Lebkuchenliebe: Tag 4

Deal

Tom

Freitag, 4. Dezember

Ich bin am Arsch. Diesmal wirklich. Denn dass ich jetzt bittend und bettelnd ausgerechnet auf dem Weg zu Ella bin, zu Ella Stark, die mein direktes Konkurrenzgeschäft in diesem beschissenen Kaff betreibt, zeigt, wie wenig Stolz ich noch besitze. Oder Rückgrat.
Ich sollte hinschmeißen. Den kaputten Ofen als Zeichen sehen und schleunigst wieder aus Fichtenstein verschwinden. Zumindest war Jan dieser Meinung. Und damit hat er vermutlich auch recht.
Nur, dass ich niemand bin, der so schnell aufgibt. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann ziehe ich es durch. Mal abgesehen davon, dass ich gar keine andere Wahl habe. Meine finanzielle Lage ist gelinde gesagt bescheiden und ich tue besser daran, die nächsten Monate unter dem Radar zu bleiben. Nicht, dass sie mich doch noch finden und Geld von mir fordern, das ihnen nicht gehört. Oder Schlimmeres. Ich hätte mich niemals auf dieses Geschäft einlassen dürfen, aber wie heißt es so schön: Hinterher ist man immer schlauer. Von daher ist Fichtenstein aktuell die beste Lösung. Auch wenn ich jetzt vor Ella zu Kreuze kriechen muss.
Entschlossen trete ich durch die gläserne Ladentür in die Traditionsbäckerei Stark. Allein der Name entlockt mir ein Augenrollen. Dasselbe Logo wie vor zehn Jahren klebt an der großen Glasfront, dieselbe Holzbank mit den bunten Kissen steht innen direkt davor. Die neuste Ausgabe des »Wochenboten« liegt darauf, daneben ein Schirmständer und ein kleiner Tisch mit einem Strauß Tannenzweigen. Es riecht süßlich, ein vertrauter und gleichzeitig fremder Duft, weil es in meinem Café anders riecht. Ein Regal mit Nudeln, Mehl und Süßigkeiten hängt an der Wand gegenüber dem Eingang, während sich die große Verkaufstheke über die gesamte rechte Seite erstreckt. Es hat sich kaum etwas verändert, die Bäckerei sieht aus wie früher. Selbst die Weihnachtsdekoration, die penetrant und vollkommen übertrieben im gesamten Raum verteilt ist, kommt ein wenig antiquiert daher.
Erinnerungen stürmen auf mich ein, als ich an die Theke trete. Ich habe das Gefühl, in der Zeit zurückzuspringen. Ich bin wieder zwölf und kaufe wie jeden Morgen mein Käsebrötchen. Und wie jeden Morgen steckt mir Ingrid Stark noch ein Päckchen Gummibärchen in die Tüte. Meine Eltern waren noch nicht getrennt, meine Welt heil und beschaulich. Doch ein Augenblinzeln später bricht sie auseinander, zersplittert, ohne dass ich etwas daran ändern kann.
Am liebsten würde ich direkt wieder gehen.
»Tom?«
Atme, lächle, lass dir nichts anmerken.
»Hallo Frau Stark.«
Genau wie ihre Bäckerei hat sich auch Ingrid Stark kaum verändert. Sie ist älter geworden, klar, aber die kurzen dunkelbraunen Haare umrahmen wie festgeklebt ihr Gesicht. Nicht eine Strähne liegt an der falschen Stelle.
»Wie kann ich dir helfen?« Ihrer angespannten Stimme entnehme ich, dass sie mir nicht wirklich helfen will. Stattdessen würde sie mich am liebsten direkt aus ihrer Bäckerei schmeißen, denn Abneigung blitzt unverhohlen in ihren wasserblauen Augen auf. Mmh. Ellas sind grün. Von ihrer Mutter hat sie die offenbar nicht.
»Ich möchte zu Ella«, erwidere ich und schenke ihr ein charmantes Lächeln. Offene Abneigung verunsichert mich schon lange nicht mehr. Damit habe ich genug Erfahrung in den letzten Jahren gesammelt.
»Sie ist nicht hier.« Frau Stark verschränkt die Arme vor der Brust. Hinter mir ertönt die Türglocke, ein weiterer Kunde betritt die Bäckerei.
Ich hebe skeptisch eine Augenbraue. »Sie hat mir vor zehn Minuten geschrieben, dass ich zu ihr kommen soll. Sie wäre in der Backstube.«
Eine Sekunde vergeht. Noch eine. Dann dreht sich Ellas Mutter mit zusammengepressten Lippen und einem Ausdruck im Gesicht zur Tür in ihrem Rücken, bei dem ich an Ellas Stelle sofort wegrennen würde. »Ella! Da ist jemand für dich!«
Oh ja, sie hasst mich!
»Schick ihn rein!«, kommt es gedämpft. Aber ohne Zögern.
Ich kann mir mein siegessicheres Grinsen nicht verkneifen, als ich um die Theke herum an einer bebenden Frau Stark vorbei in Richtung Backstube schlendere. Unweigerlich frage ich mich, ob Ellas Mutter weiß, dass ihre Tochter und ich mal was miteinander hatten? Ihrem abschätzigen Blick nach zu urteilen, würde ich mal auf ja tippen. Mein Grinsen wird überheblich, gehässig, arrogant. Oh ja, Ingrid, ich, die Nullnummer, die dir nun das Leben schwer macht, hat es mit deiner kleinen Tochter getrieben. So richtig!
»Hey, Tom, ich bin hier drüben«, ertönt Ellas Stimme aus dem hinteren Bereich der Backstube. Schnell wische ich mir das übertriebene Grinsen wieder aus dem Gesicht. Es galt nur ihrer Mutter, nicht Ella.
Die Backstube ist deutlich kleiner, als ich sie mir vorgestellt habe. Links neben der Tür entdecke ich den Backofen mit einer großen Arbeitsfläche davor, in der Mitte des Raumes stehen mehrere Metalltische. An den Wänden befinden sich verschiedene Rühr- und Knetmaschinen, Regale, Edelstahlwägen mit Backblechen und Tabletts. Es ist picksauber, dennoch hängt auch hier ein wenig Nostalgie im Raum.
Mit wenigen Schritten bin ich bei Ella, die gerade Hagelzucker auf große runde Plätzchen streut. Sie trägt eine weiße Schürze über ihrer Kleidung und hat ihre braunen Haare unter einer Haube versteckt. Neben ihr liegen weitere Bleche mit Plätzchen, einige davon sind bereits fertig gebacken. Ohne weiter darüber nachzudenken greife ich mir eins und stecke es in den Mund.
»Hi, Ella! Ich bin hier wegen des …« Der Rest meines Satzes geht in einem Hustenanfall unter, weil sich ein Krümel des Kekses in meinen Hals verirrt hat. Oh Gott, ist das Zeug trocken!
Ella schaut mich nur abwartend an. »Ja?«
»Hast du was zu trinken?«, röchle ich hilflos.
»Nein.«
Ein erneutes Husten, dann würge ich den Rest des furztrockenen Gebäcks herunter. »Was zur Hölle tut ihr da rein?«
Ihre Lippen werden schmal. Okay, ganz falsche Taktik. Immerhin will ich den verdammten Ofen von ihr. »Ich bin hier wegen des Ofens«, fange ich noch einmal an und hebe beschwichtigend die Hände. Meine Stimme kratzt noch ein wenig. »Meiner ist kaputt und ich würde auf dein Angebot zurückkommen und mir euren alten Ofen … borgen.« Dank des fehlenden Kredits kann ich mir keinen neuen leisten. Und so ein Ding ist schweineteuer, sodass »Borgen« ein recht dehnbarer Begriff ist.
»Backst du eigentlich irgendetwas aus deinem Angebot selbst?« Obwohl mir Ella mit dem Ofen den Arsch rettet, spüre ich ihre Ablehnung überdeutlich. Sie mag mich nicht, sie will mich nicht hier haben. Aber warum hilft sie mir dann?
»Traust du mir das nicht zu?« Unbeeindruckt von ihrer offenen Provokation trete ich einen Schritt näher an sie heran.
»Nein.« Sie wischt sich die Hände an der Schürze ab und verschränkt sie anschließend vor der Brust. Es ist gruselig, wie ähnlich sie ihrer Mutter jetzt sieht. »Woher kannst du backen?«
»Ich bin viel herumgekommen.« Was wird das, ein Verhör?
»Ich wundere mich nur über deine Auswahl. Sie ist … ungewöhnlich.«
Meine Mundwinkel zucken. Sie findet sie scheiße. Ella kann sich überhaupt nicht verstellen. Auf ihrem Gesicht spiegeln sich ihre Gefühle wie Wolken im Wasser. »Mein Café hat ein anderes Konzept als eure Bäckerei.«
»Ich glaube kaum, dass das in Fichtenstein funktioniert«, stellt sie so abgeklärt fest, als wäre es undenkbar, dass in diesem Kaff tatsächlich einmal etwas Neues Anklang findet. Wenn sie sich da mal nicht irrt.
»Die letzten Tage liefen nicht schlecht.« Sogar überraschend gut, um genau zu sein.
Sie brummt unbestimmt. Ich kann nicht sagen, ob frustriert oder zustimmend. Vermutlich beides.
»Also, der Ofen?«, erinnere ich sie an mein eigentliches Anliegen. Wobei mir immer schleierhafter wird, warum sie ihn mir gibt. Wenn sie so wenig von mir und meinem Café hält, bräuchte sie sich nur zurückzulehnen und abzuwarten, bis ich wieder verschwunden bin. Stattdessen hilft sie mir aus der Klemme.
»Der ist unten im Keller. Wenn du mir hilfst, ihn in unseren Sprinter zu laden, kann ich ihn dir nachher vorbeifahren.«
Ich zucke mit den Schultern. »Klar! Was willst du für den Ofen haben?«
Sie sieht mich überrascht an. Dann schüttelt sie den Kopf. »Nichts. Das habe ich dir doch schon gesagt. Wir benutzen ihn nicht mehr, er steht sowieso nur herum. Du bekommst ihn umsonst.«
Unweigerlich halte ich inne. Skepsis macht sich in mir breit und die ganze Sache kommt mir nicht mehr ganz so geheuer vor, wie noch vor wenigen Augenblicken.
»Nichts im Leben ist umsonst, Ella.« Meine Stimme klingt bitterer, als sie sollte, doch all die Erfahrungen der letzten Jahre schwingen darin mit. Denn ich habe auf die harte Tour lernen müssen, dass einem im Leben nichts geschenkt wird. Wenn es anders wäre, hätte ich nicht in dieses Kaff fliehen müssen.
Ellas Augenbrauen wandern in die Höhe und ich kann die Fragenzeichen hinter ihrer Stirn aufploppen sehen. »Ich will wirklich nichts für den Ofen«, wiederholt sie ihre Worte. Wenn auch nicht mehr ganz so entschlossen.
»Bist du sicher?«
Und dann passiert plötzlich etwas mit Ella. Ihr Blick wird glasig, ihr Körper richtet sich unmerklich auf und ihre Lippen verziehen sich zu einem diabolischen Schmunzeln. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht erinnert mich an ein Kind, das gerade eine Idee für einen grandiosen Streich hat. »Hast du morgen Abend schon was vor?«
Ich hätte den verfickten Ofen einfach nehmen und verschwinden sollen. Denn was immer es ist, dass sich gerade in Ellas Kopf festgesetzt und ihr dieses fiese Grinsen ins Gesicht gezaubert hat, es wird mir ganz und gar nicht gefallen. »Nein.«
»Im Bürgerhaus findet ein Ehemaligentreffen unserer Schule statt«, beginnt sie und mir schwant Übles. Warum zur Hölle habe ich nicht einfach gelogen?
»Ja, und?« Männer sind schwer von Begriff. Denken Frauen zumindest. Natürlich weiß ich, worauf sie hinaus will, aber so leicht muss ich es ihr ja nicht machen.
»Du begleitest mich dorthin. Als Gegenleistung für den Ofen.«
Nein. Ganz sicher nicht. Nicht einmal für diesen beschissenen Ofen. »Wenn du Sex mit mir willst, können wir das auch einfacher haben. Ohne dieses ganze überflüssige Gedöns davor. Du musst nur fragen.« Ich meine das nicht ernst, zumindest nicht ganz.
Ella legt den Kopf schief. »Tom, wir hatten schon Sex. Und wenn ich ehrlich sein soll, war es maximal mittelmäßig. Also danke nein, ich verzichte. Ich will lediglich, dass du mich morgen Abend begleitest.«
Ich glaube ihr kein Wort. »Ganz sicher?« Langsam greife ich nach meinem Pullover und ziehe ihn nach oben. Dunkles Verlangen blitzt in ihren Augen auf. Einen Augenblick wirkt Ella wie erstarrt, dann kommt sie um den Tisch herumgelaufen und greift nach meinen Händen.
»Ich bin ganz sicher! Zwischen uns wird nichts laufen. Nie wieder.« Ihre Finger streifen meinen nackten Bauch. Nur einen kurzen Augenblick, doch der langt, um einen Stromschlag durch meinen Körper zu jagen. Erschrocken halte ich inne, irritiert von dem heißen Kribbeln, das über meine Haut rennt. Was zur Hölle?
Mit einem Ruck ziehe ich meinen Pullover wieder nach unten, befreie mich aus Ellas Griff. »Warum soll ich dich dann begleiten?«
Ella holt Luft, ihr Gesicht verfinstert sich. Schmerz huscht darüber, Enttäuschung. Sie überlegt, was sie mir sagen soll. Dabei kann ich es mir fast schon denken.
»Es gibt einen Ex-Freund, oder?« Ein Schuss ins Blaue, aber die einzig logische Erklärung, warum sie ausgerechnet mich um ein Date bittet.
Sie presst die Lippen zusammen. »Ja. Und ich weiß echt nicht, wer von euch beiden das größere Arschloch ist. Du oder Frederik.«
Entschuldigend hebe ich die Hände. »Hey, ich habe dir nie etwas versprochen.«
Ich sehe ihr an, wie sehr sie mich in diesem Moment hasst. Und auch sich selbst, weil sie mich um diesen Gefallen gebeten hat.
»Arschloch hin oder her, ich bin offenbar deine einzige Option für morgen Abend. Und da ich den Ofen dringend brauche, werde ich dich begleiten.«
Ella starrt mich an. Alte Wut spiegelt sich in ihren meergrünen Augen, Enttäuschung, Schmerz. Aber da ist noch etwas anderes, etwas, das mir den Boden unter den Füßen wegzieht, weil ich es so gut kenne. Verzweiflung, Leere. Einsamkeit. Ich muss sie vor zehn Jahren sehr viel mehr verletzt haben, als mir klar war. Wir waren jung, wild und ungestüm. Es gab nur diese eine Nacht zwischen uns. Wir hatten davor nichts miteinander und kurz danach bin ich weggezogen. Aber in diesem Moment wird mir bewusst, dass es für Ella sehr viel mehr gewesen sein muss. Dass sie sich aus unerfindlichen Gründen mehr erhofft hatte. Dass sie mehr für mich empfunden hat. Dass sie verliebt in mich war.
Bevor ich etwas sagen kann, geht ein Ruck durch ihren Körper und sie nickt.
»In Ordnung, Tom. Wir haben einen Deal.«

Lebkuchenliebe: Tag 3

Der Ofen ist aus

Ella

Donnerstag, 3. Dezember

»Er hat dich nicht erkannt?« Jennas Stimme quietscht ein wenig, was absolut untypisch für sie ist. Normalerweise ist sie ruhig und besonnen, darauf bedacht nicht unangenehm aufzufallen. Außer wir sind auf einem Konzert der Band »D.U.N.K.E.L.«, da verliert selbst meine beste Freundin ihre Besonnenheit.
»Nein«, knurre ich, immer noch stinkwütend und ein wenig fassungslos. Und tief in mir drinnen unglaublich verletzt, weil Tom mir vorgestern ohne mit der Wimper zu zucken ein Croissant verkauft hat und mich dann zwar freundlich, aber vollkommen unpersönlich verabschiedete.
»Das glaube ich einfach nicht. Das … er kann dich doch nicht nicht wiedererkennen!« Sie fuchtelt mit ihren Händen in der Luft herum und deutet vage in Richtung des Corpus Delicti, das keine zehn Meter von uns entfernt hinter seiner Theke steht. Und leider immer noch so unverschämt gut aussieht wie vor zehn Jahren.
»Doch.« Okay, zugegeben, ich sehe heute nicht mehr ganz so aus wie damals. Ich habe rund zehn Kilo mehr auf den Hüften, trage mittlerweile Kleidergröße 42/44, meine braunen Locken reichen mir gerade noch bis zum Kinn und meine Brille habe ich durch Kontaktlinsen ersetzt. Aber Himmel, ich bin keine fünfzehn mehr. Ich bin fünfundzwanzig und habe die letzten acht Jahre täglich in einer Bäckerei gearbeitet. Sowas hinterlässt eben Spuren. Dennoch … es tut überraschend weh, dass Tom mich nicht wiedererkennt. Dass ich für ihn offensichtlich nicht mehr war, als ein kleiner Flirt mit Bonusprogramm, den er direkt nach seinem Wegzug vergessen hat. Für mich hingegen war er mehr. Viel mehr.
»Er hat dich entjungfert! Wie kann er dich da vergessen?«
Oh. Mein. Gott!
»Jenna!«, zische ich viel zu laut und schaue mich hektisch um. Hitze kriecht in mein Gesicht, mein Herzschlag stolpert. Es ist nicht so, dass ich sonderlich prüde bin. Oder verklemmt. Und weiß Gott nicht schüchtern oder zurückhaltend. Aber diese eine Sache muss ausnahmsweise einmal nicht ganz Fichtenstein wissen, diese eine Sache gehört mir ganz allein. Na gut, vielmehr mir und Tom, denn ganz unbeteiligt war er leider nicht.
Frau Sander am Nachbartisch lächelt mich wissend an, während sie schnell einen Schluck aus einer überdimensionierten weißen Tasse trinkt. Oh man, bleibt in diesem Kaff auch wirklich gar nichts geheim?
Jenna, die meinem Blick gefolgt ist, läuft rot an. »Oh Gott, es tut mir leid, El. Das wollte ich nicht.«
»Schon okay.« Ich hebe ebenfalls meine Tasse an den Mund und trinke einen Schluck. Tasse kann man dieses Ungetüm kaum nennen, es hat keinen Henkel. Und ich muss beide Hände benutzen, um daraus zu trinken. Sowas von unpraktisch! Wobei ich zugeben muss, dass der Kaffee – eine Sondermischung aus Brasilien – zusammen mit der feinen Karamellnote wirklich umwerfend schmeckt. Wir sollten uns auch eine kleine Sirup-Auswahl in das Geschäft stellen. Nicht das Tom doch noch zur ernsthaften Konkurrenz wird.
Seit einer halben Stunde sitzen Jenna und ich in seinem Café. Da er mich vorgestern nicht erkannt hat und scheinbar immer noch keinen Dunst hat, wer da mitten in seinem Laden sitzt und ihn unverhohlen ausspioniert, habe ich den ersten Schritt meiner Vernichtungsstrategie eingeleitet: Beobachtung und Analyse. Wie sieht sein Sortiment aus, wie verkauft er es, wie läuft sein Service und, verdammt, wer aus Fichtenstein fällt uns jetzt schon in den Rücken und geht hier einkaufen? Die Ergebnisse bisher sind ernüchternd. Die Hälfte seiner Backwaren kenne ich nur aus dem Fernsehen oder von den seltenen Trips, die Jenna und ich nach Frankfurt unternehmen. Bagels, Wraps, Ciabatte, irgendwelches buntes Zeug und dann, ich musste zweimal lesen, eine Auswahl an veganen Backwaren. Vegan. Ehrlich? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das irgendwer in Fichtenstein kauft. Dem Ort, der jährlich an Kerb die Rekordzahlen im Steakverkauf knackt.
»Kann ich euch noch etwas bringen?«
Erschrocken lasse ich die Tasse auf den Tisch knallen. Der heiße Milchkaffee spritzt heraus mir direkt auf die Hose. Ein schmerzerfüllter Laut entfährt mir, dann greife ich hektisch nach der Serviette. Oder zumindest will ich das tun, allerdings gibt es in dem »Wir-verzichten-auf-allen-Schnick-Schnack«-Café keine.
»Oh, das tut mir leid. Warte, ich hole dir etwas zum Abtrocknen.«
Mit glühenden Wangen hebe ich meinen Kopf und blicke direkt in die weit aufgerissenen hellbraunen Augen von Jenna. Sie nickt unmerklich, dann kramt sie plötzlich angestrengt in ihrer Handtasche herum.
»Hier.«
Ein weißes Küchenhandtuch schiebt sich in mein Blickfeld. Einen Moment kleben meine Augen daran fest, dann wandern sie langsam nach rechts. Folgen einem sehnigen Unterarm, dessen gebräunte Haut mehrere dunkle Tattoos zieren. Ein schmaler Schriftzug fällt mir ins Auge, ein Stern mit Zahlen darunter. Ich schaue weiter nach oben und schlucke angestrengt. Tom trägt ein abgewetztes blaues T-Shirt, dessen Ränder an den Ärmeln und am Kragen bereits ausgefranst sind. Es sieht allerdings nicht gewollt aus, eher als hätte das Shirt seine besten Zeiten hinter sich. Feine Muskeln zeichnen sich darunter ab, doch ich glaube nicht, dass er trainiert. Dafür ist er zu schmal. Seine kurzen braunen Haare sind ein wüstes Chaos, er lächelt freundlich, aber da ist noch etwas anderes in seinem kantigen Gesicht. Etwas wildes, verlebtes, raues. Verlorenes. Etwas, das ihn älter macht, als er tatsächlich ist. Mein Mund wird trocken, als ich in seine fragenden Augen blicke. Ich blinzle und plötzlich verändert sich das Bild. Es ist immer noch Tom, der vor mir steht, allerdings ist er deutlich jünger, sein Blick ist verhangen, seine Hände liegen auf meiner nackten Haut und er wispert leise meinen Namen. Hitze flutet meinen Bauch, schießt in meine Mitte, als sich seine Lippen meinem Mund nähern …
Oh, man, Ella! Fokus! Eine mentale Ohrfeige später, greife ich nach dem Handtuch und schenke Tom ein aufgesetztes Lächeln. »Danke!« Er hat Jennas Kommentar nicht gehört. Ganz sicher nicht.
»Hallo Ella!«
Scheiße!
»Hey«, würge ich hervor und verfluche den Kloß in meinem Hals, der mir plötzlich das Reden schwer macht. Tom weiß genau, wer ich bin. So viel zu meiner Vernichtungsstrategie. »Nettes Café.«
Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Tom antwortet mit einem spöttischen Grinsen. Er hat meinen Kommentar verstanden. »Es ist lange her.«
Eindeutig nicht lange genug. »Was treibt dich nach Fichtenstein?«
»Du meinst außer der Bäckerei meines Vaters?« Sein Grinsen wird breiter. »Die Neugierde. Ich wollte sehen, was aus dir geworden ist.«
Meine Augenbrauen schnellen nach oben. »Du hast mich bis vor fünf Minuten überhaupt nicht erkannt. Also tue nicht so, als wärst du meinetwegen hier«, gebe ich trocken zurück.
Tom zieht eine Grimasse, doch der Schalk bleibt in seinen Mundwinkeln hängen. »Dir kann man immer noch nichts vormachen, oder? Dieselbe abgeklärte Ella wie früher. In diesem Kaff hat sich wirklich überhaupt nichts verändert.«
»Warum bist du dann nicht weggeblieben?« Anstatt mir und meiner Familie mit dem Café so ans Bein zu pissen.
Für den Bruchteil einer Sekunde verändert sich etwas in seinem Gesicht. Das Grinsen verschwindet, die Fröhlichkeit ist dahin. Stattdessen flackert Sehnsucht in seinen Augen auf, Einsamkeit. Angst. Ich blinzle irritiert. Doch so schnell die Veränderung gekommen ist, verschwindet sie auch wieder.
»Ich hab meine Gründe«, antworte er kryptisch und erntet einen missbilligenden Blick meinerseits. Schwätzer!
»Also, wollt ihr noch was?« Als Jenna und ich den Kopf schütteln, nickt er knapp und macht Anstalten zu gehen. Doch statt an mir vorbeizulaufen, hält er inne und beugt sich zu mir herunter. Schlagartig verkrampfe ich mich und meine Nackenhaare stellen sich auf. Sein warmer Atem streift meine Haut. Eine Mischung aus Kaffee und Pfefferminze dringt in meine Nase und der verfluchte Geruch nach etwas Verbotenem, den ich prompt wiedererkenne. Unmerklich beiße ich mir auf die Unterlippe und verteufel das heiße Prickeln, das plötzlich durch meinen Körper jagt. Holy Shit! Dieser Kerl sollte nicht diese Wirkung auf mich haben!
»Als ob ich die Nacht in Janniks Garten vergessen würde, Cinderella«, raunt er leise an meinem Ohr. »Du hast mir einen der besten Ficks meines Lebens geschenkt. Sowas vergisst man nicht einfach.«
Mein Kopf explodiert. Zumindest fühlt es sich so an. Hitze flimmert über meine Haut und ich muss aussehen wie ein Engländer nach einem Sonnenbad am Strand.
Cinderella.
Ich bin keine Prinzessin. Und Tom ist sicher kein Held, der mich rettet.
Mein Mund ist staubtrocken und ich schlucke angestrengt. Einmal. Und noch einmal. Ich muss hier raus. Ich halte es keine Sekunde länger mit diesem Kerl in einem Raum aus. Scham und Wut schwappen über mich hinweg, bittere Enttäuschung und brennender Schmerz, den ich die vielen Monate nach dieser einen verdammten Nacht gefühlt habe. Tom hat Fichtenstein kurz nach unserem »Zusammenstoß« verlassen, um zu seiner Mutter zu ziehen. Und obwohl wir nie zusammen waren, obwohl wir nie vereinbart hatten, in Kontakt zu bleiben, tat es doch verdammt weh, nichts von ihm zu hören. Tom hat mir nichts versprochen, es war von Anfang an klar, was das zwischen uns ist. Oder auch nicht ist. Aber der Kopf kann noch so viel verstehen, kann sich noch so viel vornehmen, kann noch so vernünftig sein, das Herz ist es nicht. Das Herz tut, was es will.
Und meins wollte Tom. So sehr, dass ich mich in dieser Nacht auf ihn eingelassen habe, auch wenn ich wusste, dass er es anschließend brechen wird.
Ohne auf Jenna zu warten springe ich auf, greife nach meiner Jacke und taumle in Richtung Ausgang. Meine Freundin ruft etwas, Stühle rutschen über den Boden, dann halte ich endlich die Eingangstür in der Hand und reiße sie erleichtert auf.
Bis zu meiner Rechten etwas explodiert und ich erschrocken herumfahre.
Ein beißender Geruch zieht in sekundenschnelle durch das gesamte Café, dunkler Rauch kommt aus der offenen Seitentür neben der Verkaufstheke. Der schwarzhaarige Mann, der Tom offenbar unterstützt, kommt aus der Backstube gestürzt. Hustend schaut er sich um, rudert wild mit den Armen, dann ruft er etwas, das allerdings im Lärm des plötzlichen Tumults untergeht. Alle Gäste sind aufgesprungen, einige, darunter auch Jenna, verlassen panisch das Café. Ich werde zur Seite gestoßen und pralle unsanft gegen die Verkaufstheke. Der Rauch beißt in meiner Nase, treibt mir die Tränen in die Augen. Warum ich nicht auch gehe, kann ich nicht sagen. Vermutlich stehe ich unter Schock. Gehetzt suchen meine Augen nach Tom. Eben war er noch hinter mir, jetzt kann ich ihn nicht entdecken. Oh Gott, nicht, dass ihm etwas passiert ist. Etwas Kaltes greift nach meinem Herzen, lässt meinen Kehle für einen kurzen Augenblick eng werden. Gerade will ich um die Theke herumgehen und nach ihm rufen, da entdecke ich ihn am offenen Fenstern auf der anderen Seite des Cafés. Neben ihm steht der Schwarzhaarige, dessen Gesicht rußverschmiert ist. Sie diskutieren, beide angespannt und wütend. Wortfetzen dringen zu mir durch, ich verstehe »Feuer«, »Sicherung«, »Ofen«. Und »Altes Schrotteil«. Vermutlich hat sein alter Backofen den Geist aufgegeben.
Ich schüttle den Kopf, mache einen zögerlichen Schritt in Richtung Ausgang. Mittlerweile ist das Café fast vollständig verlassen. Doch ich kann einfach nicht gehen. Stattdessen hängt mein Blick an Tom fest, der sich jetzt mit einer hilflosen Geste durch die Haare fährt. Er wirkt nicht länger wütend, eher resigniert, mutlos. So, als habe er in diesem Moment aufgegeben. Wenn der Ofen wirklich kaputt ist, braucht er einen neuen. Sonst kann er dicht machen. Doch so, wie Tom gerade den Kopf schüttelt und sein Blick wehmütig und traurig über die leeren Plätze schweift, scheint das ein größeres Problem zu werden.
Ein Stich fährt durch mich hindurch. Ich will nicht, dass das Café schließt. Und Tom wieder verschwindet. Nicht wieder. Einfach so.
Das werde ich nicht zulassen.
Die Heftigkeit, mit der sich diese Entscheidung in mir festigt, dreht mir den Magen um. Ich sollte nicht so fühlen, ich bedeute Tom nichts. Und er mir auch nicht. Außer, dass er mein Konkurrent ist und ich eigentlich froh darüber sein sollte, dass er schnell wieder verschwindet. Nur dass ich genau das nicht bin. Oh, verdammt! Entschlossen schiebe ich das Gefühlschaos, das mich aus dem Gleichgewicht bringen will, beiseite. Damit kann ich mich wann anders befassen.
Jetzt erst einmal muss ich helfen.
Tom.
Und auch mir.

Lebkuchenliebe: Tag 2

Verspielt

Tom

Mittwoch, 2. Dezember

Das Leben ist ein Spiel. Oder zumindest mache ich es daraus. Denn jede Entscheidung, die man trifft, ist nichts anderes als ein Abwägen unterschiedlicher Spielzüge und Konsequenzen, die daraus entstehen. Und wenn man den falschen Schritt wählt, ja, dann kann man es auch schonmal so richtig verkacken. Spielt man allerdings gut, so wie ich, dann steht einem die Welt offen.
Nur dass es diesmal leider nur die örtliche Filiale der Volksbank in Fichtenstein ist. Ein entwaffnendes Lächeln im Gesicht, den Rücken gerade, die Hände locker auf den Knien, lausche ich den Worten der Bankangestellten mir gegenüber und nicke an den richtigen Stellen. Dabei höre ich ihr nicht wirklich zu, ich warte eher darauf, dass sie endlich aufhört zu reden und mir sagt, dass mein Kredit genehmigt wird.
»… und deshalb, Herr Westen, so leid es mir tut, können wir Ihrem Kreditantrag leider nicht zustimmen.«
Ich nicke wieder brav, dann stockt meine Bewegung. Bitte was?
»Warum nicht?« Ein leises, kaltes Kitzeln breitet sich in meinem Nacken aus, das erste Anzeichen von Nervosität. Aber es braucht schon etwas mehr als eine erste Absage, um mich aus der Bahn zu werfen.
»Wie ich Ihnen eben erläutert habe, haben Sie keinerlei Sicherheiten. Unter diesen Umständen können wir Ihnen das Geld nicht geben. Es tut mir leid«, schiebt sie hinterher und ich glaube ihr sogar, dass sie mich ehrlich bedauert. Obwohl ich schon über eine Stunde vor der Frau sitze, nehme ich sie jetzt zum ersten Mal wirklich wahr. Blonde wilde Locken, die in einem missglücktem Versuch sie zu bändigen zu einem hohen Knoten zusammengefasst sind, eine hellblaue zugeknöpfte Bluse, ein grauer Bleistiftrock und ein schmaler Goldring am linken Ringfinger. Mmh. Ich schätze sie auf Mitte Vierzig und dem grimmigen Zug um ihren Mund nach zu urteilen, ist sie nicht zufrieden mit ihrem Leben.
»Was ist mit der Bäckerei meines Vaters? Die gehört mir.« Lässig lehne ich mich ein Stück weiter vor, stütze meine Ellenbogen auf meinen Knien ab, sodass uns nur noch ein knapper halber Meter trennt. Aus dieser Entfernung kann ich ihr süßes Parfüm riechen. Fuck, ich hoffe, ich stinke anschließend nicht zu sehr danach!
»Mit Verlaub, Herr Westen, Sie wissen selbst, dass die Bäckerei renovierungsbedürftig ist. Das langt einfach nicht.«
Ich öffne den Mund und senke meine Augenlider. »Und wenn ich Ihnen andere Sicherheiten biete?« Meine Stimme klingt dunkel, rau, verspricht Geheimnisse und Abgründe, die in diesem Raum bleiben werden.
Ihre Augen weiten sich überrascht. Sie versteht mein Angebot. Ihr Blick zuckt zur Tür hinter mir, die ich natürlich geschlossen habe, nachdem sie mich hereingebeten hat. Ein klassischer Anfängerfehler Türen offenstehen zu lassen. Man sollte immer auf alles gefasst sein.
Da sie nicht antwortet, erhebe ich mich gemächlich und komme um den Tisch herum auf sie zu. Sie sieht erschrocken zu mir hoch, ihre Unterlippe zittert. Mein Mund verzieht sich zu einem dreckigen Grinsen. Jackpot! Langsam gehe ich vor ihr auf die Knie und drehe ihren Schreibtischstuhl zu mir herum. Sie stößt ein leises Keuchen aus, als meine Hände ihre Knie auseinanderdrücken und den verdammt hässlichen Rock nach oben schieben. Wie zum Protest greift sie mit ihren Händen nach meinem Kopf, krallt sich in meinen Haaren fest, als wenn sie sich selbst davon überzeugen wollte, dass das hier nicht richtig ist. Aber anstatt mich von sich zu schieben, rutscht sie in ihrem Stuhl nach vorne und öffnet sich mir so bereitwillig, dass ich kurz überlege, abzubrechen. Jedes Spiel verliert seinen Reiz, wenn es zu einfach ist.
Zwanzig Minuten später verlasse ich wutschnaubend die Filiale. Den ekelhaften Geruch nach dem süßen Parfüm immer noch in der Nase. Diese verdammte Kuh hat sich von mir lecken lassen, bis ihre Beine gezittert haben, und sie gejault hat wie eine Straßentöle, nur um meinen Kreditantrag anschließend doch abzulehnen. Ich hätte sie ficken sollen, hart und unnachgiebig, dann hätte sie vielleicht eher verstanden, was sie verpasst. Fuck!
Fluchend trete ich mit dem Fuß gegen eine leere Zigarettenpackung. Eine Kippe täte mir jetzt echt gut, aber selbst dafür fehlt mir das Geld. Verflucht, nochmal! Es war eine verdammte Scheißidee herzukommen. Mein Hirn muss die letzten Wochen in Urlaub gewesen sein, sonst hätte ich niemals den Weg nach Fichtenstein gefunden. Und das letzte Geld, das ich noch besitze, in diese Bruchbude investiert, um ausgerechnet hier, in dem wirklich letzten Kaff auf diesem Planeten, eine Bäckerei zu eröffnen. Fichtenstein. Allein bei dem Namen läuft es mir kalt den Rücken herunter. Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Wütend und frustriert gehe ich die Straße entlang. Den Kopf tief in den Kragen meiner Jacke vergraben, den Blick starr nach vorne. Genau genommen weiß ich sehr gut, warum ich hier bin. Mein Vater hat mir nach seinem Tod die Bäckerei hinterlassen, was mich die letzten Jahre allerdings nicht sonderlich interessiert hat. Nach der Scheidung meiner Eltern vor zehn Jahren habe ich Fichtenstein den Rücken gekehrt und wäre im Traum nicht darauf gekommen, ausgerechnet hierher zurückzukehren. Doch die Dinge laufen leider nicht immer, wie man will. Ich habe mich verzockt, habe fast mein gesamtes Geld in Las Vegas verspielt, und brauchte ich einen neuen Plan.
Und einen Ort, wo mich nach Möglichkeit niemand findet.
Als ich die drei Stufen zu meinem Café hochsteige und die Tür zu dem gut gefüllten Gästebereich öffne, habe ich mich soweit wieder im Griff. Zufrieden gleitet mein Blick über die voll besetzten Tische und Stühle. Der Laden brummt. Es wäre doch gelacht, wenn ich mich nicht auch aus diesem Schlamassel herausmanövrieren könnte.
»Alles klar soweit?«
Jan, der gerade am Kaffeeautomaten steht und zwei Espresso zubereitet, wirkt leicht gestresst. Ich habe ihn vor drei Jahren in Hamburg kennengelernt und seitdem halten wir locker Kontakt. Er hat mir die letzten Tage geholfen, das Café zu renovieren, und wird noch bis zum Wochenende bleiben. Danach muss ich mich alleine durchkämpfen.
»Ja, Mann. Du bist spät dran. Hier steppt der Bär!«
»Wie ich sehe, hast du es im Griff!« Ich schenke ihm ein breites Grinsen, das er mit einer hochgezogenen Augenbraue beantwortet. »Ich bin gleich bei dir«, entschuldige ich mich und verschwinde durch die Seitentür in die Backstube. Zielstrebig gehe ich an den Metalltischen, Rührmaschinen und dem Ofen vorbei, bis zur hintersten Ecke, wo eine Matratze auf dem Boden liegt. Daneben meine Reisetasche, Bücher, Schmierzettel und ein paar Fotos. Mein Vater hat mir bedauerlicherweise nur die Bäckerei vermacht, seine Wohnung hatte er kurz vor seinem Tod verkauft. Und da das mit dem Kredit heute nicht geklappt hat, werde ich wohl noch eine Weile hier schlafen müssen.
Achtlos werfe ich meine Jacke auf den Kleiderhaufen neben der Matratze, mein Hemd folgt. Nur im T-Shirt gehe ich zurück in den Verkaufsraum.
»Wie lief es?« Jan schaut mich fragend an. Seine langen schwarzen Haare hat er zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden, in seinen Ohrläppchen stecken silberne Ringe und auf der getönten Haut seiner nackten Unterarme zeichnen sich mehrere dunkle Tattoos ab. Ich nehme mir noch einen Moment, bevor ich ihm antworte. Jan passt ebenso wenig hier her wie ich. In ein Kaff, das so voll von Traditionen und Vorurteilen ist, das jeder normal denkende Mensch sofort das Weite suchen würde. Doch obwohl wir auffallen müssen wie Flamingos im Vogelgehege, ist das Café auch heute wieder brechend voll. Die Leute sind neugierig. Und nehmen uns und meine Ideen überraschenderweise ohne Probleme an. Trotz der Vorurteile, trotz der Tradition, mit der wir ganz bewusst brechen. Vielleicht ist dieses Kaff doch nicht so schlimm, wie ich bisher dachte.
»Beschissen. Erzähle ich dir später.« Ich winke ab, da ich jetzt absolut keinen Bock habe, auch nur eine Sekunde länger an das Desaster in der Bank zu denken. Stattdessen gehe ich an die Verkaufstheke, wo bereits der nächste Kunde wartet.
»Was kann ich dir bringen?«, frage ich, ein einstudiertes Lächeln auf den Lippen, während ich gleichzeitig unsere Auslage checke. Es fehlen Bagels und die Macarons müssen nachgelegt werden.
»Einen Jack Daniels mit Cola und Eis«, kommt es wie aus der Pistole geschossen.
Überrascht hebe ich den Kopf. »Leon?« Ungläubig schaue ich mein Gegenüber an. Dunkelblonde Locken, meergrüne Augen, ein verschmitztes Grinsen im Gesicht. Mein bester Kumpel von früher hat sich kaum verändert.
»Ja, Mann!« Er hält mir kameradschaftlich die Hand hin, die ich sofort einschlage. »Ich muss gestehen, ich konnte es nicht glauben, dass wirklich du das neue Café eröffnet hast. Meine Schwester ist völlig am Ausrasten.«
Etwas zupft an meinen Mundwinkeln, Wärme durchflutet mich. »Ja, ich bin wieder da.« Und dann kann ich nicht anders als breit zu grinsen. Leon und ich waren wie ein Kopf und ein Arsch. Es gab kaum einen Tag, an dem wir nicht irgendeinen Unfug angestellt haben, angefangen im Kindergarten bis zum letzten Tag, als ich mit meiner Mutter weggezogen bin. So viel Zeit, so viele Jahre, so viele Erinnerungen. Und doch fühlt es sich in diesem Moment so an, als wäre ich nie weg gewesen.
»Es tut gut dich zu sehen! Hast du heute Abend Zeit? Ein Bier im ›Krug‹?«
»Klar! Spielt ihr immer noch Poker?«
Ein wissender Funken blitzt in Leons grünen Augen auf, die mich für eine Sekunde an jemand anderen erinnern. An einen anderen Ort, eine andere Nacht, als ich mich in den gleichen grünen Augen verloren habe. Ein Blinzeln, dann ist die Erinnerung verschwunden. Was bleibt, ist das Gefühl, gerade einen neuen Plan gefasst zu haben.
»Oh ja!« Leon schmunzelt verschwörerisch. »Und du bist jederzeit herzlich willkommen.«

Lebkuchenliebe: Tag 1

Wenn einem das Schicksal ans Bein pinkelt

Ella

Dienstag, 1. Dezember

Kennt ihr das? Wenn ihr morgens aufsteht und der Tag ist eigentlich schon gelaufen? Die Haare wollen nicht, dein Körper fühlt sich an wie einmal durch die Mangel gedreht und die Waage erinnert dich vehement daran, dass mal wieder Zeit für eine Diät ist? An so einem Tag geht man am besten direkt zurück ins Bett und startet einen Serienmarathon der neuen Staffel »Suits«. Nur dass ich diese Option heute leider nicht habe.
Müde reibe ich mir über meine Augen, die so dunkle Ringe zieren, dass sie kein Concealer der Welt mehr verstecken kann. Gott, wie ich diesen Tag hasse! Und das alles nur, weil meine Mutter seit Jahren darauf besteht, unsere Bäckerei quasi über Nacht in ein kleines Winter Wonderland zu verwandeln. Bunte Lichterketten blinken im großen Schaufenster gegenüber der Verkaufstheke, goldene und silberne Christbaumkugeln baumeln dazwischen und ein dunkelgrüner Tannenzweig unter der Decke rundet das rührselige Bild vom perfekten Weihnachtsladen ab. Nicht zu vergessen der Mistelzweig über der Eingangstür. Geht es noch kitschiger? Ja, geht es! Seit heute Morgen dudelt Rolf Zuckowskis Weihnachts-CD durch die gesamte Bäckerei und hebt meinen dumpfen Kopfschmerz auf ein apokalyptisches Niveau.
»Wie immer mit Milch und Zucker«?«, frage ich über die Schulter, während mir der Duft nach frisch aufgebrühtem Kaffee in die Nase steigt.
»Ja, wie immer, Liebes!«
Mit aller Macht unterdrücke ich ein Gähnen, dann drehe ich mich herum und stelle die beiden dampfenden Becher auf die Verkaufstheke. Anschließend lege ich noch zwei frisch gebackene Plätzchen dazu. Buttergebäck mit einer feinen Vanillenote und Schokoladenüberzug. Meine Lieblingssorte. Ebenso die von Frau Sandmann, die mir nun dankbar einen Fünf-Euro-Schein über die Theke schiebt und sich anschließend ein Plätzchen in den Mund steckt.
»Wie geht es deiner Mutter?«, erkundigt sie sich kauend und lässt ihren Blick bedächtig über unsere Auslage wandern. Streuselstückchen mit Vanillepudding, Kirschplunder, Apfeltaschen mit Zuckerkruste und weitere Kaffeestückchen präsentieren sich hier der Kundschaft, während im hinteren Bereich unserer Bäckerei unterschiedliche Brötchen und Brote ausliegen.
»Besser«, antworte ich Frau Sandmann verspätet und schaue sehnsüchtig dabei zu, wie sie an ihrem Kaffee nippt. Aber ich hatte schon vier, mehr ist nicht drin, wenn ich kein Herzrasen riskieren will. »Ihr Husten ist weg, allerdings will sie sich noch ein paar Tage schonen, bevor sie wieder in den Laden kommt.« Erneut unterdrücke ich ein Gähnen, das mir die Tränen in die Augen treibt. Verdammt, so überstehe ich den Tag nie!
»Ich habe ihr gleich gesagt, dass sie sich in dem dünnen Jäckchen eine Erkältung holt. Nur in einem Strickjäckchen auf den Weihnachtsmarkt nach Darmstadt. Ende November.« Sie schüttelt verständnislos den Kopf, sodass ihre kurzen hellbraunen Locken hin und herfliegen. »Nun hat sie den Salat. Richte ihr bitte meine Grüße aus, ja? Ich hoffe, dass sie nächste Woche bei der Canasta-Runde wieder dabei ist.«
»Natürlich!« Ich nicke ehrerbietig und richte gleichzeitig meine Aufmerksamkeit auf die junge Frau, die neben Frau Sandmann steht und wartet. Sie wirkt etwas gestresst, dunkle Ringe unter ihren Augen zeugen ebenfalls von einer kurzen Nacht. In ihrem Arm hält sie ein Baby, zwei weitere Kinder warten im Auto, das direkt vor unserer Bäckerei geparkt hat. Ich weiß das, weil sie jeden Dienstag ihr Brot bei uns kauft. Und ich während der letzten Jahre mitbekommen habe, wie sie erst geheiratet hat, dann schwanger wurde und schließlich ihre Kinder bekam.
In diesem Ort geschieht so gut wie nichts, ohne dass ich es mitbekomme. Denn seit jeher ist unsere Bäckerei der Umschlagplatz für die neusten Informationen, Gerüchte, Geheimnisse – kurz Klatsch und Tratsch. Und ich würde lügen, wenn ich diesem Teil meiner Arbeit nicht einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen könnte.
»Zwei Mehrkorn?«, frage ich höflich nach, obwohl ich genau weiß, was sie möchte. Mein Vater hat das Brot erst vor einer halben Stunde aus dem Ofen geholt. So frisch wie bei uns, kaufen Kunden nirgendwo sonst ihre Backwaren. Geschweige denn selbstgebackenes, nach Rezepten, die schon mein Großvater ausgearbeitet hat.
»Ja. Und heute bitte noch zwei Nussecken und drei Taler mit bunten Zuckerkugeln dazu. Wir bekommen Besuch.«
Schnell packe ich alles zusammen und krame nach dem Wechselgeld, als es erneut an der Eingangstür klingelt. Nora Tischler betritt den Laden und meine Tratschsensoren springen automatisch an. Nora arbeitet für den »Wochenboten«, unser lokales Schmierblatt, und wenn einer Neuigkeiten kennt, dann sie. Doch komme ich gar nicht erst dazu, sie anzusprechen, da hat sich Frau Sandmann bereits Nora gekrallt.
»Und, wie ist es?« Ihre Stimme klingt eine Spur zu schrill, eine Sensation liegt in der Luft.
Meine Ohren zucken unmerklich, habe ich etwas verpasst? Ich war die letzte Woche bei einer Freundin in München und bin gestern Abend erst spät wiedergekommen. Mein Vater, der mir heute Morgen geholfen hat, hat nichts erwähnt, allerdings überrascht mich das nicht. Er hält absolut nichts von Klatsch, daher bleibt er auch überwiegend in der Backstube, während meine Mutter und ich den Verkauf übernehmen.
»Es ist …« Noras blaue Augen huschen zu mir. Und fast liegt so etwas wie eine Entschuldigung darin. »Es ist ganz nett.« Das ist die Untertreibung des Jahrtausends. Ich kenne Nora, »nett« kommt in ihrem Wortschatz nicht vor.
»Und wie ist er? Hast du ihn schon interviewt?« Frau Sandmann lässt nicht locker, obwohl nicht zu übersehen ist, dass Nora das Thema nicht weiter vertiefen will.
Wieder zuckt ihr Blick zu mir. »Morgen erscheint ein Artikel im ›Wochenboten‹«, antwortet sie knapp und ohne die Frage zu beantworten. Abschätzend mustere ich sie. Irgendetwas geht hier vor sich.
»Kommst du auch zum Ehemaligentreffen am Samstag?«, will Nora stattdessen von mir wissen und lässt Frau Sandmann eiskalt stehen. Sie legt ein paar Münzen in die Schale auf der Theke, während ich ihr zwei Rosinenbrötchen einpacke. Sie will ablenken.
»Ich hab es vor.« Auch wenn ich absolut keine Lust habe, meine ehemaligen Klassenkameraden wiederzusehen. Bei diesen Treffen geht es nur darum, wer heute was macht, mit wem verheiratet ist und wie viele Kinder hat. Ich schneide nicht besonders gut ab, eigentlich habe ich nur Jenna zuliebe zugesagt. Und weil ich versprochen habe, Fotos zu machen. »Worum ging es da eben?«, frage ich zurück und reiche Nora die Tüte.
»Nur um ein neues Geschäft, das heute eröffnet hat.« Sie winkt ab, als wäre es unwichtig. Doch dann verabschiedet sie sich so schnell, dass mich dass erst recht misstrauisch macht. Und mit jeder Stunde, die dieser Tag weiter voranschreitet, gräbt sich mein Argwohn tiefer. Irgendetwas geht in diesem Ort vor sich, irgendetwas gewaltiges, neues, das jeder Kunde, der unsere Bäckerei betritt, tunlichst vor mir geheim halten will. Denn mir fällt mehr als einmal auf, dass meine Kundschaft miteinander tuschelt, dass ich mitleidige Blicke ernte, und dass unsere Auslage länger als üblich betrachtet wird. Dass Roman plötzlich keinen Kaffee mehr will, weil er schon einen hatte, und Anne-Marie heute kein Brot kauft, obwohl sie das seit fünfzehn Jahren immer tut.
Irgendwann reißt mir der Geduldsfaden.
Obwohl ich noch mitten in der Bäckerei stehe und es meine Eltern gar nicht gerne sehen, wenn ich während der Arbeit telefoniere, greife ich nach meinem Handy und wähle Leons Nummer.
Es tutet.
Einmal, zweimal, zehnmal.
Mein ach so beschäftigter Zwillingsbruder geht natürlich nicht an sein Telefon. Zerknirscht werfe ich einen Blick auf die Uhr. Jenna ist noch in der Uni, sie kann ich nicht anrufen. Kurz entschlossen öffne ich Facebook und klicke mich in die örtliche Facebook-Gruppe. Unsere Bäckerei ist eine der größten Klatsch-und-Tratsch-Börsen am Ort, aber wenn du dir sicher sein willst, nichts zu verpassen, dann musst du dieser Gruppe in Facebook angehören. Denn zwischen hunderten Regenbögen, Kirchtürmen, Sonnenuntergängen oder Bildern vom Badesee, erfährst du hier alles, über das sich niemand zu sprechen traut. Und tatsächlich. Bereits nach wenigen Klicks finde ich einen Beitrag über ein neues Café, das heute in Fichtenstein eröffnet hat.
Fassungslos scrolle ich durch die Kommentare und mit jedem Post, mit jedem bescheuerten Foto wächst meine Wut ins Unermessliche. Wollen die mich eigentlich verarschen? Unsere Bäckerei hat seit sieben Uhr geöffnet. Jetzt ist es fast zwölf. Ich habe an die vierzig Kunden bedient. Und nicht einer hatte den Anstand, mir davon zu berichten? Oder mir ein Wort davon zu erzählen?
Den Fotos nach zu urteilen, hat sich das Café in dem alten Geschäft von Johann Westen eingerichtet, keine dreihundert Meter von uns entfernt. Mein Blick fällt auf die Uhr. Die Mittagspause kommt mir gerade recht.
Schnell schließe ich den Verkaufsraum ab, schnappe mir meine Jacke und verlasse unsere Bäckerei durch die Seitentür. Kalter Nieselregen schlägt mir entgegen, eine dunkelgraue Wolkendecke hängt tief unter dem trüben Himmel. Ein Frösteln rennt über meine Haut. Es fehlt nur noch ein aufziehendes Gewitter, dann würde das Wetter mein Innenleben perfekt widerspiegeln.
Ich werfe mir den blau-weiß gestreiften Strickschal um den Hals, ziehe meine fellbesetzte Kapuze über den Kopf und zücke erneut mein Handy. Mittlerweile ist es mir schnurzegal, dass Jenna noch in der Uni sitzt. Ich brauche Antworten. Das monotone Tuten meines Telefons im Ohr, stapfe ich die Nebelbergerstraße entlang. Wut, Aufregung und bodenlose Enttäuschung toben gleichermaßen durch mich hindurch. Wieso hat mir niemand etwas gesagt? Nicht einmal meine Eltern oder mein Bruder, der ohne Zweifel wissen muss, dass heute ein neues Café eröffnet?
»Hallo El, bist du schon wieder zurück?« Jenna klingt zu unschuldig, als dass sie nicht wüsste, warum ich sie anrufe.
»Warum hast du mir nichts gesagt?«, fahre ich sie aufgebracht an.
»Ich …« Etwas klimpert im Hintergrund, ein unterdrücktes Fluchen, eine Tür schlägt zu, dann schnelle Schritte. »Ich bin noch in der Uni, sonst hätte ich dich schon längst angerufen.«
Okay, anscheinend hat sie gerade den Vorlesungssaal verlassen, um mit mir zu telefonieren. Aber das erklärt nicht, warum sie mir nichts gesagt hat.
»Ein Café ploppt nicht plötzlich über Nacht aus dem Boden«, knurre ich wütend und erhöhe mein Tempo noch ein wenig. Nicht, dass das neue Café ebenfalls Mittagspause hat, bevor ich dort bin. »Und du hättest mich jeden verdammten Tag letzte Woche anrufen können, um mir genau das zu sagen!«
»Ich wollte dir deine Zeit in München nicht ruinieren«, verteidigt sich meine beste Freundin und ich weiß, dass sie es gut gemeint hat. Jenna ist der mitfühlendste Mensch, den ich kenne. Sie macht sich mehr Gedanken um alle anderen, als um sich selbst, was regelmäßig dazu führt, dass sie zu spät zu einer Verabredung kommt, ihre eigenen Termine vergisst oder ihr Studium vernachlässigt, um in allen möglichen Sozialprojekten zu helfen. Wenn sie mich nicht angerufen hat, dann tatsächlich, weil sie mir meinen Urlaub nicht versauen wollte.
»Ist schon okay«, antworte ich seufzend, auch wenn ich immer noch aufgebracht bin. Irgendjemand hätte mich informieren müssen! »Weißt du, wer es führt?« Ich schnaufe ein wenig angesichts des strammen Fußmarsches. Herrgott, ich sollte wirklich mehr Sport machen!
»Wo bist du gerade?«, erkundigt sich Jenna vorsichtig, beinahe alarmiert. Meine Frage ignoriert sie komplett.
»Ich stehe direkt davor.«
Meine Freundin zieht zischend die Luft ein. »Warte. Ich … ich komme dort hin. In einer halben Stunde kann ich bei dir sein. Gehe nicht rein. Hörst du mich, El, gehe nicht in das Café. Ich …« Weiter kommt sie nicht, da ich das Gespräch beendet habe.
Stattdessen starre ich fassungslos auf die große Glasfront, auf der ein neues weißes Logo in geschwungener Schrift klebt. »Westen – das Café für Entdecker.« Was bitte soll das denn sein? Ein Café für Entdecker? Was für ein Quatsch, in einem Café gibt es Kaffee, Croissants oder Kaffeestückchen. Aber zwischen Mehl, Zucker und Kaffeebohnen entdeckt man sicher keinen neuen Kontinent.
Johann Westen, der ehemalige Besitzer des Cafés, ist vor drei Jahren verstorben. Danach stand das Café leer, es gab ja auch keinen Grund ein Neues zu eröffnen. Wir sind die Bäckerei im Ort, bei uns gibt es Brot, Brötchen und auch Kaffee. Warum sollte jemand ausgerechnet jetzt ein Konkurrenzgeschäft eröffnen? Und dann auch noch den Namen behalten?
Ohne weiter zu grübeln, nehme ich die drei Stufen zur Eingangstür und öffne die in Messing eingefasste Glastür. Seinen Feind muss man kennen, um ihn zu vernichten.
Das Erste was mir auffällt, ist der Geruch. Es riecht nach Kaffee, nach Karamell und Schokolade, aber darunter liegt die leicht herbe Note von Zimt. Ein wohliges Kribbeln fährt durch mich hindurch und von dieser an Sekunde hasse ich das Café. Links von mir erstreckt sich eine kleine Verkaufstheke, in der verschiedene Backwaren ausliegen, während den Hauptteil des Raumes runde Tische mit Stühlen einnehmen. Die Wände sind in hellen creme und beige Tönen gestrichen, die Möbel sind aus dunklem Holz und an den Seiten hängen überdimensionale schwarz-weiß Fotografien von Städten, Landschaften oder bekannten Sehenswürdigkeiten. Ein paar wenige rote Christbaumkugeln sind im Raum verteilt, auf den Tischen liegen kleine Tannenzweige. Das ist bei Weitem nicht die überladene Weihnachtsdekoration wie bei uns und doch ist das Bild sehr stimmig. Und weihnachtlich. Das Café wirkt insgesamt freundlich, gemütlich und wäre es nicht ausgerechnet unsere direkte Konkurrenz, würde ich mich hier sehr wohlfühlen. Verdammt! Da weiß jemand ganz genau, was er tut.
»Wie kann ich dir helfen?« Eine dunkle Stimme lässt mich zusammenzucken und reißt mich aus meiner Starre. Erst jetzt wird mir bewusst, dass beinahe jeder Tisch besetzt ist. Und mich die Gäste teils beschämt, teils entschuldigend, teils mitleidig ansehen. Ja, ihr alle hockt gerade bei meiner Konkurrenz und trinkt den Kaffee, den ihr normalerweise bei uns kauft.
Augenblicklich ist meine Wut zurück. Aufgewühlt wie ein Wasserkocher kurz vorm Überlaufen drehe ich mich zur Verkaufstheke herum, bereit, dem neuen Besitzer ordentlich die Meinung zu geigen. Ich streife meine Kapuze vom Kopf, meine Lippen formen das erste Wort … doch nur ein undeutliches Brabbeln verlässt meinen Mund.
Oh, Scheiße!
Unterschiedlichste Emotionen rauschen durch mich hindurch. Überraschung, Leidenschaft, Scham. Enttäuschung, Schmerz und eine eiskalte Leere. Meine Finger krallen sich in die Taschen meiner Jacke, mir wird heiß und kalt zugleich.
Janniks sechszehnter Geburtstag.
Flaschendrehen.
Wahrheit oder Pflicht.
Tom Westen.
Ein Kuss auf acht Tequila Shots.
Der dunkle Garten und wir beide, die genau da weitermachen, wo wir drinnen aufgehört haben. Bis uns irgendwann später – viel zu spät – die Sprinkleranlage unterbricht.
Nachtblaue Augen, Bilder von diesem Abend, die sich auf meine Netzhaut gebrannt haben.
»Darf ich dir ein Macaron empfehlen? Oder einen White Mocca?«
Sprachlos starre ich den Kerl vor mir an. Unfähig auch nur irgendwie zu reagieren.
Eine braune Augenbraue hebt sich fragend über einem dunkelblauen Auge. Einem so dunklen Blau, wie ich es nie mehr sonst gesehen habe. Nachtblau.
Das kann nicht wahr sein. Das darf einfach nicht wahr sein.
Wenn es das Schicksal wirklich gibt, hat es mir gerade kräftig ans Bein gepinkelt.

Lebkuchenliebe: Prolog

Eine Nacht im Regen

Ella

Zehn Jahre zuvor

Die grüne Glasflasche dreht sich so schnell, dass meine Augen der Bewegung nicht folgen können. Sie wird langsamer und bleibt schließlich liegen. Der Flaschenhals zeigt direkt auf mich. Scheiße!
»Wahrheit oder Pflicht?«, fragt Jannik mit einem breiten Grinsen, das seine weißen Zähne blitzen lässt.
Mein Magen sackt eine Etage tiefer. Wahrheit oder Pflicht. Wahrheit oder Pflicht. Meine Gedanken kreiseln, meine Hände werden feucht. Alle Augen liegen auf mir, Hitze steigt mir ins Gesicht. »Wahrheit«, quetsche ich heraus und beiße mir gleich darauf auf die Unterlippe. Bitte, lass sie nichts peinliches fragen.
»Mmh.« Jannik legt den Kopf schief und überlegt. Sein Blick wandert von mir zu den anderen Jugendlichen, die im Kreis um die Flasche herumsitzen. Mein Bruder neben mir räuspert sich, ein gezielter Faustschlag in die Seite hält ihn jedoch davon ab, den Mund aufzumachen.
»Frag sie, ob sie schon einmal nackt durch den Oberrodsee geschwommen ist«, plärrt Fabian dazwischen. Oh man, ich konnte dieses Arschloch noch nie leiden!
»Nein, das ist langweilig.« Das feixende Grinsen, zu dem sich Janniks Lippen jetzt verziehen, macht mir Angst. »Bist du noch Jungfrau, Ella?«
Einen Herzschlag lang starre ich ihn an. Dann greife ich nach einem Schnapsglas voll mit Tequila, das auf einem Tablett am Rand steht, und stürze das beißende Gesöff ab. Dass ich mit fünfzehn noch keinen Schnaps trinken sollte, steht nicht zur Diskussion. Ebenso wenig, dass keine Antwort in diesem Fall auch eine ist.
Fabian johlt und Jannik klatscht in die Hände. Wie konnte ich mich nur auf dieses Spiel einlassen?
Der Tequila brennt sich durch meine Kehle und ich muss ein Husten unterdrücken. Ich mag Schnaps noch nicht einmal sonderlich, aber auf diese Frage werde ich nicht antworten. Zumindest werde ich nicht aussprechen, dass ich noch Jungfrau bin. Jannik gegenüber ist mir das egal, ebenso meinem Bruder. Aber nicht dem Jungen, der links neben ihm sitzt und schon die ganze Zeit gedankenverloren auf die Flasche in der Mitte unseres Kreises stiert. Er hat nicht einmal hochgesehen, als Jannik seine Frage gestellt hat, erst als darauf keine Antwort kam, hat er kurz die Stirn gerunzelt.
»Du bist dran«, erinnert mich mein Zwillingsbruder und reibt sich die Hände. Richtig, da war noch was.
Ich greife nach der Flasche und gebe ihr einen Schubs. Sie rutscht einen halben Meter nach rechts, während sie sich dreht. Hoppla, das war wohl ein wenig zuviel des Guten. Aber dass ich nach acht Tequila überhaupt noch gerade sitze, ist ein Wunder. Jannik muss den Schnaps verdünnt haben, anders kann ich mir das nicht erklären.
Die Flasche dreht sich schnell, wie ein gleißender grüner Wirbel, wird langsamer und bleibt liegen. Gott sei dank diesmal nicht bei mir! Dennoch muss ich nervös schlucken und ein Horde Schmetterlinge rauscht durch mich hindurch.
»Tom«, sage ich und hoffe, dass man meiner Stimme die Aufregung nicht anhört. Denn die Flasche deutet auf den Jungen neben meinem Bruder. DEN Jungen. »Wahrheit oder Pflicht?«
Und dann sieht er auf. Mir direkt in die Augen.
Blau, denke ich. Sie sind blau. Nachtblau. Kein Funke glänzt darin, keine Freude oder Belustigung. Alles was ich darin finde, sind Ausdruckslosigkeit, Gleichgültigkeit und Leere. Tom sieht mich an und sieht doch durch mich hindurch.
»Pflicht«, antwortet er auf meine Frage und seine dunkle Stimme schickt eine Gänsehaut über meine Arme.
Meine Gedanken lösen sich aus der Schockstarre, beginnen zu rasen, durcheinanderzuwirbeln. Komm her, will ich sagen, ich will dir helfen. Ich will, dass du wieder lachen kannst, dass diese dunkle Aura, die dich seit dem Tod deines Bruders umging, verschwindet. Mein Herz krampft zusammen und ich muss mich zwingen, meine Gedanken für mich zu behalten.
»Er soll die Flasche Tequila leeren!«, kräht Fabian.
»Damit er mir anschließend ins Wohnzimmer kotzt? Nein, danke!«, wiegelt Jannik den Vorschlag sofort ab.
»Ein Kuss. Er soll jemanden küssen!« Mein Bruder sieht mich nicht an, aber ich könnte schwören, dass er dabei einen glasklaren Hintergedanken hat. Ich bringe ihn um!
»Dich vielleicht?«, schlage ich vor und schiebe meine Brille zurecht.
Leon dreht sich zu mir, ein fettes Grinsen im Gesicht. »Warum nicht?«
Ich rollte mit den Augen. »Also gut, ein Kuss!«
Die flatternden Schmetterlinge werden zu einer Horde galoppierender Wildpferde, als Tom einmal tief Luft holt. Und dann zu meiner Freundin Jenna sieht, die mir gegenüber sitzt. Er steht auf und zuckt die gleichgültig die Schultern, als wäre es keine große Sache. »Meinetwegen.«
Jennas Augen werden tellerrund, hektisch wandert ihr Blick von Tom zu mir. Sie fährt sich nervös durch die langen rotblonden Haare und schüttelt unmerklich den Kopf. Ihre stumme Ablehnung steht mitten im Raum. Ebenso wie ihre Entschuldigung, da sie weiß, was ich für Tom empfinde.
Ich presse meine Lippen zusammen. Eifersucht brennt sich durch mich hindurch, Ärger über meinen Bruder, der Schuld an dieser Situation ist. Jenna will nichts von Tom. Dieser Kuss bedeutet gar nichts. Es ist nur ein Spiel, rede ich mir ein, laut und deutlich, was allerdings den Dunst des Alkohols in meinem Kopf nicht mehr wirklich durchdringt. Dafür ist die stechende Eifersucht viel zu dominant.
Plötzlich verändert sich Jennas Gesichtsausdruck. Sie wirkt verblüfft, erleichtert, ja, beinahe erfreut. Meine Augenbrauen fahren zusammen. Wo zur Hölle ist Tom, warum ist er nicht bei ihr?
Hinter mir räuspert sich jemand. Erschrocken zucke ich zusammen, Leon kichert zufrieden.
Oh Gott, Tom steht hinter mir.
Hinter. Mir.
Er will mich küssen.
Mich.
Langsam drehe ich mich herum. Tom hockt vor mir und sieht mich mit diesem schiefen Lächeln im Gesicht an. Mein Herz bleibt stehen, nur um dann doppelt so schnell weiterzuschlagen.
»Ist es in Ordnung für dich?«, fragt er leise.
Ich kann ihn nur ansehen. Mit riesengroßen Bambiaugen.
»Ich nehme das mal als Ja.« Er lacht unsicher, dann beugt er sich vor und legt seine Lippen vorsichtig auf meine.
Ich bin erstarrt. Kann mich nicht bewegen. Mein Denken setzt aus. Die verdammten acht Tequila rauschen durch mich hindurch und mit einem Schlag wird mir bewusst, dass ich sehr wohl betrunken bin. Verdammt! Ist heute eigentlich Samstag? Und sehen mir gerade vier Personen dabei zu, wie ich Tom küsse? Ich will das, unbedingt, aber doch nicht so.
Toms warme Lippen lösen langsam sich von mir, ich reiße die Augen wieder auf. Mein Atem geht hektisch, viel zu schnell. Das war’s schon?
Sein Gesicht ist nur Millimeter von meinem entfernt, ich schmecke seinen Atem in meinem Mund. Eine Frage steht in seinen Augen, Unsicherheit spiegelt sich darin, aber auch Überraschung. Und ein dunkles Funkeln, das ich so lange vermisst habe. Der Kuss ist beendet, die Pflicht ist erfüllt. Aber Tom bewegt sich nicht.
Ich denke nicht darüber nach, was ich als nächstes tue. Ich blende Janniks Kommentar aus, Fabians Lachen, lehne mich blitzschnell nach vorne und presse meinen Mund mit so viel Enthusiasmus auf Toms, dass er fast das Gleichgewicht verliert. Seine Arme schnellen nach vorne, greifen nach meinen Schultern und halten sich fest.
Ich küsse ihn. Mit allem, was ich habe. Und er erwidert meinen Kuss. Vorsichtiger, bedächtiger als ich, wie als würde er sich zurückhalten. Aber das will ich nicht. Ich will diesen Kuss mit Tom. Ich will ihn. Schon seit beschissenen zwei Jahren, seit ich das Referat über Photosynthese mit ihm halten musste, und er mir den Arsch gerettet hat. Ich stupse mit der Zunge gegen seine Lippen, aber er lässt seinen Mund verschlossen. Stattdessen spüre ich, wie er grinst.
»Komm!«, raunt er und greift nach meiner Hand.
Fabian johlt begeistert, mein Bruder stößt einen Pfiff aus, als ich aufstehe und mit Tom aus dem Wohnzimmer stolpere. Durch die Terrassentür hinaus in den dunklen Garten. Es ist Spätsommer und immer noch warm draußen trotz der späten Uhrzeit. Aber dafür habe ich jetzt keinen Sinn. Tom zieht mich mit sich, hinter das Gartenhäuschen und presst mich dort mit seinem Körper gegen die Rückwand. Doch er küsst mich nicht, stattdessen senkt er den Kopf und lehnt seine Stirn gegen meine.
»Du weißt, dass ich wegziehe, oder?«, fragt er und seine verfluchte Einsamkeit trieft aus jeder einzelnen Silbe. Seine Eltern haben sich vor kurzem scheiden lassen, er wird mit seiner Mutter den Ort verlassen.
»Ja.« Meine Stirn reibt an seiner, als ich nicke.
»Bist du sicher, dass du mich willst?« Er sieht mir tief in die Augen. Er lässt mir die Wahl.
Mir wird schlagartig heiß. Es geht hier nicht um einen einfachen Kuss, es geht hier auch nicht um ein bisschen Rumknutschen oder Fummeln. Es geht ums Ganze, Tom will mit mir schlafen. Zum allerersten Mal. Zumindest für mich.
Mein Herzschlag donnert in meiner Brust, meine Haut kribbelt. Trotzdem nicke ich erneut. »Ja!«, sage ich entschlossen. Ja, ich will das. Ich bin mir sicher. Und das wäre ich auch ohne die Unmengen Alkohol im Blut.
»Du bist verrückt, Cinderella!«, lacht er an meinen Lippen, doch bevor ich widersprechen kann, küsst er mich. Seine Zunge stößt in meinen Mund, trifft auf meine und ich vergesse, was ich sagen wollte. Tom nimmt mich mit sich, führt mich, leitet mich. Er zeigt mir, was ich tun muss, ohne dass ich mir blöd vorkomme. Und als er über mir liegt, unter mir nichts als trockenes Gras und über uns ein dunkelblauer Sternenhimmel, verliere ich mich in ihm. Tränen schießen mir in die Augen, rollen über meine Wangen, während unser Keuchen die Nacht durchdringt. Bis plötzlich die Sprinkleranlage angeht und ein kalter Regen auf uns herabfällt und wir fluchend und lachend aus dem Garten flüchten.
Drei Tage später ist er weg. Ohne noch ein einziges Mal mit mir gesprochen zu haben.
Drei Wochen später hoffe ich immer noch auf eine Nachricht.
Drei Monate später nicht mehr.
Drei Jahre später ist mein Herz geheilt, verziehen habe ich ihm nicht.

Lebkuchenliebe: Mein Weihnachtsblogroman 2020

Schon in wenigen Tagen ist es soweit und die Adventszeit beginnt. Trotz dieses wirklich turbulenten und aufregenden Jahres, habe ich Zeit gefunden, einen Weihnachtsblog zu schreiben. Und ich freue mich wirklich riesig, dass es bald losgeht.

Wie auch bei den letzten beiden Blogs, gibt es bei diesem hier Besonderheiten, die ihn von einem „klassischen“ Roman unterscheiden:

  • jeder Tag ist ein Kapitel
  • jedes Kapitel wird aus abwechselnder Perspektive erzählt
  • es müssen genau 24 sein – nicht mehr, aber auch nicht weniger
  • und… weder ein Lektor noch ein Korrektor haben ihn überarbeitet. Der Blog ist also wieder echt und vollkommen unzensiert von mir 🙂

Und darauf dürft ihr euch dieses Jahr freuen:

Lebkuchenliebe


ELLA
Ein Kuss auf acht Tequila Shots. Eine Nacht im Regen. Zehn Jahre kein Kontakt. Und dann steht er plötzlich vor mir. Ausgerechnet in dem neu eröffneten Café, das meiner Bäckerei die Kundschaft abgräbt. Du wärst besser geblieben, wo der Pfeffer wächst, Tom Westen! Ich werde nicht zulassen, dass du unser Familiengeschäft ruinierst! Würdest du nur nicht so verflucht heiß aussehen und mein Herz einmal mehr daran erinnern, was es eigentlich will.

TOM
Ich habe mich verzockt. Und die einzige Möglichkeit, um wieder auf die Beine zu kommen, ist das alte Café meines Vaters. Wäre es nur nicht in Fichtenstein, einem Kaff, das so voll von Vorurteilen und Traditionen ist, dass ich am liebsten direkt wieder verschwinden würde. Doch auf einmal ist da Ella, die mir den Kampf ansagt, die mich amüsiert und unterhält, und sich auf unvergleichliche Art in mein Herz stiehlt. So einfach lasse ich mich nicht vertreiben, Cinderella! Auch von toten Krähen nicht.

Ich freue mich sehr auf das gemeinsame Lesen!

Alles Liebe,

Eure Izzy

Mistelzweigmagie: Gewinnspiel

Ihr Lieben,

24 Tage sind vorüber, 24 Kapitel geschrieben und veröffentlicht. Ganz kurz möchte ich daher die Gelegenheit nutzen, um Danke zu sagen! Denn so ganz alleine habe ich auch dieses Projekt nicht gestemmt bekommen.

Zunächst schicke ich einen ganz lieben Dank an Sarah und die Covermanufraktur! Danke für das wunderbare Cover für diesen Blogroman und all die anderen grafischen Elemente, die uns alle durch die Adventszeit begleitet haben.
Ein ganz großes Dankeschön geht auch an meine Freundin Maix, die mir jeden Tag alle gefundenen Tippfehler geschickt hat. Dank dir gibt es in der E-Book-Version deutlich weniger Fehler als im Blog!
Das allergrößte Dankeschön gilt aber auch in diesem Projekt meinem Mann! Ja, es war eine sehr irrwitzige Idee, den Blog gerade dann zu schreiben, wenn wir unser zweites Kind bekommen haben. Und dass ich, trotz Windeln, Fläschchen, nächtlichen Schreiattacken und was wir noch alles hinter uns gebracht haben, die Zeit gefunden habe, all diese Zeilen zu schreiben, verdanke ich ganz alleine dir! Vielen Dank für dein Verständnis, deine Geduld und deine regelmäßigen Arschtritte, das Projekt auch fertig zu schreiben. Ohne dich hätten wir in diesem Advent alle nichts zu lesen bekommen. Ganz lieben Dank dir dafür! Ich liebe dich!

Und natürlich geht ein besonderes Dankeschön an euch, liebe Leser! Ihr alle habt mich wieder durch den Advent begleitet, habt mich mit euren Kommentaren motiviert und mich zum Schmunzeln gebracht. Daher gibt es dieses Jahr ein Gewinnspiel ganz exklusiv für meine Blogleser!

Gewinnspiel

Ich verlose drei von mir signierte Taschenbücher von „Mistelzweigmagie“! Was müsst ihr dafür tun?

  • Falls ihr es noch nicht habt, abonniert meinen Blog
  • Schreibt mir entweder als Kommentar unter diesen Beitrag oder wer mich persönlich kennt auch gerne per WhatsApp, welches Kapitel euch am besten gefallen hat

… und schon hüpft ihr in den Lostopf.

Das Gewinnspiel endet am 31.12.2018 um 23:59 Uhr! Die Gewinner werde ich anschließend direkt kontaktieren. Ich wünsche euch viel Glück!

Wer den Blog gerne noch einmal als eBook lesen möchte, findet es bereits auf Amazon: https://www.amazon.de/dp/B07MGJX1VX

Das Taschenbuch wird in wenigen Tagen veröffentlicht.

Ich wünsche euch noch eine ganz wunderbare Weihnachtszeit, entspannte Tage zwischen den Jahren und einen guten Start in 2019!

Eure Izzy

Mistelzweigmagie: Tag 24

Mistelzweigmagie

Leonie

Montag, 24. Dezember

»Len, du bist echt der Kracher! In meinem ganzen Leben hätte ich dir so einen Auftritt nicht zugetraut.«
Augenblicklich stiehlt sich ein Grinsen in mein Gesicht. Ja, wenn ich so darüber nachdenke – nüchtern und zwei Tage später – kann ich auch nicht glauben, dass ich zu Jonah auf die Bühne geklettert bin. Und ihn vor aller Welt geküsst habe.
»Hast du schon die Bilder im Netz gesehen? Ihr habt ja einen regelrechten Shitstorm ausgelöst!«, fährt Jannik fort und plappert fröhlich weiter. Immer noch grinsend klemme ich den Telefonhörer zwischen meiner Schulter und meinem Kopf ein und zupfe an einem eingepackten Päckchen vor mir auf dem Schreibtisch. Es ist der 24. Dezember, Heilig Abend, und ich bin dabei, die letzten Weihnachtsvorbereitungen abzuschließen. Alle Pakete sind eingepackt, alle Plätzchen gebacken und in einer halben Stunde fahre ich zu meinen Eltern, um mit ihnen zu feiern. Nicht allerdings, ohne vorher noch mit meinem besten Freund zu telefonieren.
»So, ich muss Schluss machen«, beendet Jannik seine Ausführungen. »Meine Mutter hat die Plätzchen schon bereitgestellt und wir starten gleich unseren Weihnachts-Fernseh-Marathon.«
Natürlich habe ich Jannik verziehen! Nachdem ich mehrere Tage geschmollt und ihn mit Ignoranz gestraft habe, konnte ich ihm einfach nicht länger böse sein. Dafür habe ich meinen besten Freund zu sehr vermisst, und so ganz abgesehen davon, war er der Grund, dass Jonah und ich endlich zusammengefunden haben. Sofort erwachen die Schmetterlinge in meinem Bauch und starten einen wilden Tanz einmal quer durch meinen Körper. Ich vermisse ihn jetzt schon! Wie soll ich da ohne ihn klarkommen, wenn er wieder auf Tour ist?
»Schaut ihr wieder ‚Vom Winde verweht‘?«, frage ich, um mich von dem aufgeregten Kribbeln in meinem Bauch abzulenken.
»Klar!« Jannik lacht herzlich, weil er weiß, dass ich den Film ganz furchtbar finde. Aber seiner Mutter zu Liebe tut er sich das jede Weihnachten wieder an. »Euch einen schönen Abend! Grüß mir deine Familie!«
»Euch ebenfalls! Und beste Grüße an deine Mutter!«
»Und Len«, schiebt Jannik schnell nach, bevor ich auflege. »Fröhliche Weihnachten!«
Als er aufgelegt hat, lege ich das Telefon auf meine Schreibtisch und greife zu dem Päckchen. Es ist ein Bilderrahmen mit einem Foto von Jonah, Jannik und mir. Es war eine spontane Eingebung, eine Idee, mit der ich Jonah überraschen will.
Ich habe ihn seit gestern Morgen nicht gesehen, bevor er nach Frankfurt gefahren ist, um mit seinem Manager zu sprechen. Er will aufhören, das hat er mir auch unter vier Augen noch einmal versichert. Er will nach Hause kommen, er will in Fichtenstein bleiben. Allerdings ist sein Management davon alles andere als begeistert. Ich kann nur hoffen, dass sie ihm keinen Strich durch die Rechnung machen.
Als es hinter mir gegen die Fensterscheibe klopft, fahre ich erschrocken zusammen. Einmal lang, zweimal kurz, wieder lang. Langsam wende ich mich um, lege den Kopf schief und schaue hinaus in die einsetzende Dämmerung. Mein Hals wird eng und Tränen steigen mir in die Augen. Jonah steht vor meiner Terrassentür, die Hand flach auf das Glas gelegt. Genau wie vor zwei Wochen und genau wie damals bricht in mir das Gefühlschaos aus. Sehnsucht erfüllt mich, Liebe, Schmerz. Nur diesmal ist es um ein Vielfaches schlimmer, weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt, mit Jonah zusammen zu sein. Wie er sich anfühlt, sein Körper unter meinen Händen.
Hitze steigt in mir auf, als ich schnell die wenigen Schritte bis zu meiner Terrassentür gehe. Jonah grinst mir entgegen, ein verschmitztes Funkeln in den Augen. Augenblicklich werden meine Knie weich und der Gedanke, dass ich in einer halben Stunde bei meinen Eltern sein sollte, löst sich in Luft auf.
Mit wildem Herzklopfen öffne ich die Tür, will ihm etwas Freches entgegenwerfen, irgendetwas Keckes, was nicht darauf schließen lässt, dass mein Kopf vor lauter Verlangen völlig leergefegt ist, aber Jonah lässt mich erst gar nicht zu Wort kommen. Kaum ist die Tür einen Spalt breit offen, schiebt er sich in mein Zimmer, umfasst mit beiden Händen mein Gesicht und küsst mich. Küsst mich, als wären meine Lippen das Einzige, das ihn davon abhalten könnte, zu ertrinken. Etwas überrascht greife ich mit meinen Händen nach seiner Jacke, kralle mich daran fest, um zu verhindern, dass ich den Halt verliere. Seine Zunge findet ihren Weg in meinen Mund und bereitwillig öffne ich mich ihm. Verliere endgültig den Boden unter meinen Füßen, den letzten Gedanken, der mich im Hier und Jetzt hält. Als ich ihn kurz von mir schiebe, um seine Jacke auszuziehen, und meine Hände unter seinen Pullover schiebe, entfährt ihm ein leises Lachen.
»Bist du sicher, dass du nicht weg musst?« Seine Lippen kitzeln mein Ohr, brennen eine heiße Spur meinen Hals hinunter bis zu der Kuhle über meinem Schlüsselbein. Ohne, dass ich es verhindern kann, entweicht mir ein verzückter Seufzer. Oh man, der Kerl weiß verdammt gut, was er da tut!
»Meine Eltern können warten!«, bringe ich irgendwie heraus.
Jonah lehnt sich ein Stück zurück, sieht mich aus dunklen Augen an, ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. »Mir war ja klar, dass ich einen guten Einfluss auf dich habe. Aber dass es so schnell geht, dass du deine Pläne über den Haufen wirfst, hätte ich nicht gedacht.«
Ich schnaube empört, obwohl er natürlich recht hat. Wir stehen immer noch eng um umschlungen voreinander, meine Hände an seinem nackten Bauch. Und am liebsten würde ich genau da weitermachen, wo wir aufgehört haben, aber Jonah löst seine Arme und schafft etwas Abstand zwischen uns. »Ich wollte mir dir reden, Len. Über unsere Tour.«
Schlagartig ist meine gute Stimmung verflogen, das Verlangen und die Hitze verpufft. Seine Tour. Das heißt, er muss wieder gehen, er wird nicht bei mir bleiben.
»Was ist mit der Tour?« Übelkeit breitet sich in mir aus, Angst. Fahrig gehe ich zu meinem Bett, lasse mich darauf nieder. Es war eine Illusion zu glauben, dass er bei mir bleibt. Eine Illusion, dass sein Management ihn einfach gehen lässt.
Aber Jonah wirkt nicht zerknirscht, er sieht noch nicht einmal betrübt aus. Ganz im Gegenteil. In seinen Augen blitzt etwas auf, dass mich hart schlucken lässt. »James hat mir einen Aufhebungsvertrag geschickt, wir werden die Band auflösen«, beginnt er und lässt sich neben mir nieder. Meine Finger verhaken sich und nervös schiebe ich die Hände zwischen meine Beine.
»Aber wir werden die Tour durch die USA noch spielen. Morgen geht es los.«
Ich kann ihn nicht ansehen. Er soll die Tränen nicht sehen, die plötzlich in meinen Augen brennen, soll nicht sehen, dass er mich mit jedem Wort weiter zerstört.
»Len, sieh mich an!«
»Nein«, flüstere ich und schniefe leise. »Es ist alles okay, ich wusste ja, dass du wieder gehst.«
»Leonie Sandmann, würdest du mich bitte ansehen?« Seine Hände greifen nach meinen Schultern und er dreht mich zu sich herum. Langsam hebe ich den Kopf, bemühe mich um ein tapferes Lächeln, das gnadenlos misslingt. Aber ich will nicht unsere letzten Stunden damit verbringen, ihm die Ohren voll zu heulen.
»Ich habe hier etwas für dich!« Er zieht etwas hinter seinem Rücken hervor und hält mir ein weißes Papier unter die Nase.
Verwundert blinzle ich. Verstehe zunächst nicht, was das ist. Dann reiße ich erschrocken die Augen auf. »Was soll ich mit einem Flugticket nach New York?«
Jonah lacht amüsiert. Und der dunkle Laut rollt wie eine warme Welle über mich hinweg. »Meinst du wirklich, ich lasse dich jetzt wieder gehen? Du hast die nächsten drei Wochen Ferien, du wirst mich zumindest in dieser Zeit begleiten!«
Ich starre ihn an, als hätte er mir gerade erklärt, dass er den Himalaya besteigen will. »Was? Nein!« Die altbekannte Angst und Panik flackert in mir auf. »Ich kann dich doch nicht begleiten, das geht nicht. Wie stellst du dir das vor? Ich kann doch hier nicht plötzlich weg!«
»Ach, und warum nicht?« Das Ticket verschwindet vor meiner Nase, stattdessen ist da Jonahs Gesicht. Und seine Lippen federleicht auf meinem Mund. »Ich liebe dich, Len«, wispert er, während er mir einen Kuss auf den Mundwinkel haucht. »Ich will dich bei mir haben. Und du willst das genauso sehr wie ich!«
Seine Finger krabbeln über meinen Bauch, fahren langsam unter meinen Pullover, über meine erhitzte nackte Haut. Er beugt sich näher zu mir, küsst mich leidenschaftlicher, bis ich nicht mehr weiß, was ich sagen wollte. Wie von selbst krallen sich meine Hände in seinen Pullover, zerren an ihm, bis er sich über mich beugt und mich alles um mich herum vergessen lässt.
Als ich später neben ihm im Bett liege, mein Kopf auf seiner Brust und ich seinem gleichmäßigen Herzschlag lausche, erinnere ich mich wieder an die Tickets. Und seine Bitte, dass ich ihn begleite.
Die Vorstellung, jetzt meine Sachen zu packen und spontan in die USA zu verschwinden macht mir Angst. Ich bin nicht spontan. Ich hasse Überraschungen. Aber noch viel mehr Angst macht es mir, ihn gehen zu lassen. Daher springe ich ein letztes Mal über meinen Schatten, springe und lerne vielleicht endlich zu fliegen.
»Wir sollten packen, wenn wir morgen rechtzeitig im Flieger sitzen wollen«, sage ich und fahre spielerisch mit meinen Fingern über seine Brust. Seine freie Hand findet meine, hält sie fest.
»Bist du dir sicher?« Braune Augen sehen mich fragend an. Schokoladenbraun mit goldenen Sprenkeln.
»Ja, Jonah, das bin ich! Endlich!«

Mistelzweigmagie: Tag 23

Abschluss

Jonah

Sonntag, 23. Dezember

»Sag mal, hast du den Arsch offen?« James ist außer sich. Seine sonst so glatt gegelten schwarzen Haare stehen ihm in alle Richtungen ab, und seine Nasenflügel blähen sich, so wütend ist er. »Hast du eine Vorstellung davon, was es kostet, eine Tour abzusagen? Auch noch durch die USA? Du hast einen Vertrag unterschrieben, Jonah! Du kannst nicht einfach aussteigen.«
»War‘s das?« Gelangweilt lehne ich mich in meinem Sessel zurück und zeige mich gänzlich unbeeindruckt. Was James nur noch mehr erregt.
»Du kannst dir dein selbstgerechtes Gehabe sonst wohin schieben, Jonah! Ohne mich wärst du nichts! Niemand! Ohne mich würdest du immer noch in diesem Kaff sitzen und Autos reparieren.«
Vermutlich. Aber die letzte Nacht, die erste gemeinsame Nacht mit Len, war so überwältigend, so befreiend, so … verdammt geil, dass James Zorn einfach an mir anprallt. »Meine Entscheidung steht fest. Ich bin raus.«
»Das kannst du nicht tun.« James mir gegenüber erhebt sich und stützt sich mit den Händen auf seinem Schreibtisch ab. »Wir haben einen Vertrag! Ich werde dich verklagen, ich mache dich fertig!«
Ich kneife die Augen zusammen, mustere meinen Manager eindringlich. James meint es ernst. Verdammt ernst. Mit »D.U.N.K.E.L.« verdient er einen Arsch voll Geld, wir sind sein bestes Pferd im Stall. Das wird er mir nicht einfach so durchgehen lassen. Seufzend beuge ich mich nach vorne. »Was willst du?«
Wenn es nur um mich ginge, würde ich jetzt einfach aufstehen und gehen. Aber es geht nicht länger nur um mich. Ich habe die letzten fünf Jahre nicht unwesentlich wenig verdient, Geld, das meine Mutter und auch ich jetzt gut gebrauchen können. Denn was genau ich mit meinem Leben anstelle, wenn ich wieder zu Hause bin, weiß ich noch nicht. Doch meiner Mutter auf der Tasche zu liegen, ist keine Option.
»Du spielst die Tour durch die USA.« James ist unerbittlich. »Als Abschiedstournee. Damit verkaufen wir auch noch die letzte Karte.«
Begeistert bin ich nicht, auf der anderen Seite schaffe ich die drei Monate auch noch. Ich habe fünf Jahre hinter mich gebracht, dagegen ist James Vorschlag ein Witz. »In Ordnung«, stimme ich zu. »Aber ich will das schriftlich.«
James sieht aus, als wollte er mich am liebsten in Stücke reißen. »Meinetwegen.« Er atmet tief ein, setzt sich wieder zurück in seinen Stuhl. Dann greift nach einer Flasche Bourbon hinter ihm auf dem Regal und gießt uns zwei Gläser ein. Eins davon stellt er vor mich. »Warum, Jonah? Warum gerade jetzt? Ist es wegen des Mädchens, das du gestern geküsst hast?«
Oh ja, Lens Spektakulärer Auftritt. Ich muss gestehen, ich habe ihr viel zugetraut, das ganz sicher nicht. Ich wollte, dass sie über ihren Schatten springt, dass sie endlich einmal die Kontrolle verliert. Aber dass sie das gleich in diesem Ausmaß tut, hat sogar mich überrascht. Wobei ich mich nicht beschweren will, weder über den Kuss noch alles, was daraufhin folgte.
»Es liegt auch an Len, aber nicht nur. Es ist vielmehr so, dass ich etwas anderes machen will. Zur Ruhe kommen. Ich fühle mich ausgebrannt, leer. Und es wird Zeit, wieder nach Hause zu gehen.« Ich müsste nicht so ehrlich sein. Und sobald die Worte meinen Mund verlassen, bereue ich sie auch schon. James ist vieles, einfühlsam aber ganz sicher nicht.
Dennoch überrascht mich mein Manager, als er jetzt die Augen zusammenkneift und mich eindringlich mustert. Kurz zuckt Verständnis über sein Gesicht, er weiß sehr genau, wovon ich spreche. »Zur Ruhe kommen kannst du, wenn du Achtzig bist, Jonah!«
Zugeben würde er es hingegen nie.
Mit einem feinen Lächeln auf den Lippen erhebe ich mich. »Du kannst mich mal, James. Schick den Aufhebungsvertrag meinem Anwalt, wir sehen uns im Flieger!«
Ich lasse mein Glas unangetastet auf dem Tisch stehen und wende mich ab. Verlasse das Büro, lasse meinen Manager und mein ganzes altes Leben für diesen Moment hinter mir. Und es fühlt sich so verdammt gut an.

Mistelzweigmagie: Tag 22

All I Want for Christmas

Leonie

Samstag, 22. Dezember

Ich starre ihn an.
Wie er singt, wie er spielt, wie er auf der Bühne steht und alles gibt. Und mit jeder einzelnen Note zerbricht mein Herz. Tränen laufen mir über die Wangen, brennen sich in meine Haut und hinterlassen traurige Spuren.
Ich liebe ihn.
Ohne Wenn und Aber.
Und ich will ihn nicht gehen lassen.
»Das ist sowas von geil!« Nora brüllt mir ins Ohr, um die tobenden Menschen um uns herum zu übertönen.
Schnell wische ich mir meine Tränen weg, zwinge mich zu einem Lächeln. »Ja, das ist es!«
Das ist es wirklich. Denn Jonah mit seinen Kumpels auf der Bühne zu sehen, ist schon ein echtes Erlebnis. Vor allem, da er im Rahmen des Benefiz-Konzerts nicht seine üblichen Hits spielt, sondern Weihnachtslieder singt.
»… He’s driving home, driving home.« Jonah singt die letzte Zeile von »Driving Home for Christmas« und um uns herum bricht die Hölle los. Tausende Fans schreien sich die Seele aus dem Leib, applaudieren und wollen mehr. Aber Jonah auf der Bühne ist die Ruhe selbst. Er grinst breit, als hätte er wirklich Spaß an der Sache, und lässt seinen Blick dann über die vordersten Reihen der Zuschauer wandern. Dank Nora und ihrem Killerinstinkt stehen wir mitten drin.
Jonahs Augen finden mich, Erkennen huscht über sein Gesicht, dann zwinkert er mir zu. Und trifft direkt in mein Herz. Panik wallt erneut durch mich hindurch, Angst und Sehnsucht gleichermaßen und lassen mich in einem völligen Chaos zurück. Ich habe ihn seit unserem Besuch bei Nowak nicht mehr gesehen, habe noch nicht einmal mit ihm gesprochen. Aber ich wüsste auch ganz ehrlich nicht, was ich ihm sagen sollte. Noch zwei Tage, dann ist er wieder weg. Unterwegs mit seiner Band in die USA. Ich werde ihn so schnell nicht wieder sehen. Da kann er dich anzwinkern, so viel er will, dass mit euch beiden wird nichts, sage ich mir erneut und rufe meine schon wieder überkochenden Emotionen zurück.
Jonah wendet sich von seinen Fans ab, geht zu Mick, der mit seiner Gitarre neben ihm steht, und spricht kurz mit ihm. Mick verzieht sein Gesicht, nickt dann aber und grinst plötzlich über beide Ohren. Auch sein Blick wandert durchs Publikum, bis er ganz offensichtlich die Person gefunden hat, die er sucht, und sein Grinsen noch breiter wird.
Nora neben mir seufzt verzückt auf. »Ach, ich stehe einfach auf Rockstars!« Ähm ja. Kein Kommentar dazu.
Auf der Bühne geht Jonah wieder nach vorne, greift in seine Gitarre und beginnt zu spielen. Seine dunkle Stimme geht mir durch und durch und als Nora einen Arm um mich legt und mitzusingen beginnt, stimme ich mit ein.
»I don’t want a lot for Christmas …«
Was würde ich mir zu Weihnachten wünschen? Wirklich wünschen?
»… I just want you for my own, more than you could ever know …«
Wieder sucht Jonah nach mir, schaut mich an, sieht tief in mein Innerstes. Aber ich kann das nicht, ich kann das mit ihm einfach nicht. Was, wenn er wieder mein Herz bricht? Wenn er mich alleine lässt und für immer verschwindet?
»Make my wish come true oh, all I want for Christmas is you!«
Ich muss hart schlucken. Und erneut sammeln sich die Tränen in meinen Augen. Auch wenn Jonah es zu tausenden Fans um uns herum singt, sieht er immer noch mich an. Nur mich.
Als das Lied endet, bin auch ich am Ende. Es war keine gute Idee, herzukommen, es hat mir noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, warum das mit Jonah und mir nie etwas wird. Das Konzert von »D.U.N.K.E.L.« ist fertig und ich will einfach nur noch nach Hause.
Ich wende mich zu Nora, die immer noch begeistert ihre Hände zur Bühne reckt und wie alle anderen Fans eine Zugabe fordert und mich gelinde ignoriert.
»Nora!«, brülle ich, aber sie hört mir nicht zu.
»Nora, ich will …« Ich breche ab, weil mich Jonahs laute Stimme plötzlich unterbricht. Er hat sich ein Mikro geschnappt und steht ruhig auf der Bühne. Seine Hand liegt auf der Gitarre, seine Haltung ist entspannt, aber im Gesicht hat er einen entschlossenen Ausdruck.
»Ich habe euch heute etwas mitzuteilen«, wiederholt er seine Worte und langsam wird es still um uns herum. Auch Nora lässt die Hände sinken, schaut erst ihn, dann mich fragend an. Aber woher soll ich bitte wissen, was Jonah vor hat?
»‚D.U.N.K.E.L.‘ gibt es jetzt seit fünf Jahren«, fährt er fort und ein mulmiges Gefühl breitet sich in mir aus. »Wir hatten eine fantastische Zeit miteinander, aber ich habe entschieden, dass es langt. Für mich ist Schluss mit der Band. Ich möchte mich daher von euch verabschieden …«
Es ist mucksmäuschenstill in der Festhalle. Tausende Augen starren Jonah an. Keiner sagt etwas. Doch Jonah lächelt entschlossen und führt seine Erklärungen weiter aus, auch als Mick neben ihm hektisch mit dem Kopf schüttelt.
»Er tut das für dich, Len«, flüstert Nora an meinem Ohr und durchbricht meine Starre. Langsam wende ich ihr den Kopf zu, verstehe immer noch nicht ganz, was hier passiert.
»Jonah verkündet gerade seinen Abschied, verdammt Scheiße!« Noras Stimme überschlägt sich. »Er hört auf mit der Musik, er wird hierbleiben! Geht das in Kopf rein?«
Nein. Denn ich begreife es immer noch nicht. »Jonah hört auf? Warum?«
Meine Freundin schüttelt mich an den Schultern. »Deinetwegen! Wenn du also verdammt nochmal nicht endlich zu ihm gehst, werde ich dich die nächsten Monate ignorieren! Keine Eiscreme-Abende, keine Café Latte, wenn du mal wieder reden willst, nichts! Los, Len, geh endlich!«
Sie schüttelt mich noch einmal, als würde das irgendetwas ändern, dass ich wie erstarrt inmitten der Menge stehe. Mein Herz wummert in meiner Brust, meine Gefühle fahren Achterbahn. Doch plötzlich, als Jonahs Stimme das Einzige ist, das noch zu mir durchdringt, begreife ich endlich, was los ist. Und beginne zu rennen.
Hektisch schiebe ich mich zwischen den Zuschauern hindurch, ernte Flüche und strafende Blicke und einige Ellenbogen. Aber das ist mir egal. Ich muss nach vorne, ich muss zu ihm. Endlich.
Die Barriere vor der Bühne, hinter der jede Menge Security-Personal steht, bremst mich. Wild rudere ich mit den Armen, versuche, Jonahs Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber Jonah ist damit beschäftigt, mit einem sehr aufgebrachten Mick zu diskutieren, der ihn so laut anbrüllt, dass ich es bis zu mir höre.
Ich schreie lauter, rede auf die Security-Beamten ein, aber ohne Erfolg. Ich werde nicht durchgelassen, ganz im Gegenteil. Plötzlich stehen zwei Typen in schwarzen Jacken neben mir, packen meine Arme und schleifen mich zu Seite. Wieder brennen die Tränen in meinen Augen, diesmal aus Verzweiflung.
Ich muss zu ihm. Jetzt. Sonst werde ich ihn für immer verlieren.
»Halt!« Eine fremde Stimme bringt die Männer dazu, stehen zu bleiben. Überrascht drehen wir uns herum, hin zu Bühne, auf der jetzt der blonde Bandkollege von Jonah steht und uns zu sich winkt.
»Du bist Jonahs Mädchen, oder?«, fragt er mich lächelnd. Ich mag ihn auf Anhieb, auch wenn ich ihn bis eben noch nie persönlich gesehen haben.
»Ja, das bin ich.« Auch wenn ich mir da alles andere als sicher bin.
»Ist schon in Ordnung, lasst sie durch«, erklärt der Musiker den Sicherheitsleuten und hält mir dann auffordernd eine Hand hin, um mir auf die Bühne zu helfen.
Als ich sie ergreife, überkommt mich plötzlich wieder die Unsicherheit. Ich hätte später mit Jonah sprechen können, nicht unbedingt vor tausenden Menschen. Was, wenn er gar nicht wegen mir aufhört?
»Spring, Len!«, höre ich Noras Worte in meinem Kopf. »Lass dich einfach darauf ein.« Auf die Unsicherheit, auf die Liebe. Die unkontrollierbar ist, die Chaos bedeutet und Schmerz. Die aber auch so viel wertvoller und kostbarer ist als alles andere.
Entschlossen klettere ich auf die Bühne, mache drei Schritte in Jonahs Richtung, der immer noch mit Mick diskutiert. Bis er mich sieht und plötzlich ganz still ist. Überraschung spiegelt sich auf seinem Gesicht, Hoffnung blitzt in seinen Augen.
Schnell renne ich zu ihm, bevor sich mein Verstand wieder einschaltet und mir endlich sagt, dass es vollkommen bescheuert ist, was ich hier tue. Jonah fängt mich auf, als ich mich in seine Arme werfe. Ich höre Micks Protest, die Zuschauer, die jetzt anfangen zu johlen, aber das ist alles egal. Jetzt zählen nur noch Jonah und ich.
»Was machst du hier?«, fragt er leise.
»Ich liebe dich!« Die Worte brechen atemlos aus mir heraus.
Überrascht hebt er die Augenbrauen, doch seine Mundwinkel zucken verdächtig. »Ich weiß.« Kurz schaut er zu all den Menschen um uns herum, bevor er sich wieder zu mir beugt. Sein warmer Atem trifft meine Lippen, als er mir so nahe kommt, dass uns fast nichts mehr trennt. »Küss mich, Len!«
Und dann, vor all den Zuschauern, den Fernsehkameras, vor Nora und auch Jannik, der irgendwo im Publikum stehen muss, springe ich endlich über meinen Schatten und küsse ich ihn.