Leseprobe zu „Zauberhaft verhext“

Kapitel 1

LIZ

Ist euch schon einmal aufgefallen, dass sich hübsche Frauen häufig eine unattraktive Freundin suchen? Eine, die ihnen nicht die Show stiehlt, die keine Konkurrenz ist, die sich jederzeit alle Herz-Schmerz-Geschichten über letzte Nacht anhört, Ratschläge und Tipps gibt, in Seelenruhe jeden Liebeskummer mit übersteht und dabei alles geduldig erträgt?
So eine Freundin bin ich glücklicherweise nicht – bei mir ist es noch viel, viel schlimmer.
Ihr kennt doch sicher die Aschenputtel-Geschichte? Bedauernswertes Mädchen mit böser Stiefmutter und zwei sie hänselnden Stiefschwestern heiratet schließlich den schönen, reichen Prinzen?
Das bin ich auch nicht.
Das ist meine Schwester Amy.
Ich bin eine der Stiefschwestern.
Nein, nicht die hübsche, arrogante Zicke, sondern die andere, die pummelige. Glaubt mir, ich wäre lieber die unattraktive Freundin, anstatt die langweilige Schwester zu sein. Die, die jeder übersieht, die die hässliche Weihnachtskarte vom letzten Jahr bekommt, die auf Familienfotos immer in der zweiten Reihe steht, die voller Neid zusieht, wie ihre Schwestern mit wunderschönen Kleidern für den Abschlussball ausstaffiert werden, während sie selbst ein Kleid aus dem Ausverkauf erhält, und die, die selbstredend bis heute keinen festen Partner hat. Verdammt!
Und deswegen sitze ich jetzt auch alleine an diesem wunderhübsch gedeckten Tisch und starre die Platzkarte vor mir an: Felizia Baumann. Dreißig Jahre. Single – das steht da natürlich nicht.
Doch weil ich Single bin, hat auf dem Stuhl neben mir kein charmanter, Höschen-feucht-werden-lassender und nur mir ergebener Mann Platz genommen, sondern meine Tante Gertrude. Und neben ihr Amys rothaariger, blasser Cousin, der mich schon den ganzen Abend anzüglich angafft. Scheiße, sind Hochzeiten frustrierend! Meine Schwester Clarissa hat es natürlich geschafft, mit einem halbwegs vernünftigen Exemplar von einem Mann aufzutauchen. Passabel anzuschauen, charmant, und solange man nicht den Fehler macht und eine sinnvolle Unterhaltung mit ihm führen will, ist er für einen Abend eine nette Begleitung.
Ich greife nach dem Glas Prosecco und trinke es in einem Zug aus. Zu spät fällt mir ein, dass ich als Amys Trauzeugin noch eine Rede halten muss. In meiner Handtasche habe ich den Text versteckt … ein paar Zeilen … okay, vermutlich sind es nur drei Stichpunkte, aber das muss für heute Abend ausreichen.
Der Prosecco prickelt meine Kehle hinab, und ich stehe auf, weil ich noch einmal meine Frisur überprüfen will, bevor ich mich vor den dreihundert Gästen im Saal zum Affen mache. So elegant wie möglich schiebe ich mich an Gertrude vorbei und hoffe inständig, dass ich mit meinen 10-Zentimeter-Schuhen nicht hinfalle. Aber jeder Zentimeter Absatz kaschiert optisch zwei Kilo – sagt zumindest meine Mutter. Deshalb hat sie auch darauf bestanden, dass ich diese verflucht hohen und höchst unbequemen High Heels anziehe. Meine Chucks wären mir lieber gewesen, aber selbst ich habe eingesehen, dass zu dem violetten Spitzenkleid keine ausgelatschten Schuhe passen.
So stolziere ich also, höchst konzentriert auf einen möglichst elegant-sicheren Gang, zwischen den Tischen hindurch und fixiere dabei nur die große Flügeltür, die zu den Waschräumen führt.
»Liz!«, erklingt die liebevolle Stimme meiner Stiefschwester hinter mir. Ich drehe mich zu ihr um. Amy sieht so bezaubernd aus, dass ich instinktiv lächeln muss. Sie trägt ein eng geschnittenes, cremefarbenes Hochzeitskleid mit jeder Menge Spitze und Taft. Ihre dunkelblonden Haare sind kunstvoll zu einer aufwendigen Hochsteckfrisur drapiert, und ihre grünen Augen strahlen vor Glück. »Liz«, wiederholt sie und lächelt mich an, »ich möchte kurz mit dir sprechen.«
Amy hat das alles hier verdient. Mehr als jeder andere Mensch, den ich kenne. Sie hatte es nie leicht in unserer Familie, ist nie wirklich glücklich gewesen und hat sich doch ihre liebenswerte, zuvorkommende Art erhalten. Dass sie heute Quentin heiratet, ist mehr als gerecht. Auch wenn meine Mutter und meine Schwester das vermutlich anders sehen.
»Natürlich, was gibt es?« Ich hoffe inständig, dass sie nicht über meine Rede sprechen will.
Ein unsicherer Ausdruck huscht über Amys Gesicht, dann schiebt sie mich durch die Tür, ein paar Schritte den Flur hinunter. Ich bin zu überrascht, als dass ich protestiere. Außerdem bin ich immer noch damit beschäftigt, nicht hinzufallen. Vor einem Zimmer neben den Toiletten bleibt Amy stehen, tritt, ohne zu zögern, ein und macht das Licht an. Ich folge ihr neugierig – es muss sich ja um etwas wirklich Spektakuläres handeln, wenn sie nicht in der Öffentlichkeit mit mir sprechen möchte. Es kann also nicht die Rede sein.
Ich lege den Kopf schief und hebe fragend meine Augenbrauen. Amy bleibt vor mir stehen, einen feierlichen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Oh mein Gott!
»Bist du schwanger?«, platzt es aus mir heraus, denn das ist das Einzige, was für mich angesichts dieser merkwürdigen Situation Sinn macht.
»Was?« Amy runzelt die Stirn. »Nein. Wie kommst du darauf?« Ihre Hand geht automatisch zu ihrem Bauch.
Ich hebe genervt die Arme und zeige auf das leere Zimmer um uns herum. Neben einem Bett steht ein großer Koffer, und ich entdecke jede Menge Schminkutensilien auf einem Tisch. Anscheinend hat sich Amy hier für die Hochzeit zurechtgemacht.
Meine Schwester versteht und lacht leise. »Nein, darum geht es nicht. Ich … Liz, du warst die Einzige, die immer zu mir gehalten hat. Du hast versucht, mich zu beschützen, und mir geholfen, wenn unsere Mutter mal wieder zu herrisch geworden ist. Ich möchte dir dafür danken!«
Ich starre sie an, und dann kann ich nicht anders, als ihren schlanken Körper an meinen zu drücken. »Dafür musst du mir nicht danken!«, murmele ich leise. Amy ist meine Schwester. Aber sie ist auch meine beste Freundin – und für sie würde ich alles tun.
Sie löst sich wieder aus meinen Armen und schiebt mich sacht von sich. »Doch, ich möchte es aber. Außerdem gibt es da noch etwas, was ich dir gerne schenken würde.« Sie verzieht ihren hübschen Mund zu einem breiten Grinsen. Ihr Gesichtsausdruck bekommt etwas Verschlagenes, und mir fällt in diesem Moment alles Mögliche ein. Ich hoffe inständig, dass sie mir kein Blind Date arrangiert hat, auch wenn meine Mutter dazu applaudieren würde.
»Lilly!«, sagt Amy laut in den Raum hinein. Ich runzele meine Stirn. Der Raum ist leer. Und wer ist Lilly?
»Lilly!«, wiederholt meine Schwester, und ihre Stimme bekommt einen genervten Unterton.
Neben uns macht es »Plopp«, und – ich traue kaum meinen Augen – mit einem Mal sitzt ein junges Mädchen auf dem Bett. Mir entfährt ein erschrockenes Keuchen, während ich automatisch einen Schritt zurück mache.
»Runter vom Bett!«, fährt meine Schwester das Mädchen an, das uns einen trägen Blick zuwirft und eine Kaugummiblase formt. Ich schaue panisch zu Amy, aber meine Schwester scheint weder überrascht noch ängstlich. Ganz im Gegenteil.
»Das ist Lilly, meine gute Fee«, erklärt mir Amy und deutet auf das Mädchen, das sich jetzt aufsetzt und seine Beine über die Bettkante baumeln lässt. Lilly trägt abgewetzte Turnschuhe, eine zerrissene dunkle Jeans und ein schwarzes Tanktop mit einem Totenkopf darauf. Rot gefärbte Haare umranden in langen Strähnen ihr schmales Gesicht. Ich schätze sie auf höchstens siebzehn.
»Amy, wer ist das?« Ich versuche, ruhig zu bleiben, auch wenn ich nichts von dem verstanden habe, was meine Schwester mir gesagt hat.
»Hat sie doch eben gesagt.« Das Mädchen steht auf und kommt auf uns zu. »Ich bin ihre gute Fee. Zumindest war ich das bis eben.« Sie klingt gelangweilt.
Ich sehe von ihr zu Amy und zurück. Sie verarschen mich, ganz sicher.
»Lilly!« Amys Stimme ist ruhig und bestimmt. »Ich schenke dich hiermit meiner Schwester Felizia. Du wirst ihr drei so wunderbare Wünsche erfüllen, wie du es bei mir getan hast.«
»Was?«, entfährt es mir und dem Mädchen gleichzeitig.
»Das kann nicht dein Ernst sein!« Lilly ist alles andere als begeistert.
»Was für Wünsche?« Und ich verstehe immer weniger.
Amy lächelt nur wissend. »Ihr werdet euch wunderbar verstehen, da bin ich mir sicher«, zwinkert sie mir zu und macht Anstalten, zur Tür zu gehen. Ich will ihr folgen, aber eine Ahnung beschleicht mich, dass wir hier noch nicht fertig sind. Drei Wünsche? Wie in einem Märchen?
»Wieso hast du mir nie etwas von ihr erzählt? Oder von den Wünschen?«, frage ich meine Schwester, bevor sie verschwinden kann. Hallo, wenn mir plötzlich jemand drei Wünsche anbieten würde, hätte ich sofort zum Telefon gegriffen und Amy angerufen.
Amy legt den Kopf schief und lächelt entschuldigend. »Das ist Teil des Deals. Du darfst niemandem von der guten Fee erzählen, ansonsten verschwindet sie, ohne dir deine Wünsche zu erfüllen. Und glaube mir, es lohnt sich.« Sie grinst verschmitzt und lässt uns alleine zurück.
Ich drehe mich zu dem Mädchen um und mustere es noch einmal von oben bis unten. Sollte es tatsächlich so etwas wie gute Feen geben, dann ist diese Lilly sicher keine. Sie ist eine typische Rotzgöre, und ich sollte schauen, dass ich auf die Toilette komme.
»Was glotzt du so? Noch nie eine Fee gesehen?« Eine Kaugummiblase platzt direkt vor meinem Gesicht.
»Du willst eine Fee sein?« Niemals – abgesehen davon, dass es Feen nicht gibt. Sie gehören in Märchen, und an Märchen glaube ich schon lange nicht mehr. Bleibt nur die Frage, wie Lilly so aus dem Nichts auftauchen konnte.
»Jap.« Sie wirft sich wieder auf das Bett.
»Alles klar. Dann noch einen schönen Abend.« Ich gehe zur Tür. Keinen Moment länger will ich mir diesen Quatsch anhören.
Ich habe die Klinke schon in der Hand, als mich ihre Worte zurückhalten. »Willst du dir denn nichts wünschen?«
Ich wende mich ihr wieder zu. Dabei schießt ein stechender Schmerz durch meinen rechten Knöchel. Die Schuhe sind verflucht hoch und eigentlich dafür gedacht, dass ich den ganzen Abend sitze. »Was für Wünsche?«
»Na deine drei Wünsche. Ich bin eine gute Fee, du hast drei Wünsche frei.« Sie sagt das mit einer Selbstverständlichkeit, dass ich kurz innehalte. Sie scheint das vollkommen ernst zu meinen, denn in ihrem Gesicht erkenne ich nichts Hämisches oder Belustigtes.
»Ich habe tatsächlich drei Wünsche, die du mir erfüllst?« Ich kann ja mitspielen.
Sie stöhnt genervt. »Herr, lass Hirn regnen! Ja, du hast drei Wünsche frei, die ich dir erfüllen muss. Danach musst du mich jemand anderem schenken, von dem du meinst, dass er die Hilfe einer guten Fee benötigt. Und jetzt wünsch dir was, am besten gleich drei Sachen, dann haben wir das schnell hinter uns.«
Spontan stellt sich mir die Frage, wer Amy denn die gute Fee geschenkt hat. Auch das werde ich sie nachher fragen. Wenn wir hier endlich fertig sind.
Ich glaube dem Mädchen immer noch nicht. Aber auf der anderen Seite – was habe ich schon zu verlieren?
»Du erfüllst mir wirklich alles?«
Sie nickt und starrt weiter an die Decke.
Meine Gedanken rattern. Ich lasse mich auf den Stuhl neben dem Tisch sinken, wofür mir meine Füße sehr dankbar sind. Ich kann mir etwas wünschen. Alles. Und sie wird es mir erfüllen. Mein Kopf ist wie leer gefegt. Was wünsche ich mir denn? Fünfzehn Kilo weniger? Geld? Ein hübscheres Gesicht? Mein Gott, ist das schwer!
Nachdem ich einige Minuten überlegt habe, während Lilly weiterhin gelangweilt ihren Kaugummi malträtiert, geht es mir doch gegen den Strich, so oberflächliche Wünsche zu äußern. Nein, was ich mir wirklich wünsche, ist etwas, womit ich es allen beweisen kann. Etwas, was sogar meine Mutter zufriedenstellen wird und meine arrogante Schwester Clarissa vor Neid erblassen lässt. Nur ein einziges Mal möchte ich nicht die zu dicke, zweite Tochter sein, die ihrer Meinung nach nichts als Ärger und Probleme macht, sondern die, nach der sich alle umdrehen. Und was ich dazu brauche, ist ein Mann. Aber ich will mehr als das. Ich will glücklich sein. Daher reicht mir der perfekte Mann nicht. Es muss der perfekte Mann für mich sein.
»Also gut«, sage ich feierlich und kann gleichzeitig ein ungläubiges Kichern nicht unterdrücken. Als ob die Welt so einfach wäre. »Ich wünsche mir einen Mann, der zu mir passt. Einen Mann, mit dem ich glücklich sein kann. Ja, das ist mein erster Wunsch.«
Meine gute Fee drückt sich langsam vom Bett hoch und sieht mich nachdenklich an. »Wie originell«, sagt sie lahm. »Das ist ja wirklich mal etwas Neues.« Ihre Stimme trieft vor Sarkasmus.
Wut kocht in mir hoch, als ich merke, dass sie sich über mich lustig macht. Aber bevor ich sie ankeifen kann, macht es wieder »Plopp« und sie ist verschwunden.

Kapitel 2

BEN

»Machen Sie auch etwas mit Immobilien?«
Fuck, was? Natürlich nicht! Ich zwinge mich, meinen Blick von der blonden Schönheit links neben mir zu nehmen, und wende meine Aufmerksamkeit der Dame mit der Ich-habe-es-bitter-nötig-Ausstrahlung auf meiner anderen Seite zu. Ihre tiefroten Lippen sind zu einem aufreizenden Lächeln verzogen, ihre stark geschminkten Augen strahlen mich an, und auf ihrem straff gezogenen Gesicht entdecke ich nicht eine Falte. Aber nichts kann verdecken, dass die Frau neben mir die vierzig schon lange hinter sich gelassen hat und anscheinend auch ihren Respekt vor sich selbst. Denn alles an ihr schreit mich an, sie jetzt, hier und sofort zu nehmen. Und zwar hart und möglichst schnell. Aber alles in mir brüllt mich an, jetzt, hier und sofort die Flucht zu ergreifen. Aber das kann ich leider nicht, und so muss ich die plumpe Anmache weiter ertragen. Mein Schwanz zuckt nicht einmal, als meine Tischnachbarin ihre Hand wie beiläufig auf meinen Oberschenkel legt. Was hat mir Quentin da nur eingebrockt?
»Nein, ich bin selbstständig.« Etwas verspätet gebe ihr damit keine richtige Antwort. Sie interessiert es nicht, was ich beruflich mache. Ebenso, wie mich weder ihr Name noch irgendetwas sonst von ihr interessiert. Die Frau lächelt mich weiter lasziv an, während ihre Hand zu meinem Schritt hin wandert. Bevor sie meinem besten Stück allerdings zu nahekommt, lege ich meine Hand als Stoppzeichen auf ihre.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Blondie uns beide irritiert mustert. Wäre das hier nicht Quentins Hochzeit, hätte ich mich schon längst mit ihr verzogen. In irgendeins der unzähligen Hotelzimmer oder zur Not auf die Toilette. Sie hat makellose blasse Haut und einen fantastischen Körper. Bei ihren Brüsten wurde eindeutig nachgeholfen, doch das tut der Vorstellung, wie ich meinen Schwanz zwischen ihnen reibe, keinen Abbruch. Wie Blondie ihn zwischen ihre pink geschminkten Lippen nimmt, ihn leckt, bis er so hart ist, dass ich direkt in ihrem Mund komme. Fuck, das wäre jetzt echt geil! Aber es ist nun einmal Quentins Hochzeit, und so bleibe ich hier sitzen und spiele den braven Jungen. Fast zumindest.
Als die Band zu spielen aufhört, wendet selbst die Mittvierzigerin neben mir für einen kurzen Augenblick ihre Aufmerksamkeit der Bühne zu. Der Moment genügt, um ihre aufdringliche Hand von meinem Oberschenkel zu entfernen. So tief sinke ich heute Abend dann doch nicht, ihr zu gewähren, mich länger zu betatschen. Mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck erhebt sie sich und verlässt unseren Tisch.
Eine junge Frau betritt sichtlich nervös mit einem Mikrofon bewaffnet die Bühne und tippelt in die Mitte. Sie kann in den hohen Schuhen kaum gehen. Warum zur Hölle tun sich Frauen das an? Es tut nur vom Zuschauen schon weh, und wirklich elegant wirkt sie in den Hacken auch nicht.
»Liebe Amy, lieber Quentin …«, sagt sie laut ins Mikro, und mir schlägt es fast das Trommelfell aus den Ohren. Selbst erschrocken, streckt sie es von sich weg und beginnt mit etwas Abstand von Neuem. Nach nur zwei Sätzen höre ich ihr nur noch mit halbem Ohr zu. Es ist augenscheinlich Amys Trauzeugin, die sich da oben zum Affen macht und die wundersame Geschichte des Brautpaares erzählt. Ich greife nach dem Proseccoglas und nehme einen großen Schluck. Dabei fällt mein Blick auf die Uhr. Verdammt, es ist gerade einmal halb neun. Bis ich mich hier verziehen kann, dauert es noch Stunden.
»Es ist eine wunderschöne Geschichte, oder?«, säuselt Blondie neben mir und legt ihre Hand wie zufällig neben meine.
»Das ist es.« Würde ich an Romantik glauben, wäre sie es vielleicht tatsächlich. Ich meine, wer lässt schon eine halbe Stadt mit dem Bild einer Frau plakatieren, nur um eine Unbekannte von einem Wohltätigkeitsball wiederzufinden? Und wer hat so viel Glück, dass sich ausgerechnet diese Unbekannte als die fantastischste, lustigste, unkomplizierteste und hübscheste Frau entpuppt, die man je in seinem Leben getroffen hat? Niemand, richtig? So etwas klappt nur im Märchen. Nur dass Quentin und Amy ihres anscheinend gefunden haben. Verdammte Kacke, wenn ich noch länger hierbleibe, vernebelt mir diese rosarote Atmosphäre noch endgültig meinen Verstand. Es wird Zeit, zu verschwinden.
»Was für ein Zufall, dass die beiden sich gefunden haben. Und jetzt heiraten sie«, seufzt Blondie, und ihre Finger berühren meine. »Ich wünschte, mich würde auch ein Prinz finden und verzaubern.«
Ich schaue ihr ins Gesicht. Und treffe eine Entscheidung. »Vielleicht findest du ihn ja heute Abend.« Meine Finger fahren über ihre Handinnenfläche und ihren Arm hinauf. Ihre Mundwinkel schieben sich nach oben, und ich kann kaum glauben, dass es so einfach ist. »Prinzen sind gar nicht so selten, wie du vielleicht glaubst. Und für gewöhnlich treiben sie sich auf Bällen wie diesem hier herum. Immer auf der Suche nach einer wunderschönen Frau.« Boah, was für ein Geschwafel. Das kann nicht wirklich mein Ernst sein. Mit der Hand fahre ich ihr Schlüsselbein entlang, schiebe ihre langen Haare zurück. Ich beuge mich näher zu ihr und flüstere an ihrem Ohr: »Bereit, deinen Prinzen glücklich zu machen?«

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