Mistelzweigmagie: Tag 5

Zuhause

Jonah

Mittwoch, 5. Dezember

»Oh wow, Len! Liegt da Jonah Storm in deinem Bett? Der heißeste Rockstar seit Kurt Cobain?«
»Wehe du sagst es irgendwem!«
»Ähm … aber warum ist er in deinem Bett? Und verdammt, warum nicht in meinem?«
Unwillkürlich muss ich grinsen. Auch wenn die Situation alles andere als amüsant ist. Langsam hebe ich einen Arm und fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Fuck, wie viel habe ich gestern eigentlich getrunken? Eindeutig zu viel, wenn es mich anschließend ausgerechnet zu Len getrieben hat. Der Frau, der ich eigentlich dringend aus dem Weg gehen sollte.
Mit einem Ruck setze ich mich auf und schaue zu Tür. Len steht im Türrahmen, die Arme verschränkt, ihre Augenbrauen zornig zusammengezogen. Und dennoch … sie ist sogar noch hübscher als vor fünf Jahren. Ihre dunkelbraunen Haare hat sie zu einem Knoten gedreht, um ihren Hals liegt ein dicker roter Schal und sie trägt ein schwarzes Stickkleid. Mein Blick bleibt an ihrem Gesicht Hängen, an ihren braunen Augen, den vollen Lippen und den roten Flecken auf ihren Wangen, die immer größer werden, je länger ich sie anstarre.
»Guten Morgen!« Ihre Stimme klingt ernst, kalt, ganz so, als versuche sie, möglichst tough zu wirken. Ich muss ein Schmunzeln unterdrücken. Ich kenne dich viel zu gut, Len, als dass ich dich nicht durchschauen würde. Vermutlich kocht es in ihr gerade vor Wut und sie würde mich am liebsten hochkant aus ihrem Zimmer werfen. Aber nur, weil sie in mich verliebt ist. Auch wenn sie das nie zugeben würde.
»Guten Morgen die Damen!« Ich stehe auf, gehe um das Bett herum und greife nach meinen Schuhen. Zeit einen Abflug zu machen. »Und danke für die Nacht, Len!«
Die roten Flecken nehmen die Ausmaße eines mittelgroßen Flächenbrandes an, aber ich konnte mir den Kommentar einfach nicht verkneifen. Ebenso wenig wie das breite Grinsen, das sich jetzt ein meinen Mundwinkeln zupft.
»Wie die Nacht? Len?!«
»Was willst du hier, Jonah?«, wiederholt Len die Frage, mit der sie mich schon gestern Nacht genervt hat und ignoriert Noras verzücktes Aufkeuchen. Nora. Lens beste Freundin, zumindest war das vor fünf Jahren so. Und anscheinend hat sich daran nichts geändert.
»Im Moment hätte ich gerne einen Kaffee«, antworte ich postwendend, auch wenn ich genau weiß, dass sie das nicht meint. »Und falls du mit ‚hier‘ nicht dein Bett meinst, sondern Fichtenstein, ich habe etwas Zeit vorm nächsten Gig. Und da dachte ich, ich schaue mal vorbei.«
Lens Augenbrauen wandern nach oben. Sie durchschaut mich sofort, ebenso, wie ich sie jederzeit durchschaue. Sie weiß, dass mehr dahinter steckt, als nur ein kurzer Familienbesuch. Ich mache ein paar Schritte auf sie zu, bleibe jedoch stehen, als sie keine Anstalten macht, die Tür freizugeben.
»Lässt du mich durch?« Ich trete noch ein wenig näher an sie heran, zu nahe, bis uns nur noch ein paar Zentimeter trennen. Len sieht von unten zu mir hoch und kurz zucken meine Hände, um sie zu berühren. Aber das ist aus so vielen Gründen falsch, dass ich in der Bewegung innehalte und meine Hände stattdessen in die Hosentaschen stecke.
»Ist der Rest der Band auch hier?«, ertönt es von links neben mir.
Ich werfe Nora einen kurzen Blick zu. »Nein!«, antworte ich knapp.
Sie legt ihren Kopf schief und mustert mich. Und ihr gefällt anscheinend nicht, was sie sieht. »Du hast dich kein bisschen geändert, Jonah Sander! Daran kann auch dein Rockstar Image nichts ändern.« Sie ist eindeutig gekränkt. Vermutlich, weil ich mich schon wieder Len zuwende und sie einfach ignoriere. Aber ich konnte Nora noch nie leiden, obwohl sie mehrfach versucht hat, bei mir zu landen. Sie war mir schon immer zu laut, zu impulsiv und irgendwie einfach zu anstrengend.
»Danke!«, sage ich leise zu Len. »Dafür, dass du mich letzte Nacht nicht rausgeworfen hast.« Ich lächle sie an, diesmal ehrlich, ohne ein verschmitztes Grinsen, und kurz blitzt etwas in ihren Augen auf. Sie liebt mich. Und sie hasst mich gleichermaßen. Ich habe ihr wehgetan, das weiß ich nur zu gut. Aber es ging nicht anders.
»Ich will dich hier nie wieder sehen!«, entgegnet sie ebenso leise und ich höre die Lüge in jedem einzelnen Wort.

***

Feiner Nieselregen fällt vom Himmel, als ich die letzte Biegung in unsere Straße nehme. Erinnerungen stürzen auf mich ein, Freude, Vertrauen, Schmerz und Schuld. Fünf Jahre war ich nicht mehr hier, habe weder meine Mutter noch meinen Bruder gesehen, nur ab und zu mal angerufen. Ich habe ihre Nähe nicht mehr ertragen. Die Erinnerungen daran, wie es früher einmal war, was für eine glückliche Familie wir waren, bevor mein Vater vor zwölf Jahren gestorben ist. Bevor ich viel zu früh seinen Platz einnehmen musste, bevor meine Mutter zusammenbrach und ihre Trauer mit Tabletten und Psychopharmaka betäubte. Bevor alles den Bach runterging und ich die Verantwortung, für sie und meinen jüngeren Bruder zu sorgen, einfach nicht mehr ausgehalten habe.
Was willst du hier?, hat Len gefragt.
Mit meiner Vergangenheit abschließen, um mein Leben wieder in den Griff zu bekommen, ist die Antwort.
Doch als ich den kleinen schwarzen Klingelknopf drücken will, verlässt mich der Mut. Fünf Jahre habe ich sie nicht gesehen. Wie werden sie reagieren, wenn ich einfach vor ihrer Tür stehe?
Es klingelt leise über mir und überrascht hebe ich den Kopf. Ein Mistelzweig baumelt unter dem überdachten Hauseingang. Kleine Glöckchen sind daran befestigt, die erneut sanft klingeln, als die Tür geöffnet wird und mich ein Schwall warmer Luft einhüllt. Es riecht nach Schokolade und Lebkuchen, nach Kaminfeuer und Wärme. Ich muss hart schlucken und zwinge mich zu lächeln, obwohl ich viel lieber die Flucht ergriffen hätte.
»Jonah?« Meine Mutter starrt mich ungläubig an. Sie hat eine Schürze umgebunden, Mehl klebt an ihren Fingern.
»Hallo Mama.« Ich bleibe unschlüssig stehen, unsicher, wie ich reagieren soll. Als ich gegangen bin, stand sie völlig neben sich. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst, abgemagert, verhärmt. Heute sieht sie deutlich besser aus, gesund, lebendig. Ihre blonden Haare trägt sie kurz geschnitten, sie hat eine normale Figur und um ihre Augen liegen unzählige Lachfalten. Sie sieht beinahe wieder so aus, wie ich sie aus meiner Kindheit in Erinnerung habe – bevor unser Leben zum Chaos wurde.
Meine Mutter schlägt sich die Hand vor den Mund, dann ist sie bei mir und drückt mich an sich. Eine Sekunde stehe ich wie erstarrt, dann erwidere ich ihre Umarmung. »Es tut mir so leid. Ich hätte mich melden sollen, dass ich vorbeikomme.«
Sie rückt von mir ab, fährt mir mit ihren mehlbestäubten Fingern über die Wange. »Hättest du! Und du hättest in den letzten Jahren auch ruhig mal vorbeikommen können! Aber was auch immer dich bewogen hat, es jetzt zu tun – ich bin unendlich dankbar, dass du hier bist.« Sie lächelt mich an und ich erkenne an ihrem liebevollen Blick, dass sie mir verzeiht. Sie hat mich dazu gedrängt, mit der Band erfolgreich zu werden. Sie hat meine Musik immer unterstützt und ich weiß, dass sie unglaublich stolz auf mich ist. Daher versteht sie auch – besser als ich selbst – dass ich nie hier war.
»Komm rein, ich bin gerade am Backen.« Sie verschwindet im dunklen Flur und ich folge langsam. Es hat sich kaum etwas verändert. An der Garderobe hängen ein paar neue Jacken, doch selbst die Weihnachtsdekoration, die überall im Haus verteilt ist, ist dieselbe wie früher. In der kleinen Küche zieht meine Mutter ein Backblech aus dem Ofen, legt es auf die Arbeitsfläche und schiebt ein neues hinein. Weckmänner. Ihre Spezialität.
»Ich muss noch die Weckmänner fertig backen. Ich will sie in zwei Wochen auf dem Adventsmarkt verkaufen, daher teste ich gerade ein neues Rezept. Möchtest du einen?«
»Gerne!« Wie auf Kommando knurrt mein Magen. Ich habe seit meinem kleinen Alkoholexzess gestern Abend nichts mehr in den Bauch bekommen.
»Wie lange wirst du bleiben?« Sie stellt die Frage scheinbar belanglos, während sie die Weckmänner in einen Pappkarton packt. Aber das ist sie ganz und gar nicht.
Ich ziehe meine Jacke aus, hänge sie über einen Stuhl und nehme Platz. »Ich weiß es noch nicht. Vielleicht ein paar Tage.« Kurz halte ich inne und überlege. »Kann ich in meinem alten Zimmer schlafen?« 28 Jahre und ich wohne wieder bei meiner Mutter. Umpf. So viel zum Thema Rockstar.
Sie wirft mir einen Blick zu. Unverhohlene Freude steht darin, aber ich merke ihr dennoch an, dass sie sich zurückhält. Sie will nicht klammern, auch wenn sie Angst hat, mich wieder gehen zu lassen. »Natürlich.«
Die Haustür wird geöffnet und Schritte ertönen im Flur. Ich schaffe es gerade noch, mich herumzudrehen und aufzustehen, als mein Bruder in der Küche erscheint.
»Mmh, hier riecht es aber gut! Was …« Er bricht ab, als er mich sieht. Seine Augen werden groß, mit einem Schritt ist er bei mir und wirft mich mit seiner Umarmung fast um. »Mann, was machst du hier? Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, wäre ich früher von der Arbeit nach Hause gekommen. Wie lange bleibst du? Hast du Len schon gesehen? Ist der Rest der Jungs auch hier?«
Ich muss lachen angesichts seiner ganzen Fragen und gleichzeitig schnürt es mir die Kehle zu. Ich habe ihn so sehr vermisst.
Mein Bruder haut mir freundschaftlich auf die Schulter und drückt mich noch einmal an sich. Seine blonden Locken liegen platt am Kopf und seine blauen Augen funkeln vor Freude.
»Lass ihn doch erst einmal ankommen, Jannik!«, lacht meine Mutter und schüttelt den Kopf.
»Wirst du bleiben?«, will mein Bruder wissen, während er sich ebenfalls einen frischgebackenen Weckmann schnappt.
Ich sehe meinen Bruder an. Sehe in seine Augen, die meinen so ähnlich sind, erkenne denselben Verlust, denselben Schmerz in ihnen, der mich bis heute umtreibt. Aber ich sehe auch die Leichtigkeit, die er schon immer hatte, und zu der ich nie fähig war. Es war richtig, herzukommen. Das sagt mir das warme Gefühl, dass sich jetzt in meinem Körper ausbreitet, sehr deutlich.
»Ja, das werde ich. Zumindest eine Weile.«

Mistelzweigmagie: Tag 4

Nächtliche Besucher

Leonie

Dienstag, 4. Dezember

23:54 Uhr.
Genervt starre ich die leuchtend roten Ziffern meines Weckers an und würde das verfluchte Ding am liebsten in die nächste Ecke feuern. Noch knapp sechs Stunden, bis ich mein kuscheliges Bett wieder verlassen muss, um vierundzwanzig »höchst motivierten« Drittklässlern den ganzen Vormittag lang Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Mmpf! Das schreit nach einem weiteren Tag mit ordentlich Kaffeedurchsatz.
Die rote Ziffer meines Weckers springt auf 23:55 Uhr um. So wird das nichts. Seufzend taste ich im halbdunkeln nach dem Schalter meiner Nachttischlampe, greife gleichzeitig nach dem Buch, das im Bett neben mir liegt, als plötzlich etwas gegen meinen Rollladen schlägt. Augenblicklich erstarre ich in der Bewegung. Was war das?
Die Wohnung, die ich mir mit Nora teile, liegt im Erdgeschoss und mein Schlafzimmer hat den Luxus einer kleinen Terrasse, die hinaus in den großen Garten führt. Angestrengt lausche ich in die Dunkelheit der Dezembernacht. Es klopft erneut gegen meinen Rollladen, diesmal etwas leiser und vorsichtiger. Langsam setze ich mich in meinem Bett auf. Mein Herz springt fast aus meiner Brust und kalte Angst kribbelt in meinem Nacken. Auf meiner Terrasse ist eindeutig jemand.
Wieder ein Klopfen, diesmal am Fenster neben der Tür. Meine Hände beginnen zu zittern. Ich schlucke hart, dann schiebe ich langsam ein Bein aus dem Bett. So leise wie möglich, was völlig irrsinnig ist, da mich die Person auf meinem Balkon sowieso nicht hört, tapse ich in Richtung Zimmertür. Direkt daneben auf meinem Schreibtisch liegt mein Handy. Mit fahrigen Händen greife ich danach, presse meinen Daumen auf die automatische Entsperrung. Nichts passiert. Gefühlte Jahre später, in denen ich tausend Tode gestorben bin, akzeptiert das Smartphone endlich meinen Code und öffnet das Menü. Schnell tippe ich die erste Nummer.
1.
Wieder ein Klopfen.
1.
Erneut klopft es. Diesmal zweimal schnell hintereinander.
0.
Und noch einmal. Nur ein einziger Schlag.
Nein.
Mit einem lauten Knall landet mein Handy auf den Dielen.
Nein. Das kann einfach nicht wahr sein.
Dennoch drehe ich mich ruckartig herum, als es erneut klopft. Einmal lang, zweimal kurz, wieder lang.
Meine Kehle wird eng, Gänsehaut überzieht meinen Körper. Fünf Jahre habe ich dieses Klopfen nicht mehr gehört. Fünf verdammte Jahre lang und dann ausgerechnet heute Nacht?
Mit drei Schritten bin ich an der Terrassentür und ziehe nervös den Rollladen nach oben. Es kann einfach nicht sein, ganz sicher ist es Jannik oder irgendwer anders, der sich einen Scherz erlaubt. Er kann es nicht sein, das ist unmöglich.
Im Schein meiner Nachttischlampe erkenne ich zunächst zwei lange Beine in einer dunklen Jeans, dann eine schwarze Lederjacke und dann … lasse ich den Rollladen wieder los.
Ich muss ihn nicht weiter hochziehen, ich weiß, wer da vor meiner Tür steht. Freude und Schmerz schießen gleichermaßen durch mich hindurch, ich will ihn nicht sehen und gleichzeitig habe ich die letzten Jahre auf genau diesen Moment gewartet.
Als nichts weiter passiert, drückt der Mann vor der Tür seine Hand gegen das Glas. Eine stumme Bitte.
Ich schließe die Augen, atme einmal tief durch und sortiere meine Gefühle. Ich habe ihn unglaublich vermisst. Seine Ratschläge, seine ruhige Art, die seltenen Momente, in denen er gelacht hat. Seine Nähe an dem einen Abend vor sechs Jahren. Was ich allerdings nicht vermisst habe und was gerade jetzt in diesem Moment, da er vor meiner Terrassentür aufgetaucht ist, mit geballter Wucht zurückkommt, ist der Schmerz und die Wut darüber, wie er mich anschließend behandelt hat. Der Kuss war ein Fehler. Ich war ein Fehler. Das hat er mir mehr als einmal gesagt.
Mit einem Ruck ziehe ich den Rollladen endgültig nach oben, öffne ohne zu zögern die Tür und schaute auffordernd in Jonahs Gesicht. »Was willst du hier?« Keine Schwäche, noch nicht einmal ein freudiges Lächeln erlaube ich mir. Dafür hat er mich zu sehr verletzt.
»Hallo Len.«
Die kalte Nachtluft beißt in meine nackten Beine und ich kralle die Fußzehen zusammen. Jonah blinzelt, öffnet den Mund und schließt ihn wortlos wieder. Mein Gott, hat der eine Fahne! Er riecht, als hätte er einen ganzen Kasten Bier alleine geleert.
»Darf ich … reinkommen?«
Ich könnte ihn einfach stehen lassen. Die Tür wieder schließen und ihn aus meinem Leben ausschließen, so wie er es mit uns allen gemacht hat. Aber bevor ich reagieren kann, hat Jonah seinen Fuß durch die Terrassentür geschoben und ist so dicht vor mich getreten, dass sich seine Lederjacke in mein Nachthemd drückt. Alkoholdunst hüllt mich ein und automatisch mache ich ein paar Schritte zurück, bis ich mit den Waden gegen mein Bett stoße und unsanft auf meinem Hintern lande. Immerhin in weichen Decken und nicht auf dem Fußboden.
»Was willst du hier?«, wiederhole ich meine Frage und mustere ihn im Schein der Nachttischlampe genauer.
Jonah schließt die Terrassentür hinter sich und zieht sich mit einer fahrigen Bewegung eine Mütze vom Kopf. Seine dunkelblonden Haare trägt er an den Seiten kurz rasiert, auf seinem Gesicht liegt ein Bartschatten und obwohl seine Jacke kaum etwas von seiner Statur preisgibt, könnte ich schwören, dass er immer noch so verteufelt gut gebaut ist, wie früher. Ok, genau genommen weiß ich es, denn in ganz schwachen Momenten habe ich nach ihm gegoogelt. Und mir Fotos von Jonah Storm, dem Leadsänger von »D.U.N.K.E.L.« angesehen.
»Ich wollte dich sehen. Kann ich mich zu dir setzen?« Er deutet auf das Bett und bevor ich reagieren kann, lässt er sich neben mich plumpsen.
»Nein!« Erschrocken rücke ich ein wenig von ihm ab, aber Jonah grinst nur schief und lässt sich auf den Rücken fallen. Erst jetzt wird mir bewusst, das ich nur im Nachthemd vor ihm sitze. Im roten Weihnachtsnachthemd mit kleinen Schneeflocken drauf, passend zur Jahreszeit. Und passend zur Elchbettwäsche unter mir. Oh, verdammt, ich bin 26 Jahre alt und keine sechs mehr. Aber den Eindruck könnte man durchaus heute Nacht von mir gewinnen.
»Du warst auf meinem Konzert.« Er lallt ein wenig und mittlerweile bin ich mir sicher, dass er sternhagelvoll ist. Das kann einfach nicht sein Ernst sein.
»Ja, wie tausend andere Menschen auch. Jonah, es ist zwölf Uhr nachts! Ich muss morgen wieder früh raus. Du kannst nicht einfach nach fünf Jahren hier auftauchen, – betrunken –, und dich in mein Bett legen.«
»Jetzt hab dich nicht so. Früher hättest du auch nichts dagegen gehabt.« Er hat die Augen geschlossen, aber sein Grinsen ist so breit, dass seine weißen Zähne aufblitzen.
»Du bist ein echtes Arschloch!« Erneut wallt Wut über mich hinweg und ich kralle meine Hände in die Bettwäsche.
»Ich weiß, Len. Das brauchst du mir nicht auch noch zu sagen.« Seine Lieder flattern. Dann gähnt er und fährt sich mit den Händen über das Gesicht. »Ich wusste nicht, wo ich sonst hin soll.«
»Nach Hause?«, kommt es prompt aus mir heraus. Ich greife nach seinem Arm und zerre an seiner Jacke. Ein Fehler, denn sofort schließt sich Jonahs Hand um mein Handgelenk und er zieht mich zu sich herunter.
»Da … ich konnte da nicht hin«, nuschelt er undeutlich, aber ich verstehe ihn trotzdem. »Nicht so.« Er muss nicht erklären, was er mit »so« mein – ich rieche es deutlich.
Ich liege neben ihm – in meinem Bett – und spüre die Kälte, die er abstrahlt, deutlich auf meiner Haut. Wieder kriecht eine Gänsehaut über meinen Körper, aber diesmal bin ich nicht sicher, ob es wirklich von der Kälte kommt. »Du kannst hier aber auch nicht bleiben.«
Jonah hat dunkelbraune Augen. Schokoladenbraun, mit einzelnen karamellfarbigen Sprenkeln darin. Und als er jetzt die Lider öffnet und mich ansieht, und sich das warme Licht der Nachttischlampe in den Tiefen seiner Augen verliert, weiß ich, dass ich verloren bin. Fünf Jahre habe ich ihn gehasst. Und nach nur fünf Minuten liege ich schon wieder in seinen Armen und schmachte ihn an. Was bin ich doch erbärmlich!
Er hebt seinen Arm und streicht mir mit den Fingern federleicht über die Wange. »Ich habe dich vermisst, Len.«
Ein warmes Kribbeln fährt durch mich hindurch, findet mein Herz und bringt es zum Explodieren. Nein. Nein. Nein. Vor lauter Wut und Verzweiflung, weil seine Worte ein Gefühlschaos in mir hervorrufen, schießen mir Tränen in die Augen. Nein! Er kann nicht einfach nach fünf Jahren hier auftauchen und alles durcheinander bringen.
»Weiß deine Mutter, dass du hier bist? Weiß es dein Bruder?«, lasse ich nicht locker und rücke entschlossen ein wenig von ihm ab. So leicht gibt sich meine Wut auf ihn nicht geschlagen.
Jonah reagiert nicht. Erst als ich ihn in die Seite boxe, brummt er kurz. Dann dreht er sich herum, streift seine Schuhe ab und kriecht auf die linke Bettseite. »Nein. Und wir werden ihm auch nicht sagen, dass ich heute Nacht hier war. Ich will ihm nicht wehtun.«
Und da haben wir ihn. Den Grund, warum das zwischen uns nie funktionieren würde, warum es einfach nicht sein darf. Weil er seinen Bruder liebt und ihm nicht wehtun will. Denn sein Bruder ist in mich verliebt.
Ergeben betrachte ich den mittlerweile weltberühmten Rockstar, der neben mir im Bett liegt. Ein leises Schnarchen dringt zu mir hoch und macht mir deutlich bewusst, dass ich Jonah vor morgen früh nicht mehr aus meinem Zimmer bekomme. Vorsichtig hebe ich die Hand und streiche ihm eine Strähne aus der Stirn. Warum ist er hier? Warum nach all den Jahren ausgerechnet jetzt? Er hat sich nicht einmal bei mir gemeldet, hat uns nie zwischenzeitlich besucht. Und doch liegt er jetzt unbestreitbar neben mir.
»Was willst du hier, Jonah?«, flüstere ich leise und erwarte keine Antwort. »Was willst du wirklich?«

Mistelzweigmagie: Tag 3

Jonah Storm

Jonah

Montag, 3. Dezember

Der Fehler von Samstagabend entpuppte sich als äußerst ideenreiche und willige Unterhaltung, die mich das halbe Wochenende beschäftigte. Nur die Kombination mit weiteren Flaschen Whisky, Champagner und was die Minibar noch so hergegeben hat, hätte ich lieber gelassen.
»Geht es dir gut?«
Blöde Frage, natürlich nicht! Erneut hebt sich mein Magen und der letzte Rest Alkohol findet seinen Weg in die Kloschüssel vor mir. Meine Finger krallen sich um das weiße Porzellan und ein Zittern fährt durch meinen Körper. Scheiße, so fertig war ich das letzte Mal auf der Halloweenparty der Freiwilligen Feuerwehr. Und das ist zehn Jahre her. Fuck!
»Verschwinde!«, würge ich heraus und hoffe, dass die braunhaarige Tussi mich einfach alleine lässt. Was sie natürlich nicht tut. Immer diese Frauen mit ihrem Helfersyndrom.
»Soll ich dir eine Flasche Wasser bringen? Oder Kaffee? Oder einen deiner Kollegen anrufen?« Braungebrannte nackte Beine erscheinen in meinem Blickfeld neben der Toilette, während ich mich ein letztes Mal geräuschvoll erbreche.
»Hau einfach ab, okay?« Was genau versteht die Tussi an den Worten nicht?
Sie schweigt einen Moment, zögert. »Ich lege dir meine Nummer auf den Tisch. Kannst dich ja mal wieder melden, wenn du in der Nähe bist.«
Oh man! Und da sagt man, Männer seien schwer von Begriff. Ich stehe umständlich auf, ignoriere den Schwindel und das Dröhnen in meinem Schädel und drücke demonstrativ die Spülung. Das helle Badezimmerlicht über uns sticht in meinen gereizten Augen, doch ich zwinge mich nicht zu blinzeln, und beuge mich langsam zu der Tussi herunter. Sie hat strahlend blaue Augen und auf ihrer Nasenspitze entdecke ich einzelne kleine Sommersprossen. Sie war gut letzte Nacht. Und eigentlich ist sie auch ganz niedlich. Nur habe ich heute Morgen einfach kein Bock auf dieses mutterhafte Gesülze.
»Süße, ich bin Jonah Storm. Leadsänger einer der aktuell erfolgreichsten Bands der Welt. Was glaubst du, wie viele Weiber ich in den letzten Jahren gefickt habe? Und wie viele davon habe ich anschließend noch einmal angerufen?«
Sie presst ihre Lippen zusammen, dennoch kann sie ein Zittern nicht ganz unterdrücken. Was bin ich doch für ein Arschloch geworden! Ich warte ihre Antwort nicht ab, sondern gehe, nackt wie ich bin, an ihr vorbei in die Dusche. Erst als das Wasser auf mich herab prasselt, höre ich die Tür. Sie ist verschwunden. Endlich.
Ich drehe den Hahn auf kalt, warte, bis ich eine Gänsehaut bekomme und mein Körper unwillkürlich erschaudert, bevor ich das Wasser wieder auf angenehme Temperaturen regle. Emotionen rauschen durch mich hindurch. Der Samstagabend, die Euphorie und der Hype, wenn einem die Fans zujubeln, Len, die Sehnsucht und das Wissen, dass ich sie nicht haben kann. Die Leere danach, die Befriedigung der letzten Nächte, die Verantwortung und die Schuld, der ich so verzweifelt entfliehen will. Zurück bleibt Ekel. Vor allem vor mir selbst.
Warmes Wasser rinnt an meinem Körper hinab, spült alle Gefühle fort, bis die wohlbekannte Leere zurückbleibt. Ich habe all das hier nie gewollt. Wollte nie berühmt werden, wollte eigentlich nie erfolgreich sein. Es war Zufall, dass die Jungs und ich vor fünf Jahren bei einem Talentwettbewerb »entdeckt« wurden, Zufall, dass uns das Management und James innerhalb kürzester Zeit so erfolgreich aufbauen konnten. Was ich zu Beginn unserer Karriere als willkommene Ablenkung gesehen habe, ist immer mehr zu meinem persönlichen Horror geworden. Denn das hier ist nicht mein Traum. Es war der meines Vaters. Nur ihm zu liebe mache ich Musik, nur wegen ihm bin ich Jonah Storm. Und nicht länger Jonah Sander, der in einem kleinen Ort keine zwanzig Kilometer von hier wohnt, der seine Familie vor fünf Jahren verlassen hat, weil er die Verantwortung, die ihm viel zu früh aufgelegt wurde, nicht mehr ertragen hat. Nur ihm zuliebe. Nicht für mich.
Ich drehe das Wasser ab und verlasse die Dusche. Mein Kopf ist klar, mir geht es deutlich besser. Dennoch schrecke ich zusammen, als ich mir aus dem Spiegel über dem Waschbecken entgegenstarre. Meine Haut wirkt fahl, tiefe Schatten liegen unter meinen Augen. Meine dunkelblonden Haare sind zu lang und eine Rasur würde mir auch mal wieder gut tun. Ich habe mich verändert, ohne Frage.
Vielleicht liegt es an Tims nervtötender Fragerei vorgestern Abend, vielleicht an der überbemutternden Tussi heute Morgen. Aber zum ersten Mal seit Langem lasse ich den ehrlichen Gedanken zu, ob ich das hier alles wirklich noch will? Es ist ein abgewracktes Arschloch, das mir da entgegen schaut. Und schon lange nicht mehr ich selbst.
Alles andere als überzeugt stoße ich mich vom Waschbeckenrand ab und gehe zurück ins angrenzende Hotelzimmer. Das Bett ist verwühlt, meine Klamotten liegen im ganzen Zimmer herum. Zwei leere Champagnerflaschen stehen auf dem Nachtisch, daneben Zigarettenstummel und aufgerissene Kondompackungen. Mir wird erneut schlecht, als ich das Szenario betrachte, daher schnappe ich mir mein Handy und drehe dem Ganzen den Rücken zu.
Ich denke nicht nach, als ich eine Nummer wähle, erst als ich ihre Stimme höre, zucke ich zusammen.
»Hallo? Hallo, ist da jemand?«, fragt Len mit ihrer freundlichen, leicht dunklen Stimme.
Fuck! Was habe ich getan? Ich mache den Mund auf, will etwas sagen, irgendwas, aber ich bringe keinen Ton heraus. Meine Kehle ist wie zugeschnürt, doch mein Herz stolpert in meiner Brust und will mich daran erinnern, dass es immer noch schlägt. Sei nicht so ein Weichei, Jonah!
»Hi Len!«
Ein Tuten antwortet mir. Sie hat aufgelegt.
Es tutet ein weiteres Mal. Dann noch einmal. Dann muss ich lachen. Oh Mann, fünf Jahre habe ich sie nicht gesehen, nicht ein Wort mit ihr gesprochen und dann so ein peinlicher Auftritt. Ich denke an die Sehnsucht, als ich nach dem Konzert ihr Gesicht gesehen habe und dieses Mal kann ich sie nicht ignorieren. Len hält mich lebendig, hat sie schon immer. Der Wunsch, bei ihr zu sein, wird übermächtig. Ich will sie sehen, wenigstens das, zu mehr muss es ja nicht kommen.
Ein breites Grinsen schleicht sich in mein Gesicht und plötzlich fühle ich mich so aufgekratzt, wie schon lange nicht mehr. Nervosität packt mich und mit einem Mal weiß ich, was ich zu tun habe.
Erneut wähle ich eine Nummer und nach dem zweiten Klingeln nimmt Tim ab. Im Hintergrund höre ich Kindergeschrei und eine Frau beruhigend singen. Schlagartig sackt mein Magen eine Etage tiefer und mir wird abermals bewusst, was ich alles nicht habe.
Ich tue das Richtige.
»Tim? Ich fahre nach Hause.«

Mistelzweigmagie: Tag 2

Glitzersterne

Leonie

Sonntag, 2. Dezember

»Wie viele von diesen Sternen müssen wir eigentlich noch basteln?« Nora sieht mich, versteckt hinter einem Berg glitzernder Styroporsterne, zweifelnd an. Ihre kinnlangen blonden Haare sind völlig zerzaust vom vielen Haareraufen, an ihren Händen, auf ihrem blauen Pullover und selbst auf ihrem Gesicht kleben Spuren von Glitzer. Schmunzelnd beiße ich mir auf die Unterlippe, um nicht loszulachen.
»Ich weiß, du hasst basteln. Umso dankbarer bin ich dir, dass du mir hilfst!« Ich schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln. Es ist fünf Uhr Sonntagnachmittag, der erste Advent. Noch drei Wochen bis Weihnachten und nur noch zwei bis zum alljährlich stattfindenden Weihnachtsmarkt. Meine Stresshormone laufen noch auf Normalmodus, allerdings nur, wenn wir bis heute Abend fünfhundert Glitzersterne zur Dekoration der Verkaufsbuden auf dem Markt fertig gebastelt haben. Daher sitzen Nora und ich seit heute Mittag mit fünfzehn anderen Helfern im großen Besprechungsraum unseres Gemeindezentrums und basteln glitzernde Styroporsterne.
»Du weißt, dass ich dir nur helfe, weil du mir anschließend einen Caramel Macchiato mit extra Shot versprochen hast und nicht, weil ich freiwillig dem Orga-Team für den Adventsmarkt beigetreten bin. Nach dem Konzert gestern Abend hätte ich deutlich mehr Schlaf vertragen können.« Nora streckt mir die Zunge heraus, kann sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.
Das Konzert. Wieder durchfährt mich ein nervöses Kribbeln, wenn ich daran denke. Es war aufregend, laut, mitreißend. Und Jonah Storm hat die Show seines Lebens abgezogen. Er ist gut auf der Bühne und ohne jeden Zweifel hat er den Erfolg verdient. Für mich jedoch war es ein Schock ihn zu sehen. Jonah Storm, Jonah, der Jungen, mit dem ich groß geworden bin, bis er vor fünf Jahren entschieden hat Rockstar zu werden und unserem Ort den Rücken kehrte. Er war gestern so ganz anders als der Junge, den ich kannte, und doch war er ohne Zweifel derselbe. Das zumindest sagt mir mein Herz, das gestern Abend mit jedem Ton, jeder Note weiter zerbrochen ist.
»… aber abgesehen davon, hatte ich gerade nichts anderes zu tun. In diesem Kaff hier ist einfach nichts los.« Nora schnaubt demonstrativ.
Ich blinzle irritiert. Ich habe ihn nicht zugehört, so ein Mist!
»Außer der Weihnachtsmarkt in zwei Wochen«, stellt Nora weiterhin fest und rümpft die Nase. Ich kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Der Weihnachtsmarkt ist neben Fastnacht und Kerb eins der drei großen Jahreshighlights in Fichtenstein. Wirklich viel Aufregendes passiert in unserem sechstausend Seelen-Ort nicht – für Nora ein Drama, für mich jedoch der Hauptgrund hierzubleiben. Ich mag das Leben in Städten nicht, die Unpersönlichkeit und die Hektik. In unserem Ort kennt jeder jeden, das Leben folgt einer angenehmen Eintönigkeit und Ruhe, ohne große Überraschungen. Meine Eltern wohnen in Fichtenstein, fast alle meine Freunde sind hier geblieben. Ich wollte nie von hier fort, daher war es ein echter Glücksfall, dass ich an der örtlichen Grundschule eine Stelle als Lehrerin bekommen habe. Und mich – wie in den letzten Jahren auch – wieder um die Organisation des Weihnachtsmarktes, der immer am Wochenende des 3. Advents stattfindet, kümmern kann.
»Meinst du, die Feuerwehr macht wieder ihre Feuerzangenbowle?«, fährt Nora fort und ignoriert mein eintöniges Schweigen. Stattdessen blitzt Vorfreude in ihren Augen auf.
»Sicher. Und Dennis wird dich nur zu gerne wieder dazu einladen. Mit allen Konsequenzen«, gebe ich trocken zurück. Es ist kein Geheimnis, dass meine Freundin vor zwei Jahren mit unserem Stadtbrandinspektor aufs Übelste abgestürzt ist, und sie gemeinsam den Weg nach Hause gefunden haben. Der Rest ist Geschichte.
Nora grinst über beide Ohren. »Dass will ich doch sehr hoffen.«
»Nora«, beginne ich und greife mir ein neues Stück Styropor, um ein Stern auszuschneiden. »Du weißt, dass Dennis in dich verknallt ist. Vermutlich seit du in der sechsten Klasse mit ihm den Vortrag über das Paarungsverhalten der Wellensittiche gehalten hast.«
»Ja und? Kein Grund nicht regelmäßig mit ihm zu spielen.«
Ich werfe meiner besten Freundin einen strafenden Blick zu. Sie weiß genau, was ich ihr damit sagen will.
»Ach, hab dich nicht so. Ich sage nur, du und Jannik.«
Mein strafender Blick wird giftig. »Das ist etwas ganz anderes. Du weißt, dass da nichts läuft.«
»Aber du kannst nicht leugnen, dass er in dich verliebt ist. Vermutlich auch schon seit der sechsten Klasse.«
»Das ist völliger Blödsinn.« Ist es nicht und das weiß ich. Aber ich will so nicht über Jannik sprechen, will noch nicht einmal auf diese Art über ihn nachdenken. Denn Jannik ist mein bester Freund. Schon immer gewesen. Er ist für mich da, hört mir zu, muntert mich auf. Er ist unbeschwert, spontan und muss nicht andauernd über alles nachdenken, bevor er es tut. Er ist mein Gegenstück, meine positivere, fröhlichere Hälfte. Und ja, natürlich weiß ich, dass er in mich verliebt ist. Vermutlich wirklich schon seit der Schulzeit. Aber ich habe es nie erwidert. Auch wenn er bis heute darauf wartet.
»Wir werden sehen. Weihnachten hat ja seine ganz eigene Magie.« Meine Freundin zwinkert mir zu, bevor sie jemanden hinter mir fokussiert und sich ihr Mund zu einem spitzbübischen Grinsen verzieht. »Und scheinbar kann Jannik auch heute nicht ohne dich.«
Ein warnender Blick in Richtung Nora, dann drehe ich mich herum und suche nach einem blonden Lockenkopf im Gewusel der anderen Helfer. Blitzende blaue Augen finden meine und augenblicklich zupft die Fröhlichkeit an meinen Mundwinkeln.
»Na, Ladys, seid ihr schön fleißig?« Jannik kommt zu uns an den Tisch, greift sich einen Glitzerstern und dreht ihn in den Händen. »Wie viele müsst ihr davon machen?«
Jannik gehört zu den begehrtesten Männern bei uns im Ort – was an sich kein Kunststück ist, die Auswahl ist überschaubar. Dennoch … er ist groß, sportlich, hat blonde Locken und blaue Augen. Dazu hat er ein fein geschnittenes Gesicht und immer ein Lächeln auf den Lippen. Es gibt so gut wie niemanden, der ihn nicht mag. Und ich muss zugeben, dass er gerade heute mit seiner grauen Jeans, den Boots und dem engen schwarzen Pullover unverschämt gut aussieht.
»Fünfhundert«, stöhnt Nora theatralisch und deutet auf den Berg zwischen uns.
»Soll ich euch helfen? Und gleichzeitig mit dem neuesten Tratsch von der Fußballweihnachtsfeier unterhalten?« Jannik grinst verschwörerisch.
»Mein Platz gehört dir«, bietet meine Freundin großzügig an, doch Jannik geht um mich herum und setzt sich an den Tisch neben mich.
»Alles ok bei dir? Läuft die Orga?«, fragt er mich und kurz huscht Sorge über sein Gesicht.
»Klar! Du kennst mich, ich hab’s im Griff«, antworte ich und spüre Janniks Hand, die plötzlich auf meinem Arm liegt, überdeutlich. Die Wärme, die davon ausgeht, brennt sich durch meinen dünnen Pullover, bis sie meine Haut kitzelt. Ein Kribbeln breitet sich auf meinem Arm aus, Unruhe nimmt von mir Besitz. Aber es ist nicht richtig, es wäre einfach nicht echt.
Ja, Jannik ist in mich verliebt. Ich erkenne die Sehnsucht in seinen Augen. Es ist dieselbe, die ich in ganz seltenen Momenten in meinen eigenen finde. Wenn ich meinen Gedanken freien Lauf lasse und an diesen einen Abend vor sechs Jahren denke. Als ich schwach war und nicht nachgedacht habe. Dann kommt die Sehnsucht nach Liebe in mir hoch, die weder Florian, Patrick noch irgendeinem anderen Kerl in den letzte Jahren stillen konnten. Denn sie gilt keinem von meinen Ex-Freunden und auch nicht Jannik. Sie gilt einem ganz anderem.
Doch dann kommt die Erinnerung an den Schmerz, der daraus folgte. Und die Sehnsucht ist dahin.

Mistelzweigmagie: Tag 1

Der Fehler

Jonah

Samstag, 1. Dezember 2018

Der Bass vibriert laut durch meinen Körper. Meine Fingerspitzen kribbeln, meine Nackenhaare stellen sich auf. Nervosität packt mich.
Gleich.
Die erste Note, der erste Takt. Ich blinzle. Erkenne einzelne, gerötete Gesichter, verschwitzte Hände, die sich zur Bühne recken, darauf gierend mir nahe zu sein. Ich hole tief Luft.
Gleich.
Ich weiß, was ich tue, weiß, was von mir erwartet wird. Ich muss liefern, singen, spielen, die Massen begeistern. Und das kann ich verdammt gut!
Leise singe ich den ersten Ton, ein Flüstern, eine Liebkosung, und ein Kreischkonzert schlägt mir entgegen. Die Konzerthalle ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Hunderte, tausende hysterischer Fans, die von überall angereist sind, um uns zu sehen. Um mich singen zu hören. Kurz springt die Hysterie auf mich über, Freude und Begeisterung rauschen durch meinen Körper, aber schon nach dem letzten Takt des erstens Songs sind sie verschwunden und machen einer dumpfen Abgebrühtheit platz. Ich weiß, was ich tue, weiß, was sie alle von mir sehen wollen. Ihnen ist egal, ob ich hier stehe oder irgendein anderer. Hauptsache ich liefere eine atemraubende Show. Denn die Fans wollen mehr. Immer mehr. Und ich gebe ihnen alles.
Zwei Stunden später ist das Konzert zu Ende und bin ich völlig K.O.. Aber das Adrenalin rauscht immer noch durch meinen Körper, meine Ohren dröhnen und mein Puls durchschlägt jede Messlatte. Ich drücke meine Gitarre irgendeinem Bühnenarbeiter in die Hand, greife mir das Handtuch, das er mich hinhält, und wische mir den Schweiß aus dem Gesicht.
Ich bin schon fast von der Bühne, als mich ein letzter Blick auf das hysterische Publikum zurückhält. Und ich erschrocken zusammenzucke. Meine Finger verkrampfen und ein glühender Schmerz schießt durch mich hindurch. In der Menge geht sie fast unter, aber Lens Gesicht würde ich unter Tausenden wiedererkennen. Sie sieht mich nicht an, sondern diskutiert mit einer Frau neben ihr. Ihre langen dunkelbraunen Haare kleben ihr feucht auf der Stirn und die Begeisterung über meinen Auftritt steht ihn noch deutlich ins Gesicht geschrieben. Mein Atem geht stockend und plötzlich ist mir eiskalt. Fünf Jahre habe ich sie nicht gesehen und die Gefühle, die Sehnsucht, die jetzt über mir zusammenbricht, macht mich kaputt.
Ich will zu ihr, will mit ihr reden.
Aber ich kann nicht, alles daran wäre falsch.
Daher zwinge ich mich, meinen Blick von ihr zu reißen und weiterzugehen. Weg von der Bühne, weg von ihr.
»Was ein geiler Gig, Mann. Das war echt der Hammer!« Mick schlägt mir auf die Schulter, als ich im Backstage-Bereich ankomme. Hier ist es ruhiger, dunkler, weit weg von den hysterischen Massen vor der Bühne und den stechenden Scheinwerfern.
Meine Gefühle sind immer noch in Aufruhr, aber ich gebe mich ruhig. Schiebe meine Emotionen beiseite, wie ich es die letzten fünf Jahre getan habe. Gleichgültig zucke ich mit den Schultern und lasse das Handtuch, das ich immer noch in der Hand halte, achtlos fallen. »Ja, es war gut.« Okay, es war verdammt geil! Aber nach so vielen Jahren auf Tour hat mich der Abend nicht mehr wirklich umgehauen.
»Es war die Festhalle, Mann! Frankfurt! Endlich daheim.« Micks Wangen sind gerötet, Schweiß glänzt auf seiner Stirn und seine schwarzen Haare kleben ihm feucht am Kopf. Er sieht echt scheiße aus, aber die Euphorie glitzert in seinen Augen. Mick liebt dieses Leben, jede einzelne beschissene Sekunde davon.
Frankfurt. Daheim. Erneut sticht ein brennender Schmerz durch mich hindurch, erinnert mich daran, wo wir sind und was es mir bedeutet. Heimat, Erinnerungen, meine Familie. Verantwortung, die ich nicht mehr tragen wollte. Schuld und der verdammte Versuch, alles richtig zu machen. Ich will nicht weiter darüber nachdenken, über diesen Mist, den ich lange hinter mir gelassen habe, daher greife ich zur Flasche Jack Daniels, die mir Tim, mein anderer Bandkollege fragend hinhält, und nehme einen tiefen Schluck. Alkohol ist keine Lösung. Aber heute ist sie meine.
»Wow, Jonah, lass mir was übrig!« Feixend nimmt mir Tim die Flasche wieder aus der Hand. Wir sind in unserer Garderobe angekommen, die erstaunlicherweise noch vollkommen leer ist. Erschöpft lasse ich mich auf die schwarze Ledercouch fallen, während Tim und Mick sich auf zwei Stühle fläzen.
»Fährst du morgen nach Hause?«, fragt Mick seinen Kumpel. Er streckt seine langen Beine aus und fährt sich mit der Hand durch die klatschnassen Haare. Mick meint, er wäre der wiedergeborene Mick Jagger. Deshalb müssen wir ihn Mick nennen, statt Michael, und er trägt dieselbe Frisur wie sein großes Vorbild.
»Jep! Bis zum nächsten Konzert sind es ja noch zwei Wochen. Ich will meine Kleine mal wieder sehen.« Tims Tochter ist fünf. Und er hat sie in den letzten drei Jahren, in denen wir auf Tour waren, kaum zu Gesicht bekommen.
Das Adrenalin in meinem Körper flaut langsam ab und der Alkohol tut sein übriges, dass ich müde werde. Wie von alleine schließen sich meine Augen. Vielleicht sollte ich einfach ins Hotel fahren, so lange es noch geht. Wenn James mit den Weibern auftaucht, ist es vorbei.
»Und du, Jonah? Dein Bruder würde sich bestimmt freuen, da er ja leider nicht zum Konzert heute kommen konnte. Und ist da nicht dieses Mädchen …?«
Ich reiße die Augen wieder auf. Dunkle Haare, braune, warme Augen. Len. Nein, kein Mädchen. Zumindest nicht meins.
»Nein, ich bleibe hier im Hotel«, antworte ich verzögert und greife erneut nach der Whiskyflasche, die Tim auf den Tisch zwischen uns gestellt hat. Der Schock darüber, Len heute Abend gesehen zu haben, ist immer noch nicht ganz verschwunden. Fünf Jahre und plötzlich ist da ihr Gesicht. Und die verdammte Sehnsucht nach ihr ist kaum noch in den Griff zu bekommen. Fuck, verdammt!
»Willst du nicht wenigstens kurz vorbeischauen? Immerhin ist bald Weihnachten und direkt danach fliegen wir in die USA.« Tim sieht mich nachdenklich an. Ich weiß, was ihn umtreibt. Er macht sich Sorgen um mich. Unser Schlagzeuger ist um einiges empathischer als Mick und ich habe schon länger den Verdacht, dass er genau weiß, wie es in mir aussieht. Er hat hinter die Fassade geschaut und die verdammte Leere in mir gesehen, die jeden Tag wächst, mich jeden Abend mit jedem Konzert immer mehr auffrisst. Bis nichts mehr von mir übrig ist.
»Nein«, entgegne ich wortkarg, leere demonstrativ die Flasche und stelle sie zurück auf den Tisch. Jacky, mein Freund, du stellst wenigstens keine nervenden Fragen!
»Jonah, die letzten Monate haben uns allen zugesetzt. Gerade deshalb …«, setzt Tim an, aber ich würge ihn mit einer wütenden Handbewegung ab.
»Nein, Tim. Therapier Mick, aber lass mich in Ruhe.« Meine Zunge ist schwer vom Alkohol und zufrieden stelle ich fest, dass sich eine wohlige Wärme in meinem Körper ausbreitet. Es geht doch nichts über einen ordentlichen Vollsuff, um seine Probleme zu verdrängen.
Tim stützt sich mit den Ellenbogen auf den Knien ab und beugt sich zu mir. »Ich weiß, dass du das hier eigentlich gar nicht mehr willst. Vermutlich wolltest du es noch nie«, sagt er betont ernst und leise. »Und ich sehe mir nicht länger an, wie du dich mit dieser scheiß Band kaputt machst. Nur weil James immer mehr Konzerte spielen will, immer mehr Termine ausmacht und uns die Pressefuzzis auf den Hals hetzt. Vielleicht sollten wir es alle einfach gut sein lassen.«
»Red‘ keinen Quatsch, Mann«, unterbricht ihn Mick, bevor ich etwas erwidern kann. »Hysterische Frauen, die flachgelegt werden wollen, Geld ohne Ende und jeder Depp kennt deinen Namen. Was kann es Geileres geben?«
Familie, denke ich, Liebe. Aber ich spreche es nicht aus, denn zum einen sind das Dinge, die in meinem Leben keinen Platz mehr haben und zum anderen kommt in diesem Moment James mit zwei Tussis im Schlepptau in die Garderobe geplatzt. Die eine hat kurze blonde Haare, trägt einen Minirock und ist heute Abend ganz sicher leicht zu haben, die andere hat ihre braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und beäugt uns ehrlich interessiert. Ich mustere sie kurz und entscheide mich spontan für die braunhaarige Tussi. Sie erinnerte mich irgendwie an Len und ich weiß jetzt schon, dass es ein verdammter Fehler ist, sie heute Nacht zu vögeln. Aber ich kann einfach nicht anders.

Mistelzweigmagie: Mein Weihnachtsblogroman 2018

Bald ist es wieder soweit, die Adventszeit beginnt. Und da wir letztes Jahr alle so großen Spaß beim Lesen – und ich beim Schreiben – des Weihnachtsblogs hatten, wird es auch dieses Jahr einen geben.

Wie immer hänge ich im Zeitplan total hinterher, finde die Story aktuell super langweilig, die Figuren unausgegoren und eigentlich würde ich ihn am liebsten in die Tonne treten. Aber ich habe ja noch eine Woche 😉

Und wie auch letztes Jahr kämpfe ich mit den Herausforderungen, die so ein Blogkonzept mit sich bringt:

  • jeder Tag ist ein Kapitel
  • jedes Kapitel wird aus abwechselnder Perspektive erzählt
  • es müssen genau 24 sein – nicht mehr, aber auch nicht weniger
  • und… weder ein Lektor noch ein Korrektor werden ihn überarbeiten. Der Blog ist also wieder echt und vollkommen unzensiert von mir 🙂

Aber irgendwie werden wir das schon wuppen! Seid gespannt, in einer Woche geht es los mit:

Mistelzweigmagie

Len liebt ihr Leben. Die Ruhe und die Beschaulichkeit in dem kleinen Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Ganz besonders die Adventszeit und den Weihnachtsmarkt, für dessen Organisation sie zuständig ist. Alles könnte so einfach sein, wäre da nicht Jonah und der verdammte Kuss vor sechs Jahren, der sie einfach nicht mehr loslässt. Doch Jonah hat dem Ort den Rücken gekehrt, ist gegangen, um ein berühmter Rockstar zu werden – bis er plötzlich wieder vor ihrer Tür steht und ihr Leben gehörig durcheinanderwirbelt.

Jonah hasst sein Leben. Den Trubel, den Erfolg, die falschen Freundschaften. Doch in dieses Leben ist er geflüchtet, weil er die Verantwortung und die Schuld, die seit dem Tod seines Vaters auf ihm lasten, nicht mehr ertragen hat. Nach einem Konzert in der Nähe seines Heimatortes beschließt er, dorthin zurückzukehren. Er will sich seiner Vergangenheit stellen und schauen, was von seinem alten Leben noch übrig ist. Und er will Len sehen, die er von sich gestoßen hat, um seinen kleinen Bruder zu schützen. Denn auch dieser ist in sie verliebt.

Ich freue mich sehr auf das gemeinsame Lesen!

Alles Liebe,

Eure Izzy

 

„Zauberhaft verhext: (K)ein Märchen“ ist daaaaaaaaaaaaaa!

Ich platze vor Stolz euch heute mein mittlerweile viertes Buch präsentieren zu dürfen! An alle Romantiker, Märchenliebhaber, eine-leichte-Lektüre-für-Zwischendurch-Suchenden, auf-die-harten-Kerle-Stehenden … und an alle, die einfach mal wieder etwas von mir lesen wollen, hier kommt „Zauberhaft verhext: (K)ein Märchen„!

Mein großer Dank gilt auch hier wieder allen, die mich unterstützt haben dieses Manuskript von der ersten Idee bis zum endgültigen Buch fertigzustellen! Ohne euch würde ich das alles gar nicht schaffen!

Worum geht es?

zauberhaft-verhext_cover_kleinEine Fee. Zwei Männer. Drei Wünsche. Das ganz große Chaos!

LIZ. Stell dir vor, du hast drei Wünsche frei und einer davon ist „der perfekte Mann für dich“. Aber was tust du, wenn da am Ende des Abends zwei ganz unterschiedliche Männer sind und du nicht sagen kannst, welcher von beiden dein Herz tatsächlich höherschlagen lässt? Da ist Chaos vorprogrammiert, vor allem, weil sich nicht der Gentleman, sondern das unverschämte Arschloch immer mehr in dein Herz stiehlt – aber den wolltest du doch eigentlich nie. Oder?

BEN. Geld, Autos, Alkohol und Frauen. Ich bin auf dem Zenit meines Erfolges angekommen, bin da, wo ich immer hinwollte. Doch ausgerechnet jetzt holt mich meine Vergangenheit ein – und ich könnte alles verlieren. Aber ich lasse mir meinen Erfolg nicht mehr kaputtmachen, dafür habe ich zu hart gekämpft. Dann platzt Liz in mein Leben. Und macht alles noch viel komplizierter.

Ab sofort bei amazon als E-Book und Taschenbuch und kostenlos für alle KindleUnlimited Leser. Viel Spaß damit!

E-Book: https://www.amazon.de/dp/B07H322Y13
Taschenbuch: https://www.amazon.de/dp/1720232083

Meine Bücher leben von eurem Feedback! Daher freue ich mich sehr, wenn ihr mich mit Rezensionen und Likes unterstützt.

Eure Izzy

Hurra, „Schattenlicht: Goldenes Licht“ ist da!

Ihr Lieben, lang hat es gedauert, aber endlich – endlich! – hat mein neues Buchbaby das Licht der Bücherwelt erblickt. Ich habe mich diesmal an eine Fantasy-Triologie gewagt und kann euch heute voller Stolz den ersten Band präsentieren.

Ganz lieben Dank an alle, die mich dabei unterstützt haben! Ich hoffe, ihr habt so viel Spaß beim Lesen, wie ich beim Schreiben.

Worum geht es?

Schattenlicht frontEine Prinzessin. Ein Dieb. Ein König.
Liebe. Verzweiflung. Verrat.
Und eine geheimnisvolle Prophezeiung.

Siennas Welt bestand einst aus Glanz und Ruhm. Doch seit ihr Vater unheilbar krank zu sein scheint, regiert seine zweite Frau als Königin das Lichtland. Gesetze, die immer galten, werden missachtet, die Bevölkerung wird kontrolliert und geblendet, und ein unterdrücktes Volk wird zum Sündenbock gemacht. Hass und Unruhen nehmen zu und treiben das Lichtland an den Rand eines Bürgerkrieges. Mit der Ankunft des mächtigen Dunklen Königs überschlagen sich die Ereignisse.
In all dem Chaos kämpft die Lichtprinzessin darum, zu verstehen, was falsch und was richtig ist, und sie erkennt, dass es an der Zeit ist, Verantwortung zu übernehmen. Aber wem kann sie noch trauen? Ihrem Verlobten, dem Dunklen König, der bis zu seiner Rückkehr ins Lichtland ihre Träume bestimmt hat, oder dem undurchschaubaren, geheimnisvollen Thy, der kommt und geht, wie es ihm beliebt, der sie verhöhnt und provoziert und doch der Einzige ist, der sie mit der schonungslosen Wahrheit konfrontiert?

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Eure Izzy

Eine unvergessliche Adventszeit

24 Tage sind rum, 24 Kapitel veröffentlicht. Und ich bin immer noch vollkommen geflashed!

Ihr habt mich umgehauen, sprachlos gemacht und mir die wohl fantastischste Adventszeit beschert, die ich seit langem hatte. Ich kann mich gar nicht oft genug bei euch für euer Feedback, eure aufmunternden Worte, eure Unterstützung, eure Anregungen und all das Lob bedanken!! Es war ein mutiges, ehrliches Projekt und ihr alle habt mich wissen lassen, dass es jede Minute, die ich darauf verwendet habe, wert war. Fühlt euch alle umarmt, ganz lieben Dank dafür!!

Für alle, die den Blogroman nochmal auf in Ruhe lesen möchten, habe ich mich entschieden, ihn als eBook und als Taschenbuch herauszubringen (wie gesagt, meine Oma wäre mit dem Kindle ein wenig überfordert).

Hier geht’s zum eBook: http://amzn.to/2pd2IrU

Das Taschenbuch ist leider noch nicht online, der Veröffentlichungsprozess dauert wie immer gefühlte Jahre…

Wie geht’s weiter?

Pause! Nach einem so intensiven Schreibmonat freue ich mich auf ein wenig Ruhe, um Ideen und Inspirationen zu sammeln. Außerdem steht noch der ein oder andere Urlaub an 🙂 Aber das nächste Buchprojekt wartet bereits und ich verspreche, dass ihr spätestens im Februar von mir hören werdet.

Den Blog werde ich nutzen, um über neue Projekte zu informieren (ich verspreche, euch nicht zuzuspamen) … und wer weiß? Auch in 2018 gibt es wieder eine Adventszeit 😉

Euch allen fröhliche Weihnachten, besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!!

Eure Izzy

Zimtsternzauber: Tag 24

Zimtsternzauber oder ein Schneesturm im Sommer

Cedrik

Es ist Weihnachten. Ein Tag wie jeder andere und doch etwas besonderes. Für all die Kinder, die heute mit glänzenden Augen auf das Christkind warten, für all die Erwachsenen, die gestresst vom ganzen Jahr heute Abend endlich zur Ruhe kommen. Und zum ersten Mal seit Langem ist dieser Tag auch etwas besonderes für mich.
Schneeflocken tanzen vor dem Fenster. Durch halb geschlossene Augen verfolge ich ihr anmutiges Spiel, genieße die Stille um mich herum und lasse mich fallen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so ruhig war. So zufrieden, so glücklich. Hätte mich jemand vor vierundzwanzig Tagen gefragt, wo ich wohl an Weihnachten dieses Jahr aufwache, auf Zoes Kinderzimmer wäre ich im Traum nicht gekommen.
Ein leises Seufzen lässt mich schmunzeln. Ich drehe meinen Kopf und beobachte, wie Zoe die Nase rümpft. Ihre Lider flattern, sie wacht auf. Ihr Gesicht ist selbst im Winter von Sommersprossen bedeckt, und ich kann mich nicht bremsen und hauche ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. Sie schaut mich an und ich erkenne Unsicherheit in ihrem Blick. Es ist nicht der erste Tag, an dem wir gemeinsam in einem Bett aufwachen, aber es ist ganz sicher der erste Morgen mit rosa Pferdebettwäsche.
»Guten Morgen«, grinse ich sie vergnügt an und das warme Gefühl in meinem Bauch beginnt zu kribbeln. Und das verlangende Ziehen in meinem Unterleib, weil sie verdammte Kacke nackt neben mir liegt!
Zoe grummelt irgendetwas Unverständliches. Sie dreht sich auf die Seite, lässt mich dabei jedoch keinen Moment aus den Augen. So als könnte sie immer noch nicht glauben, dass ich tatsächlich neben ihr liege. Kann ich auch nicht, wenn ich mir die Porzellanfiguren auf dem Fenstersims betrachte, die vor Kitsch nur so strotzen. Meinen Schwanz interessiert das allerdings recht wenig, der schreit trotz des unerotischen Firlefanz nach Aufmerksamkeit.
»Was ist das zwischen uns?« In ihrer Frage schwingt ihre ganze Unsicherheit mit und am Liebsten würde ich laut aufstöhnen. Frauen! Immer müssen sie allen analysieren, kategorisieren und benennen. Kann man den Dingen nicht ab und zu einfach ihren Lauf lassen? Und vögeln?
»Ist das wichtig?«, frage ich daher und lasse meine Hand unter ihre Bettdecke gleiten. Also genau genommen ist es auch meine, denn wir haben uns heute Nacht um Wendy buchstäblich gekloppt. Doch da sie die Decke irgendwann für sich entschieden hat, liege ich jetzt splitternackt, unbedeckt und offensichtlich angeturnt neben ihr.
»Ja, ist es.«
Unbeirrt setze ich meinen Weg fort, finde ihren warmen Bauch, fahre zu ihrer Taille und ziehe sie mit einem Ruck an mich heran. Mein steinharter Schwanz drückt sich an ihren Körper und das Verlangen rast wie Feuer durch meine Adern. Oh Baby, du willst jetzt nicht ernsthaft reden, oder?
»Mmh … dann lass mal sehen, was das zwischen uns ist«, raune ich ihr leise zu, während ich spielerisch mit den Fingern ihren Körper hinaufgleiten. Zoe zischt, als ich ihre Brüste berühre und ihre Brustwarzen unter meiner Liebkosung hart werden.
Mein Mund verzieht sich zu einem boshaften Grinsen. »Im Moment ist da eine überflüssige Decke zwischen uns.« Mit einem Ruck ziehe ich sie ihr von den Schultern, so dass sie ebenso nackt wie ich vor mir liegt.
Zoe keucht empört auf und ich nutze den Moment und schmiege meinen Kopf in ihre Halsbeuge. Ihr Duft nach Zimt hüllt mich ein und vernebelt mein Gehirn. Meine Hände fahren wie von selbst über ihren nackten, warmen Körper und ich merke deutlich, wie ihr Widerstand dahinschmilzt. Lächelnd schließe ich die Augen, folge mit meinem Mund einer unsichtbaren Spur ihren Hals hinauf, spüre ihren aufgeregten Puls an meinen Lippen.
Ein leises Stöhnen durchdring die Stille, als Zoe ihren Kopf hebt und ihre Lippen verzweifelt auf meine drückt. Ich lache amüsiert in ihren Mund, weil ich sie sowas von im Griff habe und erwidere ihren Kuss mich absichtlicher Zurückhaltung. Zoe ächzt frustriert, schiebt ihre Zunge in meinen Mund und krallt ihre Hände in meinen Rücken. Heißes Verlangen explodiert in meiner Mitte. Oh scheiße, ja, Baby!
Mit einer einzigen Bewegung bin ich über ihr und drücke sie in die Kissen. Dunkelgrüne Augen funkeln mich an, sprühen förmlich vor Liebe und Leidenschaft. Gestern Nacht war es dunkel, jetzt am helllichten Morgen erkenne ich umso deutlicher, was ich seit langem bereits weiß. Zoe ist in mich verliebt.
Ich halte inne, sehe sie nur an. Mein Körper liegt nackt auf ihrem, hart und bereit, sie sofort zu nehmen. Zoes Atem geht hektisch und heißes Verlangen schlägt mir entgegen. Aber da ist etwas, was ich ihr sagen muss. Bevor ich sie vögle und alle anderen Gedanke auslösche. Da ist diese eine Sache, die all das zwischen uns endgültig macht.
Zoe bewegt ihre Hüfte, ihre feuchte Mitte trifft meinen harten Schwanz und ein gequältes Keuchen entfährt mir. Jetzt oder nie.
»Ich bin in dich verliebt, Zoe.«
Oh man, habe ich das echt gesagt?
Ihre Augen werden kugelrund, während ich mich mit einem einzigen harten Stoß in sie stoße. Und sie hoffentlich vergessen lasse, was ich eben gesagt habe. Aber Zoe hebt ihre Hand, legt sie an meine Wange. Dann öffnet sie ihre Lippen, flüstert ein paar Silben, aber ich verschließe ihren Mund mit einem Kuss. Ich brauche ihre Antwort nicht hören, denn ich weiß bereits alles, was ich will.
Ein Klopfen an der Tür lässt uns zusammenfahren.
»Zoe?«
Ich halte inne, mein Schwanz pulsiert in ihrer Mitte, aber ich bin unfähig mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
»Zoe, bist du da? Wir wollen gleich in den Gottesdienst gehen und ich wollte fragen, ob du nicht mitkommen möchtest?«
Fuck! Ernsthaft?
Zoe sieht mich panisch an. Und ich sehe ebenso panisch zurück.
»Ja, Mama. Ich … ich komme gleich.«
Mir entfährt ein Fluch. Wohl kaum! Sie liegt immer noch nackt unter mir, und ich will das jetzt verdammt noch einmal zu Ende bringen. Aber mein Schwanz realisiert sehr schnell, dass das wohl nichts mehr wird.
»Warum zur Hölle wohnst du noch bei deinen Eltern?« Meine ganze Frustration bricht sich ihre Bahn, während ich mich schwungvoll neben sie zurück auf das Bett werfe.
»Du weißt, warum. Oliver. Aber in drei Wochen ziehe ich in eine eigene Wohnung neben Tinas Apartment.« Sie zuckt bedauernd mit den Schultern, lächelt mich entschuldigend an. »Hast du Lust auf Frühstück?«

***

Wir frühstücken zum Glück nicht bei ihren Eltern. Das hätte mir auch wirklich den Rest gegeben. Stattdessen hat mich Zoe in ein kleines Café um die Ecke eingeladen, das trotz der anbrechenden Weihnachtsfeiertage geöffnet hat. Hier sitzen wir nun bei Kaffee und Croissants und Zimtsternen, die in einer hölzernen Schale mitten auf dem Tisch stehen. Ich muss über die Ironie beinahe lachen, denn dieser verdammte Zimtgeruch verfolgt mich jetzt, seit ich Zoe wieder getroffen habe.
»Warum hast du gekündigt?« Zoe nippt an ihrem Latte macchiato und schaut mich erwartungsvoll an. Ich seufze innerlich. Der schöne Teil des Morgens liegt hinter uns, jetzt muss ich wirklich reden. Und dabei hatten wir noch nicht einmal richtigen Sex.
»Ich habe mir meinem Vater gesprochen. Über unsere Erkenntnisse über die Nero Investment Group, über ihre Machenschaften, den Start-ups das Geld aus der Tasche zu ziehen.«
»Und was hat er gesagt?«
»Er …« Gibt mir die Schuld daran. Aber das kann ich nicht aussprechen, auch weil es nur zum Teil der Wahrheit entspricht. »Er meinte, der Agentur ginge es finanziell nicht besonders gut, und dass dies der einzige Weg gewesen wäre, sie zu retten.«
»Das kann nicht sein Ernst sein!« Zoe starrt mich fassungslos an. Sie kennt meinen Vater nicht, ihm war das bitterernst. Die Firma steht über allem. Über ihm, der Familie, über jedem anderen Menschen, der ihn davon abhält erfolgreich zu sein. Das war schon immer so. Und daran werde ich auch nichts ändern.
»Was tun wir jetzt?«, fragt Zoe, als ich nichts sage.
Ich nippe an meinem Espresso, bevor ich ihr antworte. Auch, weil ich einen Moment Zeit brauche, um meine Gedanken zu sortieren. »Ich habe mit Max gesprochen. Er hat Einblicke in die Finanzen und ist dabei herauszubekommen, wie viel Geld mein Vater tatsächlich mit der Nero Investment Group verdient hat. Es gehört uns nicht, daher werden wir es zurückgeben.«
»Aber die Group wird weitermachen!«, braust Zoe auf und rote Flecken bilden ich auf ihren Wangen, weil sie sich so aufregt. Sie bringen mich zum Schmunzeln und wieder breitet sich dieses wohlig warme Gefühl in meinem Bauch aus. Zoe ist impulsiv, wütend und stur. Und ich frage mich einmal mehr, wie so ein Vollidiot wie Oliver sie so lange an sich binden konnte.
»Nein, wird sie nicht. Ich habe Jordan kontaktiert, aber er hat über meine Drohungen zur Polizei zu gehen nur gelacht. Es wäre nichts Illegales an der Sache, meint er. Also fliege ich nächste Woche nochmal nach New York. Ich werde Julia treffen und Jeff. Wir überlegen uns etwas, und gemeinsam werden wir dem ein Ende machen.«
»Ich komme mit!« Davon werde ich sie auch nur schwer abhalten können.
»Das dachte ich mir«, entgegne ich lächelnd. »Außerdem schulde ich dir noch einen Besuch auf dem Empire State Building, das ging bei unserem letzten Trip leider … unter.«
»Du hast dich stattdessen betrunken«, stellt Zoe fest und funkelt mich zornig an. Aber ihre Mundwinkel zucken verräterisch. Sie trinkt noch einen Schluck aus ihrem Kaffee und kaut anschließend nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Fuck, wenn sie das weiterhin tut, können wir unser Gespräch vergessen und ich zerre sie zurück ins Bett. In mein Bett, wohlgemerkt, wo uns keine Mutter mehr stört!
»Hast du deshalb gekündigt?«, kommt Zoe auf ihre eigentliche Frage zurück. »Weil dein Vater mit drin steckt und du gegen ihn ermitteln wirst?«
Ich atme tief durch. Jetzt kommt der schwere Part. »Nein. Ich habe gekündigt, weil ich endlich etwas alleine schaffen muss. Du hattest recht mit dem, was du im Aufzug zu mir gesagt hast. Ich verstecke mich hinter meinem Vater. Und irgendwie auch hinter meinem Bruder. Ich war zornig auf die ganze Welt, daher muss ich endlich meinen eigenen Weg gehen.«
»Mmh.« Sie greift nach meiner Hand, die locker auf dem Tisch zwischen uns liegt, und fährt sanft mit ihrem Daumen darüber.
»Und was ist das zwischen uns, Cedrik?« Ihre Frage von heute Morgen.
»Ich weiß es nicht«, antworte ich ihr ehrlich. Und dann zwinge ich mich die Worte noch einmal auszusprechen, vor denen ich so große Angst habe. Weil sie es verdient hat. Weil es die Wahrheit ist. Und ja verdammt, auch weil heute Weihnachten ist, und ich wenigstens ein gutes Geschenk heute machen möchte. Für sie. Für mich. Für uns. »Ich habe mich in dich verliebt, Zoe. Weil ich dich brauche. Nicht für die Firma oder irgendeinen Job. Für mich.«
Sie sieht mich an, wie sie mich vor fünfzehn Jahren schon angesehen hat. Also wäre ich ihr persönlicher Held vom Schulhof, als gäbe es nur mich. Und heute weiß ich, dass es tatsächlich so ist.
Zoe schweigt einen Moment, dann verzieht sich ihr Mund zu einem warmen Lächeln. »Das ist ein Anfang, Cedrik Baumann. Darauf können wir aufbauen.«
Und dann beugt sie sich vor, über den Tisch mit den vermaledeiten Zimtsternen, und küsst mich.