Lebkuchenliebe: Tag 14

Wer spielt mit wem?

Tom

Montag, 14. Dezember

Das Problem mit einem Waffenstillstand ist, dass er das Gemetzel eigentlich nur aufschiebt. Ein Stillstand gibt der gegnerischen Parteien Zeit, Pläne zur endgültigen Vernichtung zu schmieden. Er wird nicht unbedingt in der Absicht geschlossen, Frieden zu halten. Zumindest nicht im Falle von Ella und mir.
Daher leite ich meinen nächsten Coup auch bereits am darauffolgenden Abend ein, in Form zweier Einkaufstüten, prall gefüllt mit allen möglichen Lebensmitteln. Der Tag im Café war die Hölle. Auf Dauer werde ich das nicht alleine schaffen. Die Fichtensteiner haben mich buchstäblich überrannt, sodass ich mich ernsthaft frage, was sie getan haben, bevor ich hier aufgetaucht bin. Die Antwort gebe ich mir prompt selbst: Den miserablen Kaffee von Ella getrunken.
Als ich vor unserer WG – ja, diese Meisterleistung feiere ich immer noch ein bisschen – ankomme, kann ich kaum noch stehen und mein Kopf steht kurz vorm Explodieren. Dennoch zwinge ich mich zu einem gleichgültigen Lächeln, als ich die Haustür öffne. Noch habe ich nicht gewonnen.
»Leon? Warst du einkaufen?« Ella brüllt einmal quer durch die Wohnung. Ihre Worte heben meine Stimmung augenblicklich in den Himmel. Denn offenbar ist mein Kumpel noch nicht da, was das ganze Theater deutlich einfacher macht. Außerdem habe ich die nötigen Einkäufe mitgebracht. Unaufgefordert, aber nicht ungeplant. Denn der leere Kühlschrank gestern Abend sprach für sich.
Schnell werfe ich meine Jacke über die Garderobe, dann stapfe ich mit den Tüten in die Küche. »Nein, ich bin es.«
»Das sehe ich.« Ellas Mundwinkel ziehen sich nach unten, ihnen folgt ein irritiertes Stirnrunzeln. »Warst du einkaufen?«
Ein beißender Geruch sticht in meine Nase. Unwillkürlich lasse ich die Tüten sinken, schnüffel noch einmal und verziehe angewidert das Gesicht. »Kochst du?« Es riecht nach verbranntem Speck mit Schokolade. Nicht wirklich mein Geschmack.
»Ich probiere etwas aus.« Ella wendet sich ab und widmet sich stattdessen der rauchenden Pfanne vor sich.
Interessiert trete ich näher. Eine undefinierbare schlammgrüne Pampe brutzelt in der Pfanne vor sich hin, während im Backofen unter dem Herd kleine Kuchen backen. Quiches, wenn mich nicht alles täuscht.
»Ein neues Produkt für die Bäckerei?« Spontan verwerfe ich den Plan vom gemeinsamen Abendessen. Das hier ist so viel besser. »Vielleicht kann ich dir damit helfen?«
»Nein! Ich brauche ich keine Hilfe.«
Kritisch beäuge ich die Kuchen im Backofen. Sie sind bereits goldbraun gebrannt und sehen zumindest äußerlich recht gut aus. »Ich denke schon. Darf ich probieren?« Ich deute auf die grüne Pampe.
Ella schnaubt.
»Wir haben einen Waffenstillstand geschlossen, Cinderella«, erinnere ich sie und hole mir einen Löffel aus der Schublade. Dann tunke ich ihn in die Pampe und lecke das Zeug ab. Genüsslich und langsam. Nicht dass es noch den Effekt verliert.
Ella beißt sich auf die Unterlippe, dennoch hebt sie fragend eine Augenbraue. Natürlich will sie wissen, wie das Zeug schmeckt.
»Vielleicht etwas zu viel Schokolade!« Es ist widerlich! Doch wenn ich ihr das sage, hasst sie mich wieder und das wäre meinem Plan, sie verrückt nach mir zu machen, ganz und gar nicht zuträglich.
»Mmpf. Das habe ich mir auch schon gedacht. Warte, die Quiches im Ofen sind gleich fertig, die sind besser geworden.« Es hängt immer noch eine Spur Misstrauen in ihrer Stimme, ebenso wie Unsicherheit. Sie weiß nicht, wie sie die Situation einordnen soll. Ich unterdrücke ein Grinsen.
Während ich die Einkäufe im Kühlschrank und den Küchenschränken verstaue, holt Ella die Quiches aus dem Ofen. Sie richtet sie auf mehreren Tellern an, die sie auf den Tisch stellt. Ich hole zwei Gabeln aus dem Besteckfach und gebe ihr eine.
Gerade will ich in die erste Quiche stechen, als mein Handy klingelt. Jan. Mmh.
»Hi, Mann. Was gibt’s? Wie geht’s dir?«, begrüße ich ihn und mache Ella ein Zeichen mit der Verköstigung noch zu warten. Schnell bin ich aufgestanden und die wenigen Schritte ins Wohnzimmer gelaufen.
»Hey Tom. Alles klar soweit. Es ist nur, da war gerade eine echt schräge Tussi an meiner Haustür, die nach dir gefragt hat. Ein südländischer Typ. Keine Ahnung, ich habe nicht genau verstanden, was sie wollte, aber sie war ziemlich sauer und hat mehrmals nach dir gefragt.«
Das Blut rauscht in meinen Ohren, Jans letzte Worte verstehe ich nicht mehr. Etwas Kaltes greift nach meinem Herzen, hält es mitten im Schlag an. Scheiße!
»Hast du ihr gesagt, wo ich bin?« Meine Stimme zittert leicht, ich kann nur hoffen, dass Jan nichts bemerkt.
»Nein. Ich habe ihr gesagt, ich würde dich nicht kennen.«
Ich schließe die Augen, schicke ein Stoßgebet zum Himmel. »Danke Jan! Das war genau richtig.«
Es bleibt still am anderen Ende der Leitung. Dann: »Wer war das?«
Eine Frage, die ich unmöglich wahrheitsgemäß beantworten kann. »Nur eine Bekannte. Ich hatte mal was mit ihr, vermutlich sucht sie mich deshalb.«
Jan lacht, aber ich höre ihm an, dass er mir nicht glaubt. Dennoch belässt er es dabei. Ich verspreche, mich die Tage nochmal bei ihm zu melden, dann legen wir auf. Einen Moment stehe ich wie erstarrt im dunklen Wohnzimmer, kämpfe mit verdrängten Gefühlen, die die Oberhand gewinnen wollen. Allen voran Angst. Es ist kein gutes Zeichen, dass eine südländische Frau bei Jan nach mir gefragt hat. Das kann nur Emilia gewesen sein, Carlos Tochter. Wie zur Hölle ist sie auf Jan gekommen? Ich kann nur hoffen, dass sie von ihm aus keine Verbindung nach Fichtenstein findet. Mein verdientes Geld langt noch bei Weitem nicht, um die Schulden bei Carlos zu bezahlen. Und ich verzichte gerne auf die Erfahrung, was er mit mir anstellt, wenn er mich in die Finger bekommt. Oder einen meiner Freunde.
Als ich zurück in die Küche gehe, habe ich mich wieder im Griff. Es ist ein gefährliches Spiel, auf das ich mich eingelassen habe. Aber ich werde es nicht verlieren.
»Alles okay?« Ella hebt fragend den Kopf, die Quiches hat sie noch nicht angerührt. Braves Mädchen.
»Ja, es war nur Jan.«
Die Antwort langt ihr eindeutig nicht und sie öffnet den Mund, um weitere Fragen zu stellen, doch ich komme ihr zuvor. »Die Fotos im Treppenhaus sind die von dir?« Mit der Gabel steche ich mir ein Stück von der ersten Quiche ab und stecke es in den Mund. Es ist eine klassische Quiche Lorraine. Der Teig ist allerdings etwas trocken.
Sie runzelt die Stirn, dann nickt sie. Und nimmt ebenfalls einen Bissen.
»Die ist geschmacklich gut«, kommentiere ich. »Aber in den Teig würde ich vielleicht noch ein Ei mehr reinmachen.« Sie greift hinter sich nach einem Zettel und Stift und notiert sich etwas.
»Das ist ein Rezept von meiner Oma. Eigentlich eine sichere Sache.« Ein zaghaftes Lächeln, das mich wieder ganz zurück in die Situation zwischen Ella und mir holt und das leidige Telefonat mit Jan endgültig verdrängt.
»Darf ich dich etwas fragen?« Beherzt steche ich mir ein Stück aus der zweiten Quiche ab. »Ich weiß, dass du mir gesagt hast, dass die Bäckerei dein Leben ist und du noch nie etwas anderes machen wolltest, aber die Fotos im Treppenhaus sind wirklich gut! Warum hast du aus deinem Hobby nie mehr gemacht?«
Ella notiert konzentriert etwas auf ihrem Zettel. Sie braucht einen Tick zu lange mit ihrer Antwort, als dass ich sie ihr einfach so glaube. »So einfach ist das nicht. Leon hat sich noch nie für die Bäckerei interessiert, er hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er das Geschäft nicht übernehmen will. Daher gibt es nur noch mich. Und das ist in Ordnung, ich arbeite gerne in der Bäckerei. Die Fotos sind ein schöner Ausgleich, da kann ich kreativ werden, anders arbeiten. Allerdings …« Sie holt Luft, wappnet sich. Und schüttelt den Kopf. »Ich sollte mit dir nicht darüber sprechen.«
Ich lache leise. »Damit hast du vermutlich recht.« Denn trotz allem bin ich ihr Konkurrent.
Ella sieht auf, ihre Lippen verziehen sich erneut zu einem Lächeln. »Wie findest du diese hier?« Sie deutet auf die zweite Quiche.
»Widerlich«, antworte ich ehrlich.
Sie muss lachen. »Ich auch! Die wird gestrichen. Außer für ganz nervige Kunden.«
Meine Mundwinkel heben sich ungewollt, diesmal ohne, dass ich es beabsichtige. Außerdem merke ich, wie entspannt ich bin. Es ist leicht, sich mit Ella zu unterhalten. Ich müsste mich ihr gegenüber nicht verstellen, wenn ich es nicht wollte.
Wie schon vor ein paar Minuten beißt sie sich auf die Unterlippe und sieht mich abwägend an. »Ich würde gerne ein paar Sachen in unserer Bäckerei verändern«, bricht es plötzlich aus ihr heraus. »Aber meine Eltern sind dagegen. Ich meine, Traditionen sind wichtig und ich bin überzeugt davon, dass das Geschäft nicht mehr so gut laufen würde, wenn wir zuviel verändern. Aber ein neuer Anstrich, ein paar neue Regale, ein paar neue Kleinigkeiten im Sortiment. Nicht viel.«
Ein Schmunzeln huscht über mein Gesicht. »Das klingt doch gut! Wieso tust du es denn nicht?«
»Meine Eltern halten das für neumodischen Quatsch. Es hat bisher immer so funktioniert, warum sollen wir etwas ändern?« Vielleicht, weil sie nun Konkurrenz haben?
»Sie wollen, dass du die Bäckerei übernimmst, oder?« Ella nickt. »Dann sollten sie doch auch daran interessiert sein, dass du dich einbringst. Dass du die Bäckerei auch ein Stück weit zu deinem eigenen Geschäft machst und sie nicht nur die Bäckerei bleibt, die du von deinen Eltern übernommen hast. Sondern wirklich deine.« Ich bin mir nicht sicher, ob sie versteht, was ich ihr sagen will. Gleichzeitig frage ich mich allerdings, ob ich von allen guten Geistern verlassen bin, ausgerechnet Ella Ratschläge zu erteilen.
»Du kennst meine Eltern. Das wird nicht einfach.«
Ich zucke die Schultern. »Du hast bisher nicht den Eindruck gemacht, als ob dich irgendjemand aufhalten könnte, wenn du etwas wirklich willst.«
»Ich dürfte dir das überhaupt nicht erzählen.« Aufgebracht fährt sie sich durch die dunklen Locken, die sie heute offen trägt. Ich mag ihre Haare, wenn sie so wild sind. Dann wirkt Ella ungebändigter, authentischer. Mehr wie sie selbst.
»Ich werd es keinem verraten. Und ich verspreche, es auch nicht gegen dich zu verwenden.« Ich zwinker ihr zu, woraufhin sie sich prompt verkrampft.
»Lass das Tom!«
»Was?«
»Hör auf, mit mir zu flirten!«
Sie sieht mich nicht an. Mein Grinsen wird breiter. Ich bringe sie völlig aus dem Konzept.
»Also zur letzten Quiche«, sage ich und gehe nicht weiter auf ihren Vorwurf ein. Stattdessen nehme ich einen Bissen. »Das ist mit Abstand die beste! Außergewöhnlich mit dem Spinat und dem Ziegenkäse. Nicht ganz so langweilig wie die übliche Quiche Lorraine. Gib mal den Zettel her!«
Ich greife nach ihrem Blatt und dem Stift und notiere ein paar Stichpunkte. »Hier ist noch ein Rezept für eine Süßkartoffelquiche mit salzig karamellisierten Walnüssen und Cranberrys.«
Der Blick, den sie mir daraufhin zuwirft, spricht Bände. Sowas isst Fichtenstein nicht.
»Probier‘s aus!«, erwidere ich und stehe auf, um mir etwas zu trinken zu holen. Ella erhebt sich ebenfalls und räumt die Teller in den Kühlschrank. Die zweite Quiche landet im Biomüll. Als ich mich umwende, steht sie direkt vor mir.
»Weißt du Tom«, sagt sie und kommt noch einen Schritt auf mich zu. Überrascht bleibe ich stehen, warte ab, bis sie so nahe vor mir steht, dass sich unsere Beine berühren. Dann legt sie ohne zu zögern ihre Hände an meine Hüfte. Ella sieht zu mir auf. Eindringlich, wissend. Überrumpelt stoße ich die Luft aus. Warme Finger schieben sich unter meinen Pullover, streichen über meinen Bauch, der sich sofort anspannt. Ein heißen Kribbeln rennt über meine Haut, schießt mir zwischen die Beine und löst etwas aus, dass ich tunlichst vermeiden wollte. Fuck!
»Ich weiß genau, was du vorhast«, raunt sie, während ihre Hände weiter über meine nackte Haut wandern. »Glaube nicht, dass ich das nicht durchschaue. Oder dass ich nicht ebenfalls mit dir spielen kann, so wie du mit mir.« So viel also zu meinem grandiosen Plan!
»Du willst spielen?«, frage ich rau und muss hart schlucken, als sie ihre Hüften gegen meine presst und sich auf die Zehenspitzen stellt. Ihr Mund ist nur noch Zentimeter von meinem entfernt, ihr Atem kitzelt meine Lippen. Und scheiße, der Blitz soll mich treffen, aber ich will sie küssen. Jetzt. Meine Arme legen sich wie von selbst um ihre Taille und ich ziehe sie noch ein wenig näher zu mir heran.
Die Pupillen in ihren Augen sind geweitet, ihr Atem geht schnell. Oh ja, Cinderella, lass uns spielen! Ich neige langsam meinen Kopf, bis meine Lippen hauchzart über ihre streichen. Sie zittert, ihre Fingernägel bohren sich in meinen Rücken. Doch sie weicht keinen Millimeter zurück. Ein dunkles Knurren bricht aus mir hervor, ich bin kurz davor die Kontrolle zu verlieren.
»Kommen wir ungelegen?«
Erschrocken fahren Ella und ich auseinander, sie knallrot im Gesicht, ich verstört. Doch mir bleibt keine Zeit, mich mit dem zu befassen, was gerade geschehen ist, da platzt eine weitere Person neben Leon in die kleine Küche.
Ungläubig und ein wenig fassungslos schaue ich sie an. »Mum?«

Lebkuchenliebe: Tag 13

Heute habe ich keine kleine Überraschung für euch, denn die wundervolle Julia Haase hat dieses Kapitel eingelesen, sodass ich „Waffenstillstand“ auch als Podcast veröffentliche.

Alle die mal reinhören wollen: Lebkuchenliebe – Kapitel 13 (gelesen von Julia Haase)

Mich würde brennend interessieren, wie ihr es findet? Viel Spaß mit dem heutigen Kapitel! Einen schönen dritten Advent!

Eure Izzy

Waffenstillstand

Ella

Sonntag, 13. Dezember

Ich will sterben! Am besten schnell und schmerzlos. Warmes Wasser prasselt auf mich herab, für einen kurzen Moment schließe ich die Augen. Dann greife ich nach der Shampooflasche und seife meine Haare ein. Was habe ich mir gestern Abend nur dabei gedacht, mich so abzuschießen? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so abgestürzt bin – oder ob überhaupt schon jemals. Oh Mann! Und das alles nur, weil ich Toms Anblick nicht ertragen habe. Okay, das ist nicht ganz richtig. Es war der Anblick von Tom und Nora.
Ich hasse Tom! Ich bin wütend auf ihn! Er bringt mein Leben durcheinander, er macht unser Geschäft kaputt! Ich hasse Tom! Mantramäßig wiederhole ich diese Gedanken in meinem Kopf. Doch so oft ich sie mir auch vorbete, ich weiß, dass es so einfach leider nicht ist. Sonst wäre ich gestern nicht so durch die Decke gegangen, was mit meinem fulminanten Gesangsauftritt vor der gesamten Ortschaft geendet hat. Oh Mann! Vielleicht sollte ich doch darüber nachdenken, auszuwandern.
Die Badezimmertür wird aufgerissen und kracht mit einem lauten Knall gegen das weiße Plastikregal, das direkt dahinter steht. Hellblaue, lila- und rosafarbene Badekugeln kullern durch das kleine Badezimmer, Waschlappen und Handtücher verteilen sich quer über dem Boden. Ich stoße einen spitzen Schrei aus!
Tom starrt mich einen Moment völlig perplex durch die gläserne Duschwand an. Dann ruckt sein Kopf zur Toilette, mit zwei Schritten ist er dort und hebt den Klodecken an. Oh bitte nicht!
»Raaaauuuussss!«, brülle ich, wobei das Geräusch des laufenden Duschwassers meine Worte verschluckt. Hektisch presse ich einen Arm über meine Brüste, die andere Hand über meine Scham. Er reagiert nicht. Gar nicht. Entgeistert schaue ich dabei zu, wie er seine Hose öffnet und in Seelenruhe – im Stehen! – in die Toilette pinkelt.
»Tom! Ich dusche!«, schreie ich schrill, schwankend zwischen Wut, Fassungslosigkeit und Beschämung, weil ich splitterfasernackt unter der Dusche stehe. Und gerade weiß Gott nicht meine Schokoladenseite präsentiere.
»Ich muss schiffen!«, murrt er, immerhin ohne mich anzusehen. Doch seine Mundwinkel zucken verdächtig.
»Dann warte gefälligst, bis ich fertig bin.« Warum habe ich auch nicht abgeschlossen?
Es gibt kaum etwas Widerwärtigeres, als einem Mann dabei zuzusehen, wie er pinkelt. In der Attraktivitätsskala fällt Tom ins Bodenlose. Schnell wasche ich die letzten Shampooreste aus meinen Haaren, stelle ich das Wasser ab und öffne die Duschtür. Ich will gerade nach einem Handtuch greifen, als sich Mr. Ich-Muss-Schiffen zu mir umdreht und mich mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen unverhohlen mustert. Ich erstarre in der Bewegung. Shit!
»Das konnte nicht warten. Die Alternative wäre das Spülbecken gewesen und das hätte dir vermutlich noch weniger gefallen.«
»Wage dich!« Meine Hand tastet nach dem Handtuch, das ich bereitgelegt hatte, während meine Augen immer noch an Tom hängen. Er sieht ausgeschlafen aus, auch wenn seine braunen Haare das übliche wirre Chaos sind und sich ein feiner Kissenabdruck an seiner rechten Wange abzeichnet. Mist, wo ist nur das verfluchte Handtuch? Ich riskiere einen Blick. Kein Handtuch. Da sind nur die Tücher am Boden und die befinden sich außerhalb meiner Reichweite.
»Könntest du dich bitte umdrehen?« Resigniert lasse ich meine Hände sinken, er hat sowieso schon alles gesehen.
»Wieso?« Seine Augen wandern erneut ungeniert über meinen nackten Körper, während sich sein Mund zu einem diabolischen Grinsen verzieht. »Eine Dusche hätte ich auch echt mal wieder nötig!«
Ich komme nicht dazu, zu reagieren. Blitzschnell hat sich Tom seinen Pullover über den Kopf gezogen. Ich starre ihn an wie ein paralysiertes Reh im Scheinwerferlicht, kurz bevor es das Auto erwischt. Hitze flammt über mein Gesicht, mein ganzer Körper beginnt zu prickeln. Ich schlucke hart, doch das Verlangen, das mit aller Wucht durch meine Mitte schießt, lässt meine Knie wacklig werden. Tom ist gut gebaut, muskulös, ein wenig zu schmal vielleicht. Aber nichtsdestotrotz ist er ein junger – halbnackter! – Mann, der keinen Meter entfernt von mir gerade dabei ist, sich endgültig zu entblättern. Und der Teufel soll mich holen, wenn er das ohne dreckige Hintergedanken tut! Dieses Arschloch!
Stinkwütend, weil er das alles nur tut, um mich zu provozieren, drehe ich mich um und springe zurück in die Dusche. Dann greife ich nach dem Duschkopf, stelle das Wasser an und ziele damit auf Tom. Ein eiskalter Schauer schießt durch das Badezimmer direkt auf ihn zu. Er keucht erschrocken auf, springt zur Seite, aber das Badezimmer ist mit seinen knapp zehn Quadratmetern einfach zu klein. Es gibt kein Entkommen. Tom flucht laut, schreit und wedelt mit den Händen so komisch in der Luft herum, dass ich anfangen muss zu lachen. Er sieht aus wie ein tropfnasser Tanzbär. Dass ich mit der Aktion auch das gesamte Bad unter Wasser setze, ist mir in diesem Moment scheißegal.
»Okay, ich habs verstanden«, brüllt er, doch ich halte weiter direkt auf ihn drauf. Mit dem Duschkopf bewaffnet, wage ich mich erneut aus der Dusche, strecke mein Bein aus und erhasche mit dem linken Fuß ein klatschnasses Handtuch am Boden. Schnell ziehe ich es zu mir.
»Die Abkühlung hattest du nötig!« Eingehüllt in das nasse Handtuch, drehe das Wasser ab und hänge ich den Duschkopf zurück. Tom steht vor mir wie ein begossener Pudel. Wasser tropft aus seinen dunklen Haaren, läuft über seine nackten Schultern seinen Bauch hinunter. Erst jetzt fällt mir auf, dass Tom noch weitere Tattoos am Oberkörper hat. Ein Schriftzug, der sich über seine linke Seite zieht und ein Pik-Zeichen direkt neben seinem Bauchnabel. Erneut flammt Verlangen in mir auf, das ich vehement zur Seite schiebe. Mit aller Macht zwinge ich meinen Blick nach oben direkt in dunkelblaue Augen.
Tom sieht ernst auf mich herab. Er lächelt nicht, noch nicht einmal die Andeutung eines spöttischen Grinsens, das er sonst so gerne zur Schau trägt, spielt in seinen Mundwinkeln. Langsam macht er einen Schritt auf mich zu. Mein Mund ist plötzlich staubtrocken. Ich muss hier raus.
»Ich hatte also eine Abkühlung nötig, Cinderella.« Er greift nach einer nassen Strähne meiner braunen Haare und schiebt sie mir aus dem Gesicht. Ein heißes Kribbeln bleibt auf meiner Haut zurück. Ich stehe wie erstarrt, als er sich vorbeugt und mit seinen Lippen sanft mein Ohr berührt. »Ich glaube, da bin ich nicht der Einzige.«
Ich zucke zurück, erschrocken über seine Worte, vor allem aber über mich selbst. Dann flüchte regelrecht aus dem Badezimmer.

***

Eine halbe Stunde später stehe ich immer noch aufgebracht am Fenster unserer kleinen Küche. Eine Tasse Kaffee mit Milch in der Hand, den Blick auf den Adventsmarkt vor der Kirche gerichtet, den man von unserer Wohnung aus gut beobachten kann. Er öffnet erst gegen elf Uhr, doch bereits jetzt tummeln sich einige Menschen zwischen den Ständen, um den Dreck und das Chaos des gestrigen Abends zu beseitigen.
Als hinter mir leise Schritte erklingen, atme ich noch einmal tief durch. Dann drehe ich mich herum, setze zu der Strafpredigt an, die ich in meinem Kopf bereits zehnmal durchgegangen bin – und die spontan in sich zusammenbricht, als ich Tom im Türrahmen entdecke. Er trägt eine ausgewaschene Jeans und ein weißes T-Shirt, seine Haare sind noch nass von unserer Wasserschlacht.
»Wenn diese WG funktionieren soll, kannst du nicht einfach ins Bad platzen, wenn ich dusche!«, fahre ich ihn an und könnte mich gleichzeitig ohrfeigen. Ich wollte das Gespräch ruhig angehen. Doch sobald ich Tom sehe, verabschiedet sich meine Selbstbeherrschung.
»Sorry, ich musste pinkeln.« Misstrauisch macht Tom einen Schritt in die Küche hinein. Er schnuppert, dann fällt sein Blick auf meine Tasse. Ein gieriger Glanz tritt in seinen Augen, mit einem Satz ist er bei der Kaffeemaschine und stutzt. »Was ist das denn für ein vorsintflutliches Gerät? Kann das auch Kaffee?«
»Das ist eine Filtermaschine«, gebe ich verkniffen zurück. »Der Kaffee ist gut. Aber du kannst dir gerne einen bei dir im Café ziehen.«
Tom öffnet ein paar Schranktüren. Dabei bewegt er sich wie selbstverständlich durch die Küche, als würde er hier bereits ewig wohnen. Als er nach einer Tasse im Regal greift, rutscht sein T-Shirt ein paar Zentimeter nach oben und gibt einen schmalen Streifen nackter Haut frei. Schnell sehe ich weg. All das ist einfach zuviel.
Es gluckert leise, als sich Tom schließlich eine Tasse einschenkt. »Lass mal. Der hier tut es auch. Wo ist Leon?«
»Der schläft noch. Sonntags bewegt er sich selten vor zwölf Uhr aus dem Bett.« Ich hole Luft, ermahne mich ein weiteres Mal zur Ruhe. »Danke! Für letzte Nacht.«
Tom lächelt schwach, das erste Mal heute Morgen ehrlich. Nicht provozierend, nicht fies oder dreckig. Und dieses Lächeln holt das Kribbeln in meinen Körper zurück und erinnert mich daran, warum ich ihm besser aus dem Weg gehen sollte.
»Ich habe mit meinem Bruder gesprochen«, beginne ich und drehe meine Tasse zwischen den Händen. »Du kannst auch weiterhin hierbleiben, bis du eine Wohnung gefunden hast. Allerdings sollst du wissen, dass ich dich nicht hier haben will. Ich tue das lediglich Leon zuliebe.«
Tom legt langsam den Kopf schief, als warte darauf, dass der große Knall noch kommt.
»Daher möchte ich dir eine Art Waffenstillstand vorschlagen.«
Einen Moment sagt er nichts. Mustert mich einfach nur eindringlich, bis ich unruhig werde.
»In Ordnung, Cinderella. Legen wir unseren Kleinkrieg auf Eis.«
Seine Stimme ist glatt, kalt. Ein Schauer rennt mir über die Haut. Denn ich kenne Tom gut genug, um zu wissen, dass er mir gerade offen ins Gesicht gelogen hat. Was immer er plant, ich sollte mich besser in Acht nehmen.

Lebkuchenliebe: Tag 12

Höllische Feuerzangenbowle

Tom

Samstag, 12. Dezember

Adventsmarkt in Fichtenstein. Dieses Kaff liebt seine Traditionen, zu denen auch der Weihnachtsmarkt am dritten Advent gehört. Rund zwanzig kleine Holzbuden stehen locker verteilt auf dem Platz vor der Kirche, Lichterketten sind über den schmalen Wegen dazwischen aufgehängt, die den gesamten Markt in eine heimelige Atmosphäre tauchen. Es riecht nach Glühwein, frischen Waffeln, fettigen Pommes und zuckrigen Plätzchen. Leise Weihnachtsmusik, gespielt vom örtlichen Musikzug, untermalt den perfekten Weihnachtsmarkt, der in mir jedoch nur dumpfe Beklemmung auslöst.
Der Adventsmarkt gehört in Fichtenstein zu den wichtigsten Veranstaltungen im Jahr. Vor zwei Jahren hat das Veranstaltungskomitee sogar mit einer Eislaufbahn aufgewartet. Jeder Einwohner des Ortes ist heute Abend anwesend, jeder will dabei sein, nicht dass man am Ende noch etwas verpasst.
Unschlüssig lehne ich an einer hellen Straßenlaterne und beobachte das bunte Treiben aus sicherer Entfernung. Vor zwölf Jahren war ich das letzte Mal auf dem Adventsmarkt. Mit meinen Eltern. Und meinem Bruder. Damals waren wir noch die perfekte kleine Familie, damals war mein Leben noch das typische verzweifelte Chaos eines Vierzehnjährigen. Mit der ersten Liebe, dem ersten Vollsuff und einer Zahnspange. Erinnerungen durchzucken mich und für einen Herzschlag lang erlaube ich es mir, den Gefühlen nachzugeben. Da sind Sehnsucht und Liebe, verzweifelter Schmerz und der dunkle Abgrund, der kurz danach über uns allen zusammenbrach und mit der Scheidung meiner Eltern endete. Ich sehe meinen Bruder vor mir, glücklich lachend, mit roten Pausbacken. Gesund. Eine der letzten Erinnerungen, bevor ich ihn nur noch im Krankenhaus zu sehen bekam und schließlich gar nicht mehr. Mein Hals wird eng, meine Hände verkrampfen.
Fuck! Dieser verdammte Adventsmarkt macht mich sentimental. Ich hole tief Luft und schließe kurz die Augen. Verdränge die Erinnerungen, die Bilder, die wie von alleine nach mir greifen, und verschließe alles sicher im hintersten Winkel meiner Selbst.
Ich brauche dringend etwas zu trinken. Und wenn sich in den letzten Jahren nichts geändert hat – und mein Gefühl sagt mir, das hat es nicht – ist der beste Weg zu einem totalen Knock-out die Feuerzangenbowle der Feuerwehr. Mit schnellen Schritten nähere ich mich dem wilden Treiben, ein aufgesetztes Lächeln im Gesicht, und will mich eigentlich möglichst unauffällig durch die Menge schieben, aber da habe ich meine Rechnung ohne die Fichtensteiner gemacht. Denn ich habe die erste Bude noch nicht erreicht, da ruft jemand meinen Namen. Verwundert drehe ich mich herum und entdecke Leon, der mir zuwinkt. Im Arm ein braunhaariges Mädchen, das ich nicht kenne. Ich winke zurück und will weitergehen, doch jemand legt mir die Hand auf die Schulter.
»Tom, hi!« Ein dunkelhaariger Mann, mittleren Alters. Vage erkenne ich ihn als einen meiner Kunden, der jeden Morgen einen Bagel mit Kaffee bei mir kauft. »Ich habe gehört, dein Café ist geschlossen?« Er klingt ehrlich entsetzt.
»Äh, ja. Aber ich öffne am Montag wieder.« Da ich nicht mehr in der Backstube schlafe, hat das Gesundheitsamt grünes Licht gegeben.
»Großartig! Dein Kaffee ist fantastisch, der würde mir echt fehlen!«
Er grinst mich an, klopft mir noch einmal auf die Schulter und verabschiedet sich. Was war das denn gerade?
Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, werde ich erneut angesprochen. Immer wieder, je weiter ich mich durch die Menge schiebe. Ich werde gegrüßt, nach meinem Café gefragt, einmal sogar nach meiner Mutter. Bis ich endlich bei der langersehnten Feuerzangenbowle ankomme, habe ich gefühlt mit dem halben Ort gesprochen. Doch merkwürdigerweise stört es mich nicht. Es nervt mich auch nicht, ganz im Gegenteil. Es freut mich beinahe, denn zum ersten Mal seit langem habe ich das Gefühl wirklich dazuzugehören.
»Tom! Wir sind hier!«, ruft mich Jens, bevor ich mich in die Schlange vor dem Feuerwehrstand einreihe. Er und noch ein paar Leute stehen an einem kleinem Feuer direkt neben der Bude, über dem in einem Eisengestell ein gusseiserner Topf hängt. Grinsend gehe ich zu ihnen. Es hat schon Vorteile so bekannt zu sein. Unaufgefordert reicht mir Jens einen warmen Becher, aus dem ein süßlich schwerer Duft aufsteigt.
»Danke!« Die Wärme dringt sofort in meine eiskalten Finger und lässt sie kribbeln. »Gut was los hier!«
»Jep!« Jens nickt und trinkt einen Schluck aus seinem eigenen Becher. »Das ist jedes Jahr so. Aber das beste Getränk gibt es bei uns!« Er grinst dümmlich. Er hat eindeutig schon einem im Tee, aber das ist kein Kunststück, bei der Menge an Rum und Wein, die sie in die Bowle kippen. Ich proste Jens zu und trinke einen großen Schluck. Wohlige Wärme breitet sich augenblicklich in meinem Bauch aus und ich entspanne mich langsam. Bis mich eine nervtötende Stimme von der Seite anspricht.
»Ich habe gehört, das Gesundheitsamt hat dein Café geschlossen?« Nora. Es wundert mich, dass sie jetzt erst auftaucht.
Bevor ich ihr antworte, leere ich meine Bowle. Dann wende ich mich der anstrengenden Pressetante zu. »Und ich habe gehört, du hattest mal was mit einem Rockstar?«
Ihr Lächeln erstirbt. »Das hat sich erledigt. Aber darum geht es jetzt nicht.«
»Ach?«, unterbreche ich sie und gebe Jens ein Zeichen, dass ich einen neuen Becher brauche. Das Zeug ist sowas von gut!
»Wirst du dein Café wieder eröffnen?« Sie ignoriert meine Frage. Mein rechter Mundwinkel hebt sich. Ganz so taff, wie Nora sich gibt, ist sie offenbar doch nicht.
»Ich öffne am Montag. Mehr brauchst du nicht schreiben.«
»Und wo schläfst du jetzt?«, will sie prompt wissen.
Ja, wo schlafe ich jetzt? Automatisch muss ich grinsen und gleichzeitig könnte ich mir selbst stolz auf die Schultern klopfen. Denn dass ich ausgerechnet bei Leon wohnen oder vielmehr bei Ella, ist zugegeben merkwürdig, aber gleichzeitig perfekt. Denn so bietet sich die recht einfache Möglichkeit, Ella in den Wahnsinn zu treiben.
Ich will Nora gerade antworten, da fällt mein Blick auf ein Mädchen, das hinter ihr steht. Sie trägt eine dicke blaue Jacke sowie eine rote Mütze mit silbernen Sternen drauf, unter der ihre wilden braunen Locken hervorquellen. Ihre Wangen glühen rot von der Kälte und vermutlich von ordentlich Glühwein. Wenn man vom Teufel spricht.
»Hi Cinderella!« Ich schenke Ella ein schiefes Grinsen.
Nora hebt überrascht ihre Brauen und dreht sich um. »Hi, Ella! Dein Workshop war super! Der Bericht dazu erscheint am Montag!«
»Danke!«, antwortet diese frostig, ohne Nora anzusehen. Ihre dunkelgrünen, zornigen Augen spießen mich regelrecht auf. Oh ja, sie hasst mich! Der Triumph über meinen Schachtzug pulsiert euphorisch durch mich hindurch und plötzlich kommt mir eine Idee.
»Möchten die Damen noch etwas trinken?«, frage ich in die Runde.
»Ja.«
»Nein.«
Nora und Ella antworten gleichzeitig, was ich als einvernehmliche Zustimmung deute. Von Jens besorge ich mir noch drei Tassen, die dritte ist für Jenna, die gemeinsam mit Ella aufgetaucht ist.
»Hier!« Ich verteile die Bowle, die Nora und Jenna dankbar lächelnd entgegen nehmen, Ella brummig. Sie sollte eindeutig mehr trinken, vielleicht wird sie dann lockerer.
»Nora«, wende ich mich gespielt interessiert an die Pressetante, die immer noch neben mir steht. »Hättest du nicht Lust, mal ein Interview mit mir zu führen? Ich könnte dir ein bisschen mehr über mein Café erzählen, über das Konzept und woher ich die ganzen Rezepte habe.«
Noras blaue Augen leuchten auf und würde ich es nicht längst wissen, wäre spätestens das die Bestätigung, dass sie mich attraktiv findet. Oh man, Frauen sind doch so einfach zu durchschauen!
»Klar, gerne doch!« Sie tippt sich an ihre Unterlippe, während sie kurz überlegt, was meine Augen wie von alleine auf ihren Mund lenkt. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie Ella uns anstarrt. Die Augenbrauen zusammengekniffen, die eine Hand geballt. Mit der anderen hebt die ihre Tasse an die Lippen und trinkt die Bowle in einem Zug leer. Mmh, wenn sie so weitermacht, ist sie schneller betrunken als gedacht.
»Wie würde es dir direkt am Montag passen?«
»Montag ist schlecht. Dienstag? So um Achtzehn Uhr?«, antworte ich, während ich weiterhin Ella im Auge behalten. Sie hat sich von Jens eine weitere Tasse geben lassen und unterhält sich nun mit Jenna. Sie diskutieren heftig, doch ihr Blick zuckt immer wieder zu mir. Wenn es da mal nicht um unsere aktuelle Wohnsituation geht.
»Ja, das passt!« Nora strahlt mich an, ihre Hand liegt plötzlich auf meinem Arm. Das ist dann doch ein wenig zuviel des Guten.
»Ich muss mit dir reden!«, platzt Ella plötzlich dazwischen und schiebt sich an Nora vorbei, bis sie direkt vor mir steht. Ihr Blick ist nicht mehr ganz gerade und ihre undeutliche Aussprache verrät, dass ihr der Alkohol schon etwas zu Kopf gestiegen ist.
»Klar! Was gibt es?«, frage ich betont locker. Nora verabschiedet sich winkend, was ich mit einem Kopfnicken beantworte.
»Du musst wieder ausziehen!«
»Und du bist betrunken!«, stelle ich lächelnd fest und gehe nicht weiter auf ihre Forderung ein.
»Na und? Es ist Weihnachtsmarkt! Und von dir lasse ich mir schon gar nichts vorschreiben!«, motzt sie und leert erneut eine Tasse. Meine Mundwinkel zucken. Wow, die Wievielte war das jetzt?
»Meinst du nicht, es langt?« Okay, vielleicht sollte ich sie nicht noch weiter provozieren. Sie hat eindeutig genug getrunken.
»Mmpf!« Sie schaut zu Jens, dann zurück zu mir. Plötzlich hebt sie den Kopf, wie als würde sie lauschen. »Spielen sie da gerade ›Rocking around the Christmas Tree‹? Oh, ich liebe dieses Lied!«
Bevor ich wirklich realisiere, wie mir geschieht, schnappt sie sich meinen Arm und zieht mich mit sich. »Hey!«, protestiere ich und befreie mich aus ihrer Umklammerung. Ella stört das nicht weiter, mit schnellen Schritten verschwindet sie in der Menge. Irritiert lasse ich meinen Blick über die vielen Gäste des Weihnachtmarktes wandern, doch die rote Sternenmütze entdecke ich nicht unter ihnen.
Auf einmal wird es still um mich herum, das gleichmäßige Tönen unseres Musikzuges verstummt. Nur um eine Sekunde später von einer anderen mir sehr wohl vertrauen Stimme abgelöst zu werden, die voller Inbrunst den »Jingle Bell Rock« in die Nacht schmettert. Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht laut loszulachen. Denn dort, vor unserem Musikzug, der jetzt einstimmt und den Gesang begleitet, steht Ella am Mikrophon und singt, als ginge es um ihr Leben.
»Dafür wird sie sich morgen hassen!« Leon ist neben mich getreten, ohne das braunhaarige Mädchen von vorhin, dafür mit einem Schmunzeln im Gesicht. Ebenso wie Jenna, die jetzt kopfschüttelnd zusieht, wie Ella gerade zum nächsten Lied bittet.
»Jemand sollte sie aufhalten!«, stammelt sie leise, macht aber selbst keine Anstalten. Die ersten Takte von »Last Christmas« ertönen, dann steigt Ella volles Rohr mit ein. Die Menschen um uns herum sind stehengeblieben, sie klatschen im Takt mit, die ersten beginnen zu tanzen. Ungewollt muss ich zugeben, dass ich beeindruckt bin. Nicht, dass ich Ella so einen Auftritt nicht zutrauen würde, aber sie kann wirklich singen.
Als das Lied endet, bedankt sich Ella für den Applaus und übergibt das Mikrophon wieder an den Leiter des Musikzuges. Sie sieht sich suchend um und als sie uns entdeckt, kommt sie mit einem fetten Grinsen im Gesicht auf uns zu. Bis sie über ihre eigenen Füße stolpert und direkt in mich hinein fällt.
»Hey!« Empört stößt sie sich von mir weg. Ich kann gerade noch nach ihr greifen, bevor sie erneut zu fallen droht. Scheiße, die ist ja vollkommen dicht!
Verwirrt hebt Ella den Kopf, ihre Hände klammern sich an meine Arme. »Hey Tom«, flüstert sie. Ihr Gesicht ist meinem verdammt nahe, unsere Nasenspitzen berühren sich fast. Ihr warmer Atem streift meine kalte Haut, ich rieche den süßen Duft, der sie für gewöhnlich umgibt. Und die Unmengen Feuerzangenbowle, die sie in sich hineingekippt hat.
»Hey Ella.« Ich will grinsen oder wenigstens die Augen verdrehen. Doch aus irgendeinem Grund heben sich meine Mundwinkel nicht, sondern ziehen sich mit einem leicht bitteren Zug nach unten. Ich sollte Ella loslassen, sie wieder hinstellen oder Jenna in die Arme drücken. Doch Ella klammert sich mit einer Verzweiflung an mich, die es mir unmöglich macht, jetzt wegzugehen.
»Wow, Schwesterherz! Das war ja ein fetter Auftritt!« Leon tritt näher an uns heran, ein amüsiertes Funkeln in den Augen, das eindeutig unserer Umarmung gilt. Jenna hingegen betrachtet uns argwöhnisch.
»Deine Schwester ist hinüber. Du solltest sie heimbringen«, erkläre ich ihm und schaue missbilligend auf Ella hinab, die nur vehement den Kopf schüttelt. Immer noch an mich geklammert.
»Oh nein, Mann! Das überlasse ich heute Abend dir.« Leon lacht. »Außerdem schaut das nicht so aus, als ob sie von mir heimgebracht werden will.« Bitte was? Leon zwinkert mir zu, wofür ich ihm eine reinhauen könnte.
»Auf gar keinen Fall! Sie ist deine Schwester!« Ich schiebe Ella von mir, bis sie gerade steht. Sie kann sich auf den Beinen halten, aber nach Hause schafft sie es nie im Leben ohne Hilfe.
»Ich kann sie heimbringen.« Jenna legt ihren Arm um Ella, doch diese schüttelt ihn ab.
»Nein.« Sie versucht zu flüstern, was ihr desaströs misslingt. »Du bleibst. Vielleicht kannst du ja heute mit ihm reden.« Sie wirft Leon einen bedeutungsschwangeren Blick zu, der nicht viel Interpretationsspielraum lässt. Leon rollt die Augen, Jenna wird rot. Ah ja.
»Ich schaff das … schon«, lallt Ella weiter und wankt ein paar Schritte.
Leon schüttelt den Kopf. »Tom, bitte, bringe sie heim. Immerhin wohnst du bei uns, du bist quasi mit für sie verantwortlich.« Entgeistert schaue ich meinen besten Kumpel an, der nur entschuldigend die Arme hebt. Wütend hole ich Luft! Leon ist nicht Schuld an dem Desaster vor mir, das jetzt noch einen Schritt zurück wankt und dabei fast zu Boden geht. Das habe ich mir selbst eingebrockt. Fluchend lege ich Ella meinen Arm um die Schultern und schleife sie mit mir. Nicht ohne Leon vorher mit einem tödlichen Blick zu bedenken.
So schnell es geht bugsiere ich uns durch die Menge. Immer wieder grüßen uns Personen, doch die amüsierten bis bedauernden Blicke, die uns folgen, überwiegen.
»Ich will nicht, dass du mich heimbringst!«, brummelt Ella, als wir gerade das Ende des Weihnachtsmarktes erreicht haben. Zum Glück ist es bis zu ihrem Haus nicht weit.
»Tja, Prinzessin. Da sind wir schon zu zweit.«
Wir stolpern über die Straße, an zwei Häusern vorbei, bis Ella plötzlich stehen bleibt. »Tom, mir ist schlecht!« Fuck!
»Schaffst du es bis nach Hause?«
»Ich … ich weiß nicht.«
»Komm!« Fester packe ich ihre Schultern, will sie weiter ziehen, doch Ella rührt sich keinen Meter. Stattdessen sieht sie erschrocken zu mir hoch, ihre Augen weit aufgerissen. Das warme Licht der Straßenlaterne spiegelt sich darin und für einen kurzen Moment vergesse ich, warum wir hier sind. Warum wir auf der Straße stehen, warum sie mich hasst, warum ich ihr die Pest an den Hals wünsche. Die Bäckerei, mein Café, unser ganzer Streit gerät in den Hintergrund, das einzige, was in diesem Augenblick zählt, sind Ella und ich. Ich und Ella. Genauso wie vor zehn Jahren.
»Tom, ich …« Ihre Stimme verklingt. Sie schaut immer noch zu mir auf. Ich will Luft holen, will etwas sagen, will mich daran erinnern, warum das hier eine ganz beschissene Idee ist, doch mir fällt nichts mehr ein. Langsam hebt Ella die Hand und legt mir ihre warmen Finger an die Wange. Ich sollte sie wegschlagen. Wir sollten weitergehen. Auf gar keinen Fall sollten wir hier stehen bleiben.
»Ich will dich nicht hassen«, flüstert sie traurig und jedes einzelne Wort brennt sich durch mich hindurch und trifft mein Herz. Ellas Blick wandert von meinen Augen zu meinem Mund. Das heftige Verlangen zu küssen überkommt mich, doch ich halte mich zurück. Einen Herzschlag lang spüre ihre Finger auf meiner Haut, ihren Körper an meinem. Wärme breitet sich in meinem Körper aus, ein längst vergessenes Sehnen drängt an die Oberfläche. Fuck! Diese Gefühle passen so überhaupt nicht in meinen Plan. Kurz schließe ich die Augen, dann schiebe ich sie ein wenig von mir weg.
»Tom, …«, setzt Ella an. Oh bitte, jetzt kein abgewracktes Liebesgeständnis. »Ich …« Ella holt tief Luft – und kotzt mir direkt vor die Füße. Scheiße!
Eine gefühlte Ewigkeit später helfe ich ihr in die Wohnung, wo sie direkt ins Bad verschwindet. Wütend über mich selbst, warte ich im dunklen Flur. Den Abend habe ich mir weiß Gott anders vorgestellt. Als sie nach zehn Minuten wieder aus dem Bad kommt, sieht sie aus wie der lebendige Tod. Sie ist kalkweiß im Gesicht, Schweiß steht ihr auf der Stirn. Leise meldet sich mein schlechtes Gewissen.
»Kann ich noch irgendetwas für dich tun?«, frage ich unschlüssig, während sie in ihr Zimmer wankt.
»Nein!« In ihren grünen Augen liegt der ganze Frust, ihre ganze abgeklärte Wut, ihre Enttäuschung und ihr Hass auf mich, der mich plötzlich hart schlucken lässt. Denn obwohl ich mich freuen sollte, obwohl es meine Absicht war, sie heute Abend durcheinanderzubringen, fühle ich mich auf einmal furchtbar. Ella hat dieses Spiel gewollt. Sie hat damit angefangen. Doch bin ich auch wirklich bereit, es zu beenden?

Lebkuchenliebe: Tag 11

Von Gazellen und Löwen

Ella

Freitag, 11. Dezember

Ich renne.
Gazellengleich sprinte ich über den nebelverhangenen Feldweg, Survivors »Eye of the Tiger« im Ohr. Lässig wische ich mir mit der Hand über die Stirn, werfe ein Blick auf mein Smartphone und stelle zufrieden fest, dass sich mein Herzschlag nur ein wenig erhöht hat. Ich könnte ewig so weiterlaufen.
Okay, wem will ich hier etwas vormachen? Mein Puls kollabiert gleich, meine Beine sind bleischwer und der Schweiß läuft in Strömen. Und mein Gang hat eher etwas von einem altersschwachen Löwen, der kurz davor steht zusammenzubrechen, als von einer grazilen Gazelle.
Scheiße!
Ich brauche Luft!
Röchelnd ziehe ich die eiskalte Abendluft in meine Lungen, fluche hustend, als die Kälte in meine erhitzte Haut sticht und bleibe schließlich keuchend stehen. Die Hände auf die Knie gestützt, um nicht endgültig zusammenzubrechen.
Es bereits ist der zweite Tag, an dem ich meinen Körper in diesen Ausnahmezustand zwinge. Und für alle, die glauben, am zweiten Tag läuft es besser: Das tut es nicht. Ganz im Gegenteil. Der Muskelkater macht es nur noch schlimmer.
Es sind noch etwa fünfhundert Meter bis zu unserem Wohnhaus, das rettende Ziel ist in greifbarer Nähe. Noch nie kam mir diese verdammte Nebelbergstraße so lang vor. Mit letzter Kraft krieche ich bis zu unserer Haustür, schaffe mich mit Mühe durchs Treppenhaus nach oben und öffne die Tür. Und erstarre auf Stelle zu Eis, die Türklinke immer noch in der Hand.
Zwei Stimmen dringen an mein Ohr. Eine gehört meinem Bruder, die andere … ich schnappe erschrocken nach Luft. Mein Herz stolpert, beginnt zu rasen, Adrenalin und Wut jagen durch meinen Körper. Die andere Stimme gehört eindeutig Tom. Was zur Hölle macht er hier?
Mit wenigen Schritten bin ich an der Tür zum Wohnzimmer, puterrot im Gesicht und klatschnass geschwitzt. Doch mir ist in diesem Moment schnurzegal, wie ich aussehe, denn das Bild, was sich jetzt vor mir eröffnet, schlägt dem Fass den Boden aus. Leon und Tom lümmeln auf unserer Couch, die Füße auf dem Couchtisch, eine Schüssel mit Chips in der Hand. Im Fernsehen läuft irgendein Autorennen. Am schlimmsten jedoch ist die Reisetasche, die direkt neben der Couch auf dem Teppich steht und eindeutig nicht Leon gehört. Mir klappt der Mund auf, im ersten Moment bin ich sprachlos. Dann bricht ein Sturm an Gefühlen über mich herein, wirbelt durch mein Inneres, bis ich nur noch Rot sehe.
»Könnt ihr mir mal sagen, was das hier werden soll?«, knurre ich laut.
Tom zuckt zusammen, Leon, der gerade dabei ist sich eine Monsterportion Chips in den Mund zu werfen, hält in der Bewegung inne. »Schwesterherz, du bist schon zurück?«
Schon? Entschuldige bitte, zwanzig Minuten Joggen sind eindeutig mehr als ein »schon«!
»Was macht er hier?«, blaffe ich meinen Bruder an und deute anklagend auf Tom, der mich interessiert mustert.
Leon springt von der Couch auf und kommt auf mich zu. »Ich … äh … muss mit dir sprechen!«
»Er soll verschwinden, auf der Stelle!« Unverwandt starre ich auf Tom, der nun den Kopf schief legt und auch noch die Frechheit besitzt, mich unverhohlen anzugrinsen.
Mein Bruder greift nach meinen Schultern, dreht mich herum und schiebt mich kommentarlos in die Küche. Ich bin so überrumpelt, dass ich es geschehen lasse, bis Leon die Küchentür hinter uns geschlossen hat. Dann fahre ich wie eine Furie zu ihm herum.
»Was macht er hier?« Ich weiß nicht wohin mit meiner Wut. Und gleichzeitig fühle ich mich so hilflos, so überfordert, dass ich heulen könnte. Ich will Tom nicht sehen. Schon gar nicht in meinem Wohnzimmer. Ich will, dass er verschwindet. Möglichst für immer. Doch irgendetwas sagt mir, dass genau das nicht geschehen wird.
»Er weiß nicht, wo er schlafen soll. Und bevor er auf der Straße sitzt, kann er auf meiner Couch pennen.«
Ungläubig starre ich meinen Bruder an. »Das kannst du nicht Ernst meinen.« Meine Stimme ist plötzlich nicht mehr als ein Flüstern.
»Sein Café ist dicht, solange er dort schläft. Und da Tom knapp bei Kasse ist und auf die Einnahmen angewiesen ist, helfe ich ihm aus, bis er eine andere Lösung findet.«
Wie ferngesteuert beginne ich, den Kopf zu schütteln. »Nein, Leon! Nein! Tom ist unser direkter Konkurrent, sein Café schadet unserer Bäckerei. Ich weiß, dass du dich nie dafür interessiert hast, aber für uns alle wäre es besser, wenn Tom wieder verschwindet. Mama und Papa werden mir da zustimmen. Er kann hier nicht bleiben.«
Zorn flammt in Leons Gesicht auf. Er fährt sich durch die kurzen Haare, macht einen Schritt zur Seite, dann sieht er mich wieder an. »Er ist mein Freund, Ella. Ich werde ihn nicht hängenlassen. Mir ist klar, dass die Situation nicht einfach ist, aber er bleibt.«
»War das deine Idee?«
»Er hat mich angerufen.«
Meine Augen werden schmal. Wieso überrascht mich das nicht? Tom jammert und mein loyaler, hilfsbreiter Bruder bietet ihm natürlich einen Ausweg an. Leon hat schon immer geholfen, wo er konnte. Und Tom hat das schamlos ausgenutzt.
»Eine Woche, dann ist er verschwunden. Du übernimmst in der Zeit die Einkäufe und den Abwasch.« Ich kann in dieser Sache nicht gegen meinen Bruder gewinnen. Und bei unseren Eltern zu petzen, ist nicht mein Ding.
Leon lächelt mich an, Erleichterung huscht über seine Züge. »Danke, Ella!« Er zögert kurz. »Sag mal, warst du Joggen? Finde ich gut!«
Ach! Ich stehe immer noch in kompletter Sportgarnitur vor ihm, inklusive Mütze und verdreckter Turnschuhe. Ich muss stinken wie ein Iltis und so langsam ist der verklebte Schweiß auf meiner Haut echt unangenehm. Daher gehe ich nur augenrollend an meinem Bruder vorbei ins Wohnzimmer. Tom sitzt immer noch auf der Couch und stopft Chips in sich hinein. Er wirft mir einen kurzen Blick zu, dann sieht er wieder nach vorne. Ich versuche, ihn nicht zu beachten, als ich in mein Zimmer verschwinde, um frische Klamotten zusammenzusuchen. Auf dem Weg ins Bad sehe ich bewusst in eine andere Richtung. Doch Tom ist so präsent in dieser Wohnung, dass alleine das Wissen, dass er nur wenige Meter von mir entfernt sitzt, mich in die Verzweiflung treibt. Was hat sich Leon nur dabei gedacht? Gut, Tom ist sein Freund, aber hat er auch einen einzigen Gedanken daran verschwendet, wie es mir damit geht? Der kalte Hass, den ich die letzten Tage auf Tom verspürt habe, leckt über meine Haut, mischt sich mit Zorn und Abscheu. Ich muss an unseren Streit gestern denken und erneut schießen mir die Tränen in die Augen. Tom bringt alles durcheinander. Die Bäckerei, mein Leben, mich. Und ich will diese Unruhe nicht, ich will Tom nicht.

Lebkuchenliebe: Tag 10

Aus der Traum

Tom

Donnerstag, 10. Dezember

Ungläubig starre ich den Herrn im schwarzen Mantel an. Seine grauen Haare kringeln sich unter der dicken grauen Wollmütze hervor, in der Hand hält er eine schwarze Tasche aus Leder.
»Bitte, was?«
Ein Muskel an seiner Wange zuckt. Er ist eindeutig genervt. »Uns wurde ein Verstoß gegen geltende Hygienerichtlinien gemeldet. Ich komme vom Gesundheitsamt und bin hier, um ihr Café zu überprüfen.«
Kurz spiele ich gedanklich meine Optionen durch: Ihm einfach die Nase vor der Tür zuschlagen, ihn reinlassen und abhauen, ihm eins überziehen und verschwinden. Alles keine Lösung. Ich habe keine Wahl. Fuck!
»Kommen Sie doch bitte herein!« Ich trete beiseite und gebe den Weg in mein Café frei. Es ist noch so früh am Morgen, dass noch keine Gäste da sind. Wenigstens etwas, aber das örtliche Tratschkommando wird nicht lange auf sich warten lassen. »Brauchen Sie noch etwas? Oder möchten Sie einen Kaffee?« Vielleicht hilft es, wenn ich mich besonders zuvorkommend zeige.
»Ein Wasser wäre nett. Still, bitte.«
Es gibt kaum etwas, das mehr über Menschen aussagt, als ihr Getränkewunsch. Ich unterdrücke ein Augenrollen angesichts der äußerst langweiligen Wahl und gieße ihm ein Glas ein.
Nachdem der Gesundheitsfuzzi seine Jacke und Mütze über einen Stuhl gehängt hat, sieht er sich prüfend um. Kurz bleibt sein Blick an den Fotografien an der Wand hängen. »Sind die Bilder von Ihnen?«
»Nein, meine Mutter hat sie gemacht. Antonia Westen, sie ist Fotografin. Vielleicht sagt Ihnen der Name etwas.«
Er nickt bloß, dann geht er hinter die Theke, zieht Schubladen auf, schaut unter die Schränke. Ich lehne mich gegen einen der Tische im Café und beobachte ihn argwöhnisch. Erst als er in die Backstube verschwindet, zieht sich mein Magen krampfhaft zusammen. Aus der Traum.
Eine halbe Stunde später habe ich es schwarz auf weiß. Der Arsch vom Gesundheitsamt hat das Café bis auf weiteres geschlossen. Meine Bettstatt in der Backstube ist etwas, dass er aus Hygienegründen nicht dulden kann. Am liebsten hätte ich ihm mit seinen hochtrabenden Worten das Maul gestopft. Scheiße, verdammt! Ich habe keine Rücklagen, um das Café lange geschlossen zu lassen, bis ich eine Wohnung gefunden habe. Ganz davon abgesehen, dass ich mir überhaupt keine leisten kann. Dunkle Wut grollt in meinem Bauch, heißer Zorn blitzt durch meinen Körper. Das hier war meine letzte Chance, meine einzige Chance an Geld zu kommen. Und ja verdammt, in den letzten Tagen habe ich sogar begonnen, mich hier wohlzufühlen. In Fichtenstein. Auch wenn ich es selbst kaum glauben konnte, ich habe mich gefreut, jeden Morgen dieselben Menschen zu treffen, denselben Tratsch zu hören, dieselben Geschichten zu kommentieren und abends nach einem langen Tag tot ins Bett zu fallen, um am nächsten Morgen genau das gleiche wieder zu erleben. Diese Routine, die für mich bislang immer ein Alptraum war, hat etwas unheimlich Beruhigendes. Etwas Sicheres, etwas Beständiges, in der man beginnen kann, wirklich zu leben. Und nicht immer weiter gerissen wird, an einen neuen Ort, in eine neue Stadt, um dort neu anzufangen und doch nie wirklich anzukommen.
Das alles ist im Arsch!
Aufgebracht fahre ich mir durch die Haare. Der heiße Zorn wird übermächtig, lässt mich nicht mehr klar denken. Ich schnappe mir das halbleere Glas von dem Gesundheitsfuzzi und feuere es einmal quer durch den Raum. Es zerspringt in tausend Scherben und hinterlässt einen nassen Fleck auf der Wand. Die hässliche Realität meines Lebens holt mich ein, lacht über mich, verhöhnt mich. Ich habe mir etwas vorgemacht, wie schon mein ganzes Leben. Als ich vor einem Jahr auf den Deal mit dem Mexikaner eingegangen bin, habe ich mich unbesiegbar gefühlt. Ich hatte einen Lauf, habe gewonnen, egal wann oder gegen wen und habe Unmengen an Geld gescheffelt, mehr als ich jemals ausgeben kann. Der verdammte Deal klang so vielversprechend, so einfach. Verdammte Überheblichkeit! Wäre ich nach dem Desaster im Casino nur eine Stunde länger in Vegas geblieben, wäre ich jetzt tot. Fichtenstein, dieses Café, war die einzige Möglichkeit zu verschwinden und gleichzeitig Geld zu verdienen, um meine Schulden zu bezahlen, falls Carlos mich doch findet. Es war kopflos, aber zumindest ein Plan. Hätte mir nicht Ella das Gesundheitsamt auf den Hals gehetzt. Das wird sie mir büßen!
Immer noch schäumend vor Wut, schnappe ich mir meine Jacke und verlasse das Café. Nach nur drei Minuten stehe ich vor der Traditionsbäckerei. Natürlich ist Ella nicht da, nur ihre Mutter steht hinter der Verkaufstheke. Den missbilligenden Blick, mit dem sie mich bedenkt, kann sie sich sonst wohin schieben.
»Wo ist Ella?« Mein Tonfall ist schneidend, meine Hände zu Fäusten geballt. Ich hätte Ella auch anrufen können, aber was ich ihr zu sagen habe, brülle ich ihr lieber direkt ins Gesicht.
»Zuhause. Sie hat heute Vormittag frei«, erwidert sie beinahe gelangweilt.
Ich stoße hart die Luft aus. »Danke!«
»Ach Tom?« Bereits auf dem Weg zu Tür halte ich kurz inne. »Unser Workshop gestern lief übrigens fantastisch. Wir haben noch weitere geplant, die schon alle ausgebucht sind.«
Ich starre sie an, als hätte sie mir gerade erklärt, dass Weihnachten dieses Jahr auf einen Donnerstag fällt. Weiß die Tante eigentlich, wie egal mir gerade ihre scheiß Workshops sind? Wortlos lasse ich sie stehen und verlasse die Bäckerei.
Es schrillt laut, als ich Ella und Leons Klingel drücke. Die beiden teilen sich eine Wohnung, was ich merkwürdig finde. Aber anscheinend funktioniert das für beide Geschwister recht gut, Leon zumindest hat sich nicht beschwert. Nur wenige Augenblicke später ertönt das mechanische Klicken der Haustür. Schnell öffne ich sie und gehe in das helle Treppenhaus. Glassteine an der Frontseite lassen Licht herein, sodass die grauenvolle Weihnachtsdekoration, die an den Wänden und der Haustür hängt, voll zur Geltung kommt.
»Hier oben!«, ertönt es über mir. Direkt rechts führt eine Treppe in das obere Stockwerk. Hier findet sich keine weitere Weihnachtsdeko, stattdessen hängen Fotos an der Wand. Unterschiedliche Menschen grinsen mir darauf entgegen, Ellas Familie und Freunde.
»Du bist eindeutig nicht der DHL-Bote.« Ella steht vor mir wie der frisch geborene Racheengel. Sie trägt eine enge schwarze Sporthose und einen dunkelgrünen Hoodie, ihre Haare hat sie zurückgebunden und ihre Wangen sind gerötet. Die Hände sind eingestützt, die Lippen zusammengepresst. Auf der Stirn liegt ein Schweißfilm. Wüsste ich es nicht besser, würde ich fast vermuten, sie kommt vom Sport. Von Leon ist nichts zu sehen.
»Kannst du mir mal verraten, was das soll?«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Wut jagt immer noch ungefiltert durch meine Adern, ich muss mich zwingen, sie nicht direkt anzubrüllen. Obwohl, wieso eigentlich nicht? Verdient hat sie es in jedem Fall.
»Was soll was?« Sie runzelt die Stirn, das Kinn trotzig gereckt. Sie weiß genau, wovon ich spreche.
»Das scheiß Gesundheitsamt hat mein Café geschlossen!«
»Oh nein!« Der Zynismus trieft nur so aus ihren Worten.
»Sie haben einen Tipp bekommen, einen Hinweis! Mir war klar, dass du sauer auf mich bist, aber ernsthaft? Hast du es so nötig, mir dermaßen ans Bein zu pissen?«, brülle ich sie an, da meine Selbstbeherrschung am Ende ist. Meine Gedanken überschlagen sich, meine Worte auch. Es macht nicht wirklich Sinn, was da aus meinem Mund kommt, aber jedes einzelne Wort tut wahnsinnig gut.
Ein Stockwerk unter uns öffnet sich eine Tür, gedämpfte Weihnachtsmusik erklingt.
»Ella, Schatz, ist alles in Ordnung?« Eine männliche Stimme, vermutlich ihr Vater.
Ella starrt mich an. Sie überlegt. »Ja«, ruft sie schließlich laut in den Hausflur, während sie plötzlich meinen Arm packt und mich mit sich in die Wohnung zieht. Schnell schließt sie die Tür hinter uns, dann baut sie sich vor mir auf. »Weißt du was, Tom, das Gesundheitsamt schließt nicht einfach so ein Café. Dafür muss es schon Gründe geben. Und wenn man in seiner Backstube herumvögelt und schläft, dann ist das genauso einer.«
Herumvögelt? Kurz verstehe ich nicht, was sie meint. Dann allerdings werde ich so wütend, dass ich nach Luft schnappen muss. »Darum geht es dir? Dass ich am Samstag mit Denise rumgemacht habe und nicht mit dir? Du bist eifersüchtig?«
Kalte Wut blitzt in ihren Augen und kurz rechne ich damit, dass sie mir eine scheuert. Ich habe ins Schwarze getroffen. »Du bist so ein Arschloch, Tom Westen! Ich kann echt nicht mehr glauben, dass ich dir mit dem Ofen geholfen habe!«
»Und du bist eine verklemmte, traditionsbesessene, alteingesessene Eigenbrötlerin. Den Sprung ins einundzwanzigste Jahrhundert hast du verpasst, oder?« Wir stehen uns schnaubend gegenüber, keinen halben Meter entfernt.
»Du kennst mich überhaupt nicht«, zischt Ella und der kalte, brechende Tonfall in ihrer Stimme macht etwas mit mir. Bedauern überkommt mich und das verdammte Gefühl, einen Fehler zu machen. Aber dafür ist es zu spät, viel zu spät. Zehn Jahre, um genau zu sein. Ella und ich haben uns nichts mehr zu sagen.
»Verschwinde von hier! Am besten für immer.« Sie macht einen Schritt zurück, bringt Abstand zwischen uns. »Dich will hier niemand, Tom!« Verdächtige Tränen glänzen auf einmal in ihren Augen.
Die Stille zwischen uns breitet sich aus, wird zur unüberbrückbaren Mauer, bis ich es nicht mehr aushalte. »Warum, Ella?« Meine Stimme zittert immer noch vor unterdrücktem Zorn, aber zumindest brülle ich nicht mehr. »Warum hast du das Gesundheitsamt angerufen, warum willst du mich so unbedingt loswerden?«
Sie schluckt angestrengt. Dann blinzelt sie, ihre Tränen sind verschwunden. »Du bringst alles durcheinander, Tom. Wir haben deutlich weniger Kunden, als üblich. Du machst uns die Bäckerei kaputt. Verdammt, natürlich will ich dich loswerden. Außerdem …« Ihr Blick wandert an mir vorbei, bleibt an der Haustür in meinem Rücken hängen. »Außerdem hat das am Samstag echt wehgetan. Einfach so stehengelassen zu werden. Und dann verschwindest du auch noch mit Denise.« Sie sieht mir direkt in die Augen. Und in ihrem Blick liegt viel mehr als nur die Enttäuschung über den Samstagabend. Alter Schmerz flammt darin auf, ein altes Verlangen, Liebe, die nie erwidert wurde. In meinem Bauch bildet sich ein harter Klumpen. Denn eines begreife ich in diesem Moment. Es gibt etwas, womit ich Ella besiegen könnte. Etwas, dass sie unbedingt will, viel mehr noch als ihre Bäckerei, als ihre Ruhe, als ihr beschauliches Leben. Und ich bezweifle, dass sie sich dessen wirklich bewusst ist. Ella will mich.
Wenn das hier ein Pokerspiel wäre, wüsste ich, was zu tun ist. Die Karten liegen offen auf dem Tisch, ich muss nur noch abräumen. Ella und ich haben gespielt und beide verloren. Ich mein Café, sie ihr Herz. Und wäre ich jemand anderes, würde ich mich jetzt zurückziehen und aufgeben. Aus Fichtenstein verschwinden, meine Wunden lecken und nie mehr zurückkehren. Ihr Pech ist jedoch, dass ich ein Spieler bin. Und gewinnen will. Um jeden Preis. Selbst wenn ich mich selbst ins Spiel bringen muss.
Meine Haltung verändert sich, meine Anspannung lässt nach. Dafür zupft ein selbstgerechtes Grinsen an meinen Mundwinkeln. Ich mache einen Schritt auf Ella zu, sie weicht mir nicht aus. Stattdessen weiten sich ihre Pupillen, als ich mich langsam zu ihr hinunterbeuge und ihr plötzlich viel zu nah bin. »Es macht keinen Unterschied mehr, Cinderella, aber ich will, dass du eine Sache weißt«, raune ich ihr zu. Sie schluckt hart. »Ich wusste nicht, mit wem ich da am Samstagabend rummache. Und auch wenn du mir nicht glaubst, ich habe nicht mit Denise geschlafen. So ein Arschloch bin ich nicht.«

Lebkuchenliebe: Tag 9

Zwischen Zimt und Zucker

Ella

Mittwoch, 9. Dezember

Ich starre auf das Display meines Smartphones. Schon wieder. Und wie schon die fünfhundert Mal davor, kann ich immer noch nicht glauben, was ich da lese.
Können wir reden?
Ist das Toms verdammter Ernst? Nach zwei Tagen der Schmach, der Erniedrigung, Unmengen Schokolade, Eis und – ja, Lebkuchen! – kommen diese drei Worte? Kein, »Es tut mir leid, Ella«, »Ich habe mich wie ein Arschloch benommen, Ella« oder wenigstens ein schmuckloses aber immer noch effektives »Sorry!«?
»Liest du schon wieder Toms Nachricht?«
»Was?« Ertappt blicke ich hoch, direkt in Jennas missbilligenden Gesichtsausdruck.
»Du hast rote Flecken auf den Wangen und siehst aus, als würdest du dein Handy am liebsten rösten.«
»Mmpf.« Ich konnte mich noch nie gut verstellen. Doch bevor auch die zwanzig Frauen, die gleich unsere Backstube stürmen werden, ebenfalls mitbekommen, dass mein Privatleben gerade in den Seilen hängt, stecke ich das Handy lieber weg.
»Das mit Samstag hängt dir immer noch nach, oder?«, fragt meine Freundin vorsichtig und tritt näher an mich heran. Sie legt einen Arm auf meine Schulter. Normalerweise mag ich es überhaupt nicht, bedauert zu werden, aber bei Jenna ist das etwas anderes.
»Nein, das ist es nicht. Mich nervt die ganze Sache einfach nur noch«, schimpfe ich leise. Ich habe von Leon gehört, dass mein Anruf in der Mühle erfolgreich war und Toms Backwaren gestern grauenvoll geschmeckt haben. Noch zwei so Aktionen und er ist ruiniert. Ich kann noch nicht einmal genau sagen, woher meine Wut auf ihn kommt, aber einer Sache bin ich mir absolut sicher: Tom muss verschwinden. Umso schneller, desto besser.
»Na ja, dann solltest du vielleicht doch mit ihm reden. Klärt das. Dann hast du endlich Ruhe.« Jenna trifft es auf den Punkt.
Ich lasse meinen Blick prüfend durch die Backstube gleiten. Die Tische sind blank poliert, Schürzen mit unserem Logo liegen bereit, Sekt und Gläser sind ebenfalls verteilt. Unser erster Backworkshop für Frauen kann losgehen. Prompt ertönt die Klingel unserer Eingangstür und lautes Geschnatter dringt aus dem Verkaufsraum zu uns.
»Wirst du mit ihm reden?«, wiederholt meine Freundin ihre Frage, weil ich immer noch nicht geantwortet habe.
Seufzend senke ich den Kopf und gebe mir noch einen Augenblick, bevor hier gleich der Bär steppt. »Ich denke schon.« Es wäre kindisch, es nicht zu tun. Außerdem will ich nicht, dass sich diese Sache zwischen Tom und mir weiter aufgebauscht und mehr Bedeutung bekommt, als sie haben sollte.
Mir bleibt keine weitere Sekunde, um darüber nachzudenken, denn mit der Gewalt von zwanzig ausgehungerten Löwinen platzen die Frauen in die Backstube. Augenblicklich ist die Luft erfüllt von aufgeregtem Geplapper, Kichern, Gelächter und neugierigen Blicken. Und weil mich das Schicksal so liebt, befindet sich auch Denise unter ihnen, die mich sofort auffordernd angrinst. Die »Bitch« besitzt ja wirklich überhaupt keinen Anstand! Wie kann sie es wagen hier aufzutauchen? Erst spannt sie mir meinen Freund aus, dann macht sie mit meinem Date rum! Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, sie hat etwas gegen mich. Aber das ist lächerlich, ich habe ihr nie etwas getan. Wut tost durch mit hindurch und ich hätte nicht übel Lust, ihr die Teigschüssel in ihr überhebliches Grinsen zu klatschen. Aber genau das will sie vermutlich, mich provozieren und meinen Workshop ruinieren. Daher atme ich nur tief durch und erwidere ihren Blick offen. Ich werde meinen Workshop nicht zur Schlamm-Catch-Grube machen!
Mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht, den Rücken gerade, die Brust herausgestreckt und den Bauch eingezogen, heiße ich unsere Gäste willkommen. Die Damen verteilen sich an die leeren Tische. Binnen eines Wimpernschlags knallen die Sektkorken und jede von ihnen hat ein Glas voll mit dem prickelnden Getränk in der Hand. Es ist doch echt erstaunlich, wie schnell Frauen Flaschen öffnen können, wenn nur der Inhalt stimmt.
Kurz erkläre ich, was wir heute vorhaben, anschließend verteile ich mit Jennas Hilfe den bereits vorbereiteten Teig. Wir backen Lebkuchenmänner. Mit allem drum und dran.
Eine Stunde später ist die Stimmung ausgelassen. Dreizehn Flaschen Sekt sind vernichtet – selbst für Fichtensteiner Verhältnisse ist das eine ordentliche Schlagzahl – und die Weihnachtsmänner liegen fertig auf den Backblechen bereit für den Ofen. Die Damen haben es sich nicht nehmen lassen, mit Rosinen, Mandeln und Nüssen die Lebkuchenmänner so detailgetreu wie möglich nachzubilden.
Schmunzelnd schaue ich über das Ergebnis und beschließe schon jetzt, dass der Abend ein voller Erfolg war. Schnell lege ich meinen eigenen Lebkuchenmann auf ein Blech, eine eher prüdere Variante, als mich eine schrille Stimme hellhörig werden lässt. Bisher konnte ich Denise gut aus dem Weg gehen, jetzt aber steht sie mit Vicky und Selina direkt auf der anderen Seite des Arbeitstisches. Und redet so laut, dass ich schon den Raum verlassen müsste, um ihr Gespräch nicht mitzuhören.
»War es wirklich so gut?«, wispert Vicky und beugt sich etwas näher an Denise heran, um ja kein Wort zu verpassen.
Denise betrachtet kurz ihre pink lackierten Fingernägel, sie lässt sich Zeit mit der Antwort. Die Anspannung steigt. Selbst bei mir. »Ich bin noch nie so oft gekommen, wie in dieser Nacht«, sagt sie schließlich. Vicky quietscht leise auf und ich will am liebsten die Flucht ergreifen. Doch ausgerechnet jetzt, tritt Frau Sander an mich heran.
»Eine ganz tolle Idee dieser Workshop, Ella!« Ihre Stimme hat diesen Unterton, der ganz klar signalisiert, dass sie schon ordentlich einen im Tee hat.
»Wir sind in seine Backstube verschwunden«, fährt Denise auf der anderen Seite des Tisches ohne Erbarmen fort. »Er hat mich auf einen Tisch gehoben und mir langsam mein Kleid hochgeschoben. Dann hat er mich geküsst, zuerst auf den Mund und dann …« Sie keucht verzückt auf, um die Situation zu verdeutlichen. »Und dann hat er mich geleckt und so hart gevögelt, bis ich alles zusammen geschrien habe.«
Oh. Mein. Gott. Ich will mir die Ohren zuhalten, ich will hier raus. Denn auf gar keinen Fall will ich mehr über Toms Zungenfertigkeit oder die Kraft seiner Stöße erfahren. Und ich will auch nicht wissen, wie hart er Denise rangenommen hat, sodass sie anschließend kaum noch laufen konnte. Nein, verdammt, das will ich auf gar keinen Fall wissen.
»Danke, Monika! Das ist nett, dass du das sagst!«, presse ich hervor und konzentriere mich mit aller Macht auf Frau Sander. Und das gelingt mir auch erstaunlich gut, bis mich plötzlich ein paar Worte von Denise stutzig werden lassen.
»Nein, danach sind wir nicht zu ihm.« Ihre Stimme klingt irgendwie merkwürdig. Wie als käme jetzt der Teil des Abends, der ihr nicht mehr so in den Kram gepasst hat und fast unangenehm ist, zu erzählen. »Wir sind in der Backstube geblieben. Er hat da ein paar Matratzen liegen, da haben wir übernachtet.«
»Er wohnt dort?«, fragt Vicky ungläubig und nimmt mir die Worte aus dem Mund.
»Ja, offenbar. Ich habe ihn nicht weiter gefragt, das war mir dann echt zu peinlich.«
Tom wohnt in seiner Backstube? Aber warum, was ist mit der Wohnung seines Vaters? Eine plötzliche Ruhe durchströmt mich, ich fühle mich so entspannt wie seit Tagen nicht mehr. Denn ganz plötzlich, ohne das ich heute Abend damit gerechnet habe, präsentiert mir ausgerechnet Denise die Lösung für mein Problem auf einem Silbertablett. Ein Lächeln breitet sich in meinem Gesicht aus, das den Rest des Abends nicht mehr verschwindet.
Auf Wiedersehen Tom, deine Zeit in Fichtenstein ist beendet!

Lebkuchenliebe: Tag 8

Männerrunde

Tom

Dienstag, 8. Dezember

Ich liebe Poker. Das Gefühl der Spielkarten zwischen den Fingern, die Stille am Spieltisch, das nervöse Kribbeln im Bauch, wenn man noch nicht weiß, ob man gewinnt. Vor allem liebe ich die Atmosphäre, die über allem liegt. Poker ist viel mehr als ein Kartenspiel. Es ist ein Spiel, bei dem du Menschen besser kennenlernst, als während jeder Unterhaltung. Du liest in ihren Gesichtszügen wie einem Buch, jede Geste bekommt eine Bedeutung, jeder Laut einen Sinn.
Nachdem ich jahrelang mit meiner Mutter um die Welt gereist bin, hatte ich mit einundzwanzig keine Lust mehr und bin nach Hamburg gezogen. Ich habe ein Studium angefangen und abgebrochen, eine Ausbildung zum Fotografen nach nur drei Wochen gekippt, weil er mir nichts Neues beibringen konnte, habe hier und da gejobbt und letztendlich das gefunden, worin ich überraschender Weise richtig gut bin: Glücksspiel. Poker, Blackjack, Roulette, Craps und Baccara. Wobei mir die Karten immer noch am liebsten sind. Nachdem ich das Kasino in Hamburg zu genüge erleichtert hatte, ging es einmal quer durch die USA und Mexiko, bis ich vor zwei Monaten in Las Vegas gelandet bin. Der Rest ist Geschichte.
Steffen mir gegenüber seufzt und starrt stirnrunzelnd auf seine Karten. Selbst ein Anfänger würde erkennen, dass er gleich aufgibt. Er ist mit Abstand einer der schlechtesten Spieler, mit dem ich je gespielt habe. Aber letztendlich ist es mir egal, solange er immer so viel Geld dabei hat, wie heute Abend.
»Ich bin raus«, sagt er wie erwartet und legt seine Karten offen auf den Tisch. Einen Pik Buben und eine Karo Acht. Das ist tatsächlich nichts.
Leon links neben mir unterdrück ein Schmunzeln. Die erste Gefühlsregung, seit wir diese Runde eröffnet haben. Leon spiel gut, beinahe so gut wie ich. Daher habe ich ihn auch die erste Runde gewinnen lassen, nicht dass er diesen Abend in zu schlechter Erinnerung behält.
»Ich gehe mit«, lässt er uns wissen und wirft einen Zehneuroschein auf den Haufen in der Mitte des Tisches. Direkt neben die zwei Asse und den Herzkönig, die schon offen auf dem Tisch liegen. Wir sind bereits in der dritten Runde und Leon, Jens und ich sind noch im Spiel.
Ohne einen Kommentar schiebe ich ebenfalls einen Geldschein über den Tisch. In Kombination mit den Karten auf der Hand, sieht mein Blatt gar nicht so schlecht aus.
Jens brummt etwas Unverständliches, ist aber ebenfalls noch eine Runde dabei.
»Will noch jemand was trinken?«, frage ich und stehe auf, um mir noch eine Cola zu holen, bevor Gregor, der in dieser Runde der Geber ist, die Karten zur letzten Runde aufdeckt. Nach meinem Absturz am Samstag lasse ich vorerst die Finger vom Alkohol. Nicht, dass ich ab sofort abstinent bin, aber nach dem Debakel mit der verfickten Krähe brauche ich nicht noch einen ortsbekannten Ausfall.
»Ich nehme noch ein Radler«, antwortet Leon ohne vom Tisch aufzusehen. Seine Karten liegen verdeckt vor ihm, er wirkt entspannt. Aber das täuscht, ich kenne Leon und weiß, dass er blufft. Obwohl wir uns zehn Jahre nicht gesehen haben, fühlt es sich an, als wäre ich nie weggewesen. Und ich muss zugeben, dass es verdammt guttut, wieder einen besten Freund zu haben. Jemanden, der dich versteht, der weiß, was du denkst und wie du tickst, ohne dass du ihm alles erklären musst. Ich habe Leon viel erzählt aus meinem Leben, bei weitem mehr als jedem anderen. Und doch gibt es da eins, zwei Dinge, die ich sogar ihm verschwiegen habe. Niemand muss wissen, warum ich wirklich hier bin.
»Sag mal, hast du ein neues Rezept ausprobiert?«, fragt Gregor und legt seinen Bagel beiseite, in den er gerade herzhaft gebissen hat. Er verzieht das Gesicht und schluckt einen Ticken zu mühsam, als dass es ihm tatsächlich schmecken würde.
»Nein. Aber ich habe ein anderes Mehl verwendet.« Die Mühle hat mir das falsche Mehl geliefert und es war zu wenig Zeit, noch ein anderes nachzubestellen. Daher sind die Bagel heute aus Dinkel-Vollkorn-Mehl gebacken. Klingt grauenvoll, schmeckt auch genauso. Ich habe so viele negative Rückmeldungen bekomme, dass ich nur hoffe, dass mir der Umsatz morgen nicht einbricht. Wie kann auch so ein Mist passieren?
Leon hebt überrascht den Kopf, sieht auf den Bagel, dann zu mir. Ein wissendes Glitzern blitzt in seinen grünen Augen auf, bevor er die Lippen zusammenpresst. Oh verdammt! Natürlich! Nicht die Mühle ist Schuld, sondern Ella hatte da ihre Finger im Spiel. Darauf hätte ich Vollidiot schon früher kommen können!
Nachdem ich Leon das Radler vor die Nase gestellt habe, nehme ich wieder Platz. Um Ella kümmere ich mich später, jetzt will ich erst einmal gewinnen. Gregor legt eine Karte verdeckt neben den Stapel und eine weitere offen auf den Tisch. Eine Herzkönigin. Ein heißes Rauschen fährt durch mich hindurch, ein Taumeln, ein Glücksgefühl, das beinahe besser ist als der heißeste Fick, den ich je hatte. Meine Miene jedoch bleibt gleichgültig, ich lasse mir nicht anmerken, dass ich innerlich vor Freude auf dem Tisch tanze.
»Führst du dein Geschäft alleine?«, fragt Steffen aus heiterem Himmel mitten in die Stille hinein. Meine Augen werden schmal. Wie kann er ausgerechnet jetzt so eine Frage stellen? Wir sind nicht zum Small-Talk hier.
»Ja«, gebe ich kurz angebunden zurück. Jan hat sich am Sonntagabend von mir verabschiedet. Er ist selbstständiger Webdesigner und kann von überall aus arbeiten, solange er seinen Laptop dabei hat. Daher konnte er mir die letzten Wochen unter die Arme greifen. Als Gegenleistung habe ich ihm ein paar meiner Fotos überlassen, die er mit Begeisterung für einige seiner Layouts verwendet hat.
»Das muss ganz schön viel Arbeit sein, das Backen, der Verkauf, die Vor- und Nachbereitung, das Aufräumen, ….«, plappert Steffen munter weiter und bringt meine Gleichgültigkeit gefährlich ins Wanken.
»Wir sind zum Spielen hier«, blaffe ich härter, als nötig gewesen wäre. Es wird Zeit, die Runde zu beenden. Der Sieg ist zum Greifen nahe, ich werde ungeduldig.
»Ich erhöhe auf zwanzig Euro«, unterbricht uns Leon, bevor Steffen etwas erwidern kann. Ich werfe meinem Kumpel einen dankbaren Blick zu.
Jens fährt sich durch die kurzen Haare, die bereits seit der ersten Runde in alle Richtungen abstehen. »Mir langt’s, ich bin raus.« Er legt die Karten verdeckt auf den Tisch und lehnt sich zurück.
»Bleiben wir beide.« Leon grinst mich an. Er nimmt das As, den König und die Königin, die alle die Herzfarbe haben, und legt eine Sechs und eine Acht daneben. Beides Herz. »Ein Flush.«
Jens fallen fast die Augen aus dem Kopf. Steffen reagiert gar nicht, offenbar hat er es nicht verstanden. Meine Mundwinkel zucken nur.
»Tja, Alter, tut mir echt leid.« Schnell ziehe ich die beiden Asse und die Königin zur Seite und lege meine beiden Karten daneben. Ebenfalls ein As und eine weitere Königin. »Full House.«
Leon flucht ungehalten, haut mir aber im nächsten Moment kameradschaftlich auf die Schulter. »Gut gespielt! Ehrlich! Du hättest schon viel früher hier auftauchen sollen, es macht Spaß mit dir zu spielen!«
Ich ziehe eine Grimasse. »Besser nicht.«
Nach der Runde ist Schluss, der Abend beendet. Ich verabschiede die Jungs, Leon allerdings bleibt noch. Wir setzen uns nach draußen auf die Stufen zu meinem Café. Es ist arschkalt, kleine Schneeflocken wirbeln umher. Aber die klare Luft tut gut! Genüsslich nehme ich einen tiefen Zug von meiner Zigarette, dann blase ich den weißen Rauch in die dunkle Nacht.
»Du hast heute Abend nichts gegessen«, stelle ich fest und werfe Leon einen Seitenblick zu.
Er grinst schuldbewusst. »Ich hatte so eine Ahnung, dass ich von den Bagels lieber die Finger lasse.«
Ein leises Seufzen entfährt mir. »Du wusstest, dass Ella mit der Mühle telefoniert hat, oder?«
»Nein. Aber irgendetwas in die Richtung habe ich mir gedacht.« Wir schweigen beide für einen Moment und hängen unseren Gedanken nach. »Deine Waffelaktion gestern kam echt gut an! Ella war stinksauer!«, sagt Leon irgendwann in die Stille hinein.
Ich brumme nur. Ganz so war es auch gedacht!
»Sie hatte heute neue Plätzchen im Angebot, morgen veranstaltet sie einen Backworkshop. Natürlich ein reines Frauenevent.« Als ich nicht reagiere, seufzt Leon leise. »Tom, ihr müsst euren Kleinkrieg beenden. Nicht, dass ich es nicht amüsant finde, dir und meiner Schwester dabei zuzusehen, wie ihr euch gegenseitig die Pest an den Hals wünscht, aber das führt zu nichts.«
»Hey, ich habe nicht damit angefangen. Sie hat mir diese verfluchte Krähe vor die Tür gehängt!«
Leon wirft mir einen schiefen Blick zu.
»Okay, vielleicht bin ich nicht ganz unschuldig an der Situation. Trinkt sie eigentlich immer noch so viel Kaffee?«, frage ich nicht ohne Hintergedanken. Mmh, das könnte fies werden.
»Ella war ganz schön in dich verknallt damals. Vor zehn Jahren. Wusstest du das?«
Ich stoße hart die Luft aus, dann schnipse ich die Zigarette weg. Die lockere Unterhaltung ist beendet. »Ja.«
Leon lässt es so stehen, aber sein Vorwurf ist lauter als jedes gesprochene Wort. Ich weiß, was er mir sagen will. Ich hätte mich melden sollen nach dieser Nacht vor zehn Jahren. Auch wenn ich den Umzug immer vorgeschoben habe, hätte ich zumindest mal anrufen können. Oder einen Brief schreiben oder eine E-Mail. Irgendetwas. Habe ich aber nicht. Weil ich Fichtenstein hinter mir lassen wollte, ich wollte vergessen, vernichten, was dieses Kaff mir einmal bedeutet hat. Und dazu gehörte auch Ella.
»Hast du vor zu bleiben, wenn das Café gut läuft?«, frage Leon und bringt mich mit dem plötzlichen Themenwechsel kurz aus dem Konzept. Irritiert blinzle ich in die Nacht.
»Ich weiß es nicht. Eigentlich hatte ich es nicht vor. Ich wollte genug Geld verdienen, um weiterzumachen, und das Café dann verkaufen. Ich bin niemand, der es lange an einem Ort aushält.«
»Das habe ich mir gedacht.« Wieder sagt er mehr, als er ausspricht. Doch diesmal prallt der leise Vorwurf an mir ab. Es ist mein Leben, Leon hat keine Ahnung, was mich eigentlich hergetrieben hat. Es ist gefährlich für mich, zu lange an einem Ort zu bleiben. Ich will nicht, dass sie mich finden und am Ende nicht nur ich Schaden nehme. Zutrauen tue ich ihnen alles.
»Was ist mit dir? Warum bist du immer noch in diesem Kaff? Du könntest doch überall arbeiten.« Er hat mir erzählt, dass er als Grafiker arbeitet. Ein Beruf, der mir über meine Mutter nicht ganz fremd ist.
»Ja, schon. Aber …« Das erste Mal heute Abend wirkt er unsicher. Leon streckt die Beine aus, reibt sich die Hände. Dann hebt er seinen Kopf und sieht nach oben in den dunklen Nachthimmel. »Es gibt da ein Mädchen. Aber es funktioniert irgendwie nicht. Ach, es ist kompliziert.«
Ich muss lachen. »Ist es das nicht immer?«
Ein amüsierter Seitenblick trifft mich. Und ich rechne damit, dass er etwas sagt, etwas über Ella und mich. Aber stattdessen erhebt er sich, klopft mir noch einmal auf die Schulter und verabschiedet sich schließlich.
Ich bleibe noch eine Weile sitzen, schaue den tanzenden Schneeflocken zu. Als ich nach Fichtenstein gekommen bin, wollte ich vor allem eines: Nicht gefunden werden. Und dafür habe ich mir einen Ort ausgesucht, den absolut jeder übersehen würde, der ihn nicht kennt. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, ist, dass ich mich hier so wohl fühlen würde. So sicher. Und dass mich die Vorstellung, hier bald schon wieder verschwinden zu müssen, ernsthaft abschreckt. Das Gespräch mit Ella auf unserem Weg zum Ehemaligentreffen fällt mir wieder ein. Ein Schmunzeln huscht über meine Lippen. Was ich ihr doch für einen sentimentalen Quatsch erzählt habe! Als ob ich nach Fichtenstein gekommen wäre, um ein Zuhause zu finden. Doch überraschenderweise holt mich genau dieser Quatsch gerade ein.
Ella.
Leon hat Recht, unser Kleinkrieg ist kindisch. Die Mehl-Aktion heute war echt nicht mehr lustig. Ich sollte mir ihr reden, bevor tatsächlich noch jemand zu Schaden kommt. Ich weiß, dass der Samstagabend keine meiner Sternstunden war. Mit einem anderen Mädchen rumzumachen, obwohl ich eigentlich Ella begleitet habe, war nicht wirklich nett. Ich bin weit davon entfernt mich für mein Verhalten zu entschuldigen, aber wir sollten miteinander sprechen. Und diesen Mist aus der Welt schaffen.
Bedächtig greife ich nach meinem Handy und drehe es in der Hand. Dann tippe ich schnell ein paar Worte, bevor mein Ego wieder die Oberhand gewinnt und mich davon abhält.
Können wir reden?

Lebkuchenliebe: Tag 7

Ein echter Scheißtag

Ella

Montag, 7. Dezember

Ich hasse Montage. Schon immer. Aber dieser hat das Potential, einer der beschissensten Montage meines Lebens zu werden.
Energisch presse ich meinen Daumen auf den verdammten Kaffeevollautomaten, als könnte die Maschine etwas dafür, dass dieser Tag einfach so kacke läuft. Denn jeder – wirklich jeder – Kunde, der heute Morgen unsere Bäckerei betritt, schenkt mir denselben mitleidig wissenden Blick, den ich bereits vor einem Jahr ertragen musste. Wenn es einen Wettbewerb gäbe, wer die bemitleidenswerteste Person in ganz Fichtenstein ist, ich hätte heute Morgen haushoch gewonnen.
Mit zuviel Schwung knalle ich Jens – 1,82 Meter groß, blond, 33 Jahre, zwei Kinder und ein Hund, Mechaniker und einen riesen Kredit, weil er das Haus seiner Großmutter renoviert – zwei Kaffee mit Milch vor die Nase.
»War’s das?« Okay, freundlich geht anders. Ich sollte an meinem Tonfall arbeiten.
»Nein. Danke, Ella!« Schnell greift er nach den Kaffee und flüchtet mit eingezogenem Kopf aus der Bäckerei. Wenn ich so weitermache, vergraule ich unsere Kundschaft noch ganz ohne Toms Hilfe.
Die Eingangstür klingelt. Frau Sander – 53 Jahre, Witwe, zwei Söhne, von denen einer ein verflucht heißer Rockstar ist und der andere leider ebenfalls jenseits meiner Reichweite. In ihrem Garten habe ich meine Unschuld verloren. An Tom.
»Guten Morgen«, flöte ich, wobei es eher nach einem Fagott als nach einer lieblichen Blockflöte klingt. Frau Sander hilft uns immer mal wieder in der Bäckerei, wenn meine Mutter oder ich nicht da sind. Sie hat auch geholfen, als ich in München bei einer Freundin war. Bevor Tom hier aufgetaucht ist.
Kann ich eigentlich auch an irgendwen anderen denken?
»Guten Morgen, Ella. Ich nehme drei Helle und ein Oma Frida Brot.«
Kommentarlos packe ich ihr die Sachen zusammen.
»Habt ihr schon die neue Ausgabe vom ›Wochenboten‹? Jannik meint, es gibt einen Bericht über das Ehemaligentreffen darin.«
»Ja. Dort auf der Bank.« Meine Miene versteinert, an meiner Wange pocht ein Muskel. Gedanklich zähle ich die Sekunden. Eins, zwei …
»Oh, was ein schönes Foto! Bist du das?« Unaufgefordert hält sie mir die Zeitung vor die Nase, dessen Titelseite ein riesiges buntes Foto schmückt. Es zeigt ein Pärchen auf einer nur wenig gefüllten Tanzfläche, bunte Lichter flimmern um es herum, während die beiden Personen eng umschlungen tanzen. Sie sehen sich an und selbst bei der miserablen Druckqualität erkennt man den verträumten Gesichtsausdruck, mit dem die Frau den Mann anschmachtet.
»Ja«, presse ich gequält heraus. Leugnen ist zwecklos, das auf dem Foto sind eindeutig Tom und ich.
Wie dieses Bild allerdings in den Wochenboten gekommen ist, erschließt sich mir nicht. Ich habe es nicht gemacht. Vermutlich hat es jemand direkt zur Redaktion geschickt. Sollte sich Nora noch ein einziges Mal in unsere Bäckerei trauen, kippe ich das Spülwasser vom Vortag in ihren Kaffee! Unweigerlich runzle ich die Stirn, denn mir fällt in diesem Moment erst auf, dass sie genau das noch nicht getan hat. Hier auftauchen. Ebenso wenig wie Frau Hendriks, Frau Lang, Janine, Doris und Elmo. Es ist bereits nach neun und unsere Stammkundschaft war noch nie so spät dran.
»Ach, interessant. In Toms Bäckerei gibt es heute gratis Kaffee. Außerdem hat er sein Angebot erweitert, er bietet jetzt auch frische Waffeln an. Mmh, vielleicht sollte ich …« Ihre Stimme erstirbt, als ich wie ein Berserker vor ihr auftauche und ihr die Zeitung aus der Hand reiße. Meine Augen fliegen über die Seiten hinweg. Gratisangebot, Sonderangebot, selbst das wöchentliche Treffen des Strickvereins findet ab sofort in Toms Café statt. Und umso mehr ich lese, desto größer wird mein Zorn. Fehlt nur noch, dass mir heiße Luft aus den Ohren schießt, ich stehe kurz vorm Explodieren.
»Ist das sein verdammter Ernst?«, fluche ich ungehalten.
»Vermutlich schon. Er scheint das mit dem Café durchziehen zu wollen.« Irritiert schaue ich zu Frau Sander, die meine rhetorische Frage tatsächlich beantwortet hat. »Vielleicht solltet ihr auch mal über ein paar Veränderungen nachdenken.«
Kurz schließe ich die Augen, atme tief durch und als ich sie wieder öffne, habe ich mich wieder im Griff. »Das werden wir, Monika. Ganz sicher sogar.« Mein Lächeln ist nicht echt, dafür bin ich viel zu wütend. Aber sie scheint es mir abzukaufen.
»Sehr schön! Ich werde deine Mutter mal anrufen, so eins zwei Ideen hätte ich auch«, zwitschert sie und geht. Endlich.
Aufgebracht stehe ich immer mitten im Raum. Meine Hände zu Fäusten geballt und so voller Wut und Enttäuschung, dass ich platzen könnte. Oder heulen. Wobei das keine Option ist, das habe ich Samstagnacht schon genug. Ich hätte Tom doch besser ungespitzt in den Boden rammen sollen. Oder ihn teeren und federn, langsam rösten und anschließend genüsslich verspeisen. Dieses Arschloch!
Dass er mich am Samstag einfach stehengelassen hat, hätte ich ihm verzeihen können. Immerhin hatten wir einen Deal, der besagte, dass er mich begleitet. Auch wenn ich im Nachhinein zugeben muss, dass ich mir mehr erhofft hatte. Aus irgendwelchen alten romantischen Gefühlen heraus, die allerdings in dem Moment verpufft sind, als er Denise geküsst hat. Wobei küssen das falsche Wort ist, abgeknutscht trifft es eher. Man muss nicht hellsehen können, um zu wissen, was die beiden in dieser Nacht noch alles getrieben haben. Wortwörtlich.
Ausgerechnet Denise. Diese verfluchte »Bitch«, die im Zweifelsfall genau wusste, dass sie mich damit verletzt. Und das hat sie. Tom hat mir mein Herz heraus gerissen, hat darauf herumgetrampelt und es in alle Einzelteile zerlegt und mich einmal mehr zum Gespött der ganzen Ortschaft gemacht. Oder vielmehr habe ich das selbst, weil ich mich in die fixe Idee verrannt hatte, ausgerechnet ihn um seine Begleitung zu bitten. Der verstörte Blick meiner Eltern heute Morgen, nachdem sie die Zeitung gesehen hatten, sprach Bände. Bodenlose Enttäuschung, bittere Erkenntnis und Mitleid. Wie sehr ich das hasse. Und das alles verdanke ich Tom. Tom. Immer nur Tom. Ich muss dringend aufhören, so viel an ihn zu denken!
Als es klingelt, überrascht sehe ich auf.
Mein Bruder spaziert mit bester Laune und einer Waffel in der Hand in die Bäckerei. Einen Augenblick starre ich ihn perplex an, denn selbst mir ist sonnenklar, woher er diese Waffel hat. Dieser Verräter! Dann allerdings zuckt eine teuflische Idee durch meinen Kopf. Tom hat meine Botschaft mit der Krähe verstanden, die Waffeln sind seine Reaktion darauf. Gut, der Kampf ist eröffnet! Ich werde ihn vernichten, bloßstellen, zermürben, bis er sich wünschen wird, niemals einen Fuß nach Fichtenstein gesetzt zu haben!
»Bitte sag mir, dass nicht ich das Opfer deines fiesen Plans bin, den du gerade ausheckst. Du siehst aus wie Frank Underwood in ›House of Cards‹, wenn er eine Idee zur Übernahme der Regierung austüftelt.« Leon stopft sich den letzten Rest der Waffel in den Mund und schiebt sich anschließend die Hände in die Hosentaschen.
»Nein.« Ich kann nicht anders, ich muss grinsen. Vorfreude durchflutet mich. Oh, das wird ein Spaß!
»Tom?«
Ich stoße nur hart die Luft aus.
»Muss ich mir Sorgen um ihn machen?«
»Nein! Nur solltest du vielleicht morgen nichts bei ihm essen.«
Leon zieht eine Grimasse, dann geht er an mir vorbei hinter die Verkaufstheke, und macht sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Kurz darauf ertönt ein gurgelndes Geräusch und der Duft nach frischem Kaffee zieht durch den Verkaufsraum. »Die Krähe war schon ein bisschen arg übertrieben, meinst du nicht?«
»Nein. Tom muss aus Fichtenstein verschwinden. Sein Café schadet unserer Bäckerei.«
Zwei dunkelblonde Augenbrauen wandern skeptisch nach oben. »Ah! Und mit Samstag hat das rein gar nichts zu tun? Ella, ich glaube, du solltest da eine Sache wissen. Er hat nicht …«
Leon bricht ab, als er meinem vernichtenden Blick bemerkt und hebt beschwichtigend die Hände. »Hey, in Ordnung, ich halte mich da raus. Du hasst ihn, ich habe es verstanden.«
Genervt rollte ich die Augen.
»Ist es okay, wenn ich weiterhin mit ihm Poker spiele? Oder verstoße ich damit gegen irgendeinen Ehrenkodex unserer Familie?«
»Also ob du dich jemals an irgendwelche Kodexe gehalten hättest«, stelle ich nüchtern fest.
Mein Bruder grinst zufrieden. Doch bevor ich ihn erneut zurechtweisen kann, betritt ein weiterer Kunde die Bäckerei. Oh bitte, kann dieser Tag eigentlich noch beschissener werden? Ungläubig schaue ich meinen Ex-Freund an, der mit einem vorsichtigen Lächeln im Gesicht auf mich zukommt.
»Hallo Ella.«
»Was willst du hier?« Sein »Hallo« kann er sich sonst wohin schieben. Mit wenigen Schritten bin ich wieder hinter der Verkaufstheke und ziehe dabei meine Shaping Skinny Jeans hoch. Da ich schon so eine Ahnung hatte, was heute emotional auf mich zukommt, wollte ich wenigstens gut aussehen. Nur das einem vorher niemand sagt, dass diese Jeans zwar schlanke Beine formen und bequem sind, dafür aber andauernd nach unten rutschen, sodass man den ganzen Tag am zurecht ziehen ist.
»Uh, das wird jetzt interessant!«, feixt Leon, der sich lässig in den Rahmen der Seitentür lehnt und von Frederik zu mir sieht.
»Könntest du verschwinden?«, fahre ich ihn an. Oder am besten gleich alle beide?
»Jetzt? Auf gar keinen Fall!« Mein Bruder nimmt in aller Seelenruhe noch einen Schluck aus seinem Pappbecher.
»Wie geht es dir?«, fragt Frederik und sieht mich dabei besorgt an. Will der mich eigentlich verarschen? Meinen Bruder ignoriert er geflissentlich.
Ich schenke ihm ein frostiges Lächeln. »Blendend.«
Er seufzt. »Hör mal Ella, ich kann mir vorstellen, dass der Samstagabend nicht ganz einfach für dich war.«
»Ach.« Ich lege den Kopf schief. Leon neben mir gluckst amüsiert. Er hat noch nie viel von Frederik gehalten, für ihn muss das gerade ein Unterhaltungserlebnis auf höchstem Niveau sein. »Und woher nimmst du diese Gewissheit? Wir haben uns ein Jahr nicht gesehen, Frederik. Mir geht es gut, ich habe mein Leben im Griff. Du spielst darin schon lange keine Rolle mehr.«
Für einen Moment sieht er tatsächlich betroffen aus. Dann rückt er seine Brille zurecht. »Das weiß ich.«
Jetzt ist es an mir überrascht meine Augenbrauen zu heben. Dann geht mir ein Licht auf. Tom hat mit Denise rumgemacht. Mit Frederiks Denise. »Seit wann ist das mit Denise und dir vorbei?«
Erneut greift er nach seiner Brille, dreht sie zwischen seinen Fingern, nur um sie dann wieder aufzusetzen. »Sie hat vor einem halben Jahr Schluss gemacht. Anscheinend kann ich ihr nicht die finanzielle Zukunft bieten, die sie sich vorgestellt hat.« Er presst die Lippen zusammen.
»Das tut mir leid.« Ich muss ein Schmunzeln unterdrücken. Und ja, okay, ein wenig Schadenfreude. Die Realität holt doch jeden früher oder später ein. Und so gerne Frederik sich eloquent und vor allem besser situiert gesehen hat, er ist es einfach nicht. Am Ende des Tages bleibt er doch der Junge aus Fichtenstein, solide, kleinkariert und ein bisschen langweilig.
»Ich bin wieder in meine alte Wohnung gezogen«, sagt er plötzlich. Und sein Blick verändert sich. Wird offener, interessiert, und ich erkenne das alte Glimmen darin, das mich früher immer so fasziniert hat. Oh, bitte nicht!
»Schön für dich!«, wiegle ich ihn ab. Leon ist überraschend ruhig. Mit einem Seitenblick vergewissere ich mich, ob er immer noch da steht. Tut er. Ein breites Grinsen im Gesicht. Oh warte, wenn ich den später alleine erwische!
»Ich habe nachgedacht, Ella«, fängt Frederik an und augenblicklich dreht sich mir der Magen um. »Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Das, was ich vor einem Jahr abgezogen habe, war nicht in Ordnung. Du weißt selbst, dass unsere Beziehung am Ende war, aber das mit Denise war … echt scheiße!«
Seine letztes Worte spricht er leise, dennoch hängt der Schmerz offen in ihnen. Ich bin für einen Moment sprachlos. Und warte eigentlich darauf, dass jeden Moment Daniel Fischer von Hit Radio FFH durch die Tür springt und mir sagt, dass dieser ganze verkackte Tag eine riesen große Verarsche ist. Denn obwohl ich heute Morgen mit Vielem gerechnet habe, damit sicher nicht.
Ein kurzes Kopfschütteln, dann habe ich meine Gedanken sortiert. »Ja, es war echt scheiße! Und es tat verdammt weh, dich und Denise direkt einen Tag später zusammen zu sehen. Kannst du dir vorstellen, wie das ist, wenn dir selbst der Bürgermeister sein Bedauern ausspricht, wie dich dein Ex-Freund behandelt hat?«
»Es tut mir wirklich leid, Ella. Ich habe mich wie ein Arschloch benommen. Aber als ich dich vorgestern mit Tom gesehen habe, da ist etwas in mir passiert. Ich will, dass du glücklich bist!«
»Ernsthaft? Das fällt dir genau jetzt wieder ein?«, presse ich hervor. Und muss mich sehr zurückhalten, nicht meine ganze angestaute Wut an ihm auszulassen. »Verschwinde, Frederik! Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen. Ich brauche niemanden, der mich glücklich macht.«
Mein Bruder gluckst, wobei es eher nach einem unterdrückten Lachen klingt.
Nein, ich brauche niemanden. Schon gar keinen Mann!

Lebkuchenliebe: Tag 6

Tote Krähen lügen nicht

Tom

Sonntag, 6. Dezember

»Tom?«
Irgendjemand hämmert gegen meine Tür. Fuck! Können die nicht leiser sein? Fluchend drehe ich mich auf den Rücken und ziehe mir die Decke über den Kopf. Keine gute Position! Beißende Übelkeit schwappt über mich hinweg, sofort hebt sich mein angesoffener Magen und drängt mit aller Macht die Reste des gestrigen Saufgelages nach oben.
»Tom!«
Ich schlucke hart und trocken. Atmen. Langsam, sonst kommt das Zeug doch noch aus mir heraus.
»Tom!«
»Was?«, brülle ich Jan an, der mir grob die Decke vom Körper zerrt. Schwerfällig setze ich mich auf. Scheiße, das war gestern eindeutig zuviel. Um mich herum dreht sich alles. Ich brauche dringend einen Kaffee.
»Es ist halb acht, dein Café macht in einer halben Stunde auf und bis dahin solltest du halbwegs präsentabel sein. Außerdem gibt es da etwas, dass du dir anschauen solltest.«
Verwirrt drehe ich meinen Kopf in Jans Richtung. Das waren zu viele Informationen auf einmal, so schnell arbeitet mein Verstand um diese Uhrzeit nicht. Als ich mich immer noch nicht bewege, flucht Jan ausgiebig, wendet sich ab und verschwindet.
Ruhe. Endlich.
Nur einen Augenblick später trifft mich mit voller Wucht ein Schwall kaltes Wasser. Erschrocken springe ich auf. »Sag mal, spinnst du, Mann?«
Entgeistert sehe ich an meinen klatschnassen Klamotten hinab. Okay, genau genommen trage ich nur eine Boxershorts. Wo ist der Rest hingekommen?
»Du hättest sowieso duschen müssen.« Jan zuckt mit den Schultern und grinst mich zufrieden an. Er sieht unverschämt ausgeschlafen aus für einen Sonntagmorgen. »Immerhin bist du jetzt wach.«
»Scheiße, Jan, das war echt nicht nötig.« Grummelnd trockne ich mich mit einem schmutzigen T-Shirt ab und stelle dabei fest, dass nicht nur ich, sondern auch mein Bett durchnässt sind. Vielen Dank auch! An einem der Spülbecken, in denen wir normalerweise die schmutzigen Backformen, Tabletts und Geräte waschen, putze ich mir die Zähne.
»Ich soll dir übrigens das hier geben.«
»Was ischt das?«, nuschele ich undeutlich und schaue perplex auf den gefalteten Zettel in Jans Hand. Nachdem ich ausgespuckt habe, werfe ich die Zahnbürste auf mein Bett und ziehe mir etwas über, das keinen zu verdreckten Eindruck macht.
Jans missbilligender Blick trifft mich. »Das ist die Telefonnummer der Kleinen, die dich gestern Abend heimgebracht hat.«
Scheiße, was? Ich durchforste mein vernebeltes Hirn nach Erinnerungen und langsam lichtet sich das zähe Chaos, das Gin & Jacky hinterlassen haben. Der Spieltisch, Leons Pokerrunde, fünfzig Euro, die ich im Laufe des Abends vervierfachen konnte. Und irgendeine Tussi, die sich immer aufdringlicher an mich geschmissen hat, die mir sogar bis in das Café hinterhergedackelt ist, bis ich sie buchstäblich rausgeworfen habe.
»Also wenn du sie nicht willst, ich rufe sie gerne an. Die war echt heiß!«
Spätestens jetzt weiß ich, dass er nicht von Ella spricht. Jan würde Ella nie als »heiß« bezeichnen. Nicht wegen ihres Aussehens, sondern weil sie einfach nicht sein Typ ist. Ella besitzt zuviel Selbstbewusstsein. Und starke Frauen sind so gar nicht Jans Ding.
»Behalte ihn! Die Kuh war echt anstrengend«, knurre ich meinen Kumpel an und gehe an ihm vorbei ins Café.
Jan hat unsere Auslage bereits bestückt, neue Wraps und Sandwiches liegen neben aufgebackenen Croissants und Bagels. Es duftet angenehm nach frischer Backware und augenblicklich meldet sich mein Magen. Schnell schnappe ich mir einen Bagel. »Was wolltest du mir zeigen?«, frage ich Jan kauend, der neben mir hinter die Verkaufstheke tritt. Der Bagel ist verdammt gut, das Rezept dafür habe ich aus New York. Nur die Soße bekommen wir einfach nicht so gut hin, vielleicht weniger Mayonnaise.
»Schau mal nach draußen!« Er deutet mit der Hand zu der großen Glasfront.
Fuck, was ist das denn? Draußen ist es noch dunkel, dennoch erkenne ich geschätzte zehn Personen, die sich dicht gedrängt vor unserem Schaufenster tummeln. Um diese unmenschliche Uhrzeit an einem Sonntagmorgen.
Es blitzt plötzlich, als würde jemand ein Foto machen.
»Was machen die da?« Mit dem halben Bagel in der Hand gehe ich ans Fenster. In dem Café ist die Beleuchtung bereits an, sodass mich die Menschen draußen gut erkennen können. Sofort ernte ich finstere Blicke, abfälliges Kopfschütteln, Finger die auf mich deuten. Okay, ich habe mich gestern bestimmt nicht von meiner besten Seite gezeigt, aber so schlimm war der Abend nun auch wieder nicht. Ich war betrunken, wie vermutlich neunzig Prozent aller Gäste. So what?
»Irgendetwas hast du gestern angestellt«, bemerkt Jan überflüssigerweise und stellt sich neben mich. Die Arme vor der Brust verschränkt.
»Mmh. Ich werde sie fragen.« Ohne weiter zu Zögern gehe ich zur Eingangstür, schließe sie auf und trete nach draußen. Kalter Wind schlägt mir entgegen, der mich augenblicklich frösteln lässt. Doch wenn schon alle über mich reden, will ich wenigstens wissen, ob sich der Tratsch auch lohnt. »Kann ich euch irgendwie helfen?« Ein charmantes Lächeln auf den Lippen schlender ich entspannt auf die Meute zu. Mit den Händen reibe ich mir über die Arme, es ist wirklich arschkalt um diese Uhrzeit. Immerhin vertreibt die frische Luft auch den letzten Rest Nebel aus meinem Hirn.
Ein Raunen geht durch die Menge, wieder blitzt es hell. Dann tritt eine blonde junge Frau auf mich zu. Kurz überlege ich, ob sie diejenige ist, die mich gestern so angegraben hat und die ich schließlich abblitzen ließ. Die Größe zumindest würde passen.
»Hi, ich bin Nora. Ich schreibe für den ›Wochenboten‹. Willst du dich zu der Krähe vor deinem Café äußern?«
Offensichtlich war sie es nicht.
»Welcher Krähe?«, frage ich überrascht und folge mit den Augen ihrem ausgestreckten Arm. Und da entdecke ich direkt über der Eingangstür einen toten Vogel. Er hängt an einem Seil, das an unserem Türschild über dem Eingang befestigt ist. Die Krähe sieht grauenvoll aus, zerrupftes Gefieder, leere Augen. Sie ist mit Sicherheit schon mehrere Tage tot. Die Krönung ist jedoch die kleine rote Nikolausmütze, die jemand auf ihrem kleinen Kopf befestigt hat.
Mein Magen hebt sich, ich würge verzweifelt. Der Bagel, der eben noch der Himmel auf Erden war, brennt sich jetzt durch meine Speiseröhre nach oben. Mir wird noch kälter und nur unter Aufbietung aller Kräfte, kotze ich Nora nicht direkt vor die Füße. Wobei, vielleicht hätte ich das einfach tun sollen – ändern würde es sowieso nichts mehr.
»Du musst es gestern ganz schön verkackt haben, Tom«, stellt Nora amüsiert fest. Langsam drehe ich ihr meinen Kopf zu. Belustigung blitzt in ihren blauen Augen auf. Ich kenne Nora nicht, doch ich weiß auf der Stelle, dass ich sie nicht mag. Kann sie um diese Uhrzeit nicht jemand anderen nerven?
»Du hast keine Ahnung, was diese Krähe bedeutet, oder?«
Nein, verdammt! Da hat jemand einen toten Vogel vor mein Café gehängt. Genau genommen erhängt. Das ist widerlich, abergläubisch, obsolet und sowas von abgedreht, dass ich am liebsten sofort aus diesem Kaff verschwinden würde.
»Mit einer toten Krähe vertreibt man andere Krähen. Und diese hier wurde sogar aufgehängt. Da will dich jemand loswerden«, klärt Nora mich besserwisserisch auf. »Und nachdem du gestern Abend mit Ella aufgetaucht bist und dann ausgerechnet mit Denise rumgemacht hast, kann ich mir schon denken, von wem sie kommt.«
Was? Ella hat mir das Vieh vor die Tür gehängt? Sonst geht es ihr aber noch gut! »Das ist doch völliger Bullshit!«
»Vielleicht.« Nora packt ein Kaugummi aus und schiebt es sich in den Mund. Mit ihrer selbstgefälligen Art geht sie mir jede Minute mehr auf die Nerven. »Aber jeder hier in diesem Ort glaubt daran. Krähen will hier niemand.«
Ich atme tief durch, versuche, mich zu beruhigen. Es ist ein beschissener Vogel, der vor meiner Tür hängt. Mehr nicht.
»Wer ist Denise?« Ich habe verstanden, dass Ella ganz offensichtlich sauer auf mich ist. Warum allerdings kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe wie vereinbart mit ihr getanzt, anschließend wäre mir ihr Ex-Freund fast an die Gurgel gegangen. Leon konnte gerade noch verhindern, dass die Situation eskaliert. Ich habe meinen Teil des Deals erfüllt. Warum also hängt Ella mir eine Krähe an die Tür?
»Mmh, Denise hat Ella ihren Freund ausgespannt.«
Oh, fuck! Denise war das heute Nacht also. Jetzt ist mir auch klar, warum Ella so wütend auf mich ist. Trotzdem ist das kein Grund, dass sie so durchdreht. Eine tote Krähe – man, das ist echt krank! Dennoch zupft da leise etwas an meinem Gewissen, dass es vielleicht nicht die beste Idee war, ausgerechnet mit der Frau rumzumachen, die ihr den Freund ausgespannt hat. Aber ich wusste nicht, wer sie ist. Wer also will mir da etwas vorwerfen?
»Die Krähe ändert gar nichts«, brumme ich missmutig, gehe zur Tür und knote sie mit spitzen Fingern ab. Der Vogel ist eine klare Kampfansage, Ella will mich loswerden.
»Wenn du dich da mal nicht irrst, Tom.«
Ich schenke ihr noch einen vernichtenden Blick, dann verschwinde ich wieder in mein Café. Das scheiß Federvieh immer noch in der Hand.
»Soll ich fragen?« Jans ungläubig, amüsierter Gesichtsausdruck lässt meine Wut nur noch weiter in die Höhe schneller.
»Nein«, fahre ich ihn an, obwohl er wirklich nichts für meine schlechte Laune kann.
Kurz spiele ich mit dem Gedanken, eine Quiche aus dem Vogel zu machen und Ella vor die Tür zu stellen, aber dann werfe ich ihn doch in den Bio-Müll. Eine andere, deutlich bessere Idee hat sich in meinem Kopf geschlichen. Wenn du Krieg willst, Cinderella, kannst du ihn haben!
Mit einem diabolischen Grinsen auf den Lippen zücke ich mein Handy und tippe ein paar Nachrichten. Es wäre doch gelacht, wenn ich mit einer Traditionsbäckerei nicht fertig werden würde.
Ich will mein Handy gerade wegstecken, als eine neue WhatsApp auf dem Display erscheint. Sie ist von Leon. Mein Grinsen vertieft sich und ein altbekanntes Kribbeln durchfährt meinen Körper. Leon fragt, ob die Pokerrunde heute Abend in meinem Café noch steht. Oh ja, unbedingt! Aufregung breitet sich langsam in mir aus, Vorfreude und dieses dumpfe Sehnen, das ich nur verspüre, wenn ich spiele. Wenn alles andere aus meinem Kopf verschwinden und nur noch die Karten wichtig sind. Und der Gewinn.
Mit einem Mal erscheint mir Fichtenstein doch nicht mehr so antiquiert wie vor noch wenigen Augenblicken. Nein, ganz im Gegenteil, könnte sich dieses Kaff am Ende der Welt doch noch als ganz interessant herausstellen. Oder zumindest gewinnbringend.

Lebkuchenliebe: Tag 5

Skandalträchtig

Ella

Samstag, 5. Dezember

Was zur Hölle zieht man an, wenn man auf seinen Ex-Freund trifft? Etwas, in dem man sich wohlfühlt, um ihm gegebenenfalls die Meinung zu sagen? Etwas Aufreizendes, um ihm zu zeigen, was er verpasst? Etwas Gewöhnliches, damit er versteht, dass man sehr gut ohne ihn klar kommt? Oder einfach Jeans und T-Shirt, um deutlich zu machen, dass man sich um ihn überhaupt keine Gedanken gemacht hat? Ach verdammt, ich bin überfordert!
»Wie ich sehe, gehst du heute Abend auch zum Ehemaligentreffen.« Leon steht lässig an den Türrahmen gelehnt in meiner Zimmertür und schaufelt in einem Affentempo Müsli in sich hinein. Ich kenne niemanden, der so viel frisst wie mein Zwillingsbruder und dabei immer noch so unverschämt gut aussieht.
»Ja«, knurre ich frustriert und ein wenig panisch, während ich den Inhalt meines Kleiderschrankes überblicke, der sich in einem chaotischen Haufen auf meinem Bett verteilt.
»Und gehe ich recht in der Annahme, dass du dieses Klamottenchaos nur veranstaltest, weil Frederik auch kommt?«
»Ja!« Verdammt, so komme ich nicht weiter. Und eigentlich sollte es mir egal sein, was mein Ex-Freund von mir denkt – ist es aber leider nicht. Frederik und ich waren zwei Jahre zusammen. Bis diese »Bitch« Denise Betenkamp ihm vor einem Jahr den Kopf verdrehen musste. Ich will ihm zeigen, dass es mir gut geht. Dass ich sehr gut ohne ihn zurechtkomme. Und dass ich offen für jemand Neuen bin. Also doch besser Jeans und eine Bluse?
»Nimm das schwarze Kleid dahinten!«, meint mein Bruder lapidar und deutet mit seinem Löffel auf ein schwarzes Etuikleid, das über dem Kopfkissen liegt. »Darin siehst du scharf aus.«
Ich rolle mit den Augen. Mein Verständnis von »scharf« deckt sich nicht unbedingt mit dem meines Bruders.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«, will ich wissen, eine Spur genervt. Leon und ich wohnen gemeinsam in der alten Wohnung meines Großvaters. Was erstaunlich gut funktioniert, da wir uns die meiste Zeit nicht sehen. Leon schläft, wenn ich morgens das Haus verlasse, und ist noch unterwegs, wenn ich wiederkomme. Als selbstständiger Grafikdesigner kann er sich seine Arbeitszeit selbst einteilen. Das Einzige, was mir immer wieder aufstößt, sind seine regelmäßigen Pokerrunden, die er ausgerechnet in unserer Küche ausrichten muss.
»Ich war vor ein paar Tagen mit Tom Westen im Krug. Er betreibt das neue Café in Fichtenstein.«
Ich zucke unbeteiligt die Schultern. Auch wenn ich mir sicher bin, dass mein Bruder meine lockere Fassade sofort durchschaut. »Weiß ich. Und?«
»Du magst allen anderen etwas vormachen können, Schwesterherz, aber ich weiß, was da zwischen Tom und dir gelaufen ist.«
Verdammt! Warum kennt er mich auch so gut? »Ach ja? Und wenn schon, Tom ist mir völlig egal. Das Café wird sich nicht lange halten.« Unerschrocken drehe ich mich endgültig zu ihm herum, die Hände eingestützt, das Kinn gereckt. Der selbstsichere Auftritt wird allerdings dadurch ruiniert, dass ich nur in Unterwäsche vor meinem Bruder stehe. Und meine Hände zittern, da ich alles andere als ruhig bin. Ich bin aufgewühlt und nervös, weil ich gleich nicht nur Frederik treffe, sondern auch Tom. Und ich mich immer noch nicht entschieden habe, ob ich ihm eine zweite Chance gebe oder ihn doch lieber ungespitzt in den Boden ramme. Wobei Letzteres die vielversprechendere Option wäre.
Mein Bruder mustert mich. Die leere Müslischale immer noch in der Hand. »Tom war mein bester Freund, Ella. Aber ich fand es nicht gut, was er mit dir abgezogen hat. Sollte er das wieder versuchen, werde ich ihn an den Eiern packen und höchst persönlich aus Fichtenstein werfen.«
Mir entgleiten meine Gesichtszüge. Bitte was? War eine Extraportion Testosteron im Müsli oder woher kommt sein plötzlicher Beschützerinstinkt? Der harmonische Dreiklang unserer Haustürklingel erspart mir die Antwort. Erschrocken schaue ich an mir herunter. Natürlich bin ich immer noch nackt, mein Kleiderschrank liegt unangetastet auf meinem Bett.
Leon sieht zur Wohnungstür, dann zurück zu mir. Dabei grinst er breit. »Ich bin dann mal weg!« Er stößt sich von der Tür ab und verschwindet im Flur. Wenig später öffnet sich die Haustür.
Gestresst gehe ich zum Bett und wühle gehetzt durch meine Klamotten. Bitte lass es nicht Tom sein! Doch bevor ich endgültig in Panik verfalle, erklingt die Stimme meiner Mutter aus unserem Wohnungsflur. Oh nein, vielleicht wäre Tom doch die bessere Alternative gewesen!
»Hi Schatz. Ich wollte kurz mit dir sprechen.« Meine Mutter sieht wie immer aus wie aus dem Ei gepellt. Sie trägt einen dunkelblauen Overall mit einem breiten cognacfarbenen Gürtel, ist dezent geschminkt, ihre Frisur sitzt. Manchmal frage ich mich, wie sie das macht. Ich sehe nach einem langen Tag in der Bäckerei aus wie gerupftes Huhn.
»Du hättest auch anrufen können«, begrüße ich sie ruppig und wende mich wieder dem Klamottendesaster zu.
»Wir wohnen im selben Haus. Da kann man auch kurz vorbeikommen.«
Ich unterdrücke ein Augenrollen, doch meine Mutter beachtet mich nicht weiter. Stattdessen wühlte sie unaufgefordert in dem Kleidungsberg, bis sie schließlich ein knielanges blaues Kleid herauszieht. Es ist schmal geschnitten und hat über dem Dekolletee einen schrägen, leicht transparenten Spitzeneinsatz. »Das ist hübsch, das solltest du anziehen.«
Automatisch fahren meine Augenbrauen zusammen. »Nein. Ich dachte eher an eine Jeans mit Bluse.«
Sie fährt mit der Hand über einen Pullover, schiebt ihn beiseite und tut, als würde sie weitersuchen. Aber ich kenne meine Mutter, das blaue Kleid ist längst gesetzt. »Wird Frederik auch kommen?« Sie fragt völlig beiläufig, als würde es sie nicht wirklich interessieren.
»Ich denke schon.«
»Dann solltest du auf alle Fälle das blaue anziehen. Darin siehst du schlanker aus.« Sie nickt, um ihren Worten mehr Ausdruck zu verleihen, und hält mir das Kleid hin.
»Ich mag es aber nicht.«
»Ach was Schatz! Das Arschloch soll sehen, wie toll du aussiehst!« Unschlüssig sehe ich zwischen meiner Mutter und dem Kleid hin und her. Sie meint es gut, will nur das Beste für mich. Und ich bin mir sicher, dass mir das blaue Kleid wirklich steht. In solchen Dingen hat sie meistens recht. Dennoch … Ich zögere einen Augenblick, schaue noch einmal zu meiner Lieblingsjeans, dann greife ich nach dem schwarzen Etuikleid auf dem Kopfkissen. Jenem Kleid, in dem ich laut Leon »scharf« aussehe. Denn meine Mutter hat recht, ich will Frederik heute Abend umhauen.
»Was wollte Tom gestern von dir?« Meine Mutter greift nach einer grünen längeren Strickjacke und legt sie beiseite. Ohne einen Kommentar nehme ich sie an mich und ziehe sie an.
»Ich habe mein Portmonee bei ihm im Café vergessen. Das hat er mir vorbeigebracht.« Mein Blick klebt am Spiegel, während ich mir die Haare seitlich hochstecke. Nie im Leben werde ich meinen Eltern beichten, dass ich Tom unseren alten Ofen vermacht habe. Meine Mutter würde mich auf der Stelle enterben.
»Du warst bei ihm im Café?« Sie schiebt die Klamotten ein Stück zur Seite und lässt sich auf meinem Bett nieder.
»Ja, ich war mit Jenna da. Ich wollte sehen, wie sein Café aussieht und ob wir uns ernsthaft Sorgen machen müssen.« Meine Haare sind fertig, das Ergebnis ist grauenvoll. Schnell zupfe ich die Klammern wieder heraus, fahre mit den Fingern grob durch meine Locken und verwuschle sie, bis sie mir in leichten Wellen um den Kopf fallen. Besser. »Müssen wir nicht«, schiebe ich hinterher, bevor meine Mutter fragen kann. »Sein Konzept ist ein vollkommen anderes. Neumodische Ferz, wenn du mich fragst. Das wird sich nicht lange hier halten.«
Ihr Blick im Spiegel trifft meinen. »Und Tom? Wie findest du ihn?«
In diesem Moment wird mir klar, warum sie eigentlich hier ist. Es geht nicht um das Café oder Frederik. Es geht einzig und alleine um den bedauerlicherweise verflucht heißen Kerl, der mich heute Abend begleiten wird.
»Er ist ein Arschloch. Wie alle Männer«, antworte ich genau das, was sie hören will.

***

Eine halbe Stunde später marschiere ich aus unserem Haus und ziehe schwungvoll die Haustür hinter mir zu. Mit einem lauten Krachen fällt sie ins Schloss. Ups! Ich bin wütend und aufgebracht. Nervös und ein bisschen überfordert. Es war eine ganz beschissene Idee, Tom um ein Date zu bitten. Am meisten aber ärgert es mich, dass sich mein Bruder und meine Mutter schon wieder in mein Leben einmischen, obwohl noch überhaupt nichts passiert ist. Tom und ich. Als ob das eine reelle Option wäre. Nie im Leben werde ich mich noch einmal auf ihn einlassen. Das halbe Jahr, dass ich nach seinem Wegzug geheult habe, hat mir wirklich gelangt. Außerdem macht Tom nicht den Eindruck, dass er als ernsthafter Freund taugt. Dafür wirkt er zu rastlos, zu getrieben. Zu verboten. Zu sexy. Ach verdammt!
Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich Tom gegenübertreten soll, als sich eine dunkle Gestalt aus den Schatten des Nachbarhauses schält. »Du bist spät«, stellt Tom fest und tritt ins Licht der Straßenlaterne. Er trägt eine Winterjacke und eine Jeans, in der Hand hält er eine Zigarette, die er jetzt zu Boden wirft und austritt.
Überrascht bleibe ich stehen. »Frauen kommen nie zu spät, sondern immer genau richtig. Außerdem wollten wir uns am Bürgerhaus treffen.«
Tom tritt dichter an mich heran, sodass ich das schiefe Grinsen in seinem Gesicht erkennen kann. Augenblicklich sackt mein Magen eine Etage tiefer. Seine dunklen Haare hängen ihm wirr ins Gesicht und in seinen nachtblauen Augen blitzt ein dunkles Funkeln. Verflucht, warum muss dieser Kerl auch so verboten attraktiv sein?
»Das hier ist ein Date, Cinderella. Und zu einem echten Date holt der Prinz die Prinzessin zuhause ab.«
Ein missbilligendes Schnauben verlässt meinen Mund. »Dir geht es nur um den Ofen«, erinnere ich ihn. »Ansonsten wärest du überhaupt nicht hier.«
Sein Grinsen verzieht sich keinen Millimeter. »Und dir um deinen Ex-Freund. Ansonsten wärst du überhaupt nicht hier.«
Kurz bin ich versucht, ihm eine patzige Antwort zu geben, aber das würde nirgendwohin führen. Ich habe ihn gebeten, mich zu begleiten. Und er ist hier. Wenn wir es wenigstens zwei Stunden miteinander aushalten wollen, sollte ich aufhören, mich wie eine biedere Zicke zu benehmen. »Können wir also?«, frage ich betont ruhig und mache mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Straße. Ohne auf seine Antwort zu warten, gehe ich voran. In mir tobt ein Sturm aus Emotionen und bereits jetzt dämmert es mir, dass dieser Abend ganz und gar nicht so laufen wird, wie ich es mir vorgestellt habe. Frederik mit Tom eifersüchtig zu machen, war eine Schnapsidee. Jeder Blinde sieht, dass wir zwei nicht miteinander können.
Nach zwei Schritten hat Tom mich eingeholt. Es ist nicht weit bis zum Bürgerhaus, maximal zehn Minuten. Wir gehen schweigend die dunkle Straße entlang, vorbei am Kirchplatz, wo in einer Woche der alljährliche Weihnachtsmarkt stattfindet.
»Was willst du mit der Kamera?«, fragt Tom, als wir in die kleine Gasse hinter der Kirche eintreten. Hier gibt es keine Straßenlaternen, doch ich bin hier schon so oft entlang gelaufen, dass ich jeden Meter kenne.
Unwillkürlich greife ich nach der Fototasche, die um meine Schulter hängt. »Nora hat mich gebeten, ein paar Fotos für den ›Wochenboten‹ von heute Abend zu schießen. Ich helfe ihr ab und zu.«
»Du interessierst dich für Fotografie?« Er klingt ehrlich überrascht.
»Ein wenig. Es ist ein Hobby, mehr nicht.« Auch wenn mein Bruder da anderer Meinung ist. Leon denkt, ich hätte ein gutes Auge für den richtigen Moment. Er findet meine Bilder großartig und drängt mich immer wieder, mehr aus meinem Hobby zu machen. Aber so einfach ist das leider nicht. Irgendjemand muss unseren Eltern in der Bäckerei helfen. Und da sich mein Zwillingsbruder lieber in irgendwelchen Webgrafiken verliert, ist der Job an mir hängengeblieben.
»Das ist schade«, antwortet Tom. Er zögert, bleibt still, so lange, dass ich schon nicht mehr mit einer weiteren Erklärung rechne. »Meine Mum ist Fotografin«, sagt er schließlich.
Zwei Dinge lerne ich in diesem Moment über ihn. Erstens, dass er nicht gerne über Privates spricht. Warum er sich ausgerechnet mir gegenüber öffnet, ist mir schleierhaft. Und zweitens scheint er ebenso wie ich entschieden zu haben, dass wir vorübergehend das Kriegsbeil begraben.
»Die Fotos in deinem Café, sind die von ihr?«, will ich wissen, während wir in den Südring einbiegen. Das Bürgerhaus ist bereits in Sicht. Durch den offenen Eingang strahlt Licht hell in die Nacht, eine Traube von Menschen hat sich davor versammelt.
»Ja. Ich fotografiere auch ab und zu, aber die Bilder meiner Mutter sind sehr viel besser. Sie hat ein unglaubliches Talent. Das hat sie mir leider nicht vererbt.« Er zuckt mit den Schultern. Noch etwas lerne ich heute Abend. Nämlich, dass er seine Mutter liebt. Wäre es anders, hätte er sich nicht ihre Bilder in sein neues Café gehängt.
»Was hast du dann in den letzten zehn Jahren gemacht? Außer mittelmäßig zu fotografieren?«
Tom lacht auf. Es fühlt sich merkwürdig an, sich ganz normal mit ihm zu unterhalten. Ohne Sticheleien, ohne, dass ich direkt wieder aus der Haut fahren könnte. Es ist ungewohnt, aber irgendwie auch gut. Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll.
»Meine Mum hat viel gearbeitet, überall auf der Welt, und ich habe sie begleitet. Eine Zeit lang habe ich in Hamburg gelebt, bis es mir dort zu langweilig wurde. Die letzten Jahre bin ich wieder viel gereist.« Es klingt nur nach der halben Wahrheit, doch alleine diese Worte erschüttern mich. Denn Toms Stimme klingt nüchtern, abgeklärt, beinahe kalt. Wie als würde er das Leben einer anderen Person beschreiben. Sonderlich glücklich scheint er nicht zu sein.
»Warum bist du wieder in Fichtenstein, Tom?«
Wir sind stehengeblieben. Der Lärm der feiernden Mitschüler dringt bis zu uns.
Tom fährt sich mit der Hand über die Stirn. So offen und direkt er eben war, so viel Probleme hat er nun zu antworten. »Ich war viel unterwegs. Jeden Monat eine andere Stadt, ein anderes Land. Selbst Hamburg war nicht wirklich mein Ding«, sagt er schließlich und sieht mich dabei direkt an. Sein eindringlicher, offener Blick zieht mir den Boden unter den Füßen weg. »Fichtenstein ist das einzige Zuhause, das ich kenne. Vielleicht kann es das wieder werden.« Er presst die Lippen zusammen und lächelt schwach. Ehrlich.
Dennoch werde ich das untrügliche Gefühl nicht los, dass er lügt. Dass das nicht der eigentliche Grund ist, warum er plötzlich, nach so vielen Jahren wieder in diesem Ort aufgetaucht ist. Doch ich entscheide mich, nicht weiter nachzubohren. Tatsächlich geht es mich nichts an.
»Dann wollen wir doch einmal sehen, ob du Fichtenstein nach heute Abend wirklich noch willst«, entgegne ich daher grinsend und greife nach seiner Hand. Ziehe ihn mit mir, hinein in den Trubel, zu den bunten Lichtern und der Musik. Hinein in eine Halle voller Mitschüler, denen ich es heute Abend zeigen werde.
Rücken gerade, Brust raus, Krönchen richten. Atemraubende Begleitung anlächeln. Check!

***

Eine Welle stickiger Luft schwappt über uns hinweg, als wir den großen Saal unseres Bürgerhauses betreten. An der Decke und den Seiten flimmern bunte Lichter, die den ansonsten dunklen Saal in eine gemütliche Atmosphäre tauchen. Überall hängen Glitzersterne und große knallbunte Kugeln, sodass es wie eine Mischung aus Weihnachten und 70ziger Jahre Disco wirkt. Im vorderen Bereich sind Stehtische aufgebaut, während auf der Bühne eine Band gerade »Iggy Pop« von »The Passenger« spielt.
Mein Lächeln wirkt festgetackert, ich bemühe mich, gelassen und cool auszusehen. Doch meine Fassade bekommt Risse, als ich Denise und ihre Freundinnen an einem Stehtisch entdecke. Meinen Ex-Freund und seine Kumpels nur wenige Meter entfernt. Frederik sieht aus wie immer. Die schwarzen kurzen Haare gestylt, eine schmale Brille auf der Nase und ein blaues Hemd mit feinen weißen Streifen. Gott, was habe ich diese Hemden verabscheut! Er sieht darin aus wie ein Bänker, dabei arbeitet er bei Klingelmann auf dem Bau. Alte Gefühle schwemmen in mir hoch, die Liebe, die ich einst für ihn verspürte, die Enttäuschung nach der Trennung. Aber auch der Frust während unserer endlosen Streitereien, sein Unverständnis, dass ich nicht mit ihm nach Frankfurt ziehen wollte, weil es da mehr Arbeit gibt. Er hat nie verstanden, was mich in Fichtenstein hält. Auch deshalb war unsere Trennung nur eine Frage der Zeit. »Bitch« Denise Betenkamp hat das Ganze dann allerdings etwas beschleunigt. Ich atme noch einmal tief durch und recke mein Kinn. Du schaffst das, Ella! Gerade will ich einen Schritt nach vorne machen, als mich ein Händedruck zurückhält.
»Auf einer Skala von eins bis zehn, wie schlimm war die Trennung?«, fragt Tom, der meinem Blick gefolgt ist. Natürlich weiß er, wer Frederik ist. Immerhin saßen sie bis zum sechszehnten Lebensjahr in einer Klasse.
»Zwölf«, würge ich hervor. »Er hat im Hausflur mit mir Schluss gemacht, während meine Eltern am Tisch im Nebenraum saßen und alles mitangehört haben. An Weihnachten.« Dass ich selbst darüber nachgedacht hatte, mich von ihm zu trennen, verschweige ich in diesem Moment. Denn die Trennung war entwürdigend und beschämend. Nicht unbedingt Frederiks Worte, sondern die Tatsache, dass er bereits am nächsten Morgen mit Denise durch Fichtenstein spaziert ist. Und ich ein halbes Jahr lang die mitleidigen Blicke der ganzen Ortschaft ertragen musste.
Tom kommentiert meine Antwort nicht. Stattdessen dreht er mich zu sich, seine Hand immer noch in meiner. »Dir ist bewusst, dass wir heute Abend einen Skandal auslösen. Wir sind Konkurrenten, die werden sich alle den Mund über uns zerreißen.«
Er steht direkt vor mir. Viel zu nah. Meine Brust und mein Bauch berühren seinen Oberkörper, ich kann seinen ruhigen Atem spüren. Ein Schauer jagt durch mich hindurch, bringt mich zum Schwitzen. »Das ist es mir wert!« Ich hebe den Kopf und sehe ihn entschlossen an. Ja verdammt, sollen sie doch reden! Heute Abend ist mir das egal.
Seine Lippen teilen sich zu einem spitzbübischen Grinsen. »Alles klar! Dann komm!«
Ohne auf meine Reaktion zu warten zieht er mich mit sich. Einmal quer durch den Saal, zwischen den Stehtischen hindurch, vorbei an Denise und Frederik, denen beiden fast die Augen aus dem Kopf fallen, als sie uns sehen. Und meinem Bruder, dessen Blick hingegen eher missbilligend als ungläubig wirkt. Fast, als hätte er geahnt, dass ich mit Tom heute Abend auftauche.
Mitten auf der Tanzfläche, die um diese Uhrzeit nur mäßig gefüllt ist, bleibt Tom stehen und legt mir seine freie Hand auf den Rücken. Er zieht mich an sich und bevor ich realisiere, was gerade geschieht, beginnen wir zu tanzen.
Und Tom kann tanzen! Er wirbelt mich herum, zieht mich eng an sich heran, führt mich sicher über die Tanzfläche und verhindert jeden falschen Schritt meinerseits. Ich komme mir vor wie im falschen Film. Ja, ich habe schon getanzt, vor allem an den verschiedenen Festchen, die regelmäßig in Fichtenstein oder den umliegenden Ortschaften stattfinden. Aber diese Art zu tanzen unterscheidet sich doch deutlich von dem, was Tom gerade mit mir anstellt.
»Wo hat du so zu tanzen gelernt?«, keuche ich ein wenig atemlos, als die Band die ersten Takte von Whitney Houstons »I wanna dance with somebody« anschlägt. Dumpf erinnere ich mich, dass ich mehr Sport machen wollte. Okay, dringend sollte!
In Toms Augen blitzt es spöttisch. »Wir haben ein halbes Jahr auf Kuba gelebt. Und das Mädchen, mit dem ich ausgegangen bin, war Tänzerin in einem der Clubs.«
Ich nicke nur. Für mehr fehlt mir die Luft.
»Soll ich langsamer machen?« Er lacht leise und dieser Laut brennt sich geradewegs durch meine Gehörgänge bis in mein Herz. Oh verdammt. Gar nicht gut! Tom ist lediglich ein Mittel zum Zweck, mehr nicht. Doch ich kann mich nicht dagegen wehren, dass plötzlich Erinnerungen an meinem Herzen ziehen und eine Sehnsucht, ein Verlangen wachrufen, das früher einst Tom galt. Bevor er sich in ein Arschloch verwandelt hat und mich einfach vergaß.
Ohne auf meine Antwort zu warten, wiegt uns Tom langsam hin und her, lässt meine Hand los und legt stattdessen beide Arme um meine Taille. Dem Himmel sei dank, dass ich Shapeweare unter dem schwarzen Kleid trage! Im ersten Moment weiß ich nicht wohin mit meinen Händen, dann tue ich es ihm gleich.
»Warst du schon jemals weg aus Fichtenstein? Ich meine nicht in Urlaub, sondern zum Studieren oder Arbeiten«, fragt er und sieht mich dabei aufmerksam an. Die bunten Lichter spiegeln sich in seinen Augen und ich werde das verdammte Gefühl nicht los, dass ich diesen Tanz dringend beenden sollte.
»Nein. Die Bäckerei ist mein Leben. Es stand schon immer fest, dass ich meine Eltern unterstütze und ich will das auch.« Mir ist klar, dass er sich das nicht vorstellen kann. Für jemanden, der so nicht aufgewachsen ist, muss das unvorstellbar klingen.
»Aber bist du nicht neugierig auf die Welt da draußen?«
Leon würde ihm jetzt applaudieren. Die beiden sind sich echt ähnlich, auch deshalb haben sie sich immer gut verstanden. Nur ich bin anders. War es schon immer. »Vielleicht ein bisschen. Aber ich bin zufrieden mit meinem Leben hier. Ich mag Fichtenstein, meine Familie und Freunde wohnen hier.«
Darüber muss er scheinbar nachdenken, denn Tom antwortet nicht.
»Wie ist es für dich wieder hier zu sein? Fichtenstein muss dir unglaublich klein vorkommen«, frage ich, nachdem Tom immer noch schweigt.
Das Grinsen ist aus seinem Gesicht verschwunden. »Es ist merkwürdig«, gibt er zu. »Ich besitze das einzige Café im Ort, zum Einkaufen geht man zu Fuß, es gibt keine Straßenbahn und kaum Taxen. Und die Leute kennen sich. Nicht nur flüchtig, sondern so richtig. Daran muss ich mich erst gewöhnen, glaube ich.«
Mir erscheint es unmöglich, irgendwo zu wohnen, wo man sich nicht kennt. »Ja, es kann anstrengend sein, wenn jeder alles von einem weiß. Aber dafür sind auch alle für einen da, wenn es mal nicht so rund läuft.«
Er nickt langsam. »Es gab da diesen kleinen Ort an der Ostküste Australiens. Nur ein paar Häuser, fast noch weniger als hier. Meine Mum und ich waren zwei Monate dort, weil sie irgendwelche Tiere fotografiert hat. Das war vermutlich das einzige Mal, wo ich mich fast wie zuhause gefühlt habe.« Tom ist stehengeblieben und sieht auf mich herab. In seinem Blick liegt eine unbekannte Wärme, die mich schwer schlucken lässt. Ein kleiner Ort an der Ostküste Australiens. Für mich klingt das unendlich weit weg, viel zu weit, als dass ich es mir vorstellen könnte.
Plötzlich räuspert sich Tom, ein Grinsen spielt in seinen Mundwinkeln. Wir stehen immer noch mitten auf der Tanzfläche. Doch erst als sich seine Augen von mir abwenden, stelle ich fest, dass die Musik geendet hat.
»Cinderella, sie starren uns alle an. Ich denke, unser Date läuft zu deiner Zufriedenheit.«
Bäm! Da ist die Ohrfeige, die mich zurück auf den Boden der Tatsachen holt. Unser Date. Mehr ist das hier nicht, nur ein Date, ein Deal, den es ohne seinen kaputten Ofen überhaupt nicht gäbe.
Unauffällig schaue ich mich um und spüre augenblicklich die Hitze, die über mein Gesicht flackert. Tatsächlich treffen mich mindestens fünfzig Augenpaare, die alle live mitverfolgt haben, wie ich Tom ungeniert angeschmachtet habe. Scheiße! Das war dann wohl etwas Zuviel des Guten.
Schnell löse ich seine Arme von mir und mache einen unbeholfenen Schritt zurück. »Ich sollte mich dann mal um die Fotos kümmern.« Die Worte kommen fahrig, zu schnell.
»Okay, ich hole uns etwas zu trinken.« Tom deutet in Richtung Cocktailbar.
Ich sage irgendetwas zustimmendes und rausche von der Tanzfläche. Unterschiedliche Gefühle wirbeln durch mich hindurch, ich bekomme sie nicht mehr sortiert, geschweige denn eingefangen. Ich bin aufgewühlt, euphorisch und wütend über mich selbst, weil ich Tom so nahe an mich herangelassen habe. Doch gleichzeitig ist da eine merkwürdige Sehnsucht, die mich zurück zu ihm zieht. Und die viel drängender ist, als gut für mich wäre.
Ohne genau zu wissen, wohin ich soll, schiebe ich mich durch meine ehemaligen Klassenkameraden, erwidere hier und da einen Gruß, verschenke ein freundliches Lächeln und weiche den fragenden Blicken aus. Oh Gott, was habe ich mir nur gedacht, ausgerechnet Tom um ein Date heute Abend zu bitten? Mit einem Mal ist mir das Ausmaß des ganzen Desasters bewusst. Nicht nur, dass ich plötzlich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, nein, morgen weiß es der ganze Ort. Auch wenn die Idee ihren Zweck mehr als erfüllt hat, wie mir der empörte Gesichtsausdruck von Frederik verrät, der gerade mit entschlossenen Schritten auf mich zugeeilt kommt. Ja, du Arschloch! Sieht dir an, was du verpasst!
»Ella«, zischt es von rechts und noch nie war ich so dankbar, Jennas Stimme zu hören. »Ich bin hier.«
Sofort bin ich bei ihr am Stehtisch, greife mir ihr halbvolles Sektglas und stürze die goldene Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Erst dann sehe ich meine beste Freundin an. »Sag mir bitte, dass er nicht herkommt!« Ich muss ihr nicht erklären, um wen es geht. Jenna versteht mich wie immer auch so.
Sie grinst spöttisch. »Nein. Er steht dort vorne und platzt fast vor Eifersucht. Nach eurer Nummer auf Tanzfläche eben wundert mich das auch nicht. Mein Gott, Ella! Ihr saht beide aus, als würdet ihr gleich übereinander herfallen.«
Ich brauche mehr Sekt! Dringend! »Ach was. Das war doch gar nichts.«
Jennas Augenbrauen wandern langsam nach oben. »Für gar nichts bist du aber ziemlich aufgekratzt.«
Ich brumme und schüttle gleich darauf den Kopf. Wo bleibt eigentlich Tom mit unseren Getränken? Suchend schaue ich mich um, bis ich ihn an einem Stehtisch entdecke, direkt neben meinem Bruder. Und wenn mich nicht alles täuscht, hält dieser mehrere Spielkarten in der Hand. Das darf doch jetzt echt nicht wahr sein!
»Du interpretierst da zuviel rein. Tom war mir einen Gefallen schuldig, deshalb hat er mich begleitet«, erwidere ich abgelenkt, während ich beobachte, wie Tom kurz mit Leon spricht, und dieser ihn anschließend mit einer offenen Geste einlädt, an der Spielrunde teilzunehmen. Ich runzle die Stirn. Hat er mich vergessen? Schatten zucken über Toms Gesicht, gemischt mit den bunten Strahlen der Lampions. Ich warte darauf, dass er seinen Kopf hebt und nach mir Ausschau hält, aber nichts geschieht. Stattdessen nimmt Tom die Karten, die Leon austeilt, in die Hand. Dabei legt sich ein Ausdruck über sein Gesicht, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen. Toms Lippen verziehen sich zu einem feinen Lächeln, seine Augen werden dunkel. Und gierig. Er wirk kalt, berechnend. Wie ein Jäger, der den ersten Schritt seines Raubzuges eingeleitet hat. Der gekommen ist, um alle zu vernichten.
Ein kalter Schauer rennt über meine Arme.
Wie konnte ich auch nur eine Sekunde annehmen, dass Tom sich tatsächlich geändert hat? Dass da etwas zwischen uns wäre, dass dieser Tanz mehr bedeutet hat, als der abgemachte Deal? Denn umso länger ich Tom beobachte, an dessen Seite plötzlich eine junge mir sehr wohl bekannte Frau auftaucht, wird mir klar, dass ich mir etwas vorgemacht habe. Nicht Jenna hat da zuviel reininterpretiert, sondern ich. Tom ist immer noch das gefühlskalte Arschloch, das er früher schon war. Er nimmt sich, was er braucht, er spielt das Spiel nach seinen Regeln. Gefühle haben da keinen Platz.