschung wieder auszuspucken. Max‘ Zunge steckt bereits im Hals meiner Freundin und ich glotze die beiden an, wie ein Unfall, bei dem man einfach nicht mehr wegsehen kann. Was bitte habe ich da denn verpasst?
»Hey!« Max winkt mit seiner freien Hand, die nicht am Hinterteil meiner Freundin klebt, und schaut ein wenig ertappt.
Ich hebe nur fragend die Augenbrauen. Eine Erklärung werde ich wohl so schnell nicht bekommen.
»Hi, Zoe.«
Die Stimme hinter mir lässt mich herumfahren. Und Tina und Max auf der Stelle vergessen. Mit einmal mal ist mir warm und kalt gleichzeitig und alles, was durch meine Gedanken dröhnt, ist diese eine dämliche Frage: Willst du mit mir gehen? Eine Antwort darauf habe ich immer noch nicht.
Aber Cedrik sieht auch nicht aus, als erwarte er jetzt eine. Stattdessen lächelt er mich fast unsicher an und dieses Lächeln löst so viel mehr in mir aus, als es jedes geschriebene Wort seines Briefes.
»Was machst du hier?« Es ist sicher nicht die erste Frage, die mir einfällt, aber die einzige, die ich zu stellen bereit bin.
»Max meinte, dass ihr beide hier seid.« Er zuckt mit den Schultern und die Unsicherheit verschwindet aus seinem Gesicht. Stattdessen verzieht er seinen Mund zu dem arroganten Grinsen, dass ich seit fünfzehn Jahren an ihm kenne. Und immer noch erfolglos zu hassen versuche. »Außerdem wollte ich dich sehen.«
»Ah.« Äußerst eloquent, Zoe!
Zwei Frauen schieben sich an uns vorbei, drängen uns an den Rand der Hütte. Hier ist es kaum ruhiger und mehr Platz hat man auch nicht. Ganz im Gegenteil. Cedrik steht so dich vor mir, dass ich meinen Kopf heben muss, um ihn anzusehen.
Meine Hände stoßen gegen seinen Bauch, als ihn jemand anrempelt und obwohl mehrere Stoffschichten dazwischen liegen, schickt die Berührung Stromstöße durch meinen Körper. Oh verdammt!
»Wie geht es Oliver?« Cedrik hat sich zu mir gebeugt, damit ich ihn besser verstehe. Sein Atem streift meine Wange, lässt meine Haut brennen und mit einem Mal ist mir unsäglich heiß.
»Keine Ahnung. Ich habe ihn seit Donnerstagnacht nicht mehr gesprochen.« Warum zur Hölle lüge ich ihn nicht einfach an? Aber als ich den Blick hebe und erneut in Cedriks sturmverhangene Augen sehe, trifft mich die Wahrheit mit aller Wucht. Weil ich ihn will. Weil ich ihn schon immer wollte und immer noch verzweifelt darauf hoffe, dass er mich auch will. Und dieser verdammte Brief hat mich hoffen lassen. Genauso wie die Tatsache, dass er jetzt vor mir steht, sich immer noch an mich drückt, obwohl er es nicht länger müsste.
»Hast du meinen Brief bekommen?«
Ich schlucke hart. Mein Hals ist wie ausgedörrt. Meint er das tatsächlich ernst mit mir? Sind wir doch ein Schneesturm im Sommer?
»Ja.«
In seinen Augen blitzt etwas auf. Am Rande bekomme ich mit, wie Tina und Max an uns vorbei in Richtung Bar gehen und meine Freundin Max‘ Hand zielsicher hinter sich her zieht. Irgendwie überrascht mich das nicht. Die beiden passen zusammen. Tun Cedrik und ich das auch? Meine Gefühle schlagen Purzelbäume und ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich bin wütend auf ihn, er hat mir wehgetan. Zumindest war das der Stand am Donnerstag. Was also hat sich seitdem verändert?
»Zoe?«
Verwirrt schaue ich wieder zu ihm hoch. Hat er irgendetwas gesagt?
»Denk‘ nicht so viel!«
Und dann küsst er mich.
Cedrik bittet mich nicht, er fragt auch nicht um Erlaubnis. Das hat er noch nie. Er küsst mich einfach. Und dieses Mal haut es mich um. Endgültig und unwiderruflich gehe ich in diesem Moment an ihn verloren.
Denn ich kann fühlen, dass es ihm genauso geht. Dieser Kuss ist anders, als unser erster Kuss während der Weihnachtsparade in Newfane. Er ist auch anders, als die Zärtlichkeiten, die wir in der Nacht oder am Morgen danach ausgetauscht haben. Dieser Kuss ist echt, ungeschminkt, die einfache Wahrheit, dass mehr zwischen uns ist, als ein lapidares Geplänkel. Wie ein Schneesturm fegen meiner Gefühle und Empfindungen durch mich hindurch, ich lasse mich fallen und höre endgültig auf zu denken. Meine Hände suchen nach Halt, krallen sich in Cedriks Pullover fest, weil meine Knie wegzubrechen drohen. Ich bekomme keine Luft mehr, doch ich brauche nicht länger zu atmen, weil alles was zählt, Cedriks Lippen auf meinen sind. Ein Keuchen schlägt mir heiß entgegen, schickt ein verlangendes Ziehen durch meinen Körper bis zu dem empfindsamen Punkt zwischen meinen Beinen. Oh zur Hölle, ich will diesen Kerl! Und jeder Millimeter zwischen uns, ist einer zu viel!
Meine Hände fahren wie von selbst unter seine Pullover, finden seine warme Haut, während Cedrik mit seinen Lippen eine brennende Spur meinen Hals hinab zieht.
»Wir sollten von hier verschwinden«, raunt er dunkel an meinem Ohr. Er löst sich von mir und ich schnappe verzweifelt nach Luft. Meine Lungen ziehen sich schmerzhaft zusammen, weil ich dringend Sauerstoff brauche.
Cedrik grinst verschmitzt, aber seine dunklen Augen funkeln mich an. Und ich erkenne eine Zuneigung und Wärme in ihnen, die mich erneut trocken schlucken lässt. Er meint es ernst. Verdammt ernst. Im Hintergrund trällert Andreas Gabalier gerade ein Weihnachtslied, aber die Musik erreich mich nicht mehr. Ich sehe nur Cedrik. Seine blaugrauen Augen und das Versprechen darin. Das Versprechen, dass er sich so viel mehr wünscht, als nur einen netten Abend. Dass er mir so viel mehr wünscht.
»Komm!«
Ich greife nach seiner Hand und ziehe ihn hinter mir her. Durch all die feiernden Menschen, vorbei an der Warteschlange vor der Skihütte, durch die Straßen, bis zum Haus meiner Eltern. Davor bleibe ich stehen, drehe mich unsicher zu ihm um.
»Fragst du mich jetzt ernsthaft, ob ich noch mit rauf kommen will?«, lacht er und wirkt mit einem Mal wieder wie der Junge vom Schulhof. Befreit, jung, als hätte er eine schwere Last von seinen Schultern gestreift.
»Wir sollten reden.«
Schneeflocken fallen vom Himmel und die ganze Szene wirkt im Licht der Straßenlaternen nahezu unwirklich.
»Das sollten wir«, stimmt mir Cedrik zu und kurz huscht ein Schatten über sein Gesicht. »Aber es ist gleich Mitternacht und jetzt werden wir ganz sicher nicht mehr … reden.«
Ich beiße auf meine Lippe und schlucke meine Antwort herunter. Zu viele Dinge zwischen uns sind immer noch ungeklärt. Die Nero Investment Group, seine Kündigung, sein Vater. Wir. Aber weil Cedrik mir schon wieder näher kommt und nun mit der Hand mein Kinn anhebt und einen federleichten Kuss auf meine Lippen haucht, trete ich meinem mahnenden erwachsenen Ich in den Hintern, und beschließe, heute Nacht das fünfzehnjährige Mädchen zu sein, das Cedriks Zuneigung so unendlich verdient hat.

Zimtsternzauber: Tag 22

Erkenntnisse

Cedrik

Ich bin in Zoe verliebt.
Die Erkenntnis sollte mir Angst machen, aber überraschenderweise tut sie es nicht. Stattdessen fühlt es sich vertraut an, wenn ich an Zoe denke. Warm, geborgen. Als müsste ich mich bei ihr nicht darum bemühen, der zu sein, der ich sein will, sondern einfach der sein, der ich bin. Wenn ich jedoch an gestern Abend denke, muss ich zugeben, dass es genau dieser jemand mal wieder richtig verbockt hat. Fuck!
Eine kleine Schneeflocke trifft meine Nase, kitzelt auf meiner Haut, bevor ich sie mit der Hand abstreife. Es ist ein trüber Morgen, kein Sonnenstrahl am Himmel, nur ein gleichbleibendes tristes Grau. Und es ist arschkalt.
Was also tue ich hier?
Die Türen zu der kleinen Kapelle vor mir öffnen sich und ein Schwall Personen ergießt sich auf den Vorplatz. Sie sind alle eingemummelt in dicke Mäntel, Schals und Mützen, dennoch kommt ihr freudiges Strahlen im Gesicht sicher nicht von der Entzückung über das beschissene Wetter. Sondern von einem Pärchen, das in diesem Moment Hand in Hand über die Pforte der Kapelle schreitet und lächelnd die ersten Glückwünsche entgegennimmt.
Vanessa sieht atemberaubend aus! Sie trägt einen weißen offenen Mantel, der den Blick auf ein mit Spitze besetztes Brautkleid freigibt. Auf einen Schleier hat sie verzichtet, stattdessen hat sie ihre blonden Haare locker hochgesteckt. Und neben ihr, in Dunkelblau, steht der Lackaffe, mit dem sie mich betrogen hat. Na bravo!
Obwohl es viel zu kalt ist, bleibt die Gesellschaft vor der Kirche stehen. Irgendwer drückt mir ein Sektglas in die Hand und ich frage mich erneut, was ich eigentlich hier tue. Es war eine bescheuerte Idee, herzukommen.
»Cedrik!« Fuck!
»Beate.« Ich gebe mir einen Ruck. Ziehe meine Hand aus meiner Manteltasche und halte sie meiner Ex-Schwiegermutter entgegen.
Statt meine Hand zu nehmen, drückt sie mich an sich. Eingehüllt in ein viel zu süßes Frauenparfüm habe ich das Gefühl zu ersticken. Nicht nur wegen des penetranten Duftes, auch weil mir ihre Nähe unangenehm ist.
»Ach, ist es nicht schön? Endlich heiratet meine Kleine!«
»Ähm … ja.« Ob ihr klar ist, dass ich ihre Kleine auch heiraten wollte?
»Bist du schon verheiratet? Wie geht es dir?« Will mich die Alte verarschen?
Beate bleibt mein zynischer Kommentar erspart, da Vanessa in diesem Moment neben sie tritt. Sie schaut mich überrascht an, dann breitet sich ein unsicheres Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Was machst du hier, Cedrik?«
Gute Frage! Genau genommen bin ich einer Eingebung gefolgt, die mich heute Morgen aus dem Schlaf gerissen hat. Und den Worten des verfickten Radiomoderators, der mich heute mit »Noch zwei Tage bis Weihnachten« geweckt hat.
»Ich wollte dir alles Gute wünschen.« Jetzt, wie ich so vor ihr stehe, klingt das mehr als unglaubwürdig. Ich sollte verschwinden.
»Mutti, ich glaube Tante Gabi weiß nicht genau, wo wir feiern. Erklärst du es ihr bitte noch einmal?« Vanessa schiebt ihre Mutter förmlich in Richtung ihrer Tante, bevor sie sich wieder mir zuwendet.
»Meinst du das ernst?« Sie lächelt nicht mehr, dennoch sieht man ihr deutlich an, wie glücklich sie ist. Eifersucht zuckt durch mich hindurch, weil ich ihr dieses Glück nie geben konnte. Der Lackaffe offensichtlich schon.
»Sonst wäre ich kaum hier.«
Sie schweigt einen Moment. Schneeflocken wirbeln um uns herum, lassen sie fast märchenhaft wirken in ihrem weißen Mantel und dem Brautkleid.
»Ich habe über unser Gespräch nachgedacht«, sage ich schließlich, weil das der eigentliche Grund ist, der mich heute Morgen aus dem Bett getrieben hat. »Es war scheiße, was du vor vier Jahren abgezogen hast, Vanessa, und erwarte von mir nicht, dass ich dir das verzeihe. Aber ich verstehe es jetzt.«
»Das habe ich nicht«, gibt sie zu und greift sich, ohne zu fragen, mein Sektglas, das ich immer noch in der Hand halte. »Aber es freut mich, dass du es verstehst.«
Ich presse meine Lippen zusammen und wieder überkommt mich das Gefühl, wegrennen zu wollen. Aber Vanessa kennt mich. Vielleicht besser als ich mich selbst.
»Ich habe gekündigt«, fahre ich fort. »Ich arbeite nicht mehr für meinen Vater. Ich werde mir etwas eigenes suchen.«
Sie nimmt einen Schluck, wirft suchend einen Blick über ihre Schulter. Ihr jetziger Gatte hat uns genau im Blick. Es passt ihm offensichtlich nicht, dass ich hier bin. Wenigstens ein kleiner Erfolg heute Morgen.
»Mach das. Es wird dir helfen zu erkennen, was du eigentlich vom Leben willst! Du entschuldigst mich?«
Sie lächelt mich an. Diesmal aufrichtig und offen. Ich erwidere es, doch kurz bevor sie sich abwendet, beuge ich mich zu ihr hinunter und gebe ich einen Kuss auf die Wange. Erinnerungen durchfahren mich, alte Gefühle, aber diesmal lösen sie nichts mehr in mir aus.
»Danke!«, flüstere ich dicht an ihrem Ohr. »Und herzlichen Glückwunsch!«
Ich zwinkere ihr zu, als sie sich schließlich umdreht, und plötzlich fühle ich mich seltsam leicht. Bis ich daran denke, was der nächste Schritt ist.
Ich lasse die Kirche und die Hochzeitsgesellschaft hinter mir, ziehe meinen Mantel enger um mich und greife nach meinem Handy. Ich habe es gestern Abend so richtig verbockt. Aber ich habe mir ehrlich gesagt, keine großen Gedanken gemacht, was mich erwartet, als ich auf die Weihnachtsfeier gegangen bin. Ich wollte Max sehen, meinen Mitarbeitern auf Wiedersehen sagen, mit Zoe sprechen. Was mich überrascht hat, war ihre all umfassende Wut. Und ihr Ex-Freund.
Vanessas Worte kommen mir wieder in den Sinn. Es wird Zeit, dass ich erkenne, was ich im Leben will. Und eines will ich sicher: Zoe!
Ich wähle ihre Nummer, lausche dem monotonen Tuten des Freizeichens. Sie nimmt nicht ab. Fuck, ich habe ihr anscheinend doch schlimmer zugesetzt, als ich dachte. Dann also die harten Geschütze.

Zimtsternzauber: Tag 21

Wer die Wahl hat …

Zoe

»Was zur Hölle macht er hier?«
Der entgeisterte Gesichtsausdruck meiner besten Freundin könnte mich zum Schmunzeln bringen, wenn die ganze Sache nicht so verdammt vertrackt wäre.
»Er ist als meine Begleitung hier.«
Tinas schwarze Augenbrauen fahren nach oben und ich schwöre, dass sogar die Spitzen ihrer kurzen Haare irritiert aufzucken.
»Das ist nicht dein Ernst. Bitte sag mir, dass ich zu viele Cocktails getrunken habe und Oliver nicht dort vorne an der Theke steht. Und sich mit Max unterhält.«
»Was?« Erschrocken folge ich ihrem Blick. Mist! Mein »Wie-auch-immer-Ex«-Freund stößt in diesem Moment mit Max an. Dem Max, mit dem ich vor nicht einmal zwei Wochen ein Date hatte. Scheiße! Was hat mich nur dazu gebracht, ihn herzubringen?
»Also, warum ist er hier?« Ab und zu glaube ich echt, dass Tina Gedanken lesen kann.
»Er hat sich bei mir entschuldigt. Es tut ihm leid, was er getan hat. Und er vermisst mich.«
Tina sieht aus, als hätte ich ihr endgültig erklärt, dass ich verrückt bin. Und wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich auch so.
»Und das glaubst du ihm?«
Oh ja, das würde ich gerne! Wie oft habe ich mir in den letzten Wochen gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können und mein Leben mit Oliver wiederzuhaben. Aber dann denke ich wieder daran, was er mir angetan hat – vermutlich nicht zum ersten Mal – und ich fühle mich wahnsinnig naiv. Und verletzt. Und gedemütigt.
»Nein.« Ich greife nach meinem Mai Tai, der auf dem Stehtisch vor uns steht, und nehme einen tiefen Schluck.
Es ist Donnerstagabend und wir sind auf unsere Betriebsweihnachtsfeier. Die Agentur hat sich dieses Jahr nicht lumpen lassen und einen angesagten Club gemietet. Scheinwerfen zucken über die Tanzfläche, ein DJ legt die aktuellen Charts auf, während Tina und ich uns durch das Cocktailangebot trinken und Kanapees futtern. Oliver mitzunehmen war eine spontane Entscheidung. Er hat mir am Dienstagmorgen die Ohren vollgeheult und aus einer Laune heraus, habe ich ihn heute Mittag eingeladen. Wenn ich ihn mir allerdings jetzt betrachte, wie er sich bestens mit Max amüsiert, war das definitiv die falsche Entscheidung.
»Ich wollte einfach nicht alleine hier auftauchen.«
Ich brauche Tina nicht zu erklären warum. Sie weiß alles von unserem Trip nach New York. Zumindest alles von Cedrik und mir. Die Machenschaften der Nero Investment Group sowie Cedriks Vater habe ich mit keinem Wort erwähnt.
»Du weißt, dass er heute nicht im Büro war, daher glaube ich nicht, dass er hier auftaucht. Gerüchten zur Folge hat er hingeschmissen.«
Er. Cedrik.
Schmerz durchzuckt mich, will mich daran erinnern, dass da mehr ist, als die Leere in meinem Herzen, aber ich ertränke ihn mit dem nächsten Schluck Mai Tai. Heute Abend nicht. Heute Abend werde ich nicht an ihn denken.
»Und wenn schon. Das ist sein Problem.«
Meine Hand krallt sich um das kalte Glas. Tina weiß genau, dass ich das nur sage, weil ich nicht darüber sprechen will und nicht, weil es mich nicht interessiert. Denn natürlich tut es das. Jedes kleine Detail, jede Information … Rückfall! Noch ein Schluck!
»Habt ihr … habt ihr noch einmal miteinander gesprochen?« Tina meint es gut. Weh tut es trotzdem.
»Nein.«
»Zoe, ein Blinder kann sehen, dass du in ihn verknallt bist.«
Ich bedenke sie mit einem wütenden Blick. »Du weißt, was er zu mir gesagt hat. Da war nichts zwischen uns. Zumindest nichts Ernsthaftes.«
Tina presst ihre Lippen zusammen. Sie widerspricht mir nicht, allerdings sehe ich ihr deutlich an, dass sie anders darüber denkt. Aber das tut nichts zur Sache. Cedrik will mich nicht, das hat er mir klar gesagt. Und ich habe mir vorgenommen, nach vorne zu sehen. Bald ist Weihnachten und danach Silvester. Ein neues Jahr. Und meine Vorsätze sind diesmal eindeutig: eine neue Wohnung, ein neuer Job, ein neuer Mann.
»Guten Abend die Damen.«
Ich hebe meinen Blick, der sich in dem orangenen Cocktail verhakt hatte, und schaue in Max‘ hellblaue Augen.
»Hey!«
Oliver stellt sich neben mich, legt seinen Arm besitzergreifend um meine Taille. Ich trete einen Schritt zur Seite, weil mir das Platzhirschgetue zu viel ist, aber er greift nach, bis ich wie im Schreibstock eingeklemmt an ihm klebe.
»Hi Max!« Tina prostet ihm zu. Keine Sekunde später bemerke ich, wie sie sich unauffällig ein wenig näher an Max heran lehnt und ihn in ein Gespräch verwickelt.
»Du hast nette Kollegen.« Olivers Stimme dringt in mein Ohr, viel zu nah, als dass es mir angenehm wäre.
»Du kennst Tina«, entgegne ich genervt, immerhin ist sie meine beste Freundin. Sie hat Oliver in den letzten Jahren öfters gesehen und kann ihn bis heute nicht leiden.
»Natürlich.«
Das Lächeln auf seinen Lippen ist nicht echt. Ebenso wenig, wie der liebevolle Blick, den er mir jetzt zuwirft. Alles an mir schreit danach wegzurennen, ihn von mir zu drücken, aber ich tue es nicht.
»Willst du tanzen?«
Ein Seufzen entfährt mir. Es wäre vernünftig nach Hause zu fahren und die Sache mit Oliver ein für alle Mal zu beenden. Denn ich will nichts mehr von ihm. Das signalisieren mir mein Körper und auch mein Herz mehr als deutlich.
»Nein. Lass uns …« Ich breche ab, erstarre mitten im Satz. Kälte kriecht über meine Haut und gleichzeitig beginnt mein Herz zu rasen. Nein. Nein. Nein.
Graublaue Augen finden meine, mustern mich abschätzend und blitzen belustigt auf. Ich schlucke hart. Nein. Nicht hier, nicht heute, wo ich mich schon in Sicherheit wähnte.
»Lass uns tanzen!« Meine Stimme klingt Meilen weit entfernt und ich realisiere kaum, wie ich Olivers Hand greife und ihn regelrecht auf die Tanzfläche zerre.
Er folgt mir, ohne zu zögern, legt die Hände um meine Taille und gemeinsam beginnen wir uns hin uns her zu wiegen.
»Zoe, ich wollte über etwas mit dir sprechen.«
»Mmh.« Ich sehe ihn nicht an. Ich höre ihm noch nicht einmal richtig zu, da meine ganze Aufmerksamkeit auf Cedrik liegt, der sich an den Tisch zu Max und Tina gesellt hat. Er trägt eine dunkle Hose und ein weißes Hemd, seine Haare sind verwuschelt und insgesamt wirkt er überraschend entspannt. Nichts deutet darauf hin, dass er gekündigt hat, oder dass das Gespräch mit seinem Vater über die Nero Investment Group schlecht gelaufen wäre. Oder, dass es ihn in irgendeiner Weise mitgenommen hat, mir am Montagnachmittag das Herz zu brechen. Scheiße!
In diesem Moment lacht er, und obwohl ich das Geräusch durch die laute Musik um mich herum nicht hören kann, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ich gönne ihm das Lachen nicht. Ich gönne ihm auch seine beschissene Gelassenheit nicht. Dafür hat er mich zu sehr verletzt.
»Du erinnerst dich sich an das kleine Chalet meiner Eltern in der Schweiz. Sie haben es über Silvester nicht vermietet und ich würde gerne mit dir dort hin. Um unseren Neuanfang zu feiern.«
Hände gleiten über meinen Rücken, landen auf meinem Po.
»Was?«
Energisch nehme ich ein wenig Abstand und löse Olivers Hände von meinem Hinterteil. Das geht das doch zu weit.
Er runzelt die Stirn. »Das Chalet? Silvester?«
Zur Hölle, ich habe keine Ahnung, was er gerade gesagt hat. Dafür bin ich mir Cedriks Blick, der jede meiner Bewegungen verfolgt, überdeutlich bewusst. Verdammt, was macht er hier? Er sollte nicht hier sein. Er sollte irgendwo in einem dunklen Keller verrotten, alleine, einsam, mit einem gebrochenen Herzen, so wie ich. Konzentrier dich Zoe, ermahne ich mich selbst, weil ich das dumpfe Gefühl habe, auf die nächste Katastrophe zuzusteuern.
»Oliver, es tut mir leid. Es war ein Fehler, dich heute mitzunehmen, das mit uns wird nichts mehr.« Wow, seit wann bin ich so vernünftig?
Er lässt mich los. Verzieht sein Gesicht zu einer wütenden Fratze und es tritt wieder der Ex-Freund zu Tage, der mich am 18. Oktober aus der Wohnung geworfen hat.
»Ist es wegen ihm?« Mit einem Nicken deutet er in Richtung Tisch. Ob er jetzt Max oder Cedrik meint, kann ich nicht sagen, da beide noch bei Tina am Tisch stehen. Aber dass er den Grund für unsere Trennung nicht bei sich sucht, sondern einen anderen Mann dafür verantwortlich macht, bringt das Fass zum Überlaufen. Wut ballt sich in meinem Magen zusammen, vermischt sich mit der Enttäuschung und dem Schmerz der gesamten letzten Wochen, und meine ganze Frustration drängt an die Oberfläche.
»Hast du auch mal eine Sekunde darüber nachgedacht, wie es mir geht? Was du mir …« Weiter komme ich nicht. Und das ist auch besser so, weil ich ihm sonst vor all meinen Arbeitskollegen – und Cedrik – eine Szene gemacht hätte.
»Darf ich abklatschen?«
Eine dunkle Stimme lässt mich innehalten. Olivers Augen sprühen vor Wut.
»Ja!« Bevor er antworten kann, drehe ich mich zu Max herum.
Ich lasse Oliver einfach stehen, schere mich nicht länger darum, ob er hinter mir stehen bleibt oder verschwindet. Ich reiche Max meine Hand und er zieht mich außer Reichweite.
»Es sah aus, als ob er Hilfe gebrauchen könnte.« Er, nicht ich.
»Wieso er?«
Der DJ startet mit Rocking around the Christmas Tree die Weihnachtsoffensive.
Max‘ Mundwinkeln zucken amüsiert und seine hellblauen Augen blitzen mich an. »Weil du ihn vermutlich gleich K.O. geschlagen hättest.«
Ich schnaube entrüstet. »Er hätte es verdient.«
»Ohne Zweifel.« Weiß er, was Oliver getan hat? Hat Tina ihm etwas erzählt? Oder Cedrik? Allein der Gedanke, dass Cedrik mit ihm über mich gesprochen hat, jagt einen Schneesturm durch meinen Bauch und ich kann nicht verhindern, erneut einen Blick in seine Richtung zu werfen. Hat er nach Montag doch noch einmal an mich gedacht?
»Umpf«, entfährt es mir frustriert und ich zwinge mich, wieder Max anzusehen. Das alles führt zu nichts als Ärger.
Max grinst mich verschwörerisch an, als wüsste er genau, was ich denke.
»Hat Cedrik tatsächlich gekündigt?«, frage ich ihn, da sowieso offensichtlich ist, dass ich an ihn gedacht habe.
»Das musst du ihn schon selbst fragen.«
Ein neues Lied beginnt und obwohl All I Want for Christmas is you eher rockig ist, zieht Max mich näher an sich heran und legt seine Hände auf meinen Rücken. Direkt oberhalb meines Pos, aber doch zu tief als das keine Absicht dahinter wäre. »So, dann wollten wir das Raubtier mal auf seine Beute aufmerksam machen.«
Bitte?
»Bezeichnest du mich gerade als Beute?« Ich hebe meinen Kopf in seine Richtung. Max‘ Gesicht ist direkt vor meinem und sein Aftershave dringt in meine Nase.
»Jep. Und jetzt lass uns eine Show liefern, Baby!« Eine Show? Für wen?
Ich komme nicht mehr dazu, zu protestieren. Seine Hände fahren meinen Rücken hinauf, während er seine Hüften gefährlich nahe an mein Becken drückt. Max bewegt sich im Takt der Musik, dreht mich auf die Tanzfläche, zieht mich wieder zu sich. Meine Hände landen wie von selbst auf seiner muskulösen Brust, fahren über seinen flachen Bauch. Max ist ohne Zweifel attraktiv und hat seinen ganz eigenen Charme. Und ich wäre keine Frau, wenn ich das nicht bemerken würde. Sein Blick nimmt mich ein, hellblaue Augen, die fröhlich blitzen und jede Menge Spaß versprechen. Mein Atem stockt, als er seinen Kopf beugt und seine Wange an meine legt.
»Vorsicht Zoe! Wir sollten Cedrik nicht zu sehr reizen. … Ist Tina eigentlich Single?«
Sein Atem kitzelt mein Ohr, rennt wie ein heißer Schauer über meine Haut, dennoch muss ich schmunzeln.
»Ist sie«, flüstere ich zurück, als sich Max langsam von mir löst. Seine Freude ist ansteckend und er lenkt mich ein wenig von den nervigen Dingen – oder Personen – heute Abend ab.
Max grinst mich frech an und zwinkert. »Lass uns zum Tisch zurückgehen. Ich glaube, sonst kassiere ich heute Abend noch einen rechten Haken.«
Ich folge zögernd, weil Cedrik immer noch neben Tina an unserem Tisch steht. Dann gebe ich mir einen Ruck. Ich lasse mir doch von dem Arschloch nicht den Abend ruinieren!
Allerdings beachtet mich Cedrik gar nicht, als wir wieder zu den anderen stoßen, daher greife ich zunächst nach meinem halbvollen Cocktailglas und nehme einen Schluck. Das süße Getränk rinnt kalt meine Kehle hinab, während sich der Rum sofort warm in meinem Körper verteilt. Ich liebe Mai Tais!
Als jemand dicht neben mich tritt, versteife ich mich trotzdem sofort.
»Zoe.«
Nein. Nein. Nein.
Ich bin wütend auf ihn.
Ich hasse ihn.
Er hat mir wehgetan, mehr als einmal.
Ich bin in ihn verliebt.
Verzweifelt beobachte ich das Zucken der Scheinwerfer auf dem Fußboden, bis sich zwei schwarze Schuhe in mein Blickfeld schieben. »Hast du es so nötig?«
Erschrocken reiße ich den Blick hoch. Ein Sturm tobt in seinen Cedriks Augen, lässt sie dunkler wirken, als sie sind.
»Wie bitte?« Enttäuschung zerrt an meinen Nerven, Verzweiflung. Er steht so nahe vor mir, dass ich nur die Hand ausstrecken müsste, um ihn zu berühren. Dumpf dringen Wortfetzen eines Gespräches von Tina und Max zu mir herüber, aber ich folge ihnen nicht. Meine ganze Aufmerksamkeit ist gefesselt von dem Mann vor mir.
»Du willst ernsthaft zu deinem Ex-Freund zurück? Ein wenig mehr Rückgrat hätte ich dir schon zugetraut.«
Tränen schießen mir in die Augen und meine Hände ballen sich zu Fäusten. Ich bin so wütend, dass ich das Gefühl habe, gleich zu platzen.
»Und dann diese Nummer mit Max eben.« Er knurrt. Und klingt beinahe eifersüchtig. Aber warum? Er hat mir erklärt, dass zwischen uns nicht laufen wird, dass er weder Nerv noch Zeit für eine Beziehung hat.
»Was soll das, Zoe?«
Das Atmen fällt mir schwer, ich bekomme keine Luft mehr. Verzweifelt schließe ich die Augen, versuche, meine aufgebrachten Gefühle zu kontrollieren. Aber Cedriks Nähe haut mich um. Meine Haut kribbelt, kann sich nicht entscheiden, ob vor Verlangen oder Wut. Denn beides löst dieser verdammte Kerl in mir aus.
»Ich habe einen netten Abend, mehr nicht.« Ha, ha, ha! Nicht einmal ich glaube mir meine Worte. Und Cedrik tut es offensichtlich ebenfalls nicht.
Er tritt einen Schritt näher an mich heran, bis kein beschissenes Blatt Papier mehr zwischen uns passt. Dennoch berührt er mich immer noch nicht.
Ich starre auf sein weißes Hemd, wandere mit meinen Augen langsam die kleinen Plastikknöpfe hinauf und die Tatsache, dass ich ganz genau weiß, was hinter dem weißen Stoff liegt, hilft mir in diesem Moment keinen Schritt weiter. Ganz im Gegenteil. Meine Kehle wird eng, mein Mund ist staubtrocken.
»Ich glaube dir kein Wort.«
Die Zeit bleibt stehen, als seine Augen meine treffen. Um uns herum wird es still, obwohl immer noch Have yourself a merry little Christmas im Hintergrund dröhnt, Tina und Max mit uns am Tisch stehen, und mindestens dreißig Kollegen um uns herum tanzen.
Eine Berührung an der Wange lässt mich zusammenzucken, bevor heißes Feuer über meine Haut rennt. Mein Kopf ist leer und mein Herz hat eindeutig aufgehört zu schlagen. Ich spüre nur noch Cedriks Hand auf meiner Wange, sehe nur noch seine blaugrauen Augen, fühle seinen Atem auf meinen Lippen, als er sich zu mir beugt.
»Du bist in mich verliebt, Zoe. Nur deshalb veranstaltest du so ein Theater.«
Ich halte inne. Und Cedriks Arroganz, die ich seit meiner Schulzeit so verteufelt habe, pflügt wie eine Axt durch meine verwirrten Gefühle. Er ist ein Jäger, ein Raubtier, das gerade dabei ist, seine Beute zu reißen. Hier geht es überhaupt nicht um mich.
»Du verdammtes Arschloch!«
Cedrik lacht leise. »Vielleicht.« Seine Hand liegt immer noch auf meiner Wange und mit seinem Daumen streichelt er sanft über meine Haut. Er spielt mit mir. Wie er es schon sein ganzes Leben lang getan hat. »Aber ich habe die letzten Tage viel über mich gelernt. Und da ist eine Sache, die ich noch nicht ganz begreife.«
Ich zittere vor unterdrückter Wut. Auf ihn, auf mich, auf Oliver und jede einzelne verlorene Träne, die ich in den letzten Wochen geweint habe. Erst jetzt bemerke ich, dass meine Hände auf Cedriks Brust liegen. Aber anstatt ihn von mir zu drücken, kralle ich mich an ihm fest.
»Kannst du mir mal verraten, was du da tust, du Schlampe?«
Eine wütende Stimme direkt hinter mir bringt unsere Blase zum Platzen. Eine Hand zerrt besitzergreifend an meiner Schulter, gräbt sich in meine Haut und tut mir weh.
Ruckartig löst sich Cedrik von mir. In seinem Gesicht zuckt etwas auf, bevor er seinen Mund zu einem schiefen Grinsen verzieht. Aber ich beachte ihn nicht länger, sondern drehe mich zu Oliver herum, hebe meine Hand und gebe ihm eine schallende Ohrfeige.

Zimtsternzauber: Tag 20

Schlussstrich

Cedrik

Enttäuschung schmeckt schal. Bitter. Stumpf. Als wären deine Geschmacksnerven verödet, als nähme man die Säure oder Süße des Essens nicht mehr wirklich wahr. Obwohl man genau weiß, dass sie da ist.
Eine der frühsten Erinnerungen, die ich an meinen Vater habe, spielen hier in diesem Büro. Johannes und ich, die unter dem dunklen, schweren Mahagonitisch mit Autos spielen, darauf wartend, dass mein Vater endlich Zeit für uns hat. Immer haben wir gewartet, darauf, dass er nachhause kommt, von einer Dienstreise zurückkehrt oder wenigstens einmal beim Fußballspiel am Rand steht und uns anfeuert. Getan hat er es nie, stattdessen hat mein Vater gearbeitet.
Mein ganzes verficktes Leben stand immer die Agentur im Vordergrund. Daher verbinde ich auch meine Kindheit mit diesem beschissenen Mahagonitisch, auf den ich seit etwas zwanzig Minuten starre.
Die Tür in meinem Rücken wird aufgestoßen und vor lauter Anspannung zucke ich zusammen. Mein Körper ist verkrampft, weiß nicht, wo er mit seiner ganzen Wut und seinem Zorn hin soll. Aber ich lasse mir nichts anmerken, erhebe mich geschmeidig und schenke meinem Vater, der mich überrascht ansieht, ein aufgesetztes Lächeln.
»Cedrik, was tust du hier?«
»Ich wollte mit dir sprechen.«
Mein Vater stellt seinen Trolley neben der Tür ab und hängt seinen Mantel an einen Kleiderständer daneben.
»Hat das nicht Zeit bis morgen? Ich bin eben erst aus Hamburg zurückgekommen.« Er wirkt genervt. Pech für ihn, ich werde nicht verschwinden.
»Nein.«
Seufzend geht er zur Tür und bittet seine Assistentin um einen Kaffee. Ob ich etwas möchte, fragt er nicht.
»Wie war es in New York?« Als ob Jordan ihn nicht längst informiert hätte.
Ich setzte mich wieder, lasse ihn jedoch nicht aus den Augen, wie er um mich herumgeht und sich hinter seinen Schreibtisch setzt. Als ob der verdammte Mahagonitisch zwischen uns eine Barriere wäre, die ihn davor schützt, was ich zu sagen habe.
»Hältst du mich für dumm?«, frage ich ihn mit einer bemerkenswerten Ruhe.
Graublaue Augen, die meinen so entsetzlich ähnlich sind, mustern mich abschätzend.
»Du weißt es also.« Er ist klug genug, meine Frage nicht zu beantworten.
»Ich weiß, dass du Teilhaber der Nero Investment Group bist. Dass du mit Jordan gemeinsame Sache gemacht hast, um Geld auf … sagen wir mal unsaubere Art und Weise zu erwirtschaften. Ich weiß, dass es nie eine Ausschreibung gegeben hat und dass du mich diese Kampagne nur erarbeiten lässt, um damit mehr Profit zu machen.« Wut kocht heiß in meinen Adern, aber ich zwinge mich ruhig zu bleiben. Wenn ich jetzt ausraste, fühlt sich mein Vater bestätigt. »Hältst du mich echt für so bescheuert, dass ich nicht herausbekomme, was dahinter steckt? Hast du echt gedacht, dass du mich einfach so benutzen kannst?«
Stille. Er schweigt. Auch eine Antwort.
»Warum?«, frage ich irgendwann, als er sich nicht zu meinen Vorwürfen äußert.
Mein Vater schaut mich noch einen Moment an, bevor er seinen Blick abwendet. Einen Moment, in der er zu überlegen scheint, was er mir sagen kann und was nicht. Ob ich der Sohn bin, der ihn unterstützt und seine Machenschaften befürwortet, oder ob ich zur Polizei gehe und ihn verrate. Bei Johannes wäre das keine Frage: Er folgt ihm blind. Und ich bin es auch. Bisher zumindest.
»Ich halte dich nicht für dumm, Cedrik. Und ich wusste, dass du eine brillante Kampagne erarbeiten wirst, nur deshalb habe ich dir diesen Job gegeben.«
Sein Lob kann er sich sonst wohin schmieren. Dafür ist es zu spät.
»Warum? Warum also lässt du dich auf solche Geschäfte ein?«
Mein Vater fährt sich durch seine blonden Haare, die trotzdem noch perfekt in Form liegen. Einen ganz kurzen Augenblick wirkt er müde, fast verletzlich, aber einen Wimpernschlag später halte ich den Ausdruck für Einbildung. Mein Vater ist viel, aber verletzlich ist er ganz sicher nicht.
»Weil es der Agentur nicht gut geht«, sagt er schließlich. »Wir müssen nächstes Jahr unsere Kosten stark reduzieren, um überhaupt noch konkurrenzfähig zu bleiben.«
Seine Worte überraschen mich nicht. PR-Agenturen schießen wie Pilze aus dem Boden und der Druck untereinander wächst. Firmen wollen immer ausgefeiltere, kreativere Konzepte und dafür möglichst wenig zahlen. Aber dennoch, das mag eine Erklärung sein, eine Entschuldigung ist es noch lange nicht.
»Wieso hast du mir nie etwas davon gesagt?«
Sein Mund verzieht sich zu einem schmalen Lächeln. »Ich dachte, dass dir klar ist, wie schlecht es um die Firma steht. Seit dem Auftrag für das Bildungsministerium, für den du verantwortlich warst, geht es bergab.«
Mit einem Schlag ist meine Anspannung wieder da. Was?
»Wir haben den Auftrag damals vergeigt, das weiß du besser als ich«, fährt mein Vater fort und seine Worte treffen mich mit voller Härte. »Das hat unseren guten Ruf in der Branche nachhaltig beeinträchtigt, sodass wir kaum noch gute Aufträge hereinbekommen haben.«
Ein dröhnendes Rauschen erfüllt meinen Körper. Der Auftrag für das Bildungsministerium vor vier Jahren. Für den ich verantwortlich war. Es ist meine Schuld, dass es der Firma so schlecht geht. Dass wir keine Aufträge bekommen, dass wir Mitarbeiter entlassen müssen. Mitarbeiter wie Zoe. Mir wird schlagartig kalt und meine Muskeln spannen sich wieder an. Meine Wut kehrt zurück.
»Ich habe getan, was ich musste, um die Firma zu retten.«
Das Muster auf den grauen Bodenfließen verläuft vor meinen Augen. Meine Gedanken rasen durcheinander. Ich bin Schuld. Ich allein. Fuck!
»Gib mir nicht die Schuld für deine krummen Geschäfte!« Meine Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern. Langsam hebe ich den Blick, schaue meinen Vater an. Ich bin nicht mehr sein kleiner Junge, der ihm überall hin folgt. Und er ist nicht mehr der Vater, den ich vergöttere, dem ich etwas beweisen muss.
»Es gibt andere Wege Firmen zu retten, dafür muss man nicht hunderte kleinere Existenzen ruinieren.« Denn das hat er getan. Indem er den Start-up Gründern das Geld aus der Tasche gezogen haben, hat er die meisten ruiniert. Um sich selbst an ihnen zu bereichern.
»Du hast keine Ahnung, wo von du sprichst, Cedrik.« Er nimmt mich nicht für voll. Und er wird es auch nicht, egal, was ich tue. Die Erkenntnis schlägt mit der Kraft einer Abrisskugel durch meinen Schädel und verdrängt alle anderen Gedanken. Er hat mich ausgenutzt, hat mich verarscht und hat jetzt noch nicht einmal den Anstand, die Karten offen auf den Tisch zu legen. Und mit einem Mal wird mir klar, dass er es selbst jetzt noch tut.
»Es hat nichts mit dem Auftrag für das Bildungsministerium zu tun, oder? Du hast die Agentur heruntergewirtschaftet, du ganz alleine. Deshalb hast du mir nie eine ordentliche Position gegeben, deshalb hast du mir nie wirklichen Einblick in die Finanzen überlassen.«
Ich weiß, dass ich recht habe. Auch wenn mein Vater nicht einmal blinzelt.
Die Stille zwischen uns nimmt zu, wird schneidend dick und bildet eine Mauer, die keiner von uns bereit ist einzubrechen. Er sieht mich an, aus harten graublauen Augen.
»Was willst du?«
Was will ich? Eine einfache Frage. Die Antwort darauf ist es nicht.
Ich will, dass er für seine Geschäfte zur Rechenschaft gezogen wird.
Ich will, dass die Agentur wieder läuft und wir niemand entlassen müssen.
Ich will, dass er diese verdammte Agentur endlich an mich abgibt.
Ich will, dass er mich ernst nimmt und mich endlich anerkennt, wie ich bin.
Ich will den Vater zurück, den ich vor wenigen Tagen noch hatte.
»Nichts.«
»Nichts?« Er klingt so überrascht, wie ich mich fühle. Aber dennoch ist es die Wahrheit.
»Nein, nichts.«
Ich erhebe mich, genieße seinen verblüfften Gesichtsausdruck, den ich zum ersten Mal an ihm entdecke. Allein dafür ist es all das wert.
»Nein, Vater, ich will nichts von dir. Ich werde jedoch mit Jordan sprechen und ihn zwingen, die Nero Investment Group zu schließen. Andernfalls gehe ich zur Polizei. Und zur Presse. Das verbleibende Geld wird an die Start-ups zurückgehen, viel ist vermutlich sowieso nicht mehr da. Ich will nicht, dass du die Agentur schließt. Nicht wegen dir, sondern wegen all der Menschen, die für uns arbeiten. Ich aber werde gehen und endlich das machen, was ich seit Jahren tun sollte.«
Nämlich auf eigenen Beinen stehen. Endlich meinen eigenen Weg gehen und nicht mehr versuchen, es meinem Vater recht zu machen. So wie es Zoe mehr als einmal von mir verlangt hat.
Zoe.
Der Gedanke an sie tut weh, bringt das Brenner in meiner Brust zum Bersten.
Die Tür hinter mir schlägt zu, als ich das Büro verlasse. Endgültig.

Zimtsternzauber: Tag 19

Herzflimmern

Zoe

Mein Herz schlägt. Langsam und gleichmäßig. Als wolle es mir sagen, dass es immer noch da ist, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Es wurde herausgerissen, zertreten, filetiert und in kleinen Stücken genüsslich verspeist. Ok, eine ziemlich eklige Vorstellung, aber genauso fühlt es nicht an. Und das Schlimmste an dem Ganzen? Ich bin selbst daran schuld.
Müde fahre ich mir über die Augen, die vor lauter Erschöpfung jucken. Nicht vor Tränen, denn Cedrik ist keine einzige wert. Aber ich habe den ganzen Flug lang kein Auge zugetan, eingequetscht auf einem schmalen Sitz zwischen einer erkälteten Frau und einem Musik hörenden älteren Mann. Die Arien von Verdi kann ich nach dieser Nacht auswendig.
Es ist noch dunkel draußen und wir fahren im Taxi durch die Stadt. Häuser ziehen an uns vorbei, Lichterketten hängen in den Fenstern, Weihnachtssterne, die mich aufzumuntern versuchen. Einzelne Schneeflocken fallen vom Himmel, aber im Vergleich zu dem Schneesturm vor Newfane ist das nicht mehr als ein leises Aufbäumen des Winters.
Es kommt mir so unwirklich vor, wenn ich an die letzten Tage denke. An Julia und ihren Zettel, an unsere Fahrt nach Newfane, an die Nähe zwischen Cedrik und mir. Cedrik, der jetzt keinen Meter entfernt neben mir im Taxi sitzt und doch so weit weg ist, wie niemals zuvor.
»Zoe?«
Ich will mich nicht umdrehen. Ich will ihn nicht ansehen, sondern lieber die Schneeflocken vor dem Fenster beobachten. Ich will ihm nicht zeigen, wie sehr er mich verletzt hat, dennoch habe ich keine Wahl.
»Ja?«
Cedrik sieht müde aus. Abgeschafft. Als hätte auch er die ganze Nacht nicht geschlafen, obwohl es sich in der Business Class deutlich komfortabler fliegt.
»Du kannst heute zuhause bleiben, du musst nicht mehr ins Büro fahren. Ich komme ohne dich klar.«
Seine Worte sickern langsam durch meinen Verstand. Dann zieht sich mein Herz schmerzhaft zusammen und verzweifelt schlucke ich die Tränen hinunter, die augenblicklich in meine Augen schießen.
Ich komme ohne dich klar.
Scheiße!
»Danke!«, antworte ich schlicht. Ich will ihm nicht zeigen, wie mies es mir geht.
Doch Cedrik sieht mich an. Graublaue Augen, Sturmaugen, die tief auf den Grund meiner Seele blicken und das sehen, was ich so verzweifelt vor ihm zu verbergen suche.
»So habe ich das nicht gemeint. Ich gebe dir frei, weil die letzten Tage echt anstrengend waren.«
Ich glaube ihm kein Wort. Kann es einfach nicht. Bleib stark, Zoe, ermahne ich mich erneut. Er ist es nicht wert.
»Wenn es darum geht, ob ich etwas über die Nero Investment Group oder deinen Vater sagen werde, kann ich dich beruhigen. Ich habe dir versprochen es nicht zu tun. Und daran halte ich mich.« Zumindest diesen Punkt muss ich klarstellen.
»Ok, danke Zoe!«
»Wirst du mit ihm sprechen? Mit deinem Vater meine ich?«
Cedrik nickt. »Natürlich. Das muss ich. Es ist nicht in Ordnung, was die Nero Investment Group getan hat und auch mein Vater muss dafür gerade stehen.« Er hat mir immer noch nicht gesagt, wie genau sein Vater darin verwickelt ist. Aber ich bin nicht blöd.
»Die Nero Investment Group muss zur Rechenschaft gezogen werden«, sage ich eindringlich. »Denk an Julia und all die anderen Start-ups, die ihre Existenz verloren haben. Auch wenn es dein Vater ist, Cedrik.«
»Glaub mir, das weiß ich.« Ich höre den leisen Schmerz in seiner Stimme, aber ich ignoriere ihn. In meinem Herzen ist im Moment kein Platz für Mitgefühl.
Cedrik zögert kurz und ich sehe ihm deutlich an, dass er mit sich kämpft. Aber dann gibt er sich einen Ruck und spricht weiter. »Hör mal, es tut mir leid, das mit uns. Das war so nicht geplant. Aber ich bekomme das im Moment einfach nicht hin.«
»Es ist ok«, fahre ich dazwischen und würge seine Ausflüchte ab. Ich will sie nicht hören. »Du hast mir mehr als einmal gesagt, dass ich mein Leben nicht an einen Mann hängen soll. Es wäre also äußerst töricht von mir, es jetzt zu tun.« Jedes Wort ist eine Lüge und mein Herz bäumt sich auf, weil es eigentlich etwas ganz anderes sagen will.
Cedrik hebt seine Hand, fährt sich durch die Haare. Seine Geste lässt nur erahnen, dass ihm das zwischen uns doch näher geht, als er zugeben will und als er mich wieder ansieht, erkenne ich den Schmerz in seinen Augen, der sich in meinem Herzen widerspiegelt. Einen Wimpernschlag später ist er verschwunden, sein Gesicht ist verschlossen. Er wird seine Meinung nicht ändern.
Der letzte Rest Hoffnung in mir, der sich tapfer gehalten hat, zerbricht. Ich war nicht mehr als eine kurze Affäre. Eine seiner Bettgeschichten, ohne große Bedeutung. Benutzt, fallengelassen, entsorgt. Und jetzt muss ich auch noch darauf hoffen, dass er mir meinen Job lässt, wenn er mich heute schon nicht mehr sehen will. Was habe ich mir nur gedacht?
Verstört und verzweifelt wende ich mich ab. Schaue aus dem Fenster und stelle fest, dass wir in der Straße, in dem das Haus meiner Eltern steht, angekommen sind.
»Das Haus da vorne ist es«, erkläre ich dem Taxifahrer und verteufle meine schwache Stimme.
Bumm. Mein Herz schlägt.
Bumm. Es ist gebrochen, aber es schlägt.
Bumm. Ich muss aus diesem Auto raus.
Kaum hält das Taxi an, reiße ich die Tür auf.
»Bis morgen dann!«
Ich sehe Cedrik nicht an, als ich die Tür wieder zu knalle. Mit einem Satz bin ich am Kofferraum und schneller als der Taxifahrer überhaupt ausgestiegen ist, hieve ich meinen Trolley heraus.
Ich werfe keinen Blick zurück, als das Taxi wegfährt. Bis morgen habe ich mich wieder so weit im Griff, dass ich Cedrik erhobenen Hauptes gegenüber treten kann. Ich lasse mich nicht unterkriegen. Er hat mich neun Schuljahre nicht kleingekriegt, was sind da schon neun Tage?
Ein Leben, flüstert mir mein Herz zu, aber ein kalter Windstoß bringt es zum Schweigen.
Und eine Person, die auf der Eingangstreppe vor dem Haus meiner Eltern sitzt und offensichtlich auf mich wartet.
Oliver.

Zimtsternzauber: Tag 18

Entzaubert

Cedrik

Ich fühle mich leer. Und gleichzeitig bin ich so voller Gedanken und Wut, dass ich platzen könnte. Ich wusste, dass mein Vater in die Sache verwickelt ist. Aber das es so tief geht, dass er ein Teil dieser beschissenen Nero Investment Group ist, oder zumindest deren dubioser Geschäfte, das überfordert sogar mich. Und es trifft mich. Härter als ich je gedacht hätte.
»Stimmt das?«, brülle ich Jordan an, der nicht einmal mit der Wimper zuckt.
Er nimmt sich in Seelenruhe seine Tasse Kaffee und trinkt einen Schluck. »Komm mal wieder runter, Mann!« Über das Siezen sind wir lange hinaus, spätestens als ich vor zehn Minuten wie ein testosterongeladener Bulle durch seine Tür gestürmt bin.
»Stimmt das?«, wiederhole ich meine Frage und gehe nicht auf seine Worte ein. Er hat mir gar nichts zu sagen, dieses Arschloch.
Jordan seufzt und lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück. Er hat noch nicht einmal den Anstand so zu tun, als wäre er aufgebracht. »Ja, es stimmt.«
Das ist der Moment, in dem ich froh bin, dass Zoe nicht neben mir steht, sondern vor der Bürotür wartet. Denn Jordans Worte ziehen mir den Boden unter den Füßen weg.
»Wie viele?«
Jordan legt den Kopf schief, mustert mich von oben bis unten.
»Du bist deinem Vater sehr ähnlich, Cedrik. Robert hat dasselbe ungestüme Temperament, dieselbe Ungeduld. Frage ihn, wenn du mehr über unsere Geschäfte wissen willst.«
»Das werde ich, keine Sorge«, knurre ich und überlege, ob ich ihm nicht doch eine reinhauen sollte. Es würde mir zumindest zeitweilig eine gewisse Befriedigung bescheren.
»Wie viele Start-ups habt ihr ausgenommen?«, frage ich erneut, weil mir der arrogante Kotzbrocken keine Antwort gegeben hat.
Jordan erhebt sich, tritt hinter seinem Schreibtisch hervor. »Genug.«
Meine Hände verkrampfen sich und meine Muskeln spannen sich an. Wut brodelt in meinem Bauch, brennt wie Feuer durch meine Adern und lässt mich endgültig rot sehen.
Es knackt, als ich Jordan die Nase breche, aber sein Schrei klingt in meinen Ohren immer noch zu leise.
Die Tür hinter uns wird aufgerissen und Alex stürmt herein.
»Ist alles in Ordnung?« Alex‘ Blick geht hektisch von mir zu Jordan, der sich seine blutende Nase hält.
»Raus hier!«, brüllt er mich an, und mein kurzer Glücksmoment bricht in sich zusammen, als ich Zoe hinter Alex erblicke.
In ihren Augen stehen tausend Fragen und nicht eine bin ich bereit zu beantworten. Daher verschwinde ich wortlos aus dem Büro, achte nicht darauf, ob Zoe mir folgt oder nicht, sondern renne kopflos aus dem Gebäude. Erst als kalte, klare Luft in meine Lungen dringt, bleibe ich stehen.
»Was ist passiert?«, fragt Zoe atemlos, die mir natürlich gefolgt ist. Sie will wissen, was Jordan gesagt hat.
Aber ich kann es ihr nicht sagen. Ich kann einfach nicht. Damit würde ich endgültig zugeben, dass mein Vater krumme Geschäfte macht, dass er von diesem verdammten Podest, auf das ich ihn mein ganzes Leben gestellt habe, heruntergefallen ist. Mein Leben liegt in Scherben vor mir. Alles woran ich geglaubt habe, wofür ich verfickte Scheiße gearbeitet habe, ist ein Witz!
Irgendwann heute Nacht, als wir im Auto zwischen Newfane und New York waren und Zoe friedlich neben mir auf dem Beifahrersitz geschlafen hat, ist es mir gedämmert. Selbst diese bescheuerte Ausschreibung war fingiert. Die Nero Investment Group hätte uns diesen Auftrag in jedem Fall erteilt, da sich niemand außer uns darum bemüht hat. Es war nie ein echter Auftrag. Es war immer nur mein Vater, der mich benutzt hat.
Meine Gefühle gehen mit mir durch und noch nie habe ich mich so verarscht gefühlt. So gedemütigt, so alleine. Mein Vater hat mich vorgeführt und jetzt sieht Zoe mich aus ihren aufmerksamen grünen Augen an und will eine Erklärung von mir.
»Nichts ist passiert«, antworte ich ihr verspätet. Mit einem Mal fühle ich mich müde. Unendlich müde, was nicht überraschend ist, da ich die ganze Nacht hinter dem Lenkrad saß.
»Du hast ihm die Nase gebrochen.«
Oh Gott, Zoe mit ihrer besserwisserischen Art ist jetzt das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Ich weiß selbst, dass ich dem Trottel die Nase gebrochen habe. Aber, scheiße, er hat es verdient!
»Lass uns zum Flughafen fahren. In zwei Stunden geht unser Flug. Und diesmal verpassen wir ihn nicht.« Ich mache dicht. Verschließe meine Emotionen vor ihr, meine Gedanken.
In Zoes Gesicht flackert etwas auf und kurz zuckt das dumpfe Gefühl durch mich hindurch, dass ich sie gerade sehr verletzte.
»Rede mit mir Cedrik!«, fährt Zoe auch prompt fort, als ich ohne Rücksicht auf andere Passanten zu unserem Toyota marschiere. »Was hat dein Vater mit der Nero Investment Group zu tun, was hat Jordan gesagt?«
»Nichts. Es geht dich nichts an!«
»Also bitte … es geht mich sehr wohl etwas an. Wir sind zusammen nach Newfane gefahren, wir haben zusammen mit Jeff gesprochen. Was ist denn nur los?« Ihre Stimme hat etwas verzweifeltes und mich beschleicht die leise Gewissheit, dass ihre Verzweiflung nicht nur mit der Nero Investment Group zu tun hat. Oder mit meinem Vater. Vielmehr geht es hier um uns.
Energisch drehe ich mich herum. »Nerv mich damit jetzt nicht, Zoe! Ich werde mit dir reden, wenn du mehr wissen musst. Und bis dahin lässt du mich bitte in Ruhe.«
Sie sieht mich erschrocken an. Ihre Unterlippe bebt und ein verdächtiger Glanz steigt in ihren Augen empor. Oh Fuck, bitte nicht auch noch heulen.
»Aber … was … die letzten Tage zwischen uns, ich dachte …« Ihre Stimme bricht. Oh man, Frauen! Ich hätte mich nie auf sie einlassen dürfen, jetzt habe ich den Salat.
»Zwischen uns ist nichts, Zoe. Was war denn schon? Wir haben ein bisschen rumgemacht, mehr nicht. Dass ihr Frauen auch immer gleich mehr hinein interpretieren müsst.«
Jetzt weint sie wirklich. Stille Tränen, die ihr über die Wangen laufen. Ich ignoriere das plötzliche Brennen in meiner Brust, das sich anfühlt, als würde es niemals wieder aufhören.
»Es tut mir leid, ok?« Leider bin ich alles andere als ruhig, daher klingt meine Entschuldigung auch nicht glaubwürdig. »Jordan hat mir ein paar Dinge gesagt, die ich allein klären muss. Du kannst mir damit nicht helfen.«
Sie schluckt. Presst ihre Lippen zusammen. Und verwandelt sich vor meinen Augen wieder in die fünfzehnjährige Rote Zora, die trotzig, aber selbstbewusst in die Welt geschaut hat. »Wie du meinst.«
Ich sollte zufrieden sein. Denn tatsächlich lässt sie mich ab diesem Moment in Ruhe. Weder spricht sie mit mir, als wir den Mietwagen zurückgeben, noch in der Warteschlange zum Boarding. Selbst als ich mich im Flugzeug von ihr verabschiede, weil ich für mich in die Business Class gebucht habe und Zoe in der Economy Class sitzt, antwortet sie mir nur mit einem Nicken.
Ich sollte zufrieden sein.
Und die meiste Zeit bin ich das auch.
Aber sobald ich die Augen schließe, sehe ich wieder Zoes tränengefüllte, grüne Augen und das Brennen in meiner Brust zerreißt mich.
Fuck, für so einen Kindergarten habe ich jetzt keine Zeit!

Zimtsternzauber: Tag 17

Santa Claus

Zoe

»Bereit?«, frage ich Cedrik, als ich meine Hand auf das Klingelschild zu Jeff Millers Laden lege.
»Warte!« Er greift nach meiner Hand und zieht mich zu sich.
Allein seine Berührung schickt Stromstöße durch meinen Körper und augenblicklich stürmen meine aufgeregten Gefühle durcheinander. Es ist nicht normal, dass Cedrik mich einfach so berührt. Und wie er sich mir gegenüber seit gestern Nachmittag benimmt, ist erst recht außergewöhnlich. Seit unserem Kuss kann ich nicht mehr klar denken.
Cedrik und ich.
Ich und Cedrik.
Ich verstehe nicht, warum er mich plötzlich küsst. Warum er mir plötzlich nahe sein will, mich an sich zieht, mit mir in seinen Armen einschläft. Und wieder aufwacht. Meine Gefühle sind vollkommen außer Kontrolle und mein Herz, das sich Hals über Kopf in ihn verliebt hat, weiß jetzt bereits, dass ich ihn verlieren werde. Denn Cedrik und ich, das ist so abwegig wie ein Schneesturm im Sommer.
Dennoch folge ich seiner Umarmung, lasse zu, dass er mich an sich zieht und hebe meinen Kopf in seine Richtung. Mein Verstand sagt mir, dass ich vorsichtig sein sollte, dass ich seinen unverhofften Liebesbekundungen nicht trauen darf – aber ich ignoriere ihn gekonnt. Jeden einzelnen Moment, indem Cedrik mir nahe ist, will ich voll und ganz genießen.
»Ja?«
Verdammt! Ich klinge wie ein williges Frauchen, das nur darauf wartet, erneut geküsst zu werden.
»Zoe, ich …« Cedrik runzelt die Stirn und über sein Gesicht huscht ein Ausdruck, der mich irritiert. Traurigkeit und ein Hauch Verzweiflung. »Egal, was Jeff uns erzähl, versprich mir, dass du mit niemandem darüber sprichst.«
Ich liege immer noch in seinen Armen und Cedrik macht auch keine Anstalten, mich loszulassen. Aber seine Worte passen überhaupt nicht zu der Situation, sodass ich ein wenig von ihm abrücke.
»Wir wissen doch noch gar nicht, was Jeff uns erzählt. Vielleicht haben wir uns ja auch geirrt und an Julias Behauptungen, die Nero Investment Group würde sie ruinieren, ist nichts dran. Immerhin scheint Jeff seinen Laden ja noch zu haben.«
Cedrik schenkt mir ein schmales Lächeln. Ich merke deutlich, dass mehr in ihm vorgeht, als er mir sagen will. Und ich kann nur ahnen, worum es geht.
»Wenn wir Julia nicht geglaubt hätten, wären wir beiden nicht hier«, sagt er schließlich.
Wenn ich nicht so hartnäckig gewesen wäre, korrigiere ich ihn gedanklich. Dennoch, er hat mir geglaubt und vertraut, daher beschließe ich, ihm dieses Vertrauen zurückzugeben.
»Ok, Cedrik. Ich werde nichts sagen, versprochen.«
Diesmal ist sein Lächeln echt.
»Danke!«
Er zieht mich noch einmal an sich und als ich meinen Kopf diesmal hebe, küsst er mich. Warme Lippen legen sich auf meine, fahren knabbernd über meine Haut und necken mich, bis mir ein leises Stöhnen entfährt. Cedrik nutzt den Moment, um den Kuss zu vertiefen. In meinem Bauch explodiert ein Feuerwerk und binnen eines Wimpernschlages brennt ein heißes Verlangen durch mich hindurch. Oh verdammt, ich will mehr. So viel mehr!
Doch Cedrik löst sich langsam von mir und gibt mir die Chance wieder zu Atem zu kommen. Seine graublauen Augen funkeln wie dunkle Sterne und vor mir eröffnet sich ein Abgrund aus Leidenschaft, Angst und Einsamkeit.
»Wir sollten reingehen.« Seine Stimme ist rau und sein heißer Atem schlägt mir ins Gesicht. Einen Augenblick vergesse ich, was ich sagen wollte und überlege, ob wir nicht doch weiterknutschen sollten. Es wäre so viel einfacher.
»Wovor hast du Angst?«, wispere ich, weil in seinen Augen immer noch die unterdrückte Panik flackert.
Eine Sekunde später ist sie verschwunden. Stattdessen legt sich seine arrogante Maske auf seine Züge und er verschließt sich vor mir.
»Red‘ keinen Quatsch, Zora!«
Oh Mann! Ich kann nicht glauben, dass wir eben noch geknutscht haben. Mein Herz stolpert kurz, als wolle es mir sagen, dass es mich gewarnt habe. Aber ich beachte es nicht, ebenso wenig die leise Enttäuschung, die über mich hinweg flutet.
»Lass uns reingehen.« Ich trete einen Schritt zurück und ein kalter Windhauch fegt zwischen uns hindurch. Ich hätte mich niemals auf ihn einlassen dürfen!
»Zoe!« Cedrik hält mich zurück. »Es tut mir leid. Ich bin nur ein wenig nervös. Du weißt, wie wichtig der Auftrag für mich ist.«
Ich murmel eine unbestimmte Antwort, schenke ihm aber dann doch ein aufmunterndes Lächeln. Ja, ich weiß, wie wichtig das alles für ihn ist.

***

Jeff Miller ist großgewachsener Mann mit blonden Haaren und blauen Augen. Und einem festen Händedruck. Ich schätze ihn auf Ende Dreißig und nach nur wenigen Worten ist klar, dass er sehr genau weiß, was er vom Leben will. Jeff hat ein klares Ziel und nichts und niemand – nicht einmal die Nero Investment Group – wird ihn aufhalten. Er ist mir auf Anhieb sympathisch.
»Sie wollen also eine Marketingkampagne für die Nero Investment Group machen und fragen mich, welche Erfahrungen ich mit der Group gemacht habe?«, fasst Jeff unsere Ausführen zusammen. Der abschätzige Blick, den er uns dabei zuwirft, spricht Bände.
»Ja. Aus Recherchezwecken schauen wir uns Start-ups, die von der Nero Investment Group finanziert wurden, vor dem Beginn der Kampagne genauer an.« Den Teil mit Julias Warnung und unserer Vermutung, dass etwas an den Geschäften der Group nicht stimmt, habe ich bewusst nicht erwähnt. Sollte sich doch alles als Falschmeldung entpuppen, könnte das unangenehm werden.
»Und da fahren Sie bis nach Newfane? Gibt es in New York nicht genug Start-ups?«
»Wir wollen uns ein umfassendes Bild machen«, erklärt Cedrik, während er Wollmützen in einem Regal betrachtet. »Wie funktionieren das mit der Wärme? Ist da eine Batterie eingearbeitet?«
Jeffs Laden ist nicht sonderlich groß, aber in Anbetracht dessen, dass er seine Produkte vorwiegend online verkauft, ist das nicht überraschend. In den Regalen stapeln sich Mützen, Schales, Ponchos oder Anoraks und in einer Ecke liegen sogar beheizte Socken.
»Ja, tatsächlich sind kleine Batterien in den Mützen. Aber deswegen sind Sie nicht hier, oder?«
Er sieht nicht zu mir, sondern zu Cedrik. Seine aufmerksamen blauen Augen mustern meinen … Chef – über eine genaue Definition, was Cedrik eigentlich gerade für mich ist, mache ich mir JETZT keine Gedanken – eindringlich, dann legt sich Bitterkeit auf seine Züge.
»Die Zusammenarbeit mit der Nero Investment Group war der größte Fehler, den ich gemacht habe. Und er hätte mich fast mein Geschäft gekostet.«
»Warum?«, frage ich in die drückende Stille hinein, die seinen Worten folgt.
Cedrik legt die Mütze zurück ins Regal. Er wirkt angespannt und wieder habe ich den Eindruck, dass ihn etwas beschäftigt. Etwas, dass weit über den Auftrag hinausgeht, etwas, dass unausgesprochen zwischen den beiden Männern in der Luft liegt. Aber die beiden kennen sich nicht. Oder doch?
Jeff reißt seinen Blick von Cedrik los und wendet sich mir zu. »Die Group hat mir ein fantastisches Finanzierungsangebot gemacht, mit großartigen Konditionen, sodass ich zuschlagen musste. Allerdings musste ich dafür einen Großteil meines Geschäftes an sie übertragen. Kaum hatte ich den Vertrag unterschrieben, haben sie meine Unternehmenskonten geräumt. Und den Laden dicht gemacht.«
Wow! Die Information haut mich um. Dass etwas nicht stimmt, damit hatte ich gerechnet. Dass es allerdings so schlimm ist, nicht.
Cedrik stößt zischend die Luft aus und ballt die Hände. »Haben Sie dafür Beweise?«
Jeff runzelt die Stirn. Ihm passt es nicht, dass wir ihm nicht glauben. »Klar! Den Vertrag, meine Kontobücher.«
»Warum sind Sie nicht zur Polizei?« Es kann doch nicht sein, dass er so übers Ohr gehauen wird, ohne, dass irgendwer zur Rechenschaft gezogen wird.
»Glauben Sie mir, da war ich. Aber der Vertrag mit der Nero Investment Group war in Ordnung. Ich konnte nicht gegen sie vorgehen.«
»Das ist ja echt bodenlos!« In meinem Inneren beginnt es zu kochen, weil mir die arrogante Fratze von Jordan durch den Kopf schießt. Ja, ihm würde ich so eine Aktion zutrauen. Und es passt zu dem, was Julia mir gesagt hat. »Warum haben Sie Ihren Laden dann noch?«
»Warum ich nicht bankrott bin? Weil mir mein Bruder anschließend geholfen hat. Ein neuer Laden, ein neuer Name, ein neues Konzept. So leicht lasse ich mich nicht unterkriegen!«, antwortet er mir und Stolz schwingt in seiner Stimme nicht. Ich gebe ihm recht, Jeff ist niemand, der so leicht aufgibt. Er kämpft. Andere haben es nicht, wie der Laden für vegane Snacks in New York.
»Aber …«, Jeff zögert, fährt sich durch seine blonde Mähne. Dann sieht er zu Cedrik. »Es ist mehr als das.«
Ein Muskel an Cedriks Wange zuckt und mit einem Schlag ist die Anspannung im Raum zurück.
»Als die Nero Investment Bank zur Vertragsunterzeichnung hier war, war ein Mann dabei. Mitte Sechzig, blaue Augen. Ein Deutscher, wie Sie.«
Die Worte legen sich schwer über uns, doch ich verstehe nicht, warum. Bis ich zu Cedrik sehe, dessen Gesicht mittlerweile kalkweiß ist. Die Lippen hat er zusammengepresst, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, er haut Jeff gleich eine rein.
»Danke!«, presst er stattdessen hervor. Mehr nicht. Keine weitere Frage, keine Erklärung.
Er flieht förmlich aus dem Laden, lässt Jeff und mich alleine zurück. Sein Verhalten ist merkwürdig, unverschämt, immerhin hat Jeff sich extra für uns Zeit genommen. Daher verabschiede ich mich angemessen, bedanke mich für die Informationen und folge meinem Chef hinaus auf die Straße.
»Kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist?«, fahre ich Cedrik an, der wie versteinert auf dem Bürgersteig steht. Erst seine überraschende Nähe, dann die Angst und jetzt das unmögliche Verhalten im Laden. Irgendwann langt es sogar mir mit seinen Gefühlsausbrüchen.
Er starrt auf einen unbestimmten Punkt die Straße entlang, sieht nicht zu mir, aber der Zorn, der in seinen Augen flackert, lässt mich hart schlucken.
»Der Mann, von dem Jeff eben gesprochen hat, Zoe, der Deutsche, der bei der Vertragsunterzeichung dabei war – das ist mein Vater.«