Mistelzweigmagie: Gewinnspiel

Ihr Lieben,

24 Tage sind vorüber, 24 Kapitel geschrieben und veröffentlicht. Ganz kurz möchte ich daher die Gelegenheit nutzen, um Danke zu sagen! Denn so ganz alleine habe ich auch dieses Projekt nicht gestemmt bekommen.

Zunächst schicke ich einen ganz lieben Dank an Sarah und die Covermanufraktur! Danke für das wunderbare Cover für diesen Blogroman und all die anderen grafischen Elemente, die uns alle durch die Adventszeit begleitet haben.
Ein ganz großes Dankeschön geht auch an meine Freundin Maix, die mir jeden Tag alle gefundenen Tippfehler geschickt hat. Dank dir gibt es in der E-Book-Version deutlich weniger Fehler als im Blog!
Das allergrößte Dankeschön gilt aber auch in diesem Projekt meinem Mann! Ja, es war eine sehr irrwitzige Idee, den Blog gerade dann zu schreiben, wenn wir unser zweites Kind bekommen haben. Und dass ich, trotz Windeln, Fläschchen, nächtlichen Schreiattacken und was wir noch alles hinter uns gebracht haben, die Zeit gefunden habe, all diese Zeilen zu schreiben, verdanke ich ganz alleine dir! Vielen Dank für dein Verständnis, deine Geduld und deine regelmäßigen Arschtritte, das Projekt auch fertig zu schreiben. Ohne dich hätten wir in diesem Advent alle nichts zu lesen bekommen. Ganz lieben Dank dir dafür! Ich liebe dich!

Und natürlich geht ein besonderes Dankeschön an euch, liebe Leser! Ihr alle habt mich wieder durch den Advent begleitet, habt mich mit euren Kommentaren motiviert und mich zum Schmunzeln gebracht. Daher gibt es dieses Jahr ein Gewinnspiel ganz exklusiv für meine Blogleser!

Gewinnspiel

Ich verlose drei von mir signierte Taschenbücher von „Mistelzweigmagie“! Was müsst ihr dafür tun?

  • Falls ihr es noch nicht habt, abonniert meinen Blog
  • Schreibt mir entweder als Kommentar unter diesen Beitrag oder wer mich persönlich kennt auch gerne per WhatsApp, welches Kapitel euch am besten gefallen hat

… und schon hüpft ihr in den Lostopf.

Das Gewinnspiel endet am 31.12.2018 um 23:59 Uhr! Die Gewinner werde ich anschließend direkt kontaktieren. Ich wünsche euch viel Glück!

Wer den Blog gerne noch einmal als eBook lesen möchte, findet es bereits auf Amazon: https://www.amazon.de/dp/B07MGJX1VX

Das Taschenbuch wird in wenigen Tagen veröffentlicht.

Ich wünsche euch noch eine ganz wunderbare Weihnachtszeit, entspannte Tage zwischen den Jahren und einen guten Start in 2019!

Eure Izzy

Mistelzweigmagie: Tag 24

Mistelzweigmagie

Leonie

Montag, 24. Dezember

»Len, du bist echt der Kracher! In meinem ganzen Leben hätte ich dir so einen Auftritt nicht zugetraut.«
Augenblicklich stiehlt sich ein Grinsen in mein Gesicht. Ja, wenn ich so darüber nachdenke – nüchtern und zwei Tage später – kann ich auch nicht glauben, dass ich zu Jonah auf die Bühne geklettert bin. Und ihn vor aller Welt geküsst habe.
»Hast du schon die Bilder im Netz gesehen? Ihr habt ja einen regelrechten Shitstorm ausgelöst!«, fährt Jannik fort und plappert fröhlich weiter. Immer noch grinsend klemme ich den Telefonhörer zwischen meiner Schulter und meinem Kopf ein und zupfe an einem eingepackten Päckchen vor mir auf dem Schreibtisch. Es ist der 24. Dezember, Heilig Abend, und ich bin dabei, die letzten Weihnachtsvorbereitungen abzuschließen. Alle Pakete sind eingepackt, alle Plätzchen gebacken und in einer halben Stunde fahre ich zu meinen Eltern, um mit ihnen zu feiern. Nicht allerdings, ohne vorher noch mit meinem besten Freund zu telefonieren.
»So, ich muss Schluss machen«, beendet Jannik seine Ausführungen. »Meine Mutter hat die Plätzchen schon bereitgestellt und wir starten gleich unseren Weihnachts-Fernseh-Marathon.«
Natürlich habe ich Jannik verziehen! Nachdem ich mehrere Tage geschmollt und ihn mit Ignoranz gestraft habe, konnte ich ihm einfach nicht länger böse sein. Dafür habe ich meinen besten Freund zu sehr vermisst, und so ganz abgesehen davon, war er der Grund, dass Jonah und ich endlich zusammengefunden haben. Sofort erwachen die Schmetterlinge in meinem Bauch und starten einen wilden Tanz einmal quer durch meinen Körper. Ich vermisse ihn jetzt schon! Wie soll ich da ohne ihn klarkommen, wenn er wieder auf Tour ist?
»Schaut ihr wieder ‚Vom Winde verweht‘?«, frage ich, um mich von dem aufgeregten Kribbeln in meinem Bauch abzulenken.
»Klar!« Jannik lacht herzlich, weil er weiß, dass ich den Film ganz furchtbar finde. Aber seiner Mutter zu Liebe tut er sich das jede Weihnachten wieder an. »Euch einen schönen Abend! Grüß mir deine Familie!«
»Euch ebenfalls! Und beste Grüße an deine Mutter!«
»Und Len«, schiebt Jannik schnell nach, bevor ich auflege. »Fröhliche Weihnachten!«
Als er aufgelegt hat, lege ich das Telefon auf meine Schreibtisch und greife zu dem Päckchen. Es ist ein Bilderrahmen mit einem Foto von Jonah, Jannik und mir. Es war eine spontane Eingebung, eine Idee, mit der ich Jonah überraschen will.
Ich habe ihn seit gestern Morgen nicht gesehen, bevor er nach Frankfurt gefahren ist, um mit seinem Manager zu sprechen. Er will aufhören, das hat er mir auch unter vier Augen noch einmal versichert. Er will nach Hause kommen, er will in Fichtenstein bleiben. Allerdings ist sein Management davon alles andere als begeistert. Ich kann nur hoffen, dass sie ihm keinen Strich durch die Rechnung machen.
Als es hinter mir gegen die Fensterscheibe klopft, fahre ich erschrocken zusammen. Einmal lang, zweimal kurz, wieder lang. Langsam wende ich mich um, lege den Kopf schief und schaue hinaus in die einsetzende Dämmerung. Mein Hals wird eng und Tränen steigen mir in die Augen. Jonah steht vor meiner Terrassentür, die Hand flach auf das Glas gelegt. Genau wie vor zwei Wochen und genau wie damals bricht in mir das Gefühlschaos aus. Sehnsucht erfüllt mich, Liebe, Schmerz. Nur diesmal ist es um ein Vielfaches schlimmer, weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt, mit Jonah zusammen zu sein. Wie er sich anfühlt, sein Körper unter meinen Händen.
Hitze steigt in mir auf, als ich schnell die wenigen Schritte bis zu meiner Terrassentür gehe. Jonah grinst mir entgegen, ein verschmitztes Funkeln in den Augen. Augenblicklich werden meine Knie weich und der Gedanke, dass ich in einer halben Stunde bei meinen Eltern sein sollte, löst sich in Luft auf.
Mit wildem Herzklopfen öffne ich die Tür, will ihm etwas Freches entgegenwerfen, irgendetwas Keckes, was nicht darauf schließen lässt, dass mein Kopf vor lauter Verlangen völlig leergefegt ist, aber Jonah lässt mich erst gar nicht zu Wort kommen. Kaum ist die Tür einen Spalt breit offen, schiebt er sich in mein Zimmer, umfasst mit beiden Händen mein Gesicht und küsst mich. Küsst mich, als wären meine Lippen das Einzige, das ihn davon abhalten könnte, zu ertrinken. Etwas überrascht greife ich mit meinen Händen nach seiner Jacke, kralle mich daran fest, um zu verhindern, dass ich den Halt verliere. Seine Zunge findet ihren Weg in meinen Mund und bereitwillig öffne ich mich ihm. Verliere endgültig den Boden unter meinen Füßen, den letzten Gedanken, der mich im Hier und Jetzt hält. Als ich ihn kurz von mir schiebe, um seine Jacke auszuziehen, und meine Hände unter seinen Pullover schiebe, entfährt ihm ein leises Lachen.
»Bist du sicher, dass du nicht weg musst?« Seine Lippen kitzeln mein Ohr, brennen eine heiße Spur meinen Hals hinunter bis zu der Kuhle über meinem Schlüsselbein. Ohne, dass ich es verhindern kann, entweicht mir ein verzückter Seufzer. Oh man, der Kerl weiß verdammt gut, was er da tut!
»Meine Eltern können warten!«, bringe ich irgendwie heraus.
Jonah lehnt sich ein Stück zurück, sieht mich aus dunklen Augen an, ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. »Mir war ja klar, dass ich einen guten Einfluss auf dich habe. Aber dass es so schnell geht, dass du deine Pläne über den Haufen wirfst, hätte ich nicht gedacht.«
Ich schnaube empört, obwohl er natürlich recht hat. Wir stehen immer noch eng um umschlungen voreinander, meine Hände an seinem nackten Bauch. Und am liebsten würde ich genau da weitermachen, wo wir aufgehört haben, aber Jonah löst seine Arme und schafft etwas Abstand zwischen uns. »Ich wollte mir dir reden, Len. Über unsere Tour.«
Schlagartig ist meine gute Stimmung verflogen, das Verlangen und die Hitze verpufft. Seine Tour. Das heißt, er muss wieder gehen, er wird nicht bei mir bleiben.
»Was ist mit der Tour?« Übelkeit breitet sich in mir aus, Angst. Fahrig gehe ich zu meinem Bett, lasse mich darauf nieder. Es war eine Illusion zu glauben, dass er bei mir bleibt. Eine Illusion, dass sein Management ihn einfach gehen lässt.
Aber Jonah wirkt nicht zerknirscht, er sieht noch nicht einmal betrübt aus. Ganz im Gegenteil. In seinen Augen blitzt etwas auf, dass mich hart schlucken lässt. »James hat mir einen Aufhebungsvertrag geschickt, wir werden die Band auflösen«, beginnt er und lässt sich neben mir nieder. Meine Finger verhaken sich und nervös schiebe ich die Hände zwischen meine Beine.
»Aber wir werden die Tour durch die USA noch spielen. Morgen geht es los.«
Ich kann ihn nicht ansehen. Er soll die Tränen nicht sehen, die plötzlich in meinen Augen brennen, soll nicht sehen, dass er mich mit jedem Wort weiter zerstört.
»Len, sieh mich an!«
»Nein«, flüstere ich und schniefe leise. »Es ist alles okay, ich wusste ja, dass du wieder gehst.«
»Leonie Sandmann, würdest du mich bitte ansehen?« Seine Hände greifen nach meinen Schultern und er dreht mich zu sich herum. Langsam hebe ich den Kopf, bemühe mich um ein tapferes Lächeln, das gnadenlos misslingt. Aber ich will nicht unsere letzten Stunden damit verbringen, ihm die Ohren voll zu heulen.
»Ich habe hier etwas für dich!« Er zieht etwas hinter seinem Rücken hervor und hält mir ein weißes Papier unter die Nase.
Verwundert blinzle ich. Verstehe zunächst nicht, was das ist. Dann reiße ich erschrocken die Augen auf. »Was soll ich mit einem Flugticket nach New York?«
Jonah lacht amüsiert. Und der dunkle Laut rollt wie eine warme Welle über mich hinweg. »Meinst du wirklich, ich lasse dich jetzt wieder gehen? Du hast die nächsten drei Wochen Ferien, du wirst mich zumindest in dieser Zeit begleiten!«
Ich starre ihn an, als hätte er mir gerade erklärt, dass er den Himalaya besteigen will. »Was? Nein!« Die altbekannte Angst und Panik flackert in mir auf. »Ich kann dich doch nicht begleiten, das geht nicht. Wie stellst du dir das vor? Ich kann doch hier nicht plötzlich weg!«
»Ach, und warum nicht?« Das Ticket verschwindet vor meiner Nase, stattdessen ist da Jonahs Gesicht. Und seine Lippen federleicht auf meinem Mund. »Ich liebe dich, Len«, wispert er, während er mir einen Kuss auf den Mundwinkel haucht. »Ich will dich bei mir haben. Und du willst das genauso sehr wie ich!«
Seine Finger krabbeln über meinen Bauch, fahren langsam unter meinen Pullover, über meine erhitzte nackte Haut. Er beugt sich näher zu mir, küsst mich leidenschaftlicher, bis ich nicht mehr weiß, was ich sagen wollte. Wie von selbst krallen sich meine Hände in seinen Pullover, zerren an ihm, bis er sich über mich beugt und mich alles um mich herum vergessen lässt.
Als ich später neben ihm im Bett liege, mein Kopf auf seiner Brust und ich seinem gleichmäßigen Herzschlag lausche, erinnere ich mich wieder an die Tickets. Und seine Bitte, dass ich ihn begleite.
Die Vorstellung, jetzt meine Sachen zu packen und spontan in die USA zu verschwinden macht mir Angst. Ich bin nicht spontan. Ich hasse Überraschungen. Aber noch viel mehr Angst macht es mir, ihn gehen zu lassen. Daher springe ich ein letztes Mal über meinen Schatten, springe und lerne vielleicht endlich zu fliegen.
»Wir sollten packen, wenn wir morgen rechtzeitig im Flieger sitzen wollen«, sage ich und fahre spielerisch mit meinen Fingern über seine Brust. Seine freie Hand findet meine, hält sie fest.
»Bist du dir sicher?« Braune Augen sehen mich fragend an. Schokoladenbraun mit goldenen Sprenkeln.
»Ja, Jonah, das bin ich! Endlich!«

Mistelzweigmagie: Tag 23

Abschluss

Jonah

Sonntag, 23. Dezember

»Sag mal, hast du den Arsch offen?« James ist außer sich. Seine sonst so glatt gegelten schwarzen Haare stehen ihm in alle Richtungen ab, und seine Nasenflügel blähen sich, so wütend ist er. »Hast du eine Vorstellung davon, was es kostet, eine Tour abzusagen? Auch noch durch die USA? Du hast einen Vertrag unterschrieben, Jonah! Du kannst nicht einfach aussteigen.«
»War‘s das?« Gelangweilt lehne ich mich in meinem Sessel zurück und zeige mich gänzlich unbeeindruckt. Was James nur noch mehr erregt.
»Du kannst dir dein selbstgerechtes Gehabe sonst wohin schieben, Jonah! Ohne mich wärst du nichts! Niemand! Ohne mich würdest du immer noch in diesem Kaff sitzen und Autos reparieren.«
Vermutlich. Aber die letzte Nacht, die erste gemeinsame Nacht mit Len, war so überwältigend, so befreiend, so … verdammt geil, dass James Zorn einfach an mir anprallt. »Meine Entscheidung steht fest. Ich bin raus.«
»Das kannst du nicht tun.« James mir gegenüber erhebt sich und stützt sich mit den Händen auf seinem Schreibtisch ab. »Wir haben einen Vertrag! Ich werde dich verklagen, ich mache dich fertig!«
Ich kneife die Augen zusammen, mustere meinen Manager eindringlich. James meint es ernst. Verdammt ernst. Mit »D.U.N.K.E.L.« verdient er einen Arsch voll Geld, wir sind sein bestes Pferd im Stall. Das wird er mir nicht einfach so durchgehen lassen. Seufzend beuge ich mich nach vorne. »Was willst du?«
Wenn es nur um mich ginge, würde ich jetzt einfach aufstehen und gehen. Aber es geht nicht länger nur um mich. Ich habe die letzten fünf Jahre nicht unwesentlich wenig verdient, Geld, das meine Mutter und auch ich jetzt gut gebrauchen können. Denn was genau ich mit meinem Leben anstelle, wenn ich wieder zu Hause bin, weiß ich noch nicht. Doch meiner Mutter auf der Tasche zu liegen, ist keine Option.
»Du spielst die Tour durch die USA.« James ist unerbittlich. »Als Abschiedstournee. Damit verkaufen wir auch noch die letzte Karte.«
Begeistert bin ich nicht, auf der anderen Seite schaffe ich die drei Monate auch noch. Ich habe fünf Jahre hinter mich gebracht, dagegen ist James Vorschlag ein Witz. »In Ordnung«, stimme ich zu. »Aber ich will das schriftlich.«
James sieht aus, als wollte er mich am liebsten in Stücke reißen. »Meinetwegen.« Er atmet tief ein, setzt sich wieder zurück in seinen Stuhl. Dann greift nach einer Flasche Bourbon hinter ihm auf dem Regal und gießt uns zwei Gläser ein. Eins davon stellt er vor mich. »Warum, Jonah? Warum gerade jetzt? Ist es wegen des Mädchens, das du gestern geküsst hast?«
Oh ja, Lens Spektakulärer Auftritt. Ich muss gestehen, ich habe ihr viel zugetraut, das ganz sicher nicht. Ich wollte, dass sie über ihren Schatten springt, dass sie endlich einmal die Kontrolle verliert. Aber dass sie das gleich in diesem Ausmaß tut, hat sogar mich überrascht. Wobei ich mich nicht beschweren will, weder über den Kuss noch alles, was daraufhin folgte.
»Es liegt auch an Len, aber nicht nur. Es ist vielmehr so, dass ich etwas anderes machen will. Zur Ruhe kommen. Ich fühle mich ausgebrannt, leer. Und es wird Zeit, wieder nach Hause zu gehen.« Ich müsste nicht so ehrlich sein. Und sobald die Worte meinen Mund verlassen, bereue ich sie auch schon. James ist vieles, einfühlsam aber ganz sicher nicht.
Dennoch überrascht mich mein Manager, als er jetzt die Augen zusammenkneift und mich eindringlich mustert. Kurz zuckt Verständnis über sein Gesicht, er weiß sehr genau, wovon ich spreche. »Zur Ruhe kommen kannst du, wenn du Achtzig bist, Jonah!«
Zugeben würde er es hingegen nie.
Mit einem feinen Lächeln auf den Lippen erhebe ich mich. »Du kannst mich mal, James. Schick den Aufhebungsvertrag meinem Anwalt, wir sehen uns im Flieger!«
Ich lasse mein Glas unangetastet auf dem Tisch stehen und wende mich ab. Verlasse das Büro, lasse meinen Manager und mein ganzes altes Leben für diesen Moment hinter mir. Und es fühlt sich so verdammt gut an.

Mistelzweigmagie: Tag 22

All I Want for Christmas

Leonie

Samstag, 22. Dezember

Ich starre ihn an.
Wie er singt, wie er spielt, wie er auf der Bühne steht und alles gibt. Und mit jeder einzelnen Note zerbricht mein Herz. Tränen laufen mir über die Wangen, brennen sich in meine Haut und hinterlassen traurige Spuren.
Ich liebe ihn.
Ohne Wenn und Aber.
Und ich will ihn nicht gehen lassen.
»Das ist sowas von geil!« Nora brüllt mir ins Ohr, um die tobenden Menschen um uns herum zu übertönen.
Schnell wische ich mir meine Tränen weg, zwinge mich zu einem Lächeln. »Ja, das ist es!«
Das ist es wirklich. Denn Jonah mit seinen Kumpels auf der Bühne zu sehen, ist schon ein echtes Erlebnis. Vor allem, da er im Rahmen des Benefiz-Konzerts nicht seine üblichen Hits spielt, sondern Weihnachtslieder singt.
»… He’s driving home, driving home.« Jonah singt die letzte Zeile von »Driving Home for Christmas« und um uns herum bricht die Hölle los. Tausende Fans schreien sich die Seele aus dem Leib, applaudieren und wollen mehr. Aber Jonah auf der Bühne ist die Ruhe selbst. Er grinst breit, als hätte er wirklich Spaß an der Sache, und lässt seinen Blick dann über die vordersten Reihen der Zuschauer wandern. Dank Nora und ihrem Killerinstinkt stehen wir mitten drin.
Jonahs Augen finden mich, Erkennen huscht über sein Gesicht, dann zwinkert er mir zu. Und trifft direkt in mein Herz. Panik wallt erneut durch mich hindurch, Angst und Sehnsucht gleichermaßen und lassen mich in einem völligen Chaos zurück. Ich habe ihn seit unserem Besuch bei Nowak nicht mehr gesehen, habe noch nicht einmal mit ihm gesprochen. Aber ich wüsste auch ganz ehrlich nicht, was ich ihm sagen sollte. Noch zwei Tage, dann ist er wieder weg. Unterwegs mit seiner Band in die USA. Ich werde ihn so schnell nicht wieder sehen. Da kann er dich anzwinkern, so viel er will, dass mit euch beiden wird nichts, sage ich mir erneut und rufe meine schon wieder überkochenden Emotionen zurück.
Jonah wendet sich von seinen Fans ab, geht zu Mick, der mit seiner Gitarre neben ihm steht, und spricht kurz mit ihm. Mick verzieht sein Gesicht, nickt dann aber und grinst plötzlich über beide Ohren. Auch sein Blick wandert durchs Publikum, bis er ganz offensichtlich die Person gefunden hat, die er sucht, und sein Grinsen noch breiter wird.
Nora neben mir seufzt verzückt auf. »Ach, ich stehe einfach auf Rockstars!« Ähm ja. Kein Kommentar dazu.
Auf der Bühne geht Jonah wieder nach vorne, greift in seine Gitarre und beginnt zu spielen. Seine dunkle Stimme geht mir durch und durch und als Nora einen Arm um mich legt und mitzusingen beginnt, stimme ich mit ein.
»I don’t want a lot for Christmas …«
Was würde ich mir zu Weihnachten wünschen? Wirklich wünschen?
»… I just want you for my own, more than you could ever know …«
Wieder sucht Jonah nach mir, schaut mich an, sieht tief in mein Innerstes. Aber ich kann das nicht, ich kann das mit ihm einfach nicht. Was, wenn er wieder mein Herz bricht? Wenn er mich alleine lässt und für immer verschwindet?
»Make my wish come true oh, all I want for Christmas is you!«
Ich muss hart schlucken. Und erneut sammeln sich die Tränen in meinen Augen. Auch wenn Jonah es zu tausenden Fans um uns herum singt, sieht er immer noch mich an. Nur mich.
Als das Lied endet, bin auch ich am Ende. Es war keine gute Idee, herzukommen, es hat mir noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, warum das mit Jonah und mir nie etwas wird. Das Konzert von »D.U.N.K.E.L.« ist fertig und ich will einfach nur noch nach Hause.
Ich wende mich zu Nora, die immer noch begeistert ihre Hände zur Bühne reckt und wie alle anderen Fans eine Zugabe fordert und mich gelinde ignoriert.
»Nora!«, brülle ich, aber sie hört mir nicht zu.
»Nora, ich will …« Ich breche ab, weil mich Jonahs laute Stimme plötzlich unterbricht. Er hat sich ein Mikro geschnappt und steht ruhig auf der Bühne. Seine Hand liegt auf der Gitarre, seine Haltung ist entspannt, aber im Gesicht hat er einen entschlossenen Ausdruck.
»Ich habe euch heute etwas mitzuteilen«, wiederholt er seine Worte und langsam wird es still um uns herum. Auch Nora lässt die Hände sinken, schaut erst ihn, dann mich fragend an. Aber woher soll ich bitte wissen, was Jonah vor hat?
»‚D.U.N.K.E.L.‘ gibt es jetzt seit fünf Jahren«, fährt er fort und ein mulmiges Gefühl breitet sich in mir aus. »Wir hatten eine fantastische Zeit miteinander, aber ich habe entschieden, dass es langt. Für mich ist Schluss mit der Band. Ich möchte mich daher von euch verabschieden …«
Es ist mucksmäuschenstill in der Festhalle. Tausende Augen starren Jonah an. Keiner sagt etwas. Doch Jonah lächelt entschlossen und führt seine Erklärungen weiter aus, auch als Mick neben ihm hektisch mit dem Kopf schüttelt.
»Er tut das für dich, Len«, flüstert Nora an meinem Ohr und durchbricht meine Starre. Langsam wende ich ihr den Kopf zu, verstehe immer noch nicht ganz, was hier passiert.
»Jonah verkündet gerade seinen Abschied, verdammt Scheiße!« Noras Stimme überschlägt sich. »Er hört auf mit der Musik, er wird hierbleiben! Geht das in Kopf rein?«
Nein. Denn ich begreife es immer noch nicht. »Jonah hört auf? Warum?«
Meine Freundin schüttelt mich an den Schultern. »Deinetwegen! Wenn du also verdammt nochmal nicht endlich zu ihm gehst, werde ich dich die nächsten Monate ignorieren! Keine Eiscreme-Abende, keine Café Latte, wenn du mal wieder reden willst, nichts! Los, Len, geh endlich!«
Sie schüttelt mich noch einmal, als würde das irgendetwas ändern, dass ich wie erstarrt inmitten der Menge stehe. Mein Herz wummert in meiner Brust, meine Gefühle fahren Achterbahn. Doch plötzlich, als Jonahs Stimme das Einzige ist, das noch zu mir durchdringt, begreife ich endlich, was los ist. Und beginne zu rennen.
Hektisch schiebe ich mich zwischen den Zuschauern hindurch, ernte Flüche und strafende Blicke und einige Ellenbogen. Aber das ist mir egal. Ich muss nach vorne, ich muss zu ihm. Endlich.
Die Barriere vor der Bühne, hinter der jede Menge Security-Personal steht, bremst mich. Wild rudere ich mit den Armen, versuche, Jonahs Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber Jonah ist damit beschäftigt, mit einem sehr aufgebrachten Mick zu diskutieren, der ihn so laut anbrüllt, dass ich es bis zu mir höre.
Ich schreie lauter, rede auf die Security-Beamten ein, aber ohne Erfolg. Ich werde nicht durchgelassen, ganz im Gegenteil. Plötzlich stehen zwei Typen in schwarzen Jacken neben mir, packen meine Arme und schleifen mich zu Seite. Wieder brennen die Tränen in meinen Augen, diesmal aus Verzweiflung.
Ich muss zu ihm. Jetzt. Sonst werde ich ihn für immer verlieren.
»Halt!« Eine fremde Stimme bringt die Männer dazu, stehen zu bleiben. Überrascht drehen wir uns herum, hin zu Bühne, auf der jetzt der blonde Bandkollege von Jonah steht und uns zu sich winkt.
»Du bist Jonahs Mädchen, oder?«, fragt er mich lächelnd. Ich mag ihn auf Anhieb, auch wenn ich ihn bis eben noch nie persönlich gesehen haben.
»Ja, das bin ich.« Auch wenn ich mir da alles andere als sicher bin.
»Ist schon in Ordnung, lasst sie durch«, erklärt der Musiker den Sicherheitsleuten und hält mir dann auffordernd eine Hand hin, um mir auf die Bühne zu helfen.
Als ich sie ergreife, überkommt mich plötzlich wieder die Unsicherheit. Ich hätte später mit Jonah sprechen können, nicht unbedingt vor tausenden Menschen. Was, wenn er gar nicht wegen mir aufhört?
»Spring, Len!«, höre ich Noras Worte in meinem Kopf. »Lass dich einfach darauf ein.« Auf die Unsicherheit, auf die Liebe. Die unkontrollierbar ist, die Chaos bedeutet und Schmerz. Die aber auch so viel wertvoller und kostbarer ist als alles andere.
Entschlossen klettere ich auf die Bühne, mache drei Schritte in Jonahs Richtung, der immer noch mit Mick diskutiert. Bis er mich sieht und plötzlich ganz still ist. Überraschung spiegelt sich auf seinem Gesicht, Hoffnung blitzt in seinen Augen.
Schnell renne ich zu ihm, bevor sich mein Verstand wieder einschaltet und mir endlich sagt, dass es vollkommen bescheuert ist, was ich hier tue. Jonah fängt mich auf, als ich mich in seine Arme werfe. Ich höre Micks Protest, die Zuschauer, die jetzt anfangen zu johlen, aber das ist alles egal. Jetzt zählen nur noch Jonah und ich.
»Was machst du hier?«, fragt er leise.
»Ich liebe dich!« Die Worte brechen atemlos aus mir heraus.
Überrascht hebt er die Augenbrauen, doch seine Mundwinkel zucken verdächtig. »Ich weiß.« Kurz schaut er zu all den Menschen um uns herum, bevor er sich wieder zu mir beugt. Sein warmer Atem trifft meine Lippen, als er mir so nahe kommt, dass uns fast nichts mehr trennt. »Küss mich, Len!«
Und dann, vor all den Zuschauern, den Fernsehkameras, vor Nora und auch Jannik, der irgendwo im Publikum stehen muss, springe ich endlich über meinen Schatten und küsse ich ihn.

Mistelzweigmagie: Tag 21

Vergebung

Jonah

Freitag, 21. Dezember

Als ich vor fünf Jahren aus Fichtenstein verschwunden bin, war meine Mutter ein Wrack. Sie nahm Tabletten, um ihre Depressionen in den Griff zu bekommen, bestand nur noch aus Haut und Knochen, und weder Jannik noch ich haben einen Zugang zu ihr gefunden.
Heute sieht sie fantastisch aus. Und kaum noch etwas an ihr erinnert an die dunklen Jahre, die hinter uns liegen.
»Worum geht es, Jonah? Warum wolltest du mich sprechen?« Sie lächelt mich freundlich und aufrecht an, während sie ihre mehligen Hände an der dunklen Hose abwischt. Weiße Spuren bleiben zurück, Spuren, die mich an meine Kindheit erinnern. Meine Mutter hat schon immer gerne gebacken, vor allem für uns.
»Ich habe mit Piotr Nowak gesprochen«, sage ich leise und sehe dann dabei zu, wie ihre Fröhlichkeit Stück für Stück zusammenbricht. Ihre Hand fährt aus, stützt sich auf den Küchentisch, doch meine Mutter gerät trotzdem leicht ins Wanken. Ihre Unterlippe beginnt zu zittern und ein glasiger Ausdruck tritt in ihre Augen.
»Was willst du wissen.« Ihre Stimme ist nur ein Hauch und plötzlich wirkt sie wieder so schwach wie vor fünf Jahren.
Entschlossen lehne ich mich auf meinem Stuhl zurück und verschränke die Arme vor der Brust. Die Kälte in mir ist zurück. Leere und Verzweiflung. Und die nagende Frage, warum meine Mutter geschwiegen hat. »Was ist damals wirklich geschehen? In der Nacht, in der mein Vater starb?«
Nervös fährt sie sich übers Gesicht. Dann schiebt sie einen Stuhl am Tisch zurück und nimmt mir gegenüber Platz. Die Hände verschränkt auf der Tischplatte. »Dein Vater hatte einen Unfall«, sagt sie schließlich mit brüchiger Stimme.
»Das weiß ich. Weiter!«
Sie seufzt, sieht mich aus traurigen Augen an und plötzlich krampft sich mein Herz zusammen. So viele Jahre und erst jetzt spricht sie mit mir.
»Ich weiß, dass du deinem Vater immer die Schuld an seinem Tod gegeben hast«, fährt sie fort.
»Nicht nur an seinem Tod«, unterbreche ich sie hart und ignoriere das schmerzhafte Brennen, das sich langsam in meinem Körper ausbreitet. »Ich gebe ihm die Schuld an unserem ganzen verfickten Leben, was daraus folgte! Deine Depressionen, Janniks Trauer und meine Jugend, die mir in dieser Nacht genommen wurde.«
Tränen sammeln sich in den Augen meiner Mutter, rollen ihr über die Wange, bis sie sie mit einer schnellen Bewegung wegwischt. »Es war ein Unfall, Jonah! Aber wenn du jemandem die Schuld daran geben willst, dann mir.«
Verblüfft sehe ich sie an, unfähig etwas zu erwidern.
»Du warst krank an diesem Tag, wie du dich vielleicht erinnerst. Du hattest dir eine Grippe eingefangen und dein Fieber ist immer weiter gestiegen. Ich habe Angst um dich bekommen und deinen Vater gebeten, zum Notdienst zu fahren. Deshalb war er unterwegs, weil ich ihn gebeten hatte, Medikamente für dich zu holen.«
Ich starre sie an. Starre sie einfach an und verstehe nicht, was sie sagt.
»Ich habe dir das nie erzählt, weil ich mir selbst solche Vorwürfe gemacht habe. Ich bin direkt nach dem Tod deines Vaters zusammengebrochen, ich weiß, dass ich für euch hätte da sein müssen. Es tut mir leid, Jonah. Es tut mir so leid.«
Mein Herz schlägt. Langsam, aber es schlägt. Und erst nach und nach sickern die Worte meiner Mutter durch meinen Verstand, brechen mein Leben, meine Erinnerungen auf und finden ihren Weg zur Wahrheit.
Mein Vater war für mich unterwegs.
Für mich. Nicht, weil er egoistisch war und nur an sich dachte, und bei diesem scheiß Wetter eine Spritztour unternehmen wollte.
Aber weder ich noch meine Mutter sind Schuld an seinem Tod.
Niemand ist es.
Der Stuhl poltert laut, als er auf den Boden aufschlägt. Mit einem Schritt bin ich bei meiner Mutter, ziehe sie in meine Arme und drücke sie an mich.
»Es tut mir leid«, bringe ich mühsam heraus, weil meine Kehle wie zugeschnürt ist. »Es tut mir leid.«

***

Vergebung erfordert Stärke. Mut. Und Aufrichtigkeit. Aber wenn man es schafft, zu vergeben, kann sie einen befreien.
Als ich kurze Zeit später durch Fichtenstein laufe, eingehüllt in eine dicke Jacke, Mütze und Schal, damit mich die verdammten Journalisten nicht erkennen, die hier immer noch herumlungern, fühle ich mich seltsam ruhig. All die Jahre habe ich meinen Vater für seinen eigenen Tod verantwortlich gemacht. Ich habe ihm die Schuld an unserem verkorksten Leben gegeben, an all dem, was ich nach seinem Tod aufgeben musste. Diese Gefühle sind nicht verschwunden, so schnell kann die vermutlich niemand abstellen. Aber da ist plötzlich noch etwas anderes.
Ich habe meinen Vater geliebt. Er war anders als viele andere hier im Ort, aber gerade deshalb war er für Jannik und mich so besonders. Wir haben zusammen eine Zeitmaschine gebastelt, haben es mitten im Sommer in der Wohnung schneien lassen und haben nur aus einer Laune heraus im Supermarkt ein spontanes Konzert gegeben. Einfach nur, weil wir es wollten. All diese kleinen Dinge fallen mir wieder ein, als ich die Tür zum Friedhof öffne und zielstrebig auf das Grab meines Vaters zu steuere. Denn neben der Schuld fühle ich auf einmal etwas anderes: liebe.
Meinen Blick immer noch auf die Marmorplatte gerichtet, fische ich in der Jackentasche nach meinem Handy. Ein Gedanke hat sich in meinem Kopf manifestiert, eine Entscheidung, die längst überfällig war. Es wird Zeit, endlich an mich zu denken. An das, was ich wirklich will.
Tim nimmt nach dem zweiten Klingeln ab. Er ist nicht überrascht, mich zu hören, klingt fast, als hätte er mit meinem Anruf gerechnet. Und mit der Entscheidung, die ich ihm entschlossen mitteile.

Mistelzweigmagie: Tag 20

Unter Kontrolle

Leonie

Donnerstag, 20. Dezember

»Was habt ihr bei Nowak herausgefunden?« Nora sieht mich über den Rand ihres halbvollen Bierglases an. Es ist Donnerstagabend und es war dringend Zeit, dass ich meine Freundin ins Bild setze. Der klügere Ort, so ein Gespräch zu führen, wäre ein Kaffee gewesen, Nora hingegen war für den »Krug«. Und so trinke ich bereits abends um sechs Uhr mein zweites Weizen. Verdammt, ich habe eindeutig größere Probleme als die ganze Situation mit Jonah!
Im Hintergrund dudelt »Last Christmas« und selbst im »Krug«, der letzten Bastion gegen den überall vorherrschenden Weihnachtskitsch, ist der Weihnachtszauber eingezogen. An den Lampen über den Stehtischen baumeln Zuckerstangen, wo man hinsieht, hängen rote und goldene Kugeln und Frank hinter der Bar trägt eine rote Nikolausmütze.
Schnell bringe ich Nora auf den neusten Stand. Allerdings verschweige ich ihr, dass Nowak bereits mit Jonahs Mutter über den Unfall gesprochen hat. Mein Gefühl sagt mir, dass da etwas dahintersteckt, dass nur die Familie etwas angeht. Und auf gar keinen Fall morgen in der Zeitung stehen sollte.
»Es war also tatsächlich ein Unfall«, fasse ich abschließend zusammen. »Nowak war überzeugend und ehrlich. Er hat gestern nicht gelogen, in dieser Nacht ist nichts anderes geschehen, als im Polizeibericht steht.«
»Mmh.« Nora fährt sich nachdenklich mit der Hand übers Kinn. »Warum sind dann immer wieder dieser Gerüchte aufgekommen? Und warum hat Florian dann Jonah so einen Mist erzählt?«
»Keine Ahnung.« Meine Gedanken wandern zurück zu gestern Nachmittag und erneut durchfährt mich ein kalter Schauer. Es war ungeheuerlich, was Nowak uns erzählt hat. Und für Jonah muss es die Hölle sein, dass seine Mutter all die Jahre mehr wusste als er. Als ich mich nach Nowaks Besuch bei ihm verabschiedet habe, war er so wortkarg und verschlossen, dass es mir Angst gemacht hat. Aber ich kann ihm damit nicht weiter helfen, er muss alleine mit seiner Mutter sprechen.
»Die einzige Erklärung, die ich mir vorstellen könnte, wäre, dass jeder hier im Ort Jonahs Vater einen Selbstmord zugetraut hätte«, greife ich das Gespräch wieder auf. »Jens Sander war anders. Er wollte genau wie Jonah immer raus aus diesem Ort, ist nie wirklich mit den Leuten hier klargekommen.«
»Vermutlich«, stimmt Nora mir zu. »Ich kann nur hoffen, dass die ganze Recherche Jonah die Chance gibt, endlich mit dem Thema abzuschließen.« Sie greift nach ihrem Glas und leert es in einem Zug.
»Ja, das hoffe ich auch.« Und augenblicklich denke ich schon wieder an ihn. An seine Nähe, seine Berührung, seine Lippen auf meinen. Ein warmes Kribbeln überkommt mich und die angeschwipsten Schmetterlinge in meinem Bauch tanzen Samba. Verdammt!
»Hast du am Samstag schon etwas vor?«, fragt Nora und lenkt mich von meinen chaotischen Gefühlen ab. Es war richtig, ihn vorgestern abzuweisen. Das sagt mir zumindest mein Verstand. Nur mein Herz sieht das vollkommen anders.
»Bisher nicht.«
»D.U.N.K.E.L spielt kurzfristig auf einem Benefiz-Konzert in Frankfurt. Und rate, wer zwei Karten ergattert hat.« Nora grinst breit.
Automatisch fahren meine Augenbrauen zusammen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass mehr dahinter steckt, als nur das Konzert. Aber meine Freundin grinst weiterhin verschmitzt und zwinkert mit zu. »Woher weißt du das?«, frage ich und kann mir die Antwort fast schon denken.
»Von Mick. Von ihm habe ich auch die Karten.« Aha. Nora steht anscheinend aktuell ebenfalls auf Rockstars. »Lass uns hingehen!«, bettelt meine Freundin.
»Ich überlege es mir.« Meine Motivation hält jedoch sich in Grenzen. Ich habe es die letzten Tage kaum geschafft, den Journalisten davonzulaufen, auf einem Benefiz-Konzert wird es ungleich schwieriger werden.
Nora schweigt, aber das verräterische Funkeln in ihren Augen bestätigt mir, dass sie mich genau da hat, wo sie mich haben will. Ich bin am Haken. »Habt ihr nochmal gesprochen, Jonah und du? Nach dem Kuss meine ich?«
Gesprochen? Das auch. »Ja.« Ich weiche ihrem stechenden Blick aus.
»Und?«
»Ich kann das nicht, Nora«, bricht es aus mir heraus und es fehlt nicht viel und ich könnte schon wieder losheulen. Wie ich es die ganze letzte Nacht getan habe, weil mein Herz brennt wie Feuer, wenn ich nur an ihn denke. Schnell nehme ich einen Schluck, um die aufkommenden Tränen zu stoppen.
»Liebst du ihn?«
»Was?« Noras Frage trifft mich unvorbereitet und erschrocken verschlucke ich mich an meinem Weizen.
»Liebst du ihn?«, wiederholt meine Freundin ihre Frage. Die ich sehr wohl verstanden hatte.
»Ja.« Schlicht. Einfach. Wahr.
»Und wo liegt dann das Problem, Len?« Meine Freundin schüttelt ihren Kopf vor lauter Unverständnis. Aber Nora ist auch anders als ich. Laut, impulsiv, spontan. Sie hat keine Probleme, sich auf einen Mann einzulassen, ganz egal, ob Gefühle im Spiel sind oder nicht.
»Jonah ist bald wieder weg, wie du sehr wohl weißt. Was würde das jetzt bringen?« Okay, die Frage klingt selbst in meinen Ohren dämlich. Und Nora schaut mich jetzt auch genau so an.
»Sex? Spaß? Glück, verdammte Scheiße? Du bist ja noch verklemmter als meine Oma und die ist weit über achtzig!«
Unsicher beiße ich mir auf die Unterlippe. Bei Nora klingt das so einfach, aber für mich ist es das nicht. Ganz und gar nicht. »Ich weiß«, gebe ich zu, nachdem ich noch einen Schluck genommen habe. »Aber ich kann das einfach nicht. Ich habe Angst, wegen der Journalisten und weil ihn die ganze Welt kennt. Außerdem habe ich Angst, dass er mir wieder das Herz bricht, wenn ich mich jetzt auf ihn einlasse.«
Wir drehen uns im Kreis. Das erkennt auch Nora. Aber es ist nun mal Fakt, dass Jonah bald in die USA verschwindet und danach was weiß ich wohin. Daran kann auch meine übereifrige Freundin nichts ändern.
»Manchmal muss man einfach springen, Len«, sagt Nora und ist plötzlich so ernst, wie ich sie selten erlebt habe. »Sonst macht man nie den nächsten Schritt.«

Mistelzweigmagie: Tag 19

Schuld

Jonah

Mittwoch, 19. Dezember

Die Musik durchdringt mich. Jeder Ton, jede Note. Mit geschlossenen Augen sitze ich am Klavier in unserem Wohnzimmer und spiele. Lasse die Melodie aus mir herausfließen, finde treffsicher jede einzelne Taste, ohne dass ich sie sehe.
Len hat Recht. Ich liebe es, Musik zu machen. Meine Musik, die meines Vaters. Schon immer hat sie mich beruhigt, hat mich runtergeholt, wenn mir mein Leben wieder zu entgleiten drohte.
Schmunzelnd öffne ich die Augen, spiele eine schnellere Melodie und summe leise dazu mit. Lens Lippen auf meinen haben sich so wunderbar angefühlt. So vertraut, so … daheim. Das Verlangen, sie immer weiter zu küssen und noch ganz andere Dinge mit ihr anzustellen, hat mich beinahe meinen Vorsatz, ihr Zeit zu geben, vergessen lassen. Denn ich kenne Len. Und mir war klar, dass sie, nachdem die Journalisten aufgetaucht sind und unser Foto seinen Weg in die Klatschpresse gefunden hat, Panik bekommt. Hinzu kommt die Angst, die Len ganz sicher vor ihren eigenen Gefühlen hat. Len hasst alles, was sie nicht organisieren und bestimmen kann. Und Liebe lässt sich nun mal nicht kontrollieren. Daher muss ich sie jetzt gehen lassen und auf sie warten. Bis sie irgendwann erkennt, dass sie mich ebenso will, wie ich sie. Hoffentlich.
»Du hast schon lange nicht mehr gespielt.« Immer noch lächelnd wende ich mich um. Jannik steht im Türrahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Dennoch wirkt er entspannt.
»Ich war lange nicht mehr hier.« Ich drehe mich endgültig vom Klavier weg zu ihm.
Jannik nickt bedächtig. »Das ist richtig. Und dafür, dass du ursprünglich nur ein paar Tage bleiben wolltest, bist du schon verdammt lange hier. Man könnte fast den Eindruck bekommen, du fühlst dich wohl. Zuhause.«
Das Lächeln verschwindet aus meinem Gesicht. Ich will ihm widersprechen, ihm sagen, dass ich sowieso bald wieder weg bin, aber erstaunlicherweise kann ich das nicht. Denn das flaue Gefühl, dass sich plötzlich in mir ausbreitet, wenn ich darüber nachdenke, dass ich mit der Band bald in die USA muss, sagt mir etwas vollkommen anderes. Ich will hier nicht weg. Ich fühle mich wohl bei meiner Familie und in Fichtenstein. Und das liegt nicht alleine daran, dass ich mir, aufgrund von Janniks Geständnis, eine Zukunft mit Len mittlerweile erlaube.
»Vielleicht.« Dennoch bin ich weit davon entfernt, dieses Gefühl wirklich zu greifen und auszusprechen. Dafür fällt mir in dem Moment etwas anderes ein. »Hör mal, wir spielen am Samstag kurzfristig auf einem Benefiz-Konzert in der Festhalle. Willst du mitkommen? Ich … ich würde mich freuen!«
»Klar, warum nicht?« Mein Bruder strahlt mich offen an. »Vielleicht kann Mum auch mit, ich glaube, sie war noch nie auf einem deiner Konzerte.«
Mach‘ keinen Rückzieher, Jonah, sage ich mir selbst. Nur weil dir dieses plötzliche »Familien-Ding« schon wieder zu viel wird. »Klar.«
»Und was ist mit Len?« Jannik legt den Kopf schief und grinst verschmitzt. Ich weiß genau, was er eigentlich wissen will. »Euer Foto war ja ziemlich heiß.«
Mit entfährt ein missbilligendes Schnauben. »Du kennst Len.« Mehr brauche ich nicht sagen. Mein Bruder versteht mich auch so.
»Klär das, Jonah! Eine zweite Chance bekommst du nicht«, wiederholt Jannik die Worte, die er mir gestern schon gesagt hat. »Und mit mir spricht sie aktuell nicht, seit ich ihr gesagt habe, dass ich nicht in sie verliebt bin.«
Dafür erntet er ein breites Grinsen meinerseits. »Sie ist doch nicht etwa sauer auf dich?«
Jannik rollt demonstrativ mit den Augen. »Sie fühlt sich von mir verarscht. Und irgendwie hat sie ja auch recht.« Dem kann ich nur zustimmen. Für den Kuss unter diesem verkackten Mistelzweig würde ich ihm am liebsten heute noch eine reinhauen.

***

Die Plätzchen schmecken scheußlich. Viel zu süß und trocken. Aber ich will nicht unhöflich sein, daher unterbinde ich den sich anbahnenden Hustenanfall schnell mit einem Schluck Kaffee. Schwarz. Und so hart aufgebrüht, dass mir das Koffein direkt in die Adern schießt.
»Wer sagten Sie, sind Sie?« Piotr Nowak runzelt die Stirn und sieht unsicher zu seiner Frau, die im Sessel neben ihm sitzt. Es ist Nachmittag und wir sind nach Lens Unterricht nach Gravenbach gefahren. Len hat mir gestern alles Einzelheiten von Noras Untersuchungen geschildert und hat anschließend darauf bestanden mitzukommen. Auch wenn sie mir gegenüber sehr zurückhaltend war nach dem Kuss in ihrem Zimmer. Keine Nähe, noch nicht einmal eine Berührung. Aber ich bin froh, sie dabeizuhaben. Wer weiß, wie die Situation heute sonst ausgehen würde.
Die Adresse, die Nora uns herausgesucht hatte, stimmt, daher sitzen wir jetzt bei Nowak und seiner Frau im Wohnzimmer.
»Wir sind Reporter für den ‚Wochenboten‘. Die lokale Wochenzeitung aus Fichtenstein. Die kennen sie doch bestimmt«, erklärt Len. Es war ihre Idee, sich als Journalisten auszugeben. Wenn ich Nowak gesagt hätte, wer ich wirklich bin, hätte er uns sicher nie ins Haus gelassen. Und da Nowak und seine Frau beide weit über siebzig sind und anscheinend kein Fan aktueller Rockmusik, haben sie mich auch nicht erkannt.
»Wir schreiben eine Reportage über Verkehrsunfälle hier in der Umgebung. Wie viele in den letzten zwanzig Jahren passiert sind, wie sich die Statistik entwickelt hat, ob es mehr Autos oder Motorräder waren …« Len führt die Idee noch weiter aus. Ich hingegen starre Nowak an. Diesen freundlich aussehenden Mann, der mit seinem weißen Vollbart, der runden Brille und dem lichten schneeweißen Haar das Paradebeispiel eines gemütlichen Großvaters abgibt. Familienfotos von seinen Kindern und Enkelkindern hängen im ganzen Haus verteilt, seine Frau, die etwas eingeschüchtert wirkt, seit wir bei ihnen im Wohnzimmer sitzen, hält seine Hand.
Das Bild lässt mich hart schlucken. Nowak hat eine glückliche Familie, eine Frau, die zu ihm hält. Alles, was ich nicht hatte. Doch kann dieser nette alte Herr tatsächlich Schuld am Tod meines Vaters sein?
»Wir haben in einem Bericht vor zwölf Jahren ihren Namen in Verbindung mit einem Verkehrsunfall gefunden«, fährt Len fort und mir stellen sich mir die Nackenhaare auf. Wir sind der Wahrheit so nahe.
Nowak wird blass und wirkt auf einmal nervös. Reue überzieht sein Gesicht, Scham und unverkennbarer Schmerz. Der Griff um die Hand seine Frau wird fester und auch diese hat plötzlich Probleme, ihre freundlichen Gesichtszüge zu halten.
»Es ist so lange her …«, murmelt Nowak in seinen Bart. Undeutlich, doch verstehe ich ihn sehr gut.
Seine Frau sagt etwas auf Polnisch, das ich nicht verstehe. Daraufhin schüttelt er den Kopf und erwidert leise etwas. Fragend sehe ich zu Len, aber sie zuckt nur die Schultern. Wir werden nicht gehen, bevor wir nicht mehr erfahren haben.
»Was wollen Sie von mir?«, fragt uns Nowak. Er hat sich gefasst, sieht jetzt entschlossen aus.
Len zögert, schaut zu mir, und endlich gebe ich mir einen Ruck. Das hier ist meine Geschichte, meine Verantwortung, nicht ihre.
»Wir haben mit den Polizisten gesprochen, die den Unfall untersucht haben. Doch sie wussten nicht, wer den LKW damals gefahren ist. Im Polizeibericht taucht ebenfalls kein Name auf, sondern es ist nur die Rede von Fahrerflucht. Der Reporter allerdings, der direkt nach dem Unfall an der Unfallstelle aufgetaucht ist, hat uns ihren Namen genannt. Wir wollen von ihnen wissen, was in dieser Nacht wirklich passiert ist. Ob es tatsächlich ein Unfall war?«
Nowak hätte jedes Recht uns aus seinem Haus zu werfen. Und ich rechne auch eigentlich damit, dass er es gleich tut. Wir bezichtigen ihn der Fahrerflucht, wenn nicht sogar eines Verbrechens. Ganz gleich, was er nun erklären wird, schuldig ist er in jedem Fall.
Er lenkt seinen Blick von Len zu mir und seine grauen Augen bohren sich in meine. Der Takt des Sekundenzeigers der Wanduhr, die neben der Couch steht, dröhnt durch das Zimmer, so leise ist es. Sekunden vergehen, Minuten, ohne dass jemand etwas sagt. Ich halte Nowaks Blick. Ich will die Wahrheit wissen, jetzt! Ich will wissen, ob der Tod meines Vaters tatsächlich kein Unfall war, ob ich ihm jahrelang zu unrecht die Schuld an meinem verkorksten Leben gegeben habe.
Unvermittelt blinzelt Nowak und ein Gefühl zuckt durch sein Gesicht, aber es ist zu vage, zu undeutlich, als dass ich es wirklich greifen könnte. »Es war ein Unfall«, sagt er nach einer gefühlten Ewigkeit. Ich zittere, so angespannt bin ich. »Es war kalt an diesem Tag und ich war schon viel zu lange unterwegs. Ich wollte nur noch zurück in die Zentrale und dann nach Hause.« Seine Stimme ist ruhig und leise. Und fast hat man den Eindruck, als wäre er erleichtert, endlich über diese Nacht reden zu können.
»Das Motorrad kam aus dem Nichts. Der Fahrer war viel zu schnell, ich konnte nicht mehr ausweichen. Wir beide hatten keine Chance, nur das mein LKW so viel größer war als sein Motorrad. Ich habe sofort angehalten, bin aus der Fahrerkabine gesprungen und zu ihm gerannt. Ich habe ihn angeschrien, habe an seiner Schulter gerüttelt, aber er hat sich nicht mehr bewegt. Da habe ich die Panik bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dann passiert ist, aber plötzlich war da dieser Reporter. Während er den Notruf gerufen hat, bin ich gerannt. Ich bin davongelaufen, weil ich Angst hatte. Und der Notruf war ja unterwegs, mehr konnte ich nicht tun. Ich habe erst aus der Zeitung erfahren, dass der Mann am Unfallort noch verstorben ist.«
Mir ist kalt. Eiskalt. Und ich fühle nichts als Leere. Len neben mir greift nach meiner Hand und drückt sie sanft. Aber sie dringt nicht zu mir durch, niemand tut das in diesem Moment.
»Er war ihr Vater, oder?« In Nowaks Gesicht steht so viel Trauer und Mitleid, dass ich kotzen könnte.
»Woher wissen Sie das?« Len stellt die Frage, die ich einfach nicht über die Lippen bringe. Dafür bin ich viel zu weit weg. Nämlich auf der Straße bei meinem Vater, der in meinen Gedanken immer wieder stirbt.
»Kurz nach dem Unfall war eine Frau bei mir, seine Frau. Wir haben uns lange unterhalten, ich habe ihr alles erzählt. Auch dass ich zu viel Angst hatte, zur Polizei zu gehen. Und sie hat es verstanden, hat nie verlangt, dass ich es tue.«
Mein Kopf ruckt nach oben. Auch das letzte Quäntchen Wärme in meinem Körper erfriert, da ist nichts mehr, als vernichtende Leere. »Meine Mutter war bei Ihnen?«
»Ja. Mit ihr sollten Sie sprechen.«

Mistelzweigmagie: Tag 18

Ohne Wenn und Aber

Leonie

Dienstag, 18. Dezember

»Piotr Nowak wohnt in Gravenbach, wenn das Internet recht hat«, erklärt mir Nora über die Freisprechanlage meines kleinen Corsas. Ich bin nach einem äußerst anstrengenden Schultag auf dem Weg nach Haus, sie sitzt noch in der Redaktion.
»Mh, das ist nur fünfzehn Kilometer entfernt, da sollten wir auf alle Fälle mal hinfahren«, gebe ich zurück, während ich durch die Hauptstraße von Fichtenstein fahre. Mit meinen Gedanken natürlich voll auf den Straßenverkehr konzentriert und nicht auf das Gespräch mit Nora, die mithilfe von Funkes Unterlagen herausgefunden hat, wer den LKW beim Unfall mit Jonahs Vater gefahren ist.
»Ja, das solltet ihr! Und gebt mir Bescheid, was er gesagt hat. Ich habe das Exklusivrecht auf diese Story.«
Automatisch rolle ich mit den Augen. Als ob ich das nicht wüsste. »Du sag mal, der Typ, mit dem du auf dem Adventsmarkt warst, also Jonahs Bandkollege …«, setze ich an, breche jedoch abrupt ab und trete auf die Bremse. »Scheiße, was ist das denn?«
Meine Reifen quietschen, mein Oberkörper wird auf das Lenkrad gepresst, weil ich so hart auf die Bremse gestiegen bin. Aber vor meinem Haus, etwa zweihundert Meter entfernt, hat sich eine Menschentraube versammelt.
»Len, was ist los?« Noras klingt erschrocken.
Meine Gedanken rattern. Es sind bestimmt fünfzehn Personen, die sich vor dem Haus, in dem ich wohne, die Füße platt treten, und wenn mich mein Instinkt nicht trügt, sind das alles Journalisten. »Egal, was du tust, komme nicht nach Hause!«
»Was soll das, Len? Wovon zur Hölle sprichst du?«
Meine Finger krallen sich um das Lenkrad und kalter Schweiß bricht mir aus. »Google mal nach Jonah Storm.«
Genau eine Sekunde ist es still. Dann quietscht Noras Stimme durch das Auto. »Oh mein Gott, Len! Jonah hat dich geküsst! Warum weiß ich davon nichts? Len, ich bin deine beste Freundin!«
Sie stellt noch mehr Fragen, aber in diesem Augenblick habe ich dafür keinen Nerv. Ich verabschiede mich schnell und vertröste Nora auf später. Jetzt gerade habe ich andere Sorgen.
Der Kuss. Dieser verdammte Kuss und dann die Reporter, die nichts besseres zu tun hatten, als uns zu fotografieren. Und Jonah mit Fragen zu bombardieren, weil sie wissen wollten, ob ich seine Freundin sei. Panik wallt durch mich hindurch, als ich mich an gestern erinnere, Panik und Angst. Jonah hat sich vor mich geschoben, wütend die Journalisten angeschrien, die nur noch mehr Fotos gemacht haben. Ich habe den Moment genutzt und bin geflohen. Die Straße hinunter, weg von der Meute, ihrer Aufmerksamkeit, ihren Fragen, weg von Jonah und dem, was auch immer gerade zwischen uns passiert ist. Und seit diesem Moment kratzt die Angst an meinen Nerven.
Ich hasse, es im Mittelpunkt zu stehen, hasse es schon, wenn nur im Ort über mich getratscht wird. Was, wenn das jetzt die ganze Welt tut? Was, wenn Reporter jetzt mir Fragen stellen, über mich, über Jonah, über Jannik oder meine Familie? Was, wenn wütende Fans auftauchen, weil ihr Idol eine andere Frau küsst? Erneut kribbelt die Panik in meinem Bauch und am liebsten würde ich mich im Fußraum meines kleinen Autos verstecken. Aber dann reiße ich mich zusammen – hallo, ich bin 26 und keine fünf mehr – lege den Rückwärtsgang ein und rase die Straße zurück, bevor mich irgendeiner der Journalisten sieht.
Über die Freisprechanlage wähle ich Jonahs Nummer.
»Len?« Er klingt weder überrascht noch erfreut. Eher beschäftigt.
»Was machen die verdammten Journalisten vor meinem Haus?« Meine Stimme überschlägt sich. So viel zu »ich reiße mich zusammen«.
»Fuck!« Er flucht ausgelassen und ich höre förmlich durchs Telefon, wie er sich durch die Haare fährt und verspannt. »Es tut mir leid, Len. Ich kläre das, okay? Sprich nicht mit ihnen. Sag einfach gar nichts und ignorier sie am besten.«
Der ist lustig. »Die belagern mein Haus, Jonah! Ich kann nicht nach Hause.«
»Mist! Zu uns kannst du auch nicht. Jannik hat mich vor fünf Minuten angerufen, bei uns sieht es ähnlich aus. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht …« Er bricht ab. Und in mir bricht neben der Panik noch ein ganz anderes Gefühl auf. Dass es so schnell geht … nach unserem Kuss, meint er.
Es war unglaublich, von ihm geküsst zu werden. Nach so vielen Jahren seine Lippen endlich wieder auf meinen zu spüren. Und gleichzeitig könnte ich ihn dafür umbringen. Jonah hat mich über den Abgrund gestürzt und ich fliege immer noch im freien Fall auf meinen Untergang zu. Denn nie wieder wird mich ein Mann so küssen, wie er es getan hat. Mit so viel Verzweiflung, so viel Verlangen, so viel Liebe. Und nie wieder werde ich dasselbe bei einem anderen Kuss fühlen.
»Ich fahre zu meinen Eltern«, sage ich matt, nachdem er geschwiegen hat. Plötzlich fühle ich mich unglaublich müde und will mich einfach nur mit einer Tasse Tee verkriechen.
»Okay.« Er räuspert sich kurz, dann spricht er weiter. »Ich komme gegen Abend vorbei, wenn das für dich in Ordnung ist.«
Es wäre kindisch das abzulehnen. Auch wenn ich mir meiner Gefühle ihm gegenüber bei weitem noch nicht im Klaren bin. Aber wir müssen miteinander reden, über den Kuss, die Journalisten und vor allem über Piotr Nowak.
»In Ordnung«, sage ich daher, »bis später dann.«

***

Als es dunkel wird, sitze ich immer noch im Kinderzimmer bei meinen Eltern. Ich traue mich nicht nach Hause, Nora hat mir eine Nachricht geschrieben, dass unser Haus nach wie vor belagert wird. Ich kann nur hoffen, dass die Journalisten morgen weg sind, sonst bekomme ich ernsthafte Schwierigkeiten. Irgendwie muss ich ja meinen Job machen, außerdem brauche ich frische Klamotten.
Es klopft leise und sofort zucke ich angespannt zusammen. Aber es ist nur meine Mutter, die fragt, ob alles in Ordnung ist. Auch sie weiß von dem Kuss, wie vermutlich jeder in ganz Fichtenstein. Herrgott, die ganze Welt tut ja fast, als wäre der Kuss ein Staatsakt gewesen.
Als sie weg ist, lasse ich mich zurück in die Kissen fallen. So eine verfluchte Scheiße, die Jonah mir da angetan hat! Und jetzt taucht er nicht einmal auf, vermutlich ist er schon über alle Berge. Er rennt weg, tut, was er am besten kann. Genau wie vor fünf Jahren.
»Störe ich?«
Erschrocken fahre ich wieder hoch und schaue direkt in Jonahs amüsiertes Gesicht, wie er mich von der Tür aus beobachtet. Seine Augen blitzen, sein Grinsen ist echt und – verdammt, er sieht so attraktiv aus, wie er da steht und mich weiter anschaut, dass mir augenblicklich heiß wird. Meine ganzen guten Vorsätze, dass ich mit ihm reden will, dass wir über die Situation mit den Journalisten sprechen müssen, dass er ein fucking Rockstar ist, den die ganze Welt kennt, sind vergessen. Ich starre ihn wie paralysiert an und fühle, wie sich mein gesamtes Inneres zusammenzieht. Vor Verlangen, vor Liebe und vor Schmerz. Ich liebe ihn, ohne Wenn und Aber, und kann ihn dennoch nicht haben. Denn auch das habe ich gestern sofort verstanden, als der erste Fotoblitz neben uns los zuckte.
Immer noch grinsend kommt Jonah in mein altes Kinderzimmer und schließt die Tür hinter sich. Sein Blick verändert sich, wird eindringlich, dunkel, als er jetzt vor mich tritt, und ohne zu fragen auf das Bett klettert. Er setzt sich vor mich, meine Beine zwischen seinen Knien.
»Hallo, Len.«
Ich starre ihn immer noch an. Unfähig mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Das ist genau das, was ich immer wollte. Jonah und ich. Ich und Jonah. Nur dass es sich jetzt so verdammt richtig und gleichzeitig so verdammt falsch anfühlt.
Als ich nicht antworte, hebt Jonah seine Hand und fährt mir federleicht über die Wange. Seine Berührung hinterlässt eine brennende Spur, dringt tief in mich ein und am liebsten würde ich mich in seine Hand schmiegen. Aber ich sitze da wie festgefroren. Und bin vollkommen überfordert.
Jonah beugt sich zu mir, legt seine Lippen auf meine Stirn und gibt mir einen Kuss. Seine rechte Hand findet meine, die sich immer noch erschrocken in die Bettdecke krallt, und hält sie fest.
»Len.« Warme Finger fahren unter mein Kinn, heben es an, bis ich in Jonahs Augen schaue. Schokoladenbraun mit goldenen Sprenkeln. Und einem Versprechen, das mich umhaut.
»Ich weiß, dass du Angst hast«, fährt Jonah fort und sein warmer Atem trifft auf meine erhitzte Haut. »Aus ganz vielen verschiedenen Gründen. Und ich weiß auch, dass die Situation gerade alles andere als einfach ist. Die Journalisten, die Band und unsere Tour durch die USA … Daher werde ich dich jetzt noch einmal küssen, Len, und dann lasse ich dich in Ruhe. Bis du dich dazu entschiedest, dass du mich wirklich willst. Mit allem Für und Wider, mit meinem ganzen verkorksten Leben.« Er kommt mir näher, bis seine Lippen meine berühren. »Denn ich liebe dich, Len, und ich will dich mehr als alles andere auf der Welt.«
Und dann küsst er mich. So sanft, so zärtlich, so liebevoll, dass mir die Tränen kommen. Denn Jonah kennt mich. Vermutlich besser als jeder andere, daher weiß er genau, wie es in mir aussieht. Natürlich habe ich Angst, so verdammt große, dass es mir die Kehle zuschnürt. Ich habe Angst, mich in ihm zu verlieren, wie es mir vor sechs Jahren passiert ist. Ich habe Angst, dass mir die Kontrolle über mein Leben entgleitet, wenn ich mich auf ihn einlasse. Ich habe Angst davor, was es heißt, eine Beziehung mit Jonah Strom zu führen. Und ich habe Angst, dass er mir wieder das Herz bricht.
Und deshalb weiß ich auch, dass ich ihm nicht geben kann, worum er mich bittet. Ich liebe ihn, tue ich wirklich, aber meine Angst, mich jetzt auf ihn einzulassen, ihm alles zu geben, was ich bin, ist einfach zu groß. Dafür stehen zu viele Dinge zwischen uns, die Tatsache, dass er bald wieder weg ist, ist nur eine davon.
Als er sich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder von mir löst, schreit mein Herz. Tränen laufen mir über die Wangen und alles in mir drängt mich, mich an ihn zu klammern und ihn nie wieder gehen zu lassen. Doch mein Mund bleibt geschlossen und kein einziges Wort kommt über meine Lippen.

Mistelzweigmagie: Tag 17

Irrungen und Wirrungen

Jonah

Montag, 17. Dezember

Ich bringe ihn um. Langsam und qualvoll, bis er sich wünscht, Len nie unter diesem verfluchten Mistelzweig geküsst zu haben.
Natürlich bringe ich ihn nicht um.
Verdammt, er ist mein Bruder! Mein kleiner Bruder, den ich über alles liebe und für den ich alles tun und aufgeben würde. Aufgegeben habe, wie ich gestern mit eigenen Augen sehen musste. Fuck, was für ein beschissener Morgen!
Fluchend drehe ich mich zur Seite, werfe die Bettdecke von meinem Körper und ramme meine Faust in das Kopfkissen. Aber die Bilder in meinem Kopf bleiben bestehen, werden klarer je länger ich sie zu verdrängen versuche. Jannik, wie er seine Hände auf Lens Wangen legt, ihr überraschter Blick und dann der Kuss. Verdammt! Ich wollte, dass die beiden ihr Glück finden, habe es mir für Jannik so sehr gewünscht. Und kaum findet er es, bricht mein Ego, das ich so viele Jahre vergessen hatte, wieder durch, und ich könnte meinen Bruder auf der Stelle in den Boden rammen, weil er die Finger von meinem Mädchen lassen soll.
Schnaubend verlasse ich das Bett in meinem alten Kinderzimmer und gehe zielstrebig in Richtung Bad. Mein Schädel dröhnt und auf meiner Zunge liegt ein pelziger Geschmack. Ich mache meinem Rockstar-Image heute Morgen alle Ehre, aber selbst Schuld, wenn ich mich nach dem verdammten Kuss gestern Abend volllaufen lassen musste. Das Letzte, woran ich mich erinnere, sind Frank und ich auf der kleinen Bühne im »Krug« wie wir gemeinsam »Morgen kommt der Weihnachtsmann« trällern. Scheiße!
Als ich zehn Minuten später unsere Küche betrete, sehe ich zumindest nicht mehr ganz so abgeschlagen aus. Fühlen tue ich mich immer noch, als hätte mich ein Bulldozer überrollt. Und das Gefühl verschlechtert sich rapide, als ich Janniks munteres Gesicht am Frühstückstisch entdecke, eine Tasse Kaffee in der einen Hand, das Handy in der anderen.
»Guten Morgen!« Jannik grinst mich so breit an, dass es verboten werden sollte. Seine übertriebene Fröhlichkeit kann er sich heute Morgen sonst wohin schmieren. Ich brumme irgendetwas Unverständliches und steuere die Kaffeemaschine an. Von unserer Mutter ist nichts zu sehen, vermutlich ist sie längst in der kleinen Bäckerei, in der sie ab und zu aushilft.
»Ihr habt es ja gut krachen lassen, gestern Abend!«
Hinter mir ertönt unverkennbar meine eigene verzerrte Stimme, die ein Weihnachtslied singt, untermalt von johlendem Beifall. Verdammt, hat unseren Auftritt gestern jemand gefilmt?
»Gib das her!« Mit einem Satz bin ich bei meinem Bruder und schaue ungläubig auf das Video, das Frank und mich zeigt. So ein Mist! James wird mich umbringen. »Wo hast du das her?« Wütend feuere ich das Handy zurück auf den Tisch.
Jannik zuckt immer noch grinsend die Schultern. »Facebook? Unsere Fichtenstein-Gruppe?«
Kurz schließe ich die Augen, um mich zu sammeln. Es ist falsch, meine Wut an Jannik auszulassen. Er hat nichts Unrechtes getan, nichts, weswegen ich so durch die Decke gehen sollte. Er hat lediglich Len geküsst, was ihm mehr als nur zusteht. Dass ich danach so abkacke und jetzt mit meinem peinlichen Auftritt auch noch auf Facebook lande, ist nicht seine Schuld. Ich sollte mich für ihn freuen, für ihn und Len. Das wäre richtig. Aber so sehr ich es auch versuche, ich kann es einfach nicht.
»Ihr solltet Frank in eure Band aufnehmen. Er hat eine gute Stimme, finde ich«, fährt mein Bruder fort und mustert mich amüsiert. »Zumindest geht es ihm heute Morgen mit Sicherheit genauso beschissen wie dir.«
Ich werfe ihm einen bösen Blick zu und trinke einen großen Schluck aus meiner Kaffeetasse. Das erspart ihm zumindest eine entsprechende Antwort.
»Darf ich fragen, was dich gestern geritten hat, dich so abzuschießen?«
Kann er nicht einfach den Mund halten und mich in Ruhe lassen? »Mir war danach.«
Jannik legt seinen Kopf schief. Dann steht er auf, steckt sein Handy in die Hosentasche und geht zur Küchentür. »Ich weiß, dass du uns gesehen hast. Len und mich. Und ich weiß auch, dass du dich deshalb so volllaufen lassen hast.«
Mein Gesicht ist eine Maske, aber jedes einzelne Wort tut mir weh. Weil er so verdammt recht hat. »Ich freue mich für dich und Len. Du wolltest sie doch immer.«
Janniks Augenbrauen schnellen nach oben und er sieht mich an, als ob ich sie nicht mehr alle hätte. »Du lügst noch schlechter als Mum! Und selbst wenn ich mir bis jetzt nicht sicher gewesen wäre, ob du in Len verliebt bist, hast du es mir eben gerade verraten.«
Irritiert stelle ich die Kaffeetasse auf dem Tisch ab und fahre mir übers Gesicht. Immer noch pocht der Schmerz hinter meiner Stirn, daher bin ich mir nicht sicher, Jannik eben richtig verstanden zu haben. »Was willst du mir damit sagen, Mann?«
Jannik macht wieder einen Schritt in die Küche hinein, direkt auf mich zu. Und in diesem Moment fühle ich mich zum ersten Mal nicht wie der große Bruder, der auf ihn aufpassen muss. Fast ist es, als haben wir die Rollen getauscht. »Len und du, ihr eiert seit so vielen Jahren um einander herum, ohne, dass ihr euch jemals wirklich nahekommt. Dabei verstehe ich bis heute nicht wieso. Ihr seid in einander verliebt, das erkennt jeder, der euch einmal zusammen erlebt hat.«
Fuck, was? »Aber du liebst Len«, bringe ich mühsam heraus. Davon zumindest bin ich immer ausgegangen.
Mein kleiner Bruder verzieht seinen Mund zu einem feinen Lächeln. Meine Welt bekommt Risse. Seinetwegen habe ich sie von mir gestoßen, seinetwegen habe ich nie etwas mit Len angefangen. Ich wollte ihm nicht wehtun, habe ihn immer nur beschützen wollen.
»Natürlich liebe ich Len«, erklärt Jannik, als wäre es die normalste Sache der Welt. »Sie ist meine beste Freundin! Aber wenn ich wirklich etwas anderes von ihr gewollt hätte als Freundschaft, glaubst du, ich hätte fünf Jahre damit gewartet, und genau dann angefangen um sie zu werben, wenn du wieder auftauchst?«
»Aber dein Date mit Len, der Kuss …?«
»Das war ein Arschtritt, großer Bruder. Anders hättet ihr beiden nie verstanden, was ihr wirklich wollt.«

***

Ich habe den Arschritt meines Bruders immer noch nicht ganz verstanden, geschweige denn verdaut, als ich am Nachmittag desselben Tages vor dem hellgrauen Haus stehe, in dessen Räumlichkeiten sich auch die Redaktion des »Wochenboten« befindet. Gemeinsam mit Len, da wir gleich mit Nora ins Archiv gehen wollen, um in Funkes Unterlage zu wühlen.
Ich werfe ihr einen kurzen Seitenblick zu. Sie trägt eine hellbraune Mütze mit Bommel auf dem Kopf und hat die Arme um ihren Oberkörper geschlungen. Mit der Spitze eines ihrer schwarzen Stiefel schabt sie ungeduldig über die Pflastersteine des Bürgersteiges. Ein Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln. Len hasst Unpünktlichkeit. Und Nora lässt uns schon über zehn Minuten warten.
»Also wenn sie nicht gleich kommt, gehe ich alleine rein. So schwierig kann das Archiv ja nicht zu finden sein«, schnaubt sie gereizt. Sie wirkt angespannt, nervös, was ihre ganze verspannte Haltung noch unterstreicht.
Ob Len weiß, dass Jannik nicht in sie verliebt ist? Ob ihr bewusst ist, dass er sie nur geküsst hat, um mich eifersüchtig zu machen? Was überaus gut funktioniert hat, wie ich zu meinem Leidwesen zugeben muss.
»Ruf sie doch noch einmal an«, schlage ich vor, obwohl ich mit meinen Gedanken wo ganz anders bin. Nämlich bei Len. Und Jannik. Und mir.
»Was denkst du, was ich bereits getan habe, bevor wir losgefahren sind?« Wut blitzt in ihren brauen Augen, aber da ist noch etwas anderes. Überrascht lege ich den Kopf schief und mustere sie eindringlich.
»Hattet ihr Zoff, Jannik und du? Oder warum bist du so gereizt?« Okay, das ist gemein. Aber Lens gehetzter Blick bestätigt mir, dass ich recht habe. Sie weiß von Janniks Spielen. Sie weiß es ganz genau. Und deshalb ist sie so nervös und angespannt und auch eine Spur unsicher, weil sie gerade die Kontrolle über die ganze Situation zwischen uns verliert.
»Nein. Und ich. Bin. Nicht. Gereizt!« Sie presst die Lippen zusammen und sieht mich an. Ernst, kalt, verzweifelt.
Die letzte Sicherung in meinem Kopf, die mich immer zurückgehalten hat, den letzten Schritt zu tun, fliegt raus. Sehnsucht explodiert in meinem Körper und mit einem Schritt bin ich bei ihr. Viel näher als ich ihr sein sollte, viel näher, als ich es mir jemals erlaubt habe. Lens Verzweiflung treibt mich an, lässt mich endgültig mein Hirn abschalten. Meine Hände finden ganz von alleine ihre Arme, ziehen sie an mich und halten sie fest. Ich ignoriere ihr erschrockenes Aufkeuchen, ihren leisen Protest sich aus meinen Armen zu winden.
»Ich habe heute Morgen mit Jannik gesprochen«, sage ich langsam, so dass sie auch jedes Wort versteht. Meine Stimme zittert leicht, weil ihr Nähe mich wahnsinnig macht und mein ganzer Körper vor Aufregung und Verlangen in Flammen steht. »Er hat mir die Wahrheit gesagt.« Ich neige vorsichtig den Kopf, vergrabe meine Nase in ihren Haaren. Ihr Duft berauscht mich, lässt mich nicht mehr klar denken. Mit meinem Mund fahre ich ihre Wangenknochen entlang, während ich spüre, wie sich Len in meinen Armen verkrampft.
»Und was ist die Wahrheit, Jonah? Dass Jannik gar nicht in mich verliebt ist? Dass dein Grund, warum du mich die ganze Zeit von dir gestoßen hast, geplatzt ist? Dass du endlich zugeben musst, dass du einfach nur eine scheiß Angst vor einer Beziehung mit mir gehabt hast? Angst, Gefühle zuzulassen und endlich wieder jemandem zu vertrauen? Jemanden wirklich zu lieben?«
Oh wow! Ich hatte mit vielem gerechnet, damit ehrlich gesagt nicht. Grimmig schaue ich Len an, meine Arme immer noch um ihre Taille geschlungen, ihr Körper immer noch an meinen gepresst. Ihre Wangen sind gerötet, ihr Mund leicht geöffnet. Und dennoch steht die unverhohlene Wut auf mich in ihren Augen.
Sie hat recht, mit jedem einzelnen Wort. Aber mit einer Sache liegt sie falsch.
»Ich bin nicht der Einzige, der Angst hat, Len.«
Ihre braunen Augen weiten sich überrascht und ihr Mund öffnet sich, um zu protestieren. Aber ich bin schneller. Ich beuge mich zu ihr herunter, ignoriere zornigen ihre Worte, die sie gegen meine Lippen spricht, und tue endlich das, was ich schon seit verdammten sechs Jahren tun will.
Ich presse meine Lippen auf ihre und küsse sie.
Augenblicklich versteift sich Len, erst als ich sanft mit meiner Zunge über ihre Lippen fahre und um Einlass bitte, kommt sie mir entgegen.
Bis neben uns ein Blitzlichtgewitter losbricht und die lauten Fragen der Reporter uns unterbrechen.

Mistelzweigmagie: Tag 16

Küsse unterm Mistelzweig

Leonie

Sonntag, 16. Dezember

Es ist kalt. Der Himmel ist wolkenfrei, sodass die Sterne hell auf uns herunter scheinen. Es ist brechend voll auf dem Adventsmarkt, der einer der bestbesuchtesten der letzten Jahre ist. Ein voller Erfolg, nicht zuletzt dank der Eislaufbahn, auf der ich seit wenigen Minuten ein paar entspannte Runden drehe.
Ich habe es geschafft! Alles ist top organisiert, es gibt genug zu essen und zu trinken und bisher keine Stromausfälle oder andere mittelschwere Katastrophen. Sogar unser Bürgermeister hat in seiner kleinen Eröffnungsansprache gestern Nachmittag von der Magie und dem Zauber der Weihnacht gesprochen, den man auf unserem Markt buchstäblich fühlen könne. Ein Mann, der normalerweise nicht einmal in die Kirche geht, spricht plötzlich von Magie. Ich sollte zufrieden sein. Sehr zufrieden! Aber was bin ich?
Wütend über mich selbst stapfe ich mit dem Fuß auf, rutsche prompt aus, da ich Schlittschuhe trage, und lande auf meinem Hintern. Verfluchter Mist! Und das alles nur, weil ich an nichts anderes denken kann, als dass Jonah bald wieder weg ist. Wer weiß, für wie lange. Am Freitagabend, als wir uns gegenüberstanden, hat er mir erneut das Herz zerrissen. Obwohl er es in diesem Moment vermutlich noch nicht einmal wusste.
»Kann ich dir helfen?« Überrascht sehe ich auf, da ich immer noch auf der eiskalten Bahn sitzen, direkt in Janniks freundliche blaue Augen. Augenblicklich überkommt mich das schlechte Gewissen. So viel zum Thema fair und ich gebe ihm eine ehrliche Chance. Mmpf!
»Gern!« Ich strecke ihm meine Hand entgegen und lasse mir umständlich von ihm auf die Füße helfen. »Fährst du eine Runde mit mir?«
»Deshalb bin ich hier.« Er zwinkert mir zu und greift ohne zu zögern erneut nach meiner Hand. Bevor ich es mir anders überlegen kann, ist er losgefahren und zieht mich hinter sich her. Mit wenigen Schritten habe ich meinen Takt wiedergefunden und gemeinsam drehen wir eine Runde.
Die Lampions über dem Rand der Eisbahn werfen warme Schatten auf die glitzernde Fläche, es riecht nach Glühwein und Gebäck und etwas entfernt gibt der örtliche Musikverein ein Sammelsurium an Weihnachtsliedern zum Besten. Die Situation ist so verdammt romantisch, dass es mir fast unangenehm ist. Ich meine, ich steh auf Kitsch! Gerade an Weihnachten. Wie anders sollte man die 24-teilige Rentierkollektion verstehen, die Zuhause mein Schlafzimmer ziert? Aber das hier ist selbst mir zu viel.
Vorsichtig, damit er mich nicht falsch versteht, will ich meine Hand aus Janniks ziehen. Ich mag ihn. Wirklich. Aber ich mache mir etwas vor, wenn ich denke, dass das hier zwischen uns etwas anderes als Freundschaft werden könnte. Doch Jannik packt meine Hand entschlossen fester und lässt mich nicht los.
»Du siehst nicht besonders glücklich aus, dafür, dass der Adventsmarkt so gut läuft.« Er trifft den Nagel wie immer direkt auf den Kopf.
»Ach, es ist nur der Stress,« wiegele ich ab und schäme mich abgrundtief für meine Lüge. Ich habe Jannik noch nie belogen. Aber in diesem Punkt kann ich ihm nicht die Wahrheit sagen.
»Vielleicht solltest du noch einen Glühwein trinken.« Vage deutet er in die Richtung des Feuerwehrstandes. »Oder eine Feuerzangenbowle. Nora hatte, als ich sie eben verlassen habe, bereits ihre dritte.«
»Nora ist hier?« Ich habe meine Freundin seit gestern Morgen nicht mehr gesehen, seit sie mit Jonah zusammen auf das Konzert verschwunden hat.
»Jep!« Jannik grinst plötzlich breit und wird langsamer. »Zusammen mit Mick, einem Bandkollegen von Jonah. Du hättest Dennis‘ Gesicht sehen sollen, als die beiden – gemeinsam – aufgetaucht sind. Sie hat den armen Kerl nicht einmal mehr gegrüßt.«
Meine Augenbrauen schnellen nach oben, da mir sonnenklar ist, was er mit gemeinsam meint. »Nora hat was mit einem Typ aus Jonahs Band? Und das erfahre ich von dir?« Pff, so viel zum Thema beste Freundin!
Jannik lacht ausgelassen, als er mein verkniffenes Gesicht sieht. Dabei geht es mir in diesem Moment gar nicht um Nora. Meine Freundin kann verführen, wen immer sie will, – das will ich gar nicht so genau wissen. Aber Noras Geschichte bietet mir genau die Ablenkung, die ich brauche. Denn eine andere, sehr viel drängendere Frage, liegt mir auf der Zunge.
»Ist dein Bruder auch wieder hier?« Ich frage beiläufig, als wäre es mir egal. Dabei pocht mein Herz so heftig, dass ich es bis in die Fingerspitzen spüren kann.
»Ja, ist er.« Wir haben den Eingang der Eislaufbahn erreicht. Das Lachen verschwindet aus Janniks Gesicht und er sieht auf unsere immer noch verschränkten Hände. Eine Sekunde huscht Bedauern über sein Gesicht, dann hebt er den Blick und ich könnte schwören, dass er gerade eine Entscheidung gefällt hat. Entschlossenheit steht in seinen Augen, seine Lippen sind zu einem feinen Lächeln verzogen. »Komm, lass uns zu ihnen gehen.«
Da ich keinen besseren Vorschlag habe, stimme ich ihm zu. Wir tauschen die Schlittschuhe gegen unsere Stiefel und gehen gemeinsam über den Adventsmarkt in Richtung der Feuerwehrbude. Mitten im Hauptdurchgang bleibt Jannik plötzlich stehen. Er kneift die Augen zusammen, als hätte er jemanden entdeckt, dann sieht er nach oben.
»Schau mal, wir stehen unter dem Mistelzweig.«
»Tatsächlich.« Nora, ich bringe dich um, für diese Idee!
Sein Blick wandert wieder nach unten, bleibt an mir hängen. Seine Mundwinkel zucken verdächtig, als er mir auf einmal näher kommt und seine Hände sanft an meine Wangen legt. »Es gibt Weihnachtstraditionen, Len, denen sollte man folgen. Sonst verärgern wir noch die Weihnachtsgeister.«
Irritiert schaue ich ihn an. Die Wärme seiner Hände kribbelt auf meinen kalten Wangen, dennoch versteife ich mich und fühle mich völlig überfordert. Nein, Jannik! Bitte nicht. Aber das Blau seiner Augen blitzt mich fröhlich und entschlossen an, meine Hände greifen wie von alleine nach seinen Armen und dann liegen seine Lippen auf meinen. Jannik küsst mich sanft und liebevoll, wie ein Flügelschlag, fast wie Magie. Und ich stehe da, mit diesem wundervollen Mann, den jede andere Frau in Fichtenstein liebt und gerne zum Freund hätte, nur ich nicht.
Automatisch kralle ich mich an ihm fest, will ihn nicht von mir stoßen, weil er doch mein bester Freund ist, und fühle gleichzeitig, wie falsch es ist, was wir hier tun.
Ein letztes Mal streichen Janniks Lippen behutsam über meine, dann weicht er ein paar Zentimeter zurück. »Ich liebe dich, Len. Du weißt vermutlich gar nicht, wie sehr. Und das hier, ist deine aller letzte Chance, bevor er verschwindet. Also vergeig es nicht! Weitere fünf Jahre schaue ich mir das nicht an.«
Was?
Meine Scham und meine Verzweiflung über den Kuss, der leider so wundervoll und doch so völlig falsch war, lösen sich in Nichts auf. Stattdessen starre ich Jannik an, als hätte er sich gerade in den Weihnachtsmann verwandelt. »Meine letzte Chance wofür? Jannik, wovon zur Hölle sprichst du?«
Er grinst mich so breit an, als hätte er gerade den Hauptgewinn der Tombola gewonnen, dann legt er den Arm um mich, und schiebt mich weiter durch die Menge. Einzelne Blicke folgen uns, ich höre Getuschel und ein entzücktes Kichern.
»Oh man, ich glaube, wir sollten es nicht übertreiben. Sonst kassiere ich heute noch eine.« Er hebt den Arm von meiner Schulter und deutet nach vorne. Mein Blick folgt ihm, da ich immer noch nicht verstehe, wovon er eigentlich spricht. Und dort, keine zehn Meter von uns entfernt im Schatten einer beleuchteten Bude und mit einem Gesichtsausdruck, als wolle er gleich jemanden umbringen, steht Jonah.