Mistelzweigmagie: Tag 21

Vergebung

Jonah

Freitag, 21. Dezember

Als ich vor fünf Jahren aus Fichtenstein verschwunden bin, war meine Mutter ein Wrack. Sie nahm Tabletten, um ihre Depressionen in den Griff zu bekommen, bestand nur noch aus Haut und Knochen, und weder Jannik noch ich haben einen Zugang zu ihr gefunden.
Heute sieht sie fantastisch aus. Und kaum noch etwas an ihr erinnert an die dunklen Jahre, die hinter uns liegen.
»Worum geht es, Jonah? Warum wolltest du mich sprechen?« Sie lächelt mich freundlich und aufrecht an, während sie ihre mehligen Hände an der dunklen Hose abwischt. Weiße Spuren bleiben zurück, Spuren, die mich an meine Kindheit erinnern. Meine Mutter hat schon immer gerne gebacken, vor allem für uns.
»Ich habe mit Piotr Nowak gesprochen«, sage ich leise und sehe dann dabei zu, wie ihre Fröhlichkeit Stück für Stück zusammenbricht. Ihre Hand fährt aus, stützt sich auf den Küchentisch, doch meine Mutter gerät trotzdem leicht ins Wanken. Ihre Unterlippe beginnt zu zittern und ein glasiger Ausdruck tritt in ihre Augen.
»Was willst du wissen.« Ihre Stimme ist nur ein Hauch und plötzlich wirkt sie wieder so schwach wie vor fünf Jahren.
Entschlossen lehne ich mich auf meinem Stuhl zurück und verschränke die Arme vor der Brust. Die Kälte in mir ist zurück. Leere und Verzweiflung. Und die nagende Frage, warum meine Mutter geschwiegen hat. »Was ist damals wirklich geschehen? In der Nacht, in der mein Vater starb?«
Nervös fährt sie sich übers Gesicht. Dann schiebt sie einen Stuhl am Tisch zurück und nimmt mir gegenüber Platz. Die Hände verschränkt auf der Tischplatte. »Dein Vater hatte einen Unfall«, sagt sie schließlich mit brüchiger Stimme.
»Das weiß ich. Weiter!«
Sie seufzt, sieht mich aus traurigen Augen an und plötzlich krampft sich mein Herz zusammen. So viele Jahre und erst jetzt spricht sie mit mir.
»Ich weiß, dass du deinem Vater immer die Schuld an seinem Tod gegeben hast«, fährt sie fort.
»Nicht nur an seinem Tod«, unterbreche ich sie hart und ignoriere das schmerzhafte Brennen, das sich langsam in meinem Körper ausbreitet. »Ich gebe ihm die Schuld an unserem ganzen verfickten Leben, was daraus folgte! Deine Depressionen, Janniks Trauer und meine Jugend, die mir in dieser Nacht genommen wurde.«
Tränen sammeln sich in den Augen meiner Mutter, rollen ihr über die Wange, bis sie sie mit einer schnellen Bewegung wegwischt. »Es war ein Unfall, Jonah! Aber wenn du jemandem die Schuld daran geben willst, dann mir.«
Verblüfft sehe ich sie an, unfähig etwas zu erwidern.
»Du warst krank an diesem Tag, wie du dich vielleicht erinnerst. Du hattest dir eine Grippe eingefangen und dein Fieber ist immer weiter gestiegen. Ich habe Angst um dich bekommen und deinen Vater gebeten, zum Notdienst zu fahren. Deshalb war er unterwegs, weil ich ihn gebeten hatte, Medikamente für dich zu holen.«
Ich starre sie an. Starre sie einfach an und verstehe nicht, was sie sagt.
»Ich habe dir das nie erzählt, weil ich mir selbst solche Vorwürfe gemacht habe. Ich bin direkt nach dem Tod deines Vaters zusammengebrochen, ich weiß, dass ich für euch hätte da sein müssen. Es tut mir leid, Jonah. Es tut mir so leid.«
Mein Herz schlägt. Langsam, aber es schlägt. Und erst nach und nach sickern die Worte meiner Mutter durch meinen Verstand, brechen mein Leben, meine Erinnerungen auf und finden ihren Weg zur Wahrheit.
Mein Vater war für mich unterwegs.
Für mich. Nicht, weil er egoistisch war und nur an sich dachte, und bei diesem scheiß Wetter eine Spritztour unternehmen wollte.
Aber weder ich noch meine Mutter sind Schuld an seinem Tod.
Niemand ist es.
Der Stuhl poltert laut, als er auf den Boden aufschlägt. Mit einem Schritt bin ich bei meiner Mutter, ziehe sie in meine Arme und drücke sie an mich.
»Es tut mir leid«, bringe ich mühsam heraus, weil meine Kehle wie zugeschnürt ist. »Es tut mir leid.«

***

Vergebung erfordert Stärke. Mut. Und Aufrichtigkeit. Aber wenn man es schafft, zu vergeben, kann sie einen befreien.
Als ich kurze Zeit später durch Fichtenstein laufe, eingehüllt in eine dicke Jacke, Mütze und Schal, damit mich die verdammten Journalisten nicht erkennen, die hier immer noch herumlungern, fühle ich mich seltsam ruhig. All die Jahre habe ich meinen Vater für seinen eigenen Tod verantwortlich gemacht. Ich habe ihm die Schuld an unserem verkorksten Leben gegeben, an all dem, was ich nach seinem Tod aufgeben musste. Diese Gefühle sind nicht verschwunden, so schnell kann die vermutlich niemand abstellen. Aber da ist plötzlich noch etwas anderes.
Ich habe meinen Vater geliebt. Er war anders als viele andere hier im Ort, aber gerade deshalb war er für Jannik und mich so besonders. Wir haben zusammen eine Zeitmaschine gebastelt, haben es mitten im Sommer in der Wohnung schneien lassen und haben nur aus einer Laune heraus im Supermarkt ein spontanes Konzert gegeben. Einfach nur, weil wir es wollten. All diese kleinen Dinge fallen mir wieder ein, als ich die Tür zum Friedhof öffne und zielstrebig auf das Grab meines Vaters zu steuere. Denn neben der Schuld fühle ich auf einmal etwas anderes: liebe.
Meinen Blick immer noch auf die Marmorplatte gerichtet, fische ich in der Jackentasche nach meinem Handy. Ein Gedanke hat sich in meinem Kopf manifestiert, eine Entscheidung, die längst überfällig war. Es wird Zeit, endlich an mich zu denken. An das, was ich wirklich will.
Tim nimmt nach dem zweiten Klingeln ab. Er ist nicht überrascht, mich zu hören, klingt fast, als hätte er mit meinem Anruf gerechnet. Und mit der Entscheidung, die ich ihm entschlossen mitteile.

Mistelzweigmagie: Tag 20

Unter Kontrolle

Leonie

Donnerstag, 20. Dezember

»Was habt ihr bei Nowak herausgefunden?« Nora sieht mich über den Rand ihres halbvollen Bierglases an. Es ist Donnerstagabend und es war dringend Zeit, dass ich meine Freundin ins Bild setze. Der klügere Ort, so ein Gespräch zu führen, wäre ein Kaffee gewesen, Nora hingegen war für den »Krug«. Und so trinke ich bereits abends um sechs Uhr mein zweites Weizen. Verdammt, ich habe eindeutig größere Probleme als die ganze Situation mit Jonah!
Im Hintergrund dudelt »Last Christmas« und selbst im »Krug«, der letzten Bastion gegen den überall vorherrschenden Weihnachtskitsch, ist der Weihnachtszauber eingezogen. An den Lampen über den Stehtischen baumeln Zuckerstangen, wo man hinsieht, hängen rote und goldene Kugeln und Frank hinter der Bar trägt eine rote Nikolausmütze.
Schnell bringe ich Nora auf den neusten Stand. Allerdings verschweige ich ihr, dass Nowak bereits mit Jonahs Mutter über den Unfall gesprochen hat. Mein Gefühl sagt mir, dass da etwas dahintersteckt, dass nur die Familie etwas angeht. Und auf gar keinen Fall morgen in der Zeitung stehen sollte.
»Es war also tatsächlich ein Unfall«, fasse ich abschließend zusammen. »Nowak war überzeugend und ehrlich. Er hat gestern nicht gelogen, in dieser Nacht ist nichts anderes geschehen, als im Polizeibericht steht.«
»Mmh.« Nora fährt sich nachdenklich mit der Hand übers Kinn. »Warum sind dann immer wieder dieser Gerüchte aufgekommen? Und warum hat Florian dann Jonah so einen Mist erzählt?«
»Keine Ahnung.« Meine Gedanken wandern zurück zu gestern Nachmittag und erneut durchfährt mich ein kalter Schauer. Es war ungeheuerlich, was Nowak uns erzählt hat. Und für Jonah muss es die Hölle sein, dass seine Mutter all die Jahre mehr wusste als er. Als ich mich nach Nowaks Besuch bei ihm verabschiedet habe, war er so wortkarg und verschlossen, dass es mir Angst gemacht hat. Aber ich kann ihm damit nicht weiter helfen, er muss alleine mit seiner Mutter sprechen.
»Die einzige Erklärung, die ich mir vorstellen könnte, wäre, dass jeder hier im Ort Jonahs Vater einen Selbstmord zugetraut hätte«, greife ich das Gespräch wieder auf. »Jens Sander war anders. Er wollte genau wie Jonah immer raus aus diesem Ort, ist nie wirklich mit den Leuten hier klargekommen.«
»Vermutlich«, stimmt Nora mir zu. »Ich kann nur hoffen, dass die ganze Recherche Jonah die Chance gibt, endlich mit dem Thema abzuschließen.« Sie greift nach ihrem Glas und leert es in einem Zug.
»Ja, das hoffe ich auch.« Und augenblicklich denke ich schon wieder an ihn. An seine Nähe, seine Berührung, seine Lippen auf meinen. Ein warmes Kribbeln überkommt mich und die angeschwipsten Schmetterlinge in meinem Bauch tanzen Samba. Verdammt!
»Hast du am Samstag schon etwas vor?«, fragt Nora und lenkt mich von meinen chaotischen Gefühlen ab. Es war richtig, ihn vorgestern abzuweisen. Das sagt mir zumindest mein Verstand. Nur mein Herz sieht das vollkommen anders.
»Bisher nicht.«
»D.U.N.K.E.L spielt kurzfristig auf einem Benefiz-Konzert in Frankfurt. Und rate, wer zwei Karten ergattert hat.« Nora grinst breit.
Automatisch fahren meine Augenbrauen zusammen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass mehr dahinter steckt, als nur das Konzert. Aber meine Freundin grinst weiterhin verschmitzt und zwinkert mit zu. »Woher weißt du das?«, frage ich und kann mir die Antwort fast schon denken.
»Von Mick. Von ihm habe ich auch die Karten.« Aha. Nora steht anscheinend aktuell ebenfalls auf Rockstars. »Lass uns hingehen!«, bettelt meine Freundin.
»Ich überlege es mir.« Meine Motivation hält jedoch sich in Grenzen. Ich habe es die letzten Tage kaum geschafft, den Journalisten davonzulaufen, auf einem Benefiz-Konzert wird es ungleich schwieriger werden.
Nora schweigt, aber das verräterische Funkeln in ihren Augen bestätigt mir, dass sie mich genau da hat, wo sie mich haben will. Ich bin am Haken. »Habt ihr nochmal gesprochen, Jonah und du? Nach dem Kuss meine ich?«
Gesprochen? Das auch. »Ja.« Ich weiche ihrem stechenden Blick aus.
»Und?«
»Ich kann das nicht, Nora«, bricht es aus mir heraus und es fehlt nicht viel und ich könnte schon wieder losheulen. Wie ich es die ganze letzte Nacht getan habe, weil mein Herz brennt wie Feuer, wenn ich nur an ihn denke. Schnell nehme ich einen Schluck, um die aufkommenden Tränen zu stoppen.
»Liebst du ihn?«
»Was?« Noras Frage trifft mich unvorbereitet und erschrocken verschlucke ich mich an meinem Weizen.
»Liebst du ihn?«, wiederholt meine Freundin ihre Frage. Die ich sehr wohl verstanden hatte.
»Ja.« Schlicht. Einfach. Wahr.
»Und wo liegt dann das Problem, Len?« Meine Freundin schüttelt ihren Kopf vor lauter Unverständnis. Aber Nora ist auch anders als ich. Laut, impulsiv, spontan. Sie hat keine Probleme, sich auf einen Mann einzulassen, ganz egal, ob Gefühle im Spiel sind oder nicht.
»Jonah ist bald wieder weg, wie du sehr wohl weißt. Was würde das jetzt bringen?« Okay, die Frage klingt selbst in meinen Ohren dämlich. Und Nora schaut mich jetzt auch genau so an.
»Sex? Spaß? Glück, verdammte Scheiße? Du bist ja noch verklemmter als meine Oma und die ist weit über achtzig!«
Unsicher beiße ich mir auf die Unterlippe. Bei Nora klingt das so einfach, aber für mich ist es das nicht. Ganz und gar nicht. »Ich weiß«, gebe ich zu, nachdem ich noch einen Schluck genommen habe. »Aber ich kann das einfach nicht. Ich habe Angst, wegen der Journalisten und weil ihn die ganze Welt kennt. Außerdem habe ich Angst, dass er mir wieder das Herz bricht, wenn ich mich jetzt auf ihn einlasse.«
Wir drehen uns im Kreis. Das erkennt auch Nora. Aber es ist nun mal Fakt, dass Jonah bald in die USA verschwindet und danach was weiß ich wohin. Daran kann auch meine übereifrige Freundin nichts ändern.
»Manchmal muss man einfach springen, Len«, sagt Nora und ist plötzlich so ernst, wie ich sie selten erlebt habe. »Sonst macht man nie den nächsten Schritt.«

Mistelzweigmagie: Tag 19

Schuld

Jonah

Mittwoch, 19. Dezember

Die Musik durchdringt mich. Jeder Ton, jede Note. Mit geschlossenen Augen sitze ich am Klavier in unserem Wohnzimmer und spiele. Lasse die Melodie aus mir herausfließen, finde treffsicher jede einzelne Taste, ohne dass ich sie sehe.
Len hat Recht. Ich liebe es, Musik zu machen. Meine Musik, die meines Vaters. Schon immer hat sie mich beruhigt, hat mich runtergeholt, wenn mir mein Leben wieder zu entgleiten drohte.
Schmunzelnd öffne ich die Augen, spiele eine schnellere Melodie und summe leise dazu mit. Lens Lippen auf meinen haben sich so wunderbar angefühlt. So vertraut, so … daheim. Das Verlangen, sie immer weiter zu küssen und noch ganz andere Dinge mit ihr anzustellen, hat mich beinahe meinen Vorsatz, ihr Zeit zu geben, vergessen lassen. Denn ich kenne Len. Und mir war klar, dass sie, nachdem die Journalisten aufgetaucht sind und unser Foto seinen Weg in die Klatschpresse gefunden hat, Panik bekommt. Hinzu kommt die Angst, die Len ganz sicher vor ihren eigenen Gefühlen hat. Len hasst alles, was sie nicht organisieren und bestimmen kann. Und Liebe lässt sich nun mal nicht kontrollieren. Daher muss ich sie jetzt gehen lassen und auf sie warten. Bis sie irgendwann erkennt, dass sie mich ebenso will, wie ich sie. Hoffentlich.
»Du hast schon lange nicht mehr gespielt.« Immer noch lächelnd wende ich mich um. Jannik steht im Türrahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Dennoch wirkt er entspannt.
»Ich war lange nicht mehr hier.« Ich drehe mich endgültig vom Klavier weg zu ihm.
Jannik nickt bedächtig. »Das ist richtig. Und dafür, dass du ursprünglich nur ein paar Tage bleiben wolltest, bist du schon verdammt lange hier. Man könnte fast den Eindruck bekommen, du fühlst dich wohl. Zuhause.«
Das Lächeln verschwindet aus meinem Gesicht. Ich will ihm widersprechen, ihm sagen, dass ich sowieso bald wieder weg bin, aber erstaunlicherweise kann ich das nicht. Denn das flaue Gefühl, dass sich plötzlich in mir ausbreitet, wenn ich darüber nachdenke, dass ich mit der Band bald in die USA muss, sagt mir etwas vollkommen anderes. Ich will hier nicht weg. Ich fühle mich wohl bei meiner Familie und in Fichtenstein. Und das liegt nicht alleine daran, dass ich mir, aufgrund von Janniks Geständnis, eine Zukunft mit Len mittlerweile erlaube.
»Vielleicht.« Dennoch bin ich weit davon entfernt, dieses Gefühl wirklich zu greifen und auszusprechen. Dafür fällt mir in dem Moment etwas anderes ein. »Hör mal, wir spielen am Samstag kurzfristig auf einem Benefiz-Konzert in der Festhalle. Willst du mitkommen? Ich … ich würde mich freuen!«
»Klar, warum nicht?« Mein Bruder strahlt mich offen an. »Vielleicht kann Mum auch mit, ich glaube, sie war noch nie auf einem deiner Konzerte.«
Mach‘ keinen Rückzieher, Jonah, sage ich mir selbst. Nur weil dir dieses plötzliche »Familien-Ding« schon wieder zu viel wird. »Klar.«
»Und was ist mit Len?« Jannik legt den Kopf schief und grinst verschmitzt. Ich weiß genau, was er eigentlich wissen will. »Euer Foto war ja ziemlich heiß.«
Mit entfährt ein missbilligendes Schnauben. »Du kennst Len.« Mehr brauche ich nicht sagen. Mein Bruder versteht mich auch so.
»Klär das, Jonah! Eine zweite Chance bekommst du nicht«, wiederholt Jannik die Worte, die er mir gestern schon gesagt hat. »Und mit mir spricht sie aktuell nicht, seit ich ihr gesagt habe, dass ich nicht in sie verliebt bin.«
Dafür erntet er ein breites Grinsen meinerseits. »Sie ist doch nicht etwa sauer auf dich?«
Jannik rollt demonstrativ mit den Augen. »Sie fühlt sich von mir verarscht. Und irgendwie hat sie ja auch recht.« Dem kann ich nur zustimmen. Für den Kuss unter diesem verkackten Mistelzweig würde ich ihm am liebsten heute noch eine reinhauen.

***

Die Plätzchen schmecken scheußlich. Viel zu süß und trocken. Aber ich will nicht unhöflich sein, daher unterbinde ich den sich anbahnenden Hustenanfall schnell mit einem Schluck Kaffee. Schwarz. Und so hart aufgebrüht, dass mir das Koffein direkt in die Adern schießt.
»Wer sagten Sie, sind Sie?« Piotr Nowak runzelt die Stirn und sieht unsicher zu seiner Frau, die im Sessel neben ihm sitzt. Es ist Nachmittag und wir sind nach Lens Unterricht nach Gravenbach gefahren. Len hat mir gestern alles Einzelheiten von Noras Untersuchungen geschildert und hat anschließend darauf bestanden mitzukommen. Auch wenn sie mir gegenüber sehr zurückhaltend war nach dem Kuss in ihrem Zimmer. Keine Nähe, noch nicht einmal eine Berührung. Aber ich bin froh, sie dabeizuhaben. Wer weiß, wie die Situation heute sonst ausgehen würde.
Die Adresse, die Nora uns herausgesucht hatte, stimmt, daher sitzen wir jetzt bei Nowak und seiner Frau im Wohnzimmer.
»Wir sind Reporter für den ‚Wochenboten‘. Die lokale Wochenzeitung aus Fichtenstein. Die kennen sie doch bestimmt«, erklärt Len. Es war ihre Idee, sich als Journalisten auszugeben. Wenn ich Nowak gesagt hätte, wer ich wirklich bin, hätte er uns sicher nie ins Haus gelassen. Und da Nowak und seine Frau beide weit über siebzig sind und anscheinend kein Fan aktueller Rockmusik, haben sie mich auch nicht erkannt.
»Wir schreiben eine Reportage über Verkehrsunfälle hier in der Umgebung. Wie viele in den letzten zwanzig Jahren passiert sind, wie sich die Statistik entwickelt hat, ob es mehr Autos oder Motorräder waren …« Len führt die Idee noch weiter aus. Ich hingegen starre Nowak an. Diesen freundlich aussehenden Mann, der mit seinem weißen Vollbart, der runden Brille und dem lichten schneeweißen Haar das Paradebeispiel eines gemütlichen Großvaters abgibt. Familienfotos von seinen Kindern und Enkelkindern hängen im ganzen Haus verteilt, seine Frau, die etwas eingeschüchtert wirkt, seit wir bei ihnen im Wohnzimmer sitzen, hält seine Hand.
Das Bild lässt mich hart schlucken. Nowak hat eine glückliche Familie, eine Frau, die zu ihm hält. Alles, was ich nicht hatte. Doch kann dieser nette alte Herr tatsächlich Schuld am Tod meines Vaters sein?
»Wir haben in einem Bericht vor zwölf Jahren ihren Namen in Verbindung mit einem Verkehrsunfall gefunden«, fährt Len fort und mir stellen sich mir die Nackenhaare auf. Wir sind der Wahrheit so nahe.
Nowak wird blass und wirkt auf einmal nervös. Reue überzieht sein Gesicht, Scham und unverkennbarer Schmerz. Der Griff um die Hand seine Frau wird fester und auch diese hat plötzlich Probleme, ihre freundlichen Gesichtszüge zu halten.
»Es ist so lange her …«, murmelt Nowak in seinen Bart. Undeutlich, doch verstehe ich ihn sehr gut.
Seine Frau sagt etwas auf Polnisch, das ich nicht verstehe. Daraufhin schüttelt er den Kopf und erwidert leise etwas. Fragend sehe ich zu Len, aber sie zuckt nur die Schultern. Wir werden nicht gehen, bevor wir nicht mehr erfahren haben.
»Was wollen Sie von mir?«, fragt uns Nowak. Er hat sich gefasst, sieht jetzt entschlossen aus.
Len zögert, schaut zu mir, und endlich gebe ich mir einen Ruck. Das hier ist meine Geschichte, meine Verantwortung, nicht ihre.
»Wir haben mit den Polizisten gesprochen, die den Unfall untersucht haben. Doch sie wussten nicht, wer den LKW damals gefahren ist. Im Polizeibericht taucht ebenfalls kein Name auf, sondern es ist nur die Rede von Fahrerflucht. Der Reporter allerdings, der direkt nach dem Unfall an der Unfallstelle aufgetaucht ist, hat uns ihren Namen genannt. Wir wollen von ihnen wissen, was in dieser Nacht wirklich passiert ist. Ob es tatsächlich ein Unfall war?«
Nowak hätte jedes Recht uns aus seinem Haus zu werfen. Und ich rechne auch eigentlich damit, dass er es gleich tut. Wir bezichtigen ihn der Fahrerflucht, wenn nicht sogar eines Verbrechens. Ganz gleich, was er nun erklären wird, schuldig ist er in jedem Fall.
Er lenkt seinen Blick von Len zu mir und seine grauen Augen bohren sich in meine. Der Takt des Sekundenzeigers der Wanduhr, die neben der Couch steht, dröhnt durch das Zimmer, so leise ist es. Sekunden vergehen, Minuten, ohne dass jemand etwas sagt. Ich halte Nowaks Blick. Ich will die Wahrheit wissen, jetzt! Ich will wissen, ob der Tod meines Vaters tatsächlich kein Unfall war, ob ich ihm jahrelang zu unrecht die Schuld an meinem verkorksten Leben gegeben habe.
Unvermittelt blinzelt Nowak und ein Gefühl zuckt durch sein Gesicht, aber es ist zu vage, zu undeutlich, als dass ich es wirklich greifen könnte. »Es war ein Unfall«, sagt er nach einer gefühlten Ewigkeit. Ich zittere, so angespannt bin ich. »Es war kalt an diesem Tag und ich war schon viel zu lange unterwegs. Ich wollte nur noch zurück in die Zentrale und dann nach Hause.« Seine Stimme ist ruhig und leise. Und fast hat man den Eindruck, als wäre er erleichtert, endlich über diese Nacht reden zu können.
»Das Motorrad kam aus dem Nichts. Der Fahrer war viel zu schnell, ich konnte nicht mehr ausweichen. Wir beide hatten keine Chance, nur das mein LKW so viel größer war als sein Motorrad. Ich habe sofort angehalten, bin aus der Fahrerkabine gesprungen und zu ihm gerannt. Ich habe ihn angeschrien, habe an seiner Schulter gerüttelt, aber er hat sich nicht mehr bewegt. Da habe ich die Panik bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dann passiert ist, aber plötzlich war da dieser Reporter. Während er den Notruf gerufen hat, bin ich gerannt. Ich bin davongelaufen, weil ich Angst hatte. Und der Notruf war ja unterwegs, mehr konnte ich nicht tun. Ich habe erst aus der Zeitung erfahren, dass der Mann am Unfallort noch verstorben ist.«
Mir ist kalt. Eiskalt. Und ich fühle nichts als Leere. Len neben mir greift nach meiner Hand und drückt sie sanft. Aber sie dringt nicht zu mir durch, niemand tut das in diesem Moment.
»Er war ihr Vater, oder?« In Nowaks Gesicht steht so viel Trauer und Mitleid, dass ich kotzen könnte.
»Woher wissen Sie das?« Len stellt die Frage, die ich einfach nicht über die Lippen bringe. Dafür bin ich viel zu weit weg. Nämlich auf der Straße bei meinem Vater, der in meinen Gedanken immer wieder stirbt.
»Kurz nach dem Unfall war eine Frau bei mir, seine Frau. Wir haben uns lange unterhalten, ich habe ihr alles erzählt. Auch dass ich zu viel Angst hatte, zur Polizei zu gehen. Und sie hat es verstanden, hat nie verlangt, dass ich es tue.«
Mein Kopf ruckt nach oben. Auch das letzte Quäntchen Wärme in meinem Körper erfriert, da ist nichts mehr, als vernichtende Leere. »Meine Mutter war bei Ihnen?«
»Ja. Mit ihr sollten Sie sprechen.«

Mistelzweigmagie: Tag 18

Ohne Wenn und Aber

Leonie

Dienstag, 18. Dezember

»Piotr Nowak wohnt in Gravenbach, wenn das Internet recht hat«, erklärt mir Nora über die Freisprechanlage meines kleinen Corsas. Ich bin nach einem äußerst anstrengenden Schultag auf dem Weg nach Haus, sie sitzt noch in der Redaktion.
»Mh, das ist nur fünfzehn Kilometer entfernt, da sollten wir auf alle Fälle mal hinfahren«, gebe ich zurück, während ich durch die Hauptstraße von Fichtenstein fahre. Mit meinen Gedanken natürlich voll auf den Straßenverkehr konzentriert und nicht auf das Gespräch mit Nora, die mithilfe von Funkes Unterlagen herausgefunden hat, wer den LKW beim Unfall mit Jonahs Vater gefahren ist.
»Ja, das solltet ihr! Und gebt mir Bescheid, was er gesagt hat. Ich habe das Exklusivrecht auf diese Story.«
Automatisch rolle ich mit den Augen. Als ob ich das nicht wüsste. »Du sag mal, der Typ, mit dem du auf dem Adventsmarkt warst, also Jonahs Bandkollege …«, setze ich an, breche jedoch abrupt ab und trete auf die Bremse. »Scheiße, was ist das denn?«
Meine Reifen quietschen, mein Oberkörper wird auf das Lenkrad gepresst, weil ich so hart auf die Bremse gestiegen bin. Aber vor meinem Haus, etwa zweihundert Meter entfernt, hat sich eine Menschentraube versammelt.
»Len, was ist los?« Noras klingt erschrocken.
Meine Gedanken rattern. Es sind bestimmt fünfzehn Personen, die sich vor dem Haus, in dem ich wohne, die Füße platt treten, und wenn mich mein Instinkt nicht trügt, sind das alles Journalisten. »Egal, was du tust, komme nicht nach Hause!«
»Was soll das, Len? Wovon zur Hölle sprichst du?«
Meine Finger krallen sich um das Lenkrad und kalter Schweiß bricht mir aus. »Google mal nach Jonah Storm.«
Genau eine Sekunde ist es still. Dann quietscht Noras Stimme durch das Auto. »Oh mein Gott, Len! Jonah hat dich geküsst! Warum weiß ich davon nichts? Len, ich bin deine beste Freundin!«
Sie stellt noch mehr Fragen, aber in diesem Augenblick habe ich dafür keinen Nerv. Ich verabschiede mich schnell und vertröste Nora auf später. Jetzt gerade habe ich andere Sorgen.
Der Kuss. Dieser verdammte Kuss und dann die Reporter, die nichts besseres zu tun hatten, als uns zu fotografieren. Und Jonah mit Fragen zu bombardieren, weil sie wissen wollten, ob ich seine Freundin sei. Panik wallt durch mich hindurch, als ich mich an gestern erinnere, Panik und Angst. Jonah hat sich vor mich geschoben, wütend die Journalisten angeschrien, die nur noch mehr Fotos gemacht haben. Ich habe den Moment genutzt und bin geflohen. Die Straße hinunter, weg von der Meute, ihrer Aufmerksamkeit, ihren Fragen, weg von Jonah und dem, was auch immer gerade zwischen uns passiert ist. Und seit diesem Moment kratzt die Angst an meinen Nerven.
Ich hasse, es im Mittelpunkt zu stehen, hasse es schon, wenn nur im Ort über mich getratscht wird. Was, wenn das jetzt die ganze Welt tut? Was, wenn Reporter jetzt mir Fragen stellen, über mich, über Jonah, über Jannik oder meine Familie? Was, wenn wütende Fans auftauchen, weil ihr Idol eine andere Frau küsst? Erneut kribbelt die Panik in meinem Bauch und am liebsten würde ich mich im Fußraum meines kleinen Autos verstecken. Aber dann reiße ich mich zusammen – hallo, ich bin 26 und keine fünf mehr – lege den Rückwärtsgang ein und rase die Straße zurück, bevor mich irgendeiner der Journalisten sieht.
Über die Freisprechanlage wähle ich Jonahs Nummer.
»Len?« Er klingt weder überrascht noch erfreut. Eher beschäftigt.
»Was machen die verdammten Journalisten vor meinem Haus?« Meine Stimme überschlägt sich. So viel zu »ich reiße mich zusammen«.
»Fuck!« Er flucht ausgelassen und ich höre förmlich durchs Telefon, wie er sich durch die Haare fährt und verspannt. »Es tut mir leid, Len. Ich kläre das, okay? Sprich nicht mit ihnen. Sag einfach gar nichts und ignorier sie am besten.«
Der ist lustig. »Die belagern mein Haus, Jonah! Ich kann nicht nach Hause.«
»Mist! Zu uns kannst du auch nicht. Jannik hat mich vor fünf Minuten angerufen, bei uns sieht es ähnlich aus. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht …« Er bricht ab. Und in mir bricht neben der Panik noch ein ganz anderes Gefühl auf. Dass es so schnell geht … nach unserem Kuss, meint er.
Es war unglaublich, von ihm geküsst zu werden. Nach so vielen Jahren seine Lippen endlich wieder auf meinen zu spüren. Und gleichzeitig könnte ich ihn dafür umbringen. Jonah hat mich über den Abgrund gestürzt und ich fliege immer noch im freien Fall auf meinen Untergang zu. Denn nie wieder wird mich ein Mann so küssen, wie er es getan hat. Mit so viel Verzweiflung, so viel Verlangen, so viel Liebe. Und nie wieder werde ich dasselbe bei einem anderen Kuss fühlen.
»Ich fahre zu meinen Eltern«, sage ich matt, nachdem er geschwiegen hat. Plötzlich fühle ich mich unglaublich müde und will mich einfach nur mit einer Tasse Tee verkriechen.
»Okay.« Er räuspert sich kurz, dann spricht er weiter. »Ich komme gegen Abend vorbei, wenn das für dich in Ordnung ist.«
Es wäre kindisch das abzulehnen. Auch wenn ich mir meiner Gefühle ihm gegenüber bei weitem noch nicht im Klaren bin. Aber wir müssen miteinander reden, über den Kuss, die Journalisten und vor allem über Piotr Nowak.
»In Ordnung«, sage ich daher, »bis später dann.«

***

Als es dunkel wird, sitze ich immer noch im Kinderzimmer bei meinen Eltern. Ich traue mich nicht nach Hause, Nora hat mir eine Nachricht geschrieben, dass unser Haus nach wie vor belagert wird. Ich kann nur hoffen, dass die Journalisten morgen weg sind, sonst bekomme ich ernsthafte Schwierigkeiten. Irgendwie muss ich ja meinen Job machen, außerdem brauche ich frische Klamotten.
Es klopft leise und sofort zucke ich angespannt zusammen. Aber es ist nur meine Mutter, die fragt, ob alles in Ordnung ist. Auch sie weiß von dem Kuss, wie vermutlich jeder in ganz Fichtenstein. Herrgott, die ganze Welt tut ja fast, als wäre der Kuss ein Staatsakt gewesen.
Als sie weg ist, lasse ich mich zurück in die Kissen fallen. So eine verfluchte Scheiße, die Jonah mir da angetan hat! Und jetzt taucht er nicht einmal auf, vermutlich ist er schon über alle Berge. Er rennt weg, tut, was er am besten kann. Genau wie vor fünf Jahren.
»Störe ich?«
Erschrocken fahre ich wieder hoch und schaue direkt in Jonahs amüsiertes Gesicht, wie er mich von der Tür aus beobachtet. Seine Augen blitzen, sein Grinsen ist echt und – verdammt, er sieht so attraktiv aus, wie er da steht und mich weiter anschaut, dass mir augenblicklich heiß wird. Meine ganzen guten Vorsätze, dass ich mit ihm reden will, dass wir über die Situation mit den Journalisten sprechen müssen, dass er ein fucking Rockstar ist, den die ganze Welt kennt, sind vergessen. Ich starre ihn wie paralysiert an und fühle, wie sich mein gesamtes Inneres zusammenzieht. Vor Verlangen, vor Liebe und vor Schmerz. Ich liebe ihn, ohne Wenn und Aber, und kann ihn dennoch nicht haben. Denn auch das habe ich gestern sofort verstanden, als der erste Fotoblitz neben uns los zuckte.
Immer noch grinsend kommt Jonah in mein altes Kinderzimmer und schließt die Tür hinter sich. Sein Blick verändert sich, wird eindringlich, dunkel, als er jetzt vor mich tritt, und ohne zu fragen auf das Bett klettert. Er setzt sich vor mich, meine Beine zwischen seinen Knien.
»Hallo, Len.«
Ich starre ihn immer noch an. Unfähig mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Das ist genau das, was ich immer wollte. Jonah und ich. Ich und Jonah. Nur dass es sich jetzt so verdammt richtig und gleichzeitig so verdammt falsch anfühlt.
Als ich nicht antworte, hebt Jonah seine Hand und fährt mir federleicht über die Wange. Seine Berührung hinterlässt eine brennende Spur, dringt tief in mich ein und am liebsten würde ich mich in seine Hand schmiegen. Aber ich sitze da wie festgefroren. Und bin vollkommen überfordert.
Jonah beugt sich zu mir, legt seine Lippen auf meine Stirn und gibt mir einen Kuss. Seine rechte Hand findet meine, die sich immer noch erschrocken in die Bettdecke krallt, und hält sie fest.
»Len.« Warme Finger fahren unter mein Kinn, heben es an, bis ich in Jonahs Augen schaue. Schokoladenbraun mit goldenen Sprenkeln. Und einem Versprechen, das mich umhaut.
»Ich weiß, dass du Angst hast«, fährt Jonah fort und sein warmer Atem trifft auf meine erhitzte Haut. »Aus ganz vielen verschiedenen Gründen. Und ich weiß auch, dass die Situation gerade alles andere als einfach ist. Die Journalisten, die Band und unsere Tour durch die USA … Daher werde ich dich jetzt noch einmal küssen, Len, und dann lasse ich dich in Ruhe. Bis du dich dazu entschiedest, dass du mich wirklich willst. Mit allem Für und Wider, mit meinem ganzen verkorksten Leben.« Er kommt mir näher, bis seine Lippen meine berühren. »Denn ich liebe dich, Len, und ich will dich mehr als alles andere auf der Welt.«
Und dann küsst er mich. So sanft, so zärtlich, so liebevoll, dass mir die Tränen kommen. Denn Jonah kennt mich. Vermutlich besser als jeder andere, daher weiß er genau, wie es in mir aussieht. Natürlich habe ich Angst, so verdammt große, dass es mir die Kehle zuschnürt. Ich habe Angst, mich in ihm zu verlieren, wie es mir vor sechs Jahren passiert ist. Ich habe Angst, dass mir die Kontrolle über mein Leben entgleitet, wenn ich mich auf ihn einlasse. Ich habe Angst davor, was es heißt, eine Beziehung mit Jonah Strom zu führen. Und ich habe Angst, dass er mir wieder das Herz bricht.
Und deshalb weiß ich auch, dass ich ihm nicht geben kann, worum er mich bittet. Ich liebe ihn, tue ich wirklich, aber meine Angst, mich jetzt auf ihn einzulassen, ihm alles zu geben, was ich bin, ist einfach zu groß. Dafür stehen zu viele Dinge zwischen uns, die Tatsache, dass er bald wieder weg ist, ist nur eine davon.
Als er sich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder von mir löst, schreit mein Herz. Tränen laufen mir über die Wangen und alles in mir drängt mich, mich an ihn zu klammern und ihn nie wieder gehen zu lassen. Doch mein Mund bleibt geschlossen und kein einziges Wort kommt über meine Lippen.

Mistelzweigmagie: Tag 17

Irrungen und Wirrungen

Jonah

Montag, 17. Dezember

Ich bringe ihn um. Langsam und qualvoll, bis er sich wünscht, Len nie unter diesem verfluchten Mistelzweig geküsst zu haben.
Natürlich bringe ich ihn nicht um.
Verdammt, er ist mein Bruder! Mein kleiner Bruder, den ich über alles liebe und für den ich alles tun und aufgeben würde. Aufgegeben habe, wie ich gestern mit eigenen Augen sehen musste. Fuck, was für ein beschissener Morgen!
Fluchend drehe ich mich zur Seite, werfe die Bettdecke von meinem Körper und ramme meine Faust in das Kopfkissen. Aber die Bilder in meinem Kopf bleiben bestehen, werden klarer je länger ich sie zu verdrängen versuche. Jannik, wie er seine Hände auf Lens Wangen legt, ihr überraschter Blick und dann der Kuss. Verdammt! Ich wollte, dass die beiden ihr Glück finden, habe es mir für Jannik so sehr gewünscht. Und kaum findet er es, bricht mein Ego, das ich so viele Jahre vergessen hatte, wieder durch, und ich könnte meinen Bruder auf der Stelle in den Boden rammen, weil er die Finger von meinem Mädchen lassen soll.
Schnaubend verlasse ich das Bett in meinem alten Kinderzimmer und gehe zielstrebig in Richtung Bad. Mein Schädel dröhnt und auf meiner Zunge liegt ein pelziger Geschmack. Ich mache meinem Rockstar-Image heute Morgen alle Ehre, aber selbst Schuld, wenn ich mich nach dem verdammten Kuss gestern Abend volllaufen lassen musste. Das Letzte, woran ich mich erinnere, sind Frank und ich auf der kleinen Bühne im »Krug« wie wir gemeinsam »Morgen kommt der Weihnachtsmann« trällern. Scheiße!
Als ich zehn Minuten später unsere Küche betrete, sehe ich zumindest nicht mehr ganz so abgeschlagen aus. Fühlen tue ich mich immer noch, als hätte mich ein Bulldozer überrollt. Und das Gefühl verschlechtert sich rapide, als ich Janniks munteres Gesicht am Frühstückstisch entdecke, eine Tasse Kaffee in der einen Hand, das Handy in der anderen.
»Guten Morgen!« Jannik grinst mich so breit an, dass es verboten werden sollte. Seine übertriebene Fröhlichkeit kann er sich heute Morgen sonst wohin schmieren. Ich brumme irgendetwas Unverständliches und steuere die Kaffeemaschine an. Von unserer Mutter ist nichts zu sehen, vermutlich ist sie längst in der kleinen Bäckerei, in der sie ab und zu aushilft.
»Ihr habt es ja gut krachen lassen, gestern Abend!«
Hinter mir ertönt unverkennbar meine eigene verzerrte Stimme, die ein Weihnachtslied singt, untermalt von johlendem Beifall. Verdammt, hat unseren Auftritt gestern jemand gefilmt?
»Gib das her!« Mit einem Satz bin ich bei meinem Bruder und schaue ungläubig auf das Video, das Frank und mich zeigt. So ein Mist! James wird mich umbringen. »Wo hast du das her?« Wütend feuere ich das Handy zurück auf den Tisch.
Jannik zuckt immer noch grinsend die Schultern. »Facebook? Unsere Fichtenstein-Gruppe?«
Kurz schließe ich die Augen, um mich zu sammeln. Es ist falsch, meine Wut an Jannik auszulassen. Er hat nichts Unrechtes getan, nichts, weswegen ich so durch die Decke gehen sollte. Er hat lediglich Len geküsst, was ihm mehr als nur zusteht. Dass ich danach so abkacke und jetzt mit meinem peinlichen Auftritt auch noch auf Facebook lande, ist nicht seine Schuld. Ich sollte mich für ihn freuen, für ihn und Len. Das wäre richtig. Aber so sehr ich es auch versuche, ich kann es einfach nicht.
»Ihr solltet Frank in eure Band aufnehmen. Er hat eine gute Stimme, finde ich«, fährt mein Bruder fort und mustert mich amüsiert. »Zumindest geht es ihm heute Morgen mit Sicherheit genauso beschissen wie dir.«
Ich werfe ihm einen bösen Blick zu und trinke einen großen Schluck aus meiner Kaffeetasse. Das erspart ihm zumindest eine entsprechende Antwort.
»Darf ich fragen, was dich gestern geritten hat, dich so abzuschießen?«
Kann er nicht einfach den Mund halten und mich in Ruhe lassen? »Mir war danach.«
Jannik legt seinen Kopf schief. Dann steht er auf, steckt sein Handy in die Hosentasche und geht zur Küchentür. »Ich weiß, dass du uns gesehen hast. Len und mich. Und ich weiß auch, dass du dich deshalb so volllaufen lassen hast.«
Mein Gesicht ist eine Maske, aber jedes einzelne Wort tut mir weh. Weil er so verdammt recht hat. »Ich freue mich für dich und Len. Du wolltest sie doch immer.«
Janniks Augenbrauen schnellen nach oben und er sieht mich an, als ob ich sie nicht mehr alle hätte. »Du lügst noch schlechter als Mum! Und selbst wenn ich mir bis jetzt nicht sicher gewesen wäre, ob du in Len verliebt bist, hast du es mir eben gerade verraten.«
Irritiert stelle ich die Kaffeetasse auf dem Tisch ab und fahre mir übers Gesicht. Immer noch pocht der Schmerz hinter meiner Stirn, daher bin ich mir nicht sicher, Jannik eben richtig verstanden zu haben. »Was willst du mir damit sagen, Mann?«
Jannik macht wieder einen Schritt in die Küche hinein, direkt auf mich zu. Und in diesem Moment fühle ich mich zum ersten Mal nicht wie der große Bruder, der auf ihn aufpassen muss. Fast ist es, als haben wir die Rollen getauscht. »Len und du, ihr eiert seit so vielen Jahren um einander herum, ohne, dass ihr euch jemals wirklich nahekommt. Dabei verstehe ich bis heute nicht wieso. Ihr seid in einander verliebt, das erkennt jeder, der euch einmal zusammen erlebt hat.«
Fuck, was? »Aber du liebst Len«, bringe ich mühsam heraus. Davon zumindest bin ich immer ausgegangen.
Mein kleiner Bruder verzieht seinen Mund zu einem feinen Lächeln. Meine Welt bekommt Risse. Seinetwegen habe ich sie von mir gestoßen, seinetwegen habe ich nie etwas mit Len angefangen. Ich wollte ihm nicht wehtun, habe ihn immer nur beschützen wollen.
»Natürlich liebe ich Len«, erklärt Jannik, als wäre es die normalste Sache der Welt. »Sie ist meine beste Freundin! Aber wenn ich wirklich etwas anderes von ihr gewollt hätte als Freundschaft, glaubst du, ich hätte fünf Jahre damit gewartet, und genau dann angefangen um sie zu werben, wenn du wieder auftauchst?«
»Aber dein Date mit Len, der Kuss …?«
»Das war ein Arschtritt, großer Bruder. Anders hättet ihr beiden nie verstanden, was ihr wirklich wollt.«

***

Ich habe den Arschritt meines Bruders immer noch nicht ganz verstanden, geschweige denn verdaut, als ich am Nachmittag desselben Tages vor dem hellgrauen Haus stehe, in dessen Räumlichkeiten sich auch die Redaktion des »Wochenboten« befindet. Gemeinsam mit Len, da wir gleich mit Nora ins Archiv gehen wollen, um in Funkes Unterlage zu wühlen.
Ich werfe ihr einen kurzen Seitenblick zu. Sie trägt eine hellbraune Mütze mit Bommel auf dem Kopf und hat die Arme um ihren Oberkörper geschlungen. Mit der Spitze eines ihrer schwarzen Stiefel schabt sie ungeduldig über die Pflastersteine des Bürgersteiges. Ein Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln. Len hasst Unpünktlichkeit. Und Nora lässt uns schon über zehn Minuten warten.
»Also wenn sie nicht gleich kommt, gehe ich alleine rein. So schwierig kann das Archiv ja nicht zu finden sein«, schnaubt sie gereizt. Sie wirkt angespannt, nervös, was ihre ganze verspannte Haltung noch unterstreicht.
Ob Len weiß, dass Jannik nicht in sie verliebt ist? Ob ihr bewusst ist, dass er sie nur geküsst hat, um mich eifersüchtig zu machen? Was überaus gut funktioniert hat, wie ich zu meinem Leidwesen zugeben muss.
»Ruf sie doch noch einmal an«, schlage ich vor, obwohl ich mit meinen Gedanken wo ganz anders bin. Nämlich bei Len. Und Jannik. Und mir.
»Was denkst du, was ich bereits getan habe, bevor wir losgefahren sind?« Wut blitzt in ihren brauen Augen, aber da ist noch etwas anderes. Überrascht lege ich den Kopf schief und mustere sie eindringlich.
»Hattet ihr Zoff, Jannik und du? Oder warum bist du so gereizt?« Okay, das ist gemein. Aber Lens gehetzter Blick bestätigt mir, dass ich recht habe. Sie weiß von Janniks Spielen. Sie weiß es ganz genau. Und deshalb ist sie so nervös und angespannt und auch eine Spur unsicher, weil sie gerade die Kontrolle über die ganze Situation zwischen uns verliert.
»Nein. Und ich. Bin. Nicht. Gereizt!« Sie presst die Lippen zusammen und sieht mich an. Ernst, kalt, verzweifelt.
Die letzte Sicherung in meinem Kopf, die mich immer zurückgehalten hat, den letzten Schritt zu tun, fliegt raus. Sehnsucht explodiert in meinem Körper und mit einem Schritt bin ich bei ihr. Viel näher als ich ihr sein sollte, viel näher, als ich es mir jemals erlaubt habe. Lens Verzweiflung treibt mich an, lässt mich endgültig mein Hirn abschalten. Meine Hände finden ganz von alleine ihre Arme, ziehen sie an mich und halten sie fest. Ich ignoriere ihr erschrockenes Aufkeuchen, ihren leisen Protest sich aus meinen Armen zu winden.
»Ich habe heute Morgen mit Jannik gesprochen«, sage ich langsam, so dass sie auch jedes Wort versteht. Meine Stimme zittert leicht, weil ihr Nähe mich wahnsinnig macht und mein ganzer Körper vor Aufregung und Verlangen in Flammen steht. »Er hat mir die Wahrheit gesagt.« Ich neige vorsichtig den Kopf, vergrabe meine Nase in ihren Haaren. Ihr Duft berauscht mich, lässt mich nicht mehr klar denken. Mit meinem Mund fahre ich ihre Wangenknochen entlang, während ich spüre, wie sich Len in meinen Armen verkrampft.
»Und was ist die Wahrheit, Jonah? Dass Jannik gar nicht in mich verliebt ist? Dass dein Grund, warum du mich die ganze Zeit von dir gestoßen hast, geplatzt ist? Dass du endlich zugeben musst, dass du einfach nur eine scheiß Angst vor einer Beziehung mit mir gehabt hast? Angst, Gefühle zuzulassen und endlich wieder jemandem zu vertrauen? Jemanden wirklich zu lieben?«
Oh wow! Ich hatte mit vielem gerechnet, damit ehrlich gesagt nicht. Grimmig schaue ich Len an, meine Arme immer noch um ihre Taille geschlungen, ihr Körper immer noch an meinen gepresst. Ihre Wangen sind gerötet, ihr Mund leicht geöffnet. Und dennoch steht die unverhohlene Wut auf mich in ihren Augen.
Sie hat recht, mit jedem einzelnen Wort. Aber mit einer Sache liegt sie falsch.
»Ich bin nicht der Einzige, der Angst hat, Len.«
Ihre braunen Augen weiten sich überrascht und ihr Mund öffnet sich, um zu protestieren. Aber ich bin schneller. Ich beuge mich zu ihr herunter, ignoriere zornigen ihre Worte, die sie gegen meine Lippen spricht, und tue endlich das, was ich schon seit verdammten sechs Jahren tun will.
Ich presse meine Lippen auf ihre und küsse sie.
Augenblicklich versteift sich Len, erst als ich sanft mit meiner Zunge über ihre Lippen fahre und um Einlass bitte, kommt sie mir entgegen.
Bis neben uns ein Blitzlichtgewitter losbricht und die lauten Fragen der Reporter uns unterbrechen.

Mistelzweigmagie: Tag 16

Küsse unterm Mistelzweig

Leonie

Sonntag, 16. Dezember

Es ist kalt. Der Himmel ist wolkenfrei, sodass die Sterne hell auf uns herunter scheinen. Es ist brechend voll auf dem Adventsmarkt, der einer der bestbesuchtesten der letzten Jahre ist. Ein voller Erfolg, nicht zuletzt dank der Eislaufbahn, auf der ich seit wenigen Minuten ein paar entspannte Runden drehe.
Ich habe es geschafft! Alles ist top organisiert, es gibt genug zu essen und zu trinken und bisher keine Stromausfälle oder andere mittelschwere Katastrophen. Sogar unser Bürgermeister hat in seiner kleinen Eröffnungsansprache gestern Nachmittag von der Magie und dem Zauber der Weihnacht gesprochen, den man auf unserem Markt buchstäblich fühlen könne. Ein Mann, der normalerweise nicht einmal in die Kirche geht, spricht plötzlich von Magie. Ich sollte zufrieden sein. Sehr zufrieden! Aber was bin ich?
Wütend über mich selbst stapfe ich mit dem Fuß auf, rutsche prompt aus, da ich Schlittschuhe trage, und lande auf meinem Hintern. Verfluchter Mist! Und das alles nur, weil ich an nichts anderes denken kann, als dass Jonah bald wieder weg ist. Wer weiß, für wie lange. Am Freitagabend, als wir uns gegenüberstanden, hat er mir erneut das Herz zerrissen. Obwohl er es in diesem Moment vermutlich noch nicht einmal wusste.
»Kann ich dir helfen?« Überrascht sehe ich auf, da ich immer noch auf der eiskalten Bahn sitzen, direkt in Janniks freundliche blaue Augen. Augenblicklich überkommt mich das schlechte Gewissen. So viel zum Thema fair und ich gebe ihm eine ehrliche Chance. Mmpf!
»Gern!« Ich strecke ihm meine Hand entgegen und lasse mir umständlich von ihm auf die Füße helfen. »Fährst du eine Runde mit mir?«
»Deshalb bin ich hier.« Er zwinkert mir zu und greift ohne zu zögern erneut nach meiner Hand. Bevor ich es mir anders überlegen kann, ist er losgefahren und zieht mich hinter sich her. Mit wenigen Schritten habe ich meinen Takt wiedergefunden und gemeinsam drehen wir eine Runde.
Die Lampions über dem Rand der Eisbahn werfen warme Schatten auf die glitzernde Fläche, es riecht nach Glühwein und Gebäck und etwas entfernt gibt der örtliche Musikverein ein Sammelsurium an Weihnachtsliedern zum Besten. Die Situation ist so verdammt romantisch, dass es mir fast unangenehm ist. Ich meine, ich steh auf Kitsch! Gerade an Weihnachten. Wie anders sollte man die 24-teilige Rentierkollektion verstehen, die Zuhause mein Schlafzimmer ziert? Aber das hier ist selbst mir zu viel.
Vorsichtig, damit er mich nicht falsch versteht, will ich meine Hand aus Janniks ziehen. Ich mag ihn. Wirklich. Aber ich mache mir etwas vor, wenn ich denke, dass das hier zwischen uns etwas anderes als Freundschaft werden könnte. Doch Jannik packt meine Hand entschlossen fester und lässt mich nicht los.
»Du siehst nicht besonders glücklich aus, dafür, dass der Adventsmarkt so gut läuft.« Er trifft den Nagel wie immer direkt auf den Kopf.
»Ach, es ist nur der Stress,« wiegele ich ab und schäme mich abgrundtief für meine Lüge. Ich habe Jannik noch nie belogen. Aber in diesem Punkt kann ich ihm nicht die Wahrheit sagen.
»Vielleicht solltest du noch einen Glühwein trinken.« Vage deutet er in die Richtung des Feuerwehrstandes. »Oder eine Feuerzangenbowle. Nora hatte, als ich sie eben verlassen habe, bereits ihre dritte.«
»Nora ist hier?« Ich habe meine Freundin seit gestern Morgen nicht mehr gesehen, seit sie mit Jonah zusammen auf das Konzert verschwunden hat.
»Jep!« Jannik grinst plötzlich breit und wird langsamer. »Zusammen mit Mick, einem Bandkollegen von Jonah. Du hättest Dennis‘ Gesicht sehen sollen, als die beiden – gemeinsam – aufgetaucht sind. Sie hat den armen Kerl nicht einmal mehr gegrüßt.«
Meine Augenbrauen schnellen nach oben, da mir sonnenklar ist, was er mit gemeinsam meint. »Nora hat was mit einem Typ aus Jonahs Band? Und das erfahre ich von dir?« Pff, so viel zum Thema beste Freundin!
Jannik lacht ausgelassen, als er mein verkniffenes Gesicht sieht. Dabei geht es mir in diesem Moment gar nicht um Nora. Meine Freundin kann verführen, wen immer sie will, – das will ich gar nicht so genau wissen. Aber Noras Geschichte bietet mir genau die Ablenkung, die ich brauche. Denn eine andere, sehr viel drängendere Frage, liegt mir auf der Zunge.
»Ist dein Bruder auch wieder hier?« Ich frage beiläufig, als wäre es mir egal. Dabei pocht mein Herz so heftig, dass ich es bis in die Fingerspitzen spüren kann.
»Ja, ist er.« Wir haben den Eingang der Eislaufbahn erreicht. Das Lachen verschwindet aus Janniks Gesicht und er sieht auf unsere immer noch verschränkten Hände. Eine Sekunde huscht Bedauern über sein Gesicht, dann hebt er den Blick und ich könnte schwören, dass er gerade eine Entscheidung gefällt hat. Entschlossenheit steht in seinen Augen, seine Lippen sind zu einem feinen Lächeln verzogen. »Komm, lass uns zu ihnen gehen.«
Da ich keinen besseren Vorschlag habe, stimme ich ihm zu. Wir tauschen die Schlittschuhe gegen unsere Stiefel und gehen gemeinsam über den Adventsmarkt in Richtung der Feuerwehrbude. Mitten im Hauptdurchgang bleibt Jannik plötzlich stehen. Er kneift die Augen zusammen, als hätte er jemanden entdeckt, dann sieht er nach oben.
»Schau mal, wir stehen unter dem Mistelzweig.«
»Tatsächlich.« Nora, ich bringe dich um, für diese Idee!
Sein Blick wandert wieder nach unten, bleibt an mir hängen. Seine Mundwinkel zucken verdächtig, als er mir auf einmal näher kommt und seine Hände sanft an meine Wangen legt. »Es gibt Weihnachtstraditionen, Len, denen sollte man folgen. Sonst verärgern wir noch die Weihnachtsgeister.«
Irritiert schaue ich ihn an. Die Wärme seiner Hände kribbelt auf meinen kalten Wangen, dennoch versteife ich mich und fühle mich völlig überfordert. Nein, Jannik! Bitte nicht. Aber das Blau seiner Augen blitzt mich fröhlich und entschlossen an, meine Hände greifen wie von alleine nach seinen Armen und dann liegen seine Lippen auf meinen. Jannik küsst mich sanft und liebevoll, wie ein Flügelschlag, fast wie Magie. Und ich stehe da, mit diesem wundervollen Mann, den jede andere Frau in Fichtenstein liebt und gerne zum Freund hätte, nur ich nicht.
Automatisch kralle ich mich an ihm fest, will ihn nicht von mir stoßen, weil er doch mein bester Freund ist, und fühle gleichzeitig, wie falsch es ist, was wir hier tun.
Ein letztes Mal streichen Janniks Lippen behutsam über meine, dann weicht er ein paar Zentimeter zurück. »Ich liebe dich, Len. Du weißt vermutlich gar nicht, wie sehr. Und das hier, ist deine aller letzte Chance, bevor er verschwindet. Also vergeig es nicht! Weitere fünf Jahre schaue ich mir das nicht an.«
Was?
Meine Scham und meine Verzweiflung über den Kuss, der leider so wundervoll und doch so völlig falsch war, lösen sich in Nichts auf. Stattdessen starre ich Jannik an, als hätte er sich gerade in den Weihnachtsmann verwandelt. »Meine letzte Chance wofür? Jannik, wovon zur Hölle sprichst du?«
Er grinst mich so breit an, als hätte er gerade den Hauptgewinn der Tombola gewonnen, dann legt er den Arm um mich, und schiebt mich weiter durch die Menge. Einzelne Blicke folgen uns, ich höre Getuschel und ein entzücktes Kichern.
»Oh man, ich glaube, wir sollten es nicht übertreiben. Sonst kassiere ich heute noch eine.« Er hebt den Arm von meiner Schulter und deutet nach vorne. Mein Blick folgt ihm, da ich immer noch nicht verstehe, wovon er eigentlich spricht. Und dort, keine zehn Meter von uns entfernt im Schatten einer beleuchteten Bude und mit einem Gesichtsausdruck, als wolle er gleich jemanden umbringen, steht Jonah.

Mistelzweigmagie: Tag 15

Die eine verdammte Frage

Jonah

Samstag, 15. Dezember

Ich singe. Ich spiele. Ich schreie und verliere mich in der Musik. Noch nie habe ich mich bei einem Konzert so gehen lassen, denn noch nie haben mich meine Gefühle so zerrissen. Da ist keine Leere mehr in mir wie noch vor zwei Wochen. Da sind Wut, Verzweiflung, Trauer, Bedauern und vor allem ein Sehnen, das mir bisher vollkommen fremd war. Fast könnte es Heimweh sein.
Die Musik trägt mich und als ich die letzten Akkorde auf der Gitarre spiele und tosender Applaus über uns zusammenbricht, schreie ich meine ganzen Emotionen aus mir heraus.
Ich bin Jonah Sander.
Ich bin Jonah Storm.
Und die Welt liebt mich dafür.
Der Lärm dröhnt immer noch in meinen Ohren, als wir die Bühne nach mehreren Zugaben endlich verlassen und in unsere Kabine verschwinden. Anders als in Frankfurt ist James bereits da, mit ihm verschiedene Groupies und Presseleute. Tim hält mir wie üblich eine Flasche Jack Daniels hin, die ich auch diesmal dankbar greife.
»Geiles Konzert, Jungs!« James blasse Haut zieren rote Flecken. Seine schwarzen Haare sind stramm zurückgekämmt und er trägt einen maßgeschneiderten dunklen Anzug. Der Typ ist so glatt wie sein Outfit.
»Wir haben’s halt drauf!« Mick grinst über beide Ohren, während er die blonde junge Frau direkt neben unserem Manager neugierig mustert. »Wen hast du uns da mitgebracht?«
Ich trinke demonstrativ noch einen Schluck und unterlasse es, Mick zu warnen. Soll er sich doch an Nora die Finger verbrennen.
»Ich bin Nora, ich schreibe für eine lokale Zeitung.« Schmierblatt trifft es eher, aber ich korrigiere sie nicht.
Nora hält ihm die Hand hin, die Mick ergreift und eifrig schüttelt. Seine Augen bekommen einen gierigen Glanz und auf einmal sieht er aus wie ein Raubtier, das Beute wittert. Weibliche Beute, um genau zu sein. »Du schreibst über uns?«
Ich wende mich an und lasse mich stattdessen neben Tim auf eine Couch weiter hinten im Raum sinken. Neben ihm sitzt ein braunhaariges Mädchen, mit dem er sich angeregt unterhält. Bei Tim bleibt es allerdings bei der Unterhaltung, er liebt seine Frau zu Hause über alles.
»Du warst gut heute!« Tim unterbricht sein Gespräch und rammt mir kumpelhaft den Ellenbogen in die Seite. »So gut wie schon lange nicht mehr.«
»Danke!« Ich sollte mehr trinken. Oder gleich ins Hotel verschwinden. Oder zurück nach Fichtenstein fahren, zu Jannik. Und zu Len. »Die Pause hat mir gut getan.«
Tim kneift ein Auge zusammen und mustert mich eingehend. Dann lacht er offen und grinst über beide Ohren. »Zumindest siehst du nicht mehr ganz so abgewrackt aus wie noch vor zwei Wochen. Gibt es dafür einen Grund?«
»Ich war beim Frisör!« Blöde Frage, blöde Antwort.
»Das auch. Aber vielleicht liegt es auch an der blonden Schönheit, die du uns heute Abend mitgebracht hast und die drauf und dran ist, in Micks Verzeichnis zu landen.«
Mein Kopf ruckt nach oben. Nora und Mick unterhalten sich immer noch angeregt, während sie sich aufreizend die Haare hinter die Ohren schiebt. Ich gebe ihm noch eine Stunde, dann hat er sie so weit. »Nein, das ist nur Nora.«
Ich habe keine Lust mehr zu reden und schließe die Augen. Blende alles um mich herum aus, außer der Whiskyflasche in meiner Hand, aus der ich jetzt noch einen Schluck nehme. Tim wendet sich offensichtlich wieder dem Mädchen zu, zumindest lässt er mich in Ruhe.
Haben mich die letzten beiden Wochen wirklich so sehr verändert? Meine Mutter, Jannik – es hat unheimlich gut getan, sie wiederzusehen. Und ich merke, wie es mich beruhigt, zu wissen, dass es ihnen gut geht. Ich fühle mich ein Stück weit sicherer, geerdet und nicht mehr ganz so verloren. Allerdings lässt mir die Geschichte mit meinem Vater keine Ruhe, und der Zweifel, dass es doch kein Unfall war, zerreißt mich förmlich.
»Hättest du fünf Minuten für mich?«
Nora. Wie immer so willkommen wie eine Magen-Darm-Grippe. Mühsam öffne ich die Augen, die vom Alkohol und der Anstrengung des Konzerts schwer geworden sind.
»Jetzt?«
»Du hast mir ein Interview versprochen, schon vergessen?«
Grollend lehne ich mich nach vorne, stütze die Ellenbogen auf meine Knie und fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Tim neben mir ist verschwunden, daher nimmt Nora ungefragt auf der Couch platz.
»Drei Fragen.«
Nora schiebt ihre Unterlippe vor, aber sie widerspricht nicht. Sie tippe auf ihrem Handy herum und hält es mir schließlich unter die Nase. Es ist mir ein Rätsel, wie sie unsere Stimme in all dem Lärm später verstehen will, aber mir soll‘s egal sein.
»Was fühlst du, wenn du auf der Bühne stehst?« Noras erste Frage.
»Ich fühle mich großartig. Ich liebe die Musik und es ist das Größte für mich, auf der Bühne zu stehen und mit den Fans gemeinsam unsere Lieder zu spielen.« Was für ein Bullshit. Noras gehobene Augenbrauen unterstreichen, dass sie das ähnlich sieht.
»Du warst die letzten fünf Jahre unterwegs. Hattest du nie Heimweh?«
Ich bringe sie um. Irgendwann, wenn sie alleine unterwegs ist und uns niemand sieht, werde ich ihr eins überziehen und sie einfach liegenlassen. »Doch natürlich habe ich hin und wieder an zu Hause gedacht«, antworte ich schließlich widerwillig, nachdem ich sie mit einem wütenden Blick bedacht habe. Erneut greife ich nach der Flasche und nehme einen Schluck. Noras Augen folgen meiner Bewegung, sie sagt aber nichts. Stattdessen legt sie ihren Kopf schief und mustert mich. Ihre letzte Frage. Danach kann sie sich zum Teufel scheren.
»Gibt es eine Frau in deinem Leben?«
»Nein.«
»Auch nicht Len?«
Ich antworte ihr nicht. Schaue sie nur an und versuche alle Emotionen, die in diesem Moment durch meinen Körper peitschen, zu verstecken. Aber so ruhig ich mich gebe, so kalt und abgebrüht ich erscheinen mag, ich kann nicht verhindern, dass sich meine Finger krampfhaft um die Whiskyflasche legen.
Nora nickt langsam. Sie hat es gesehen. »Ich mag dich nicht Jonah. Und mir wäre die Alternative deutlich lieber, glaube mir. Aber ich liebe Len wie eine Schwester und will, dass sie glücklich ist.« Sie sieht mich eindringlich an. »Jannik ist ein feiner Kerl und wäre das Beste, was Len passieren könnte. Aber wir beide wissen, dass sie ihn eigentlich gar nicht will. Deinetwegen.«

Mistelzweigmagie: Tag 14

Von dummen Gänsen

Leonie

 

Freitag, 14. Dezember

»Du bist tatsächlich gekommen«, begrüße ich Jonah, als er um zehn nach fünf vor der Kirche auftaucht. Es ist bereits dunkel und die Lichter der Verkaufsbuden erstrahlen in hellem Glanz. Überall glitzert es um uns herum und obwohl der Weihnachtsmarkt erst morgen offiziell eröffnet wird, sind bereits heute eine Menge Leute hier. Die meisten von ihnen sind Helfer, die ihre Buden einrichten, einige aber nutzen den Abend zur inoffiziellen Glühweinprobe.
»Hattest du da Zweifel?«, brummt er missmutig und lässt seinen Blick über das Geschehen um uns herum wandern. In seinem Mundwinkel klemmt eine Zigarette, die er jetzt zu Boden schnipst und austritt.
»Lass mich kurz überlegen – ja durchaus!« Obwohl ich meine Aussage ernst meine, kann ich nicht verhindern, dass meine Mundwinkel zucken. Und auch in Jonahs Augen entdecke ich ein verräterisches Funkeln.
»Fordere mich nicht heraus, Len«, raunt er mir zu und tritt näher an mich heran, die Hände nun tief in seiner Jacke vergraben, einen dicken Schale um den Hals und eine Mütze auf dem Kopf. Er sieht ein bisschen verfroren aus, aber mein Mitleid hält sich in Grenzen. Die Eislaufbahn muss bis morgen früh stehen, da kann ich auch auf die zugegebenermaßen eisigen Temperaturen keine Rücksicht nehmen.
»Würde ich nie wagen«, gebe ich keck zurück und frage mich, was plötzlich mit mir los ist. Bis eben war ich ein einziges hochkonzentriertes Organisationskommando, ganz darauf bedacht, den Weihnachtsmarkt rechtzeitig fertig zu bringen. Doch kaum ist Jonah eine Minute auf der Bildfläche aufgetaucht, übernehmen meine verflixten Hormone. Verdammt!
Ein Kichern links hinter Jonah lenkt mich ab. Zwei Mädchen stehen keine fünf Meter von uns entfernt, ihre Handys in der Hand und machen ganz offensichtlich Fotos. Dabei tuscheln sie und kichern, was das Zeug hält. Eine von ihnen geht schließlich ein paar Schritte auf uns zu, bis sie direkt neben Jonah steht und ihn offen anhimmelt. Mich ignoriert sie konsequent.
»Jonah Storm!« Ein Hauch auf ihren Lippen. »Kriege ich … ein Autogramm?«
Ich beiße mir auf die Lippen, um nicht laut zu lachen. Jonah stiert mich warnend an, bevor er sich zu dem Teenie dreht. »Wohin?« Charmant wie immer. Aber anscheinend stehen die Teenies drauf. Und du auch, du dumme Gans, schelte ich mich innerlich.
Das Mädchen kramt hektisch in ihrer Tasche und zieht schließlich ihr Portmonee heraus. Mit einem Filzstift, den sie Jonah reicht, unterschreibt er und gibt ihr beides zurück. Bevor sie davonläuft, beugt sie sich vor und gibt Jonah so schnell einen Kuss auf die Wange, dass er nicht reagieren kann.
»Wehe du sagst irgendwas«, knurrt er mir zu, als das Mädchen wieder kichernd verschwunden ist. Ein Glucksen kommt aus meinem Mund, den amüsierten Kommentar halte ich zurück.
»Wo ist denn nun die verdammte Eislaufbahn?«, fragt Jonah ungeduldig und es ist offensichtlich, dass ihm die Situation mehr als unangenehm ist. Seine Schuld. Wäre er halt mal hiergeblieben und kein verdammter Rockstar geworden.
»Komm mit«, fordere ich ihn auf und gehe vor. Vorbei an den dekorierten Buden, einmal quer über den Markt. Wir sind fast da, als Jonah kurz innehält.
»Ihr habt es echt übertrieben mit der Deko dieses Jahr«, meint er trocken. Ich folge seinem Blick und stelle fest, dass wir beide unter dem Mistelzweig stehen, den wir an einer dünnen Schnur über dem Hauptdurchgang aufgehängt haben. Augenblicklich muss ich schlucken. Es war Noras Idee, ihn aufzuhängen. Ein Kuss unter dem Mistelzweig, für verliebte Paare oder solche, die es noch werden wollen, hat mir meine Freundin erklärt. Bis eben fand ich die Idee ganz süß, jetzt wünsche Nora auf den Mars.
»Funke ist vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.« Mmpf, sehr romantisch! Aber zumindest überspielt es die peinliche Situation, während beide immer noch unter dem Mistelzweig stehen und uns ganz sicher nicht küssen werden.
»So ein Mist!«, flucht Jonah ungehalten und setzt sich wieder in Bewegung. Weg von dem Mistelzweig und dem vermeintlichen Kuss, zu dem es sowieso nie kommen wird. Nach wenigen Schritten sind wir an der Eislaufbahn, also bei den Einzelteilen, da die Bahn ja noch nicht existiert. »Und jetzt?« Er wendet sich abrupt von dem sortierten Chaos vor uns ab und beugt sich zu mir. Weißer Raum kommt aus seinem Mund, der sich prickelnd auf meiner kalten Haut niederlässt. Ich sollte einen Schritt zurückweichen, da Jonah mit Absicht den gebührenden Abstand zwischen uns überschritten hat, aber wider besseren Wissens bleibe ich stehen.
»Funke hat für den Wochenboten geschrieben. Die haben mit Sicherheit ein Archiv, das wir uns mal ansehen könnten.«
Jonah schweigt, mustert mich. Er ist mir viel zu nahe und als er jetzt ausatmet, trifft sein warmer Atem meine Lippen.
Mein Herz bleibt stehen.
Die Lichter des Adventmarktes verschwinden in der Dunkelheit, alles was ich sehe, sind Jonahs dunkelbraune Augen. Du willst Jannik eine Chance geben, ermahne ich mich selbst. Es ist unfair, was du hier tust. Das hat er nicht verdient.
»Nora«, bringe ich heraus und verfluche meine viel zu dünne Stimme. »Nora kann uns helfen. Sie arbeitet für den ‚Wochenboten‘ und kann uns ins Archiv lassen.«
»Nora?« Eine Augenbraue hebt sich und ein abfälliges Schnauben entfährt Jonah. Er mag sie nicht besonders, das ist offensichtlich.
»Ja. Sie müsste auch gleich da sein, dann können wir mit ihr sprechen.«
Wir stehen uns immer noch gegenüber, viel zu nahe, als dass es unauffällig wäre. Und einen kurzen Moment habe ich den Eindruck, dass Jonah eigentlich etwas ganz anderes will, als mit mir über Funke oder die Eislaufbahn zu sprechen. Aber dann lehnt er sich zurück und schaut wieder missmutig zu den Einzelteilen vor uns. »Dann sollten wir uns beeilen hier fertig zu werden.«

***

Ohne Jonah wäre ich verloren. Das muss ich drei Stunden später widerstrebend zugeben. Aber wer versteht denn bitte auch eine fünfunddreißig Seiten lange Aufbauanleitung? Dagegen sind die Pax Schränke von Ikea eine nette Abendunterhaltung.
Das Eis glitzert im Licht der unzähligen Lampions, die rings um die Bahn in der Dunkelheit leuchten. Es ist noch nicht ganz fest, deshalb dürfen wir die Bahn erst morgen betreten. Aber mir tut jeder Knochen im Körper weh, ich würde jetzt so elegant fahren, wie eine Ente auf Rollschuhen.
»Nie wieder!«, flucht Nora ungebremst neben mir. Sie und Jannik sind vor zwei Stunden zu uns gestoßen und haben gemeinsam mit noch weiteren Helfern die Bahn aufgebaut. Unter meiner Anleitung. Und Jonahs, der jetzt die Tür zu der Bahn hinter sich schließt. »Solltest du noch einmal eine so fixe Idee haben«, fährt meine beste Freundin fort, während sie ihre Mütze auf ihren blonden Haaren zurechtrückt und ihre dicke Winterjacke schließt, »fahre ich über die Adventszeit in Urlaub. Kuba soll ja traumhaft sein zu dieser Jahreszeit.«
»Jetzt hab dich nicht so, morgen bist du sicher die Erste auf der Eisbahn.« Jannik stößt ihr den Ellenbogen in die Seite. Nora schnaubt empört, was er mich eine lauten Lachen beantwortet.
»Wollen wir zum Abschluss noch etwas trinken gehen?«, frage ich in die Runde. Nora stimmt mir sofort begeistert zu, aber Jannik wirft einen Blick auf die Uhr.
»So leid es mir tut, meine Schicht fängt in einer halben Stunde an. Aber morgen bin ich auf alle Fälle dabei!« Bedauernd verzieht er den Mund. Ihm ist deutlich anzusehen, dass er lieber geblieben wäre. Er verabschiedet sich von Nora und seinem Bruder, der hinter den beiden steht, bevor er zu mir kommt. Wir haben uns seit Donnerstag nicht mehr gesehen und mein Verhalten ihm gegenüber war heute alles andere als locker. Stattdessen war ich merkwürdig verklemmt, ja beinahe distanziert Jannik gegenüber, was ihm sicher aufgefallen ist. Daher gebe ich mir jetzt einen Ruck und schenke Jannik einen Kuss auf die Wange, als er mir leise »Bis Morgen« zuflüstert. Einen Moment sehe ich ihm nach, wie er zwischen den Verkaufsständen verschwindet, bevor ich mich Jonah und Nora zuwende.
»Können wir dann?« Jonah lehnt lässig am Geländer der Eislaufbahn und raucht. Aber ich erkenne an seinem angespannten Kiefer, dass er alles andere als gelassen ist. Er muss Jannik und meine Verabschiedung eben verfolgt haben und augenscheinlich hat ihm nicht gefallen, was er gesehen hat.
»Du kommst mit?« Nora klingt wenig begeistert.
»Wir wollten kurz mit dir sprechen«, springe ich dazwischen, bevor sich die zwei noch in die Haare bekommen.
»Ja?« Überraschung huscht über Noras Gesicht und kurz wirft sie mir einen skeptischen Blick zu. Ein Kopfschütteln beantwortet ihre unausgesprochene Frage, die augenblicklich zu einem erleichterten Aufseufzen seitens meiner Freundin führt. Nein, ich habe nichts mit Jonah.
»Worum geht’s?« Es fehlt nicht viel und Nora würde ihr Notizbuch zücken. Neugier flackert jetzt in ihren Augen.
Mit schnellen Worten setze ich sie über Jonahs Vater, unseren Verdacht und Funke ins Bild, während Jonah nur stumm zuhört. Er überlässt mir das Reden.
»Das ist unglaublich«, stimmt uns Nora zu, als ich geendet habe. »Und ich werde euch auf alle Fälle helfen. Ihr kommt nur so ohne weiteres nicht ins Archiv, dazu haben nur Mitarbeiter Zutritt. Aber mir fällt schon etwas ein. Es wäre echt unfassbar, wenn an den Vermutungen etwas dran wäre. Allerdings«, sie macht bewusst eine Pause und sieht zum ersten Mal seit meiner Erklärung zu Jonah, »allerdings will ich etwas dafür.«
»Nein, du kannst darüber nicht schreiben«, schiebe ich dazwischen, bevor Jonah mit einem unqualifizierten Kommentar Noras Vorschlag abbügelt. »Das ist zu privat, das musst du verstehen.«
»Das tue ich auch«, wehrt meine Freundin ab. »Zumindest so lange, bis ihr tatsächlich etwas gefunden habt. Das wäre ungeheuerlich, aber in diesem Kaff überrascht mich nichts mehr.«
»Was willst du dann?« Jonahs dunkle Stimme ist ein einziger Vorwurf. Und ich kann ihn verstehen, immerhin geht es um seinen Vater.
»Deine Band gibt morgen ein Konzert in Mannheim. Ich will mit in den Backstagebereich. Und ich will ein Interview mit dir.« Noras ist abgebrühter als jeder Geschäftsmann.
»Macht in diesem verdammten Kaff eigentlich niemand etwas umsonst?« Aufgebracht zieht Jonah sich die Mütze vom Kopf und fährt sich durch die kurzen Haare.
»Das Konzert und ein Interview, bevor du mit der Band in die USA verschwindest.«
Jonah flucht ausgelassen und seine Hände verkrampfen sich. Es ist bekannt, dass er Interviews hasst und der Presse bisher so gut wie nichts über sein Privatleben verraten hat. Aus gutem Grund. »Meinetwegen.« Aber diesmal hat er keine Wahl, wenn er wirklich weiterkommen will.
Das Grinsen auf Noras Gesicht nimmt apokalyptische Dimensionen an. »Na dann bis morgen!« Sie dreht sich zu mir. »Bekommt ich jetzt endlich meinen Glühwein?«
»Mindestens einen! Holst du uns schonmal welche? Ich komme gleich«, bitte ich meine Freundin und gebe ihr damit klar zu verstehen, dass ich kurz mit Jonah alleine reden will. Noras Blick spricht Bände. Himmel, was denkt sie denn, was ich jetzt hier mit ihm veranstalte? Wilden Sex in aller Öffentlichkeit?
Kaum hat Nora uns den Rücken zugedreht, weicht die Anspannung von mir. Jonah hat die Hände in die Jackentaschen geschoben und sieht ihr grimmig hinterher. »Sorry, aber ich mag sie nicht«, fährt er aus.
»Ich weiß.« Mein Grinsen lässt sich nicht unterdrücken, bevor ich gleich wieder ernst werde. »Ihr fliegt in die USA?«
Seine Schultern sacken eine Winzigkeit nach unten und plötzlich sieht er wieder unglaublich verloren aus. »Ja, direkt nach Weihnachten.«
Der Boden unter mir tut sich auf und ich falle. Falle im freien Flug und nichts niemand hält mich auf. Mein Brustkorb krampft sich zusammen und auf einmal habe ich Probleme zu atmen. Ich wusste, dass er wieder geht, wusste, dass ich ihn wieder verlieren werde. Er hat bis heute nicht gesagt, wie lange er bleiben wird. Es war naiv zu glauben, dass es für länger ist.
Ich merke erst, dass ich auf meine Füße starre als warme Finger mein Kinn berühren und meinen Kopf nach oben zwingen. Dunkle Augen treffen auf meine und ich erkenne den gleichen Schmerz, der auch mich zerreißt.
»Wirst du wiederkommen?«, wispere ich und verfluche mich augenblicklich.
Jonah sieht mich an und schweigt. Die Wärme seiner Finger brennt sich kribbelnd in meine Haut, lässt mich wünschen, dass dieser Moment nie enden würde.
»Ich weiß es nicht.«

Mistelzweigmagie: Tag 13

Hoffnungsschimmer

Jonah

Donnerstag, 13. Dezember

Weißer Rauch vernebelt die Luft, gedämpfte Musik erklingt aus einer alten Jukebox, während funseliges Licht die düstere Atomsphäre abrundet. Hohe Stehtische stehen in dem kleinen Raum verteilt, dessen Großteil eine Bar aus dunklem Holz auf der linken Seite einnimmt. Die Alkoholauswahl ist riesig, wobei so gut wie jeder, der die einzige Kneipe im Ort besucht, ausschließlich Bier trinkt.
Jeder Ortsfremde würde nach nur einer Minute die runtergekommene Kneipe wieder verlassen, dessen ganze Atmosphäre etwas von einer siffigen Absteige hat. Von den sanitären Anlagen ganz zu schweigen. Für uns jedoch ist der »Krug« Kult. Hier haben wir unseren ersten Vollsuff erlebt, hier haben wir das erste Mal gepokert. Und hier werden wir, wenn die Zeit gekommen ist, unseren letzten Atemzug nehmen. Ein echter Fichtensteiner weiß, was er am »Krug« hat. Und deshalb ist die Kneipe selbst an einem Donnerstagabend brechend voll.
Ich hänge meine Lederjacke an die Garderobe, bevor ich in den Dunst aus Bier, Schweiß und Zigarettenrauch eintauche. Es ist fast wie nach Hause kommen. Und zum ersten Mal seit ich in Fichtenstein zurück bin, muss ich ehrlich lächeln. Was haben wir hier nicht alles erlebt! Tim hat eine Flasche Jacky auf Ex getrunken und anschließend die ganze Nacht gekotzt, Nora hat einen unvergesslichen Table Dance auf einem der Stehtische hingelegt, hier haben wir unser erstes Konzert gegeben. Mein Blick fällt unweigerlich auf die kleine Bühne auf der rechten Seite, auf der sich jetzt Kartons und leere Bierkästen stapeln. Aber ich bin nicht hier um in Erinnerungen zu schwelgen. Ich bin hier, um mehr über meinen Vater zu erfahren.
Neugierige Blicke folgen mir, als ich mich durch die Gäste bis zur Bar durchquetsche. Immer wieder höre ich meinen Namen, mal interessiert, mal abfällig. Jeder hier weiß, wer ich bin. Der einzige Sohn aus diesem Kaff, der berühmt geworden ist. Der weltbekannte Rockstar, der sich dazu bequemt, plötzlich nach Hause zu komme. Meine Abscheu vor den Leuten um mich herum könnte kaum größer sein. Nachdem, was ich von Lens Vater erfahren habe, haben einige von ihnen geschwiegen. Und womöglich sogar gelogen.
»Hey Mann, schön dich mal wieder hier zu sehen!« Frank, die Maschine, wie wir ihn früher immer genannt haben, hat sich kaum verändert. Immer noch derselbe abgewrackte Look wie vor fünf Jahren. Vielleicht ein oder zwei Tattoos auf seinen Armen mehr, aber ansonsten sieht der Besitzer des »Krug« aus wie immer.
Ich schenke ihm ein angestrengtes Grinsen, bevor ich mich am Tresen niederlasse. Zwei Sekunden später steht ein Bier vor meiner Nase.
»Wie geht’s dir? Besonders gut siehst du nicht aus.« Frank ist ehrlich wie immer.
Mein Grinsen wird zu einem Zähnefletschen, aber ich nehme es ihm nicht übel. Dafür haben wir zusammen zu viel erlebt. Nicht nur in dieser Bar. »Du auch nicht«, gebe ich zurück. »Sind die neu?« Fragend nicke ich auf zwei tätowierten Namen auf Franks rechtem Unterarm.
»Jep. Hab zwei Kinder bekommen.« Unvorstellbar, dass es tatsächlich nur zwei sind bei seiner Schlagzahl.
»Meinen Glückwunsch!« Ich nehme einen großen Zug aus dem Glas vor mir und wische mir anschließend über den Mund. »Kann ich dich etwas fragen?«
»Klar!« Frank geht zum Zapfhahn und beginnt, ein neues Bier zu zapfen. Ich lege meine Hände um mein kaltes Glas. Wenn mir einer helfen kann dann er.
Aber bevor ich dazu komme, Frank eine Frage über meinen Vater zu stellen, schiebt sich jemand auf den Stuhl neben mich. Viel zu nahe, als dass Frank und ich weiter ungestört reden könnten. Verdammt, schonmal was von Mindestabstand gehört? Verärgert sehe ich zu der Frau, die jetzt ihre Tasche an den Barhocker hängt und anschließend ebenfalls ein Bier bestellt. Dann dreht sie sich zu mir und schaut mich aus haselnussbraunen Augen herausfordernd an. Innerlich stöhne ich auf. Ich habe ihr zwei Tage gegeben, bis sie zu mir kommt. Len hat genau einen gebraucht.
»Was willst du hier?«, zische ich ihr zu, obwohl es eigentlich nur einen Grund geben kann, dass sie nach unserem Streit vor dem Haus ihrer Eltern, wieder meine Nähe sucht.
»Ich habe Jannik gefragt, wo du bist. Obwohl ich es eigentlich auch so wusste.« Sie nimmt Frank dankend ihr Bier ab und nimmt einen Schluck. Weißer Schaum bleibt auf ihrer Oberlippe zurück, den sie sich in einer schnellen Bewegung ableckt. »Ich werde dir helfen.«
»Du wirst jetzt deinen hübschen Hintern von diesem Hocken heben und direkt wieder nach Hause spazieren!«, fahre ich sie an. Ich will nicht, dass sich Len in meine Angelegenheiten einmischt. Schon gar nicht, wenn sie meinen Vater betreffen.
»Nein.« Sie funkelt mich entschlossen an. So langsam wird mir klar, warum ihre Schüler Respekt vor ihr haben.
»Es ist meine Sache, Len. Dabei kannst du mir nicht helfen.«
»Das kann ich sehr wohl. Zum einen, weil ich die letzten Jahre hier war und zum anderen, weil mir die Leute vertrauen. Mit mir werden sie reden, wenn wir etwas herausfinden müssen. Nicht wahr, Frank?« Sie zwinkert dem Barkeeper, der sich in diesem Augenblick wieder vor uns aufgebaut hat, aufreizend zu.
»Für dich doch immer, Len!« Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, Frank flirtet.
»Musst du nicht irgendetwas für diesen bescheuerten Weihnachtsmarkt erledigen?« Das darf doch nicht wahr sein. Ich will nicht, dass sie sich mit meinem Vater befasst. Ich will sie noch nicht einmal sehen.
»Alles schon fertig für heute. So schnell wirst du mich nicht los, Jonah.« Ihre eben noch herausfordernde Miene wird ernst, entschlossen. »Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Ich weiß, warum du hier bist. Und ich werde dir helfen, weil ich auch wissen will, was vor zwölf Jahren geschehen ist.«
Ich habe keine Chance. Sie wird sich keinen Zentimeter rühren.
»Ich kenne dich Jonah«, fährt sie fort und in ihren Augen spiegelt sich Bedauern. »Ich weiß, dass du mit Jannik nicht über deinen Vater gesprochen hast. Du willst das alleine herausfinden. Du willst das alleine lösen und alleine mit dir ausmachen. So wie du alles in deinem Leben alleine machst. Aber das lasse ich diesmal nicht zu.«
Ich presse die Lippen zusammen. Natürlich hat sie recht, dafür kennt mich Len einfach zu gut. Aber dennoch bleibt eine nagende Frage. »Warum?«
Sie sieht mich an. Offen und ehrlich. Und weil ich sie ebenso gut kenne, sehe ich die Antwort in ihrem Augen.
Weil sie mich liebt.
Weil sie mich will.
Und weil sie hofft, dass sie mich durch die Bewältigung meiner Vergangenheit bekommt.
Und dieses Mal wird sie nicht locker lassen. Dieses Mal wird sie nicht verschwinden, egal, was ich ihr an den Kopf werfe. Weil sie dieses Mal eine Chance sieht. Verdammt!
Fluchend wende ich mich ab, fahre mir aufgebracht durch die Haare. »Na dann los, hilf mir!« Ich versuche gar nicht erst, meine Wut zu unterdrücken. Lens Verhalten regt mich auf. Nicht nur, weil sie sich in Dinge einmischt, die sie nichts angehen. Sondern weil sie mir einmal mehr bewusst macht, warum auch ich sie liebe.
Einen Augenblick hält Len meinem wütenden Blick stand, dann greift sie in ihre Tasche und zieht ein zusammengefaltetes Papier heraus. »Voilà!«
»Was ist das?« Skeptisch mustere ich den dünnen zusammengefalteten Zettel in ihrer Hand. Ich erkenne dicht gesetzte Schriftzeichen und ein Foto auf der Rückseite. Es muss ein Zeitungsartikel sein.
»Das ist der Artikel über den Unfall deines Vaters.« Bestätigt Len meine Vermutung, macht jedoch immer noch keine Anstalten, mit den Bericht auszuhändigen. Instinktiv greife ich danach, aber sie zieht ihre Hand sofort zurück. »Der Artikel ist zwölf Jahre alt. Ich habe ihn in den Unterlagen meines Vaters gefunden und mich überrascht ehrlich gesagt, dass er den Hinweis übersehen hat.«
»Was für einen Hinweis?« Meine Wut ist verflogen. Stattdessen wird die Skepsis größer und tief in mir drinnen brandet Neugier auf. Gibt es tatsächlich einen Anhaltspunkt, dem wir folgen können? Ist es wirklich so einfach?
»Ich will etwas dafür!« Der Zeitungsartikel verschwindet in ihrer Tasche und sie verschränkt die Arme vor der Brust.
Verblüfft schaue ich zuerst zu ihrer Tasche, dann zu ihr. »Ich dachte, du wolltest mir helfen?« Versteh einer die Frauen.
»Will ich auch. Aber das heißt nicht, dass nicht etwas für mich dabei drin ist.« Ihr Blick bekommt etwas Verschlagenes. Und eine böse Vorahnung überrollt mich.
»Was willst du?« Meine Frage ist ein einziges Knurren.
»Die Eislaufbahn. Ich kann die unmöglich alleine aufbauen. Außerdem habe ich die Erklärung nicht ganz verstanden«, gibt sie kleinlaut zu.
Erst starre ich sie an, dann bricht ein lautes Fluchen aus mir heraus. Sie lässt mir keine Wahl und das weiß das kleine Biest ganz genau. »Gib mir den Artikel Len, bevor ich dir hier vor allen Leuten den Hintern versohle!«
Kurz blitzt etwas in ihrer Augen auf, das ich nicht deuten kann, dann greift sie in ihre Tasche. »Morgen um fünf!«
Mir entfährt ein wütendes Schnauben. Als ich mich vorbeuge, um ihr endlich den Bericht aus der Hand zu reißen, berühren sich unsere Finger. Wie ein Blitz zuckt die Berührung durch mich hindurch, friert meine Bewegung ein und lässt meine Hand auf ihrer liegen. Meine Augen suchen ihre und eine Sekunde sieht sie mich erschrocken an. Dann zieht sie entschlossen ihre Hand weg und überlässt mir den Zettel.
Schnell überfliege ich die Zeilen. Es tut weh, erneut alle Details über den Unfall meines Vaters in einem so nüchternen Bericht zu lesen. Denn es war viel mehr als einfach nur ein Unfall. Es war unser Leben, was am 16. November 2006 auf der Landstraße zwischen Fichtenstein und Nordstadt gestorben ist.
»Alles, was da steht, wissen wir.« Kopfschüttelnd sehe ich zu Len.
»Lies genauer, Jonah. Der LKW-Fahrer hat Fahrerflucht begangen, sie haben ihn nie gefasst«, erklärt mir Len und klingt in diesem Moment wieder wie eine Lehrerin. »Aber woher weiß dann Funke, der den Bericht geschrieben hat, dass er Pole war?«

Mistelzweigmagie: Tag 12

Chancen

Leonie

Mittwoch, 12. Dezember

Jannik lächelt mich freudestrahlend an. Ich erwidere das Lächeln, doch alles, was durch meine Gedanken wummert, sind die Worte meines Vaters. Der Tod von Jonahs und Janniks Vater war kein Unfall. Davon zumindest geht Jonah aus und will dem jetzt auf den Grund gehen. Ob Jannik davon weiß?
Charmant hält mir dieser in diesem Augenblick die Tür zu einem kleinen italienischen Restaurant auf und raunt mir im Vorbeigehen noch einmal zu, wie sehr er sich freut, mich heute Abend ausführen zu dürfen.
Natürlich hat Jannik keine Ahnung, beantworte ich mir meine Frage selbst, während er mir aus meinem Mantel hilft und diesen in die Garderobe hängt. Er trägt ein blaues Sakko über seinem hellblauen Pullover und eine Jeans und sieht einmal mehr aus, wie ein Model aus einem Modekatalog. Oder wie die freundlichere, liebevollere – unschuldigere – Version seines Bruders. Jonah hat Jannik schon immer beschützt. Er hat ihn immer von allen Gefahren ferngehalten und hat sich um ihn gekümmert. Nur seinetwegen hat er mich von sich gestoßen. Er würde den Teufel tun, seinem Bruder von seinem Verdacht zu erzählen.
Ein Kellner kommt auf uns zu und führt uns beide zu einem kleinen Tisch am Fenster. Es ist mein Lieblingsrestaurant, in das mich Jannik heute Abend entführt. Helle Tischdecken liegen auf den runden Tischen, dezente Weihnachtsdekoration darauf. Eine bunte Lichterkette erleuchtet das Fenster und nur leises Stimmgewirr erfüllt es Raum. Die Atmosphäre ist perfekt. Die Location ist perfekt. Und auch Jannik, der sich jetzt mir gegenüber niederlässt und seine Nase in die Weinkarte steckt, ist perfekt.
Nur ich bin es nicht.
Nicht weil mein blaues Kleid einen kleinen Fleck am Saum hat oder meine Stiefel dringend mal wieder geputzt werden müssten. Oder weil meine Frisur heute nicht mehr als ein langweiliger Pferdeschwanz ist und ich auf Schminke fast komplett verzichtet habe.
Nein.
Ich bin nicht perfekt, weil ich diesen wundervollen Mann vor mir eigentlich gar nicht will. Und mit jeder Sekunde, die vergeht, fühle ich mich schlechter. Jannik gibt sich so viel Mühe, er strahlt so viel Freude und auch Zuneigung aus, dass ich ihm wenigstens eine Chance geben sollte. Wenigstens eine ehrlich gemeinte Chance, das hat er sich verdient. Daher gebe ich mir einen gedanklichen Arschtritt und schiebe vehement alle anderen Gedanken an ungeklärte Unfälle oder nervenaufreibende Rockstars beiseite und konzentriere mich – endlich – auf heute Abend. Und auf mein allererstes echtes Date mit Jannik.
»Was möchtest du trinken?« Jannik schaut mich über den Rand der Weinkarte erwartungsvoll an.
»Einen Aperol sprizz!« Ja, es ist Mittwoch. Und ja, ich muss morgen wieder arbeiten. Aber zwei Dates in einer Woche überfordern sogar mich. Und ich habe es immerhin drei Monate mit Florian Schröder ausgehalten.
»Alles klar, dann nehme ich auch einen.« Jannik grinst verstohlen, sodass sich Grübchen in seiner Wange bilden. »Wie war dein Tag?«
»Anstrengend. Ich habe eine Deutscharbeit geschrieben und kann jetzt schon sagen, dass die Hälfte der Kinder nicht verstanden hat, was ich von ihnen wollte.«
»Mmh. Und das bei der Lehrerin.« Er zwinkert mir zu.
Ein Kellner kommt und nimmt unsere Bestellung auf. Neben dem Aperitif bestelle ich mir frische Pasta mit Trüffeln und einen kleinen Salat, Jannik nimmt ein Rinderfilet mit Gemüse.
»Findest du es nicht irgendwie merkwürdig, dass wir hier sitzen?«, platzt es aus mir heraus.
»Inwiefern?« Jannik legt seine Hand auf den Tisch. Nur wenige Zentimeter von meiner entfernt. Automatisch will ich sie wegziehen, halte ich aber dann noch davon ab. Du willst ihm eine Chance geben, erinnere ich mich.
»Naja, normalerweise würde ich jetzt bei dir auf der Couch sitzen und wir schauen zum x-ten Mal eine Wiederholung von »Big Bang Theory«. Wir waren noch nie zusammen essen, glaube ich. Zumindest nicht so.« Ich stammle. Und ich klinge fast so hysterisch wie meine Tante Magda, wenn sie über ihre Pudelzucht spricht. Vielleicht macht dieser Abend ja doch etwas mit mir, das mich noch überrascht.
Jannik lacht hell auf. Es klingt so ehrlich, so warm, dass ich mich entspannt zurücklehne und meinen Mund zu einem breiten Lächeln verziehe.
»Vermutlich. Aber es wurde Zeit, meinst du nicht?« Obwohl immer noch die Freude in seinen Augen funkelt, meint er seine Frage ernst. Es geht hier um mehr als nur ein Abendessen. Es geht um unsere Freundschaft und was daraus werden könnte.
»Ja«, antworte ich ehrlich. Jannik hat diese Chance verdient. Er ist großartig und ich wäre dumm und närrisch, wenn ich es nicht wenigstens versuchen würde.
Erleichterung zuckt über seine Züge, die aber sofort durch ein erneutes Grinsen abgelöst wird. »So, und jetzt sprechen wir darüber, wie wir Nora davon abhalten, am Wochenende mit Daniel im Bett zu landen.«
Fast pruste ich ihm meinen Schluck Aperol sprizz entgegen, den ich gerade getrunken habe, doch Janniks feixendes Grinsen verrät ihn. Es war ein Scherz.
Es ist leicht einen Abend mit Jannik zu verbringen. Er ist lustig, charmant, wirft immer wieder neue Themen auf und so vergehen die zwei Stunden bis wir uns verabschieden wie im Fluge. Ich entspanne mich in seiner Gegenwart und mehr als einmal erwische ich mich dabei, wie ich mir vorstelle, dass es immer so sein könnte. Unbeschwert, leicht. Er macht es mir, sehr einfach ihn zu lieben. Und das tue ich, als Freund. Aber würde es für eine echte, romantische Liebe langen?
Als er sich erneut mit einem Küsschen auf die Wange verabschiedet, fährt ein warmes Kribbeln durch meinen Körper hindurch. Ich beiße mir auf die Unterlippe, während er wieder in sein Auto steigt und davon fährt und kann nicht verhindern, dass sich meine Mundwinkel heben. Ich fühle mich gut, glücklich. Es war ein wirklich schöner Abend.
Und doch will mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Was ist, wenn der Tod von Jonah Vater tatsächlich kein Unfall war? Hätte das etwas geändert? Wäre er dann nicht geflohen, hätte sich in Schuld und Verantwortung vergraben und allem den Rücken gekehrt? Hätte ich dann heute Abend mit dem anderen Bruder beim Italiener gesessen? Und Jannik nie eine Chance gegeben?