Mistelzweigmagie: Tag 12

Chancen

Leonie

Mittwoch, 12. Dezember

Jannik lächelt mich freudestrahlend an. Ich erwidere das Lächeln, doch alles, was durch meine Gedanken wummert, sind die Worte meines Vaters. Der Tod von Jonahs und Janniks Vater war kein Unfall. Davon zumindest geht Jonah aus und will dem jetzt auf den Grund gehen. Ob Jannik davon weiß?
Charmant hält mir dieser in diesem Augenblick die Tür zu einem kleinen italienischen Restaurant auf und raunt mir im Vorbeigehen noch einmal zu, wie sehr er sich freut, mich heute Abend ausführen zu dürfen.
Natürlich hat Jannik keine Ahnung, beantworte ich mir meine Frage selbst, während er mir aus meinem Mantel hilft und diesen in die Garderobe hängt. Er trägt ein blaues Sakko über seinem hellblauen Pullover und eine Jeans und sieht einmal mehr aus, wie ein Model aus einem Modekatalog. Oder wie die freundlichere, liebevollere – unschuldigere – Version seines Bruders. Jonah hat Jannik schon immer beschützt. Er hat ihn immer von allen Gefahren ferngehalten und hat sich um ihn gekümmert. Nur seinetwegen hat er mich von sich gestoßen. Er würde den Teufel tun, seinem Bruder von seinem Verdacht zu erzählen.
Ein Kellner kommt auf uns zu und führt uns beide zu einem kleinen Tisch am Fenster. Es ist mein Lieblingsrestaurant, in das mich Jannik heute Abend entführt. Helle Tischdecken liegen auf den runden Tischen, dezente Weihnachtsdekoration darauf. Eine bunte Lichterkette erleuchtet das Fenster und nur leises Stimmgewirr erfüllt es Raum. Die Atmosphäre ist perfekt. Die Location ist perfekt. Und auch Jannik, der sich jetzt mir gegenüber niederlässt und seine Nase in die Weinkarte steckt, ist perfekt.
Nur ich bin es nicht.
Nicht weil mein blaues Kleid einen kleinen Fleck am Saum hat oder meine Stiefel dringend mal wieder geputzt werden müssten. Oder weil meine Frisur heute nicht mehr als ein langweiliger Pferdeschwanz ist und ich auf Schminke fast komplett verzichtet habe.
Nein.
Ich bin nicht perfekt, weil ich diesen wundervollen Mann vor mir eigentlich gar nicht will. Und mit jeder Sekunde, die vergeht, fühle ich mich schlechter. Jannik gibt sich so viel Mühe, er strahlt so viel Freude und auch Zuneigung aus, dass ich ihm wenigstens eine Chance geben sollte. Wenigstens eine ehrlich gemeinte Chance, das hat er sich verdient. Daher gebe ich mir einen gedanklichen Arschtritt und schiebe vehement alle anderen Gedanken an ungeklärte Unfälle oder nervenaufreibende Rockstars beiseite und konzentriere mich – endlich – auf heute Abend. Und auf mein allererstes echtes Date mit Jannik.
»Was möchtest du trinken?« Jannik schaut mich über den Rand der Weinkarte erwartungsvoll an.
»Einen Aperol sprizz!« Ja, es ist Mittwoch. Und ja, ich muss morgen wieder arbeiten. Aber zwei Dates in einer Woche überfordern sogar mich. Und ich habe es immerhin drei Monate mit Florian Schröder ausgehalten.
»Alles klar, dann nehme ich auch einen.« Jannik grinst verstohlen, sodass sich Grübchen in seiner Wange bilden. »Wie war dein Tag?«
»Anstrengend. Ich habe eine Deutscharbeit geschrieben und kann jetzt schon sagen, dass die Hälfte der Kinder nicht verstanden hat, was ich von ihnen wollte.«
»Mmh. Und das bei der Lehrerin.« Er zwinkert mir zu.
Ein Kellner kommt und nimmt unsere Bestellung auf. Neben dem Aperitif bestelle ich mir frische Pasta mit Trüffeln und einen kleinen Salat, Jannik nimmt ein Rinderfilet mit Gemüse.
»Findest du es nicht irgendwie merkwürdig, dass wir hier sitzen?«, platzt es aus mir heraus.
»Inwiefern?« Jannik legt seine Hand auf den Tisch. Nur wenige Zentimeter von meiner entfernt. Automatisch will ich sie wegziehen, halte ich aber dann noch davon ab. Du willst ihm eine Chance geben, erinnere ich mich.
»Naja, normalerweise würde ich jetzt bei dir auf der Couch sitzen und wir schauen zum x-ten Mal eine Wiederholung von »Big Bang Theory«. Wir waren noch nie zusammen essen, glaube ich. Zumindest nicht so.« Ich stammle. Und ich klinge fast so hysterisch wie meine Tante Magda, wenn sie über ihre Pudelzucht spricht. Vielleicht macht dieser Abend ja doch etwas mit mir, das mich noch überrascht.
Jannik lacht hell auf. Es klingt so ehrlich, so warm, dass ich mich entspannt zurücklehne und meinen Mund zu einem breiten Lächeln verziehe.
»Vermutlich. Aber es wurde Zeit, meinst du nicht?« Obwohl immer noch die Freude in seinen Augen funkelt, meint er seine Frage ernst. Es geht hier um mehr als nur ein Abendessen. Es geht um unsere Freundschaft und was daraus werden könnte.
»Ja«, antworte ich ehrlich. Jannik hat diese Chance verdient. Er ist großartig und ich wäre dumm und närrisch, wenn ich es nicht wenigstens versuchen würde.
Erleichterung zuckt über seine Züge, die aber sofort durch ein erneutes Grinsen abgelöst wird. »So, und jetzt sprechen wir darüber, wie wir Nora davon abhalten, am Wochenende mit Daniel im Bett zu landen.«
Fast pruste ich ihm meinen Schluck Aperol sprizz entgegen, den ich gerade getrunken habe, doch Janniks feixendes Grinsen verrät ihn. Es war ein Scherz.
Es ist leicht einen Abend mit Jannik zu verbringen. Er ist lustig, charmant, wirft immer wieder neue Themen auf und so vergehen die zwei Stunden bis wir uns verabschieden wie im Fluge. Ich entspanne mich in seiner Gegenwart und mehr als einmal erwische ich mich dabei, wie ich mir vorstelle, dass es immer so sein könnte. Unbeschwert, leicht. Er macht es mir, sehr einfach ihn zu lieben. Und das tue ich, als Freund. Aber würde es für eine echte, romantische Liebe langen?
Als er sich erneut mit einem Küsschen auf die Wange verabschiedet, fährt ein warmes Kribbeln durch meinen Körper hindurch. Ich beiße mir auf die Unterlippe, während er wieder in sein Auto steigt und davon fährt und kann nicht verhindern, dass sich meine Mundwinkel heben. Ich fühle mich gut, glücklich. Es war ein wirklich schöner Abend.
Und doch will mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Was ist, wenn der Tod von Jonah Vater tatsächlich kein Unfall war? Hätte das etwas geändert? Wäre er dann nicht geflohen, hätte sich in Schuld und Verantwortung vergraben und allem den Rücken gekehrt? Hätte ich dann heute Abend mit dem anderen Bruder beim Italiener gesessen? Und Jannik nie eine Chance gegeben?

Mistelzweigmagie: Tag 11

Ein Schlag in den Magen

Jonah

Dienstag, 11. Dezember

Arnold Sandmann ist ein genauso großer Sturkopf wie seine Tochter. Wenn nicht sogar noch größer. Über den Rand seiner Hornbrille schaut er mich ausdruckslos an. Seine akkurat geschnittenen kurzen schwarzen Haare haben an den Schläfen bereits graue Strähnen, aber sonst zeigen sich in seinem fast faltenlosen Gesicht kaum Anzeichen, dass er die sechzig überschritten hat.
Ich mag Lens Vater. Und bisher hatte ich auch immer den Eindruck, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Allerdings war das, bevor ich diesem Kaff den Rücken kehrte und berühmt wurde.
»Du bist also wieder da.« Arnolds Stimme klingt ruhig. Es ist weder ein Vorwurf noch eine Frage. Lediglich eine Feststellung.
»Ja. Seit etwa einer Woche.« Er muss es von Len wissen. Oder von dem Tratsch, der ganz sicher durch den Ort geht.
»Mich wundert, dass du jetzt erst bei mir auftauchst.«
Zwei Dinge werden mir schlagartig klar. Auch er macht mir zum Vorwurf, dass ich abgehauen bin. Noch etwas, das er mit seiner Tochter gemeinsam hat. Und außerdem er weiß ganz genau, warum ich vor ihm sitze.
»Florian Sander behauptet, der Tod meines Vaters war kein Unfall.« Ich war noch nie ein Typ, der lange um den heißen Brei geredet hat. Arnold ebenso wenig, daher komme ich direkt zum Grund meines Besuchs.
Zum ersten Mal, seit ich das Haus der Sandmanns betreten habe, lässt der ehemalige Polizeihauptmann eine Gefühlsregung zu. Ein bedauernder Seufzer entfährt ihm und ein Ausdruck legt sich auf sein Gesicht, der die tiefe Trauer der letzten zwölf Jahre widerspiegelt. Ich habe in der Nacht vom 16. November 2006 meinen Vater verloren. Er seinen besten Freund.
»Es war ein Unfall, daran gibt es keinen Zweifel. Ich habe den Fall untersucht.« Er beugt sich nach vorne, stützt sich mit seinen Armen auf den Knien ab. Wir sitzen im Wohnzimmer seines Hauses, auf dem Tisch neben uns stehen zwei dampfende Tassen Tee und Gebäck. Beides habe ich bisher nicht angerührt.
»Wie kommt er dann dazu, so etwas zu behaupten?« Florians Behauptung hat mich umgehauen. Denn sie stellt beinahe mein ganzes Leben in Frage. Ich habe meinem Vater die Schuld an unserem Familiendrama gegeben, weil es so am einfachsten für mich war, mit meiner Wut und meinem Zorn klarzukommen. Aber wenn sein Tod kein Unfall war, wenn tatsächlich jemand die Schuld an seinem Tod trägt, habe ich ihm die letzten zwölf Jahre Unrecht getan.
»Er ist ein Schwätzer!« Arnold nimmt seine Brille an und fährt sich mit der anderen Hand über das Gesicht. Plötzlich wirkt er müde. »Allerdings ist das Gerücht in den letzten Jahren immer mal wieder hochgekommen. Ich habe den Fall untersucht, glaub mir. Jedes noch so kleine Detail. Und als Florian plötzlich behauptete, dass es kein Unfall war, habe in den ganzen Fall wieder aufgerollt. Jedoch, ohne zu einem anderen Ergebnis zu kommen.«
Ich glaube ihm. Arnold ist niemand, dessen Aussage man in Zweifel ziehen würde. Dafür strahlt er zu viel Respekt und Autorität aus. Außerdem hat er ein persönliches Interesse an dem Fall.
»Aber es muss einen Grund geben, warum er das plötzlich behauptet.« So leicht gebe ich nicht auf. Auch wenn Arnold recht hat.
»Lass es auf sich beruhen, Junge.« Er setzt sich seine Brille wieder auf und greift nach einer Tasse Tee. Dann schweift sein Blick in die Ferne, als würde er sich an etwas erinnern. »Wir alle haben weiß Gott genug durchgemacht in den letzten Jahren.«
Ich starre ihn irritiert an. Arnold würde niemals lügen. Er würde niemals etwas tun, dass anderen schadet. Und er würde mich nie unabsichtlich als »Jungen« bezeichnen. So viel Gefühl passt nicht zu ihm. Seine Aufforderung eben war nicht dazu gedacht, dass ich tatsächlich locker lasse. Dass ich tatsächlich einfach wieder verschwinde und nicht nachforsche. Er hat mich gerade, wenn auch verdeckt, darum gebeten, dem Fall nachzugehen. Weil er es ganz offensichtlich nicht kann.

***

Nachdem ich mich auch von Lens Mutter verabschiedet und für den Tee bedankt habe, schnappe ich mir meine Jacke und verlasse das Haus. Es kann einfach nicht wahr sein. Zwölf Jahre ist mein Vater nun tot, zwölf Jahre, in denen in dieser Nacht Ende November nichts anderes als ein Unfall passiert ist. Und das soll nun tatsächlich nicht stimmen?
Wut explodiert in mir, lodernder Zorn auf alles und jeden. Vor allem auf diejenigen, die geschwiegen haben.
Die Haustür fällt hinter mir ins Schloss, als ich mein Handy zücke und Tims Nummer wähle. Er ist der Einzige aus der Band und meinem Management, mit dem ich in den letzten Tagen Kontakt hatte. Nachdem ich zwanzig Sekunden gewartet habe, ohne das er dran geht, lege ich wieder auf und schreibe ihm stattdessen eine Nachricht. Ich werde noch länger in Fichtenstein bleiben, wie lange weiß ich nicht. Am Samstag spielen wir das nächste Konzert, bis dahin muss ich zurück sein.
Wumms!
Mein Handy fliegt mir aus der Hand, kurz strauchle ich, bevor sich meine Hände im Reflex um die Person vor mir schließen und sich festhalten. Verdutzt sehe ich auf – direkt in haselnussbraune Augen, die mich ebenso erschrocken wie überrascht anschauen. Bis dunkler Zorn in ihnen aufblitzt und ich unsanft gegen die Brust gestoßen werde.
»Sag mal, verfolgst du mich?« Len ist nicht einfach nur wütend. Sie ist stinksauer.
Wäre die Situation eine andere, wäre ich nicht so angespannt und durcheinander, würde ich natürlich wissen, dass Len am Allerwenigsten dafür kann, wie es mir gerade geht. Und dass sie mich so anfährt, weil sie immer noch sauer auf mich ist und verletzt. Nur spukt das Gespräch mit ihrem Vater noch in meinem Kopf herum und die nagende Frage, ob ich die letzten Jahre verarscht worden bin. Daher sage ich das erst Beste, was mir in den Sinn kommt. »So nötig habe ich es nicht, Süße.«
Sie sieht mich völlig entgeistert an. Dann gibt sie mir eine schallende Ohrfeige. »Was bist du doch für ein Arschloch, Jonah Storm!«
Meine Wange brennt wie Feuer. Und meine ganze Wut und Irritation kanalisiert sich allein auf die Frau vor mir. »Sag mal, sonst geht’s dir aber noch gut, oder?«
Wir stehen nur knapp einen Meter auseinander. Ihre Augen sprühen Funken und unverhohlene Wut quillt ihr aus jeder Pore. Ihr Mund öffnet sich langsam, ihre Zunge fährt über ihre Lippe und ganz sicher will sie mir gleich eine weitere Ansage machen. Aber ich höre ihr nicht mehr zu. Stattdessen starre ich sie einfach nur an, unfähig plötzlich an etwas anderes zu denken, als daran, wie weich ihre Lippen sind. Wie es wäre, meinen Mund auf ihre zu pressen, meine Zunge in ihren Mund zu schieben und sie zu küssen, als wäre dieser Moment der letzte auf Erden.
»Len …« Meine Stimme ist rau, dunkel. Ich will diese Frau. Wollte nie eine andere. Und nur, um meinen Bruder zu schützen, habe ich es mir verboten, ihr nahe zu sein.
Len blinzelt. Ihr Blick rutscht von meinen Augen weiter nach unten zu meinem Mund. Niemand würde uns sehen. Niemand würde es je erfahren. Niemand …
»Was wollest du bei meinen Eltern?«
Ein Schlag in den Magen könnte nicht wirkungsvoller sein. Und bringt mich mit Wucht in die Realität zurück. Len legt den Kopf schief und wartet auf eine Antwort. Sie ist immer noch wütend, ihre Frage klingt daher äußerst angespannt.
»Ich habe deinen Vater besucht.«
Ungläubig schaut sie an mir vorbei zu ihrem Elternhaus. »Was wolltest du bei ihm?«
Ich verschließe mein Gesicht und zucke belanglos mit den Schultern. Len hat mir eben eine gescheuert, sie hat sehr deutlich gemacht, was sie von mir hält. Daher verspüre ich wenig Lust, sie in mein Gefühlschaos einzuweihen. »Nichts Wichtiges.«
Einmal mehr erinnert sie mich jetzt an ihren Vater. Auch er hat die Gabe jemanden anzusehen und wirklich hinzusehen. »Wenn du meinst.« Sie glaubt mir kein Wort. Aber sie hat offensichtlich ebenfalls keine Lust, weiter mit mir zu diskutieren. Allerdings verrät mir das neugierige Glitzern, das kurz in ihren Augen aufblitzt, dass sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen wird. Und wenn Len sich in den letzten Jahren nicht all zu sehr verändert hat – und davon konnte ich mich in der vergangenen Woche überzeugen –, wird sie spätestens übermorgen bei mir auftauchen und über den Tod meines Vaters sprechen wollen.

Mistelzweigmagie: Tag 10

Torschusspanik

Leonie

Montag, 10. Dezember

»Du hast was getan?« Die schrille Stimme von Nora überschlägt sich fast, so aufgebracht ist sie. »Sag mir bitte, dass du mich verarschst!«
»Nora!« Ich werfe ihr einen wütenden Blick zu und nicke mit dem Kopf in Richtung der vierundzwanzig Kinder, die nur wenige Meter vor uns stehen und unserer Unterhaltung mittlerweile neugierig lauschen.
»Entschuldige, aber ein anderer Ausdruck fällt mir dafür nicht ein.« Sie schaut mich fassungslos an. Und irgendwie kann ich ihr ihre Reaktion nicht verdenken. Ich halte mich ja selbst nicht mehr für zurechnungsfähig.
»Noch einmal die erste Strophe!«, sage ich lauter in Richtung meiner Klasse und drücke erneut »Start« auf dem CD-Player. Die ersten Töne von »Stille Nacht« erklingen, untermalt von den quiekenden Stimmen meiner Drittklässler. Dass die Kinder kaum einen Ton treffen, ist dabei vollkommen irrelevant. Die Eltern werden den Auftritt am Weihnachtsmarkt so oder so lieben.
»Okay, dann nochmal ganz langsam für mich. Ich schnall’s nämlich einfach nicht, warum du es ausgerechnet mit Florian noch einmal versuchen willst«, zischt Nora mir zu, während sie mit ihrem Fotoapparat ein paar Schnappschüsse von den Kindern macht. Sie arbeitet für das lokale Schmierblatt hier im Ort und schreibt einen Artikel, wie die Vorbereitungen für den Adventsmarkt laufen. Und da meine Klasse am Samstagnachmittag eine kleines Konzert geben wird, schaut sie heute bei einer Probe vorbei.
»Ich will es nicht noch einmal mit ihm versuchen«, will ich das Thema abwiegeln, aber bei Noras angeborener Sensationsgeilheit habe ich da kaum eine Chance. »Wir gehen lediglich ins Kino.«
Sie sieht mich an, als hätte ich endgültig den Verstand verloren. Was ich vermutlich auch habe. Doch nach dem Wochenende habe ich entschieden, dass es so nicht weitergehen kann. Ich habe in den letzten Jahren keine vernünftige Beziehung zu Stande gebracht, was hauptsächlich daran lag, dass ich von Jonah einfach nicht loskomme. Damit ist jetzt Schluss. Endgültig. Ich werde doch keine alte Jungfer, nur weil das Arschloch nicht weiß, was er wirklich will.
»Ich weiß, was du hier tust«, sagt Nora schließlich. »Florian Schröder hat den Sexappeal eines Hausschweins. Aber warum auch immer passt er in deine verquere Vorstellung von einem geeigneten Partner. Deshalb gehst du mit ihm aus. Du hast Torschusspanik.« Sie hat keine Ahnung, wie nahe sie der Wahrheit damit kommt.

***

Während Freddy Mercury seine berühmteste Ballade schmettert, drücke ich mich tiefer in meinen Kinosessel. Nora hatte Recht. Es war eine vollkommen bescheuerte Idee. Ich will nichts von Florian, außer, dass er möglichst schnell aus meiner Nähe verschwindet, und – verdammt – seine Wurstfinger von meiner Hand nimmt.
»Wollen wir danach noch etwas trinken gehen?«, raunt Florian mir zu und lehnt sich etwas näher an mich heran. Automatisch weiche ich noch ein paar Zentimeter zurück, während ich ruckartig meine Hand unter seinen Fingern hervorziehe.
»Lieber nicht. Ich muss morgen früh raus, das wird mir sonst zu spät.« Himmel, ich sollte ihm einfach sagen, dass das mit uns nichts wird. Wenn er auch nur ein bisschen empathisch wäre und meine Körpersprache lesen könnte, wüsste er das auch. Aber Florian hat das Einfühlungsvermögen eines Miststreuers.
»Schade! Dann morgen Abend?« Er verzieht seine Lippen zu einem Lächeln, auf das andere Frauen vielleicht abfahren. Ich nicht. Bei mir erwacht nicht ein einziges Hormon aus seinem Winterschlaf.
Ein wütendes Zischen von hinten erspart mir die Antwort. Aber ich sollte das hier beenden. Schleunigst! Alles andere wäre unfair, sogar bei Florian.
Kaum ist der Film zu Ende, stehe ich auf und ziehe zügig meine Jacke an. Ungeduldig warte ich, bis Mister »Ich-habe-alle-Zeit-der Welt« seinen Mantel übergeworfen hat und mir aus dem Kinosaal folgt. Im großen Foyer, in dem sich schon wieder unzählige Kinobesucher drängeln, die auf die nächste Vorstellung warten, bleibe ich stehen. Es riecht nach verbranntem Popcorn und Nachos und der Teppich unter meinen Füßen klebt von verlaufenen Softgetränken. Normalerweise mag ich diesen alten Charme, den das kleine Kino versprüht. Heute will ich möglichst schnell hier aus.
»Soll ich dich noch nach Hause bringen?« Florians Affengrinsen verursacht mir mittlerweile Übelkeit. Daher gebe ich mir einen Ruck.
»Nein, danke. Ich wollte aber nochmal kurz mit dir sprechen.«
»Ja?« Erwartungsvoll schaut er mich aus seinen wasserblauen Augen an. Wie konnte ich diesen Kerl jemand attraktiv finden? Weil er schlicht da war, beantworte ich mir meine stumme Frage selbst. Weil er zugehört hat und dir eine gewisse Sicherheit vermittelt hat. In dieser Hinsicht hat Nora absolut recht, – Florian passt wie die Faust aufs Auge in mein Beuteschema. Nur das ich mich damit selbst belüge.
»Es war ein netter Abend«, beginne ich und könnte mich gleichzeitig ohrfeigen. »Aber ich will nicht, dass du das falsch verstehst. Es war nur ein netter Abend, nicht mehr.«
Eine steile Falte bildet sich zwischen seinen Augenbrauen. »Willst du mich verarschen?«
Uff, so eine Wortwahl hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Gerader Rücken, Brust raus. Du bist ihm nichts schuldig, Len. »Nein. Es tut mir leid«, schiebe ich dann doch noch hinterher, weil ich so ganz tough dann nun doch nicht bin.
Er stiert mich noch einen Moment an, dann macht er auf dem Absatz kehrt und lässt mich einfach stehen. Mitten im Getümmel, wo mich nach nur einem Wimpernschlag die Masse verschluckt. Es war ein Fehler mit ihm hierher zu kommen. Es war ein Fehler, ihn überhaupt zu fragen. Und daran ist ganz alleine Jonah Schuld. Und meine Unfähigkeit, meine Gefühle einfach abzuschalten.
Frustriert und wütend auf mich selbst verlasse ich das Kino. Es ist kalt draußen, daher schlinge ich die Arme um meinen Oberkörper und lege einen Gang zu. Bis nach Hause brauche ich zu Fuß mindestens fünfzehn Minuten, bis dahin bin ich ein Eisklotz.
Ich komme genau drei Schritte weit, als mich eine bekannte Stimme abrupt stehen bleiben lässt.
»Kannst du mir mal verraten, was dich geritten hat, es noch einmal mit Florian Schröder zu versuchen«?
Überrascht drehe ich mich herum. Jannik steht eingepackt in eine dicke Winterjacke unter einem Laternenpfahl direkt vor dem Kino. Ganz offensichtlich hat er auf mich gewartet.
»Was tust du hier?«, frage ich überrascht. Weißer Rauch bildet sich beim Sprechen vor meinem Mund.
»Nora hat mich angerufen«, meint er mit einem gewissen Unterton in der Stimme. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, er ist sauer.
»Habt ihr keine anderen Themen, als mein Liebesleben?« Wut kommt in mir auf. Es geht die beiden nichts an, mit wem ich ausgehe. Und es ist meine Entscheidung, mit wem ich meinen Abend verbringe – auch wenn es Florian »Breitmaulfrosch« Schröder ist.
»Doch, durchaus.« Jannik kommt ein paar Schritte auf mich zu und baut sich demonstrativ vor mir auf. Er ist tatsächlich wütend. Und er ist mir viel näher, als er mir normalerweise kommt. »Aber kannst du mir mal verraten, warum du mit diesem Arsch ausgehst und nicht mit mir?«
Verdutzt schaue ich ihn an. »Du hast mich noch nie gefragt!« Kaum haben die Worte meinen Mund verlassen, erkenne ich meinen Fehler. Und würde sie am liebsten zurücknehmen, aber dafür ist es jetzt zu spät.
In Janniks himmelblauen Augen schleicht sich ein erwartungsvolles Glitzern. »Okay, dann frage ich dich jetzt. Ganz offiziell, damit du es auch wirklich raffst: Willst du mit mir Essen gehen, Leonie?«

Mistelzweigmagie: Tag 9

Grabesstimmung

Jonah

Sonntag, 9. Dezember

Am nächsten Morgen ist Len äußerst distanziert. Die Rückfahrt verläuft weitestgehend schweigend, wobei ich mich auch ehrlich nicht bemühe, ein Gespräch in Gang zu bringen. Der Reiz, sie zu ärgern und zur Weißglut zu treiben, ist verfolgen. Len hat mir gestern einen Spiegel vorgehalten und ja, verdammt, natürlich hat sie recht. Ich sollte keine Spiele mit ihr spielen, wenn ich nicht ernsthaft Absichten habe. Und die habe ich nicht, aus den verschiedenen bekannten Gründen.
»Soll ich dich zu Hause absetzen?« Len wirft mir einen fragenden Blick zu, während wir auf der Hauptstraße durch Fichtenstein fahren. Wir haben die mobile Eislaufbahn in einem Schuppen in der Nähe der Kirche mit der Unterstützung einiger Helfer ausgeladen und den LKW zum Vermietservice zurückgebracht. Da Len mich gestern Morgen mit dem Auto zu Hause abgeholt hat, muss sie mich jetzt wohl oder übel auch wieder mit zurücknehmen. Auch wenn sie mich ganz offensichtlich möglichst schnell wieder loswerden will.
»Ja, bitte.« Wo sollte ich denn auch sonst hin?
Sie biegt in die Straße ein, in der meiner Mutter wohnt, parkt ihren Wagen und steigt zu meiner Überraschung direkt aus. Verwundert öffne ich ebenfalls die Tür, als Len bereits klingelt.
»Du willst zu Jannik«, schlussfolgere ich das einzig Logische, da ich mir kaum vorstellen kann, dass sie noch länger in meiner Nähe sein will.
Jetzt erst dreht sie sich zu mir um. »Ja.« Sie schafft es nicht, mir in die Augen zu sehen. Stattdessen wendet sie sich schnell wieder zur Tür und ich höre förmlich, wie sehr sie darum bettelt, dass Jannik ihr zügig öffnet. Aber leider tut er ihr den Gefallen nicht. Und da ich keinen Schlüssel mitgenommen habe, warten wir jetzt gemeinsam.
Irgendwann gibt sich Len einen Ruck. »Danke, dass du mitgekommen bist!«
Oh ha, es geschehen noch Zeichen und Wunder! »Kein Ding.«
Sie zieht ihre Unterlippe zwischen die Zähne und kaut nachdenklich darauf herum. Dann endlich hebt sie ihren Kopf und sieht mir direkt in die Augen. »Wie lange wirst du noch bleiben?«
Dunkelbraune, warme Augen. Einen kurzen Moment versinke ich darin, versinke in der Sehnsucht, die plötzlich in meinem Körper aufflammt. Einen Wimpernschlag später ist der Moment vorbei und ich zwinge diese verdammten Gefühle zurück in den hintersten Winkel meiner Seele, wo sie mir nicht mehr gefährlich werden können. »Vielleicht noch zwei, drei Tage. Mal sehen.«
Len nickt nachdenklich. »Vermutlich sehen wir uns also nicht mehr.«
Was? Ich mache bereits den Mund auf, um zu widersprechen, als sie abwehrend den Kopf schüttelt. »Es wäre besser, Jonah.«
Mein Mund klappt wieder zu, ohne ein Wort zu sagen. Ihre Worte tun weh, viel mehr, als sie vermutlich weiß. Denn ich will sie sehen. Jeden Tag, jede Stunde, ja verdammt, sogar jede Minute, wenn es irgendwie geht. Und die Vorstellung, dass es jetzt gleich vorbei ist und Len wieder aus meinem Leben verschwindet, ist unerträglich. Du wolltest das so, erinnere ich mich. Du stößt sie von dir, wieder und wieder, weil es richtig ist, ermahne ich mich vehement. Dennoch kann ich nicht verhindern, dass sich meine Hände zu Fäusten ballen und Wut in mir brennt. Wut über die ganze Situation, über Len, die es bis heute ganz offensichtlich nicht geschafft hat, eine glückliche Beziehung zu finden, über mich, weil ich meine Gefühle für sie nicht unter Kontrolle bekomme und irgendwie auch auf meinen Bruder, weil er sie immer noch liebt und es nicht schafft, von ihr loszukommen. Und ich ihm nicht weh tun will.
In diesem Augenblick, als sie mich immer noch ansieht und ich vor Wut und Verzweiflung am liebsten laut schreien würde, fälle ich eine Entscheidung. Ich werde sie gehen lassen. Ich muss sie gehen lassen. Sonst wird niemand von uns glücklich.
Die Tür neben uns öffnet sich und reißt uns aus unserer Starre.
»Oh … ihr seht irgendwie aus, als störe ich euch gerade bei etwas.« Der amüsante Unterton in der Stimme meines Bruders trügt. Ich höre ihm deutlich an, dass er misstrauisch ist. Dass er fühlt, dass etwas zwischen uns vor sich geht.
»Quatsch, Mann! Len hat sich nur gerade dafür bedankt, dass ich mitgekommen bin!« Das Grinsen in meinem Gesicht tut weh, so falsch ist es. Und Jannik nimmt es mir auch nicht ab, das erkenne ich an dem skeptischen Funkeln in den Augen.
»Kann ich reinkommen?«, fragt Len dazwischen und erlöst mich vom Zentrum seiner Aufmerksamkeit.
»Natürlich. Schön dich zu sehen!« Jannik macht einen Schritt zurück und gibt die Tür frei. Bevor Len auch nur einen Schritt machen kann, bin ich an den beiden vorbei in den Flur geflohen. Weg von der Lüge, weg von der Wahrheit, die wir alle drei schon viel zu lange ignorieren.
»Ist alles ok zwischen euch?«, höre ich meinen Bruder hinter mir fragen.
Ein Augenblick vergeht, bevor Len antwortet. »Ja, klar. Du kennst ihn ja, immer noch dasselbe Arschloch wie vor fünf Jahren.«

***

Trostlos. Dieses Wort beschreibt das Grab meines Vaters am besten. Ein kleiner verwelkter Blumenstrauß steht mitten auf der grauen Marmorplatte, auf der Regentropfen nass glänzen. Seufzend fahre ich mir durch die vom Regen feuchten Haare. Vierzehn Jahre ist er nun schon tot und ich bin heute das zweite Mal an seinem Grab. Das letzte Mal war an seiner Beerdigung. Aber ich habe es einfach nicht geschafft. Ich wollte die Stelle nicht sehen, an der er jetzt für immer liegt, wollte nicht sehen, wo der glückliche Teil meines Lebens begraben liegt. Und wenn ich ehrlich bin, wollte ich ihn nicht sehen.
Mein Vater und sein verdammter Drang nach Freiheit haben mein Leben kaputt gemacht. Er ist in diesem Kaff noch nie wirklich klargekommen, ist nur meiner Mutter zu Liebe hiergeblieben. Er wollte raus in die Welt, wollte Musik machen, wollte mit seinen fixen Ideen Großes vollbringen. Sein Traum war berühmt zu werden, am liebsten mit Dingen, die er liebte. Mein Vater war anders, passte in diesen Ort nicht richtig rein. Ebenso wenig wie ich.
Der graue Kies knirscht, als jemand neben mich tritt. Überrascht sehe ich zur Seite und kann nicht verhindern, dass ein abfälliges Knurren meinen Mund verlässt.
»Wie lange ist es jetzt her?« Florian Schröder trägt eine dunkelblaue Regenjacke und Gummistiefel. Oh ja, Len, dieser Typ ist wirklich zum Anbeißen.
»Was willst du hier?« Seine Anwesenheit nervt mich jetzt schon kolossal. Und ich habe keine Lust, mit ihm zu sprechen.
»Das ist ein öffentlicher Friedhof, Sander.« Er grinst schmierig.
Ein letzter Blick auf die graue Marmorplatte, dann drehe ich mich um und lasse das Arschloch einfach stehen. Den brauche ich mir heute echt nicht geben.
»Hast du dich mal gefragt, warum er tot ist?«
Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen. Was? Kälte kriecht meinen Rücken hinauf, flutet meinen Körper, erfriert jegliches Gefühl in mir. Ein Herzschlag. Zwei. Dann drehe ich mich wieder herum. »Es war ein Unfall.« Jedes Wort tut weh, aber ich zwinge mich es auszusprechen. Vor Florian gebe ich mir keine Blöße.
»Mmh, ja. Das zumindest steht im Polizeibericht.« Belustigung glitzert in seinen Augen. Und etwas anderes, das ich in diesem Moment nicht richtig greifen kann. Florian hat mich schon immer gehasst. Er ist ein Jahr jünger als ich, aber wir waren zusammen in der Schule. Und seit der ersten Klasse, als ich Marie Langendorff den ersten Kuss abgeluchst habe und nicht er, war ich Zielscheibe seiner Lästereien. Nur dass ich nie darauf eingegangen bin. Mir war es schlicht egal, was er macht.
»Und so war es auch. Daran gab es nie Zweifel.« Mein Vater und sein Motorrad sind schuld, dass mein Leben den Bach runterging. Alles sonst wäre eine Lüge. Meine Hände ballen sich zu Fäusten und heißer Zorn verdrängt die Kälte in meinem Körper. Immer noch fällt Regen vom Himmel, aber die Nässe ist mir egal. Ebenso wie alles andere in diesem Moment. Nur noch Florian und seine grinsende Fresse zählen, in die ich gleich meine Faust krachen lasse. Einfach nur, weil er es verdient hat.
»Den Fahrer des LKW hat man nie gefunden, habe ich recht?«
Meine Hände öffnen sich wieder. Meine Anspannung lässt nach, gleichzeitig kriecht das Grauen meine Kehle hoch. Denn es stimmt, was Florian sagt. Der LKW-Fahrer, dem mein Vater nachts ausgewichen ist, hat Fahrerflucht begangen. Man hat den Unfall nur anhand von Reifenspuren rekonstruieren können.
»Und du weißt, wer es ist?« Herausfordernd sehe ich auf ihn herab und bin in diesem Moment einmal mehr froh, größer zu sein als er.
»Nein. Aber ich weiß, dass damals etwas vertuscht wurde. Ich habe meinen Vater reden hören, gemeinsam mit Arnold Sandmann, dem Polizisten, der den Unfall untersucht hat.«
Seine Worte lassen mich hart schlucken. Arnold Sandmann. Der beste Kumpel meines Vaters – und Leonies Vater. Scheiße!
»Warum sagst du mir das ausgerechnet jetzt? Der Unfall ist zwölf Jahre her. Warum kommst du erst jetzt damit?« Ich glaube ihm kein Wort.
Florian kommt lässig auf mich zu geschlendert. Wasser tropft ihm aus den Haaren, läuft über seine Regenjacke und fällt auf den Boden. Der Regen hat seine Frisur völlig zerstört und lässt ihn noch dämlicher aussehen als üblich.
»Ich habe euch gesehen, Leonie und dich. Wir ihr es vor sechs Jahren an Kerb hinter der Kirche fast getrieben hättet.« Seine Stimme trieft vor Hass und Verachtung. »Und ich habe ihren Blick vorgestern gesehen, als du in die Versammlung geplatzt bist. Du bist der Grund, warum sie mit mir Schluss gemacht hat. Warum sie mich nie wirklich wollte. Und dafür mache ich dich fertig!«

Mistelzweigmagie: Tag 8

Klaviermusik

Leonie

Samstag, 8. Dezember

Ich hasse ihn. Alles an ihm. Sein selbstsicheres Auftreten, seine Gelassenheit, seine bescheuerte Frisur, seinen völlig übertrainierten Körper, seine dämlich blitzenden Augen, seinen Geruch. Alles! Und doch spielen meine Hormone verrückt, weil Jonah seit drei Stunden nur einen Meter entfernt neben mir sitzt. Womit bei allen Weihnachtsengeln habe ich das verdient?
»Ich muss mal pinkeln!«
Gut! Bei so Sprüchen fallen sogar meine Hormone in den Winterschlaf zurück.
Jonah lenkt den LKW von der Autobahn ab auf einen kleinen Rastplatz. Er steigt ohne einen weiteren Kommentar aus und verschwindet in einem der kleinen Toilettenhäuschen. Ich bleibe sitzen, da ich extra wenig getrunken habe, um die Fahrt nicht durch ständige Toilettenpausen unnötig zu verlängern. Was eine Ironie! Entrüstet greife ich zu meiner Thermosflasche mit Inger-Zitronen-Tee und gieße mir einen Becher ein. Vitamin C ist wichtig, gerade zu dieser Jahreszeit!
Die Fahrertür wird wieder geöffnet und Jonah steigt wieder ein. Nur im Pullover, da ein echter Kerl wie er für den kurzen Weg zur Toilette natürlich keine Jacke braucht. Pff!
»Was trinkst du da?« Irritiert schnuppert Jonah in meine Richtung.
»Ingwertee«, entgegne ich knapp.
»Trinkst du das Zeug immer noch?« Eine dunkelblonde Augenbraue hebt sich skeptisch, während er den Motor wieder anlässt.
»Es ist gut gegen Erkältung!«
»Du bist aber nicht krank.« Mmpf! Habe ich erwähnt, dass ich ihn hasse?
»Ich könnte es aber werden. Und so kurz vor Weihnachten brauche ich das gar nicht.« Demonstrativ setze ich den Becher an, trinke einen Schluck und verbrenne mir prompt die Zungenspitze an dem brühend heißen Tee.
»Bloß nichts dem Zufall überlassen, oder? Du hast dich wirklich kein bisschen geändert.« Sein Lachen schallt laut durch die Fahrerkabine und schickt eine heiße Welle durch meinen Körper. Was ganz klar nur Entrüstung sein kann, alles andere verbiete ich mir schlicht.
»Ganz im Gegensatz zu dir!«, fahre ich ihn aufgebracht an. »Du bist ein echtes Arschloch geworden!« Mein Blick grillt ihn förmlich, aber als seine Mundwinkel zucken und er sich ein breites Grinsen nicht länger verkneifen kann, sehe ich stur nach vorne. Ich habe ihn die letzten drei Stunden weitestgehend ignoriert. Eine Taktik, die sich bewährt hat.
»Erkläre mir doch eins, Len«, beginnt Jonah, nachdem wir uns kurz angeschwiegen haben. »Wie zur Hölle hat es Florian Schröder in dein Bett geschafft?«
Mein Kopf fährt herum und steht augenblicklich in Flammen. »Bitte was?«
Ein Seitenblick aus nachdenklichen braunen Augen trifft mich. Er meint die Frage durchaus ernst. »Er ist so eine Flachpfeife …« Jonah rümpft demonstrativ die Nase. Seine Finger trommeln auf das Lenkrad, während er in den Rückspiegel schaut, flucht und schließlich den Blinker setzt. Obwohl eigentlich ein Überholverbot für LKWs auf der Strecke besteht, zieht er nach links.
»Du bist eifersüchtig!« Es ist ein Schuss ins Blaue. Aber das kurze ertappte Aufblitzen in seinen Augen bestätigt mir, dass ich recht habe.
Jonah lacht dennoch laut auf, so als wäre es vollkommen abwegig. »Du kannst vögeln, wen du willst, Len. Aber Florian? Ernsthaft?«
»Ich würde mal schwer davon ausgehen, dass deine Liste an Verflossenen länger ist«, gebe ich zurück und entspanne mich wieder. Die Stimmung zwischen uns verändert sich, die Anspannung ist plötzlich weg.
»Davon kannst du ausgehen.« Er grinst bis über beide Ohren, als wäre es besonders stolz darauf. Aber ich weiß, dass er sich aus One-Night-Stands eigentlich nichts macht. Jonah hat sich nie mit irgendwelchen Frauen eingelassen, wenn er keine festen Absichten hatte. Und als seine erste feste Freundin ihn nach zwei Jahren Beziehung verlassen hat, war er bestimmt vier Wochen scheiße drauf.
»Du bist unmöglich, Jonah Sander!« Ohne darüber nachzudenken, boxe ich ihn in den Arm. So war es früher zwischen uns. Er war der große Bruder, den ich nie hatte, er war derjenige, der auf mich und Jannik aufgepasst hat. Bis sich irgendwann etwas geändert hat. Und ich ihn einfach nicht mehr als Bruder sehen wollte, sondern als Jungen, der gut aussah, der Tiefgang hatte und der im Gegensatz zu den Jungs meines Alters wusste, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen.
Jonah erwidert nichts weiter, sondern konzentriert sich auf den Verkehr. Ein Blick auf das Navi verrät mir, dass wir noch zwei Stunden bis zum Ziel brauchen. Wenn wir uns mit dem Verladen beeilen, könnten wir gegen Mitternacht wieder zurück in Fichtenstein sein.
Grüne Wiesen ziehen an uns vorbei, kalte Bäume und immer wieder graue kleine Städte. Keine Schneeflocke ist in Sicht, aber nach dem viel zu warmen Sommer wundert mich das nicht. Plötzlich lenkt mich ein Lied aus dem Radio ab und ich drehe es lauter. Eine vertraute Melodie dröhnt durch die Fahrerkabine, gefolgt von den ersten Klängen einer noch vertrauteren Stimme.
»Mach es aus!« Jonahs Hand schnell nach vorne, legt sich auf meine Finger und drückt das Radio aus.
»Hey, das war von dir!«
»Glaub mir, das weiß ich. Ich habe diesen Mist immerhin aufgenommen!«, erklärt er wütend.
Verwundert runzle ich dir Stirn. Was genau habe ich da verpasst? »Mist?«
Er schüttelt den Kopf und ich sehe ihm deutlich an, dass er nicht weiter darüber sprechen will. Sein Pech, denn ich will es. Und aus der Fahrerkabine der LKWs kann er nicht flüchten, wie sonst immer. »Es ist deine Musik, die wir da eben gehört haben. Warum bezeichnest du sie als Mist?«
»Das ist nicht meine Musik!«, grollt er und wirft mir einen kurzen Blick zu. »Du würdest es nicht verstehen, Len.«
»Dann erklär’s mir!« Mit verschränkten Armen drehe ich mich demonstrativ zu ihm herum und schaue ihn herausfordernd an. Männer! Warum muss man ihnen immer alles aus der Nase ziehen?
Mit der Hand fährt sich Jonah durch die Haare, dann schaut er aus dem Seitenfenster. Er will mir eigentlich nicht sagen, was in ihm vorgeht, dennoch merke ich ihm deutlich an, dass er mit sich ringt.
»Ist das der Grund, warum du plötzlich zu Hause aufgetaucht bist?«, frage ich leiser und baue ihm damit hoffentlich die Brücke, die er braucht, um sich zu öffnen. »Weil du die Band eigentlich gar nicht willst? Weil dir diese Musik nichts bedeutet?«
Er antwortet nicht. Macht dicht, wie er es so oft schon gemacht hat.
»Ich wollte das nie! Und du bist vermutlich die einzige Person, die das wirklich verstehen wird«, sagt er irgendwann in die Stille.
»Warum hast du dann überhaupt mit der Band angefangen? Warum dann die letzten fünf Jahre?« Nieselregen benetzt die Frontscheibe und Jonah schaltet den Scheibenwischer an. Einzig das gleichmäßige Quietschen der Wischer unterbricht die drückender Stille im LKW.
»Weil meiner Mutter es so gerne wollte. Als wir das Angebot von der Plattenfirma bekamen, hat sie mich gedrängt zu unterschreiben. Mick und Tim waren sofort Feuer und Flamme und für mich … für mich war es die Möglichkeit zu Hause rauszukommen. Aber ich wollte es eigentlich gar nicht. Ich wollte meine Mutter und Jannik nicht alleine lassen. Aber meine Mutter hat mich gedrängt, es sei doch immer mein Traum gewesen.«
»Das war es aber nicht, oder?«
»Nein«, antwortet er nach einer kurzen Pause.
»Warum hast du es dann gemacht?«
»Weil es sein Traum war. Der meines Vaters. Und weil ich gehofft habe, dass ich meiner Mutter damit aus ihren Depressionen helfen kann, wenn ich diesen Traum ein Stück weit wahr werden lasse.«
Es ist mit Abstand das ehrlichste Gespräch, das wir jemals geführt haben. Und als ich ihn jetzt ansehe, brennen die Tränen in meinen Augen. Aber Jonah will mein Mitleid nicht, deswegen hat er es mir nicht erzählt. Und deswegen ist er auch nicht nach Hause gekommen.
»Du willst dein Leben wiederhaben, deshalb bist du wieder da.« Ich weiß, dass ich recht habe.
»Ja«, gibt er auch schließlich zu. »Ich will sehen, was davon noch übrig ist.«

***

Drei Stunden später rollt unser LKW auf den großen Hinterhof der Verleihfirma. Es ist fünf Uhr nachmittags, dank eines überraschendes Staus haben wir länger gebraucht, als erwartet. Der Verleiher ist trotz unserer Verspätung überaus hilfsbereit, sodass wir mithilfe eines weiteren Mitarbeiters alle notwendigen Teile in kurzer Zeit in unserem LKW verstaut haben und ich in den Aufbau der Eislaufbahn eingewiesen wurde. Wie ich das Monstrum jedoch in einer Woche aufbauen soll, ist mir nach all den Erklärungen ein Rätsel.
Es ist bereits stockdunkel, als wir zurück auf der Autobahn sind. Und das Navi zeigt den frustrierenden Zeitpunkt von zwei Uhr nachts als Ankunftszeit.
»Was tust du?«, frage ich irritiert, als Jonah den LKW auf einen großen Rasthof lenkt. Die Tankfüllung langt locker bis nach Fichtenstein zurück, daher gibt es keinen Grund für eine weitere Rast. Zumal wir erst fünf Minuten unterwegs sind.
»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich den ganzen Weg jetzt noch nach Hause fahre?«
»Ähm … doch!«, entgegne ich, als wäre die Frage vollkommen bescheuert.
Als seine Augen verschmitzt zu funkeln beginnen, schwant mir übles. »Ich kenne hier in der Nähe ein echt gutes Hotel. Ich war mit den Jungs vor ein paar Jahren mal da. Es war … amüsant.«
Das kann jetzt nicht sein Ernst sein! Entrüstet schnaube ich durch die Nase. »Jonah, ich will nach Hause. Fährst du jetzt bitte weiter?«
»Sorry, Kleines. Ein bisschen was muss für mich bei dieser Tour ja auch drin sein. Es wird dir gefallen.« Er grinst verschlagen, was einen warmen Schauer über meine Haut schickt. Plötzlich fühle ich mich hibbelig, ja beinahe nervös, was mich tatsächlich nervös macht, da es völlig untypisch für mich ist. Sofort rufe ich meine Hormone wieder zur Räson! Das sind Gefühle, die Jonah vor sechs Jahren bei mir ausgelöst hat. Auf keinen Fall lasse ich zu, dass er es jetzt wieder tut.
Während ich ihn immer noch anstarre, als wäre er ihm plötzlich ein weißer Bart gewachsen, zückt er sein Handy und bestellt ein Taxi zur Raststätte. In dem wir beide fünf Minuten später sitzen.
»Ich habe noch nicht einmal eine Zahnbürste dabei!« Die Situation überfordert mich. Maßlos. Ich bin nicht spontan, ich hasse alles, was spontan ist und diese Aktion droht mir gerade zu entgleiten. Und ich könnte schwören, dass Jonah, der entspannt neben mir auf der Rückbank des Taxis lümmelt, das ganz genau weiß.
»Entspann dich Len, du siehst aus, als würde ich dich zwingen, gleich einen unangekündigten Mathetest zu schreiben. Es ist nur eine Hotelübernachtung!« Er lacht amüsiert. Dann beugt er sich zu mir herüber. »Oder hast du Angst, mit mir eine Nacht zu verbringen?«
Sein warmer Atem trifft meine Wange.
Mein Herzschlag setzt aus.
Meine Muskeln verkrampfen und ein heißes Kitzeln brennt sich von meinem Hals in meinen Bauch direkt in mein Herz. Ich schlucke hart und plötzlich ist mir viel zu heiß. Jonah ist mir viel zu nah und doch ist er viel zu weit weg. Wieder streichelt sein Atem meine Haut. Ganz langsam drehe ich meinen Kopf in seine Richtung.
Seine Augen glänzen immer noch amüsiert, seine Mundwinkel zucken. Doch nur eine Sekunde später verändert sich sein Blick. Verlangen brandet in seinen Augen auf, seine Iris wird dunkler. Alles Belustigte verschwindet aus seiner Miene, stattdessen wird er todernst.
»Len, ich …« Seine Lippen sind nur wenige Zentimeter von meinen entfernt.
»Ich bin ein Fehler. Der Kuss zwischen uns war ein Fehler. Das hast du mir in aller Deutlichkeit vor sechs Jahren gesagt, Jonah! Also hör auf Spiele mit mir zu spielen!« Woher ich die Kraft nehme, ihm diese Tatsache an den Kopf zu werfen, weiß ich nicht. Aber nachdem ich die Worte ausgesprochen habe, bin ich unglaublich stolz auf mich. Und könnte gleichzeitig heulen.
»Ich weiß. Es tut mir leid.« Er weicht keinen Millimeter zurück, lässt mir immer noch keinen Platz zum Atmen.
»Tut es nicht. Sonst würdest du dich heute anders verhalten.«
Im Taxi ist es so still, dass ich meine, meinen rasenden Herzschlag hören zu können. Selbst der Fahrer vorne gibt keinen Mucks von sich, ganz als wüsste er, dass jedes kleine Geräusch die Situation zum Explodieren bringen könnte. Jonah sieht mich noch einen Augenblick lang an, während verschiedene Gefühle über sein Gesicht zucken. Verlangen, Wut, Bedauern. Aber echte Reue ist nicht dabei.
Dann lehnt er sich abrupt zurück, die Anspannung zwischen uns ist verschwunden.
»Du weißt ganz genau, warum ich dir das gesagt habe. Warum das zwischen uns ein Fehler ist«, sagt er und seine kalte, sachliche Stimme unterstreicht die Distanz, die plötzlich zwischen uns herrscht. »Jannik liebt dich, Len, und für mich ist er der wichtigste Mensch auf dieser Welt. Das zwischen uns würde ihn umbringen. Und ich will ihm nicht wehtun.«
»Aber uns beiden kannst du weh tun?« Ich schreie ihn an. Ich kann nicht anders. Meine Gefühle drohen mir zu entgleiten, ebenso wie die Tränen, die jetzt ungehindert meine Wange hinunterrennen.
Sein Kiefer spannt sich an, Schmerz zuckt durch seine Augen. Aber sein Gesicht bleibt hart, er wird seine Meinung nicht ändern. »Fahren sie ins Grande Hotel«, gibt er dem Fahrer Bescheid und wendet sich endgültig von mir ab. Er sieht stur aus dem Fenster, zieht die Mauer, die er vor sechs Jahren zwischen uns aufgerichtet hat, wieder hoch.
Ich starre ihn noch eine Minute an, dann wische ich mir trotzig über das Gesicht. Soll er doch. Ich will seine Nähe nicht. Sein Verlangen, sein Verständnis. Und schon gar nicht will ich, dass ich mich erneut nach ihm verzehre.
Als wir im Grande Hotel ankommen, zahlt Jonah kommentarlos den Fahrer, springt aus dem Auto und wartet ungeduldig am Eingang bis ich ihm folge. Das Grand Hotel ist riesig, ein einziger Koloss aus Glas und Metall, dennoch zieht vor allem der Mistelzweig, der im Foyer aufgehängt ist, meine Aufmerksamkeit auf sich. Es baumelt eine rote Schleife daran, der einzige Farbklecks in dem ansonsten sehr modern eingerichteten Haus.
An der Rezeption bucht Jonah sich eine Suite, ich mir ein Einzelzimmer. Obwohl er darauf besteht zu bezahlen, beharre ich auf meiner Entscheidung, keinen Cent von ihm anzunehmen. Ich will ihm nichts schuldig sein.
Vier Stunden später, als die Wände meines Zimmers auf mich eindrücken, meine Decke zu warm ist und mein Kopf vom vielen Nachdenken dröhnt, treibt es mich erneut ins Foyer des Hotels. Bei unserer Ankunft hatte ich eine Bar in der einen Ecke gesehen, vielleicht hilft ein Schlummertrunk beim Einschlafen. Ich habe mich gerade an einem der Tische niedergelassen, als leise Pianomusik in mein Ohr dringt. Sie klingt nicht, als käme sie aus dem Lautsprecher, vielmehr, als würde jemand tatsächlich Klavierspielen. Ein Takt, noch ein Takt und schon stehe ich wieder, folge der Musik in einen Nebenraum. An der Tür bleibe ich stehen. Und bereue einmal mehr, mich überhaupt auf diese Fahrt mit Jonah eingelassen zu haben. Denn natürlich sitzt er an dem schwarzen Flügel mitten im Raum und spielt. Spielt mit einer Leidenschaft und gleichzeitig Ruhe, dass jeder, der ihn hört, sofort weiß, dass er die Musik liebt. Jede Note, jeden Ton. Er mag Rockstar geworden sein, weil er seiner Mutter helfen wollte. Weil er den Traum seines Vaters leben wollte, weil er sich schuldig fühlte. Aber es ist gelogen, dass er es nicht auch für sich tut. Er liebt es, Musik zu machen, immer schon. Denn nur dann ist er wirklich frei.
Und mit jeder einzelnen Zeile, die er spielt, verbrennt mein Herz. Tränen schießen mir in die Augen, weil meine Gefühle klar und deutlich vor mir liegen. Kein Chaos, kein Sturm, sondern eine einzige unverwechselbare Wahrheit. Er kann sich noch so unmöglich benehmen, er kann mich noch so oft von sich stoßen. Ich kann es noch so oft leugnen.
Ich liebe ihn.

Mistelzweigmagie: Tag 7

Alte Wunden

Jonah

Freitag, 7. Dezember

Mein Vater starb, als ich gerade sechzehn Jahre alt war. Es war ein kalter Tag im November, die Sonne hatte sich seit Wochen nicht gezeigt, nur an diesem einen Donnerstag war sie hinter den grauen Wolken hervorgekommen. Es war bitterkalt, glitzernder Frost bedeckte die Straße, doch das alleine war für meinen Vater kein Grund, nicht auf sein Motorrad zu steigen und eine Spritztour zu unternehmen. Als die Polizei gemeinsam mit einem Seelsorger Stunden später an unserer Haustür klingelte, war er schon nicht mehr am Leben. Er war einem LKW ausgewichen, von der Straße abgekommen und schließlich im Graben gelandet. Sein Motorrad mehrere Meter von ihm entfernt.
An die Tage danach erinnere ich mich kaum noch. Ich weiß nur, dass meine Mutter nicht mehr gesprochen hat, dass sie blass war und so tat, als ginge das Leben einfach weiter. Geweint hat sie nicht. Es war meine Aufgabe, meinem zwölfjährigen Bruder zu erklären, dass unser Vater tot war. Dass er nie wieder kommen würde. Dass wir jetzt alleine waren, nur noch wir drei, und dass wir es jetzt so schaffen mussten.
Mein Abi im kommenden Jahr schaffte ich mit Hängen und Würgen, weil ich mehr Zeit hinter dem Tresen unserer örtlichen Stammkneipe verbrachte, als am Schreibtisch. Für einen Studienplatz bewarb ich mich erst gar nicht, stattdessen hatte ich zwei Aushilfsjobs, um so viel Geld wie möglich zusammenzubekommen. Den Rest meiner Zeit kümmerte ich mich um meinen Bruder, lernte mit ihm für die Schule, brachte ihn nachmittags zu seinen Freunden und ging mit ihm am Wochenende zum Fußball. Mein Bruder war mein Leben und innerhalb weniger Monate übernahm ich die Position, die mein Vater bisher in unserer Familie innehatte. Bis ich irgendwann einfach nicht mehr konnte.
»Ich wusste, dass ich dich hier finde.« Die leisen Worte meiner Mutter lassen mich aufschauen. Meine Hand liegt auf dem kalten Metall der Harley Davidson und eine Gänsehaut rennt von dort aus meinen Arm hinauf. Es ist die Maschine meines Vaters, die ihn das Leben kostete. Ich konnte sie nach seinem Tod nicht verkaufen, stattdessen habe ich sie repariert und wieder hergerichtet. Vermutlich, weil ich ihn einfach nicht loslassen konnte.
»Ist Jannik schon mal auf ihr gefahren?«, frage ich, während meine Finger fast zärtlich über das schwarze Leder des Sitzes gleiten. Ich liebe diese Maschine. Und ich liebe es, auf ihr zu fahren, auch wenn es meiner Mutter jedes Mal das Herz bricht.
»Nein.« Sie presst ihre schmalen Lippen zusammen. Meine Mutter bleibt in der Tür zur Garage stehen, geht keinen Schritt weiter hinein. Das ist sie noch nie.
Tonlos seufze ich. Gewisse Dinge ändern sich nicht, nicht einmal in fünf Jahren. »Was gibt es?«
»Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass ich gleich ins Gemeindehaus gehe. Wir treffen uns zur Vorbereitung für den Adventsmarkt. Jannik ist auch dabei, nur dass du dich nicht wunderst, dass niemand mehr da ist.«
»Gibt es den Adventsmarkt immer noch?« Ich kann mir ein abwertendes Schnauben nicht verkneifen, doch dann fällt mir ein, dass ich sie bei meiner Ankunft vor ein paar Tagen Weckmänner für den Markt habe backen sehen. In diesem Kaff ändert sich tatsächlich überhaupt nichts.
»Natürlich! Leonie hält uns alle ganz schön auf Trapp, dass der Adventsmarkt dieses Jahr unvergesslich wird. Du kennst sie ja, da ist alles top organisiert bis zum letzten Glitzerstern.« Ein ehrliches Lächeln erscheint auf dem Gesicht meiner Mutter, das sogar ihre Augen erreicht. Leonie ist Janniks beste Freundin und natürlich mag meine Mutter sie.
»Was hat Leonie damit zu tun?«
»Sie ist die Vorsitzende des Organisations-Teams«, erklärt meine Mutter, als wäre das vollkommen klar. Aber ich war fünf Jahre weg, woher soll ich das wissen?
Meine Mutter zögert kurz, dann fährt sie sich nervös durch die kurzen blonden Haare. »Komm doch mit, wenn du Lust hast. Es wäre vielleicht ganz nett, ein paar alte Bekannte wiederzusehen.«
Mein Mund schließt sich wie von selbst, um den giftigen Spruch, der mir auf den Lippen liegt, herunterzuschlucken. Das letzte, was ich heute Abend tun will, ist »Bekannte« zu treffen, die mich entweder mit Fragen über mich und meine Band nerven oder – und das wäre noch schlimmer – in alten Erinnerungen schwelgen.
»Ach, lass mal. Ich bin hier beschäftigt.« Zur Unterstreichung meiner Worte lege ich die Hand auf die Harley.
Ihr Blick bleibt an der Maschine hängen. »Bitte, Jonah, tu das nicht«, sagt sie und alter Schmerz schwingt in ihrer Stimme mit. »Du weißt, dass ich Angst habe, wenn du darauf fährst.«
Ich erspare ihr eine Antwort und wende mich ab. Ich bin nicht mein Vater, das hat sie bis heute nicht begriffen. Und nur weil ich nicht auf das Motorrad steige, kommt er nicht wieder.
Sie ist schon fast aus der Tür raus, als mich ihre Worte erreichen. »Es tut mir leid, Jonah!«
Ruckartig drehe ich mich herum, aber meine Mutter ist schon weg. Was tut ihr leid? Dass unser Vater tot ist? Dass sie uns alleine gelassen hat, mich und meinen kleinen Bruder? Dass wir schauen mussten, wie wir unser Leben in den Griff bekommen? Oder dass sie mir eine unbeschwerte Jugend schuldet. Egal für was ihre Entschuldigung gedacht war, sie berührt mich nicht. Denn egal für was, sie langt nicht aus.

***

Mit einem Ruck drehe ich den Schlüssel im Zündschloss herum und steige von der Maschine. Es war vermutlich nicht die beste Idee bei diesen Temperaturen eine Runde mit dem Motorrad zu drehen. Und es ist ganz sicher eine beschissene Idee, gleich durch die Türen des Gemeindehauses zu gehen. Denn obwohl ich vor einer halben Stunde noch vehement abgelehnt habe, bei dem Treffen des Adventmarkt-Teams vorbeizuschauen, stehe ich nun doch vor den hell erleuchteten Türen des Treffpunktes. Und das ist ganz alleine Lens Schuld. Denn die Aussicht sie wiederzusehen hat durchaus ihren Reiz.
Auch wenn ich weiß, dass ich ihr lieber aus dem Weg gehen sollte und das diese ganze Aktion ein riesen Fehler ist, öffne ich drei Minuten später mit einem feinen Lächeln im Gesicht die Türen zum großen Besprechungszimmer. Zwei Sekunden später hätte ich mir am liebsten selbst eine Ohrfeige gegeben – für den größten Vollidioten, den dieses Kaff je gesehen hat. Denn als ich in den hell erleuchteten Raum trete und die Tür hinter mir mit einem leisen Klacken zurück ins Schloss fällt, schauen mich vierzehn Augenpaare überrascht an. Von verblüfft überrascht, bis freudig überrascht, bis hin zu »ich könnte gleich kotzen« überrascht ist alles dabei. Wobei der letzte Blick von Len stammt und mit jeder Sekunde mehr zu einem »Scher-dich zum Teufel du Arschloch«-Anfunkeln wird.
»Der verlorene Sohn ist also tatsächlich nach Hause gekehrt!« Die aalglatte Stimme von Florian Schröder lässt mich zusammenzucken. Augenblicklich reiße ich meinen Blick von Len los. Florian grinst mich überheblich an. Er hat sich kaum verändert, die Haare in der perfekten Föhnwelle, ein ordentliches kariertes Hemd und die Ausstrahlung einer Wildsau kurz vor der Balzzeit. Und trotzdem ist er einer von Lens Ex-Freunden, wie ich von Jannik erfahren habe. Allein deshalb hasse ich den Typen abgrundtief.
Ich blecke die Zähne und schenke ihm mein antrainiertes 1000-Watt-Grinsen. Das Arschloch kann mich mal! »Hi«, sage ich übertrieben gelassen in die Runde. »Ich dachte, ich nutze die Gelegenheit, um euch allen mal Hallo zu sagen.« Himmel, ich klinge wie der größte Schleimer auf der ganzen Welt.
Neben Len, Florian, meiner Mutter und Jannik sind noch zehn weitere Personen da, verteilt um einen großen Tisch in der Mitte des Sitzungsraumes. Die anderen nicken mir freundlich zu, einige mit unverhohlener Neugier.
»Schön, dass du da bist!« Meine Mutter ignoriert Florian und meinen Hahnenkampf galant und zieht den Stuhl am Tisch neben sich zurück. »Setz dich doch neben mich. Wir haben gerade die Aufstellung der Verkaufsbuden diskutiert. Vielleicht hast du ja auch noch eine Idee, wie wir sie am besten anordnen.«
»Wir waren damit fertig!«, unterbricht Len meine Mutter und zieht den großen Plan, der in der Mitte des Tisches liegt zu sich. Ihr steht deutlich ins Gesicht geschrieben, dass ihr mein Auftauchen so gar nicht passt.
»Ach, ich werfe gerne noch einmal einen Blick darauf.« Meine Hand schnellt vor und ich erwische die letzte Ecke des Papiers.
Len zischt leise durch ihre zusammengebissenen Zähne, was mich dazu verleitet, ihr ein zuckersüßes Lächeln zu schenken. Ich sollte damit aufhören, dringend! Ich habe ihr wehgetan, habe sie von mir gestoßen. Ich habe absolut kein Recht, sie so zu behandeln. Aber es macht einfach unglaublichen Spaß, sie zu reizen, dass ich es einfach nicht lassen kann. Und es lenkt mich von dem Gespräch mit meiner Mutter in der Garage ab, das immer noch durch meine Gedanken spukt und einen fahlen Geschmack hinterlassen hat.
»Wow, der Markt wird ja dieses Jahr richtig groß!«, stelle ich fest, während ich den Plan überfliege. »23 Buden sind eine Menge! Das sieht ja schon richtig gut aus!«
»Wir haben es ja auch im Griff! Ganz ohne dich!«, kommt es von gegenüber, was mich erneut grinsen lässt. Oh ja, sie hasst mich. Und sie hasst, dass ich hier bin und mich in ihre Projekte einmische.
»Ich hätte nichts anderes erwartet.« Scheinbar entspannt lehne ich mich in meinem Stuhl zurück. Jannik, der neben Len sitzt, runzelt die Stirn und sieht überrascht von ihr zu mir. Er weiß nicht, was zwischen uns vorgeht. Alles, was er sieht, ist unser offensichtlicher Schlagabtausch.
»Was soll das da ganz links sein?«, frage ich und deute auf eine große Fläche, die neben den Buden vor der Kirche eingezeichnet ist. Eigentlich ist da der Kirchgarten, aber in dem Plan erstreckt sich dort eine mindestens sechzig Quadratmeter große Fläche.
»Eine Eislaufbahn«, erklärt mir Jannik. »Das war Leonies Idee. Das wird der Hammer!« Er sieht zu Len, die augenblicklich rote Flecken auf den Wangen bekommt. Mit Komplimenten konnte sie noch nie gut umgehen. Mein Bruder strahlt sie jedoch an, als wäre sie die umwerfendste Frau der Welt und es fehlt nicht viel und er fängt an zu sabbern. Oh man, er ist immer noch in sie verschossen. Vermutlich schlimmer denn je.
»Für was zur Hölle braucht unser Adventsmarkt eine Eislaufbahn?« Sorry, aber wir reden hier von Fichtenstein. Einem Kaff mit knapp 6000 Einwohnern.
»War ja klar, dass du das nicht verstehst. Aber uns bedeutet dieser Weihnachtsmarkt etwas. Deshalb wollen wir dieses Jahr auch etwas ganz Besonderes auf die Beine stellen.« Lens rote Flecken nehmen zu, diesmal allerdings weil sie vor Zorn gleich platzt.
»Du meinst also, er bedeutet mir nichts?«
»Nein.« Womit sie recht hat.
»Haben wir eigentlich das Problem mit dem Abholen geklärt?«, mischt sich meine Mutter ein, bevor Len und ich uns endgültig lächerlich machen.
Len reißt ihren wütenden Blick von mir los und Bedauern überzieht ihre Miene. »Nein, leider noch nicht.«
»Aber …«, setz Jannik an, der jedoch rüde von Len unterbrochen wird.
»Nein, das ist keine Option.«
Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass genau diese Option interessant sein könnte. »Um was geht es genau?«
Wieder erscheint das Stirnrunzeln auf Janniks Stirn, so als wüsste er, dass in diesem Raum etwas vor sich geht, was er nicht genau greifen kann. »Wir müssen die mobile Eislaufbahn im Ruhrpott abholen. Und unser LKW-Fahrer ist krank geworden, sodass wir kurzfristig einen Ersatz suchen.«
Ah! Klingt nach einem lebensverändernden Problem. »Warum fährst du nicht?«, frage ich das naheliegendste. Immerhin scheint mein Bruder für den Adventsmarkt – und für Len – alles zu tun.
»Ich habe Dienst«, erklärt dieser zerknirscht. »Allerdings«, fährt er fort, während Len neben ihm hektisch mit dem Kopf zu schütteln beginnt, »könntest du nicht fahren? Natürlich nur, wenn du Zeit hast. Du meintest ja, das nächste Konzert ist erst nächste Woche und du bliebest noch übers Wochenende.«
In den Ruhrpott, um irgendeine bescheuerte mobile Eisbahn zu holen? Ganz sicher nicht. »Nein, sorry. Aber das passt mir nicht.«
»War ja klar, dass der ehrenwerte Herr Rockstar sich zu fein für unser Projekt ist«, ertönt Florians höhnische Stimme. Am liebsten hätte ich ihm direkt eine reingehauen für diesen blöden Spruch. Was für eine Schnapsidee, hier aufzutauchen! Ich sollte schleunigst verschwinden.
»Du würdest uns echt helfen«, versucht es mein Bruder erneut und sein Blick bekommt etwas flehendes. »Len kann nicht ganz alleine …«
»Du fährst mit?« Ich lasse ihn nicht ausreden, sondern sehe zu der Frau neben ihm, die jetzt aussieht, als überlege sie sich gerade eine möglichst blutrünstige Strategie mich umzubringen. Einen kurzen Augenblick später hat sie sich gefangen, presst die Lippen zusammen und schaut mich herausfordernd an.
»Ja! Immerhin organisiere ich das alles hier.«
Ich sollte es ablehnen. Ich sollte einfach aufstehen und gehen und das alles hinter mir lassen. Auf gar keinen Fall sollte ich alleine mit Len in einem LKW in den Ruhrpott fahren. Wo zur Hölle ist meine vernünftige Seite, wenn ich sie dringend brauche?
Meine Mundwinkel zucken amüsiert und ich beuge mich leicht nach vorne in Lens Richtung. »Hast du am Wochenende schon was vor, Babe?«

Mistelzweigmagie: Tag 6

Nikolauskaffee

Leonie

Donnerstag, 6. Dezember

»Und, Leon, warst du auch brav letztes Jahr?«
Leon tritt nervös von einem Fuß auf den anderen und von dem sonst so vorlauten Jungen ist nichts mehr zu sehen. »Natürlich, lieber Nikolaus!«, antwortet er tapfer.
»Na gut, Leon. Dann will ich mal sehen, ob ich in meinem Sack auch ein Geschenk für dich finde.«
Ich muss mir auf die Lippe beißen, um nicht zu laut lachen. Jannik, gekleidet in einem roten Mantel, mit roter Mütze und weißem Bart, kramt in seinem Jutesack und zieht ein kleines Geschenk heraus. Zwinkernd übergibt er es dem strahlenden Leon, der jetzt mit dem Geschenk in der Hand schnell zu seinen Klassenkameraden huscht.
»So, das war das letzte Geschenk.« Der Nikolaus wirft sich den Sack über die Schulter, während vierundzwanzig begeisterte Kinder jede seiner Bewegungen verfolgen. Von den dreißig Eltern, die neben mir in dem Klassenraum stehen und die mit zunehmender Stunde immer mehr Gefallen an dem Nikolausfest mit Plätzchen und Glühwein finden, ganz zu schweigen.
»Kommst du nächstes Jahr wieder?«, fragt die rothaarige Mia, bevor Jannik den Raum verlässt.
»Ganz bestimmt!« Jannik tätschelt ihr kurz über den Kopf und tritt dann zu mir neben die Klassenzimmertür. »Du schuldest mir einen Kaffee!«, raunt er mir leise zu, damit es die Kinder nicht hören.
»Aber nur, wenn du brav warst«, erwidere ich und schenke ihm ein dankbares Lächeln. Die Kinder lieben seinen Auftritt als Nikolaus und Jannik gibt den liebevollen Weihnachtsmann jedes Jahr mit größerem Enthusiasmus.
»Ich bin immer brav!« Durch den dichten Bart sehe ich sein Grinsen nicht, aber seine blauen Augen blitzen vergnügt.
Lachend schüttele ich den Kopf. »Sicher! Wir sehen uns später im Café, dann können wir das gerne nochmal ausdiskutieren.«
»Zu gerne. Bis später dann!« Er beugt sich vor und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Sein langer Bart kratzt auf meiner Haut und seine Lippen hinterlassen ein merkwürdiges Prickeln. Überrascht sehe ich ihm hinterher, wie er im Schulflur verschwindet. Obwohl ich sicher bin, dass Jannik mehr für mich empfindet, hat er sich nie getraut, mir näher zu kommen. Warum also jetzt?

***

Es riecht nach Kaffee und Zimt. Lautes Geschnatter erfüllt das kleine Café, während der Platz mit gegenüber immer noch leer ist. Genervt schiebe ich mir noch einen Löffel Milchschaum in den Mund. Jannik kommt zu spät. Schon zwanzig Minuten. Eigentlich sollte mich das nicht überraschen – Jannik ist von Natur aus nie pünktlich – aber heute stört es mich mehr als sonst. Vielleicht weil ich von der Nikolausfeier meiner Klasse in das Café gehetzt bin und heute Abend noch eine Mathematikarbeit korrigieren muss. Vor Weihnachten kommt aber auch immer alles auf einmal.
»Hast du’s schon gelesen, Jonah Storm ist verschwunden!«
Sein Name trifft mich wie ein Blitz und ich kann nicht verhindern, dass mein Kopf wie von selbst zum Nachbartisch ruckt.
»Wie verschwunden?« Ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen hält ihrer Freundin ein Handy unter die Nase.
»Die Meldung kam gerade auf Insta. Er sollte heute eine Pressekonferenz geben und ist nicht aufgetaucht.«
»Krass!« Die beiden stecken ihre Köpfe enger zusammen, beginnen zu tuscheln und wild auf ihren Handys herumzutippen, aber ich höre ihnen nicht länger zu.
Jonah. Seit Dienstagnacht ist keine Stunde vergangen, in der ich nicht an ihn gedacht habe. In der ich nicht aus dem Fenster gesehen habe, auf die Straße, in den nächsten Gang im Supermarkt oder in ein vorbeifahrendes Auto, und erwartet habe, ihn zu sehen. Er ist wieder hier. Zumindest war er das gestern Morgen noch, keine Ahnung, ob er nicht schon längst wieder verschwunden ist. Was mir ganz ehrlich am liebsten wäre, denn seit jenem Moment, in dem er vor mir stand, sind meine Gefühle ein einziges Chaos. Fünf Jahre ging es mir gut. Fünf Jahre konnte ich mir vormachen, dass ich über ihn hinweg bin, dass ich ihm nicht länger hinterher trauere. Der verpassten Chance, der verlorenen Liebe. Doch am Dienstag ist er wie ein Sturm durch meine Gefühle gerauscht, hat verdrängte Emotionen wieder aufgewirbelt und mich vollkommen verwirrt zurückgelassen. Bis zum nächsten Morgen, an dem ich mir geschworen habe, dass ich ihn nie wieder so nahe an mich heranlasse. Dass er es nicht wert ist, dass er immer noch dasselbe Arschloch wie vor fünf Jahren ist. Und ich ihm keine Träne mehr hinterher weinen werde. Jawohl!
»Hey Len, sorry, dass ich zu spät bin! Wartest du schon lange?« Jannik feuert seine Jacke mit Schwung auf die Bank mir gegenüber und nimmt Platz. Das Nikolauskostüm ist verschwunden, dafür sind seine blonden Locken noch zerzauster als sonst und er wirkt gehetzt.
»Ist schon in Ordnung«, wiegele ich ab, auch wenn es das ganz und gar nicht ist. Aber als er mich entschuldigend ansieht, mit seinen treuen blauen Augen und dem ihm so typischen frechen Grinsen, kann ich ihm nicht länger böse sein.
»Ich musste noch kurz zu Hause vorbei, was erledigen«, erklärt er und greift sich meinen Kaffee. Ohne zu fragen trinkt er einen Schluck und stellt ihn dann wieder vor mich. »Rate wer in der Stadt ist?«
Eine Millisekunde zuckt Unmut über mein Gesicht, aber ich habe mich sofort wieder im Griff. Und hoffe inständig, dass Jannik nichts gemerkt hat, denn ich weiß natürlich, auf wen er anspielt. Doch da ich von Jonahs nächtlichem Besuch nichts verraten will, spiele ich die Ahnungslose und zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung!«
»Mein Bruder!« Er strahlt über das ganze Gesicht. »Er stand gestern Morgen einfach so vor unserer Tür.«
Ich schaue ihn überrascht an. Frau Altenburg, meine einstige Theaterlehrerin, wäre stolz auf mich.
»Wow! Das ist … das ist echt eine Überraschung.« Katastrophe trifft es wohl eher, aber das sage ich natürlich nicht. Jannik weiß nichts von meinen Gefühlen für seinen Bruder. Er weiß nichts, von dem Kuss vor sechs Jahren, von unserem Streit und meiner Wut und Enttäuschung danach. Und von meinem Liebeskummer und meiner Verzweiflung, die mich seit gestern wieder begleiten.
»Ja, oder? Ich wusste zwar, dass er ein Konzert in Frankfurt gibt, aber dass er tatsächlich vorbeikommt, damit hatte ich nicht gerechnet.« Seine Begeisterung verflüchtigt sich und ein Schatten huscht über sein Gesicht. »Immerhin war er die letzten fünf Jahre nicht hier.«
Er beißt sich auf die Unterlippe. Wenn ich ihn nicht gut kennen würde, wäre mir seine Enttäuschung nicht aufgefallen. Aber so sehe ich ihm genau an, dass neben der Begeisterung, seinen Bruder nach so langer Zeit wiederzusehen, auch Wut und Enttäuschung in ihm sind.
»Ist das für dich okay, dass er so plötzlich aufgetaucht ist?«, frage ich daher auch ernster als er vermutlich erwartet.
Der letzte Rest Begeisterung verschwindet aus Janniks Gesicht, aber dennoch lächelt er. »Es ist merkwürdig, dass er auf einmal da ist. Ich meine, wir haben viel telefoniert und uns geschrieben, aber uns dennoch lange nicht gesehen. Es ist großartig, ihn zu sehen und direkt mit ihm zu sprechen, aber die fünf Jahre waren schon eine verdammt lange Zeit.« Es ist nur ein Bruchteil der Gefühle, die ihn bewegen. Ich weiß, dass er ihn ganz furchtbar vermisst hat. Dass er ihn gebraucht hätte, mehr als nur einmal. Aber Jonah ist geflohen, vor der Verantwortung, vor seiner Familie, vor dem Schmerz, den er mit diesem Ort verbindet. Und vielleicht auch ein Stück weit vor sich selbst.
»Hat er gesagt, was er hier will?« Ich trinke schnell einen Schluck aus meinem Kaffee, bevor Jannik mir etwas anmerkt. Denn diese Frage beschäftigt mich, seit Montagnacht und Jonah selbst hat sie mir nicht beantwortet.
»Nein.« Jannik zuckt die Schultern und kramt in seinem Rucksack, den er neben seinem Stuhl auf den Boden gestellt hatte. »Nur kurz vorbeischauen, vermute ich. Sie spielen bald schon ein Konzert in Mannheim, bis dahin habe er etwas Zeit, hat Jonah gesagt.«
Und dann ist er wieder weg. Für die nächsten fünf Jahre.
Enttäuschung zuckt durch mich hindurch, die ich wütend verdränge. Was habe ich denn erwartet? Dass Jonah hier plötzlich auftaucht, seine Karriere an den Nagel hängt und für immer bleibt? Er ist ein Rockstar, erinnere ich mich. Er ist erfolgreich, verdient einen Arsch voll Gold und ist berühmt. Warum sollte er das aufgeben? Gedankenverloren trinke ich noch einen Schluck Kaffee, während Jannik einen Notizblock auf den Tisch legt und handschriftliche Aufzeichnungen überfliegt.
»Hast du nochmal mit Wolff wegen der Verkaufsbuden für den Adventsmarkt gesprochen?«, fragt er mich und reißt damit ein vollkommen anderes Thema an. Er will nicht länger über seinen Bruder sprechen.
»Ja, habe ich. Er stellt sie uns wieder zur Verfügung und will sie donnerstags schon auf den Platz vor der Kirche stellen.« Wolff ist einer der ortsansässigen Gemüsebauern. Für den Adventsmarkt vor der Kirche dienen die Buden, in denen er im Frühjahr sein Gemüse anbietet, als Verkaufsstände für Plätzchen, Waffeln, Weihnachtsdekoration und was es sonst noch so geben wird. Weihnachtlich geschmückt und mit den Lichtern und Sternen dekoriert, ergeben sie ein äußerst gemütliches Bild.
»Super, dann können wir an dem Abend schon anfangen zu dekorieren.« Jannik macht sich eine Notiz. Er gehört ebenfalls zum Orga-Team für den Adventsmarkt, auch wenn ich glaube, dass er es hauptsächlich mir zu Liebe macht. Zwar mag er Weihnachten ebenso wie ich, aber seine Motivation im Vorfeld wochenlang mit allen Vereinen zu diskutieren, interne Streitigkeiten über die Absatzmenge an Glühwein, Feuerzangenbowle, Kinderpunsch und Lebkuchenschnaps auszuhandeln, genug Helfer zu finden und sich letztendlich ein ganzes Wochenende mit jeder Menge kleinerer Katastrophen, gestressten Verkäufern und Unmengen Besuchern herumzuschlagen, hält sich in Grenzen. Ich jedoch liebe es. Alles daran. Deshalb steckt auch mein ganzes Herzblut in diesem Projekt und ich opfere meine gesamte Freizeit in der Adventszeit für diesen Weihnachtsmarkt.
Auf einmal ertönt »Jingle Bells« lautstark aus meiner Tasche und ich greife nach meinem Handy. Es ist Christian Jäger, unser Feuerwehrhauptmann, der mit mir kommendes Wochenende die mobile Eislaufbahn für den Weihnachtsmarkt abholen will. Eine ungute Vorahnung überkommt mich jedoch, als ich abnehme und nur ein lautstarkes Husten höre.
»Es tut mir so leid, Leonie!«, keucht mir Christian zwischen zwei Hustern ins Ohr. »Aber ich muss dir für kommendes Wochenende leider absagen. Mich hat‘s total zerlegt.«
Mir entgleiten alle Gesichtszüge. Die mobile Eislaufbahn soll das Highlight des diesjährigen Adventmarktes werden. Wir haben sie vor über einem Jahr bereits reserviert, extra einen LKW mit entsprechendem Anhänger organisiert, um das ganze Equipment in Recklinghausen abzuholen, und jetzt ist mein Fahrer krank? Kalte Panik ergreift mich.
»Was ist los?« Jannik schaut mich ernst an. Er muss mir ansehen, das etwas nicht stimmt.
»Verdammt, so ein Mist!«, entfährt es mir, bevor ich mich besinne.
»Es tut mir leid«, röchelt Christian erneut. »Ich habe Carsten schon gefragt, ob er einspringen kann, aber er hat dieses Wochenende Dienst.«
»Ist schon okay«, wiegele ich ab, auch wenn es das ganz und gar nicht ist. »Wir finden schon jemanden, der einen LKW-Führerschein hat und mit mir fahren kann. So schwierig kann das ja nicht sein.« Ich verabschiede mich von Christian, nachdem ich ihm gute Besserung gewünscht habe und er noch einmal beteuert hat, wie leid es ihm tut.
»Was machen wir jetzt?« Hilflos schaue ich Jannik an, nachdem ich ihn ins Bild gesetzt habe. »Wir können die Eislaufbahn ja nicht herzaubern.«
Jannik presst die Lippen zusammen. »Das ist echt Mist!«
»Kennst du jemanden, der einen LKW fahren kann und spontan Zeit hat?« Immerhin geht es um DEN Weihnachtsmarkt. Da wird sich doch wohl jemand Zeit nehmen können.
»Du weißt, dass ich dir sofort helfen würde, aber ich muss am Wochenende arbeiten«, erklärt Jannik und ehrliches Bedauern schwingt in seiner Stimme mit. »Allerdings«, er stoppt und überlegt kurz. »Es gäbe da jemand, der mir spontan einfällt und der zumindest einen LKW-Führerschein hat.«
»Ja?« Hoffnung keimt in mir auf.
»Mein Bruder.«

Mistelzweigmagie: Tag 5

Zuhause

Jonah

Mittwoch, 5. Dezember

»Oh wow, Len! Liegt da Jonah Storm in deinem Bett? Der heißeste Rockstar seit Kurt Cobain?«
»Wehe du sagst es irgendwem!«
»Ähm … aber warum ist er in deinem Bett? Und verdammt, warum nicht in meinem?«
Unwillkürlich muss ich grinsen. Auch wenn die Situation alles andere als amüsant ist. Langsam hebe ich einen Arm und fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Fuck, wie viel habe ich gestern eigentlich getrunken? Eindeutig zu viel, wenn es mich anschließend ausgerechnet zu Len getrieben hat. Der Frau, der ich eigentlich dringend aus dem Weg gehen sollte.
Mit einem Ruck setze ich mich auf und schaue zu Tür. Len steht im Türrahmen, die Arme verschränkt, ihre Augenbrauen zornig zusammengezogen. Und dennoch … sie ist sogar noch hübscher als vor fünf Jahren. Ihre dunkelbraunen Haare hat sie zu einem Knoten gedreht, um ihren Hals liegt ein dicker roter Schal und sie trägt ein schwarzes Stickkleid. Mein Blick bleibt an ihrem Gesicht Hängen, an ihren braunen Augen, den vollen Lippen und den roten Flecken auf ihren Wangen, die immer größer werden, je länger ich sie anstarre.
»Guten Morgen!« Ihre Stimme klingt ernst, kalt, ganz so, als versuche sie, möglichst tough zu wirken. Ich muss ein Schmunzeln unterdrücken. Ich kenne dich viel zu gut, Len, als dass ich dich nicht durchschauen würde. Vermutlich kocht es in ihr gerade vor Wut und sie würde mich am liebsten hochkant aus ihrem Zimmer werfen. Aber nur, weil sie in mich verliebt ist. Auch wenn sie das nie zugeben würde.
»Guten Morgen die Damen!« Ich stehe auf, gehe um das Bett herum und greife nach meinen Schuhen. Zeit einen Abflug zu machen. »Und danke für die Nacht, Len!«
Die roten Flecken nehmen die Ausmaße eines mittelgroßen Flächenbrandes an, aber ich konnte mir den Kommentar einfach nicht verkneifen. Ebenso wenig wie das breite Grinsen, das sich jetzt ein meinen Mundwinkeln zupft.
»Wie die Nacht? Len?!«
»Was willst du hier, Jonah?«, wiederholt Len die Frage, mit der sie mich schon gestern Nacht genervt hat und ignoriert Noras verzücktes Aufkeuchen. Nora. Lens beste Freundin, zumindest war das vor fünf Jahren so. Und anscheinend hat sich daran nichts geändert.
»Im Moment hätte ich gerne einen Kaffee«, antworte ich postwendend, auch wenn ich genau weiß, dass sie das nicht meint. »Und falls du mit ‚hier‘ nicht dein Bett meinst, sondern Fichtenstein, ich habe etwas Zeit vorm nächsten Gig. Und da dachte ich, ich schaue mal vorbei.«
Lens Augenbrauen wandern nach oben. Sie durchschaut mich sofort, ebenso, wie ich sie jederzeit durchschaue. Sie weiß, dass mehr dahinter steckt, als nur ein kurzer Familienbesuch. Ich mache ein paar Schritte auf sie zu, bleibe jedoch stehen, als sie keine Anstalten macht, die Tür freizugeben.
»Lässt du mich durch?« Ich trete noch ein wenig näher an sie heran, zu nahe, bis uns nur noch ein paar Zentimeter trennen. Len sieht von unten zu mir hoch und kurz zucken meine Hände, um sie zu berühren. Aber das ist aus so vielen Gründen falsch, dass ich in der Bewegung innehalte und meine Hände stattdessen in die Hosentaschen stecke.
»Ist der Rest der Band auch hier?«, ertönt es von links neben mir.
Ich werfe Nora einen kurzen Blick zu. »Nein!«, antworte ich knapp.
Sie legt ihren Kopf schief und mustert mich. Und ihr gefällt anscheinend nicht, was sie sieht. »Du hast dich kein bisschen geändert, Jonah Sander! Daran kann auch dein Rockstar Image nichts ändern.« Sie ist eindeutig gekränkt. Vermutlich, weil ich mich schon wieder Len zuwende und sie einfach ignoriere. Aber ich konnte Nora noch nie leiden, obwohl sie mehrfach versucht hat, bei mir zu landen. Sie war mir schon immer zu laut, zu impulsiv und irgendwie einfach zu anstrengend.
»Danke!«, sage ich leise zu Len. »Dafür, dass du mich letzte Nacht nicht rausgeworfen hast.« Ich lächle sie an, diesmal ehrlich, ohne ein verschmitztes Grinsen, und kurz blitzt etwas in ihren Augen auf. Sie liebt mich. Und sie hasst mich gleichermaßen. Ich habe ihr wehgetan, das weiß ich nur zu gut. Aber es ging nicht anders.
»Ich will dich hier nie wieder sehen!«, entgegnet sie ebenso leise und ich höre die Lüge in jedem einzelnen Wort.

***

Feiner Nieselregen fällt vom Himmel, als ich die letzte Biegung in unsere Straße nehme. Erinnerungen stürzen auf mich ein, Freude, Vertrauen, Schmerz und Schuld. Fünf Jahre war ich nicht mehr hier, habe weder meine Mutter noch meinen Bruder gesehen, nur ab und zu mal angerufen. Ich habe ihre Nähe nicht mehr ertragen. Die Erinnerungen daran, wie es früher einmal war, was für eine glückliche Familie wir waren, bevor mein Vater vor zwölf Jahren gestorben ist. Bevor ich viel zu früh seinen Platz einnehmen musste, bevor meine Mutter zusammenbrach und ihre Trauer mit Tabletten und Psychopharmaka betäubte. Bevor alles den Bach runterging und ich die Verantwortung, für sie und meinen jüngeren Bruder zu sorgen, einfach nicht mehr ausgehalten habe.
Was willst du hier?, hat Len gefragt.
Mit meiner Vergangenheit abschließen, um mein Leben wieder in den Griff zu bekommen, ist die Antwort.
Doch als ich den kleinen schwarzen Klingelknopf drücken will, verlässt mich der Mut. Fünf Jahre habe ich sie nicht gesehen. Wie werden sie reagieren, wenn ich einfach vor ihrer Tür stehe?
Es klingelt leise über mir und überrascht hebe ich den Kopf. Ein Mistelzweig baumelt unter dem überdachten Hauseingang. Kleine Glöckchen sind daran befestigt, die erneut sanft klingeln, als die Tür geöffnet wird und mich ein Schwall warmer Luft einhüllt. Es riecht nach Schokolade und Lebkuchen, nach Kaminfeuer und Wärme. Ich muss hart schlucken und zwinge mich zu lächeln, obwohl ich viel lieber die Flucht ergriffen hätte.
»Jonah?« Meine Mutter starrt mich ungläubig an. Sie hat eine Schürze umgebunden, Mehl klebt an ihren Fingern.
»Hallo Mama.« Ich bleibe unschlüssig stehen, unsicher, wie ich reagieren soll. Als ich gegangen bin, stand sie völlig neben sich. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst, abgemagert, verhärmt. Heute sieht sie deutlich besser aus, gesund, lebendig. Ihre blonden Haare trägt sie kurz geschnitten, sie hat eine normale Figur und um ihre Augen liegen unzählige Lachfalten. Sie sieht beinahe wieder so aus, wie ich sie aus meiner Kindheit in Erinnerung habe – bevor unser Leben zum Chaos wurde.
Meine Mutter schlägt sich die Hand vor den Mund, dann ist sie bei mir und drückt mich an sich. Eine Sekunde stehe ich wie erstarrt, dann erwidere ich ihre Umarmung. »Es tut mir so leid. Ich hätte mich melden sollen, dass ich vorbeikomme.«
Sie rückt von mir ab, fährt mir mit ihren mehlbestäubten Fingern über die Wange. »Hättest du! Und du hättest in den letzten Jahren auch ruhig mal vorbeikommen können! Aber was auch immer dich bewogen hat, es jetzt zu tun – ich bin unendlich dankbar, dass du hier bist.« Sie lächelt mich an und ich erkenne an ihrem liebevollen Blick, dass sie mir verzeiht. Sie hat mich dazu gedrängt, mit der Band erfolgreich zu werden. Sie hat meine Musik immer unterstützt und ich weiß, dass sie unglaublich stolz auf mich ist. Daher versteht sie auch – besser als ich selbst – dass ich nie hier war.
»Komm rein, ich bin gerade am Backen.« Sie verschwindet im dunklen Flur und ich folge langsam. Es hat sich kaum etwas verändert. An der Garderobe hängen ein paar neue Jacken, doch selbst die Weihnachtsdekoration, die überall im Haus verteilt ist, ist dieselbe wie früher. In der kleinen Küche zieht meine Mutter ein Backblech aus dem Ofen, legt es auf die Arbeitsfläche und schiebt ein neues hinein. Weckmänner. Ihre Spezialität.
»Ich muss noch die Weckmänner fertig backen. Ich will sie in zwei Wochen auf dem Adventsmarkt verkaufen, daher teste ich gerade ein neues Rezept. Möchtest du einen?«
»Gerne!« Wie auf Kommando knurrt mein Magen. Ich habe seit meinem kleinen Alkoholexzess gestern Abend nichts mehr in den Bauch bekommen.
»Wie lange wirst du bleiben?« Sie stellt die Frage scheinbar belanglos, während sie die Weckmänner in einen Pappkarton packt. Aber das ist sie ganz und gar nicht.
Ich ziehe meine Jacke aus, hänge sie über einen Stuhl und nehme Platz. »Ich weiß es noch nicht. Vielleicht ein paar Tage.« Kurz halte ich inne und überlege. »Kann ich in meinem alten Zimmer schlafen?« 28 Jahre und ich wohne wieder bei meiner Mutter. Umpf. So viel zum Thema Rockstar.
Sie wirft mir einen Blick zu. Unverhohlene Freude steht darin, aber ich merke ihr dennoch an, dass sie sich zurückhält. Sie will nicht klammern, auch wenn sie Angst hat, mich wieder gehen zu lassen. »Natürlich.«
Die Haustür wird geöffnet und Schritte ertönen im Flur. Ich schaffe es gerade noch, mich herumzudrehen und aufzustehen, als mein Bruder in der Küche erscheint.
»Mmh, hier riecht es aber gut! Was …« Er bricht ab, als er mich sieht. Seine Augen werden groß, mit einem Schritt ist er bei mir und wirft mich mit seiner Umarmung fast um. »Mann, was machst du hier? Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, wäre ich früher von der Arbeit nach Hause gekommen. Wie lange bleibst du? Hast du Len schon gesehen? Ist der Rest der Jungs auch hier?«
Ich muss lachen angesichts seiner ganzen Fragen und gleichzeitig schnürt es mir die Kehle zu. Ich habe ihn so sehr vermisst.
Mein Bruder haut mir freundschaftlich auf die Schulter und drückt mich noch einmal an sich. Seine blonden Locken liegen platt am Kopf und seine blauen Augen funkeln vor Freude.
»Lass ihn doch erst einmal ankommen, Jannik!«, lacht meine Mutter und schüttelt den Kopf.
»Wirst du bleiben?«, will mein Bruder wissen, während er sich ebenfalls einen frischgebackenen Weckmann schnappt.
Ich sehe meinen Bruder an. Sehe in seine Augen, die meinen so ähnlich sind, erkenne denselben Verlust, denselben Schmerz in ihnen, der mich bis heute umtreibt. Aber ich sehe auch die Leichtigkeit, die er schon immer hatte, und zu der ich nie fähig war. Es war richtig, herzukommen. Das sagt mir das warme Gefühl, dass sich jetzt in meinem Körper ausbreitet, sehr deutlich.
»Ja, das werde ich. Zumindest eine Weile.«

Mistelzweigmagie: Tag 4

Nächtliche Besucher

Leonie

Dienstag, 4. Dezember

23:54 Uhr.
Genervt starre ich die leuchtend roten Ziffern meines Weckers an und würde das verfluchte Ding am liebsten in die nächste Ecke feuern. Noch knapp sechs Stunden, bis ich mein kuscheliges Bett wieder verlassen muss, um vierundzwanzig »höchst motivierten« Drittklässlern den ganzen Vormittag lang Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Mmpf! Das schreit nach einem weiteren Tag mit ordentlich Kaffeedurchsatz.
Die rote Ziffer meines Weckers springt auf 23:55 Uhr um. So wird das nichts. Seufzend taste ich im halbdunkeln nach dem Schalter meiner Nachttischlampe, greife gleichzeitig nach dem Buch, das im Bett neben mir liegt, als plötzlich etwas gegen meinen Rollladen schlägt. Augenblicklich erstarre ich in der Bewegung. Was war das?
Die Wohnung, die ich mir mit Nora teile, liegt im Erdgeschoss und mein Schlafzimmer hat den Luxus einer kleinen Terrasse, die hinaus in den großen Garten führt. Angestrengt lausche ich in die Dunkelheit der Dezembernacht. Es klopft erneut gegen meinen Rollladen, diesmal etwas leiser und vorsichtiger. Langsam setze ich mich in meinem Bett auf. Mein Herz springt fast aus meiner Brust und kalte Angst kribbelt in meinem Nacken. Auf meiner Terrasse ist eindeutig jemand.
Wieder ein Klopfen, diesmal am Fenster neben der Tür. Meine Hände beginnen zu zittern. Ich schlucke hart, dann schiebe ich langsam ein Bein aus dem Bett. So leise wie möglich, was völlig irrsinnig ist, da mich die Person auf meinem Balkon sowieso nicht hört, tapse ich in Richtung Zimmertür. Direkt daneben auf meinem Schreibtisch liegt mein Handy. Mit fahrigen Händen greife ich danach, presse meinen Daumen auf die automatische Entsperrung. Nichts passiert. Gefühlte Jahre später, in denen ich tausend Tode gestorben bin, akzeptiert das Smartphone endlich meinen Code und öffnet das Menü. Schnell tippe ich die erste Nummer.
1.
Wieder ein Klopfen.
1.
Erneut klopft es. Diesmal zweimal schnell hintereinander.
0.
Und noch einmal. Nur ein einziger Schlag.
Nein.
Mit einem lauten Knall landet mein Handy auf den Dielen.
Nein. Das kann einfach nicht wahr sein.
Dennoch drehe ich mich ruckartig herum, als es erneut klopft. Einmal lang, zweimal kurz, wieder lang.
Meine Kehle wird eng, Gänsehaut überzieht meinen Körper. Fünf Jahre habe ich dieses Klopfen nicht mehr gehört. Fünf verdammte Jahre lang und dann ausgerechnet heute Nacht?
Mit drei Schritten bin ich an der Terrassentür und ziehe nervös den Rollladen nach oben. Es kann einfach nicht sein, ganz sicher ist es Jannik oder irgendwer anders, der sich einen Scherz erlaubt. Er kann es nicht sein, das ist unmöglich.
Im Schein meiner Nachttischlampe erkenne ich zunächst zwei lange Beine in einer dunklen Jeans, dann eine schwarze Lederjacke und dann … lasse ich den Rollladen wieder los.
Ich muss ihn nicht weiter hochziehen, ich weiß, wer da vor meiner Tür steht. Freude und Schmerz schießen gleichermaßen durch mich hindurch, ich will ihn nicht sehen und gleichzeitig habe ich die letzten Jahre auf genau diesen Moment gewartet.
Als nichts weiter passiert, drückt der Mann vor der Tür seine Hand gegen das Glas. Eine stumme Bitte.
Ich schließe die Augen, atme einmal tief durch und sortiere meine Gefühle. Ich habe ihn unglaublich vermisst. Seine Ratschläge, seine ruhige Art, die seltenen Momente, in denen er gelacht hat. Seine Nähe an dem einen Abend vor sechs Jahren. Was ich allerdings nicht vermisst habe und was gerade jetzt in diesem Moment, da er vor meiner Terrassentür aufgetaucht ist, mit geballter Wucht zurückkommt, ist der Schmerz und die Wut darüber, wie er mich anschließend behandelt hat. Der Kuss war ein Fehler. Ich war ein Fehler. Das hat er mir mehr als einmal gesagt.
Mit einem Ruck ziehe ich den Rollladen endgültig nach oben, öffne ohne zu zögern die Tür und schaute auffordernd in Jonahs Gesicht. »Was willst du hier?« Keine Schwäche, noch nicht einmal ein freudiges Lächeln erlaube ich mir. Dafür hat er mich zu sehr verletzt.
»Hallo Len.«
Die kalte Nachtluft beißt in meine nackten Beine und ich kralle die Fußzehen zusammen. Jonah blinzelt, öffnet den Mund und schließt ihn wortlos wieder. Mein Gott, hat der eine Fahne! Er riecht, als hätte er einen ganzen Kasten Bier alleine geleert.
»Darf ich … reinkommen?«
Ich könnte ihn einfach stehen lassen. Die Tür wieder schließen und ihn aus meinem Leben ausschließen, so wie er es mit uns allen gemacht hat. Aber bevor ich reagieren kann, hat Jonah seinen Fuß durch die Terrassentür geschoben und ist so dicht vor mich getreten, dass sich seine Lederjacke in mein Nachthemd drückt. Alkoholdunst hüllt mich ein und automatisch mache ich ein paar Schritte zurück, bis ich mit den Waden gegen mein Bett stoße und unsanft auf meinem Hintern lande. Immerhin in weichen Decken und nicht auf dem Fußboden.
»Was willst du hier?«, wiederhole ich meine Frage und mustere ihn im Schein der Nachttischlampe genauer.
Jonah schließt die Terrassentür hinter sich und zieht sich mit einer fahrigen Bewegung eine Mütze vom Kopf. Seine dunkelblonden Haare trägt er an den Seiten kurz rasiert, auf seinem Gesicht liegt ein Bartschatten und obwohl seine Jacke kaum etwas von seiner Statur preisgibt, könnte ich schwören, dass er immer noch so verteufelt gut gebaut ist, wie früher. Ok, genau genommen weiß ich es, denn in ganz schwachen Momenten habe ich nach ihm gegoogelt. Und mir Fotos von Jonah Storm, dem Leadsänger von »D.U.N.K.E.L.« angesehen.
»Ich wollte dich sehen. Kann ich mich zu dir setzen?« Er deutet auf das Bett und bevor ich reagieren kann, lässt er sich neben mich plumpsen.
»Nein!« Erschrocken rücke ich ein wenig von ihm ab, aber Jonah grinst nur schief und lässt sich auf den Rücken fallen. Erst jetzt wird mir bewusst, das ich nur im Nachthemd vor ihm sitze. Im roten Weihnachtsnachthemd mit kleinen Schneeflocken drauf, passend zur Jahreszeit. Und passend zur Elchbettwäsche unter mir. Oh, verdammt, ich bin 26 Jahre alt und keine sechs mehr. Aber den Eindruck könnte man durchaus heute Nacht von mir gewinnen.
»Du warst auf meinem Konzert.« Er lallt ein wenig und mittlerweile bin ich mir sicher, dass er sternhagelvoll ist. Das kann einfach nicht sein Ernst sein.
»Ja, wie tausend andere Menschen auch. Jonah, es ist zwölf Uhr nachts! Ich muss morgen wieder früh raus. Du kannst nicht einfach nach fünf Jahren hier auftauchen, – betrunken –, und dich in mein Bett legen.«
»Jetzt hab dich nicht so. Früher hättest du auch nichts dagegen gehabt.« Er hat die Augen geschlossen, aber sein Grinsen ist so breit, dass seine weißen Zähne aufblitzen.
»Du bist ein echtes Arschloch!« Erneut wallt Wut über mich hinweg und ich kralle meine Hände in die Bettwäsche.
»Ich weiß, Len. Das brauchst du mir nicht auch noch zu sagen.« Seine Lieder flattern. Dann gähnt er und fährt sich mit den Händen über das Gesicht. »Ich wusste nicht, wo ich sonst hin soll.«
»Nach Hause?«, kommt es prompt aus mir heraus. Ich greife nach seinem Arm und zerre an seiner Jacke. Ein Fehler, denn sofort schließt sich Jonahs Hand um mein Handgelenk und er zieht mich zu sich herunter.
»Da … ich konnte da nicht hin«, nuschelt er undeutlich, aber ich verstehe ihn trotzdem. »Nicht so.« Er muss nicht erklären, was er mit »so« mein – ich rieche es deutlich.
Ich liege neben ihm – in meinem Bett – und spüre die Kälte, die er abstrahlt, deutlich auf meiner Haut. Wieder kriecht eine Gänsehaut über meinen Körper, aber diesmal bin ich nicht sicher, ob es wirklich von der Kälte kommt. »Du kannst hier aber auch nicht bleiben.«
Jonah hat dunkelbraune Augen. Schokoladenbraun, mit einzelnen karamellfarbigen Sprenkeln darin. Und als er jetzt die Lider öffnet und mich ansieht, und sich das warme Licht der Nachttischlampe in den Tiefen seiner Augen verliert, weiß ich, dass ich verloren bin. Fünf Jahre habe ich ihn gehasst. Und nach nur fünf Minuten liege ich schon wieder in seinen Armen und schmachte ihn an. Was bin ich doch erbärmlich!
Er hebt seinen Arm und streicht mir mit den Fingern federleicht über die Wange. »Ich habe dich vermisst, Len.«
Ein warmes Kribbeln fährt durch mich hindurch, findet mein Herz und bringt es zum Explodieren. Nein. Nein. Nein. Vor lauter Wut und Verzweiflung, weil seine Worte ein Gefühlschaos in mir hervorrufen, schießen mir Tränen in die Augen. Nein! Er kann nicht einfach nach fünf Jahren hier auftauchen und alles durcheinander bringen.
»Weiß deine Mutter, dass du hier bist? Weiß es dein Bruder?«, lasse ich nicht locker und rücke entschlossen ein wenig von ihm ab. So leicht gibt sich meine Wut auf ihn nicht geschlagen.
Jonah reagiert nicht. Erst als ich ihn in die Seite boxe, brummt er kurz. Dann dreht er sich herum, streift seine Schuhe ab und kriecht auf die linke Bettseite. »Nein. Und wir werden ihm auch nicht sagen, dass ich heute Nacht hier war. Ich will ihm nicht wehtun.«
Und da haben wir ihn. Den Grund, warum das zwischen uns nie funktionieren würde, warum es einfach nicht sein darf. Weil er seinen Bruder liebt und ihm nicht wehtun will. Denn sein Bruder ist in mich verliebt.
Ergeben betrachte ich den mittlerweile weltberühmten Rockstar, der neben mir im Bett liegt. Ein leises Schnarchen dringt zu mir hoch und macht mir deutlich bewusst, dass ich Jonah vor morgen früh nicht mehr aus meinem Zimmer bekomme. Vorsichtig hebe ich die Hand und streiche ihm eine Strähne aus der Stirn. Warum ist er hier? Warum nach all den Jahren ausgerechnet jetzt? Er hat sich nicht einmal bei mir gemeldet, hat uns nie zwischenzeitlich besucht. Und doch liegt er jetzt unbestreitbar neben mir.
»Was willst du hier, Jonah?«, flüstere ich leise und erwarte keine Antwort. »Was willst du wirklich?«

Mistelzweigmagie: Tag 3

Jonah Storm

Jonah

Montag, 3. Dezember

Der Fehler von Samstagabend entpuppte sich als äußerst ideenreiche und willige Unterhaltung, die mich das halbe Wochenende beschäftigte. Nur die Kombination mit weiteren Flaschen Whisky, Champagner und was die Minibar noch so hergegeben hat, hätte ich lieber gelassen.
»Geht es dir gut?«
Blöde Frage, natürlich nicht! Erneut hebt sich mein Magen und der letzte Rest Alkohol findet seinen Weg in die Kloschüssel vor mir. Meine Finger krallen sich um das weiße Porzellan und ein Zittern fährt durch meinen Körper. Scheiße, so fertig war ich das letzte Mal auf der Halloweenparty der Freiwilligen Feuerwehr. Und das ist zehn Jahre her. Fuck!
»Verschwinde!«, würge ich heraus und hoffe, dass die braunhaarige Tussi mich einfach alleine lässt. Was sie natürlich nicht tut. Immer diese Frauen mit ihrem Helfersyndrom.
»Soll ich dir eine Flasche Wasser bringen? Oder Kaffee? Oder einen deiner Kollegen anrufen?« Braungebrannte nackte Beine erscheinen in meinem Blickfeld neben der Toilette, während ich mich ein letztes Mal geräuschvoll erbreche.
»Hau einfach ab, okay?« Was genau versteht die Tussi an den Worten nicht?
Sie schweigt einen Moment, zögert. »Ich lege dir meine Nummer auf den Tisch. Kannst dich ja mal wieder melden, wenn du in der Nähe bist.«
Oh man! Und da sagt man, Männer seien schwer von Begriff. Ich stehe umständlich auf, ignoriere den Schwindel und das Dröhnen in meinem Schädel und drücke demonstrativ die Spülung. Das helle Badezimmerlicht über uns sticht in meinen gereizten Augen, doch ich zwinge mich nicht zu blinzeln, und beuge mich langsam zu der Tussi herunter. Sie hat strahlend blaue Augen und auf ihrer Nasenspitze entdecke ich einzelne kleine Sommersprossen. Sie war gut letzte Nacht. Und eigentlich ist sie auch ganz niedlich. Nur habe ich heute Morgen einfach kein Bock auf dieses mutterhafte Gesülze.
»Süße, ich bin Jonah Storm. Leadsänger einer der aktuell erfolgreichsten Bands der Welt. Was glaubst du, wie viele Weiber ich in den letzten Jahren gefickt habe? Und wie viele davon habe ich anschließend noch einmal angerufen?«
Sie presst ihre Lippen zusammen, dennoch kann sie ein Zittern nicht ganz unterdrücken. Was bin ich doch für ein Arschloch geworden! Ich warte ihre Antwort nicht ab, sondern gehe, nackt wie ich bin, an ihr vorbei in die Dusche. Erst als das Wasser auf mich herab prasselt, höre ich die Tür. Sie ist verschwunden. Endlich.
Ich drehe den Hahn auf kalt, warte, bis ich eine Gänsehaut bekomme und mein Körper unwillkürlich erschaudert, bevor ich das Wasser wieder auf angenehme Temperaturen regle. Emotionen rauschen durch mich hindurch. Der Samstagabend, die Euphorie und der Hype, wenn einem die Fans zujubeln, Len, die Sehnsucht und das Wissen, dass ich sie nicht haben kann. Die Leere danach, die Befriedigung der letzten Nächte, die Verantwortung und die Schuld, der ich so verzweifelt entfliehen will. Zurück bleibt Ekel. Vor allem vor mir selbst.
Warmes Wasser rinnt an meinem Körper hinab, spült alle Gefühle fort, bis die wohlbekannte Leere zurückbleibt. Ich habe all das hier nie gewollt. Wollte nie berühmt werden, wollte eigentlich nie erfolgreich sein. Es war Zufall, dass die Jungs und ich vor fünf Jahren bei einem Talentwettbewerb »entdeckt« wurden, Zufall, dass uns das Management und James innerhalb kürzester Zeit so erfolgreich aufbauen konnten. Was ich zu Beginn unserer Karriere als willkommene Ablenkung gesehen habe, ist immer mehr zu meinem persönlichen Horror geworden. Denn das hier ist nicht mein Traum. Es war der meines Vaters. Nur ihm zu liebe mache ich Musik, nur wegen ihm bin ich Jonah Storm. Und nicht länger Jonah Sander, der in einem kleinen Ort keine zwanzig Kilometer von hier wohnt, der seine Familie vor fünf Jahren verlassen hat, weil er die Verantwortung, die ihm viel zu früh aufgelegt wurde, nicht mehr ertragen hat. Nur ihm zuliebe. Nicht für mich.
Ich drehe das Wasser ab und verlasse die Dusche. Mein Kopf ist klar, mir geht es deutlich besser. Dennoch schrecke ich zusammen, als ich mir aus dem Spiegel über dem Waschbecken entgegenstarre. Meine Haut wirkt fahl, tiefe Schatten liegen unter meinen Augen. Meine dunkelblonden Haare sind zu lang und eine Rasur würde mir auch mal wieder gut tun. Ich habe mich verändert, ohne Frage.
Vielleicht liegt es an Tims nervtötender Fragerei vorgestern Abend, vielleicht an der überbemutternden Tussi heute Morgen. Aber zum ersten Mal seit Langem lasse ich den ehrlichen Gedanken zu, ob ich das hier alles wirklich noch will? Es ist ein abgewracktes Arschloch, das mir da entgegen schaut. Und schon lange nicht mehr ich selbst.
Alles andere als überzeugt stoße ich mich vom Waschbeckenrand ab und gehe zurück ins angrenzende Hotelzimmer. Das Bett ist verwühlt, meine Klamotten liegen im ganzen Zimmer herum. Zwei leere Champagnerflaschen stehen auf dem Nachtisch, daneben Zigarettenstummel und aufgerissene Kondompackungen. Mir wird erneut schlecht, als ich das Szenario betrachte, daher schnappe ich mir mein Handy und drehe dem Ganzen den Rücken zu.
Ich denke nicht nach, als ich eine Nummer wähle, erst als ich ihre Stimme höre, zucke ich zusammen.
»Hallo? Hallo, ist da jemand?«, fragt Len mit ihrer freundlichen, leicht dunklen Stimme.
Fuck! Was habe ich getan? Ich mache den Mund auf, will etwas sagen, irgendwas, aber ich bringe keinen Ton heraus. Meine Kehle ist wie zugeschnürt, doch mein Herz stolpert in meiner Brust und will mich daran erinnern, dass es immer noch schlägt. Sei nicht so ein Weichei, Jonah!
»Hi Len!«
Ein Tuten antwortet mir. Sie hat aufgelegt.
Es tutet ein weiteres Mal. Dann noch einmal. Dann muss ich lachen. Oh Mann, fünf Jahre habe ich sie nicht gesehen, nicht ein Wort mit ihr gesprochen und dann so ein peinlicher Auftritt. Ich denke an die Sehnsucht, als ich nach dem Konzert ihr Gesicht gesehen habe und dieses Mal kann ich sie nicht ignorieren. Len hält mich lebendig, hat sie schon immer. Der Wunsch, bei ihr zu sein, wird übermächtig. Ich will sie sehen, wenigstens das, zu mehr muss es ja nicht kommen.
Ein breites Grinsen schleicht sich in mein Gesicht und plötzlich fühle ich mich so aufgekratzt, wie schon lange nicht mehr. Nervosität packt mich und mit einem Mal weiß ich, was ich zu tun habe.
Erneut wähle ich eine Nummer und nach dem zweiten Klingeln nimmt Tim ab. Im Hintergrund höre ich Kindergeschrei und eine Frau beruhigend singen. Schlagartig sackt mein Magen eine Etage tiefer und mir wird abermals bewusst, was ich alles nicht habe.
Ich tue das Richtige.
»Tim? Ich fahre nach Hause.«