Lebkuchenliebe: Tag 24

Lebkuchenliebe

Tom

Donnerstag, 24. Dezember

Letztes Jahr an Weihnachten lag ich in Mexiko am Strand. Emilia neben mir, ein Tequila Sunrise in meiner Hand. Dieses Jahr … nun ja, ist es nicht Mexiko. Und es ist auch nicht Emilia und schon gar kein Cocktail. Stattdessen verharrt auf mir der strafende, ja beinahe schon vernichtende Blick meiner Mutter, der mich an den gleichen Punkt wie vor vier Wochen bringt: Steckt mein Gehirn eigentlich immer noch im Winterschlaf fest, dass ich schon wieder in diesem verfickten Fichtenstein bin?
»Tom, wir hatten eine Vereinbarung!« Fuck, ich komme mir vor wie ein Zehnjähriger. Man sollte doch meinen, dass ich in den letzten Jahren etwas dazugelernt habe. Aber diese »Ich-bin-ja-so-enttäuscht-von-dir«-Predigten können Mütter leider in jedem Alter.
Ich fahre mir aufgebracht durch die Haare. »Ja, ich weiß. Es war ein Fehler, ich habe keinen anderen Ausweg gesehen. Es kommt nicht wieder vor.«
»Ich kann dir das leider nicht glauben. Ich bin sowas von enttäuscht von dir!« Und da haben wir es. Sie schürzt ihre Lippen, auf denen ein dezenter blassrosa Lippenstift liegt. Insgesamt sieht meine Mutter fantastisch aus, erstaunlich erholt und entspannt. Vielleicht sollte ich ihr das sagen, Komplimente helfen bei Frauen doch immer, oder?
»Ich weiß, es tut mir leid! Aber wenn du mir nicht glauben kannst, dann vertraue Ella. Sie …« Ich halte kurz inne und überlege, wie ich formuliere, was in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert ist. »Sie wird ein Auge auf mich haben.«
Eine dunkle Augenbraue hebt sich, Überraschung breitet sich auf ihrem Gesicht aus. »Du bist ihretwegen hier, oder? Du bist für Ella nach Fichtenstein zurückgekommen?«
»Ja. Ich mag sie«, schiebe ich schnell und ein wenig undeutlich hinterher.
Ich dachte immer, jede Gefühlsregung meiner Mutter zu kennen, doch nun werde ich eines Besseren belehrt. Ihre Augen nehmen einen verzückten Glanz an, ihre Wangen werden rosig und ihre Lippen verziehen sich zu einem strahlenden Lächeln. »Das freut mich!«
Ich rutsche unruhig auf meinem Stuhl hin und her, dann stehe ich auf. Wir sollten das Gespräch beenden, bevor es noch peinlicher wird. »Also, sind wir uns einig?«, frage ich und komme damit auf unser eigentliches Gesprächsthema zurück.
Auch meine Mutter erhebt sich, greift nach unseren Tellern und Tassen und stapelt sie übereinander. Anschließend geht sie hinter die Verkaufstheke unseres Cafés. »Sind wir. Ich behalte das Café, du wirst Geschäftsführer. Und nach Weihnachten geben wir eine Stellenanzeige für zwei Mitarbeiter auf, weil du das nie im Leben alleine schaffst!«
Ich nicke zustimmend. »In Ordnung. Wie lange wirst du noch in Fichtenstein bleiben?«
Meine Mutter bleibt mir die Antwort schuldig, weil in diesem Moment ein Schwall kalte Luft in das Café rauscht und mit ihr Leon und Ella. Ich drehe mich grinsend herum und kann nicht verhindern, dass ich ganz automatisch Ellas Blick suche. Sie lächelt mir zu, geht jedoch zunächst zu meiner Mum und schüttelt ihr die Hand. »Fröhliche Weihnachten, Frau Westen!«
Ach ja, da war ja noch was!
»Hey Mann, du bist wieder da!« Leon kommt zu mir, haut mir auf die Schulter, dann zieht er mich in eine kurze Umarmung. »Was für eine Weihnachtsüberraschung! Ich konnte es heute Morgen kaum glauben. Ich habe euch echt nicht gehört, letzte Nacht.«
»Du lagst gefühlt im Koma, als Ella und ich gestern Abend aus Hamburg zurückgekommen sind!«, gebe ich trocken zurück. Und das ist noch untertrieben. Er lag komplett angezogen auf seinem Bett und hat so laut geschnarcht, dass es bis in Ellas Zimmer röhrte.
Leon verzieht entschuldigend das Gesicht. »Fichtensteiner Weihnachtstradition: Party im Krug am dreiundzwanzigsten.« Er zögert kurz. »Bist du nächstes Jahr dabei?«
Ich sehe zu Ella, die sich mit meiner Mum unterhält. Dennoch bin ich mir sicher, dass sie jedes unserer Worte mit anhört. »Bin ich«, sage ich knapp, auch wenn diese zwei Worte so viel mehr bedeuten.
Mein Freund stößt die Luft aus, dann liege ich plötzlich noch einmal in seinen Armen. »Gott, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin! Wir hätten dich hier echt vermisst. Wir alle! Nicht nur meine Schwester.« Er zwinkert. »Sag mal, gibt es schon Bagels oder macht ihr erst wieder nach Weihnachten auf?«
Ein helles Lachen antwortet ihm. »Da musst du dich noch etwas gedulden, Leon«, klärt ihn meine Mum auf und deutet auf die leere Verkaufstheke. »Wir öffnen erst am elften Januar wieder. Bis dahin wollen wir uns ein paar Gedanken um das Konzept machen, nicht dass sich diese beiden Streithähne hier wieder in die Haare bekommen.«
Ella prustet empört, ich rolle mit den Augen. Leon lacht schallend.
Ich nutze den Moment, um näher an Ella heranzutreten. »Hättest du kurz?«, frage ich sie und als sie nickt, ziehe ich sie mit mir fort in die Backstube. Ich weiß, dass sie und Leon gleich zu ihren Eltern wollen. Doch da ist noch etwas, was ich ihr geben möchte. Was ich ihr sagen möchte, bevor wir alle Weihnachten feiern. Und das kann nicht länger warten.
»Hier hast du ernsthaft geschlafen?«, fragt Ella und schaut sich interessiert um. Die Backstube ist leer, meine Mum hat das Café zwischenzeitlich nicht geöffnet.
»Äh, ja. Dort hinten.« Ich deute fahrig in eine Ecke, dann greife ich nach etwas, das auf der Arbeitsfläche direkt neben der Tür liegt und verstecke es hinter meinem Rücken. Kacke, ich bin echt nervös.
Ella geht weiter in die Backstube hinein, ich folge ihr. Nachdem sie die Ecke, in der natürlich keine Matratze mehr liegt, kritisch begutachtet hat, dreht sie sich zu mir herum. »Ich hätte nicht gedacht, dass du wirklich nach Fichtenstein mitkommst«, sagt sie und ich muss schlucken. »Und dass du bleiben willst.«
Eine unausgesprochene Frage schwingt in ihren Worten mit. Mit einem Schritt bin ich bei ihr. »Doch, das werde ich. Und ich habe hier etwas für dich. Ich weiß, es ist kein tolles Weihnachtsgeschenk, also eigentlich ist es gar kein Geschenk, aber ich wollte dir noch etwas sagen.« Bevor ich mich zum größten Volltrottel in ganz Fichtenstein mache, ziehe ich das Lebkuchenherz hinter meinem Rücken hervor. Ich bin heute Morgen in aller Frühe aufgestanden und habe es gebacken. Etwas besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein, um Ella zu zeigen, dass ich es ernst meine. Mit uns, mit diesem Café und damit, in Fichtenstein bleiben zu wollen.
Doch Ellas Augen werden kugelrund, als sie das braune noch warme Herz in meinen Händen sieht. Es ist mit Zuckerguss verziert und nur ein einziges Wort steht in der Mitte. Dein.
»Oh mein Gott!« Sie quietscht ein wenig und am liebsten würde ich die Backstube direkt verlassen. Mann, ich bin echt zum hormongetriebenen Softie mutiert!
Ihre Finger berühren meine, während sie mir das Herz aus der Hand nimmt. »Wehe du erzählst Leon davon!«, knurre ich, muss aber ebenfalls grinsen, als sie leise lacht.
»Auf gar keinen Fall«, kichert Ella verschmitzt. »Damit habe ich dich in der Hand, Tom. Für immer.«
Aber ich bin noch nicht fertig. Es gibt da eine Sache, die ich ihr noch nicht gesagt habe. Ich trete noch näher an Ella heran, lege meine Hände an ihre Wangen und küsse sie sanft. »Ich habe mich in dich verliebt, Cinderella. Und niemand, nicht einmal eine tote Krähe, werden mich wieder aus Fichtenstein vertreiben.«
Sie sieht mich an. In ihren Augen liegt ein verdächtiger Glanz und tief in mir drinnen rastet etwas ein. Und da weiß ich, dass ich angekommen bin. Dass ich wieder zu Hause bin. Nicht mehr reisen werde, nicht mehr den Drang verspüre, weiter zu müssen. Ich bin da, wo ich hingehöre. Zu Hause. Bei Ella. Endlich.

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Liebe Leser,

mein diesjähriger Weihnachtsblogroman „Lebkuchenliebe“ ist zu Ende und ich hoffe, er hat euch beim Lesen so viel Spaß gemacht, wie mir beim Schreiben 🙂

Wie immer gibt es den Blog ab sofort als eBook und auch als Taschenbuch auf amazon. Wenn ihr mir einen großen Gefallen tun wollt, schreibt mir eine kurze Rezension. So werden vielleicht noch mehr Leser auf die Geschichte aufmerksam, die den Adventsblog verpasst haben.

eBook: Lebkuchenliebe: Ein Weihnachtsblogroman

Jetzt bleibt mir nur noch einmal DANKE zu sagen.

…an Melanie, Mandy, Helga und Jaddy, die den Roman vorab gelesen und mir noch ein paar wertvolle Tipps für die Überarbeitung mitgegeben haben! Ihr wart großartig! Vielen Dank!
…an Sarah, für das traumhafte, super kitschige und knallbunte Cover! Es passt so wunderbar zu Geschichte, ich liebe es!
…an Maix, für die Stunden am Telefon, für das Mutmachen, dass ich die Geschichte nicht in die Tonne werfe, sondern darüber nachdenke und überarbeite! Nur dank dir hat auch Leon seinen Platz gefunden – und ohne ihn wäre »Lebkuchenliebe« deutlich weniger witzig geworden.
…an meine Korrekturfee Bianca, die mir jeden Tag die kleinen Fehler geschickt hat, die sich leider hartnäckig im Text versteckt hatten!
Und natürlich an euch alle, die Ella & Tom durch den Advent begleitet haben. Ich habe mich riesig über jede einzelne Rückmeldung gefreut!

Ich wünsche euch noch eine wundervolle Weihnachtszeit, ruhige und besinnliche Feiertage und einen guten Start ins Neue Jahr! Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Eure Izzy

Lebkuchenliebe: Tag 23

Entscheidungen

Ella

Mittwoch, 23. Dezember

Ich gähne herzhaft, strecke meine Beine und Arme aus und zucke schmerzhaft zusammen. Oh, Hölle! Ich habe den Muskelkater des Jahrtausends.
»Na, Cinderella, endlich wach?«
Erschrocken reiße ich die Augen auf. Tom steht im Türrahmen von Jans Gästezimmer in Hamburg, ein verschmitztes Grinsen im Gesicht und – dem Himmel sei Dank – zwei Pappbechern in den Händen, aus denen ein verführerischer Kaffeeduft strömt.
»Es ist noch viel zu früh!«, brumme ich, drehe mich herum und ziehe mir die Decke über den Kopf.
Toms Lachen erfüllt das Zimmer, ein fröhliches, befreites Lachen, das mir durch und durch geht und das ein aufregendes Prickeln durch meinen ganzen Körper schickt. Die Matratze senkt sich, als Tom sich neben mich setzt. Etwas tastet über die Decke, dann zieht er sie mit einem Ruck von meinem Kopf.
»Na gut, dann gebe ich den Mochaccino mit einem extra Shot Espresso und Karamellsoße eben Jan.«
Augenblicklich fahre ich hoch und greife nach einem Pappbecher. »Wage dich!«
Toms Grinsen wird breiter. Langsam gleitet sein Blick über mich hinweg, seine Augen werden dunkel. Und ich sehe ihm deutlich an, dass er nicht länger über den Kaffee nachdenkt. Ich schlucke hart, als er mir den Becher wieder aus der Hand nimmt und seine Finger anschließend über meine Wange wandern lässt. Den Hals hinab, über mein Schlüsselbein bis zu meiner nackten Brust. Er kommt näher, ich rieche den herben Duft von Kaffee und seinem Aftershave.
»Tom«, flüstere ich an seinen Lippen, die Augen geschlossen und dankbar um jedes Quäntchen Willensstärke, das ich noch aufbringen kann. »Wir müssen reden.«
»Jetzt? Bist du sicher?« Er küsst meinen Mundwinkel, fährt spielerisch mit der Zunge meinen Wangenknochen entlang bis zu der empfindlichen Stelle hinter meinem Ohr. Eine Gänsehaut rennt über meine Haut, ein leises Keuchen entfährt mir.
»Ja!«
»Was ja?«
Ich spüre an meiner Haut, wie er grinst. Oh verdammt, Tom spielt immer noch mit mir. Und als seine Hand über meinen Bauch wandert, über meinen Schoß bis zu der pochenden Stelle zwischen meinen Beinen, ja, verdammt, da lasse ich es zu.

***

»Du hast mir versprochen, nicht mehr zu spielen. Wirst du dich daran halten?«
Wir sitzen auf Jans Gästebett. Angezogen. Mittlerweile ist es hell draußen und ich muss bald nach Fichtenstein zurück. Länger als einen Tag kann ich meine Eltern mit der Bäckerei nicht alleine lassen. Außerdem ist morgen Weihnachten und das würde ich zwar gerne mit Tom, jedoch nicht in Hamburg verbringen.
Tom seufzt, streckt seine Beine aus und lehnt sich zurück gegen die Wand. »Ja. Das gestern war ein Fehler. Ich habe das letzte Mal gespielt, versprochen!«
»Wenn ich dich noch einmal im Casino erwische, erzähle ich alles. Von Carlos und Emilia, von der Entführung und den verdammten Schulden.« Das ist mein Ernst. Ich will nicht, dass er jemals wieder so einen Fehler macht.
Tom nickt. Seine dunklen Haare fallen ihm ins Gesicht, er lächelt schwach. Er weiß, was auf dem Spiel steht. »Woher wusstest du, wo ich bin?«
»Das war leicht.« Ich drehe den Pappbecher zwischen meinen Händen. Ein Rest Milchschaum ist noch darin, aber mit der Karamellsoße ist das beinahe der beste Teil an diesem Getränk. »Ich habe Leon gefragt. Er hat mir Jans Nummer gegeben und dann habe ich mein Glück in den Casinos versucht. Im zweiten habe ich dich gefunden.«
»Woher kannst du so gut spielen?« Tom hat sich zu mir gedreht und beginnt, mit meinen Haaren zu spielen. Aber diesmal lasse ich mich nicht ablenken. Da ist eine Sache, die ich noch wissen muss.
»Von Leon!« Ich grinse breit. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass er seine wöchentlichen Pokerrunden bei uns im Wohnzimmer veranstaltet, ohne dass ich dabei bin?«
Er lacht und schüttelt den Kopf. »Nein. Da hätte ich von alleine drauf kommen können.« Sein Daumen streicht zärtlich über meine Wange, ich greife nach seiner Hand und verschränke unsere Finger. »Was hast du jetzt vor? Was willst du tun?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe das Café an meine Mum verkauft und ich brauche Geld. Vielleicht kann ich fotografieren. Oder wieder irgendwo ein Café eröffnen.«
Der Witz verfehlt seine Wirkung. In meinem Bauch gefriert etwas. Es sind nicht unbedingt die Worte, auf die ich gehofft hatte. Aber zumindest ist er ehrlich.
»Und wenn ich dich bitte, mit mir zu kommen? Zurück nach Fichtenstein? Um dort zu bleiben?«
Tom schaut mich an. Sein Lächeln fällt in sich zusammen, seine nachtblauen Augen werden trüb. Er hat Angst. Und die Wahrheit fährt durch mich hindurch und lässt ein Trümmerfeld zurück. Wie konnte ich so naiv sein? Wie konnte ich mich wieder auf ihn einlassen, mich noch einmal in ihm verlieren? Wie konnte ich nur glauben, die Situation wäre heute eine andere als vor zehn Jahren?
Er wird mich wieder verlassen.
Weil er einfach so ist.
Und Menschen ändern sich nun mal nicht.

Lebkuchenliebe: Tag 22

Das letzte Spiel

Tom

Dienstag, 22 Dezember

»Jingle bells, Jingle bells, Jingle all the way. Oh, what fun it is to ride in a one-horse open sleigh, hey.«
Hatte ich schon erwähnt, dass Weihnachten so gar nicht mein Ding ist? Warum sie selbst im Casino dieses Gedudel laufen lassen müssen, ist mir schleierhaft. Über die Karten hinweg schaue ich zu dem Herrn im dunkelblauen Hemd. Er sieht aus wie ein Geschäftsmann, gepflegte Kurzhaarfrisur, glatt rasiert, Designerbrille. Aber der erste Eindruck kann täuschen, niemand verrät auf den ersten Blick alle seine Geheimnisse. Ohne ein Wort zu sagen, schiebt er ein paar Chips in die Mitte des Spieltisches. Er geht mit. Die Karten legt er anschließend verdeckt vor sich.
Ich bin dran. Mit kalter Miene schaue ich in die Runde. Eine ältere Frau in einem dunkelroten Kleid und einem modernen Longbob kaut nervös auf ihrer Unterlippe herum. Ein weiterer Mann um die Vierzig ist bereits ausgestiegen. Ein flaues Gefühl macht sich in meinem Bauch breit, als ich ebenfalls kommentarlos ein paar Chips in die Mitte werfe, kurz warte und dann drei weitere abzähle und dazulege. »Ich erhöhe auf Fünfhundert.«
Ein flaues Gefühl. Ekel. Ich hasse es, hier zu sitzen. Und zu spielen. Ich hasse mich selbst dafür. Das Glücksspiel war lange ein Teil von mir, etwas womit ich mich identifiziert habe, das meinen Charakter, mein Leben bestimmt hat. Und das mich jetzt nur noch anwidert. Meine Mum würde mich umbringen, wenn sie wüsste, dass ich im Esplanade Casino in Hamburg bin. Ich musste ihr hoch und heilig versprechen, nie wieder zu spielen. Sie hat meine Schulden bei Carlos bezahlt, dafür habe ich ihr das Café überschrieben. Doch die halbe Millionen Euro, die ich ihm geschuldet habe, ist das Café einfach nicht wert. Ich fühle mich furchtbar, dass ich meine Mum so hintergehe, nur um ihr möglichst schnell ihr Geld zurückzugeben. Ich sollte gehen und dieses Kapitel endlich abschließen.
Zehn Minuten später stapelt sich die doppelte Menge Chips vor meiner Nase. Doch ich freue mich nicht, der übliche Freudentaumel bleibt aus. Ich gewinne Geld, mehr nicht.
»Spielen Sie noch eine Runde?«, fragt der Croupier.
Der Mann Mitte Vierzig verabschiedet sich, ebenso die ältere Dame. Nur der Geschäftsmann bleibt sitzen genauso wie ich. Nur noch dieser eine Abend, sage ich mir. Nur noch dieses eine Spiel.
Mein Handy vibriert in der Hosentasche. Schnell werfe ich einen Blick darauf, während zwei weitere Personen am Tisch Platz nehmen. Eine Nachricht von meiner Mum. Das kann warten. Doch als ich mein Smartphone in meine Hosentasche schiebe, vibriert es erneut. Noch eine Nachricht. Noch einmal meine Mum. Schnell entsperre ich das Handy und öffne WhatsApp. Nicht, dass doch etwas passiert ist. Überrascht reiße ich die Augen auf, als ich das Foto sehe, das sie mir geschickt hat. Mein Magen krampft, Scham überkommt mich. Der Bildschirm zeigt ein Bild von mir am Spieltisch. Ich trage einen schlichten schwarzen Pullover, vor mir ein Haufen Chips. Das Foto kann keine zwei Minuten alt sein. Darunter steht die eindringliche Nachfrage, was genau ich in einem Casino machen würde?
Fuck!
Mein Kopf ruckt nach oben, ich schaue mich hektisch um, doch auf den ersten Blick entdecke ich niemanden, der wie meine Mutter aussieht. Woher kommt dann das Foto? Stirnrunzelnd sehe ich es mir genauer an, da ich entdecke ich den kleinen grauen Pfeil darüber. Sie hat das Bild weitergeleitet, jemand anderes muss es geschossen haben.
Mit einem mulmigen Gefühl wende ich mich wieder dem Spieltisch zu. Und den beiden neuen Mitspielern, die eben mir gegenüber Platz genommen haben. Aus dem mulmigen Gefühl wird eine mittelgroße Magen-Darm-Grippe, als ich sehe, wer in der nächsten Runde mitspielen wird. Und mich so unauffällig ignoriert, dass es nur Absicht sein kann. Ella.
»Was zur Hölle tust du hier?« Fassungslos schaue ich sie an. Die Realität in meinem Kopf will einfach nicht mit dem übereinpassen, was ich gerade sehe.
Langsam dreht sie ihren Kopf in meine Richtung. Sie ist geschminkt, hat ihre Haare streng zurückgesteckt und trägt ein schwarzes Kleid. Wenn ich sie nicht kennen würde, hätte ich sie auf den ersten Blick für jemand völlig anderen gehalten. Für jemanden, der weiß, wie man spielt, dem man nicht trauen darf, der glatt und unberechenbar ist. Jedoch nie im Leben für Ella. Meine Ella.
»Ich war neugierig, was dich am Poker so fasziniert.« Sie lügt. Erstaunlicherweise verdammt gut.
Ich erwidere nichts, schaue sie nur skeptisch an und versuche meine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Doch alleine Ellas Anblick haut mich um. Die Sehnsucht ist mit einem Schlag wieder da, das schlechte Gewissen, die Schuld ihr gegenüber. Und der Schmerz, weil sie mir fehlt. Weil ich sie in meinem Leben haben will. Doch genau das ist etwas, was nie passieren wird. Was also macht sie hier?
Mir fällt es schwer, mich auf das Spiel zu konzentrieren, als der Croupier die Karten verteilt. Stattdessen wandert mein Blick immer wieder über den Tisch zu Ella. Wie sie keine Miene verzieht, ihre Karten nur kurz ansieht und dann vor sich auf den Tisch legt. Wie sie nickt und ihre Chips elegant in die Mitte schiebt. Und spätestens in der dritten Runde, als der erste Mitspieler bereits ausgestiegen ist, wird mir klar, dass sie das hier nicht zum ersten Mal tut.
»Herr Westen?«
Ich zucke zusammen.
»Herr Westen, Sie sind dran!«
Ich blinzle. Ein Blick auf die neu aufgedeckte Karte auf dem Tisch, dann zähle ich meine Chips ab. »Ich gehe mit und erhöhe um fünfzig Euro.«
Der Geschäftsmann schüttelt den Kopf. »Ich bin raus.«
Bleiben Ella und ich. Die letzte Runde.
Der Croupier deckt die letzte Karte auf. Einen Pik-Buben.
Ein Schmunzeln huscht über Ellas Gesicht. In meinem Bauch flimmert etwas auf. Unsere Blicke treffen sich und ich könnte schwören, dass sie wie ich an die Nacht in der Lagerhalle denkt.
»Ich gehe mit«, sagt Ella sachlich ohne den Blick von mir zu nehmen. »Und ich erhöhe den Einsatz. Ich biete dir eine Nacht mit mir an.«
Der Geschäftsmann verschluckt sich an seinem Gin Tonic und hustet überrascht auf. Ich reagiere gar nicht. Lausche nur dem Dröhnen in meinen Ohren und meinem Herzschlag, der mit einem Mal viel zu schnell geht.
»Das ist nicht zulässig«, weißt der Croupier Ella zurecht, doch diese zuckt nicht einmal mit der Wimper.
Es wäre absolut falsch darauf einzugehen, aber ich will verdammt sein, wenn ich es nicht tue. Denn natürlich empfinde ich etwas für Ella. Etwas Warmes, Neues, Aufregendes, das ich so noch nicht kannte. Etwas, dass mir Sicherheit vermittelt und gleichzeitig ein unverhohlenes Verlangen nach ihr schürt.
»Was willst du dafür haben?« Mir ist klar, dass ich diesen Einsatz nicht mit Geld aufwerten kann.
»Wenn ich gewinne, hörst du mit dem Spielen auf.«
»Ausgeschlossen.«
Ella sieht mich nur lange an. Nichts lässt darauf schließen, was sie denkt. Verdammt, seit wann kann sie ihre Gefühle so gut verstecken?
»Hast du Angst zu verlieren, Tom?« Es ist ausgeschlossen, dass ich verliere. Vor allem nicht gegen Ella. Das ist geradezu lächerlich.
»Hat dich meine Mum geschickt?« Immerhin hat Ella ihr auch das Foto von mir geschickt.
»Nein. Also?« Sie lässt ihre Zunge über ihre Unterlippe gleiten. Wie paralysiert starre ich darauf, ein brennendes Verlangen im Bauch. Sie spielt mit mir.
»In Ordnung!« Die Worte verlassen schneller meinen Mund, als ich nachdenken kann. Plötzlich bin ich mir der zweifelnden Blicke der übrigen Mitspieler mehr als bewusst. Sie halten den Atem an, wollen ebenso wie ich wissen, wer gewinnt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das zulässig ist, was wir hier tun. Aber selbst der Croupier schreitet nicht weiter ein.
»Also, Cinderella, was hast du?«, frage ich und hebe provokant eine Augenbraue.
In Seelenruhe deckt Ella ihre beiden Karten auf, anschließend legt sie drei der offenen Spielkarten dazu. Erst dann verziehen sich ihre vollen Lippen zu einem Lächeln. Einem gefährlichen Lächeln, das einen Blitz durch meinen Körper schießt. Und mein Leben mit einem Schlag auseinanderbricht.
»Einen Straight Flush.«
Fuck!

***

»Hier, der geht auf mich!«
Ein Schnapsglas wird vor mich geschoben, das ich ohne zu zögern ansetze und abkippe. Tequila. Die Ironie der ganzen Situation entgeht nicht einmal mir.
»Warum?«, frage ich, nachdem ich noch einen weiteren Schnaps hinuntergestürzt habe. Dieser Abend ist ohne Alkohol nicht zu überstehen.
»Warum ich hier bin?« Ella sitzt neben mir auf einem Barhocker, die Beine übereinandergeschlagen, den Blick so selbstsicher und entschlossen, als würden wir hier nicht in einem verdammten Casino an der Bar sitzen, sondern bei ihr zu Hause im Wohnzimmer. »Weil ich die letzte Nacht nicht geschlafen habe. Und die davor auch nicht. Und ich wissen muss, ob das tatsächlich an dir liegt oder an dem ganzen Mist der letzten zwei Wochen.«
»Ella«, beginne ich gequält, weil sie das unmöglich ernst meinen kann. »Ich bin nach Hamburg verschwunden, weil es das Richtige war. Du hast die letzten beiden Wochen alles dafür getan, dass ich Fichtenstein wieder verlasse. Ich habe dich verletzt, mit dir gespielt, verdammt, ich habe dich in Gefahr gebracht. Das werde ich mir nie verzeihen. Ich tue dir nicht gut, du solltest zurück nach Hause fahren, die Bäckerei deiner Eltern übernehmen und glücklich werden.«
»Vielleicht war es das Richtige für dich zu verschwinden, Tom. So wie du es vor zehn Jahren gemacht hast und vermutlich auch die ganzen letzten Jahre. Aber für mich, für mich war es das nicht.«
Ein Funken erwacht in mir und ich bekomme das alles nicht mehr sortiert. »Was meinst du damit?« Der Alkohol rinnt warm durch meine Adern, lässt mich entspannen, dennoch bin ich hellwach.
»Dass ich verrückt sein muss. Völlig irre und unzurechnungsfähig, dass ich dir nach Hamburg gefolgt bin und dass ich …« Sie rutscht von ihrem Stuhl, tritt näher auf mich zu und schiebt sich zwischen meine Beine, bis sie direkt vor mir steht. Nur einen Fingerbreit entfernt. »… dass ich mich in dich verknallt habe, Tom Westen.«
Ich starre sie verblüfft an. In ihre tiefgrünen Augen, die mir mittlerweile so vertraut sind. Und auch wenn ich gehört habe, was sie gesagt hat, kann ich es immer noch nicht begreifen. Ich will ihr widersprechen, will wiederholen, was ich eben gesagt habe und absolut ernst meine. Ich tue ihr nicht gut.
»Ella, ich …«
Doch sie küsst mich. Einfach so. Verschluckt meinen Protest, der an ihren Lippen dahinschmilzt. Es dauert nur einen Herzschlag, dann hat mein Körper und das Verlangen nach ihr die Oberhand gewonnen. Ich lege meine Arme um ihre Taille und ziehe sie an mich. Näher, bis sich ihr Oberkörper an meinen presst und ich ihren Mund mit einer Leidenschaft erobere, der meine Zweifel Lügen straft.
Außer Atem schiebt Ella mich von sich, aus dunklen Augen sieht sie mich an. »Tom?«
»Mmh?«
»Wir sollten von hier verschwinden.«
»Aber ich habe verloren, schon vergessen?«
Sie lächelt mich an. »Aber nicht mich.«

Lebkuchenliebe: Tag 21

Was das Herz will

Ella

Montag, 21. Dezember

Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei.
Langsam wiederhole ich diese Worte in meinem Kopf, bis ich nichts anderes mehr denken kann. Bis der Schmerz verschwunden ist, die Leere endlich wieder ihren Platz hat und ich einfach nichts mehr fühle. Ich bin ruhig, ausgeglichen, kein nervliches Wrack mehr wie letzte Nacht. Wo mich die Verzweiflung überrollt hat, die Panik nach mir griff und ich keine Luft mehr bekommen habe, weil ich jeden Augenblick Angst hatte, dass Emilia plötzlich in der Tür steht.
Leon ist irgendwann aufgetaucht, hat mich wortlos in seine Arme geschlossen und gehalten, als ich zusammengebrochen bin. Er hat kein Wort gesagt, hat keine einzige Frage gestellt. Ich war ihm unendlich dankbar. Auch heute Morgen hat er mein verheultes Aussehen nicht kommentiert. Er hat mir allerdings mein Lieblingsmüsli zubereitet und die Spülmaschine ganz ohne zusätzliche Aufforderung ausgeräumt. Ich liebe meinen Bruder. Dafür einmal mehr.
Als ich nur eine Stunde später in der Bäckerei stehe, frage ich mich, was ich hier eigentlich tue. Ich hätte in meiner Wohnung bleiben sollen, so, wie es mir meine Eltern angeboten haben. Denn jeder einzelne Kunde, der an diesem Tag vorbeikommt, will wissen, wie es mir geht. Und jeder fragt nach Tom. Ob ich etwas gehört habe, ob ich weiß, ob er wiederkommt und sein Café erneut öffnet. Warum er so plötzlich verschwunden ist – nachdem er mich gerettet hat. Es ist anstrengend, all diese Fragen zu beantworten. Und die wenigstens Antworten, die ich gebe, sind wahr.
Bis zum Abend bin ich völlig durch. Körperlich wie nervlich. Ich schleppe mich zurück in meine Wohnung, lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen und überlege, ob ich nicht einfach direkt hier im Flur liegenbleiben kann. Doch dann dringen vertraute Stimmen an mein Ohr und der Duft nach einem asiatischen Curry liegt in der Luft. Ich muss lächeln, weil Jenna genau weiß, wie sehr ich asiatisches Essen mag. Ich zwinge mich, das Lächeln im Gesicht zu halten, bis ich zu ihr und meinem Bruder in die Küche komme. Einfach, weil sie sich sonst nur noch mehr Sorgen machen würden.
»Du musst nicht lächeln. Die Grimasse nimmt dir sowieso niemand ab«, enttarnt mich mein Bruder jedoch sofort. Meine Mundwinkel fallen herab. Auch gut.
»Ich habe was zum Abendessen gekocht. Isst du mit?« Jenna steht am Herd und rührt mit einem Löffel in einem dampfenden Topf herum.
»Eigentlich habe ich keinen Hunger«, wehre ich ab, doch sofort wirft Jenna Leon einen alarmierten Blick zu.
»Na gut!« Ich gebe mich geschlagen, bevor sie beide auf mich einreden können. Der Tisch ist bereits gedeckt, daher lasse ich mich müde auf einen Stuhl plumpsen. Leon setzt sich mir gegenüber, Jenna stellt den Topf auf den Esstisch und nimmt neben ihm Platz. Sie verteilt das Essen. Grünes Thai Curry, mein Lieblingsgericht. Tränen brennen plötzlich in meinen Augen, weil ich so dankbar bin, diese beiden Personen zu haben. Die mich kennen, denen ich nichts erklären muss. Die einfach da sind, wenn ich sie brauche.
»Danke!«, bricht es aus mir heraus und ich blinzle verzweifelt, aber eine Träne kullert trotzdem meine Wange hinunter.
Jenna greift über den Tisch nach meiner Hand. »Sag mir, wie ich dir helfen kann und ich tue es!«
»Das weiß ich. Danke!« Schnell schaufele ich einen großen Löffel Curry in meinen Mund, bevor ich noch richtig anfange zu heulen. Oder die Wahrheit aus mir herausbricht. Denn weder Jenna noch Leon wissen, was wirklich hinter der Entführung steckt. Oder was Tom alles getan hat. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass Leon eine Ahnung hat.
»Ich habe mit Tom telefoniert«, sagt Leon ruhig und handelt sich prompt einen Ellenbogenknuff von Jenna ein. »Er ist in Hamburg bei Jan. Er hat gefragt, wie es dir geht.«
Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei. Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei.
»Was hast du gesagt?«, will ich wissen und esse weiter, als wäre nichts gewesen. Als würde nicht ein Sturm an Gefühlen durch meinen Körper tosen, mein Herz auseinanderbrechen, und mich beinahe dazu bringen, Leon ins Gesicht zu brüllen. Ich will seinen Namen nicht mehr hören. Nie wieder.
Leon senkt den Kopf, rührt in seinem Curry herum, ohne etwas zu essen. »Ich weiß nicht genau, was in den letzten zwei Wochen zwischen euch vorgefallen ist, Ella. Und ich will mich auch nicht einmischen. Aber du solltest auch sehen, was du erreicht hast. Du gibst Backworkshops, du hast die Bäckerei renoviert. Du warst so voller Energie, wie ich dich schon sehr lange nicht mehr erlebt habe.« Ich wurde auch noch nie so gedemütigt, noch nie so vorgeführt, noch nie so belogen.
»Ich habe ihm gesagt, dass es dir gut geht. Aber wir alle wissen, dass es nicht stimmt. Und du solltest mal darüber nachdenken, ob das wirklich nur an der Entführung liegt.«
Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei. Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei.
»Leon!«, fährt ihn Jenna aufgebracht an. »Wie kannst du so etwas sagen! Die Entführung war für Ella die Hölle! Sie ist immer noch total verstört! Oh Mann!« Sie funkelt meinen Bruder an und sieht direkt danach wieder zu mir. In ihren Augen glänzt Sorge.
»Es ist schon in Ordnung«, höre ich mich sagen, auch wenn es das ganz und gar nicht ist. Ich lege mein Besteck beiseite, der Hunger ist mir vergangen. »Ich bin dann in meinem Zimmer.«
Ich stehe auf, stelle meinen halbvollen Teller in die Spüle und verlasse unsere Küche. Hinter mir höre ich Jenna mit Leon schimpfen, doch er widerspricht ihr. Der Hauch eines Lächelns zupft an meinen Lippen. Irgendetwas sagt mir, dass endlich mehr zwischen den beiden ist, als nur Freundschaft. Und das freut mich für sie. Wirklich.
In meinem Zimmer ist es dunkel, nur das Licht der Straßenlaterne leuchtet durch das Fenster. Vorsichtig tapse ich zum Bett, mein Blick fällt auf meine Fotokamera, die auf meinem Nachttisch liegt. Ich kann noch nicht einmal sagen warum, aber ich greife danach und lasse mich anschließend in mein Bett fallen. Das Display flimmert hell auf, als ich sie einschalte und mir die aufgenommenen Bilder anzeigen lasse. Es sind die Fotos vom Ehemaligentreffen, ich habe sie noch nicht gelöscht. Leon und seine Kumpels am Spieltisch, Jenna in der Bar, Denise und ihre Freundinnen. Hundert Schnappschüsse von fröhlich lachenden, feiernden Personen. Ich klicke mich durch die Fotos, bis ich müde werde und immer wieder über meine Augen reibe. Doch plötzlich sehe ich mich selbst. Nicht auf dem Ehemaligentreffen, sondern in meinem Wohnzimmer auf der Couch. Woher kommt dieses Foto? Wer hat es gemacht? Ich erinnere mich an den Abend, Jenna war da und wir haben Fernsehen geschaut und Pizza gegessen. Es muss Toms erste oder zweite Nacht bei uns gewesen sein. Natürlich könnte Jenna das Bild gemacht haben, aber etwas sagt mir, dass sie es nicht war. Vielleicht liegt es daran, wie das Foto aufgenommen wurde. Der Winkel ist interessant, das Lichterspiel auf meinem Gesicht. Hier war jemand an der Kamera, der wusste, was er tat. Tom.
Mein Herz zieht sich zusammen, meine Brust verkrampft.
Ich atme. Ich lebe. Ich bin frei.
Aber bin ich das? Bin ich das wirklich? Ich habe mir eingebildet, ein Kuss mit Tom würde mein Verlangen nach ihm stillen. Würde diesem irrationalen Sehnen in meinem Bauch ein Ende machen. Aber das Gegenteil war der Fall. Es war unglaublich, ihn zu küssen, es hat sich angefühlt wie im freien Fall. Nur das ich, als ich wieder zu mir gekommen bin, immer noch falle. Und mich nichts und niemand halten kann.
Er hat mich belogen, ausgenutzt, lächerlich gemacht. Nur wegen seiner Spiele, wegen seiner Fehler wurde ich entführt. Ich sollte in zum Mond wünschen. Ihm keine einzelne Träne hinterherweinen. Doch als jetzt mein Foto vor meinen Augen verschwimmt, weiß ich, dass ich genau das nicht kann.
Mein Herz macht, was es will. Ganz egal ob ich nun fünfzehn oder fünfundzwanzig bin.

Lebkuchenliebe: Tag 20

Ein erster letzter Kuss

Tom

Sonntag, 20. Dezember

Ich habe Herzklopfen. Verdammt, ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal Herzklopfen hatte. Oder ob überhaupt schon einmal. Doch als ich jetzt vor der Traditionsbäckerei Stark stehe, auf deren Glasfenster ein neues, modernes Logo prangt, rast mein Herz. Meine Hände schwitzen und um meinen Brustkorb hat sich eine Schlinge gewunden, die sich mit jeder Sekunde weiter zuzieht. Dennoch setze ich jetzt entschlossen einen Fuß auf die erste Stufe, schaue ein letztes Mal nach oben in den blaugrauen Winterhimmel und klopfe dann an die Glastür zur Bäckerei.
Es ist Sonntag und die Bäckerei hat geschlossen. Doch von Leon weiß ich, dass Ella trotzdem hier ist. Sie will noch ein paar Handgriffe erledigen, bevor die Bäckerei morgen wieder eröffnet. Sie hatte seit Ellas Verschwinden am Donnerstag geschlossen. Leon hat mir erzählt, dass sie den Verkaufsraum renoviert haben. Ein neuer Anstrich, ein neues Regal und ein paar Kleinigkeiten, die sie verändert haben. Wie auch das neue Logo. Es freut mich sehr für Ella, dass sie ihre Ideen umsetzen konnte. Dass sie der Bäckerei ihre eigene Note verliehen hat. Daher verstehe ich auch, dass sie heute hier ist, um noch einmal alles zu überprüfen. Auch wenn jeder andere vermutlich den Kopf darüber schüttelt und eher erwartet, dass sie sich nach den Strapazen der letzten zwei Tage ausruht. Aber so ist Ella nicht. Sie schaut nach vorne.
Ich klopfe erneut gegen die Glastür, weil noch niemand aufgemacht hat. Der Verkaufsraum ist leer, doch jetzt kommt Ella aus der Backstube. Als sie mich sieht, bleibt sie stehen. Sie schüttelt leicht den Kopf, anscheinend ist sie sich unsicher, ob sie mit mir reden will. Doch dann gibt sie sich einen Ruck, kommt zur Tür und öffnet mir.
»Hey, Tom!« Ella sieht müde aus. So als hätte sie die letzte Nacht kein Auge zugetan. Ich habe sie seit gestern Morgen nicht mehr gesehen, seit meine Mum Carlos sein verdammtes Geld gebracht hat. Carlos und Emilia sind anschließend verschwunden, keine Ahnung wohin. Ich will es auch gar nicht wissen.
»Hey!«, antworte ich platt. Natürlich wäre es leichter gewesen, direkt zu verschwinden. Fichtenstein den Rücken zu kehren. Ella zu verlassen. Aber es wäre nicht nur leichter, es wäre feige. Und ein Feigling bin ich nicht.
»Komm rein!« Sie macht drei Schritte in den Verkaufsraum hinein. Warme Luft und der so einzigartige Duft von Lebkuchen schlägt mir entgegen, als ich ihr folge.
Ella presst ihre Lippen zusammen, sieht mit einer Mischung aus Verachtung und grenzenloser Enttäuschung zu mir hoch. Sie wartet, dass ich etwas sage. Aber in meinem Kopf ist plötzlich nur noch Leere. Jedes Wort meiner kleinen Entschuldigungsrede ist verpufft.
»Wow! Das nennst du einen Waffenstillstand?«, feixe ich und sehe mich um. Die Bäckerei ist in einem warmen Gelbton gestrichen, die alte Bank vor dem Fenster ist verschwunden, dafür steht ein schmaler Stehtisch in der Ecke. Auch die völlig übertriebene Weihnachtsdeko ist auf ein Minimum reduziert. Es sieht nett aus, moderner.
»Leon und Jenna haben das gemacht.« Sie blinzelt irritiert. »Während ich weg war.«
Ich versuche mich an einem Lächeln. »Es sieht hübsch aus. Es passt zu dir.« Wieder entsteht eine Pause. »Die Polizei war bei mir. Sie suchen jetzt nach Carlos und Emilia. Allerdings haben sie von Erpressung und Lösegeld gesprochen. Von meinen Schulden wussten sie nichts. Du … hast es ihnen verschwiegen, oder?«
»Ja, Tom«, antwortet sie ruhig. Ihr Gesicht verrät nicht, was sie denkt. Zum ersten Mal kann ich ihre Gefühle nicht lesen. »Ich habe ihnen nichts von dir erzählt, von deiner Spielerei und deinen Schulden. Weder der Polizei noch meinen Eltern oder Leon.«
Ich schlucke hart. »Das hättest du nicht tun müssen.«
»Nein, das hätte ich nicht.«
Sie hat es für mich getan. Sie gibt mir damit eine Chance. Niemand aus Fichtenstein weiß um den echten Grund für Ellas Entführung, nach außen sieht es so aus, als wäre sie entführt worden, um Geld von ihren Eltern zu erpressen. Und ausgerechnet ich habe sie gerettet. Niemand weiß von meinen Schulden oder dem Geld, das meine Mum Carlos gebracht hat. Und meine Mum wird kein Wort sagen.
Ich hole tief Luft, stoße sie hart wieder aus. Erst dann schaue ich Ella an. Ihre wirren dunklen Locken, ihre matten grünen Augen, in denen sich noch die Strapazen der letzten Tage spiegeln. »Ich bin hier, um mich zu verabschieden«, sage ich schlicht, obwohl ich doch so viel mehr sagen sollte.
Ihre Augen weiten sich und endlich zuckt eine Gefühlsregung durch ihr Gesicht. Verzweiflung.
»Ich habe Mist gebaut und nie im Leben wollte ich, dass du da mit hineingezogen wirst. Das werde ich mir nie verzeihen. Es tut mir so leid, Ella«, sprudelt es plötzlich aus mir heraus. Die Worte drängen gegen meine Lippen, ich kann sie nicht mehr aufhalten. »Ich weiß, wie ich mich dir gegenüber die letzten Wochen verhalten habe. Es war ein Spiel, wir beide hatten Spaß, zumindest am Anfang. Aber dann habe ich die Kontrolle verloren. Ich …« Ich fahre mir durch die Haare. »Ich kann mich nicht kontrollieren, wenn ich spiele. Dann denke ich nur noch ans Gewinnen, unbedingt, und verliere aus den Augen, was das für andere bedeutet. Oder auch für mich. Es tut mir leid. Ich hätte dir nicht so nahe kommen dürfen, ich hätte nicht mit dir spielen dürfen.«
Schrei mich an, Ella, bitte! Aber den Gefallen tut sie mir nicht, sie bleibt ruhig. Stattdessen macht sie noch einen Schritt auf mich zu. »Stimmt es, was du gestern Nacht gesagt hast? Magst du mich? Viel zu sehr?«
Ich zucke zusammen. Sie hat meine Worte also doch gehört. »Ja.«
Sie senkt den Blick, überlegt. Dann schaut sie wieder auf, direkt in meine Augen. »Ich will einen Kuss von dir, Tom. Damit ich diese verfluchte Sache zwischen uns abschließen kann. Damit ich vergessen kann, was die letzten Wochen passiert ist, die letzten beiden Tage. Damit du verschwindest und endlich dein Platz in meinem Herz wieder frei wird.«
»Einen Kuss?« Mit kaum etwas hätte sie mich mehr überraschen können.
»Ja!«
»Hier? Jetzt?« Wir stehen immerhin mitten in ihrer Bäckerei, neben uns eine riesige Glasfront.
Ungeduldig hebt sie ihre Augenbrauen und kommt noch näher auf mich zu. »Ja!«
Verblüfft schaue ich zu ihr herunter. Sie meint das ernst. Langsam hebe ich eine Hand, schiebe sie sanft ihre Wange entlang bis in ihren Nacken. Die andere lege ich um ihre Taille. »Du bist wirklich sicher?«, raune ich leise und immer noch ein wenig ungläubig.
Sie antwortet nicht. Stattdessen stellt sie sich auf die Zehenspitzen und küsst mich. Ihr Mund bewegt sich langsam auf meinem, ich reagiere nicht, bin überrumpelt von der ganzen Situation, bis sie mit ihrer Zunge über meine Lippen streicht. Unweigerlich muss ich über ihre Kühnheit grinsen, ziehe sie näher an mich heran und küsse sie endlich zurück.
Es ist merkwürdig Ella zu küssen. Wieder zu küssen. Und einmal mehr habe ich das Gefühl nach Hause zu kommen. Wir spielen miteinander, wie wir es die letzten Wochen getan haben, necken uns, kämpfen, tanzen. Ellas Hände wandern wie von alleine über meinen Oberkörper nach oben, krallen sich in meine Haare und halten mich fest. Das hier ist viel mehr als ein einfacher Kuss. Es ist Leidenschaft, Verlangen, Vorwurf, Schmerz. Das Leben.
Als Ella sich von mir löst und zurückzieht, ist ihr Blick verschleiert. Ihr Atem geht zu schnell, ihre Hände zittern. Dennoch erkenne ich die Entschlossenheit in ihrem Gesicht. Sie hat ihre Entscheidung getroffen.
»Maximal mittelmäßig«, sagt sie schließlich und ein leichtes Keuchen liegt in ihren Worten. »Ich wusste es.«

Lebkuchenliebe: Tag 19

Kopf oder Herz

Ella

Samstag, 19. Dezember

Es ist arschkalt. Und immer noch stockdunkel. Meine Zähne klappern, mein ganzer Körper ist verkrampft. Und ich fühle mich, als würde ich seit zwei Tagen in einer Tiefkühltruhe sitzen. Jeder einzelne Muskel tut mir weh, ich habe Kopfschmerzen. Von meinem seelischen Zustand will ich gar nicht erst anfangen. Ich versuche auszublenden, was gerade passiert. Jeden Gedanken daran, dass ich tatsächlich entführt wurde und was das für mich bedeutet, weit wegzuschieben, um nicht endgültig zusammenzubrechen. Was allerdings nur mit mittelmäßigem Erfolg klappt.
»Komm her!« Toms Tonfall schwankt zwischen genervt und besorgt. »Du zitterst so sehr, dass das ganze Regal klappert.«
»Und wenn schon!«, zische ich trotzig. »Das kann dir doch egal sein.«
Er seufzt hinter mir, da ich ihm immer noch den Rücken zugewandt habe. »Herrgott, wie oft soll ich mich noch entschuldigen?«
Ungefähr eintausend Mal. Und dann wäre es immer noch nicht gut zwischen uns. Denn was Tom getan hat, wie er die letzten Wochen mit mir gespielt hat, hat mich auseinandergerissen. Und mein Herz in Abermillionen Splitter zerschossen, die niemand wieder zusammenkleben kann. Dabei hasse ich ihn nicht einmal. Ich fühle gar nichts. Nur eine dumpfe, gleichgültige Leere.
Tom bewegt sich, dann schlingt er einen Arm um meinen Oberkörper und zieht mich näher an sich heran. Unsere Hände sind beide gefesselt, daher funktioniert das nicht richtig. Ich liege fast auf ihm, den Kopf in seinem Schoß, anstatt auf seinem Oberkörper.
»Ella, du zitterst am ganzen Körper. Ich kann es fühlen. Du wirst krank!« Sein warmer Atem streicht über mein Gesicht, sein Kopf muss direkt über mir sein.
Ich knurre frustriert. Ich will das alles nicht. Ich will ihm nicht so nahe sein, ich will nicht ausgerechnet von ihm so abhängig sein. Aber ich trage nur einen dünnen Pullover und er eine dicke Jacke. Und seine Körperwärme dringt selbst jetzt in meinen Körper ein und lässt das Zittern schwächer werden.
»Bilde dir bloß nichts darauf ein«, blaffe ich ihn an, schiebe mich aber nach oben, bis mein Kopf an seiner Brust liegt. Er hat seine Jacke geöffnet und legt sie jetzt um mich herum, anschließend schließt er die Arme um mich. Augenblicklich fallen mir die Augen zu, ich dränge mich näher an ihn heran. Es muss mitten in der Nacht sein, ich bin unendlich müde und erschöpft. Sein ruhiger Herzschlag pocht an meinem linken Ohr, lässt mich entspannen, öffnet Türen, die ich so krampfhaft geschlossen halte.
»Warst du letzte Nacht schon hier?«
Seine Frage reißt mich aus meinem Dämmerzustand. »Nein. Wir waren in einem Hotelzimmer, ich würde auf die Pension zum Ochsen tippen. Hier sind wir erst seit heute Morgen, anscheinend war ihnen das Hotel zu riskant.«
Ich spüre, wie er nickt. »Wie geht es dir?«
Ich brauche einen Moment, um zu antworten. Sein ruhiger Herzschlag, das gleichmäßige Heben und Senken seiner Brust. Überall ist Tom. Nur Tom. Und das ist mir zu viel. »Ich habe Angst!«, sage ich schließlich, weil es die Wahrheit ist. Alles andere braucht er nicht zu erfahren, das geht ihn nichts an.
»Ich werde uns hier herausholen. Sie werden dir kein Haar krümmen, das verspreche ich dir!«
Ich lache hart auf. »Und ausgerechnet das soll ich dir jetzt glauben? Du bist nicht besonders gut darin, Versprechen einzuhalten.«
Ein Brummen erfüllt seinen Brustkorb, vibriert bis in meinen Oberkörper. »Ich habe dir vor zehn Jahren nichts versprochen. Wir wussten beide, dass das eine einmalige Sache zwischen uns ist.«
»Wussten wir das?« Ich hebe meinen Kopf, aber natürlich sehe ich ihn immer noch nicht. »Oder wusstest du nur das? Und ich war einfach naiv und bescheuert, dass ich ein ganzes halbes Jahr darauf gewartet habe, dass du dich meldest.«
Tom bleibt stumm.
»Warum, Tom? Warum hast du dich nie bei mir gemeldet? Wenigstens mal angerufen oder eine E-Mail geschrieben. Irgendetwas? Aber du hast mich schon am nächsten Tag nicht mehr angesehen und drei Tage später warst du weg. War die Nacht wirklich so schlimm?« Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet jetzt damit anfange. Vermutlich, weil er mir jetzt nicht davonlaufen kann und mir die verdammten Antworten schuldet. Denn so eine Erfahrung vergisst man nicht einfach. Und ich habe lange gebraucht, um halbwegs darüber hinwegzukommen.
»Nein, Ella, das war sie nicht. Ganz und gar nicht.« Seine Arme schließen sich enger um mich und plötzlich spüre ich seine Wange an meinen Haaren. Mein Herzschlag stolpert. »Aber …« Er zögert, holt Luft, wie um sich zu wappnen. »Ich hatte keine gute Zeit damals. Mein Bruder war ein halbes Jahr vorher gestorben, dann kam die Scheidung meiner Eltern. Ich wollte einfach nur noch weg. Ich weiß, dass ich mich hätte melden sollten, aber es ging nicht. Ich konnte das nicht. Du … hattest damals einfach keinen Platz in meinem Leben.«
Seine Ehrlichkeit tut verdammt weh. Und auch wenn ich es verstehe, ihn verstehe, hat es sich furchtbar angefühlt, nach dem ersten Mal so alleine zu sein.
»Das Tattoo mit dem Stern. Das auf deinem Arm. Das trägst du als Erinnerung an deinen Bruder, oder?«
Er nickt an meinem Kopf. »Ja.«
»Was bedeuten die anderen?«, will ich wissen und bin froh über den Themenwechsel.
»Auf dem Arm steht mein Lebensmotto: Stillstand ist Rückschritt. Es soll mich daran erinnern, nach vorne zu schauen. Dass es immer weitergeht, auch wenn es einem das Leben nicht immer einfach macht. Und das Pik-Zeichen am Bauch ist meine Lieblingsfarbe.«
»Irgendwie passend. Also beides.« Ich muss grinsen. »Ist der Pik-Bube nicht das Arschloch im Tarot?«
Ein harter Ellenbogen knufft mich in die Seite. »Hey!«
»Du weißt selbst, dass du dich wie ein Arschloch benommen hast.«
Er murmelt etwas Unverständliches, dann breitet sich Stille über uns aus. Nur unser leiser Atem durchdringt die Dunkelheit und ein ziependes Geräusch, von dem ich lieber nicht genau wissen will, woher es kommt. Wieder überkommt mich die Müdigkeit, ich habe letzte Nacht nicht sonderlich viel geschlafen.
»Ella?«
»Mmh?«
»Ich werde verschwinden. Wenn wir hier raus sind, verlasse ich Fichtenstein wieder.«
Ich zucke zusammen. Tom bemerkt es, seine Arme schließen sich fester um mich. Ich hoffe, dass er es auf die Müdigkeit schiebt oder auf die Kälte und nicht darauf, dass ich mich plötzlich nicht mehr bewegen kann. Dass ich wie erstarrt bin, erschlagen, und die Tränen in meinen Augen brennen. Ich muss hart schlucken, blinzle verzweifelt, auch wenn Tom meine Tränen in der Dunkelheit sowieso nicht sehen kann. Aber ich weiß, dass sie da sind.
Tom verschwindet wieder. Das ich es, was ich die ganze Zeit wollte. Und was ich, gerade nach den letzten vierundzwanzig Stunden, umso mehr herbeisehne. Dennoch bricht dieser eine Satz etwas in mir auf. Wie der erste Sonnenschein am Morgen strahlen Schmerz und Sehnsucht durch mich hindurch, und ich kann mir immer wieder sagen, dass es völlig irrational ist, was ich gerade fühle, dass es vollkommen verrückt ist, ihm zu verzeihen, mein Herz sieht das anders. Wie schon vor zehn Jahren tut mein Herz, was es will. Und es will immer noch Tom.
Doch ich bin keine fünfzehn mehr und es ist nicht mehr mein Herz, was mein Leben bestimmt. Sondern ich. Daher schlucke ich die Tränen hinunter und kralle meine Fingernägel in meine Handflächen, bis es richtig wehtut und ich wieder klar denken kann. Erst dann traue ich mich, zu antworten.
»Okay!«

***

»Cinderella.«
Ich wühle mich tiefer in das Kissen. Es ist warm und gemütlich und ich bin weit davon entfernt, aufwachen zu wollen.
»Ella! Wach auf!« Jemand streicht mir vorsichtig über die Wange.
Ich brumme, reibe meinen Kopf an dem warmen, aber irgendwie harten Kissen. Hart? Erschrocken fahre ich hoch, knalle mit meinem Kopf gegen etwas Festes und zucke zurück. Über mir zischt es schmerzerfüllt. Scheiße! Ich liege immer noch auf Tom. Genauer auf seinem Schoss, mit dem Kopf in seinem Pullover vergraben. Hölle, ich bin nun wirklich kein Fliegengewicht, habe ich die ganze Nacht auf ihm gesessen?
Peinlich berührt rutsche ich seitlich von ihm herunter, allerdings habe ich wenig Spielraum, da seine Arme immer noch um meinen Oberkörper liegen. Als er sie anhebt, schiebe ich mich soweit von ihm weg, dass ich ihn ansehen kann. Und erst in diesem Moment wird mir wieder bewusst, wo wir uns befinden.
Ich wurde entführt. Weil Tom irgendeinem Mexikaner Geld schuldet. Und wenn er es bis heute Morgen nicht beschafft, dann … ja was dann? Bringen sie uns um? Halten sie uns weiter hier gefangen? Verschleppen uns nach Mexiko? Panik schwappt über mich hinweg, schlagartig bin ich hellwach. Dämmriges Licht erfüllt die Lagerhalle, es muss früher Morgen sein.
»Ruhig, Ella!«, sagt Tom beruhigend und greift nach meinen Händen. Er muss mir anmerken, dass ich kurz vor einer Panikattacke stehe. »Alles ist gut. Ich habe versprochen, dass ich dich hier raushole und das werde ich.«
Das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit sehe ich ihn an. Ich meine sehe ich ihn wirklich und nicht nur als Schatten in der Dunkelheit. Er ist unnatürlich blass, seine blauen Augen wirken fast schwarz. Schuld hat sich in seine Züge gemeißelt, ihm muss es wirklich dreckig gehen.
Ich will den Kopf schütteln, etwas erwidern, aber er lässt mich nicht zu Wort kommen. »Sie sind da.« Es ist nur ein Raunen. Doch er sieht an mir vorbei und da verstehe ich, was er meint.
»Guten Morgen, Tommy Boy!«, ertönt es auch schon in diesem Moment hinter mir und ich zucke schlagartig zusammen. Hass brandet durch mich hindurch, wird jedoch von meiner Angst vor Carlos überlagert. Der Mexikaner ist mir unheimlich und das liegt nicht nur daran, dass er es war, der mich entführt und gefesselt hat. Er hat diese Ausstrahlung, in der so viel Abgeklärtheit und Skrupellosigkeit steckt, dass man am liebsten sofort das Weite suchen würde. Außer man sitzt an Füßen und Händen gefesselt vor ihm und kann nichts anderes machen, als wütend zu ihm aufzusehen.
»Carlos!« Tom klingt müde, jedoch alles andere als ängstlich. Eher stumpf und abgebrüht, wie als würde er über einen neuen Vertrag verhandeln. Er lässt sich immer noch nicht in die Karten schauen.
»Es ist Morgen. Und ich habe noch kein Geld. Sollen wir den Einsatz ein wenig erhöhen?« Er zieht eine Pistole hinter seinem Rücken hervor. Mir wird schlecht. Automatisch rutsche ich ein wenig näher an Tom heran, der jedoch aufsteht und sich vor mich stellt.
»Das ist nicht nötig. Sie kommt gleich.« Wer kommt? Wie will er überhaupt das Geld beschaffen, er hat doch gar keins? Ich beiße mir auf die Lippen, dass ich nicht früher darauf gekommen bin, ihn danach zu fragen.
Der harte Stakkato-Klang von tippelnden High Heels kündigt Emilia an. Sie tritt hinter dem Regal hervor und geht direkt zu Carlos, um ihm leise etwas zu sagen. Uns beachtet sie nicht weiter. Automatisch verkrampfe ich mich wieder. Und auch wenn es völlig unangebracht ist und ich weiß Gott größere Sorgen habe, sticht glühende Eifersucht durch mich hindurch. Tom hatte etwas mit ihr. Nur wegen ihr sitze ich heute hier. Elendes Miststück!
Nachdem sich unsere Entführer besprochen haben, schaut Carlos wieder zu Tom. »Wie es scheint, bekommen wir Besuch. Ich hoffe für euch, dass es nicht die Polizei ist!« Er grinst abfällig. Fast könnte man meinen, er würde es sich wünschen. Die beiden verschwinden wieder, lassen uns alleine. Tom sagt nichts, sieht mich auch nicht an, sondern bleibt einfach mit unbewegter Miene stehen.
Nur fünf Minuten später höre ich das leise Quietschen einer Tür. Dann Schritte, dann eine Stimme, die mir vage bekannt vorkommt. Sie sagt etwas, dann lacht Carlos auf. Mir dreht sich der Magen um. Plötzlich ist Emilia wieder da.
»Los, kommt!«, befiehlt sie harsch. Mit einem Messer löst sie meine Fußfesseln. Umständlich komme ich auf die Beine, die vom langen Sitzen taub geworden sind.
»Ihr könnt gehen!« Verwundert sehe ich sie an. Ihre Miene ist unbewegt, sie deutet lediglich mit dem Kinn in Richtung Halle. Ohne auf weitere Erklärungen zu warten, stolpere ich zu Tom. Er nickt mir nur zu, ein vorsichtiges Lächeln auf den Lippen. Hoffnung durchströmt mich, Erleichterung, weil wir vielleicht wirklich unbeschadet aus dieser ganzen absurden Situation herauskommen.
Im dämmrigen Licht erkenne ich zwei Personen, die mitten in der Halle auf uns warten. Carlos, der gerade eine kleine Tasche entgegennimmt und … Toms Mutter. Sie seufzt erleichtert auf, als sie uns sieht, bleibt jedoch bei Carlos stehen. Erst als wir bei ihnen angekommen sind, kommt sie zu mir und legt mir die Hand auf den Arm.
»Geht es dir gut, Ella? Bist du verletzt?«
»Es geht mir gut!«, bringe ich hervor, wobei das ganz und gar nicht die Wahrheit ist.
Sie lächelt aufmunternd und ein bisschen gequält, weil sie das natürlich durchschaut. Dann greift sie nach meinen Händen. »Komm! Wir verschwinden!«
Ich lasse zu, dass sie mich mit sich zieht. Tom bleibt bei Carlos, er spricht leise mit ihm. Aber ich will hier einfach nur raus. Raus aus dieser Halle, raus aus den letzten zwei Tagen, raus aus diesem Alptraum, den ich immer noch nicht ganz verstehe. Als ich endlich wieder unter freiem Himmel stehe und kalte Luft in meine Lunge sauge, laufen mir Tränen über die Wangen. Ich bin frei.
Es war nur eine Nacht. Und doch habe ich das Gefühl, als hätte ich ein Leben in dieser Halle verloren.

Lebkuchenliebe: Tag 18

Gefangen

Tom

Freitag, 18. Dezember

Stolz ist ein absolut elementarer Bestandteil einer Persönlichkeit. Und ich bin sehr stolz, das weiß ich. Ich kann nicht über meinen Schatten springen und wenn ich verliere, dann tue ich das abgrundtief. Bislang mochte ich meinen Stolz, er gab mir selbst eine Konstante, etwas in meinem chaotischen Leben, auf das ich mich verlassen konnte. Doch seit gestern Nachmittag, seit Leons Anruf, hasse ich mich dafür. Denn nur meinetwegen ist Ella verschwunden und bislang nicht mehr aufgetaucht. Weil ich nicht mit offenen Karten gespielt und dadurch zugelassen habe, andere Menschen in meine Probleme mit hineinzuziehen.
»Hey Mann!« Leon sieht absolut beschissen aus. Lilablaue Schatten liegen unter seinen Augen, sein Gesicht ist blass und er trägt dieselbe Kleidung wie gestern. Er hat kein Auge zugetan, die Sorgen zerfressen ihn.
»Kann ich dir irgendwas machen? Einen Kaffee? Eine Cola?«
Mit hängenden Schultern steht er vor meiner Verkaufstheke, vermutlich weil er es zuhause nicht mehr ausgehalten hat. Seit gestern Nachmittag, als Ella vom Getränkeholen nicht zurückgekehrt ist, steht seine Welt kopf. Und nicht nur seine, ganz Fichtenstein dreht durch und sucht nach Ella. Bisher ohne Erfolg. Es gibt keinen Hinweis, wo sie sein könnte, niemand hat sie gesehen.
»Hast du vielleicht auch etwas Stärkeres?« Seine Augen glänzen matt, Schuld schwappt über mich hinweg.
Wortlos greife ich unter die Theke, hole eine Flasche Jim Beam hervor und gieße uns zwei Gläser ein. Eines davon schiebe ich meinem Freund zu, das andere leere ich selbst. Ich mache mir keine Illusionen, es ist meine Schuld, dass Ella verschwunden ist. Der Zufall wäre einfach zu groß. Und dieses Wissen zerfrisst mich, lässt mich nicht mehr still stehen. Doch noch viel schlimmer ist, dass ich nichts machen kann. Nichts, außer zu warten, denn Emilia wird sich melden. Ich habe keine Nummer von ihr, sonst hätte ich sie längst angerufen. Emilia will eigentlich gar nicht Ella, sie will mich. Ella hatte vermutlich einfach Pech, zur falschen Zeit, am falschen Ort zu sein. Ich kann nur hoffen, dass sie ihr nichts angetan hat. Verdammt! Wütend haue ich das Glas auf die Theke, drehe mich herum und schiebe mir die Hände in die Haare. Ich muss etwas tun, irgendetwas, um Ella zu helfen!
»Ich gehe dann wieder!«, sagt Leon und seine Stimme bricht. »Ich melde mich, wenn ich etwas höre.«
Ich wende mich ihm wieder zu, nicke schwach. »Kann ich noch etwas für dich tun? Soll ich mitkommen? Meine Mum kann übernehmen.«
»Nein, lass mal. Ich gehe zu meinen Eltern und die sind lieber allein.« Besser ist das. Wenn Ellas Eltern erfahren, dass ich Schuld am Verschwinden ihrer Tochter bin, werden sie mich hassen. Ich umarme meinen Kumpel noch einmal, dann verschwindet er. Lässt mich wieder alleine mit meiner verdammten Schuld und der Hilflosigkeit, weil ich immer noch nichts machen kann, außer zu warten. Zur Polizei kann ich nicht gehen, das würde alles nur noch schlimmer machen. Außerdem wüsste ich nicht, was ich denen sagen soll. Ich weiß nicht, wo sie Ella verstecken und ich habe nur eine Ahnung, wer dafür verantwortlich ist. Wenn auch eine ziemlich sichere.
In diesem Augenblick klingelt mein Handy. Unbekannt. Wut bricht über mir auseinander, reißt mich mit sich, und ich tippe so hektisch auf dem Display herum, dass ich mehrere Anläufe brauche, bis ich den Anruf angenommen habe.
»Wo ist sie?« Ich brülle regelrecht ins Telefon, bevor der Anrufer auch nur ein Wort gesagt hat.
»Komm in die alte Lagerhalle, Forststraße 3. Die vierte Tür links ist offen. Kein Wort zu niemandem. Und Tom, bring das Geld mit!«
Ich erstarre zu Eis. Das monotone Tuten dröhnt in mein Ohr. Der Anrufer hat aufgelegt. Meine Gedanken rasen, stolpern durcheinander, versinken im Chaos. Ich habe kein Geld, zumindest nicht genug. Bei weitem nicht. Doch ich habe keine Wahl, sie dürfen Ella nichts tun.

***

Die Tür zur verlassenen Lagerhasse quietscht leise, als ich sie vorsichtig öffne. Es brennt keine Lampe, gedämpftes Tageslicht quillt durch die Ritzen der zugenagelten Fenster. Die Luft ist trocken, es riecht nach Öl und Abgasen. Früher einmal wurden hier Fahrzeuge gelagert, große Maschinen eines Bauunternehmers. Doch seit er vor über zehn Jahren bankrott gegangen ist, nutzt die Halle niemand mehr. Jetzt ist sie beinahe leer, bis auf ein paar kaputte Regale, Kisten und Metallschrott, den niemand entsorgt hat.
»Tommy Boy, ich würde ja sagen, es ist eine Freude dich wiederzusehen. Doch wir wissen beide, dass das gelogen wäre.« Die Hände in den Hosentaschen, eine glimmende Zigarette im Mundwinkel kommt Carlos Sanchez auf mich zu. Er trägt dunkle Kleidung, seine Haare sind streng zurückgekämmt, ein falsches Lächeln liegt auf seinen Lippen. Alles an ihm stinkt nach Gewalt, Verrat und Korruption. Und auch wenn ich auf Anhieb keine Waffe an ihm entdecke, weiß ich doch, dass er eine bei sich hat. Wie ich mich jemals darauf einlassen konnte, mit ihm Geschäfte zu machen, ist mir ein Rätsel. Einen Fehler, den ich bitter bereut habe.
Automatisch ballen sich meine Hände zu Fäusten, mein Körper spannt sich an. »Wo ist sie?«, frage ich ruhig, obwohl mir eher danach ist, ihn anzubrüllen. Aber das würde mich nicht weiterbringen. Und mein oberstes Ziel ist es, Ella zu befreien.
»Langsam, mein Freund. Erst einmal will ich mein Geld!« Carlos hat einen starken spanischen Dialekt, doch sein Deutsch ist fast fehlerfrei.
»Es war nicht Teil des Deals, dass ich dir dein Geld wiederbeschaffe. Ich habe für dich gespielt und verloren. Pech für uns beide. Es war nie die Rede davon, dass ich dir anschließend etwas schulde.« Unauffällig lasse ich meinen Blick durch die Halle wandern. Von Ella ist nichts zu sehen. Wo ist sie?
Er schnalzt mit der Zunge. Dann lacht er gekünstelt. »Du hast es nicht, oder?«
»Ich schulde dir nichts, Carlos. Warum also sollte ich etwas mitbringen?« Es ist ein Spiel auf Zeit, mehr nicht. Denn natürlich ist mir klar, dass mich Carlos nicht davonkommen lässt. Andernfalls wäre ich ja auch nicht überstürzt aus Las Vegas nach Fichtenstein geflohen, um hier mit dem Café zumindest ein Teil der Summe zu erwirtschaften.
»Tommy, Schluss mit dem Geplänkel. Gib es mir. Dann kann deine Freundin gehen.«
»Erst will ich sie sehen!«
Carlos nimmt die Zigarette aus dem Mund und schnipst sie zu Boden. In aller Ruhe tritt er sie aus. »Dann hast du mein Geld also doch.«
Meine Zähne knirschen, so fest presse ich die Kiefer zusammen. »Ich will Ella sehen! Ich will mich vergewissern, dass es ihr gut geht.«
»Ist sie deine Freundin? Das wird Emilia aber enttäuschen.«
»Was wird das? Ein netter Plausch unter Freunden?« So langsam ist meine Geduld am Ende. Ich sollte ihm eine knallen, Ella suchen und verschwinden. Am besten nach Sibirien oder China, irgendwohin, wo uns dieser Halsabschneider nicht findet. Weglaufen, wie ich es schon mein Leben lang getan habe.
Ein gehässiges Grinsen breitet sich in Carlos‘ Gesicht aus. Ich habe zu viel gesagt, er weiß, dass Ella mir nicht egal ist.
»Dort hinten ist sie!« Er deutet hinter sich, aber außer verstaubten Regalen erkenne ich nichts. Daher gehe ich an ihm vorbei in die angedeutete Richtung, mir dessen bewusst, dass in blindlings in eine Falle tappen könnte. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung sitzt auf der Rückseite der Regale tatsächlich Ella. Sie kauert am Boden, die Hände und Füße gefesselt. Einen Knebel im Mund. Sie sieht erbärmlich aus, schmutzig und völlig fertig. Aber zumindest scheint sie unverletzt.
»Mach sie los!« Aufgebracht fahre ich zu Carlos herum. »Was soll das, warum ist sie gefesselt?«
Carlos, der neben mich getreten ist, sieht gleichgültig auf Ella hinab. Das wütende Funkeln in seinen dunklen Augen entgeht mir dennoch nicht. »Sie war etwas widerspenstig, deshalb mussten wir sie fesseln.«
Mit einem Schritt bin ich bei Ella. Sie hat den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen. Vorsichtig fahre ich ihr über die Wange, bis sie ihre Augen erschrocken aufreißt und zurückzuckt. Panik flackert über ihr Gesicht, sie schüttelt den Kopf und beginnt, gegen ihren Knebel zu schreien.
Ruckartig erhebe ich mich wieder. »Du bekommst dein Geld, allerdings dauert es etwas, bis ich die Summe zusammenhabe. Lass Ella gehen!«
Ein perlendes Lachen ertönt hinter den Regalen, schnelle harte Schritte folgen, dann tritt die schönste und zugleich grausamste Frau, die ich je getroffen habe, neben Carlos. Emilia trägt ein helles Kostüm, das ihr auf den Leib geschneidert wurde. Ihre dunklen Locken fallen glänzend über ihre Schulter, ihre dunkelbraunen Augen blitzen. Die Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem Vater ist unverkennbar. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir dich wieder gehen lassen! Und du erneut verschwinden kannst. Hast du eine Ahnung, wie schwierig es war, dich hier zu finden? Nein, du bleibst schön hier.«
Allein ihre Stimme schickt eine Gänsehaut über meinen Körper, Wut leckt über meine Haut. »Und wie soll ich euch das Geld dann bringen?«
Sie zuckt ihre schmalen Schultern. »Überlege dir was.«
»Erst wenn Ella in Sicherheit ist. Sie hat nichts mit der Sache zu tun.«
Emilias Augen werden schmal, ihr Blick huscht an mir vorbei. »Nein, Tom. Sie bleibt. Dein Leben alleine ist dir die Summe nicht wert, die du uns schuldest. Ich gebe dir bis morgen früh, ansonsten stirbt sie.«
Es klingt wie in einem schlechten Krimi. Und bei jedem anderen hätte ich über die platte Drohung gelacht. Aber ich weiß, zu was Emilia und Carlos fähig sind. Menschenleben bedeuten ihnen nichts, es geht einzig und allein um den Profit. Daher presse ich nur die Lippen zusammen und setzte mich neben Ella auf den Boden. Dann greife ich nach meinem Handy. Es gibt nur eine Person, die mir jetzt noch helfen kann.

***

»Was glaubst du, wie spät es ist?«
Es sind die ersten Worte, die Ella an mich richtet, seit Carlos und Emilia verschwunden sind. Nachdem ich telefoniert habe, haben sie mir das Handy abgenommen und Ella wenigstens von ihrem Knebel befreit. Meine Hände sind ebenfalls gefesselt, aber meine Beine sind frei. Anscheinend haben sie keine Sorgen, dass ich abhauen könnte. Weit würde ich auch nicht kommen, Carlos und Emilia haben uns sicher nicht unbewacht gelassen.
»Vermutlich zwischen acht und zehn Uhr.« Es kommt kein Licht mehr in die Halle, wir sitzen im Dunklen. Ich lehne meinen Kopf an das Regal hinter mir. Mein Hintern tut weh, weil der Boden hart und kalt ist, und meine Hände kribbeln von den Fesseln. »Es tut mir so leid, Ella!«
»Das hast du schon gesagt. Ungefähr Hundert Mal.«
»Aber bisher hast du nie reagiert.« Ich wende ihr meinen Kopf zu, aber mehr als einen dunklen Schemen erkenne ich nicht.
Ella seufzt leise. »Erklär es mir!«, fordert sie schlicht.
»Es ist kompliziert.«
»Tom! Keine Spiele mehr.« Sie klingt noch nicht einmal wütend, eher resigniert. Was habe ich ihr nur angetan?
Ich hole Luft, atme die kalte abgestandene Luft in meine Lungen. Sie hat die Wahrheit verdient. »Ich bin ein Spieler, ich habe mit Glücksspiel mein Lebensunterhalt verdient. Zumindest die letzten Jahre. Vor einem Jahr habe ich in Mexiko Emilia kennengelernt. Sie hat mich fasziniert, beeindruckt. Wir hatten ein paar Wochen etwas miteinander, bis sie mir irgendwann ihren Vater vorgestellt und dieser mir ein Angebot gemacht hat. Ich sollte für ihn spielen. Mit seinem Geld mehr verdienen als jemals zuvor. Für mich war eine ordentliche Marge drin und … nun ja, Emilia.«
Ich warte darauf, dass sie etwas sagt. Dass sie etwas fragt, irgendetwas, dass es mir leichter macht, weiterzureden. Aber Ella schweigt und der Druck auf meiner Brust wird immer größer.
»Ein paar Monate hat das gut funktioniert. Ich habe gespielt und gewonnen. Aber dann kam der eine Abend im MGM Grand Casino in Las Vegas. Es muss ein abgekartetes Spiel gewesen sein, so schlecht wie an diesem Abend waren meine Karten noch nie. Ich habe Carlos‘ komplettes Geld verspielt. Mir war klar, was das für mich bedeutet und bin abgehauen, so schnell ich konnte.« In meinem Magen rumort es, ich fühle mich miserabel. Und das liegt leider nicht an meiner körperlichen Verfassung, sondern weil es mich fast umbringt, Ella alles zu erzählen. Mein Leben zu erzählen. Es klingt selbst in meinen Ohren so erbärmlich, dass ich am liebsten schon wieder wegrennen würde. Aber niemals könnte ich sie alleine hier zurücklassen. Nur diese eine Nacht noch, dann werde ich verschwinden. Dann hat sie endlich, was sie die ganzen letzten Wochen wollte. Sie hat ihr Leben wieder, ohne mich.
»Es tut mir leid, Ella. Es tut mir alles so leid!« So gerne würde ich sie ansehen, doch in dieser verdammten Dunkelheit erkennt man fast nichts.
»Deshalb bist du in Fichtenstein. Weil du auf der Flucht bist. Und weil die Bäckerei deines Vaters alles war, was du noch hattest. Dein ganzes Gerede von wegen du suchst ein neues Zuhause und du willst ankommen, war glatt gelogen, oder?«
»Die Flucht war zumindest der ursprüngliche Grund, ja.« Sie würde mir kein Wort glauben, wenn ich ihr erzähle, dass ich mich hier überraschend wohl fühle. Und dass ich, obwohl ich es nie vorhatte, eigentlich gar nicht mehr weg will aus Fichtenstein.
»War irgendetwas, was du mir in den letzten Wochen erzählt hast, keine Lüge, Tom? War irgendetwas kein verdammtes Spiel? Der Streit zwischen uns, die Konkurrenz, deine Anmache, war irgendetwas davon echt? Oder war das alles nur Taktik, um möglichst schnell an viel Geld zu kommen?«
Ich schweige, lasse den Kopf sinken. Geschlagen von meinen eigenen Regeln.
»Das habe ich mir gedacht.«
Das Regal in meinem Rücken vibriert. Ella bewegt sich, dreht sich von mir weg. Das habe ich verdient. Die Dunkelheit drückt auf mich ein, Reue und Bedauern füllen mich aus. Und das verdammte Wissen, eine echte Chance ruiniert zu haben.
»Ich mag dich, Cinderella. Viel zu sehr«, sage ich irgendwann leise und hoffe, dass sie eingeschlafen ist und meine Worte nicht hört. »Das ist keine Lüge. Auch wenn das jetzt keinen Unterschied mehr macht.«

Lebkuchenliebe: Tag 17

Emilia

Ella

Donnerstag, 17. Dezember

»Was hältst du von der Farbe?« Jenna hält mir eine Farbkarte in einem hellen Gelbton hin, der irgendwo zwischen sonnengelb und Vanille liegt. »Ich finde sie eigentlich ganz hübsch.«
»Ich auch. Wir könnten es mit einem eierschalenfarbenen Weiß kombinieren, dann wird es nicht zu bunt.«
»Gute Idee!«, stimmt Jenna mir begeistert zu. Wir lassen uns zwei Farbeimer mixen, dann packen wir noch Malerrollen, Abklebeband und Pinsel in den Einkaufswagen und schieben alles in Richtung Kasse.
»Das wird toll aussehen! Bist du aufgeregt?«, fragt meine Freundin, während sie mir hilft, alles auf das Rollband zu legen.
»Schon! Ich hoffe nur, dass auch alles klappt, und meine Eltern am Ende nicht doch recht hatten und lieber alles beim Alten geblieben wäre.«
»Positiv bleiben. Das wird schon!« Jenna lächelt mir aufmunternd zu. Ich wünschte, es wäre so einfach. Aber dass wir gleich wirklich unsere Bäckerei streichen und das neue Regal aufbauen werden, fühlt sich an wie der Aufbruch in eine neue Ära. Und genaugenommen ist es das ja auch. Ich kann nur hoffen, dass unsere Kunden das ebenso sehen wie ich.
Nachdem Jenna und ich bezahlt haben, packen wir alles in meinen kleinen Peugeot und fahren zurück zur Bäckerei. Davor wartet mein Bruder bereits auf uns, er hat ebenfalls versprochen zu helfen.
»Leon hilft auch?« Jenna bemüht sich, gelassen zu klingen, aber mir kann sie nichts vormachen. Am liebsten würde sie auf der Stelle verschwinden.
»Ja. Er hat über Nacht seine Solidarität entdeckt.«
Jenna beißt sich auf die Lippen. Sie ist nervös. Sie hat mir erzählt, dass sie noch einmal miteinander gesprochen haben, allerdings ist nicht wirklich etwas herausgekommen. Jenna ist in Leon verknallt. Ungefähr seit schon immer. Und was macht mein Vollpfosten von Bruder? Lässt das wohl wunderbarste Mädchen, das ich für ihn kenne, zappeln. Ich hätte ihm zu gerne die Meinung dazu gegeigt, allerdings habe ich Jenna versprochen mich rauszuhalten. Wenn das nur immer so einfach wäre.
Ich parke das Auto, dann steigen wir aus. Leon ist sofort am Auto und öffnet den Kofferraum. Gemeinsam bringen wir unsere Einkäufe in die Bäckerei, die für heute Nachmittag geschlossen wurde.
»So, wo fangen wir an?« Leon steht mitten im Verkaufsraum, die Arme links und rechts eingestützt. Er erinnert mich ein wenig aus Mr. Propper aus einer alten Werbung und ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht zu lachen.
»Klebt ihr doch schonmal die Türen und das Fenster ab. Ich fange an, das Regal abzuschrauben«, verteile ich die Aufgaben, sodass mein Bruder und Jenna zusammenarbeiten müssen. Prompt rollt dieser mit den Augen, der meinen Schachtzug natürlich durchschaut. Das übliche Meckern jedoch bleibt aus.
Ich widme mich mit einem Akkuschrauber bewaffnet dem Regal, das sich leider als deutlich wehrhafter herausstellt, als es zunächst den Anschein hatte. Nach zehn Minuten bin ich klatschnass geschwitzt und bodenlos genervt. Die Schrauben wollen so gar nicht, wie ich will. Verdammt! Warum habe ich mein Sportprogramm nur so schnell wieder eingestellt? Dann wäre ich vielleicht jetzt schon weiter. Nachdem ich einen Seitenblick auf Leon und Jenna geworfen habe, beschließe ich jedoch, dass ich da alleine durch muss. Die beiden unterhalten sich leise. Jennas Wangen überzieht eine leichte Röte und selbst mein Bruder wirkt ausgeglichen. Da will ich jetzt nicht dazwischenfunken.
Eine halbe Stunde später ist das Regal Kleinholz. Mehrere Schrauben sind rausgebrochen, aber da es sowieso auf den Müll wandert, ist das letztendlich egal.
»Hast du dir das Logo schon angesehen?«, fragt Leon, der bereits begonnen hat, die Wand hinter der Verkaufstheke hellgelb zu streichen.
Erschöpft wische ich mir den Schweiß aus der Stirn. »Ja. Es sieht toll aus!« Eines muss ich meinem Bruder lassen, designen kann er. Er hat unser altes Logo aufgenommen und nur minimal verändert. Jeder Kunde würde es sofort wiedererkennen, dennoch wirkt es lange nicht mehr so altbacken. Eher authentisch.
»Kann ich es mal sehen«, fragt Jenna, die der Seitenwand mit der weißen Farbe zu Leibe gerückt ist. Ihr Oberteil ist mit Farbtupfern übersät und auch an ihrer Stirn und in ihrem Haaren finden sich weiße Sprenkel.
»Klar, ich hab’s auf meinem Handy.«
Interessiert tritt meine Freundin näher an Leon heran. Dabei berührt sie ihn unauffällig, was meinen Bruder jedoch nicht zu stören scheint.
»Ich gehe mal schnell rüber Getränke holen«, werfe ich ein, doch die beiden reagieren nicht. Ein leiser Stich schießt mir durch den Bauch, als ich die Bäckerei verlasse und die wenigen Meter zu unser Haus gehe, um Limo und Gläser zu holen. Ich bin eifersüchtig. Natürlich bin ich das. Denn so sehr ich mir wünsche, dass Jenna und Leon sich endlich näher kommen, so sehr habe ich Angst davor, meine beste Freundin zu verlieren. Aber da ist noch mehr. Da krampft etwas in meinem Inneren und ein leeres Gefühl breitet sich aus. Ich will auch haben, was die beiden haben. Ich will auch mal wieder glücklich sein, verliebt sein, geliebt werden. Mit Frederik war das so, allerdings ist das lange her. Und was immer zwischen Tom und mir ist, es fühlt sich anders an. Tom spielt mit mir, dessen bin ich mir mehr als bewusst. Er steht nicht wirklich auf mich, geschweige denn, dass er etwas für mich empfindet. Und ich? Ja, ich finde ihn attraktiv. Und ja, vielleicht bin ich ein bisschen in ihn verknallt. Aber Tom hat mir in den letzten Wochen mehr als einmal wehgetan, mich zum Narren gehalten, lächerlich gemacht. Daher verbiete ich mir jedes Gefühl, das darüber hinaus geht. Tom ist hier, weil es nicht anders geht. Wenn er verschwunden ist, werde ich ihm keine Träne nachheulen. Nie wieder.
»Entschuldige, wohnt hier Tom Westen?«, spricht mich plötzlich eine Frau von der Seite an, als ich direkt vor unserer Haustür stehe. Ich habe sie überhaupt nicht bemerkt, so sehr war ich in Gedanken versunken.
»Ähm … nein.« Etwas an der Frau irritiert mich. Vielleicht ist es ihr Akzent, der südländisch klingt, aber zu ihrem Erscheinungsbild passt. Vielleicht auch ihre Kleidung, die deutlich zu schick ist, als dass sie zu Tom passen würde.
»Merkwürdig. Er hat mir geschrieben, dass er hier wohnt.« Sie zieht ihr Handy hervor und tippt darauf herum.
»Kann ich ihm etwas ausrichten? Ich treffe ihn später.« Den Teufel werde ich tun, ihr zu sagen, dass Tom natürlich aktuell hier wohnt. Auch wenn er gerade in seinem Café ist und nicht hier.
»Ich bin Emilia, seine Verlobte.«
»Was?« Das schlägt ja wohl dem Fass den Boden aus.
»Bist du eine Freundin?« Sie legt ihren Kopf schief und zum ersten Mal, seit sie mich angesprochen hat, mustert sie mich interessiert. Meine Gedanken überschlagen sich. Tom hat eine Verlobte? Und die steht jetzt vor unserer Tür.
»Nein, sowas ähnliches«, antworte ich vage und bin nicht mehr wirklich bei der Sache.
Plötzlich presst sich etwas auf meinen Mund. Erschrocken will ich herumfahren, danach greifen, doch da wird mir schon schwarz vor Augen.

Lebkuchenliebe: Tag 16

Von Mutter zu Sohn

Tom

Mittwoch, 16. Dezember

»Fichtenstein also. Ich muss gestehen, dass ich sehr überrascht bin, dich ausgerechnet hier zu finden.« Lächelnd rührt meine Mum in ihrem Mochaccino.
Kurz presse ich die Lippen zusammen. Ach verdammt, meiner Mum konnte ich noch nie etwas vormachen. Sie ist vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der mich sofort durchschaut. Seufzend lehne ich mich in meinem Stuhl zurück und fahre mir durch die Haare. Die latente Müdigkeit zerrt an meinen Nerven, ebenso der Stress und die leise Angst, die seit Jans Anruf vorgestern zurück ist. Auch wenn ich diese zumindest ganz gut im Griff habe. Sehr viele andere Bereiche meines Lebens leider weniger.
»Ich musste irgendwohin. Und da Papa mir seine Bäckerei vererbt hat, war das die einfachste Möglichkeit an Geld zu kommen.«
»Du bist pleite?« Überrascht hebt meine Mum ihre dunklen Augenbrauen. Sie sieht mir unglaublich ähnlich, kurze dunkle Haare, schmales Gesicht, nur ihre Augen sind ein wenig heller als meine.
»Kann man so sagen.« Ich verziehe das Gesicht.
»Es hätte für dich sehr viele einfacherer Möglichkeiten gegeben an Geld zu kommen. Du hättest fotografieren können. Oder spielen.« Sie sieht mich eindringlich an. Fuck! Ich wollte nie, dass sie davon erfährt. Doch eigentlich sollte es mich nicht überraschen, diese Frau weiß einfach alles. »Dennoch bist du hier. Obwohl du vor zehn Jahren so dringend hier wegwolltest.«
Ich atme ruhig. Es sind keine Gäste mehr im Café, wir haben bereits geschlossen. Niemand kann dieses Gespräch mitanhören, dennoch will ich es nicht führen.
»Ich musste für eine Weile abtauchen und ein wenig Geld verdienen. Und in Kombination mit Papas Bäckerei erschien mir das die einfachste Möglichkeit.«
Meine Mum mustert mich über den Rand ihrer Tasse hinweg. »Muss ich mir Sorgen machen?«
Ich schüttele den Kopf. »Nein, ich habe es unter Kontrolle.« Hoffe ich. Nach Jans Anruf bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Sie stellt ihre Tasse ab und sieht sich um. Ihr gefällt, was sie sieht. »Ich werde dir mit dem Café helfen. Ich habe vor eine Weile zu bleiben und du kannst eindeutig Hilfe gebrauchen.«
»Du willst hierbleiben?« Kaum etwas würde mich mehr überraschen. »Ausgerechnet du?«
Sie zuckt ihre schmalen Schultern. »Warum nicht? Fichtenstein ist doch eigentlich ganz nett und ich habe noch Freunde hier. Außerdem bist du hier.«
Ah ja. »Ellas Mutter hat dich angerufen, oder?« Erschreckenderweise haben unsere Mütter sich immer gut verstanden, auch wenn sie unterschiedlicher kaum sein können.
Das spitzbübische Grinsen verrät meine Mum. »Allerdings. Sie macht sich Sorgen, dass du ihre Tochter auf die dunkle Seite ziehst.«
Ein abfälliges Schnauben. Mehr nicht.
»Was läuft da für ein Spiel zwischen Ella und dir?«, fragt sie und sieht mir direkt in die Augen.
»Da läuft gar nichts.«
»Tom?«
»Herrgott, wir führen eine Art Kleinkrieg, mehr nicht.«
»Ich mag Ella. Sie ist direkt, sie weiß, was sie will. Was willst du von ihr?«
»Nichts.«
»Bist du in sie verliebt?«
»Was?« Entgeistert starre ich sie an. »Natürlich nicht.«
»Mmh.« Sie rührt in ihrer Tassen, danach setzt sie sie an und leer sie in einem Schluck. »Wie du meinst.«

***

Einer der vielen Gründe, warum ich meine Mutter vor drei Jahren verlassen habe, ist, dass sie mich manchmal besser kennt, als ich mich selbst. Und genau das ist wahnsinnig anstrengend. Nach nur zwei Tagen mit meiner Mutter langt es mir schon wieder. Alleine, dass ich mir ernsthaft die Frage stelle, ob ich mehr für Ella empfinde, macht mich irre. Es ist lächerlich, dass ich nur darüber nachdenke. Da ist nichts zwischen Ella und mir. Also zwischen mir und Ella. Herrgott, also von meiner Seite aus. Ich weiß, dass sie mich heiß findet, und arbeite ja auch daran, dass sie sich in mich verliebt. Ansonsten wäre ich niemals bei ihr eingezogen. Doch mein Plan sieht nicht vor, dass da mehr daraus wird. Ganz im Gegenteil.
Das Gespräch mit meiner Mutter schwelt immer noch in mir nach, als ich später am Abend unsere Wohnung betrete.
»Und er hat dir gestern echt geholfen?«
Abrupt halte ich im Wohnungsflur inne, als ich Jennas Stimme aus dem Wohnzimmer vernehme, den Griff der offenen Wohnungstür immer noch in der Hand.
»Ja, das hat er. Er hat mir sogar ein neues Rezept aufgeschrieben.«
Jenna grummelt etwas, das ich nicht verstehe.
So leise, wie es mir irgendwie möglich ist, schließe ich die Tür, schäle ich mich aus meiner dicken Jacke und lasse meinen Rucksack zu Boden gleiten. Es ist dunkel im Flur, anscheinend haben mich die Mädels noch nicht bemerkt.
»Ich traue ihm einfach nicht, Ella«, sagt Jenna plötzlich etwas lauter. Ob sie mich doch bemerkt haben? »Ihr bekriegt euch, dann zieht er hier ein und ist plötzlich nett zu dir? Das stinkt doch zum Himmel.«
»Ja, ich weiß.« Auch wenn ich es nicht sehe, weiß ich, dass Ella mit den Augen rollt. »Ich weiß, dass er mit mir spielt. So naiv bin ich nicht, als dass ich wirklich glauben würde, dass er plötzlich auf mich abfährt. Es ist nur …« Sie holt Luft. »Er hat Recht mit manchen Dingen, die er gesagt hat. Bezogen auf die Bäckerei, aber auch andere Sachen.«
»Hast du deshalb wieder deine Kamera hervorgekramt?«
»Ja. Ich war heute Abend nochmal draußen, Fotos machen. Willst du sie sehen?«
Leise öffne ich die Haustür erneut und werfe sie dann so fest zu, dass es durch die ganze Wohnung dröhnt. Anschließend warte ich noch eine Minute, dann gehe ich ins Wohnzimmer. Ein unschuldiges Lächeln im Gesicht. Ella und Jenna sitzen auf der Couch, Pizzakartons stehen auf dem Glastisch davor. Der Fernseher ist angeschaltet, allerdings ist das Bild eingefroren und der Ton ist aus. Ella hält ihre Kamera in der Hand, aber auf die Entfernung erkenne ich nichts auf dem Display.
»Hey«, grüße ich in die Runde.
Die beiden heben nur kurz den Kopf, mehr als ein schmales Lächeln bekomme ich nicht.
»Willst du noch was von der Pizza?«, fragt Ella plötzlich. »Es ist noch eine halbe übrig.«
»Nein, danke. Ich habe mit meiner Mum zu Abend gegessen.« Zögerlich erwidere ich ihr Lächeln. Fuck, warum bin ich auf einmal so unsicher? »Ich hau mich auf’s Ohr. War ein langer Tag.« Fast schon getrieben durchquere ich das Wohnzimmer und öffne die Tür zu Leons Zimmer. Mein Kumpel sitzt am Schreibtisch vor seinem Computer. Ein Grafikprogramm ist geöffnet.
»Hey«, grüßt er mich, ohne aufzusehen. »Alles klar?«
»Ja. Ich bin nur echt K.O.«
Jetzt dreht er sich doch auf seinem Stuhl herum, sieht mich nachdenklich an. »Du siehst auch echt scheiße aus. Leg dich hin. Ist es okay, wenn ich noch ein bisschen arbeite? Ich will das hier fertigkriegen.«
»Klar.« Erschöpft streiche ich mir über das Gesicht, dann ziehe ich meine Schuhe aus und werfe mich auf die Couch. »Woran arbeitest du?«
»Das wirst du morgen schon sehen«, antwortet er geheimnisvoll und wendet sich wieder seinem Bildschirm zu.
Ich lege mich zurück und schließe die Augen. Mein Plan für heute Abend war ein anderer. Selbst jetzt fallen mir auf Anhieb mindestens fünf Möglichkeiten ein, wie ich Ella näher kommen könnte. Aber ich will es nicht. Ich habe heute Abend keine Lust auf Spiele.
Als Leon irgendwann sein Zimmer verlässt, schrecke ich hoch. Leise Schritte ertönen, dann fällt die Haustür zu, ansonsten ist es ruhig. Langsam setze ich mich auf, ich habe durst. Im Wohnzimmer brennt noch Licht und Ella liegt auf der Couch. Schlafend. Von Jenna ist nichts zu sehen. Ebenso wenig von Leon. Leise gehe ich zu ihr und überlege, sie zu wecken.
Ellas Gesicht ist zur Hälfte in einem lilafarbenen Kissen vergraben, ihre braunen Locken liegen über ihrer Wange. Vorsichtig schiebe ich sie zur Seite, streife dabei hauchzart über Ellas warme Haut. Blasse Sommersprossen zieren ihren Nasenrücken, die dunklen Wimpern bilden einen klaren Kontrast zu ihrer hellen Haut. Sie ist wunderschön. So, wie sie ist. Einen Moment bleibt mein Blick an ihren vollen Lippen hängen. Ein Schauer durchfährt mich und für einen kurzen Augenblick überlege ich, sie zu küssen. Ich habe es schon einmal getan, damals vor zehn Jahren. Und auch wenn ich mich nicht mehr an jede Kleinigkeit aus dieser Nacht erinnern kann, weiß ich noch, wie gut ich mich mit Ella gefühlt habe. Wie richtig es sich angefühlt hat, wie warm und frei. Als ob nur uns diese Nacht gehört hätte.
Bevor ich noch eine Dummheit begehe, greife ich nach Ellas Fotokamera, die auf dem Couchtisch liegt. Ich habe lange nicht mehr fotografiert, aber jetzt überkommt mich der dringende Wunsch, diesen Moment festzuhalten. Ich mache drei, vier Fotos, dann stehe ich auf und lösche das Licht. Ich kann Ella jetzt nicht wecken. Ich kann ihr jetzt nicht gegenüber treten und ihr nahe sein. Viel zu nahe. Denn jetzt gerade bin ich kurz davor, einen Fehler zu machen.

Lebkuchenliebe: Tag 15

Wie ein trotziges Kind

Ella

Dienstag, 15. Dezember

»Was tust du da?« Mein Vater ist neben mich getreten und schaut neugierig in den Backofen.
»Ich probiere etwas aus.«
»Sind das Plätzchen?« Er runzelt die Stirn, auf der noch weiße Mehlspuren sichtbar sind.
»Ja, das sind Cookies.« Ich erspare es mir, meinem Vater den Unterschied zu erklären.
»Backst du sie für eine Freundin? Zum Mitbringen?«
Innerlich stöhne ich auf. Auf die Idee, dass ich sie für unsere Bäckerei backe, kommt er erst gar nicht. Es ist halb drei Uhr nachmittags, im Verkauf ist um diese Uhrzeit fast nichts los. Daher habe ich die Gelegenheit genutzt und schnell ein paar Cookies gezaubert.
»Nein. Ich wollte sie bei uns verkaufen.«
Mein Vater tritt vom Ofen zurück. Er trägt eine weiße Haube über seinen kurzen grauen Haaren und helle Arbeitskleidung. Sein rundliches Gesicht mit den grünen Augen ist meinem sehr ähnlich, ebenso sein Charakter. Mein Vater hat mit seiner Meinung noch nie hinterm Berg gehalten, er haut ungefiltert raus, was er denkt. Allerdings kann er genauso gut einstecken. Ganz anders als meine Mutter, die tagelang schmollt und selten einen Fehler zugibt.
»Du erweiterst unser Sortiment? Ohne deine Mutter oder mich zu fragen?«
»Ich erweitere nicht einfach so das Sortiment. Ich backe nur diese eine Fuhre und schaue mal, wie sie ankommen. Quasi als Test.«
Mein Vater wirft einen letzten kritischen Blick auf die Cookies, dann geht zu einem der Arbeitstische, an dem er bereits Mehl, Hefe und einiges mehr zurechtgelegt hat. »Erst der Workshop und dann die neuen Plätzchen. Ella, ich habe nichts dagegen, wenn du neue Ideen einbringst. Ganz im Gegenteil. Aber du solltest sie mit uns absprechen.« Er rügt mich, als wäre ich ein trotziges Kind. Das bin ich aber nicht, schon lange nicht mehr. Ich bin fünfundzwanzig und es wird endlich Zeit, dass auch meine Eltern das verstehen.
»Ich habe noch viel mehr Ideen«, platzt es aus mir heraus. Seit gestern Abend denke ich an kaum etwas anderes. Auch wenn ich immer noch nicht fassen kann, dass ausgerechnet Tom mich dazu gebracht hat, dieses Thema wieder anzugehen. Denn das Gespräch gestern Abend hat etwas in mir ausgelöst. Ich will die Bäckerei meiner Eltern übernehmen, ich will das wirklich. Aber ich will auch etwas verändern, ich will mich ausprobieren. Und mir stinkt es tierisch, dass ich mit meinen Eltern darüber diskutieren muss und immer wieder Steine von ihnen in den Weg gelegt bekomme, anstatt dass sie dankbar sind, dass ich sie unterstütze.
Mein Vater sieht auf. Ich warte darauf, dass er den Kopf schüttelt und mich abbügelt, aber zu meiner Überraschung lächelt er. »Dann lass mal hören!«
Kurz bin ich sprachlos. Bisher haben sich meine Eltern gegen alle neuen Ideen gesträubt. Nun ja, seit dem neuen Café ist die Situation vielleicht auch eine andere.
»Wir könnten den Verkaufsraum renovieren. Ein wenig heller machen, ein paar neue Möbel. Nichts wildes«, beginne ich vorsichtig, jederzeit damit rechnend, dass er mich unterbricht.
»Wir haben doch erst renoviert.« Mit der rechten Hand schlägt er die Eier auf und wirft die Schale in eine leere Schüssel.
»Das war vor fast acht Jahren, Pa!«
»Die Leute mögen unsere Bäckerei!«
»Die Leute kennen ja auch nichts anderes. Also kannten«, korrigiere ich mich, da ich erneut an Tom denken muss.
Das Gesicht meines Vaters verfinstert sich. »Liegt es an Tom und dem neuen Café, dass du plötzlich etwas verändern willst?«
»An wem?«, schrillt die Stimme meiner Mutter dazwischen. Sie steht in der Tür zwischen Backstube und Verkaufsraum und schaut abwechselnd von meinem Vater zur mir.
»Nein, es liegt nicht an Tom«, komme ich meinem Vater zuvor. »Ich hatte schon immer ein paar Ideen und ich würde gerne etwas Neues ausprobieren.« Tom ist lediglich der Anlass, aber den Zusatz lasse ich wohlweißlich weg.
Missbilligung überzieht das Gesicht meiner Mutter, Verachtung, Mitleid. »Schatz, darüber haben wir doch schon so oft gesprochen! Die Kundschaft liebt unsere Bäckerei, genauso wie sie ist. Sie wollen gar nichts verändern.« Die Stimme meiner Mutter wird weich, sie kommt ein paar Schritte auf mich zu. Wie immer sieht sie perfekt aus, die Frisur sitzt, die Kleidung passt wie angegossen. Nie hat sich meine Mutter einen Fehler zuschulden kommen lassen, nie hat es einen großen Streit zwischen uns gegeben. Aber vielleicht ist genau das Problem.
»Ich habe mit Leon gesprochen«, fahre ich fort, ohne auf die Worte meiner Mutter einzugehen. »Er macht uns ein neues Logo. Derselbe Schriftzug, nur etwas moderner. Ich würde nicht viel verändern, wir sind und bleiben eine Traditionsbäckerei. Lasst es mich versuchen. Bitte.«
»Schatz, …« Meine Mutter hebt ihre Hand, um mir eine Locke aus dem Gesicht zu streichen.
»Nein, Mama!« Schnell trete ich einen Schritt zurück. Ich bin nicht mehr ihre kleine Tochter, der sie sagen kann, welches Kleid sie anziehen soll. »Ihr wollt, dass ich die Bäckerei übernehme. Dann müsst ihr mir auch die Chance geben, mich einzubringen. Der Workshop war ebenfalls meine Idee und er kam großartig an. Wir haben so viele Anfragen, dass ich überlege, jeden Monat etwas Vergleichbares zu veranstalten.«
Meine Mutter schaut mich irritiert an. Überraschung spiegelt sich in ihren Augen, die meinen so überhaupt nicht ähnlich sind. Dann zieht sie die Brauen zusammen und ich rechne schon mit einer weiteren Absage. Aber stattdessen seufzt sie nur.
»Schatz, wir wollten immer nur das Beste für dich. Aber seit dieser Tom hier aufgetaucht ist, habe ich immer mehr das Gefühl, dass du nicht mehr ganz du selbst bist. Erst gehst du mit ihm zu dem Ehemaligentreffen, dann die Krähe, der Workshop und jetzt wohnt er auch noch bei euch.«
»Das war Leon«, schiebe ich dazwischen, auch wenn der feine Unterschied nicht interessiert.
»Ich mache mir einfach Sorgen!«
Ich rolle mit den Augen. Genauso enden unsere Diskussionen immer. Und dann verlaufen meine Ideen im Sand. Doch diesmal lasse ich mich nicht darauf ein. »Das alles hat nichts mit Tom zu tun«, wiederhole ich meine Worte von eben. Tom ist ein ganz anderes Problem. »Ich werde übermorgen Nachmittag den Verkaufsraum renovieren. Jenna hat angeboten, mir zu helfen. Ihr könnt entweder mitmachen oder ihr lasst es. Aber ich werde das durchziehen.«