Zimtsternzauber: Tag 15

Schneetreiben

Zoe

Newfane liegt etwas 630 Kilometer nordwestlich von New York. Ein kleiner Ort in Vermont, in dem es im Dezember höchstens -5°C warm ist. Mit dem Flugzeug wäre es ein Klacks gewesen, dorthin zu kommen, doch da der Flughafen in New York aufgrund des schlechten Wetters den Betrieb eingestellt hat, haben wir uns kurzerhand ein Auto gemietet. In dem sitzen wir nun seit gestern Abend, mit einer Unterbrechung über Nacht in einem kleinen Motel. Laut unserem Navigationsgerät sind es immer noch 243 km bis Newfane und jeder, der in den USA schon einmal mit dem Auto unterwegs war, weiß, dass sich die Strecken dort ziehen. Hinzu kommt, dass es seit gestern Mittag schneit. Weiße dicke Flocken, die gegen die Scheibe unseres kleinen Toyotas fliegen, schmelzen und schmutzige Schlieren zurücklassen.
Cedrik fährt, schweigend, nachdem er die letzten Stunden damit verbracht hat, mir zu erklären, wie unsinnig er die gesamte Aktion findet. Dennoch ist er mit mir unterwegs, so ganz geheuer kann ihm die Nero Investment Group also nicht sein.
Tina: Das wäre ja echt der Knaller!
Zoe: Allerdings! Auch wenn ich mir immer noch nicht vorstellen kann, was genau die Group getan haben soll.
Tina: Geld versprochen und keines geliefert?
Zoe: Sowas in die Richtung. Dann müssten wir sie anzeigen, oder?
Tina: Schon, denke ich.
Tina: Habt ihr eigentlich in einem Zimmer geschlafen?
Erschrocken zucke ich zusammen und starre ungläubig auf mein Handy. Dann rolle ich mit den Augen, weil meine Freundin es natürlich nicht lassen kann, nach Cedrik zu fragen.
Zoe: Nein. Jeder hatte sein Eigenes.
Gott sei Dank! Es langt, dass wir in diesem kleinen Auto auf so engem Raum zusammen sitzen. Und sich Cedrik seit seiner kolossalen Fragen nach Mittwochnacht merkwürdig benimmt. Zwischenzeitlich hatte ich fast den Eindruck, als flirte er mit mir. Und das ist etwas, was meine sowieso schon chaotischen Gefühle noch mehr in Aufruhr bringt.
»Oh man, spielen die auch nochmal etwas anderes?« Cedrik flucht laut, greift zum Radio und verstellt den Sender. Statt Jingle Bells Rock dröhnt jetzt irgendein Popgedudel durch unser Auto.
»Hast du etwas gegen Weihnachten?«, frage ich überrascht angesichts seines Ausbruchs.
»Ich hasse Weihnachten!« Er sieht zu mir herüber, die Nase gerümpft, den Mund angewidert verzogen.
»Warum? Es ist doch eine schöne Zeit. All die Lichter, die besinnliche Musik, die Geschenke …« Ich kuschle mich tiefer in meinen Sitz und ein verträumtes Lächeln schleicht sich in mein Gesicht. Dann fällt mir ein, dass ich dieses Jahr ohne Oliver feiern werde, alleine mit meinen Eltern und die gute Laune verfliegt schlagartig. Stattdessen krampft sich mein Magen zusammen und Tränen schießen mir in die Augen. Ich sollte nicht an Oliver denken. Nie wieder!
»All der Kitsch, all die Personen, die in der Zeit vor Liebe überquellen …«, entgegnet Cedrik ironisch, bricht aber plötzlich ab. »Ist alles in Ordnung?«
Ich beobachte die Schneeflocken. Wie sie an meiner Scheibe vorbeifliegen, ihren Weg finden zu der dicken, weißen Decke, die mittlerweile den Seitenstreifen bedeckt. »Ich musste nur gerade an meinen Ex-Freund denken«, gebe ich ehrlich zu und verteufle meine zittrige Stimme.
»Er ist ein Arsch!«
Einfach, platt, aber wahr. Ich beuge mich nach vorne, wühle in meiner Tasche nach einem Tempo. Mein Schneuzen dröhnt laut durch das Auto und unterbricht Tina Turner, die gerade Simply The Best aus dem Radio schmettert.
»Es waren trotzdem sechs Jahre. Und wir hatten eine gemeinsame Zukunft geplant.« Warum genau rede ich schon wieder mit Cedrik über meine Beziehung?
»Du willst ihm doch nicht etwas vergeben?«
»Wie kommst du darauf?«
»Du klingst danach.«
Seine Hände krampfen um das Lenkrad und er flucht vernehmlich. Was weniger an unserem Gespräch, als an dem immer dichteren Schneetreiben liegt. Mittlerweile kann ich kaum mehr als 100 Meter weit sehen.
»Ich habe dir schon einmal gesagt, dass die Planung, die du im Kopf hast, überhaupt nicht zu dir passt. Du kannst viel mehr, als nur Hausfrau und Mutter zu sein. Oder meine Assistentin.«
Seine Worte machen mich sauer, wie schon damals im Aufzug. Denn sie werten meine Träume ab, geben ihnen einen fahlen Beigeschmack.
»Es ist nichts Schlechtes daran, Hausfrau und Mutter zu sein. Ganz im Gegenteil.«
Cedrik wirft mir einen kurzen Blick zu. Er strotzt vor Überheblichkeit, als würde er genau wissen, was gut für mich ist.
»Ist es auch nicht. Es passt nur einfach nicht zu dir.«
Da Gespräch beginnt mich zu nerven. Er tut es.
»Du bist clever, Zoe. Du kannst dich durchsetzen und anderen genau sagen, wo es lang geht. Du suchst für dein Leben doch einen ganz anderen Mann.«
»Jemanden wie dich, meinst du?« Ich bin wütend. Und sein besserwisserisches Getue geht mir mittlerweile richtig auf den Senkel. Als wäre er der einzige Mann, der wirklich wüsste, was gut für mich ist.
»Sicher nicht.« Cedrik lacht auf. Ein Lachen, das durch meinen Körper fährt und schmerzende Spuren hinterlässt. Oh verdammt, Zoe, er ist dir mittlerweile viel wichtiger, als du zugeben willst.
»Fuck!«
Der Gurt schneidet in meine Jacke, ich werde nach vorne gerissen und greife mit den Händen erschrocken nach der Seitentür.
»Scheiße! So ein Mist, das darf doch einfach nicht wahr sein!«, schimpft Cedrik und haut wütend auf das Lenkrad.
Ich hebe meinen Blick und keuche erschrocken auf. Vor uns steht ein LKW quer auf der schneebedeckten Fahrbahn. Schneeflocken fallen unaufhörlich vom Himmel und haben bereits eine zentimeterdicke Decke auf dem Dach des Lasters gebildet.
»Was machen wir jetzt?« Meine Stimme fiepst ein wenig. Wir stehen Mitten in den USA. Im Schneetreiben. In einem winzigen Auto. Alleine.
Cedrik schließt frustriert die Augen. »Warten. Und hoffen, dass es heute noch weitergeht.«
»Im Auto?« Blöde Frage, wo denn sonst? Aber draußen ist es um die Null Grad kalt und der Schnee wird immer dichter. Vor meinem geistigen Auge steigen Horrorvisionen von uns beiden auf, erfroren irgendwo im Nirgendwo.
»So eine beschissene Idee«, wettert Cedrik los und seine Stimme überschlägt sich beinahe vor Wut. »Wie konnte ich mich auf so ein Hirngespinst einlassen? Ohne jeden Anhaltspunkt irgendeiner Adresse hinterherzufahren? Wir hätten nochmal mit Julia reden sollen, oder direkt mit Jordan.« Dafür ist es jetzt zu spät, aber ich unterlasse es, ihn darauf hinzuweisen.
»So eine Scheiße!« Er haut erneut auf das Lenkrad und fährt dann zu mir herum. »Mein ganzes Leben geht den Bach runter, seit du wieder aufgetaucht bist! Nichts läuft mehr richtig, ich habe Zoff mit Max wegen dir, ich trinke zu viel und weiß nicht mehr, was ich will. Und jetzt sitze ich in diesem bescheuerten kleinen Auto, mitten in diesem Schneesturm, obwohl ich eigentlich längst mit meinem Vater über die nächsten Schritte gesprochen haben sollte.«
Bitte?! Ich starre ihn an und kann einfach nicht glaube, was er eben gesagt hat. Die Situation zerrt an meinen Nerven, und dass Cedrik mir auch noch die Schuld an diesem Dilemma gibt, bringt das Fass zum Überlaufen.
»Sonst geht es dir aber noch gut, oder?«, brülle ich zurück und balle meine Hände zusammen, so wütend bin ich. »Was kann ich denn dafür, dass du Zoff mit Max hast? Oder dass die Nero Investment Group Dreck am Stecken hat? Oder dass du dich mit deinen 31 Jahren immer noch nicht von deinem Vater emanzipiert hast?« Ich atme tief durch, hole Luft. Cedrik schaut mich verblüfft an, aber die Wut flackert weiter in seinen Augen. Ich lasse mich davon nicht beeindrucken. Keine Minute länger bin ich der Fußabtreter für diesen egozentrischen Dreckskerl.
»Wir sitzen zusammen in diesem verdammten Schneesturm fest, Cedrik! Zusammen, denn ich sitze ebenfalls in diesem Auto, wie dir vermutlich aufgefallen ist. Stell dir vor, auch ich hatte etwas anderes geplant! Auch ich wäre jetzt lieber in Deutschland, als hier ausgerechnet mit dir festzusitzen. Aber du hast dein ganzes Leben immer nur an dich gedacht! Du lässt dich bedienen, du schreibst meine Hausaufgaben ab, du bist das Opfer in deiner Familie, das es dem Vater beweisen muss. Immer geht es nur um dich! Aber jetzt tut es das ausnahmsweise einmal nicht. Und ich bin es so leid, mich von dir ausnutzen zu lassen. Ich habe nicht die Schuld an deinen Problemen! Dafür bist du ganz alleine verantwortlich.«
Wow! 15 Jahre angestauter Wut und Frustration sind aus mir herausgebrochen. Aber es fühlt sich nicht besser an, als vorher. Ganz im Gegenteil. Plötzlich könnte ich heulen, weil mir alles zu viel ist.
Cedrik starrt mich an. Vermutlich bin ich die erste Person in seinem Leben, die ihm einmal gehörig die Meinung gesagt hat. Dann verändert sich sein Blick. Die Wut verschwindet, was bleibt, ist Überraschung. Und ein Hauch Verletzbarkeit. Meine Worte haben ihn getroffen, das sehe ich ihm deutlich an. Dennoch antwortet er mir nicht, sondern wendet sich ab. Lässt mich alleine mit meiner Verzweiflung, meiner Wut und dem Schmerz in meiner Brust, der mir klar und deutlich sagt, dass da so viel mehr ist, was ich Cedrik eigentlich sagen sollte.

***

Zwei Stunden später wird es langsam dunkel. Und es ist arschkalt. Meine Hände habe ich in meinem Schal verkrampft und meine Beine eng an mich gepresst, um den letzten Rest Wärme, der sich noch tapfer in meinem Körper hält, nicht zu verlieren. Der Laster steht immer noch vor uns. Und die Notdienstzentrale, die Cedrik zwischendurch informiert hat, hat uns mitgeteilt, dass sich vor Morgen früh niemand durch den Sturm kämpfen wird.
»Ok. Wir fahren zurück und übernachten irgendwo«, gibt sich Cedrik endlich meinem Drängen geschlagen. Ich wäre ja schon vor einer Stunde aufgebrochen, aber Mr. Oberklug wusste natürlich wieder einmal alles besser. Er dreht den Schlüssel herum, der Motor springt an. Aber als er Gas geben will, drehen die Räder durch. Immerhin stehen wir hier seit zwei Stunden, eingehüllt in eine wattige Schneedecke.
Cedrik atmet einmal tief durch. Das alles zerrt deutlich mehr an seinen Nerven, als er zugeben will. Aber mir ist viel zu kalt und ich würde den Teufel tun, ausgerechnet ihm auch noch Mitleidbekundungen auszusprechen.
»Ich gehe raus schieben. Du fährst.«
Widerwillig öffne ich die Tür, stolpere durch den Schnee an ihm vorbei, zurück ins Auto. Cedrik bleibt vor der Motorhaube stehen, stemmt sich dagegen und flucht so laut, dass ich ihn bis herein höre. Ich gebe Gas. Im zweiten Anlauf klappt es und ich fahre ein paar Meter, wende, bevor ich stehen bleibe und einen eingeschneiten Cedrik hereinlasse. Er trägt keine Mütze und auf seinen dunklen Haaren heben sich die Schneeflocken deutlich ab.
»Fahr!«, sagt er kurzangebunden und schlingt die Arme um sich.
Unsicher sehe ich ihn an. Ihm muss mindestens so kalt sein wie mir. Ich stelle die Heizung auf die höchste Stufe und gebe Gas.
Eine halbe Stunde später verlassen wir den Highway und finden kurz darauf ein kleines Motel am Straßenrand. In meinem ganzen Leben habe ich nie ein einladenderes Motel-Schild gesehen, das in warmem Gelb in die dunkle Nacht hinaus leuchtet.
Eine ältere Dame sieht uns mitleidig entgegen, nachdem wir uns aus dem Auto in ihre kleine Rezeption gekämpft haben.
»Haben Sie noch zwei Zimmer für die Nacht?«, frage ich freundlich und sehe mich kurz um. Das Motel wirkt überraschend familiär, getäfelte dunkle Holzwände, rote Vorhänge und ein Kamin in einer Ecke.
»Ein Zimmer habe ich noch, Liebes.«
Ein Zimmer. In einem Zimmer mit Cedrik. Das geht gar nicht. Doch dann sehe ich zu ihm, wie er nass und frierend vor dem Kamin steht. Und mich überschwemmt eine warme Welle an Mitgefühl. Mist! Der Kerl ist so ein Arschloch und dennoch kann ich nicht anders, als dass er mir leid tut. Einmal mehr verteufel ich mein Herz, das leider so gar nicht das macht, was mein Verstand sagt.
»Wir nehmen es.«
Die Dame händigt mir den Schlüssel aus und erklärt mir den Weg. Anschließend gehe ich zu Cedrik, fordere ihn auf, mir zu folgen. Als ich ihm erkläre, dass wir ein gemeinsames Zimmer haben, nickt er nur.
Das Zimmer ist klein und ebenso gemütlich eingerichtet, wie der Empfangsbereich. In einer Ecke steht ein runder Tisch, mit zwei Stühlen, eine Tür führt zu einem Bad und in der Mitte thront ein großes Doppelbett. Allein sein Anblick lässt mich hart schlucken und ein aufgeregtes Kribbeln flackert durch meinen Körper. Die Gewissheit, dass ich heute Nacht neben Cedrik liegen werde, macht mich nervös. Mehr, als es sollte.
»Ich gehe duschen.« Cedriks Worte holen mich aus meinen Gedanken. Er hat bereits seine Jacke über einen der Stühle gehängt und zieht in diesem Moment seinen Pullover aus.
»Ok.« Meine Stimme quietsch ein wenig, weil sich mein Hals augenblicklich anfühlt wie zugeschnürt. In Windeseile rennt ein heißer Schauer über meine Haut, mein Mund wird trocken, doch ich kann den Blick nicht abwenden. Cedrik ist schlank, muskulös, und seine nackten Arme spannen sich an, als er nach seiner Hose greift und auch diese auszieht. Sein Griff geht an seine Unterhose, als er plötzlich innehält und zu mir schaut.
Mein Herzschlag donnert in meiner Brust und hitziger Schweiß überzieht meinen Körper. Mein flacher Atem ist hektisch und dabei stehe ich immer noch erstarrt in meiner Winterjacke an Ort und Stelle.
Cedrik legt den Kopf schief und seine Mundwinkel zucken amüsiert. »Den Rest meines Körpers heben wir uns für ein anderes Mal auf.« Er zwinkert und verschwindet im Bad. Und ich stehe immer noch wie eingefroren mitten im Zimmer und versuche verzweifelt wieder zur Besinnung zu kommen.
Reiß dich zusammen, Zoe!
Mit zittrigen Händen öffne ich meine Jacke, ziehe mich bis auf mein Pullover und die Unterwäsche aus und lege mich ins Bett. Die Decke bis an die Nasenspitze gezogen. Ich werde heute Nacht kein Auge zubekommen.
Mein Herz trommelt immer noch wie wild, als Cedrik zurückkommt. Ich schaue nicht hin, will ihn nicht schon wieder halbnackt sehen, weil ich meinen sambatanzenden Hormonen nicht über den Weg traue. Die Decke wird angehoben und der Geruch nach herbem Shampoo dringt in meine Nase.
»Geht’s dir gut?«
Eine einfache Frage. Die ehrliche Antwort würde Seite füllen.
»Ja.« Meine Stimme klingt gepresst.
»Zoe, ich weiß, dass das alles etwas merkwürdig ist.«
Ha! Die Untertreibung des Jahrtausends! Das hier ist nicht merkwürdig, das hier ist der schiere Wahnsinn. Oder zumindest einer meiner unerfüllten Jugendträume, für die ich mit 15 Jahren vermutlich gemordet hätte. Heute fühle ich mich fast ein wenig überfordert.
Die Matratze bewegt sich. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und sehe zu ihm hinüber. Cedrik liegt auf der Seite, sein Kopf in die Hand gestützt und sieht mich an. Seine Haare sind noch feucht und in seinen blaugrauen Augen spiegelt sich der Schein meiner Nachttischlampe. UND er trägt seine Pullover. Gott sei Dank!
»Ich hätte in meinem ganzen Leben nie gedacht, dass ich mit der Roten Zora einmal im Bett lande!« Seine Lachen hat etwas befreiendes und nimmt der Situation die Spannung.
»Du sollst mich nicht so nennen.« Mit der Hand boxe ich ihn in die Schulter.
Er fängt sie auf und hält sie fest. Seine Finger fahren über meinen Handrücken, hinterlassen eine brennende Spur auf meiner Haut. Ich will sie wegziehen, sollte es dringend tun, aber ich kann nicht.
»Aber du warst damals auch echt komisch.« Ein amüsiertes Lächeln umspielt seine Mundwinkel.
»Ich war halt anders. Und dabei wollte ich immer so sein wie Lisa oder Susanne.«
»Wer?«, fragt er überrascht. Aber das belustigte Glitzern in seinen Augen verrät, dass er genau weiß, wer Lisa und Susanne sind. »Warum warst du dann nicht so?«
Cedrik spielt immer noch mit meinen Fingern, nebenbei, als wäre es vollkommen normal, mich zu berühren. Ist es aber nicht. Und mein verwirrtes Gefühlsleben steigt gerade in die nächste Runde Achterbahnfahrt ein.
Als Antwort rümpfe ich die Nase. »Fragst du das ernsthaft? Susanne war hohl wie Brot und hat sich primär für Klamotten und Schminke interessiert.«
»Und für mich«, ergänzt Cedrik. »Wie auch du.«
Er sieht mir direkt in die Augen. Sturmgrau, peitschende Meereswogen, ein blauer Abgrund, über den ich nur zu gerne springen würde. Alles, was ich noch wahrnehme, ist Cedriks Atem, der mir ins Gesicht schlägt, seine Finger, die sich unter den Ärmel meines Pullovers schieben, meine nackte Haut kitzeln, und seine verdammte Nähe, die mir eine ganz klare Botschaft sendet. Mein Verstand verabschiedet sich ins Nirwana und lässt mich hilflos zurück.
Plötzlich bricht Cedrik den Blickkontakt ab und dreht sich auf den Rücken. Er greift um meinen Arm und zieht mich einfach mit sich, sodass ich neben ihm liege, mein Kopf auf seiner Brust.
»Es tut mir leid wegen vorhin, Zoe!« Sein Herzschlag trommelt mindestens so schnell wie mein eigener an meinem Ohr. »Ich war unfair, denn natürlich weiß ich, dass du keine Schuld an dem Schneesturm hast. Oder an meinen Problemen mit meinem Vater. Aber es ist leichter, jemand anderem die Schuld zu geben, als sie bei sich selbst zu suchen.«
Ich bewege mich keinen Millimeter, kann es ehrlich gesagt auch gar nicht mehr. Dafür bin ich mir Cedriks Körper an meinem viel zu sehr bewusst.
»Es tut mir leid«, wiederholt er leise, während er mir mit seiner Hand über den Rücken streichelt.
Es ist die erste Entschuldigung, die ich von ihm bekomme. Die Allererste, seit ich ihn kenne. Und die vier kleinen Worte schießen durch meinen Verstand, heilen meine Wut und meinen Zorn über ihn. Verzweifelt schließe ich die Augen. Meine Hand fährt nach oben, über sein Bein, seinen Bauch, bis Cedrik danach greift und sie festhält.
»Schlaf, Zoe!«
Er drückt mich fester an sich, hält mich in seinen Armen, und stiehlt endgültig mein Herz.

Zimtsternzauber: Tag 14

Wer ist hier der Chef?

Cedrik

»Nein, wir bleiben nicht über das Wochenende, ich bin morgen früh wieder zurück.«
Die Person am anderen Ende der Leitung sagt etwas. Zoe sieht zu mir und eine leichte Röte kriecht auf ihre Wangen.
»Ja. Dem geht es gut.«
Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, woraufhin Zoe mit den Augen rollt. Wir sitzen in einem Taxi in Richtung Hotel, nachdem wir uns heute Morgen gemeinsam mit Jordan ein drittes erfolgreiches Start-up angesehen haben. Zoe telefoniert seit zehn Minuten mit Tina. Zumindest vermute ich das, denn sie schrille Stimme, die durch das Telefon bis zu mir dringt, klingt verdächtig nach meiner Mitarbeiterin.
»Nein, wir haben nicht …« Sie bricht ab, beißt sich auf ihre Lippen und wird knallrot.
Mmh. Was haben wir nicht?
Die Antwort durch das Telefon ist eindeutig. Und bringt mich zum Lachen.
»Oh doch, wir haben miteinander geschlafen«, sage ich so laut, dass Tina es ganz sicher hört. »Zumindest haben wir geschlafen.«
Eine Faust boxt mich in die Seite.
Zoe verabschiedet sich mit kurzen Worten von ihrer Freundin und funkelt mich anschließend wütend an. »Was fällt dir ein?«
Gute Frage. Wenn ich eine Antwort darauf wüsste, wäre ich schon einen Schritt weiter. Aber seit Mittwochnacht weiß ich gar nichts mehr. Ich fühle mich seltsam befreit. Leicht, beinahe beschwingt. So, als wäre eine schwere Last von meinen Schultern genommen und das alles nur, weil ich Zoe im betrunkenen Zustand mein Herz ausgeschüttet habe.
»Hey, ich habe nur die Wahrheit gesagt.«
»Wir haben geschlafen, Cedrik! Zu mehr wärst du nach deinem Alkoholkonsum auch nicht in der Lage gewesen.«
»Unterschätze mich nicht«, raune ich in ihre Richtung und stelle amüsiert fest, wie eine leichte Röte auf ihre Wangen kriecht.
»Arschloch!«, patzt Zoe zurück und wendet sich ab. Sie ist sauer. Und nach meiner wenig feinfühligen Frage gestern, ob etwas zwischen uns gelaufen sei, wovon ich nichts mehr weiß, wundert mich das auch nicht. Aber, sorry, das ganze Bett hat nach ihr gerochen, als ich aufgewacht bin, da darf man doch bitte nachfragen.
Mir entweicht dennoch ein ergebener Seufzer. Ich habe den Bogen überspannt, aber es macht einfach zu viel Spaß, Zoe zu ärger.
»Wie fandest du das Start-up heute Morgen?«, frage ich und werfe einen kurzen Blick aus dem Fenster. Matschige Schneeflocken kleben an der Scheibe, dahinter graue Hochhäuser, die kaum einen Blick auf den Himmel freilassen. Vorbeieilende Menschen mit Plastiktüten und Taschen hetzen über die Bürgersteige, mindestens die Hälfte von ihnen hat den Blick auf ein Smartphone in der Hand gerichtet. Das übliche Treiben einer Großstadt, dass den Einzelnen in der Masse verschwinden lässt.
»Interessant.«
Ich warte, dass sie ihre Aussage noch etwas ausführt, aber es kommt nicht mehr. Stirnrunzelnd drehe ich mich zu ihr. Auf ihrer Stirn entdecke ich mehrere kleine Falten und ihre Augen starren auf ihre verkrampften Hände.
»Hattest du nicht auch den Eindruck, dass sich das alles zu gut zusammenfügt?«, bricht es plötzlich aus ihr heraus und der forsche Blick aus ihren grünen Augen wirft mich beinahe um. Eine Sekunde bleibe ich daran hängen, vergesse, was sie gesagt hat, bis ein warmes Gefühl durch meinen Körper kribbelt. Fuck, was ist das denn?
»Wie meinst du das?« Abrupt reiße ich mich los, sehe auf die grauen Bezüge der Autositze.
»Ich hatte einfach das Gefühl, als würde die drei Start-ups die Nero Investment Group zu sehr loben. Als wäre alles, was sie uns sagen, ein wenig gekünstelt. Außerdem finde ich Jordan unsympathisch.«
»Dir ist schon klar, dass er dein neuer Chef ist, wenn du den Job annimmst?« Darüber haben wir bisher nicht gesprochen.
»Darum geht es jetzt nicht. Hörst du mir überhaupt zu?« Vor lauter Wut bekommt sie rote Flecken auf ihren Wangen und das Grün ihrer Augen wird dunkler. Ob sie auch so aussehen, wenn sie Sex hat?
»Cedrik!«
»Ja!«, brülle ich so laut, dass mir der Taxifahrer einen misstrauischen Blick über den Rückspiegel zuwirft. Konzentrier dich, Mann! Es geht hier um das Geschäft! Aber Zoe hat irgendetwas mit mir am Mittwochabend gemacht. Irgendetwas, dass mich wahnsinnig macht, dass mich nicht mehr klar denken lässt. Dass plötzlich ein warmes Kribbeln in meinem Körper hervorruft, wenn sie in meiner Nähe ist. Fuck! Ich muss diese Frau so schnell es geht vögeln, dann hören auch diese schwachsinnigen Gefühle auf.
»Ja, ich fand es auch zu stimmig«, gebe ich verzögert zu.
Zoe mustert mich skeptisch. So als würde sie sich fragen, ob ich noch zurechnungsfähig wäre. Was ich seit einer Woche nicht mehr bin. Zumindest fühle ich mich nicht so.
»Jordan ist ein Arschloch«, beginne ich und schiebe gedanklich alles andere als diesen Auftrag aus meinem Kopf. »Die Start-ups, die wir uns angeschaut haben, waren großartig. Gute Ideen, nette Leute. Aber die Zahlen haben vorne und hinten nicht gestimmt. Max hat für mich ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass der Absatz, den die Start-ups generieren, niemals langt, um Gewinn zu machen.« Wie zur Hölle Max das herausgefunden hat, will ich gar nicht wissen. Aber ich vertraue meinem Kumpel. Vor allem nachdem ich weiß, dass er nicht mit Zoe geschlafen hat. Beste Freunde erzählen sich so etwas untereinander.
Zoes Augen werden kugelrund. »Und das sagst du mir nicht?«
»Das wollte ich noch«, verteidige ich mich abwehrend.
Das Taxi hält an, wir sind vor unserem Hotel angekommen. Schweigend steigen wir beide aus, nachdem ich bezahlt habe. Ich bin schon fast im Foyer, als mich Zoe am Arm festhält.
»Julia«, beginnt sie zögerlich. »Die Inhaberin aus der Schatzkammer meinte zu mir, dass wir die Kampagne auf gar keinen Fall machen dürften. Die Nero Investment Group hätte sie gezwungen bei der Kampagne dabei zu sein, sonst wären sie ruiniert. Sie hat mir eine Liste gegeben.« Sie kramt in ihrer riesigen Handtasche herum und zieht einen kleinen weißen Zettel hervor. »Das hier sind Adressen von anderen Start-ups, die die Nero Investment Group ebenfalls finanziert hat.«
»Und?« Nervosität packt mich. Ich werde unruhig. Ja, ich hatte ein schlechtes Gefühl bei der ganzen Sache. Wenn ich ehrlich bin, von Anfang an. Aber dieser Zettel mit anderen Unternehmen ist haarsträubend.
»Ich will, dass wir dahinfahren.«
»Um was zu beweisen?«, frage ich kopfschüttelnd. In drei Stunden geht unser Flug. Ich habe noch einen Arsch voll Arbeit, mal ganz abgesehen davon, dass mein Vater zuhause auf mich wartet. Und dem kann ich keine Story von ominösen Zetteln erzählen.
»Dass hier irgendetwas nicht stimmt. Das erste Unternehmen auf der Liste sitzt auch hier in New York. Wir können hinfahren, es uns ansehen, und wenn alles gut ist, heute noch fliegen.«
»Nein.« Es ist Irrsinn. Auch wenn mir ein dumpfes Gefühl sagt, dass ich aus dieser Nummer nicht mehr herauskomme.
»Warum nicht? Was hast du zu verlieren?«
Sie kann es nicht wissen. Ich habe es ihr nicht gesagt. Aber eine Sache stört mich an diesem ganzen Projekt am allermeisten und das ist mein Vater. Warum kam dieser Auftrag direkt über ihn herein, anstatt durch eine normale Ausschreibung? Warum konnte ich in Brunners Unterlagen nichts über die Nero Investment Group finden? Und warum zur Hölle kennt Jordan ihn persönlich und mein Vater sagt es mir nicht?
Endlich ist mein Vater stolz auf mich, zufrieden mit dem, was ich tue. Ich kann diesen Auftrag nicht vermasseln, egal, wie merkwürdig mir das Ganze erscheint. Wir können Zoes Vermutung nicht nachgehen, ich will es nicht, weil ich Angst habe vor dem, was ich finden könnte.
»Ich fahre.« Ihre Augen blitzen mich entschlossen an. »Entweder kommst du mit, oder du lässt es. Aber ich will wissen, was dahintersteckt.«

***

Mein Brustkorb wird zusammengequetscht und ich habe Mühe, den nächsten Atemzug zu tun. Das kann einfach nicht wahr sein!
»Bist du sicher, dass die Adresse stimmt?«, frage ich bestimmt zum dritten Mal.
Zoe rollt mit den Augen und streicht sich eine Schneeflocke aus dem Gesicht. »Ja.«
Wir stehen vor einem heruntergekommenen Laden mit einem großen Schaufenster, in dem in den letzten Wochen sicher keine Snacks produziert worden sind. Über einer Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift Veggie & Vegan Imbiss. Doch ein Blick durch das Schaufenster zeigt einen verlassenen Laderaum, der außer ein paar leere Stühlen und Tischen niemanden mehr beherbergt.
»Hier ist nichts mehr.« Stelle ich das Offensichtliche fest.
»Es ist aber die erste Adresse auf Julias Liste.« Zoe hält mir den Zettel vor die Nase, als würde das verdammte Stück Papier etwas an der Situation ändern.
Es war ein Fehler, mit ihr herzukommen. Es war ein Fehler, sich auf diese vage Vermutung einzulassen. Aber jetzt stehen wir vor einem verlassenen Laden, in dem nichts und niemand mehr ist.
»Vielleicht ist das überhaupt kein Start-up, das die Investment Group finanziert hat. Sondern einfach nur eine gescheiterte Imbissbude?« So leicht lasse ich mich nicht blenden.
Zoe schweigt. Sie zieht ihre Unterlippe zwischen die Zähne und kaut darauf herum. Kurz bin ich abgelenkt, mein Blick ist gefangen von ihren roten Lippen, die ich plötzlich mit völlig anderen Dingen assoziiere, aber dann holt mich die Realität wieder ein.
»Möglich«, gibt Zoe zu. »Aber warum sollte Julia uns dann warnen? Was hätte sie davon, wenn wir die Kampagne nicht machen? Ganz im Gegenteil, ihr käme das sogar zugute.«
»Vielleicht hatte sie einfach einen schlechten Tag. Oder sie hat persönlich etwas gegen Jordan, was ich ihr nicht verdenken kann.«
»Oder es stimmt doch etwas nicht.« Entschlossenheit steht in Zoes Augen, als sie mich jetzt eindringlich mustern. Und ich weiß in diesem Moment, dass, egal was ich sage, sie ihren Kopf durchsetzen wird. Wann genau haben wir eigentlich die Rollen getauscht? Bin nicht ich hier der Chef, der sagt, wo es lang geht?
»Zoe, unser Flug geht in weniger als zwei Stunden. Wir müssen zum Flughafen, wenn wir morgen wieder in Deutschland sein wollen.« Das Schneetreiben um uns herum ist stärker geworden und die Kälte lässt mich langsam frösteln. Wir sollten sowas von dringend zum Flughafen zurück!
»Oder wir fahren zu noch einer Adresse. Und schauen, ob wir da mehr herausbekommen.«
»Nein.«
Sie steht so dicht vor mir, dass mir ihr Geruch nach Zimt wieder in die Nase steigt. Aber davon lasse ich mich diesmal nicht beeindrucken. Ich ziehe meine Augenbrauen zusammen, funkle auf sie nieder und strotze nur so vor Autorität. Wir müssen nach Hause.
»Willst du denn gar nicht wissen, was dahinter steckt? Willst du wirklich eine Kampagne für ein Unternehmen machen, das am Ende korrupt ist? Julia sagt, sie haben sie ruiniert. Und hier stehen wir vor einem geschlossenen Laden. Irgendetwas stimmt hier nicht, Cedrik!«
»Nein.« Meine Stimme klingt hart. Entschlossen.
Das Grün in Zoes Augen wird dunkler, funkelt mich zornig an. Wie eine dunkle Tanne, deren Zweige im Wind toben.
»Ist es wegen deines Vaters?«
Ich zucke zusammen. Nein! Nein. Nein. Nein.
»Ich weiß, dass dieser Auftrag wichtig für dich ist, Cedrik. Ich weiß, dass du ihm damit zeigen willst, dass du erfolgreich bist. Aber gerade deshalb sollten wir der Sache nachgehen.«
Ihre Stimme ist leise, hat etwas schmeichelhaftes und trifft mich tief in meinem Inneren. Zoe weiß genau, wie es in mir aussieht. Sie kennt meine Ängste, meinen Ehrgeiz, meinen Stolz. Warum habe ich ihr nur so viel erzählt?
»Also gut«, sage ich ergeben, weil ich kaum noch klar denken kann. In mir ist Angst, Widerwillen, Trotz, aber vor allem auch die Gewissheit, dass ich einen großen Fehler mache. Ganz egal, wie diese Geschichte ausgeht. »Wo müssen wir hin? Wenn es schnell geht, können wir den nächsten Flieger nehmen und kommen morgen halt etwas später zu Hause an.«
Zoe presst kurz die Lippen zusammen. »Das nächste Start-up ist nicht in New York. Es ist in Newfane.«
Meine Augenbrauen heben sich überrascht. »Wo zur Hölle liegt Newfane?«

Zimtsternzauber: Tag 13

Verlorene Träume

Zoe

Ein leises Schnarchen dringt in mein Ohr. Ein warmer Luftzug streichelt meine Wange, kitzelt mich, lässt mich lächeln. Ich drehe meinen Kopf zur Seite, blinzle, und reiße erschrocken die Augen auf. Neben mir liegt Cedrik. Schlafend. In seinem Bett.
Schlagartig bin ich hellwach. Erinnerungen stürzen auf mich ein, Bilder von letzter Nacht. Wir beide in der Bar, Cedrik, der auf einmal über seine Probleme und Gefühle spricht, Andrew, der uns immer weiter mit neuen Getränken versorgt. Wir beide später im dunklen Hotelflur, mein vernebelter Verstand, der nur noch registriert wie unfassbar sexy dieser Kerl ist, mein Körper, der darum bettelt, ihm näher zu kommen.
Bis zu dem Moment, als mir Cedrik vor die Füße kotzt.
Und leider bis in die frühen Morgenstunden nicht mehr aufhört, warum ich ihn auch nicht alleine auf seinem Zimmer gelassen habe.
Uff, Zeit zu verschwinden, bevor das hier peinlich wird.
Ich bin gerade dabei mich aus dem Bett zu winden, als Cedrik sich zur Seite dreht. Erschrocken halte ich die Luft an, aber nichts passiert, er schläft weiter. Die Decke ist von seiner Schulter gerutscht und mein Blick wandert wie magisch angezogen über seinen muskulösen Oberkörper. Über seine definierten Muskeln, die nackte Brust, die sich mit jedem Atemzug leicht hebt, zu seinem Bauchnabel und schließlich zur Bettdecke, die den unteren Teil seines Körpers verdeckt. Hitze breitet sich in mir aus und meine Kehle fühlt sich an wie zugeschnürt. Meine Hand zuckt, wandert langsam über das weiße Laken, doch im letzten Moment kann ich mich zurückhalten. Scheiße, was tue ich hier? Allerhöchste Zeit zu verschwinden!
Fünf Minuten später habe ich das Zimmer verlassen und stehe in meinem eigenen Hotelzimmer unter der Dusche. Kalt. Um endlich wieder zur Besinnung zu kommen, vor allem aber, um meinen erhitzten Körper herunterzufahren. Das kann so nicht weitergehen. Cedrik ist mein Chef. Und ja, ich war in ihn verknallt, vor langer Zeit. Aber ich bin es nicht mehr, das ändert auch ein Abend voller Offenbarungen und ehrlicher Geständnisse nicht. Ganz sicher.

***

Es riecht nach Zimt. Nach Koriander, Anis, Fenchel, Kümmel, nach allen möglichen Gewürzen, deren Namen ich nicht einmal kenne. Und nach Cedrik, weil er viel zu dicht neben mir steht und gerade an einer Kelle mit Safran schnüffelt.
»Wann haben Sie Ihr Start-up gegründet?«, fragt er eine junge Frau mit kurzen roten Locken, die dabei ist, verschiedene Gewürze in eine Schüssel zu füllen.
»Die Idee hatten wir schon vor vier Jahren. Richtig erfolgreich wurden wir allerdings erst, als die Nero Investment Group uns finanziell unterstützt hat. Wir konnten in diese Räumlichkeiten umziehen, noch einen Mitarbeiter einstellen und unseren Versandhandel ausweiten. Mittlerweile haben wir sogar Kunden aus Kalifornien.«
Die junge Frau, Julia, lächelt zögerlich. Ihr Blick geht an mir vorbei zu Jordan, der auf meiner anderen Seite steht und nickt. Als würde er bestätigen, was sie sagt.
Wir sind in der Schatzkammer. Einem Unternehmen, das sich auf Gewürzmischungen spezialisiert hat und das mithilfe der Nero Investment Group erfolgreich wurde. In unserem Meeting gestern haben uns Alex und Jordan verschiedene Start-ups vorgestellt, die sich ihrer Meinung nach perfekt für die Kampagne eignen. Mit diesen werden wir Videos für eine Social Media Kampagne drehen, Fotos machen und Interviews führen. Heute geht es zunächst um einen ersten Eindruck, die eigentliche Arbeit fängt nach Weihnachten an.
»Woher beziehen Sie die Gewürze?«, frage ich und mache ein paar Schritte zur Seite. Weg von Cedrik und Jordan, deren testosterongesteuertes Gehabe mich heute Morgen in den Wahnsinn treibt.
Wieder sieht Julia zu Jordan und ich werde den Eindruck nicht los, dass er sie maßlos verunsichert. »Das ist unterschiedlich. Zum Teil aus Mittelamerika, aber auch aus Chile, Brasilien und aus anderen Bundesstaaten der USA.«
»Und die Gewürzmischungen vertreiben Sie überwiegend online?«, erkundigt sich Cedrik und begutachtet die bunten Metalldosen, in denen sich die verschiedenen Mischungen der Schatzkammer befinden.
»Ja.«
Ich lasse die drei alleine und gehe neugierig in einen angrenzenden Raum. Hier stapeln sich Kisten in Regalen, Stoffsäcke liegen auf dem Boden und leere Metalldosen für die Abfüllung sind fein säuberlich in einer Ecke gestapelt. Es ist beeindruckend, was Julia mit ihrem Ehemann hier aufgebaut hat. Und ich verstehe auch, warum uns Jordan heute Morgen hierher gebracht hat. Ein erfolgreiches, sympathisches Start-up – perfekt für die Kampagne. Dennoch macht mich irgendetwas stutzig. Vielleicht ist es der unsichere Blick, den die junge Unternehmerin immer wieder zu Jordan wirft, vielleicht auch, dass die Räumlichkeiten viel zu klein sind und ich außer Julia und ihrem Mann keinen weiteren Mitarbeiter gesehen habe.
»Zoe?«
Überrascht drehe ich mich herum. Hinter mir steht Julia.
»Ich schaue mir nur Ihr Lager an«, rechtfertige ich meine Neugier. »Es ist wirklich toll, was Sie sich aufgebaut haben.« Schiebe ich noch hinterher, weil ich höflich sein möchte. Und weil es auch stimmt.
»Ja.« Sie wirkt noch verunsicherter als vor wenigen Minuten. »Kann ich kurz mit Ihnen sprechen?«
»Sicher!« Das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmt, wird immer dringlicher. Die junge Frau geht weiter in den Raum hinein, sodass sie außer Sichtweite von Cedrik und Jordan ist, die sich im Vorraum leise unterhalten.
»Jordan hat uns informiert, dass Sie eine große Marketingkampagne für die Nero Investment Group machen werden.«
»Richtig«, stimme ich ihr zu. »Wir wollen auch andere Start-ups auf die Group aufmerksam machen, damit noch mehr Personen die Chance bekommen, ihre Ideen zu verwirklichen.«
Ein merkwürdiger Ausdruck huscht über ihr Gesicht. Statt mir zu antworten, beißt sie sich auf die Unterlippe und ich erkenne deutlich, dass sie mit sich kämpft. »Welche anderen Start-ups schauen Sie sich denn noch an?«, fragt sie schließlich.
»Wir wollen heute noch zu Easy Ice. Morgen Vormittag besuchen wir ein weiteres Start-up, bevor wir dann im neuen Jahr dann richtig durchstarten«, erkläre ich ihr lächelnd. Vermutlich hat sie einfach Angst, dass ihr Unternehmen neben den anderen Start-ups untergeht.
Julia nickt. Wieder wirkt sie in sich gekehrt, dann greift sie mit der Hand in ihre hintere Hosentasche.
Überrascht nehme ich den Zettel entgegen, den sie mir schließlich hinhält. »Hier, nehmen Sie das. Das sind Adressen von Start-ups, die die Nero Investment Group ebenfalls unterstützt hat.«
Zögerlich falte ich den Zettel auseinander und sehe fünf Anschriften darauf. »Ähm … das ist nett, danke. Aber Jordan hat uns bereits Start-ups genannt und ich denke nicht, dass wir …«
»Sie dürfen keine Kampagne für diese Firma machen.« Sie hat ihre Stimme merklich gesenkt und immer wieder huscht ein unsicherer Blick in Richtung Tür. Aber von Cedrik und Jordan ist nichts mehr zu hören oder zu sehen. »Sie hat uns nichts als Ärger gebracht. Sie zwingt uns, diese Kampagne mitzumachen, andernfalls sind wir ruiniert. Sind wir sowieso schon«, ergänzt sie resigniert.
»Was?« Ich muss mich verhört haben.
»Fahren Sie zu den Adressen. Schauen Sie es sich selbst an, wenn sie mir nicht glauben!« Ihr ängstlicher Blick wird eindringlich. Gehetzt.
»Zoe?« Cedrik.
Julia versteift sich, schaut mich ein letztes Mal auffordernd an, bevor sie ein unverbindliches Lächeln auf ihr Gesicht zaubert.
»Wir sind hier«, antwortet sie statt meiner.
Meine Hand schließt sich um den Zettel und unauffällig lasse ich ihn in meiner Manteltasche verschwinden.
»Wir sind fertig. Ich würde gerne weiter.« Cedrik erscheint am Türrahmen, hinter ihm Jordan, der Julia misstrauisch mustert. Er war mir gestern schon nicht sympathisch, wirkte aufgesetzt und übertrieben freundlich. Aber hat er Julia tatsächlich gezwungen, bei der Kampagne mitzumachen? Aus welchem Grund? Und was sind das für andere Start-ups, die auf ihrem Zettel stehen?

***

Am Abend kreisen meine Gedanken immer noch um den Zettel mit den Adressen. Ich habe zwischenzeitlich die Anschriften gegoogelt, auch die Namen überprüft, jedoch ohne viel zu finden. Nur zu einer Adresse, die ebenfalls in New York ist, konnte ich eine alte Website ausfindig machen. Ein kleines Unternehmen, das sich auf vegane Snacks spezialisiert hat. Allerdings ging aus der Website nicht hervor, ob es noch geöffnet ist.
»Was möchtest du?« Cedriks Frage reißt mich aus meinen Grübeleien und ich sehe erschrocken von der Speisekarte auf. Nach dem zweiten Besuch bei Easy Ice, einem Start-up, das Eiscreme aus Pulver für zuhause erfunden hat, haben wir uns von Jordan verabschiedet und sind in ein Burger-Restaurant gegangen. Ich habe den ganzen Tag kaum etwas gegessen und nach der letzten Nacht, braucht mein Magen dringend etwas Substanzielles.
»Ich nehme einen Cheeseburger und eine Sprite«, lasse ich Cedrik verspätet wissen, der sich bereits erhoben hat und nun zur Bar durchdrängelt, um unsere Bestellung aufzugeben.
Ich folge ihm mit meinem Blick und kurz lenkt mich seine Gestalt von den Grübeleien um die Nero Investment Group ab. Ich habe Cedrik bisher nichts von dem Zettel erzählt. Er würde mich auslachen, wenn ich ihm davon berichte. Ihm ist dieser Auftrag wichtig, das hat er mehr als einmal deutlich betont. Und nach gestern Abend weiß ich auch, was dahinter steckt. Er steht unter gewaltigem Druck, seinem Vater zu beweisen, dass er die Firma führen kann. Dass er ebenso erfolgreich ist, wie dieser. Cedrik war gestern so offen und ehrlich wie noch nie mir gegenüber. Nicht, dass wir uns regelmäßig unsere innersten Ängste ausschütten, genaugenommen haben wir uns vor gut einer Woche das erste Mal seit 12 Jahren gesehen. Dennoch hat er mich überrascht. Und ich bin mir noch nicht sicher, wie ich das finden soll.
Fünf Minuten später ist Cedrik mit zwei Cheeseburgern zurück. Einen gibt er mir, bevor er in atemraubenden Tempo beginnt, seinen eigenen zu verschlingen. Unwillkürlich muss ich lächeln, als ich beobachte, wie er sich über sein Essen hermacht. Er wirkt sehr viel jünger dabei, fast wie der Junge, in den ich verliebt war. Oh nein, ganz falsche Richtung!
Cedrik hält inne, lässt seinen Burger sinken und legt den Kopf schief. »Du himmelst mich gerade an, oder?«
Oh, Mann!
»Nein.« Meine Antwort verschwindet zwischen einer halben Kuh mit Käse und trockenem Brötchen.
Seine Mundwinkel zucken und in seinen Augen blitzt es schelmisch auf. Er weiß genau, was Sache ist. »Zoe, kann ich dich etwas fragen?«
»Klar«, antworte ich souverän zwischen zwei Bissen. Cedrik war ruhiger heute, nachdenklich. Und es lief beinahe harmonisch zwischen uns. Allerdings haben wir bisher auch mit keinem Wort über letzte Nacht gesprochen.
»Gestern Nacht, nachdem du mich auf mein Zimmer gebracht hast, lief da noch was?«
Ein Stück Brötchen kratzt in meiner Kehle, lässt mich husten und nach Luft hecheln. Tränen schießen mir in die Augen und verzweifelt versuche ich, wieder zu atmen. Mit letzter Kraft greife ich nach meinem Wasserglas und nehme einen rettenden Schluck. Ich nutze den einen Moment, um die Tränen aus meinen Augen zu blinzeln, die nicht nur aufgrund des Brötchens plötzlich hervorgeschossen sind. Denn ich weiß nicht, was mich in diesem Moment mehr verletzt. Die Tatsache, dass er sich, wäre etwas zwischen uns passiert, nicht einmal erinnert, oder der panische Unterton in seiner Stimme. Meine Gefühle überfordern mich, pressen meinen Brustkorb zusammen, lassen mich erzittern. Denn mit einem Schlag ist mir klar, dass ich mir etwas vormache. Ich bin immer noch das kleine Mädchen vom Schulhof, das auf ein leises Zeichen der Zuneigung hofft. Und immer wieder aufs Neue enttäuscht wird.

Zimtsternzauber: Tag 12

Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Cedrik

New York platzt vor Kitsch. Die Stadt hat beschlossen, ihren weihnachtlichen Glanz nach außen zu kehren, sodass an jeder beschissenen Straßenleuchte ein Lichterstern baumelt, in jedem Geschäft besinnliche Musik läuft, jedes Schaufenster Geschenkideen präsentiert und selbst die Menschen gute Laune haben. Von den üblichen dauergestressten New Yorkern keine Spur. Ich könnte kotzen!
Im wortwörtlichen Sinn, denn der Alkohol von gestern Nacht rauscht immer noch durch meine Adern. Nachdem ich es der blonden Stewardess auf der Toilette so richtig besorgt hatte, sind wir nach der Landung zunächst in ihr Hotel. Anschließend ging es in einen Bar, dann zu ihren Kollegen in einen Club. Der Rest der Nacht verschwindet im Nebel. Aber die Wut und der Hass auf Vanessa, die seit Sonntagabend in meinem Körper tobt, und die vollkommen irre Gefühle wegen Zoe, lassen sich einfach nicht vertreiben. Weder mit einer fremden Frau, noch mit zwölf Tequila-Shots.
Mein Schädel dröhnt und meine Gedanken wabern im Nirwana. Nur mit Mühe kann ich mich auf das konzentrieren, was gerade passiert. Wir sind in einem Aufzug. Wieder einmal. Nur diesmal werden wir nicht steckenbleiben, ich werde Zoe nicht zu nahe kommen und sie wird nicht in meinen Gefühlen herumstochern. Nie wieder!
Ein nervtötendes Klingel ertönt und die Aufzugstüren öffnen sich. Zoe tritt an mir vorbei, bleibt stehen, dreht sich zu mir um. Mein Magen hebt sich, wenn ich jetzt einen Schritt mache, kotze ich ihr vor die Füße.
»Kommst du?« Mein Blick haftet am Fußboden, wandert langsam ihre Beine hinauf, bis zu ihren grünen Augen, die mich äußerst skeptisch mustern. Ich muss hart schlucken. Und das nicht nur wegen meines angekratzten Gesundheitszustandes. Zoe sieht scharf aus. Schwarze High heels, roter schmaler Rock, schwarze Bluse. Fuck! Wann genau ist aus der Roten Zora diese männermordende Sirene geworden? Und seit wann fällt mir das auf?
Kurz bevor sich die Aufzugstüren wieder schließen, gebe ich mir einen Ruck. Reiß dich zusammen, Cedrik! Der Termin ist scheiße wichtig! Und keine Ex-Freundin, kein zertretenes und am Boden liegendes Ego, und kein »ich vögel, feier und saufe so lange, bis ich diesen ganzen Scheiß vergesse« entschuldigen, dass ich heute auflaufe, wie ein abgewrackter Rockstar. Also raffe ich alles, was an Disziplin in meinem Körper übrig ist zusammen, ordne meinem Magen eine Ruhepause an und ignoriere meinen dröhnenden Schädel. Ich setze mein einstudiertes Gewinnerlächeln auf, hoffe, dass man mir meine durchzechte Nacht nicht zu sehr ansieht und folge Zoe durch den Flur in einen Meetingraum auf der rechten Seite.
»Ah, Cedrik«, begrüßt mich ein Herr mittleren Alters in einem dunkelblauen Anzug. Er wirkt aalglatt, lächelt mich geschmeidig an, und sein fester Händedruck strotzt vor Überlegenheit. Wäre er ein Hund, hätte er mir jetzt ans Bein gepinkelt, um sein Revier zu markieren. Alphawölfe erkennen einander.
»Jordan nehme ich an?« Ich gebe mich selbstsicher, überheblich und halte seinen starren Blick.
»Richtig. Es ist schön, auch Sie endlich persönlich kennenzulernen!«
»Sie kennen … meinen Vater persönlich?«, frage ich überrascht, denn anders kann ich seine Aussage nicht deuten. Johannes meint er wohl kaum.
»Ja, natürlich. Hat er das nicht erwähnt?«
»Doch, sicher.« Ich überspiele meine Überraschung mit einem schmalen Lächeln. Mein Vater hat mit keinem Wort erwähnt, dass er den Marketingleiter der Nero Investment Group persönlich kennt. Und es klang auch in keiner Weise danach, als er mir von dem Auftrag berichtet hat. Diese Tatsache macht mich stutzig und ich mache mit eine gedankliche Notiz, meinen Vater später danach zu fragen.
»Welche bezaubernde junge Damen haben Sie uns mitgebracht?«, holt mich Jordan aus meinen Gedanken. Er löst den Blick und kurz fühle ich mich als Sieger, weil ich das stumme Duell eindeutig gewonnen habe. Aber als mir auffällt, wie er Zoes Hand tätschelt, grollte der Zorn in mir erneut hoch.
»Ich bin Zoe Andres. Ich werde Cedrik bei der Kampagne unterstützen«, stellt Zoe sich in besten Oxford Englisch vor und mir fällt wieder einmal auf, dass sie für einen Assistentinnenjob eindeutig überqualifiziert ist.
»Wie wundervoll.« Jordan zwinkert ihr zu und Zoe errötet tatsächlich. Frauen! Ein nettes Wort, egal wie platt, und sie liegen dir zu Füßen!
Neben Jordan tritt eine junge Frau in einem eng geschnittenen blauen Hosenanzug.
»Hi, ich bin Alex.« Sie reicht Zoe ebenfalls die Hand. »Zoe Andres? Ihr Name kommt mir bekannt vor. Kann es sein, dass Sie sich erst kürzlich bei uns beworben haben?«
Zoe wird knallrot, was sie mit ihren roten Haaren wie ein lebendig gewordenes Streichholz aussehen lässt.
»Ähm … «, sie schaut unsicher zu mir. Die Situation ist ihr merklich unangenehm. »Ja, das hatte ich. Allerdings habe ich mich letztendlich doch entschieden, in Deutschland zu bleiben.«
»Äußerst schade, zumindest für uns.« Jordan haut mir kumpelhaft auf die Schulter, was mich zusammenzucken lässt. »Ich hoffe doch, Cedrik weiß Ihre Entscheidung zu würdigen?«
Zoes Blick spricht Bände und ich muss meine ganze Selbstbeherrschung aufwenden, um ihr nicht deutlich die Meinung zu sagen. Sie hat sich hier beworben? Der Job, von dem sie mir im Aufzug erzählt hat und den sie wegen ihres Ex-Freundes ausgeschlagen hat, war ausgerechnet bei der Nero Investment Group? Diese unwesentliche Kleinigkeit sagt sie mir nicht? Ich komme mir vor, wie der letzte Trottel, wie ich jetzt neben ihr stehe und sie nur stumm anstarre.
»Falls Sie es sich doch anders überlegen, die Position ist immer noch vakant«, ergänzt Alex in diesem Moment und schlagartig ist meine Übelkeit zurück. Mit ihr das Dröhnen in meinem Schädel und das beschissene Gefühl, dass ich einfach nicht mehr verstehe, was mit mir los ist.
Nach der kurzen Begrüßung bittet Jordan uns, Platz zu nehmen. Ein junges Mädchen von höchstens zwanzig Jahren bringt Kaffee herein, den ich mir ohne zu Zögern greife und beginne, in mich hineinzukippen. Zoe hat derweil meine Präsentation geöffnet und wartet darauf, dass ich beginne, die Kampagne vorzustellen. Es fällt mir unglaublich schwer, mich zu konzentrieren und ohne Zoe wäre ich vermutlich sang und klanglos untergegangen. Aber sie ergänzt meine Worte perfekt, wenn ich etwas vergesse, weißt unaufdringlich auf Details hin, und bis zum Ende der Präsentation ist mir vor allem eines bewusst: Diese Firma wird alles tun, um sie zu bekommen. Und aus irgendeinem Grund, den ich selbst nicht erklären kann, macht mir das unglaubliche Angst.

***

Es gibt nur eine Sache, die mir hilft, wenn mein Leben mal wieder aus dem Ruder läuft. Und deswegen mache ich nach dem Meeting mit der Nero Investment Group, genau da weiter, wo ich gestern Nacht aufgehört habe. Morgen wollen wir uns mit einem Start-up treffen, das durch die Finanzierung der Group erfolgreich geworden ist. Aber bis dahin ist noch viel Zeit, um meinem Leben wieder einen Sinn zu geben.
»Wollen Sie noch einen?« Andrew, mein neuer bester Freund, deutet fragend auf das leere Glas vor mir.
»Klar, Mann. Am besten gleich einen doppelten.«
Andrew schenkt mir ein. »Harter Tag?«
»Harte Woche.« Meine Stimme schwankt ein wenig, aber das ist mir egal. Wie mir alles immer gleichgültiger wird, je mehr Whiskey ich in mich hineinlaufen lasse. Mein Vater, der Auftrag, Zoe, Vanessa und ihre beschissene Ansage, dass ich mich öffnen soll. Ich habe diese Schlampe geliebt, verdammt, nicht umsonst hat mich ihr Abgang so gnadenlos fertig gemacht. Und was macht diese blöde Kuh? Gibt mir die Schuld daran. Fuck! Aber wenn ich das alles einfach abtun könnte, ginge es mir jetzt nicht so beschissen.
»Eine Frau oder der Job?« Andrew greift sich ein Glas und beginnt es abzutrocknen.
»Beides.« Mit einem Zug leere ich meinen Whiskey.
»Mann, das kenne ich.« Das trockene Glas wandert zu den anderen ins Regal und Andrew greift sich ein neues.
»Keine Ahnung. Vor fünfzehn Jahren sah sie noch so scheiße aus, sie war lächerlich mit ihren selbst genähten Klamotten und dieser Streberbrille. Und jetzt ist sie meine beschissene Assistentin und … oh man, wenn ich sie nicht bald flachlege, werde ich noch wahnsinnig.«
Wow!
Stopp!
Ich wollte über Vanessa sprechen, nicht über Zoe. Aber mein whiskeyverseuchtes Hirn hat die Worte einfach aus meinem Mund gespuckt, ohne das ich es verhindern konnte.
»Oh wow, Mann. Der hier geht aufs Haus.« Andrew schenkt mir unaufgefordert nach und ich leere das Glas in einem Zug. Vergessen! Vergessen, was für einen gequellten Unsinn ich gesagt habe!
Der Alkohol brennt meine Kehle hinab. Meine Arme beginnen zu kribbeln, meine Beine werden auf einmal schwer und ich bemerke amüsiert, wie sich meine Sicht ein wenig verschleiert. Ich schließe die Augen, gebe mich ganz dem einlullenden Gefühl des Alkohols hin und genieße den Nebel, der unaufhörlich an meinem Verstand zerrt. Bis eine nervende Stimme in mein Unterbewusstsein vordringt und mich zwingt, die Augen wieder zu öffnen.
»Cedrik! Kannst du mir einmal sagen, was du hier tust?« Ein roter Punkt hat sich vor mir aufgebaut, den ich bei näherer Betrachtung als eine ziemlich wütend wirkende Zoe identifiziere.
Ich beuge mich ein Stück in ihre Richtung, um sie besser sehen zu können und auch, weil ich sehen will, ob sie wieder rot wird.
»Trinken«, flüstere ich dicht an ihrem Ohr. Sie riecht nach Zimt, und erinnert mich an Zimtsterne und Weihachten. Der Geruch betört mich, lässt mich tiefer einatmen und gibt mir das Gefühl von Geborgenheit. Meine Mutter hat zu Weihnachten immer Zimtsterne gebacken und ich habe sie geliebt. Und jetzt riecht Zoe danach. Fuck!
»Das sehe ich selbst. Ich dachte, wir wollten den Besuch bei dem Start-up morgen vorbereiten und schonmal grob eine Storyline skizzieren. Aber wir arbeiten heute wohl nicht mehr. Dann kann ich auch gehen.« Eine leichte Röte überzieht ihr Gesicht und in mir drinnen regt sich etwas. Zufriedenheit, weil ich so eine Wirkung auf sie habe, aber noch etwas anderes. Etwas, dass mich dazu bringt, sie berühren zu wollen, wissen zu wollen, ob diese verrückten, wirren Haare tatsächlich so weich sind, wie sie aussehen.
»Wo willst du hin?«, bringe ich mühsam hervor und blinzle. Mein Verstand arbeitet nicht mehr richtig und langsam werde ich müde.
»Auf das Empire State Building. Ich war noch nie in New York und wollte es mir ansehen.«
»Kann ich mitkommen?« Frische Luft wäre mit Sicherheit hilfreich.
»Nein.«
»Warum nicht?«
Ihre Augenbrauen erreichen fast ihren Haaransatz und ihr kritischer Blick geht mir durch und durch. Ok, ich bin betrunken. Genau genommen bin ich rabenvoll. Und der Drang nach ihr zu greifen, sie an mich zu ziehen und zu küssen, wird übermächtig.
Fuck, das hier vor mir ist Zora!
Die Rote Zora, die nie etwas anderes war, als eine Witzfigur.
»Du bist zu betrunken, Cedrik«, stellt Zoe auch prompt das Offensichtliche fest.
»Fuck, ja.« Ich lasse den Kopf hängen, sehe sie nicht länger an. Sie soll verschwinden, ich will mich noch etwas im Selbstmitleid suhlen, bevor ich mich auf mein Zimmer verziehe. Neben mir raschelt es und überrascht stelle ich fest, dass Zoe auf einem der Barhocker Platz genommen hat.
»Kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist?«
Ein alkoholgetränktes Schnauben fährt aus meinem Mund und ich hebe meinen schweren Kopf. Zoe sitzt vor mir, schaut mich aus klaren grünen Augen forschend an. Sie hat etwas schulmeisterhaftes und ich erwarte beinahe, dass sie gleich das Klassenbuch zückt und mir einen Verweis erteilt.
»Nichts«, grummel ich und greife nach meinem leeren Glas. Ich gebe Andrew ein Zeichen.
»Ok, dann kann ich ja jetzt gehen.«
»Nein.« Zoe darf mich nicht verlassen. Weder für Max, noch für die verfickte Nero Investment Group. »Ich …«
Ich kann ihr das nicht sagen. Unmöglich.
»Ich …«
Öffne dich! Vanessas Worte dröhnen durch meinen Kopf. Aber ich kann Zoe nicht sagen, dass sie mich verwirrt. Dass ich selbst nicht mehr weiß, was mit mir los ist, seit Max sie um ein Date gefragt hat. Und er sie um den Verstand vögelt. Verfluchtes Kopfkino! Also sage ich das Einzige, was plausibel genug klingt, um sie zufrieden zu stellen.
»Ich habe meine Ex-Freundin am Sonntag getroffen.«
Wenn sie überrascht ist, lässt sie sich nichts anmerken. Stattdessen nickt sie knapp und schaut mich auffordernd an.
»Sie heiratet in zwei Wochen«, ergänze ich lahm, auch wenn diese Tatsache nichts mit dem Chaos in meinem Kopf zu tun hat.
»Und das hat dich ganz offensichtlich umgehauen. Willst du noch etwas von ihr?«
»Nein!« Die Antwort kommt schnell, zeigt, wie ernst sie mir ist.
»Was ist dann das Problem?«
Kann sie nicht nur neben mir sitzen? Ohne all diese nervtötenden Fragen?
Öffne dich, Cedrik!
Ich fahre mir mit den Händen über das Gesicht, wische die Müdigkeit weg.
»Sie … sie hat mir vorgeworfen, dass ich sie nie geliebt habe. Dass ich sie als Schmuckstück gesehen habe, aber nie als Partnerin.«
»Stimmt das?«
»Vielleicht. Aber es war einfacher, ihr die Schuld am Scheitern unserer Beziehung zu geben. Sie hat mich betrogen, sie hat mich verlassen. Und verdammt, mich verlässt man nicht.« Ok, jetzt ist es raus. Ich habe definitiv ein Ego-Problem.
Zoe schmunzelt, sagt aber nichts. Mir ist nicht nach schmunzeln, mir ist noch nicht einmal nach einem schwachen Lächeln.
»Ich bin verdammt einsam, Zoe. Ja, ich habe Max und die Arbeit. Und meine Familie, also zumindest meine Mutter, die mich mag. Aber um die Gunst meines Vaters habe ich mein Leben lang gekämpft und bis zum heutigen Tag immer gegen meinen Bruder verloren. Ich war immer unglaublich beliebt, ich weiß, dass alle zu mir hochgesehen haben. Hast du eine Vorstellung davon, wie anstrengend das sein kann? Und dabei war ich nichts anderes, als irgendein armer Trottel, dem es unglaublich wichtig war, wie er dasteht. Das hat Vanessa erkannt, deshalb hat sie mich verlassen.« Ich fühle mich leer. Meine Seele brennt, weil es vermutlich das erste Mal ist, dass ich so klar ausspreche, was mich bewegt.
Zoe steht auf, zieht sich ihre Jacke aus. »Ich nehme auch einen«, sagt sie in Andrews Richtung. Dann sieht sie zu mir. Ihre grünen Augen finden meinen Blick, lassen mich den Schmerz in meinem Inneren für einen kurzen Moment vergessen.
»Es ist immer ein erster Schritt zu erkennen, was für ein Arschloch man ist. Und da ich nie gedacht hätte, dass Cedrik Baumann sich ausgerechnet mir einmal offenbart, werde ich das heute Abend gebührend feiern. Machst du mit?«
Sie hält mir ein volles Whiskeyglas hin.
Ich starre sie verblüfft an. Dann greife ich nach meinem Glas, das wie durch Zauberhand gefüllt wurde, und stoße mit ihr an.
»Oh ja, Baby, ich bin dabei!«

Zimtsternzauber: Tag 11

Back to normal

Zoe

»Pasta or Chicken?« Das aufgesetzte Lächeln der blonden Stewardess erreicht ihre Augen nicht.
»Pasta«, beeile ich mich, zu antworten, und nehme das voll beladene Tablett entgegen. Der Duft von Tomate steigt mir in die Nase und augenblicklich meldet sich mein Magen. Nach dem kargen Frühstück am Flughafen kommt mir das Mittagessen gerade recht.
Die korpulente Dame rechts neben mir wählt Hühnchen, während das junge Mädchen zu meiner linken mit kritischem Blick die Alubox ihrer Pasta öffnet.
Wir sitzen seit drei Stunden im Flugzeug. Drei Stunden auf einem kleinen Sitz, eingekeilt zwischen einer durchgehend schnatternden Dame auf der einen und einer musikhörenden Göre auf der anderen Seite. Und noch sechs lange Stunden, die vor mir liegen.
»Wie ist ihre Pasta, Liebes?« Meine Sitznachbarin beugt sich über mein Tablett, nur um enttäuscht festzustellen, dass meine Alubox noch geschlossen ist. »Flugzeugessen hat ja einen wahnsinnig schlechten Ruf«, fährt sie quasselnd fort«, aber ich freue mich jedes Mal darauf. Es ist immer eine Überraschung, was es diesmal gibt.«
Als ob die Auswahl zwischen »Huhn oder Pasta« große Überraschungen bereithalten würde, denke ich lakonisch, erwidere aber nichts.
»Mein Alfred mag auch lieber Nudeln, aber ich bevorzuge das Gemüse beim Huhn. Zu viele Kohlenhydrate ruinieren die Figur, Herzchen, da muss man in meinem Alter schon aufpassen.«
Mir entfährt ein resignierendes Seufzen. Die Dame neben mir ist etwa sechzig Jahre alt und wiegt mindestens hundert Kilo. Dass sie sich besonders viele Gedanken über ihre Ernährung macht, wage ich zu bezweifeln. Aber wem will ausgerechnet ich etwas sagen.
Meine Sitznachbarin plappert weiter, während ich den Deckel der Alubox entferne, mein Besteck aus der Plastikhülle zerre und in die Pasta steche. Der erste Bissen ist auf dem Weg zu meinem Mund, mein Magen knurrt erwartungsvoll, als die blonde Stewardess erneut an unserer Sitzreihe stehenbleibt.
»Frau Andres?«
»Ja?« Überrascht, dass die Stewardess meinen Namen kennt, lasse ich die Gabel wieder sinken.
»Herr Baumann bittet Sie, zu ihm zu kommen. Er sitzt in der Business Class.«
Meine Schultern fallen herab, mein Kopf sackt nach unten und kurz schließe ich die Augen. Einen Fluch unterdrückend öffne ich sie wieder, greife nach meinem unangetasteten Mittagessen und reiche das Tablett der Stewardess. »Natürlich. Könnten Sie das bitte nehmen?«
Ich quetsche mich an der Göre vorbei, die nicht aufsteht, sondern ihre Beine und ihr Tablett auf den sowieso schon zu kleinen Sitz klemmt, und folge der Stewardess den schmalen Gang entlang. Als wir schließlich in der Business Class ankommen, komme ich mir vor wie ein unerwünschter Eindringling. Gemütliche Sitze, entspannte Gesichter und vor allem Stille empfangen mich in diesem Bereich des Flugzeugs. Wut zuckt durch mich hindurch, und der Ursprung allen Übels lümmelt gelassen auf einem grauen breiten Ledersitz am Fenster. Cedrik trägt eine dunkle Hose, einen blauen Pullover, der seine Augen auf eine ganz irritierende Art betont, und wirkt völlig gelassen. Aber der Schein trügt, wie er mich heute Morgen schon hat spüren lassen. Er hatte so schlechte Laune, dass ich beinahe froh war, in der Economy Class nach New York fliegen zu müssen, während seine Hoheit selbstredend die Luxusklasse gebucht hat.
»Was gibt es?«, frage ich übertrieben freundlich, sodass ihm sofort klar sein muss, dass ich genervt bin. Der Sitz neben ihm ist frei, dennoch bleibe ich stehen. Zum einen ist das nicht mein Platz, und zum anderen will ich möglichst schnell wieder weg. Denn ich will mich nicht damit auseinandersetzen, warum allein sein Erscheinen ausreicht, um mich in einen völligen Ausnahmezustand zu versetzen. Und das, obwohl er mich den ganzen Morgen behandelt hat, als wäre ich sein persönlicher Prügelknabe. Wir sind nicht mehr auf dem Schulhof. Die Zeit, in der ich ihn bedingungslos angebetet habe, ist vorbei – endgültig. Auch wenn mein hinterhältiger Körper etwas völlig anderes sagt.
»Setz dich, Zora.«
Wir sind zurück in alten Mustern gefallen, als hätte es diese zwei Stunden im Aufzug zwischen uns nie gegeben. Als hätten wir uns nie die Meinung gesagt und er mir nicht von sich aus angeboten, mit nach New York zu kommen.
»Nein danke, ich stehe lieber.«
»Setz dich!« Keine Bitte, sondern ein gezischter Befehl. In seine Augen glimmt unterdrückte Wut auf und an seiner Wange zuckt ein Muskel. Wow, seine Laune scheint noch schlechter geworden zu sein.
»Ich habe ein paar Änderungen an der Präsentation vorgenommen und will sie kurz mit dir durchgehen.«
»Können wir das nicht heute Nachmittag im Hotel machen?«, frage ich verzweifelt, weil mein Blutzuckerspiegel den Nullpunkt fast überschritten hat und ich mich jetzt nicht auf irgendwelche kreativen Ergüsse konzentrieren kann.
»Nein. Da habe ich einen Termin.«
»Ah?« Fragend hebe ich eine Augenbraue. Davon hatte er bisher nichts erzählt.
»Mein Privatleben geht dich nichts an, Zora«, antwortet er mir mit exakt den Worten, die ich am Freitag zu ihm gesagt habe.
Ärger macht sich in mir breit, lässt mich die Lippen zusammenpressen. Ich werde die nächsten vier Tage mit ihm verbringen. Wir sollten zumindest versuchen, uns bis zum Rückflug nicht zerfleischt zu haben. Daher reiße ich mich zusammen und nehme neben Cedrik Platz. Er hat derweil seinen Laptop hervorgeholt und die Präsentation geöffnet.
»Ich habe die Power Point ein wenig überarbeitet, wir sollten …« Er erklärt mir das Konzept, spricht über einzelne Start-ups, eine groß angelegte Social Media Kampagne, verschiedene Microsites und vieles mehr. Seine Ideen sind gut, kreativ und vor allem neu. Eine Kampagne, die die Nero Investment Group in dieser Breite mit Sicherheit noch nie umgesetzt hat. Unwillkürlich muss ich ihm meinen Respekt zollen. Auch wenn Cedrik die Position nur dank seines Vaters innehat, hat er sie dennoch zurecht. Er ist gut, indem was er tut, doch leider weiß er das auch.

***

Nach zwei Stunden schwirrt mir der Kopf und mein Magen hängt mir in den Kniekehlen. Ich kann einfach nicht mehr, aber mein Chef ist noch lange nicht fertig.
»Hier dachte ich, dass wir eine Homestory machen könnten«, sagt er in diesem Moment, bricht jedoch plötzlich ab. Er legt seinen Kopf schief und sieht mich stirnrunzelnd an. »Hörst du mir überhaupt zu?«
»Natürlich«, antworte ich rasch, »ich finde die Idee gut.«
»Was habe ich eben gesagt?«
Mist! Ich habe keine Ahnung.
»Oh man, Zora, das ist wichtig!«, flucht er ungehalten. »Ich habe dich mitgenommen, damit du mir hilfst und nicht vor dich hin träumst.« Hitze kriecht in mein Gesicht. Vor Scham, aber auch vor Wut.
»Ich kann nicht mehr, Cedrik!«, bricht es aus mir heraus und das Hämmern in meinem Kopf klingt wie ein tosender Applaus, der meine Worte unterstreicht. »Ich habe Hunger, ich habe schlecht geschlafen und habe den Vormittag nicht in einem gemütlichen Sitz verbracht und Videos geschaut, sondern saß eingequetscht in der Holzklasse und hatte noch nicht einmal die Ruhe, etwas zu lesen.«
»Wegen Max?« Etwas blitzt in seinen dunklen Augen auf, das ich nicht einordnen kann.
»Was?«
»Hast du wegen Max schlecht geschlafen?« Es ist die erste Frage nach meinem Date am Samstagabend. Nach dem, was am Wochenende passiert ist.
Ich könnte ihm die Wahrheit sagen. Nämlich dass ich einen netten Abend hatte, mehr jedoch nicht. Aber in diesem Moment zuckt ein Ausdruck über sein Gesicht, den ich überrascht als Eifersucht erkenne. Und weil er mich den ganzen Vormittag genervt hat, und mir einfach alles zu viel ist, antworte ich ihm mit genau den Worten, die er hören will.
»Ja, es ist wegen Max. Wir haben die ganze Nacht gevögelt, daher brauche ich jetzt dringend Schlaf.«
Seine Augen funkeln, werden eine Spur dunkler. Er presst die Lippen aufeinander und dann von einer Sekunde auf die andere, verschließt sich sein Gesicht. Was immer ich geglaubt habe zu sehen, ist verschwunden.
»Alles klar, wir machen morgen weiter.« Seine Stimme klingt kalt, ohne jegliche Emotion darin. Er schließt seinen Laptop, schaut mich nicht mehr an.
»Ok.« Überrascht erhebe ich mich, weiß nicht, was ich noch sagen soll. Dennoch beschleicht mich das dumpfe Gefühl, gerade einen Fehler gemacht zu haben. »Bis später dann«, schiebe ich noch hinterher, bevor ich mich erhebe.
Die blonde Stewardess von vorhin kommt mir entgegen und wirft mir einen abschätzigen Blick zu. Ich stehe immer noch an Cedriks Platz, als sie sich zu ihm beugt und ihm etwas zuflüstert. Mein Magen zieht sich krampfhaft zusammen und ich schaffe es nicht, nicht zu ihm zu blicken. Ein zufriedener Ausdruck liegt auf seinem Gesicht, bis er zu mir sieht und sich sein Mund zu einem dreckigen Grinsen verzieht.
»Klar, warum nicht? Ich wollte schon immer Mitglied im Mile High Club sein.«

Zimtsternzauber: Tag 10

Ex-Freundinnen bringen nichts als Ärger

Cedrik

Vanessa hat sich verändert. Ihre blonden Haare trägt sie etwas kürzer, ihr Gesicht ist kantiger geworden und wie sie mir so gegenübersitzt, ihre Finger verhakt, ihr Blick unruhig, wirkt sie nervös.
»Was willst du von mir?«, wiederhole ich die Frage, die ich ihr vor einer halben Stunde bereits gestellt habe. Und die sie mir bis jetzt nicht beantwortet hat.
»Ich bin in der Stadt und da dachte ich, …«
»Nein, das meine ich nicht«, unterbreche ich sie genervt.
Wir sitzen in einem kleinen italienischen Restaurant am Rande der Stadt. Die Atmosphäre ist gemütlich, das Licht ist gedimmt und die wenigen Tische sind nicht alle besetzt. Es ist Sonntagabend und obwohl ich wichtigeres zu tun habe, wie beispielsweise eine Präsentation für die Nero Investment Group vorzubereiten, sitze ich seit bald fünfundvierzig Minuten hier und weiß immer noch nicht, was zur Hölle sie von mir will.
»Warum wolltest du dich mit mir treffen? Warum jetzt, nach vier Jahren? Was versprichst du dir davon?« Die Fragen brechen aus mir heraus und zeugen davon, wie aufgewühlt ich innerlich bin. Denn seit ich ihre Nachricht bekommen habe, sind meine Gefühle außer Kontrolle. Vanessa war die Frau, die ich heiraten wollte. Mit der ich alt werden wollte. Und die mich – aus heiterem Himmel – abgeschossen hat. Für einen Job in den Staaten und irgendeinen Kerl, den sie von ihrer Modelagentur kannte.
»Ich habe über uns nachgedacht, Cedrik«, beginnt sie und stockt. Sie sieht mich an, lächelt und in ihren Augen glimmt etwas Vertrautes auf. Diese verdammte Funkeln, das mich an früher erinnert, als wir noch glücklich waren und sie mich jeden Tag so angesehen hat.
»Wir hatten eine gute Zeit zusammen. Du hast mich verstanden, mich unterstützt. Wir haben viel gelacht, haben verrückte Dinge getan. Oh Gott, weißt du noch die Sache in dem Schwimmbad?« Sie lacht, klingt jünger, als sie ist.
Ich bleibe ernst, aber ich merke, wie ich nervös werde. In meinem Kopf entsteht ein Bild, schemenhaft, diffus, aber das Gefühl, das es auslöst, ist berauschend. Mein Leben mit Vanessa war perfekt. Alles hatte sich gefügt, meine Arbeit, meine Freunde, selbst mein Vater. Sie war die perfekte Frau an meiner Seite. Könnte sie es wieder sein?
»Ohne dich wäre ich nie Model geworden«, fährt sie lächelnd fort. »Daher will ich jetzt …«
»Jetzt willst du mich wiederhaben«, fasse ich zusammen und eine wahre Explosion an Selbstbestätigung berst durch mich hindurch. Ich wusste es doch, ohne mich kann sie einfach nicht.
Vanessas Augen werden groß, schauen mich ungläubig an. »Auf gar keinen Fall!«
Fuck, was?
Sie schüttelt energisch ihren Kopf. »Nein, Cedrik, ich … ich heirate in zwei Wochen. Aus diesem Grund bin ich auch in der Stadt.«
Ich starre sie an. Begreife einfach nicht, was sie sagt. »Aber warum wolltest du dich dann mit mir treffen?«
Meine Euphorie bricht zusammen, hinterlässt ein Trümmerfeld aus Erinnerungen und altem Glück. Nach Vanessas Trennung bin ich zusammengebrochen, war nur noch ein dunklen Schatten meiner selbst. Oder wurde vielmehr zu dem Schatten, wenn man den Frauen, die mich in den Wochen danach ablenkten, glauben darf. Max hat mich in eine Hölle geführt, aus Frauen, Alkohol und Vergessen. Als ich irgendwann wieder zu mir gekommen bin, habe ich mir geschworen, keine Frau mehr so nahe an mich heranzulassen. Niemals wieder würde ich zulassen, dass mir eine Frau mehr bedeutete, als ich mir selbst.
»Ich wollte dir erklären, warum ich mich damals getrennt habe.«
»Du willst dein Gewissen erleichtern, bevor du vor Gott den Bund der Ehe schließt?« Meine Stimme trieft von Zynismus und Hohn. Vanessa war viel, aber eine Heilige war sie ganz sicher nicht.
Ihre perfekt gezupften Augenbrauen fahren erbost zusammen und jetzt erinnert sie mich wieder an die Frau, die mich an jenem beschissenen letzten Abend mit gepackten Koffern sitzen gelassen hat. »Sei nicht so ein Arschloch, Cedrik! Das steht dir nicht.«
»Du hast mich betrogen, Vanessa. Du hast einen andern Mann gefickt, hinter meinem Rücken! Was genau erwartest du von mir? Dankbarkeit?!« Oh, sie hat keine Ahnung, was mir alles steht. Vor vier Jahren war ich ein anderer, bevor sie mich zerstört hat.
»Ich war verdammt alleine, Cedrik!« Ihre rechte Hand greift nach der weißen Stoffserviette auf dem Tisch und krallt sich daran fest. »Ja, du hast mich unterstützt. Du wusstest, was gut für meine Karriere ist. Aber das alles hat vor allem dir in die Karten gespielt. Ich war die perfekte Frau an deiner Seite, das Model, das sonst niemand deiner Freunde hatte. Mit mir konntest du angeben, mich konntest du präsentieren. Aber mich hat das alles kaputt gemacht. Du hast mich nicht an dich herangelassen, nicht an einem verdammten Tag in den ganzen fünf Jahren. Du hast dich hinter eine Mauer aus Ehrgeiz und Erfolg versteckt, hast mir so gut wie nie gezeigt, was du wirklich fühlst.«
»Das ist nicht wahr.« Wut kribbelt in meinem Nacken, denn ihre Worte machen mich rasend. Sie klingt, als wäre ich daran schuld, dass sie mich verlassen hat. Ich bin nicht fremdgegangen, ich bin nicht in die USA abgehauen. Ich bin danach zusammengebrochen, auf der Suche nach den zertretenen Resten meines Egos.
»Doch, das ist es.« Sie sieht mir direkt in die Augen. Bitterschokolade, mit karamellfarbenen Sprenkeln. »Du hast mir nicht ein einziges Mal gesagt, dass du mich liebst.«
Ich beiße meine Zähne so fest zusammen, dass mein Kiefer knackt. Meine Wut wird zu einem unbändigen Sturm und ich stehe kurz davor auf den Tisch zu hauen und sie anzuschreiben. Die Tatsache, dass etwas fünfzehn Menschen mit uns in diesem Restaurant sitzen, hält mich davon ab.
»Natürlich habe ich dich geliebt«, sage ich schließlich gepresst, aber meine Stimme zittert vor Wut.
»Bist du sicher?« Vanessa klingt müde, erschöpft. »Ich bin hier, weil ich dir sagen will, dass du dich öffnen musst, Cedrik. Du musst zulassen, dass dir jemand nahe kommt, sonst wirst du den Rest deines Lebens alleine bleiben.« Sie winkt einem Kellner, gibt ihm durch eine Geste zu verstehen, dass sie bezahlen will. »Ich weiß, dass ich vor vier Jahren Mist gebaut habe. Aber ich mag dich, Cedrik, ich verdanke dir verdammt viel. Deshalb wollte ich dich sehen. Um dir zu sagen, dass auch für dich dort draußen die Richtige wartet. Aber dafür musst du auch etwas tun.«

 

Zimtsternzauber: Tag 9

Ein Telefonat, ein Date und eine unliebsame Erkenntnis

Zoe

Ich bin nervös. Aber wer kann es mir verdenken, immerhin ist es das erste Date seit über sechs Jahren. Ich habe absolut keine Ahnung mehr, wie das geht. Über was sollen wir sprechen? Welches Verhalten ist zu viel, welches zu wenig? Und die wichtigste Frage überhaupt: Was ziehe ich an?
Verzweifelt betrachte ich mich im Spiegel. Meine roten Locken habe ich gewaschen und mit etwas Wachs in Form geknetet, ich trage einen blauen Pullover mit einem glitzernden Sternen und dazu eine Jeans. Ich sehe aus, als wollte ich mit Tina ins Kino gehen, aber ganz sicher nicht auf ein Date mit Max. Mist! Ich brauche dringend Hilfe!
Nach dem zweiten Klingeln nimmt Tina ab. »Was gibt’s?«
»Was soll ich anziehen?« Ich brauche nicht zu erklären, worum es geht, Tina ist im Bilde.
»Die schwarze enge Hose, die graue etwas weitere Bluse mit den Glitzerapplikationen und die lange dunkelgraue Strickjacke aus dem groben Wollstoff«, kommt es wie aus der Pistole geschossen. »Und die hohen schwarzen Stiefeletten, die wir vor drei Wochen zusammen gekauft haben.«
Mir klappt vor Verblüffung die Kinnlade herunter. »Schaust du durch‘s Fenster oder woher kennst du meinen Kleiderschrank so genau?«
Tina lacht herzhaft auf. »Nein, Süße! Ich bin auf dem Weg ins Kino. Deinen Kleiderschrank kenne ich auswendig, immerhin sehen wir uns fast täglich.«
Mir ist es dennoch unheimlich, dass sie so genau weiß, was ich besitze.
»Und Zoe?«
»Ja?« Immer noch etwas verdattert, zerre ich die verordneten Kleidungsstücke aus meinem Schrank.
»Sei mutig! Max ist ganz ok. Und heute Abend wird er dir guttun.«
»Du kennst ihn?« Ich könnte schwören, dass sie ihn mehr als einfach nur »kennt«.
»Wir hatten mal was miteinander, das ist allerdings Jahre her. Lange bevor du in die Agentur gekommen bist.« Treffer, versenkt!
»Und warum wird ausgerechnet er mir heute Abend guttun?«
Auch wenn es nicht möglich ist, höre ich Tinas Grinsen förmlich durch das Telefon. »Weil er dich ein wenig ablenkt. Von einem gewissen, braunhaarigen, blauäugigen, verdammt heißem …«
»Wage es nicht!«, unterbreche ich sie hart und registriere gleichzeitig, dass sich mein Herzschlag verdoppelt. »Außerdem hat Oliver blonde Haare.«
Wir wissen beide, dass sie nicht von meinem Ex-Freund gesprochen hat.
»Ich habe nichts gesagt«, flötet Tina unschuldig, obwohl sie eindeutig zu viel gesagt hat. Denn auch wenn ich es nicht wollte, habe ich natürlich an Cedrik gedacht.
Eben.
Und vorhin.
Beim Fernsehschauen, sogar beim Einkaufen heute Morgen.
Denn er macht etwas mit mir. Etwas, was mich verwirrt und was mich nicht mehr jeden Tag an Oliver denken lässt. Cedrik ist vollkommen anders als mein Ex-Freund. Arrogant, überheblich, bestimmend. Und er weiß genau, was er will. Seine Worte im Aufzug waren ein Schlag ins Gesicht und doch lässt mich das Gefühl nicht los, dass er mich tatsächlich durchschaut hat. Er hat innerhalb einer Woche erkannt, was ich will, – wofür ich selbst mehr als sechs Jahre gebraucht habe. Und als wäre das nicht genug, dreht mein verräterischer Körper durch, sobald er in der Nähe ist. Mein Blut fängt an zu brodeln, Verlangen flackert auf und meine Libido erinnert mich mit Nachdruck daran, dass mein letzter Sex schon viel zu lange her ist.
Dennoch … Cedrik ist immer noch Cedrik. Er ist der Junge aus meiner Schulzeit, in den ich zugegebener Maßen bis über beide Ohren verschossen war. Aber ich will nicht den Fehler machen, meine Gefühle von damals, auf heute zu projizieren. Ich bin nicht mehr das kleine rothaarige Mädchen und Cedrik ist nicht mehr der umschwärmte Schulstar. Ich bin erwachsen geworden und er ist es auch.
Frustriert schnaube ich verspätet ins Telefon und gebe Tina auch so eine Antwort.
»Viel Spaß im Kino! Ich melde mich morgen nochmal«, verabschiede mich, weil die Zeit drängt. In einer halben Stunde will mich Max abholen.

***

Max entführt mich in ein gehobenes Restaurant im 23. Stock eines Wolkenkratzers. Die bodentiefen Fensterfronten bietet einen atemberaubenden Ausblick über die Stadt, die heute Nacht mit all ihren funkelnden Weihnachtslichtern beinahe magisch wirkt. Das Restaurant ist hochmodern, aber gemütlich mit dunklen Holzmöbeln eingerichtet und wir sitzen an einem kleinen Tisch direkt am Fenster.
Spätestens nach der Vorspeise muss ich Tina recht geben: Max ist ok. Mehr noch, er ist der formvollendete Gentlemen. Er ist aufmerksam, höflich, hört mir zu, wenn ich etwas erzähle, und lacht sogar über meine zynischen Anmerkungen. Ich bemühe mich wirklich, den Abend zu genießen, aber irgendwie will es mir nicht gelingen.
»Seit wann arbeitest du schon in der Agentur?«, will Max gerade von mir wissen, als ich ein Stück von dem Lachsfilet in die Currysoße tauche.
»Seit drei Jahren. Du bist schon länger dabei?«, vermute ich, weil mir mein Telefonat mit Tina wieder einfällt.
»Ja, ich habe direkt nach dem Studium dort angefangen. Cedrik hat mir über seinen Vater ein Praktikum verschafft und das endete in dem Job.«
Ich zucke kurz zusammen, als Cedriks Name fällt, was Max leider nicht entgeht.
»Cedrik hat mir gesagt, dass ihr euch aus der Schule kennt?«
»Ja, leider. Er … Ich war sein Lieblingsopfer.« Energisch pikse ich ein Stück Broccoli auf und schiebe es mir in den Mund. Wir sollten nicht über Cedrik sprechen.
Max lacht amüsiert auf. »Das klingt, als hätte er bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber auf mich wirkst du überhaupt nicht, wie ein Opfer. Du machst mir eher den Eindruck, als wüsstest du dich zu wehren.«
Sein Kompliment bringt mich zum Lächeln. Es tut gut, dass Max nicht das schwache, rothaarige Mädchen in mir sieht, dass ich selbst viele Jahre gesehen habe. »Heute bin ich es vielleicht nicht mehr, aber früher war ich ein wenig eigen. Ich habe mehr gelesen als meine Mitschüler, hatte kein Interesse an Mode, dafür bin ich gerne ins Museum gegangen.« Und habe Stunden damit verbracht, Cedrik anzuschmachten und mir eine gemeinsame Zukunft mit ihm auszumalen. Aber das erwähne ich lieber nicht.
»Eine echte Streberin, also?«, zwinkert mir Max zu. Er hat hellblaue Augen, wie ein wolkenloser Himmel im Sommer. So ganz anders als Cedriks dunkle Sturmaugen.
»Eine echte Streberin«, gebe ich verspätet zu und entspanne mich.
Wir bleiben noch über eine Stunde in dem Restaurant, bevor mich Max nachhause bringt. Es ist ein schöner Abend, ich lache viel und Max macht es mir leicht, mich bei ihm wohlzufühlen. Zum Abschied küsse ich ihn auf die Wange, alles andere ginge mir dann doch zu schnell. Aber er scheint nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Er verabschiedet sich lächelnd und verspricht mir, sich zu melden.
Als ich später im Dunklen in meinem Bett liege, alleine mit meinen Gedanken und Gefühlen, rollt jedoch eine entscheidende Erkenntnis über mich hinweg. Es war ein netter Abend. Mit leckerem Essen, guten Gesprächen und einer entspannten Atmosphäre. Allerdings ohne Bauchkribbeln, ohne Hitzewallungen und ohne das verlangende Ziehen, das nur ein anderer in der letzten Woche bei mir ausgelöst hat. Cedrik.

Zimtsternzauber: Tag 8

Angekratzte Egos führen zu überraschenden Vorschlägen

Cedrik

Helle Sonnenstrahlen brechen sich in den unzähligen Glasscheiben des riesigen Bürokomplexes auf der anderen Straßenseite und lassen mich blinzeln. Es ist kalt draußen, daher ziehe ich den Mantel ein wenig enger um mich, als mein Vater und ich das Büro der Nero Investment Group verlassen.
Ich fühle mich gut. Ach was, ich fühle mich phänomenal, brillant und unbesiegbar! Vor allem aber bin ich stolz. Ein Gefühl, das nach der verstörenden Szene im Fahrstuhl gestern so gar nicht in mein Leben passen will. Dennoch reckt sich mein Körper, wird automatisch ein paar Zentimeter größer und ein Siegerlächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.
»Gut gemacht, Cedrik! Ich wusste, dass mehr in der steckt!« Mein Vater klopft mir anerkennend auf die Schulter. Dass er meinen Verdienst mit diesen Worten zu seinem macht, überhöre ich. Dafür fühle ich mich im Moment einfach zu fantastisch.
»Danke, Vater!«
»Ich fahre zurück in mein Büro, wir sehen uns dann am Sonntag«, verabschiedet er sich. »Und Cedrik«, er sieht mich noch einmal eindringlich an, »ich bin stolz auf dich!«
Für einen Moment bin ich sprachlos. Dann fegt ein Sturm aus Stolz und Anerkennung über mich hinweg, der mich kurz aus der Bahn wirft. Wow! So also muss sich Johannes andauernd fühlen.
Überschwänglich drehe ich mich einmal um mich selbst, bevor ich mich besinne, dass mein Verhalten kindisch ist. Eine ältere Dame kommt mir entgegen, wirft mir einen spöttischen Blick zu. Aber nicht einmal das ärgert mich heute. Beschwingt gehe ich zu meinem Auto und mache mich auf den Weg zurück in die Agentur.
Die Präsentation vor der Nero Investment Group war ein voller Erfolg. Nicht zuletzt, weil Zoes Idee einfach unschlagbar gut ist. Es ist ihr Verdienst, dass wir diesen Auftrag haben, dass mein Vater stolz auf mich ich. Und das gibt meiner Freude einen bitteren Beigeschmack. Denn ich kann einfach nicht fassen, dass sie tatsächlich besser war als ich, dass sie diese Idee hatte.
Doch wenn ich an Zoe denke, verstehe ich mich selbst nicht mehr. Besonders nach den denkwürdigen zwei Stunden im Aufzug gestern. Zuerst war ich ihr so nahe, dass ich sie um ein Haar geküsst hätte und dann macht sie mir eine so unglaubliche Ansage, dass ich sie am liebsten direkt feuern würde. Ihre Worte haben mich verletzt. Mich zum Grübeln gebracht, weil sie so verdammt recht hat. Natürlich ordne ich mich meinem Vater unter, weil ihm diese Firma nun mal gehört. Und ja, ich will, dass er mich anerkennt. Dass er stolz auf mich ist. So wie auf Johannes. Dennoch … Ich bin 31 Jahre alt und vergleiche mich immer noch mit meinem älteren Bruder. Selbst mir ist bewusst, dass das kindisch ist, dass ich längst darüber hinweg sein müsste. Dass es mehr in meinem Leben geben sollte, als mein verdammter Erfolg. Aber ich kann einfach nicht über meinen Schatten springen. Und das hat Zoe erkannt.
Ach verdammt, es war einfach eine beschissen anstrengende Woche und ich brauche dringend Schlaf. Dann wird sich auch mein verwirrtes Ego wieder einrenken.
Während ich den BMW auf die Hauptstraße lenke, wähle ich auf meinem Handy Zoes Nummer. Wir haben nach dem Fiasko im Aufzug gestern nicht mehr miteinander gesprochen, doch um der merkwürdigen Situation zwischen uns nicht noch mehr Bedeutung beizumessen, ist es am besten, wenn ich zur Tagesordnung übergehe.
»Ja?« Sie klingt, als hätte ich sie bei irgendetwas unterbrochen. Die Stimme im Hintergrund, die mir verdammt bekannt vorkommt, bestätigt mir auch direkt, dass es so ist.
»Störe ich?«, frage ich genervt. Hallo, ich bin ihr Chef. Ich störe nie!
»Nein.« Sie klingt anders als sonst. Und ihre Aufmerksamkeit gilt eindeutig nicht mir. »Max ist nur gerade auf einen Kaffee vorbeigekommen.«
Meine Hand ballt sich zur Faust. Was will dieser Idiot bei ihr?
»Aha. Und was will er?«, flutscht es mir heraus, bevor ich nachdenken kann. Genaugenommen weiß ich genau, was er will, immerhin hat er mich quasi um Erlaubnis gefragt. Max, dieser Verräter, ist dabei sich mein Mädchen zu krallen. Äh … also meine Assistentin. Vergessen sind die Nero Investment Group und mein überflügelnder Erfolg. Alles, was ich jetzt verspüre, ist Ärger.
Zoe schweigt kurz und jetzt bin ich mir sicher, dass ich sie mir endlich zuhört. »Mein Privatleben geht dich nichts an, Cedrik.« Sie klingt bestimmend, beinahe kalt.
Fuck, was ist nur mit mir los? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich fast behaupten, ich bin eifersüchtig. Aber das ist so abwegig, dass ich nicht weiter darüber nachdenke.
»Warum ich anrufe, wir haben den Auftrag«, sage ich knapp und mit dem überheblichen Tonfall, den ich seit dem Kindergarten perfekt beherrsche.
»Wow! Das ist fantastisch!«, freut sich Zoe. »Was haben sie gesagt? Wie finden sie das Konzept?«
Sie klingt aufgeregt, wie ein kleines Mädchen, das gerade erfahren hat, für den Lesewettbewerb nominiert worden zu sein. Unwillkürlich muss ich lächeln. Ihre Begeisterung ist ansteckend.
»Sie lieben die Idee mit den Projekten, also den Start-ups«, fahre ich fort und lasse direkt danach die Bombe platzen. »Sie wollen, dass wir nächste Woche in ihren Hauptsitz nach New York fliegen und uns dort mit dem Management zusammensetzen, um passende Start-ups zu finden.«
Zoe jauchzt tatsächlich. Ich muss lachen und mein Ärger über Max und Zoes verfliegt. Ein warmes Gefühl kitzelt mich im Bauch und ihre Freude greift durch das Telefon auf mich über. Wie macht sie das nur, dass sie mich so im Griff hat?
»Ich will, dass du mich begleitest«, fahre ich fort und beende ihre Begeisterungsstürme abrupt. Fuck, habe ich das gerade wirklich gesagt?
Am andere anderen Ende der Leitung bleibt es auffällig still.
»Ich soll dich begleiten?«, fragt sie misstrauisch. »Warum? Ich gehöre nicht zum Kreativteam.«
»Es ist deine Idee, Zoe«, sage ich langsam und erkenne mich selbst kaum wieder. Mein Ego schreit fahnenwinkend nach Aufmerksamkeit und ich frage mich ernsthaft, ob ich sie noch alle habe. Aber jetzt ist es ausgesprochen, aus der Nummer komme ich nicht mehr heraus. »Es ist nur fair, dass du mitkommst. Außerdem muss ja irgendwer an deiner Karriere arbeiten, wenn du es schon nicht tust.« Dass ich sie verdammt nochmal brauche, verschweige ich ihr. Denn mir ist klar, dass ich die Idee nie alleine umsetzen kann.
»Alles klar«, antwortet sie zögerlich und geht nicht auf meinen spitzen Kommentar ein. Überraschenderweise.
»Ich bin gleich im Büro, dann können wir die Details besprechen.« Ich verabschiede mich und beende über die Freisprechanlage das Telefonat.
Scheiße, was habe ich getan? Zoe bringt mich durcheinander und das ist nichts, was ich besonders mag.
Ein Klingeln ertönt, das den Eingang einer neuen Nachricht ankündigt. Ich greife nach meinem Handy und werfe einen Blick darauf. Und was ich lese, haut mich auf einen Schlag um.
Im letzten Moment kann ich den BMW herumreißen, bevor ich in ein entgegengekommenes Fahrzeug gerast wäre. Fuck, konzentrier dich, Mann!
Aber das kann ich nicht. Ungläubig schaue ich erneut auf mein Handy, auf dem immer noch die Nachricht von Vanessa aufleuchtet, meiner Ex-Freundin.
Ich bin wieder in der Stadt.
Ich würde dich gerne sehen!
Lass uns treffen.

Zimtsternzauber: Tag 7

Wahrheiten im Aufzug

Zoe

Der schlimmste Streich, den Cedrik mit jemals spielte, war die Einladung zum Abschlussball. Nicht, dass seine hochwohlgeborene Prinzlichkeit selbst mich eingeladen hätte, nein, dafür war er sich zu schade. Tobi Sandmann fragte mich zwei Wochen vor dem Ball, ob er mich begleiten dürfte. Und naiv und verliebt, wie ich war, habe ich begeistert zugesagt. Ganz in der Annahme, dass Tobi etwas Besonderes in mir sah, dass sicher auch bald sein bester Kumpel Cedrik entdecken würde. Der Abschlussball kam und mit ihm die größte Blamage, die ich in meiner bisherigen Teenagerkarriere durchlebt hatte. Denn entgegen meinen Erwartungen war ich nichts anderes als der Einsatz einer verlorenen Wette. Nach drei Gläsern Punch, den irgendjemand mit Wodka verfeinert hatte, kotzte mir Tobi auf das Kleid, Florian verkündete lautstark, dass die Wette nun bestanden sei, und Cedrik stand am Rand, im Arm Susanne aus der Nachbarklasse, und lachte. Er lachte, bis er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte und sie ihn stützen musste.
Von diesem Tag an habe ich ihn gehasst. Und mir geschworen, dass Jungs in meinem Leben nie wieder eine Rolle spielen würden. Dieses Credo habe ich sechs Jahre mehr oder weniger durchgehalten, bis ich Oliver an der Uni kennenlernte. Der Rest ist Geschichte.
Ich weiß nicht genau warum, aber die Erinnerungen an den Abschlussball durchzucken mich, als ich die letzten Meter zum Fahrstuhl hechte. Es ist kurz vor acht Uhr morgens und ich bin spät dran. Die Türen beginnen sich schon zu schließen, als ich zum Sprung ansetze und im letzten Moment meine Hand zwischen die Aufzugstüren schiebe. Gerade noch geschafft!
Erleichtert will ich ausatmen, was in einem genervten Stöhnen endet. Verdammt!
»Guten Morgen«, sage ich stattdessen gepresst und trete bewusst entspannt in den Fahrstuhl. In der Hand einen Kaffeebecher, der den Sprung dank eines Deckels unbeschadet überlebt hat.
Cedrik hebt belustigt eine Augenbraue. »Spät dran, was?
»Nicht später als du.« Ich nippe an meinem Kaffee, drücke die Taste für den siebten Stock und stelle mich ihm gegenüber an die Wand. So weit weg, wie irgendwie möglich, da meine Erinnerungen an den Abschlussball nicht unbedingt dazu beigetragen haben, ihn heute Morgen besonders zu mögen.
Mein Handy vibriert und ich ziehe es aus meiner Jackentasche. Tina, die wissen will, wo ich bleibe. Da ich gleich da bin, antworte ich ihr nicht.
Der Aufzug setzt sich in Bewegung und überrascht stelle ich fest, dass mich Cedrik immer noch mustert. Er hat die Stirn leicht gerunzelt, die Lippen zusammengepresst und wirkt, als würde er über etwas nachdenken. Als er bemerkt, dass ich ihn ebenfalls ansehe, verzieht sich sein Mund zu einem arroganten Grinsen.
»Davon hast du doch immer geträumt, oder? Mit mir einmal allein im Aufzug zu sein.«
Was!?
2. Stock, bald geschafft!
»Äh … nein!«, gebe ich so ironisch wie möglich zurück, obwohl er natürlich verdammt recht hat. Vor 15 Jahren hätte ich vermutlich gemordet, um einmal fünf Minuten mit ihm alleine zu sein. Einfach nur zusammen im selben Raum, dieselbe Luft atmen, seinen unwiderstehlichen Duft inhalieren, sein …
»Lügnerin. Ich weiß, dass du in mich verknallt warst.«
4. Stock.
Mein Körper verkrampft sich bis in den kleinen Fußzeh und gleichzeitig schießt alles Blut in meinen Kopf. Scheiße! Die Tatsache, dass wir zusammen im Aufzug fahren, wirft mich selbst jetzt noch aus der Bahn. Warum muss dieser Kerl auch so unfassbar anziehend sein?
»Hattest du heute Morgen Macho zum Frühstück, oder warum fängst du jetzt damit an?«, kontere ich dennoch ablehnend.
Eine Antwort darauf bleibt er mir schuldig, denn in diesem Moment kommt der Aufzug abrupt zum Stehen. Es quietscht, dann ruckelt es ein wenig, bevor er einen halben Meter nach unten sackt.
Panisch schreie ich auf.
Fuuuuuuuuck!!!!
Die Wucht reißt mir den Kaffee aus der Hand, zwingt mich in die Knie. Im letzten Moment kann ich mich an der Wand abstützen, sonst hätte ich Cedrik zu Füßen gelegen. Mein Herz rast, mein Atem steht kurz vorm Hyperventilieren und kalter Schweiß überzieht augenblicklich meine Haut.
»Fuck, was ist denn jetzt los?«, brüllt Cedrik schockiert.
Wir werden sterben! Ganz sicher. Tod im Fahrstuhl, mit gerade Dreißig Jahren. Mein Atem beschleunigt sich noch einmal, rasselt keuchend aus meiner Kehle. Ich wollte doch noch so viel in meinem Leben erreichen! Heiraten, Kinder, wenigstens ein einziges Mal auf dem Empire State Building stehen. Mit großen Augen starre ich zu Cedrik, der sich ebenso hilflos umsieht, wie ich mich fühle.
Scheiße, scheiße, scheiße!
Mein Blickfeld verengt sich, auf einmal dreht sich alles. »Ich … ich kann nicht mehr …« Meine Knie fühlen sich an wie Wackelpudding, können mich nicht mehr halten. Plötzlich sitze ich auf dem Boden, stütze mich mit meinen Händen ab. Übelkeit lässt mich würgen, ich bekomme keine Luft mehr. Ich werde sterben.
»Zoe!«
Warme Hände berühren meine Wangen, zwingen mich, den Kopf zu heben. Graublaue Augen, in denen ein Sturm tobt.
»Zoe!« Cedriks Stimme klingt dumpf, unendlich weit weg. »Wir sind steckengeblieben. Sie holen uns sicher gleich hier raus. Dir wird nichts passieren.«
Ich verstehe seine Worte nicht, sie dringen nicht zu mir durch. Immer noch fühle ich, wie wir fallen, warte auf den Aufschlag.
Plötzlich trifft etwas Hartes meine Wange, reißt meinen Kopf herum. Ich schreie auf. Meine Gedanken wirbeln durcheinander, lichten sich und endlich bemerke ich, dass sich der Aufzug nicht mehr bewegt.
»Au!« Meine Wange brennt wie Feuer. Blinzelnd drehe ich den Kopf wieder zu Cedrik, der immer noch vor mir kniet.
»Sorry, aber das war die einfachste Lösung. Du standest kurz davor, in Ohnmacht zu fallen.« Er zuckt entschuldigend mit den Schultern, dennoch huscht Erleichterung über seine Züge. »Geht es wieder?«
Hart stoße ich die Luft heraus. Mein Körper fühlt sich matt an, wie nach einer zu langen Joggingrunde, aber ich kann wieder klar denken. »Ja. Danke!«
Langsam atme ich ein und aus, beruhige mein erhitztes Gemüt. Und rieche männlich herbes Aftershave, mit einem Hauch Regen und Freiheit. Cedrik. Sein Kopf schwebt immer noch Millimeter über meinem, so nahe, dass sich unsere Nasenspitzen beinahe berühren. Mein Hals wird eng und ein aufgeregter Schauer kribbelt über meine Haut. Oh. Mein. Gott!
Etwas Dunkles glimmt in Cedriks Sturmaugen auf. Die Luft zwischen uns lädt sich auf und mein Kopf ist mit einem Schlag wie leergefegt. Nur ein kleines Stück, dann würde ich ihn berühren. Seine Haut auf meiner. Sein Mund auf meinem.
Stopp! Atmen! Reiß dich zusammen, Zoe! Das geht in eine ganz falsche Richtung!
Ruckartig fahre ich zurück, lehne mich mit dem Rücken an die Wand des Fahrstuhls.
Cedrik schaut mich irritiert an. Dann erhebt er sich träge und drückt auf den roten Notfallknopf. Ein Knacken ertönt, aber ansonsten bleibt es still.
»Fuck! Funktioniert denn hier überhaupt nichts mehr?«
Automatisch geht mein Blick nach oben zu der kleinen Deckenlampe, die tapfer weiter brennt. Und so langsam realisiere ich, was tatsächlich passiert ist. Wir stecken mit dem Aufzug irgendwo zwischen dem vierten und fünften Stock fest.
Ein Klingeln dringt an mein Ohr. Mein Handy.
»Geht es dir gut, ist alles ok?« Tinas Stimme schrillt vor lauter Panik.
»Ja, alles ok. Wir stecken im Aufzug fest.«
Ein erleichtertes Ausatmen ist zu hören. »Gott sei Dank! Ich habe mich schon echt Sorgen gemacht!«
»Könnt ihr die Techniker informieren? Der Notfallknopf funktioniert nicht«, frage ich sie, da Cedrik genervt auf den Knopf deutet und hektisch nach oben gestikuliert.
»Haben wir schon. Sie sollten in einer halben Stunde da sein.«
»In einer halben Stunde?« Entgeistert sehe ich zu Cedrik.
Er ist mit einem Schritt bei mir und reißt mir das Handy aus der Hand. »Eine halbe Stunde? Wollt ihr mich verarschen?«, brüllt er ins Telefon. Ich zucke erschrocken zusammen. Na das kann ja was werden.

***

Zwei Stunden später sitzen wir immer noch im Aufzug fest. Cedrik hat fast durchgehend telefoniert, während die Techniker den Fahrstuhl einfach nicht in Gang bringen. Mein Kaffee drückt mittlerweile unangenehm auf meine Blase und meine Angst, wir könnten abstürzen, ist einer nervenden Resignation gewichen. Das einzige, was mich ablenkt, ist mein Handy und Tina.
Tina: Und, knutscht ihr schon?
Ich schaue zu Cedrik, der wie wild auf seinem Smartphone herumtippt. Er hat seinen Mantel ausgezogen und sitzt an der Wand mir gegenüber. Er wirkt genervt und irgendwie müde. Seine Haare stehen wirr von seinem Kopf ab und bei genauerer Betrachtung entdecke ich dunkle Schatten unter seinen Augen.
Zoe: Wie wild! Das Baby benennen wir dann nach dir 😉
»Kann ich dich mal etwas fragen?«
Überrascht sehe ich auf. Cedrik hat sein Handy neben sich gelegt und mustert mich nachdenklich.
»Klar. Ich habe gerade nichts Besseres zu tun.«
Seine Mundwinkel zucken belustigt. »Warum genau bist du noch hier?«
Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. »Weil wir in diesem bescheuerten Fahrstuhl feststecken?«
»Das meine ich nicht. Warum arbeitest du immer noch als Assistentin? Ich habe mir deinen CV angesehen, du könntest eine ganz andere Position haben.«
Ich müsste ihm nicht die Wahrheit sagen. Genau genommen ist Cedrik wirklich die letzte Person auf diesem Planeten, mit dem ich jemals darüber sprechen wollte. Aber wir stecken bereits seit Stunden in diesem Aufzug fest, ich habe Hunger und muss dringend pinkeln, daher purzeln die Worte einfach so aus meinem Mund.
»Wegen Oliver. Meinem … Ex… Freund.« Augenblicklich bildet sich ein Kloß in meinem Hals, und das beschissene Gefühl betrogen worden zu sein, schwappt über mich hinweg. »Wir wollten nächstes Jahr heiraten und die Familienplanung starten. Deshalb bin ich hiergeblieben. Weil es sich nicht mehr gelohnt hätte, woanders einen neuen Job anzufangen.« Zur Hölle, bin ich denn von allen guten Geistern verlassen, ausgerechnet Cedrik davon zu erzählen?
Aber entgegen meiner Befürchtung lacht er nicht. Er sieht mich auch nicht mitleidig an, sondern runzelt nur die Stirn, als würde er nicht verstehen, was ich gesagt habe.
»Das passt überhaupt nicht zu dir.«
Das ist alles. Kein Mitleid, keine Frage, warum Oliver mein Exfreund ist, nur eine einfache Feststellung. Die jedoch mein ganzes Leben in Frage stellt. Und mich irgendwie beleidigt.
»Ach, und warum nicht?«, frage ich daher schärfer, als beabsichtig.
Cedrik fährt sich mit der Hand durch die verstrubbelten Haare und wirkt dadurch nicht nur arrogant, sondern auch richtig selbstgerecht. »Weil du viel zu intelligent und stur bist, um dein Leben einem Mann unterzuordnen«, sagt ausgerechnet der Kerl, der mich mein ganzes Leben lang behandelt hat wie einen Fußabtreter.
»Ich war verdammt glücklich, mit dem, was ich hatte. Mit Oliver und der Hochzeit. Mit der Aussicht auf Kinder.« Dass Cedrik mir gerade ein Kompliment gemacht hat, nehme ich überhaupt nicht wahr. Dafür bin ich plötzlich viel zu wütend. Auf ihn, weil er alte Gefühle aufgewirbelt, aber vor allem auf Oliver, der alles zerstört hat, was wir hatten. Für irgendeine blonde Büroschlampe.
»Aber es hat nicht funktioniert, oder?«
Am liebsten würde ich ihm eine reinhauen, wie er mich so selbstgefällig betrachtet. Als hätte er heute die Weisheit mit dem Löffel gegessen und würde mich und mein Leben tatsächlich kennen.
»Und was tust du hier?«, kontere ich, weil mir meine Intuition sagt, dass ich damit seinen wunden Punkt treffe. »Warum arbeitest du für deinen Vater, ordnest dich ihm unter, anstatt dein eigenes Ding zu machen?«
Zorn flackert in Cedriks Augen auf und einmal mehr erinnern sie mich an ein Herbststurm.
Ein Knacken unterbricht unsere Unterhaltung, lässt uns beide innehalten. Aber es passiert nichts weiter, der Aufzug bewegt sich immer noch nicht.
»Vielleicht solltest du dein eigenes Leben in den Griff bekommen, bevor du meins verurteilst«, sage ich leise, jedoch mit einer ordentlichen Portion Frustration. Denn mir ist trotz meiner Wut durchaus bewusst, dass Cedrik recht hat. Es hat nicht funktioniert, nicht nur, weil Oliver mich betrogen hat. Ich habe mich untergeordnet, habe ihm viel zu viel durchgehen lassen und habe mein ganzes Leben nach ihm ausgerichtet. Was vielleicht nicht nächstes Jahr, aber sicher irgendwann in einem Desaster geendet hätte.
Cedrik schweigt, antwortet mir nicht. Stattdessen greift er nach einer Weile wieder nach seinem Handy und beginnt zu tippen.
Irgendwann knackt es erneut und der Aufzug setzt sich ruckelnd in Bewegung. Als er im siebten Stock ankommt, gleiten die Türen geschmeidig auseinander, als ob nie etwas geschehen wäre. Ein Techniker und Tina warten davor. Der Mann sieht aus, als ob Tina ihn die letzten zwei Stunden so richtig zur Schnecke gemacht hätte, und auf den erhitzten Wangen meiner Freundin erkenne ich immer doch die letzten Spuren einer energischen Diskussion.
Cedrik rappelt sich auf und stürmt ohne ein Wort an mir vorbei.
Ich erhebe mich ebenfalls und fliege in Tinas Arme. Mir ist zum Heulen zumute, warum genau kann ich nicht sagen. Doch ich habe das Gefühl, dass in den letzten zwei Stunden im Aufzug so viel mehr passiert ist, als dass Cedrik und ich einfach nur zusammen stecken geblieben sind.

Zimtsternzauber: Tag 6

Jäger unter sich

Cedrik

Rote Alufolie, ein weißer Bart, schwarze Stiefel. Der Nikolaus erinnert mich an meine Kindheit, an unbeschwerte Abende mit der Familie, an denen es noch nicht darum ging, wer der erfolgreichere Sohn war. Na gut, genau genommen war Johannes schon immer besser in der Schule gewesen als ich, aber das war mir zu diesem Zeitpunkt egal. Damals zählten nur Fußball, Tobi und die Jungs, und die Streiche, die wir den Mädchen spielten. Ausschreibungen, Finanzabschlüsse oder irgendeine beschissene Marketingkampagne lagen noch in weiter Ferne. Was war das Leben doch einfach!

Ohne zu Klopfen wird meine Bürotür aufgerissen. »Hey Mann, bist du soweit?« Max, über der Schulter eine Sporttasche.
»Gleich.« Ein letzter Blick zu dem Schokoladennikolaus, dann fahre ich meinen Computer herunter. Draußen ist es stockdunkel, dringend Zeit nachhause zu gehen. Oder vielmehr zum Sport, deshalb ist Max hier.
»Von wem ist der denn?« Max lehnt sich an meinen Schreibtisch und greift sich den Nikolaus.
»Keine Ahnung«, gebe ich ehrlich zu. »Ich dachte von dir?«
Anlässlich des Nikolaustages wurden in der Agentur heute anonym Nikoläuse gewichtelt. Und heute Morgen stand einer auf meinem Tisch. Ohne eine Karte oder irgendein Zeichen, wer mir die Schokolade geschenkt hat.
Max lacht herzhaft. »Ich liebe dich, Mann, aber so weit sind wir in unserer Beziehung noch nicht.« Er zwinkert mir anzüglich zu. »Außer du gibst endlich zu, dass du auf mich stehst.«
Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu. Max sieht mit seinen hellblonden Haaren, den blauen Augen und dem sportlichen Körperbau ohne Frage gut aus. Allerdings stehe ich ausschließlich auf Frauen. »Dafür fehlen dir ein paar entscheidende Argumente.«
Papier raschelt, als Max den Nikolaus auspackt und ohne zu zögern in die Mütze beißt. Gleich darauf hustet er jedoch, würgt, und spuckt die Schokolade in seine Hand.
»Scheiße, was ist das denn? Das brennt ja, wie die Hölle.«
Ah! Jetzt ist mir auch klar, wem ich dieses Präsent zu verdanken habe. Vermutlich dem kleinen Biest vor meiner Bürotür.
»Selbst Schuld, wenn du dich an meinen Sachen vergreifst«, spotte ich, schnappe meine Sporttasche und haue ihm fest auf die Schulter.
Max bedenkt mich mit einem verärgerten Blick, folgt mir jedoch ohne einen Kommentar aus dem Büro.
Zoe sitzt immer noch am Schreibtisch und schaut kurz in unsere Richtung, als wir an ihr vorbeigehen.
»Ich bin weg. Bis Morgen, Zora.« Der Name kommt mir ohne nachzudenken über die Lippen.
»Alles klar, Arschloch!«, ertönt die prompte Antwort.
Ich öffne den Mund, um etwas Passendes zu erwidern, allerdings kommt mir mein Kumpel zuvor.
»Guten Abend.« Max macht einen Schritt auf Zoe zu, streckt ihr die Hand hin. »Ich glaube, wir wurden uns noch nie persönlich vorgestellt. Ich bin Max, der beste Kumpel des Arschlochs.«
Sie reicht ihm die Hand, lächelt ihn an. »Ich bin Zoe.«
»Muss hart sein, für ihn zu arbeiten, oder?«, fragt Max und deutet mit dem Daumen auf mich. Hallo, ich stehe neben euch?
»Oh, ja! Aber wenn man ihn täglich mit einer ordentlichen Dosis Lobhudelei pimpert, ist er eigentlich ganz handzahm.« Mit der Hand streicht sie sich eine rote Locke aus dem Gesicht.
»Können wir dann?«, unterbreche ich die beiden, weil mich die Unterhaltung zu nerven beginnt.
Max schaut grinsend zu mir, schnappt sich dann einen Stift von Zoes Schreibtisch und schreibt etwas auf ein Post-it.
»Hier. Sollte er dir mal wieder auf die Nerven gehen, ruf mich an!«
Zum ersten Mal sieht Zoe zu mir. Kurz blitzt Unsicherheit in ihren Augen auf, die sich im Bruchteil einer Sekunde in einen anzüglichen Augenaufschlag in Richtung Max verwandelt.
»Mache ich, dank dir!«
Wut kocht in mir hoch, auf Max, auf Zoe, auf die ganze Situation, die mich einfach nur ankotzt.
»Raus! Sofort!« Ungehalten stürme ich an Max vorbei in Richtung Fahrstuhl. Was war denn das gerade? Was will Max denn ausgerechnet von Zoe? Sie ist weder sonderlich attraktiv, noch besonders anziehend angezogen, noch passt sie auch nur annähernd in Max‘ Beuteschema. Warum also gräbt er sie schamlos an?
Meine Gefühle fliegen durcheinander, verursachen ein Chaos, das ich nicht verstehe. Hey, es geht hier doch nur um Zoe. Kein wichtiger Auftrag, kein Vater, noch nicht einmal Johannes.
Als mir der erste Ball in der Squashhalle entgegenfliegt, schlage ich ihn so hart, dass er mit voller Wucht zurück an die Wand donnert. Nach nur wenigen Schlägen bin ich klatschnass geschwitzt, meine Muskeln brennen, aber das Chaos jagt immer noch ungefiltert durch meine Adern. Jeder Ball bekommt meine Wut zu spüren, und ich verstehe immer weniger, was mit mir los ist.
»Ist alles ok?« Auch Max hat einen hochroten Kopf und seine blonden Haare kleben feucht an seiner Stirn.
»Klar, warum auch nicht?«
Max hat Zoe seine Nummer gegeben. Mehr nicht. Nur Zoe. Niemand, wegen dem so ein Aufstand gerechtfertigt wäre. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich seit gestern das dumpfe Gefühl habe, in ihrer Schuld zu stehen. Sie hat mit ihrer Idee die Kampagne gerettet, sodass ich am Freitag ein ordentliches Konzept präsentieren kann. Und das nagt ein wenig an meinem Ego.
»Weil du wie bekloppt auf die Bälle einschlägst, als ob sie dir irgendetwas getan hätten.«
»Alles ok!«, gebe ich einsilbig zurück. Vielleicht sollte ich auf Max einprügeln, das würde sicher helfen.
»Kennst du Zoe näher?«, fragt Max, während er einen neuen Ball spielt.
»Wir waren zusammen in der Schule.« Max habe ich erst im Studium kennengelernt.
»Geht da was zwischen euch?«
»Nein.« Beinahe muss ich lachen. Das ist absurd. Wieder ein Ball, wieder ein Schlag. Die Idee Max eine überzuziehen wird immer attraktiver.
»Hättest du was dagegen, wenn ich…«
Augenblicklich lasse ich meinen Schläger sinken, der gelbe Ball dotzt ungebremst auf den Boden und kommt zum Stillstand. »Warum sollte ich etwas dagegen haben, wenn du etwas mit Zoe anfängst?«
Auch Max lässt seinen Schläger sinken und mustert mich abschätzend. »Ich wollte nur sichergehen. Du führst dich nämlich seit einer Stunde auf, als hätte ich in deinem Revier gewildert.«
Meine Wut ist augenblicklich wieder da. Aber weniger auf Max, als auf mich. Und ich verstehe sie immer noch nicht, denn, verdammt nochmal, wir sprechen über Zoe. Über die Rote Zora, die mir zugegebener Maßen mit ihrer brillanten Idee gestern den Arsch gerettet hat. Mit der ich aber ansonsten überhaupt nichts zu tun habe und von der ich ganz sicher nichts will. Mir kann es jedoch vollkommen egal sein, mit wem sie ausgeht. Ich sollte nicht wütend sein, oder verwirrt. Ich sollte gar nichts sein, denn sie ist mir egal.
»Nein, Mann, versuch‘ dein Glück ruhig«, gebe ich schließlich so ruhig wie möglich zurück und mache gedanklich einen Haken hinter das Thema.
»Alles klar.« Max nickt, aber ganz überzeugt wirkt er nicht. Dennoch kommentiert er es nicht weiter, sondern schlägt einen neuen Ball.
Wir spielen noch eine halbe Stunde, bevor wir unser Match beenden. Kurze Zeit später sitzen wir mit Steak und Bier in einer Bar. Max ärgert sich gerade maßlos über irgendeinen Spieler des BVB, während ich ihm nur mit halbem Ohr zuhöre. Stattdessen checke ich mit interessiertem Blick das aktuelle Angebot ab. Mmh, die Schwarzhaarige mit dem kurzen Kleid da vorne ist nicht schlecht. Der sportliche Körperbau verspricht zumindest ein langes Durchhaltevermögen. Kurz blitzt der Gedanke an Zoe wieder auf, meine Wut und meine Verwirrung, und fast muss ich über mich selbst lachen. Mein Verhalten war absolut lächerlich. Ich habe kein Problem damit, wenn Max mit Zoe ausgeht. Es geht mich nichts an. Wir sind unabhängige Menschen, die sich nur zufällig von früher kennen und jetzt miteinander arbeiten. Mehr nicht.